Autor: tka_admin

  • Im Label-Dschungel

    Die Umsatzzahlen im Biosegment der Detailhändler haben in den letzten Jahren sichtbar zugelegt. Es scheint, dass ein stetig wachsender Teil der Bevölkerung nach ökologisch verträglich und sozial gerecht hergestellten Produkten verlangt. Pestizideinsatz, nicht artgerechte Tierhaltung, Futtermittelimporte in die Schweiz, die Vernichtung von Tropenwald oder die Ausbeutung von Arbeitskräften in südlichen Ländern führen bei der Herstellung von Nahrungsmitteln zu Herausforderungen und Problemen. Die Thematik ist komplex, kaum jemand kann oder will sich die Zeit nehmen, jedem Produkt auf den Zahn zu fühlen, stattdessen orientiert man sich beim Einkauf an den Lebensmittellabels, die auf dem Markt zu finden sind. Mittlerweile gibt es über 65 solcher Zertifikate, und bereits wird es wieder etwas undurchsichtig. Wie gut halten diese Produkte eigentlich, was ihre Labels versprechen? Im Jahr 2015 haben die Stiftung Praktischer Umweltschutz (Pusch), WWF Schweiz, Helvetas und die Stiftung für Konsumentenschutz SKS die 31 wichtigsten Labels bezüglich ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit analysiert. Das Rating zeigt: Die Hälfte der bewerteten Labels verdient das Prädikat «ausgezeichnet» oder «sehr empfehlenswert». Nachholbedarf besteht durchgehend im Bereich «Klima und Energie»: Dort wurde nur ein Drittel der möglichen Punktezahl erreicht.

    EU-Bio-Verordnung deutlich weniger streng

    Unter den Labels mit den Bestnoten rangieren unter anderen das Weinlabel Delinat, Natura-Beef Bio, Knospe Bio Suisse, Migros Bio, Demeter, sowie die Fair Trade Labels Claro und Max Havelaar. Naturafarm und das Label für Fische und Meeresfrüchte aus verantwortungsvoller Zucht ASC (Aquaculture Stewardship Council) erzielten zwar in einzelnen Bereichen sehr hohe Werte, in anderen aber nur durchschnittliche bis keine Punkte, weil ihre Richtlinien diese gar nicht abdecken. Dennoch erreichten sie immerhin das Prädikat «empfehlenswert». Labels, die sich nur an die EU-Bio-Verordnung halten, erhielten durchgehend die Bewertung «bedingt empfehlenswert». Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Europäische Verordnung ─ und auch die Schweizer Bio Verordnung ─ deutlich weniger streng ist als die Anforderungen von privaten Bio-Verbandslabeln wie etwas Bio Suisse oder gar Demeter. Aus der untenstehenden Auflistung ist ersichtlich, wie welches Label abgeschnitten hat.

    Hier finden Sie eine detailliertere Auflistung der bewerteten Labels.

     

    Die verschiedenen Richtlinien für Bauern in der Schweiz
    Ökologischer Leistungsnachweis (ÖLN): Mindestanforderung an Bauern, die Direktzahlungen (Subventionen) erhalten wollen. Anforderungen entsprechen denen der Integrierten Produktion von 1996 und umfassen unter anderem Tiergerechte Haltung von Nutztieren, ausgeglichene Düngerbilanz und eine geregelte Fruchtfolge.

    IP-Suisse: Als Grundanforderung gilt der Ökologische Leistungsnachweis. Für die einzelnen Produktionszweige sind aber strengere Auflagen zu erfüllen, welche immer den gesamten Betrieb umfassen. Sie haben unter anderem strenge Bestimmungen zur Fruchtfolge im Ackerbau und führen die Unkrautregulierung in der Regel mechanisch durch. Das IP-Suisse Label hat in Sachen Biodiversität die Nase vorn.

    Bio Suisse Knospe: Die Knospe erlaubt weniger Zusatzstoffe und Verarbeitungshilfsstoffe als die EU- oder die Schweizer Bio-Verordnung. Vorschriften für Verfahren (schonende Verarbeitung), für Verpackungsmaterial und für Schädlingsbekämpfungsmassnahmen gibt es bei der Knospe, bei CH-Bio nicht.

    Demeter: Demeter hat noch strengere Vorschriften als die Knospe im Anbau wie in der Verarbeitung. Milch darf beispielsweise nicht homogenisiert werden, und bei der Herstellung von Fleischwaren ist kein Nitrit erlaubt.

    Quelle: www.bio-suisse.ch

  • Ist mit Bio alles besser?

    Ist mit Bio alles besser?

    Im Jahr 2012 publizierten Forscher der Universität Standford eine umfangreiche Meta-Analyse, in der sie 223 Untersuchungen berücksichtigten. Sie fanden keinen signifikanten Nachweis dafür, dass biologische Nahrungsmittel nährstoffreicher seien. Was man allerdings sagen könne, sei, dass das Risiko, Pflanzenschutzmittel zu sich zu nehmen, bei diesen Lebensmitteln tiefer sei. Zwei Jahre später wurden in einer Analyse der Newcastle University über 300 Studien zu den Inhaltsstoffen von biologisch und konventionell angebauten Feldfrüchten ausgewertet. Die Forscher fanden bei biologisch erzeugten Pflanzen 18 bis 69 Prozent höhere Konzentrationen diverser Antioxidantien. Diesen wird zugeschrieben, dass sie das Risiko für bestimmte Krebsarten und chronische Krankheiten senken. Auch die Anteile an Nitrat und Nitrin seien bedeutend kleiner, und die Konzentration des giftigen Schwermetalls Kadmium liege bei den ökologischen Feldfrüchten im Durchschnitt 48 Prozent tiefer. Bei allen Studien muss wohl auch berücksichtigt werden, von wem sie jeweils finanziert wurden. Da können Skeptiker auf beiden Seiten Einwände finden. Vielleicht ist es aber tatsächlich die falsche Frage, wie Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (Fibl) in Frick AG, einmal gegenüber der Frankfurter Allgemeinen sagte. Man könne nämlich nur von gesunder und ungesunder Ernährung reden, nicht davon, ob einzelne Produkte gesund seien. Mit der Frage, ob Bio gesünder sei, lenke man von der eigentlichen Problematik ab, nämlich davon, dass sich zu viele Menschen allgemein zu einseitig ernähren. Marcel Anderegg von der Stiftung biovision ist überzeugt, dass natürlich, also ohne Zugabe von synthetischen Substanzen hergestellte Nahrung, die in einem gesunden vielfältigen Anbausystem produziert wird, für den menschlichen Organismus vorteilhafter ist. Er schreibt: «Wenn sich diese grösstenteils pflanzliche Nahrung aus möglichst unverarbeiteten, saisonalen und regional hergestellten Lebensmitteln zusammensetzt, schont sie nachweislich das Klima und die Umwelt und wirkt sich bestimmt auch positiv auf Körper und Geist aus». Er gibt aber auch zu bedenken, dass in der Schweiz Richtlinien gelten, die klar festlegen, wie viele Tage vor der Ernte nicht mehr gespritzt werden darf. Darum sollten auch konventionell produzierte Nahrungsmittel nur ganz geringe Mengen an Rückständen aufweisen, die gemäss heutigem Wissensstand unschädlich sind.

    Unterschiede von aussen unsichtbar

    Von aussen ist es oft schwierig zu beurteilen, ob ein Lebensmittel biologisch oder konventionell produziert wurde. Einen interessanten Befund machte in diesem Bereich der Zürcher Lebensmittelforscher Daniel Dänzer, als er Flüssigkeit von verschiedenen Lebensmitteln auskristallisierte und mikroskopische Fotoaufnahmen davon machte. Auf den Bildern der Biolebensmittel liessen sich filigrane, komplexe Kristallstrukturen erkennen, während die der konventionell angebauten Feldfrüchte verkümmert und teilweise nicht mehr vorhanden waren.

    Weiterführende Informationen: Forschungsinstitut für Biologischen Landbau: www.fibl.ch. www.biovision.ch. Zum Buch «Die unsichtbare Kraft in Lebensmitteln. BIO und NICHTBIO im Vergleich» von A.W. Dänzer, ISBN 978-3-905158-15-1. www.bio-nichtbio.info.

  • Es gab in Höngg mehr als «nur» Weinbauern

    Es gab in Höngg mehr als «nur» Weinbauern

    Der Ruf von Höngg als Rebbaugemeinde mit der gegen Ende des 19. Jahrhunderts drittgrössten Anbaufläche des ganzen Kantons scheint so übermächtig zu sein, dass man die anderen Landwirte in Aufzeichnungen kaum je erwähnte. So heisst es bereits in den Mitteilungen Nr. 7 der Ortsgeschichtlichen Kommission (siehe Quellenangaben) lediglich, dass anno 1634 nebst Pfarrer und Lehrer nur noch ein Metzger, Schmied, Müller und drei nicht näher bezeichnete als Meister erwähnt worden seien und «die ganze übrige Einwohnerschaft gehörte wohl ausschliesslich der Landwirtschaft an und dürfte sich hauptsächlich dem damals schon ausgedehnten Weinbau gewidmet haben, neben dem Ackerbau und Viehhaltung nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben». Untergeordnet? Wikipedia nennt für 1860 noch 95 Landwirte auf Höngger Gemeindegebiet. Doch hier wurden einfach alle Kleinbauern mitgezählt, die kleine Rebparzellen besassen oder sich als Taglöhner in den Rebbergen verdingten. Um das eigene kleine Heimwesen pflanzte man an, was man zur Selbstversorgung brauchte, und im Stall hielt man allenfalls eine Sau und ein paar Geissen, welchen das zwischen den Reben geschnittene Gras und das ausgebrochene Laub verfüttert wurde. Im Höngg des 19. Jahrhunderts wurden so viele Ziegen gehalten, dass «Geissen» gar zum Übernahmen der Höngger wurde. Auch Heinrich Rusterholz bestätigt 1963 in den Mitteilungen Nr. 21 bezugnehmend auf das Jahr 1860, dass es sich bei den bäuerlichen Heimwesen um mittlere bis kleinere Betriebe gehandelt habe. Die grösseren Betriebe hätten sich in der Peripherie der Gemeinde befunden (zu der 1963 noch der Berg, Talchern, Bombach, Frankental, Riedhof und Rütihof zählten. Anm. d. Red.), «aber auch sie waren nicht auf Rosen gebettet», so Rusterholz. Detaillierter zeichnete Rudolf Grossmann-Steffen 1942 in den Mitteilungen Nr. 28 die Jahre 1880 bis 1900 nach. Persönlich erinnerte er sich: «Es war eine harte Arbeit. Nur wer Wiesen und Äcker zwischen dem Neuhaus (heute Singlistrasse) und dem Riedhof besass, hatte es etwas einfacher. Die meisten Wiesen und Äcker aber lagen am Berghang oder auf dem Berg». Die ganze Bewirtschaftung geschah mit Pferden- und Ochsenfuhrwerken. Gras, Heu, Weizen, Gerste und Hafer wurde mit der Sense geschnitten. «Für uns Buben waren die Sensen zu gross», schreibt Grossmann, «und beim Heuen ging es vor der Taghelle hinauf auf den Berg. Bis sechs Uhr musste ausgehalten werden, dann durften wir heim zum Morgenessen und danach in die Schule». Dort habe dann der Sohn von Heinrich Appenzeller, dem Halter des Höngger Ziegenbockes, viel zu leiden gehabt, «denn er trug den Geruch des Bockes ständig mit sich». Doch auch die Erwachsenen hatten es nicht immer einfach und mussten auch andere Arbeiten annehmen. Zum Beispiel zog der «Metzger-Heiri», Heinrich Grossmann, im Herbst und Winter als Bauernmetzger «von Hofstatt zu Hofstatt, um die offenen Kamine wieder mit Schinken, Speckseiten, Würsten und Gnagi zu füllen».

    Von der Stadt über die Hard nach Höngg

    Es war in dieser Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als die Familie Gugolz nach Höngg übersiedelte. Heiri Gugolz, geboren 1932, sitzt in seiner Wohnung mit Blick auf den stattlichen Bauernhof an der Singlistrasse und erzählt, wie es dazu kam. Von 1809 bis 1837 bewirtschaftete die Familie, auf dem Grund des heutigen Hauptbahnhofs, das grosse städtische «Spitalachergut». Als die Stadt Zürich das Gut verkaufte, zog man westwärts in die Hard auf den Betrieb «Eichbühl» und blieb dort bis 1894 – noch heute erinnert die Gugolzstrasse im Kreis 4 daran. Doch auch dort wurde man durch das Wachstum der Stadt und den Ausbau der Eisenbahn verdrängt. Ein Vorgang, der sich bis in die heutige Zeit weitererzählen liesse. Damals aber zogen Gugolzens nach Höngg und kauften den Hof «Im Neuhaus», der heutigen Singlistrasse. Die Brüder Heinrich und Arnold Gugolz zogen mit ihren Familien, Knechten und Mägden ein. 1886 begann für die Höngger Weinbauern eine schlimme Zeit: Der falsche Mehltau und vor allem die Reblaus rafften die Reben grossflächig dahin. Der Schädling befiel die Wurzeln, liess die Reben absterben und zerstörte die Lebensgrundlage vieler kleiner Winzer. Überschuldetes Land kam auf den Markt, und die Höngger Landwirte konnten Stück um Stück Land hinzukaufen. Heiri Gugolz zählt die damals erworbenen Grundstücke mit Flurnamen und Verkäufern auf – Namen, die längst in Vergessenheit geraten sind oder allenfalls noch als Strassennamen bekannt sind. 15 Hektaren bewirtschafteten die beiden Brüder schlussendlich. Trotzdem reichte es nicht immer, um alle zu ernähren. Und so kam es, dass man – nachdem ein Verwandter, für den man gebürgt hatte und der in finanzielle Schwierigkeiten geraten war – in Höngg die Kehrichtabfuhr übernahm. «Damals wurde noch aller Abfall dem Müll übergeben, mit Pferdefuhrwerken auf den Hönggerberg gebracht und hinter dem Schützenwall* in der Grube versenkt, bis sie voll war», erzählt Gugolz, während er im Fotoalbum blättert.

    Die Bauern waren gut vernetzt

    Noch bevor die Brüder Gugolz nach Höngg gezogen waren, wurde am 26. Januar 1882 von 27 Personen der «Landwirtschaftliche Verein Höngg und Umgebung» gegründet. Der Verein bezweckte, «die Landwirtschaft in der hiesigen Gemeinde zu fördern, den Landwirten Gelegenheit zur Ausbildung, Belehrung und vorteilhafter Anschaffung von Artikeln» zu bieten. Bereits im Gründungsjahr wurde gemeinsam Kunstdünger eingekauft. Ab 1886 war der Verein dann für die Beschaffung und den Vertrieb des Spritzmittels Kupfervitriol zuständig, das obligatorisch gegen den falschen Mehltau eingesetzt werden musste. 1901, als der Mehltau besonders schlimm wütete, musste man 70 Zentner davon beziehen. Das Vitriol wurde mit Kalk zu sogenanntem «Bordeaux-Pulver» gemischt, in Wasser aufgelöst und in den Reben ausgebracht.Der gemeinsame Warenbezug liess den Verein bis 1917 auf 118 Mitglieder anwachsen. Doch die Besucherzahlen der Mitgliederversammlungen liessen – wie heute bei vielen Vereinen auch – zu wünschen übrig, worauf der Verein eine Weile lang jedem Anwesenden einen halben Liter Wein gratis ausschenkte. Zur Geselligkeit zählten Ausflüge durch die ganze Schweiz, meistens um dabei etwas zu lernen. Wie 1893, als 67 Mitglieder nach Wädenswil zur dortigen Obst- und Weinbauschule reisten. Andere Aktivitäten brachten wiederum Höngg viel Besuch: Im Herbst 1905 stellten 50 Vereinsmitglieder ihre Produkte in der Wartau aus, 1500 Besucher liessen sich das nicht entgehen. Der Verein wurde erst 2011 aufgelöst.

    Organisierte Milchwirtschaft

    Zusammengeschlossen waren die Bauern auch in Milchwirtschaftsorganisationen, aber erst ab 1916. Früher hatte jeder Höngger Bauer seinen eigenen Kundenkreis, den er täglich mit Milch und anderen Produkten belieferte. Doch die Milchrationierung im 1. Weltkrieg machte es zur Pflicht, alle Milch dem Konsum zuzuführen, statt Überschüsse selber zu verarbeiten oder zu verfüttern. So gründeten Jakob Bosshard, Arnold Gugolz und Jakob Hausheer 1916 die «Milchproduzenten-Genossenschaft Höngg», deren Aufgabe es war, die Milch an eine Sammelstelle zu leiten und dort an die Konsumenten abzugeben. «Immerhin», so heisst es in den Mitteilungen 14, «behielten sich einige Bauern an der Peripherie das Recht vor, ihre Milch weiterhin direkt an die Kunden zu verteilen». So wurde die Milch an der Regensdorferstrasse und der Imbisbühlstrasse der Kundschaft direkt in die Milchkessel ausgeschenkt. Auf der Ausmessliste von damals, die Heiri Gugolz dem «Höngger» zeigt, sind feinsäuberlich Namen und Mengen der Haushalte aufgeführt. Mit der Rationierung im 2. Weltkrieg war es damit dann aber endgültig vorbei: «Der Staat konnte die Bauern nicht kontrollieren und verbot ihnen deshalb das eigene Abmessen, also das Ausschenken der Milch», erzählt er. Also wurde 1943 als Untersektion der Milchproduzenten-Genossenschaft Höngg die «Milchproduzenten-Vereinigung Höngg» gegründet, die dem Staat gegenüber Rechenschaft schuldig war. An viele Mitglieder dieser Vereinigung erinnert sich Gugolz gut und die Namen, die er aufzählt und wo diese Bauern ihre Höfe hatten, ist lang. Heusser, Schäfer, Hasler, Wüest, Bosshard, Beerli, Grossmann, Brunner, Rapold und Matthys, sie alle waren in der Vereinigung. Doch es gab noch eine zweite, die «Milchgenossenschaft Rütihof», in der sich die Geschlechter Wegmann, Hubacher, Geering, Meier, Schellenberg, Elliker, Rieder und Huggenberger zusammengetan hatten. Sie lieferten an die Milchhändler Häusler und Schöni. Häusler betrieb die Molkerei im Riegelhaus an der Ecke Gsteig- und Regensdorferstrasse. Mit dem imaginären Rundgang durch das damalige Höngg tauchen weitere Namen auf, Spielmann, Deon, Schütz, Marolf, Brunnschwiler und so fort – geblieben sind deren drei.

    Von allen blieben noch drei

    «Bauern sind der Stadtentwicklung doch im Weg», sagt Heiri Gugolz auf die naive Frage nach dem Grund. Das habe schon damals begonnen, als man Land für neun Franken den Quadratmeter für den Bau des 1953 eingeweihten Schulhauses Lachenzelg abtreten musste. Natürlich, fügt er an, seien neben den Bautätigkeiten oftmals auch fehlende Nachfolger oder Erbteilungen Gründe gewesen. Bei einer Erbteilung war das als Bauland eingezonte Land kaum bezahlbar und als Landwirtschaftsfläche genutzt nicht mehr rentabel. Zudem musste an jede Strasse, an die das Land grenzte, Baukosten bezahlt werde. So verkaufte man Stück um Stück bis die Fläche letztlich zu klein war. Bauern wird oft vorgeworfen, sie seien durch die Einzonungen reich geworden, hätten ihre Arbeit aufgegeben und dafür Wohnhäuser gebaut. Das mag stimmen, aber ob es nicht manchem Bauer lieber gewesen wäre, weiter sein Feld zu bestellen, anstatt Häuser zu verwalten, ist eine andere Frage. Heiri Gugolz jedenfalls verkaufte 2002 die letzten Kühe. Die Sanierung des Stalls nach neuen Vorschriften lohnte sich nicht mehr, eine Erbteilung stand an und, was nicht zu unterschätzen ist, das Bauern mitten im Wohnquartier wurde immer schwieriger: Obstplantagen, die gespritzt werden müssen, sowie Kühe und Misthaufen wurden und werden immer weniger toleriert. An der Peripherie ist das heute noch eher möglich: Bei den drei letzten Höngger Bauern, Markus Willi auf dem Hönggerberg, Alfred Meier im Rütihof und Daniel Wegmann im Frankental – solange ihre Höfe noch als «in der Peripherie gelegen» gelten.

    * Gemeint ist der 1900 erstellte 400-Meter-Schützenwall. Er lag am heutigen Waldrand, dort wo heute Sitzbänke stehen, hundert Meter hinter dem noch bestehenden Wall. Als die Anlage nicht mehr gebraucht wurde, trug man den oberen Teil des Walls ab und bedeckte damit die seit 1927 hinter ihm betriebene Kehricht-Deponie.

     

    Quellen:
    «Ortsgeschichte Höngg», Georg Sibler 1998
    Mitteilungen der Ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg:
    Nr. 14, «Geschichte der Vereine Höngg», R. Stahel 1950, vergriffen
    Nr. 28, «Erinnerungen aus dem alten Höngg», Rudolf Grossmann-Steffen 1942 / Georg Sibler 1980
    Nr. 49, «Der Rütihof bei Höngg», Georg Sibler 2009
    Nr. 52, «Höngger Geissen und Häusergruppe Orsini», Georg Sibler 2014
    Alle nicht vergriffenen Bände erhältlich im Infozentrum des «Hönggers» am Meierhofplatz 2.

  • Was meint Höngg zu «Ensemble»?

    Was meint Höngg zu «Ensemble»?

    Der Quartierverein Höngg hat es geschafft, am Dienstag, 17. Januar ein repräsentativ besetztes Podium aller am aktuellen Hardturmstadion-Projekt Beteiligten zu organisieren. In den Saal der Pfarrei Heilig Geist kamen rund 90 Interessierte, um sich aus erster Hand informieren zu lassen.
    Nach einer kurzen Begrüssung durch Vereinspräsident Alexander Jäger wurde zuerst die Vorgeschichte rekapituliert: Von dem Projekt «Pentagon», an dem sich die Stadt Zürich damals mit 48 Millionen Franken hätte beteiligen sollen, das 2003 in einer Volksabstimmung zuerst angenommen, später aber durch Rekurse der IG Hardturm verzögert und letztlich verhindert wurde, und weiter zur 2013 abgelehnten Vorlage eines städtischen Projekts und dem 2015 lancierten Architekturwettbewerb, aus dem dann 2016 das Projekt «Ensemble», von der Jury einstimmig gewählt, als Sieger hervorging. Realisiert wird das Bauvorhaben von der HRS Real Estate AG und der Credit Suisse.

    Mit «Ensemble» unterwegs zur Skyline?

    Mit «Ensemble», dem aus dem Französischen für «Gesamtheit» oder «Einheit» entlehnten Begriff, werden in der Architektur mehrere Bauwerke bezeichnet, die als Gruppe wahrgenommen werden. Einer der am Projekt beteiligten Architekten, Michael Schneider, erläuterte, warum das in drei Einheiten – Genossenschaftsbau, Fussballstadion und Hochhäuser – gegliederte Projekt städtebaulich betrachtet eben ein «Ensemble» sei: Das von drei Architekturbüros entwickelte Projekt lehne sich «stark an die industriellen Strukturen des Kreis 5 an». Doch der Hardturm sei für sie nicht nur das Ende gegen Westen, sondern ein «vermittelndes Element» Richtung Limmattal West – zu all den Hochhäusern oder zumindest mehrgeschossigen Bauten, die dort im Bau oder geplant sind. Von 15 solchen, wenn auch weniger hohen, wisse er in Altstetten, erwähnte Schneider. Was als Skyline-Foto von New York wohl auch in manchem Höngger Wohnzimmer an der Wand hängt, dürfte also über kurz oder lang, wenn auch etwas niedriger, gleich durch das Fenster zu betrachten sein.

    Wer baut was?

    Grundeigentümerin des 55’000 m2 grossen Bauareals ist die Stadt Zürich. Sie gibt das Baurecht an drei Baurechtsnehmerinnen ab, die ihr dafür jährlich über eine Million Baurechtszins entrichten werden. In der Genossenschaftssiedlung, die von der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) finanziert und gebaut wird, werden 173 Wohnungen für 500 Menschen erstellt. Baurechtsnehmerin des Fussballstadions wird die Stadion Züri AG sein, hinter der die HRS Real Estate AG steht. Die HRS baut das Stadion, das für nationale Fussballspiele 18’500 und für internationale 16’000 Plätze anbieten wird und bleibt auch Besitzerin, gedenkt jedoch, wie man dies in St. Gallen getan hat, Volksaktien abzugeben.
    Die HRS vermietet dann das Stadion an die Stadion Betriebs AG, die zu je 50 Prozent im Besitz der beiden Vereine GC und FCZ sein wird. Sie wird sich über die Einnahmen der Spiele, die Vermietung der kommerziell nutzbaren Fläche und die Drittnutzung der Innenräume finanzieren. Und die beiden Vereine hoffen, von der Stadt die für sie wichtigen Vermarktungsrechte, zum Beispiel für die Namensgebung des Stadions, zu erhalten und gehen heute davon aus, dass Stadion profitabel führen zu können.
    Dritte Baurechtsnehmerin und verantwortlich für die beiden Hochhäuser mit 636 Wohnungen plus Geschäftsflächen ist die Credit Suisse Real Estate Investment Management AG.

    Zeitplan mit Fragezeichen

    Der an diesem Abend aufgezeigte Zeitplan sieht bereits kommenden Februar die Eingabe des Gestaltungsplanes vor. Danach sollen – abhängig von dem im Stadtrat und den gemeinderätlichen Kommissionen angeschlagenen Tempo – bereits im Juli 2017 die Baurechtsverträge beurkundet und ab Oktober im Stadt- und Gemeinderat behandelt werden, damit sie im November 2018 zur Volksabstimmung kommen könnten. Käme dies hin, so rechnet man mit einer Baubewilligung im April 2019 und dem Baubeginn kurz darauf. Im Juli 2021 sollte dann das Stadion bereitstehen und zwischen Mai und November 2022 auch die anderen Gebäude.

    Ausgewogene Fragerunde

    Martin Kull, Inhaber und CEO der HRS, mass dem Projektnamen «Ensemble» abschliessend eine Bedeutung weit über das Architektonische hinaus zu als er betonte, dass ABZ-Siedlung, Stadion und Hochhäuser nur als Einheit funktionieren und finanzierbar seien: «Es geht nur alles zusammen – oder nichts». Die drei Bauten seien von der Planung bis hin zur Finanzierung austariert, und da könne man nun nicht an einzelnen Bereichen etwas reduzieren, ohne alles aus dem Gleichgewicht zu bringen.
    Was da unterschwellig an «Drohung» zu hören war, fand in einigen der Fragen und Voten aus dem Publikum sein Echo. Als Erster kritisierte Marcel Knörr, Höngger Architekt und Alt-Quartiervereinspräsident, die Zwillingtürme, die seiner Ansicht nach weder der geltenden Bau- und Zonenordnung (BZO) entsprechen noch quartierverträglich seien. «Hochhäuser gehören wohl in die Stadt, aber am richtigen Ort – was man in den 1960-Jahren gebaut hat, war falsch». Genauso falsch wie die beiden Hochhäuser oberhalb der Riedhofstrasse in Höngg seien nun diese Zwillingstürme.
    Die geplanten Bauten sind mit 137 Metern die zweithöchsten der Schweiz und die Höchsten Zürichs. Knörr rechnete vor, dass sie, gemessen ab ihrem Standort, den Kirchturm Hönggs um 47 Meter und sogar den Friedhof Hönggerberg noch um 13 Meter überragen werden. Das heisst, dass man von allen Häusern Hönggs aus zu den Dächern der Zwillingstürme hochschauen würde. «Und das ist nicht der Prime-Tower», so Knörr, «der weiter weg steht, diese Häuser stehen nahe bei Höngg und versperren den Blick auf die Stadt». Es sei wichtig, so Knörr, sich jetzt zu wehren, wo man vielleicht noch Einfluss nehmen könne und nicht erst in der Abstimmung – und erntete dafür viel Applaus. Urs Spinner, Departementssekretär des Hochbauamtes, entgegnete ihm, dass der Hardturm als Hochhausgebiet klassifiziert sei und bereits in den Rahmenbedingungen des Wettbewerbs die maximale Höhe vorgegeben worden sei. Aus dem Publikum wurde Marcel Knörr in einem späteren Votum mangelnder Weitblick vorgeworfen: «Wenn er vom Blick auf die Stadt spricht und diesen Blick genau auf die beiden Hochhäuser richtet, dann sind das für mich, mit Weitblick, nichts als Streichhölzer, und an solchen kann man vorbeischauen – nach wie vor Richtung See und Berge, und nicht ins Limmattal», meinte ein Zuhörer. Ein weiterer meinte, man solle doch nicht weiter nach «Ausreden» suchen, um kein Stadion zu bauen. Wenn man diese Chance jetzt nicht packe, werde es am Sankt-Nimmerleinstag noch kein Stadium geben. Auch diese Voten erhielten viel Applaus.

    Wann darf das Volk mitreden?

    Auch der Wipkinger Quartiervereinspräsident, Beni Weder, meldete sich – nach negativen Erfahrungen mit dem Swissmill-Tower direkt vor Wipkingen – kritisch zu Wort und fragte, wo denn bei der Projektentwicklung die Bevölkerung miteinbezogen worden sei. «Meines Wissens nicht», gestand Urs Spinner offen ein, doch er glaube, dass Stadt- und Gemeinderat aus früheren Diskussionen und Abstimmungen zum Hardturmareal gelernt und sehr viele der Bevölkerungsanliegen in die Wettbewerbsvorgaben eingebracht hätten. Rebekka Hofmann aus dem Finanzdepartement betonte aber, dass man mit der IG Hardturm immer im Gespräch gewesen sei und Monika Spring, Vorständin der IG, auch Mitglied der Wettbewerbsjury gewesen sei und man dort sehr auf sie gehört habe. Und, so fügte Spinner an, spätestens bei öffentlicher Auflage des Gestaltungsplans könne man sich im Rahmen des Mitwirkungsverfahrens einbringen.

    Der baurechtliche Schatten ist kurz

    Was natürlich immer wieder Fragen aufwirft, ist der Schattenwurf solcher Gebäude. Und da begehen Bauherren und Architekten regelmässig einen groben Kommunikationsfehler: Sie zeigen in Plänen nämlich nur, was ihnen das Baugesetz als sogenannt «baurechtlicher Schatten» vorgibt. Und das umfasst nur, was an einem Punkt auf einem benachbarten Grundstück länger als zwei Stunden im Schatten liegt. Und zwar an zwei gesetzlich festgelegten Daten und Zeiten im Frühjahr und Herbst.
    Dass der reale Schatten etwas komplett Anderes ist, gab Architekt Schneider offen zu, und Höngg werde wohl davon betroffen sein. Aber eben, das wird gegenüber der Öffentlichkeit nie in einer Simulation gezeigt, was heute bestimmt kein Problem wäre. Der Quartierverein Wipkingen jedenfalls hat dies auf seiner Homepage (siehe Infobox) getan, und das ist ebenso interessant anzusehen wie es eine Visualisierung der Hochhäuser aus Höngger Perspektive wäre. Was der zweite gängige Kommunikationsfehler ist: Man zeigt Projekte immer aus möglichst unverfänglichen Perspektiven. Zumindest das will man hier nun, so wurde zugesagt, anders machen und publizieren.

    Wie «fruchtbar» sind die Türme?

    Nicht überraschend war auch eine sichere Folge der vielen neuen Bewohner ein Thema: Wo gehen all ihre Kinder zur Schule? Das Schulhaus am Wasser platzt heute schon aus allen Nähten, und das Schulhaus Pfingstweid, über dessen Kredit am 12. Februar abgestimmt und das ab 2019 in Betrieb sein soll, sei auch bereits vollgeplant. Urs Spinner bekräftigte, dass man die Neubauten bei der Schulhausplanung berücksichtigt habe, weil dies bereits damals beim städtischen Stadion-Projekt durchgerechnet worden seien. Das Pfingstweid könne notfalls sogar aufgestockt werden, «je nach dem, wie fruchtbar die beiden Hochhäuser sind», wie er mit einem Schmunzeln anfügte, «Kinder dieser Neubauten werden nicht über die Limmat zur Schule gehen müssen». Dies bestätigte auch Ueli Stahel als Mitglied der Kreisschulpflege Waidberg.

    Über sieben Schatten musst du gehen…

    Die Stimmung an diesem Abend unter den rund 90 Anwesenden und die Voten Pro oder Kontra der Hochhäuser hielten sich die Waage. Man kann den Zwillingstürmen ablehnend oder positiv gegenüberstehen und sich dabei ebenso im Schatten wie im Licht wähnen. Bis das Projekt «Ensemble» gebaut werden kann, muss es zumindest eine städtische Abstimmung überstehen, und man wird da und dort auf allen Seiten noch über reale oder subjektive Schatten springen müssen – oder wird allenfalls darüber gestossen, wie dies die Stimmbürger mit den Wipkingern beim Swissmill-Tower gemacht haben. Bloss, dort gab es zum Schatten weder Wohnungen, geschweige denn ein Fussballstadion für die beiden Stadtclubs dazu.

    Weitere Informationen
    www.stadt-zuerich.ch, Auf der Seite des Finanzdepartementes, Medienmitteilungen.
    Auf der Homepage des Quartiervereins Wipkingen, www.wipkingen.net, sind Animationen zum Schattenwurf aufgeschaltet.

  • Aus den Augen, in den Sinn

    Aus den Augen, in den Sinn

    Seit 1993 und der Einführung der Kehrichtsackgebühr nimmt Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) an seinen Wertstoff-Sammelstellen flächendeckend nebst Glas und Altöl auch Kleinmetalle entgegen. Sieben solche Sammelstellen gibt es in Höngg, alle mit den charakteristischen, dunkelblauen Containern. Wobei jene an der Riedhofstrasse, Ecke Wieslergasse gemäss Bauausschreibung durch Unterflur-Behältnisse ersetzt werden sollen, wogegen wohl kaum jemand aus der Anwohnerschaft Einsprache erheben wird. Gesamtschweizerisch gibt es über 30‘000 Sammelbehälter für Aluminium, in praktisch jeder Gemeinde zumindest einen. So sammelt die Schweizer Bevölkerung jedes Jahr 13‘000 Tonnen Aluverpackungen, nebst Dosen auch Tierfutterschalen, Tuben, Joghurtdeckel und was sonst noch alles in einem Haushalt an Aluverpackungen anfällt. Rund 1,6 Kilogramm pro Person. 2007 wurde in der Stadt Zürich an allen aktuell 162 Sammelstellen total 931 und 2015 bereits 1019 Tonnen Altmetall gesammelt, von der Blechbüchse über Pfannen bis zum Aluminium in jeglicher Form. Der Anstieg ist wohl eher auf die wachsende Bevölkerung denn auf erhöhte Sammelleidenschaft zurückzuführen. Eingeworfen werden darf übrigens alles, die Senftube zum Beispiel ebenfalls, auch wenn sie noch Reste enthält und den Deckel obenauf hat (siehe Infobox). Natürlich wäre es besser ohne, doch mal ehrlich: Wer lagert gerne offene Senftuben und macht sich dann beim Recyceln, auf dem Weg zum Einkaufen, gerne die Finger schmutzig? Die Verschmutzung ist jedenfalls kein Thema. Das bestätigte auch der Fahrer des Entsorgungslastwagens des ERZ, als der «Höngger» ihn beim Leeren eines Containers fotografierte und staunte, was da noch alles an Fremdmaterial im Einwurfschlitz für Metall gelandet war, vom PET bis zu Robidog-Säcklein einfach alles. «Erstaunlich, nicht wahr?», meinte er, «doch das gilt bei der Annahmestelle noch als sehr sauber, die jubeln dort immer, wenn wir vorfahren». Wie hoch der Aluminiumanteil an der Gesamtsammelmenge ist, kann das ERZ, wie dessen Sprecherin Leta Filli sagt, nicht beziffern. Was man jedoch weiss ist, dass alleine 2016 weitere 750 Tonnen Aluminium in den normalen Kehricht gelangten und der thermischen Verwertung zugeführt wurden, wie der Vorgang in einer Kehrichtverbrennungsanlage benannt wird. Hier mitgerechnet ist nicht nur der Hauskehricht, sondern alles, was auf öffentlichem Grund in Abfalleimern landet oder von Strassenkehrmaschinen zusammengewischt wird, denn all dieser Abfall wird nirgends nachsortiert, sondern eben «thermisch verwertet», sprich einfach verbrannt. Danach übrig bleibt Rohschlacke. Und noch immer bestehen rund 3.5 Prozent der Stadtzürcher Schlacke aus Aluminium – ein Wert, der das Herz jeder Bergbaufirma höherschlagen lässt. Nicht von Ungefähr wird deshalb zum Beispiel in der Deponie Riet in Winterthur, wo jährlich rund 15’000 Tonnen Schlacke der Winterhurer gelagert wird, von einer privaten Recyclingfirma das Altmetall aus der Schlacke gefiltert. 1’200 Tonnen Altmetall allein im Jahr 2012. Seit Herbst 2016 werden auch praktisch alle Metalle aus der Schlacke der Zürcher zurückgewonnen, die dafür nach Hinwil in die ZAV Recycling AG transportiert wird. Was danach noch übrig bleibt, wird auf der Deponie Chrüzlen in Oetwil am See endgelagert.

    Mehr als kostendeckend

    Wie und wem die Kosten der Sammlung verrechnet werden ist in der Verordnung für die Abfallbewirtschaftung in der Stadt Zürich (VAZ) geregelt. Wie hoch die Kostenfolge pro Sammelstelle und Bewohner in Zürich ist, konnte das ERZ auf Anfrage nicht beziffern. Doch dem Bericht «Kostenstruktur in der kommunalen Abfallwirtschaft 2014» des kantonalen Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) ist zu entnehmen, dass der Siedlungsabfall 2014 bei – wie allen hier folgenden Werten durchschnittlich gerechneten 366 Kilogramm pro Person lag und für die Gemeinden 90 Franken pro Einwohner an Kosten verursachte. Davon entfallen 52 Franken auf «Logistik und Sammelstellen» und nur ein einziger Franken auf das Sammeln von Aluminium und Stahlblech. Davon eine Tonne zu verarbeiten kostete laut Bericht 69 Franken. Gemeindeeigene Sammelstellen kosten zwölf Franken pro Jahr und Einwohner. Der Erlös aus der Alu- und Stahlblech-Sammlung hingegen betrug im 2014 pro Tonne 100 Franken. Dieser Betrag ist seit Juli 2007 mit den Recyclingbetrieben als pauschale Entschädigung und als Anteil aus dem vorgezogenen Recyclingbeitrag vereinbart. Der Absatzmarkt für Recycling-Metall ist etabliert aber schwankend: Die Preise variieren je nach Marktlage stark, gemäss dem Bericht des AWEL erhielten die Gemeinden 2014 zwischen 29 und 165 Franken pro Tonne.
    Alle Ausgaben und Einnahmen zusammengerechnet, erzielten die Gemeinden so durchschnittlich einen Kostendeckungsgrad von 104 Prozent, sie verdienten mit dem Abfall also gutes Geld. Nur vier Gemeinden verfehlten die volle Kostendeckung. «Die Reserven wachsen bei vielen Gemeinden jährlich weiter», schreibt das AWEL und kritisiert im Bericht offen, dass «Tarifsenkungen kaum vorgenommen werden».

    Was gehört in die Metall-Sammelcontainer?
    Kleinmetall aller Sorten, Getränkedosen, Alufolie, Konservendosen, Draht, Tuben aus Aluminium. Dosen zusammendrücken, das spart Transportkosten. Hingegen spielt die Verschmutzung keine wesentliche Rolle: Zum Beispiel Tuben müssen nicht ausgewaschen sein und dürfen sogar noch den Deckel draufhaben.

    Was gehört nicht hinein?
    Batterien und Akkus, alle Arten von Glühbirnen und Leuchtstoffröhren, Elektronikgeräte. Und vor allem keine Gasflaschen oder auch Spraydosen jeglicher Art: Sie enthalten Restgase, die bei der Pressung im Werk zu Explosionen führen können. Auch Kaffeekapseln gehören nicht in die Container, sondern in das Recycling der Hersteller oder in den normalen Abfall.

    Übrigens…
    Manche Privatpersonen bringen leere Aludosen auch direkt in einen der 170 schweizerischen Recyclingbetriebe, wo sie pro Kilo rund 1.30 Franken erhalten.

  • Editorial: Alles Alu oder wie?

    Würde eine Rücklaufquote von 75 Prozent nicht erreicht, müsste für Getränkedosen aus Aluminium und PET-Flaschen von Gesetz wegen eine Pfandpflicht eingeführt werden. Doch wer überprüft diese Zahlen und wie werden sie überhaupt erhoben? Zählt da jemand Flaschen und Dosen? Und überhaupt: Was geschieht eigentlich mit einer Getränkeverpackung, die wir in Höngg der Wiederverwertung zuführen oder bedenkenlos in den Müll werfen? Diese Fragen stellten wir uns auf der Redaktion, rätselnd vor den eigenen Sammeltaschen stehend. Doch bevor wir auf Antworten stiessen, mussten wir uns zuerst entscheiden: PET oder Alu? PET wäre naheliegender gewesen, denn der Verband PET-Recycling Schweiz hat seinen Sitz an der Naglerwiesenstrasse in Höngg. Der von der Redaktion hochgehaltene «Bezug zu Höngg», den möglichst jedes Thema im «Höngger» haben sollte, wäre offensichtlich gewesen. Warum also entschieden wir uns für Aluminium? Weil wir den offiziellen Zahlen der Rücklaufquote noch weniger trauten als jener des PET. Die Alubranche möge uns dieses Misstrauen nachsehen. Doch egal, denn offenbar werden beide Quoten problemlos eingehalten – als wir das aber feststellten, war das Meiste zum Thema Aluminium bereits recherchiert und die Kontakte geknüpft. Der Weg, den eine Getränkedose aus Aluminium nimmt, hat uns zuerst zur Geschichte des Recyclings in Höngg geführt, dann in die Tiefen des Internets und dort durch Statistiken, Tabellen und Berichten hin zu Fachleuten und an einen archaischen Ort in Regensdorf. Gefunden haben Patricia Senn und ich interessante Antworten, die wir in verschiedenen Artikeln dieser Ausgabe zusammengefasst haben. Kommen Sie mit auf die Reise und verfolgen Sie eine Aludose auf ihrem Weg in den Sammelcontainer und von dort über Umwegen wieder zurück in Ihren Alltag – als Dose, Tube, Katzenfutterschale, Auto, Flugzeug und und und….

    Fredy Haffner, Redaktionsleiter «Höngger»

  • Die allermeisten bringen ihre Dosen zurück

    Die Schweizer Getränkeimporteure und -produzenten sowie der Lebensmittel- und Detailhandel sind Mitglieder der 1989 gegründeten IGORA-Genossenschaft. Diese koordiniert das Alu-Recycling in allen Landesgegenden, stellt Sammelbehälter zur Verfügung und entschädigt via Recyclingbetriebe die Gemeinden und Städte für ihre Sammelaktivitäten – kurz: Sie stellt sicher, dass das Recyclingsystem reibungslos läuft. Die Händler und Produzenten melden ihr, wie viele Dosen sie verkauft haben – IGORA erhält pro Stück 1 Rappen – und liefern so kumuliert die Information, wie viele Aludosen in der Schweiz im Umlauf sind. Gleichzeitig führt die unabhängige Umweltberatungsfirma Carbotech AG das ganze Jahr hindurch bei verschiedenen Recycling-Betrieben Stichproben durch, anhand welcher sie aussagen kann, wie viele Aludosen sich durchschnittlich in einem Sammelbehälter finden. Zusätzlich melden die Recyclingbetriebe der IGORA, wie viele Tonnen Aluminiumverpackungen sie verarbeitet haben. Aus diesen Angaben lässt sich schliesslich die Rücklaufquote ermitteln. Die Verordnung für Getränkeverpackungen (VGV) schreibt eine Quote von mindestens 75 Prozent vor, würde diese nicht erreicht, könnte der Bund ein Pfand einführen, dies wurde bislang allerdings nicht in Erwägung gezogen.
    In den vergangenen 16 Jahren hat die Menge an verbrauchten Getränkedosen exponentiell zugenommen: Waren es im Jahr 2000 noch 2000 Tonnen, lag der Absatz 2015 bei 10‘510 Tonnen. Davon kamen im vorletzten Jahr 9‘590 Tonnen zurück in den Recycling-Kreislauf, woraus sich eine beeindruckende Wiederverwertungsquote von 91 Prozent ergibt. Bei den Aluschalen und Tuben liegen die Quoten bei rund 80 respektive 60 Prozent.

     

  • Brachiale Schönheit

    Brachiale Schönheit

    Es ist eisig kalt in den hohen Hallen des Metallrecycling-Betriebs Metallum in Regensdorf. Das Dröhnen, das schon von weitem zu hören war, schwillt an – das ist hier kein Smartphone-Shop, hier wird richtig gross und laut gearbeitet. Als hätte der Weihnachtsmann einen wirklich grossen Sack mit silbernen Verpackungsschleifchen ausgeleert, türmt sich in einer Ecke ein Berg von Aluspänen. Späne brauchen viel Platz und bringen wenig Gewicht, viel praktischer sind da die Presslinge im nächsten Abteil, zylinderförmige Briketts, die sich gut für den Transport eignen. In diesen sogenannten Fächern, so gross, dass ein Lastwagen bequem darin parken könnte, sind die Metalle sortenrein gelagert, das heisst, nach Legierung geordnet. Meistens liefern die Firmen sie bereits sortiert, denn je sauberer das Material, desto höher der Preis. Weiter hinten schimmern rotgoldene Kupferdrahtlandschaften neben ausgedienten, kilometerlangen SBB-Oberleitungen, es ist ein wahres Mekka für jeden Altwarenhändler und Altmetall-Fan.

    Gelebter Bubentraum

    Der Lärm steigt auf Tinnitusniveau, als Metallhändler Markus Sidler von der Metallum die Gruppe näher zum Herzstück des Rundgangs führt: Die Alusortieranlage. Ein kleiner Kran mit grosser Kralle, der so manches Buben- und offensichtlich auch Männerherz höherschlagen lässt, gräbt seine «Finger» in einen Haufen farbiger Büchsen aus Weissblech und Dosen aus Aluminium und hievt die Ladung über ein im Boden eingelassenes Gitter. Ein Mitarbeiter sortiert die grösseren Fremdmetalle aus, die nicht durch die Querverstrebungen fallen. «Ursprünglich war die Idee, dass man die beiden Metalle bereits an der Sammelstelle trennt», schreit Sidler gegen den Lärm an, und man erinnert sich an die kleinen Magnete an den Containern, die anzeigten, was Blech war und was nicht. «Das hat nicht gut funktioniert. Es hatte oft Konservendosen im Aluminium, und wenn das zusammen eingeschmolzen wurde, wurde das Aluminium zu eisenhaltig, der Kunde wollte es so nicht mehr». Über ein senkrechtes Förderband gelangen die Büchsen nun in die Höhe. Es bebt und rumpelt im Schacht, hier versteht man kaum ein Wort und staunt nur über das, was vor sich geht: Immer wieder fliegen einzelne Büchsen blitzschnell in die Luft und bleiben an einem anderen Laufband kleben. Magie? Wohl eher Physik: Der Überbandmagnet zieht die Weissblechdosen an und bringt sie weg. Sie werden ebenfalls gesammelt und nach Oberrüti in die Elektrozinn AG transportiert, dort wird das Zinn, das als Korrosionsschutz dient, vom Weissblech getrennt und weiter vermarktet, während das Stahlblech im Stahlwerk eingeschmolzen wird.

    Sortiert und «gebündelt»

    Doch zurück zu den Aludosen. Diese sind inzwischen beim Wirbelstromabscheider angelangt: Am Ende des Bandes werden alle Teile elektrisch geladen, die leitfähigen Aluminiumteile werden dadurch an die Wand eines weiteren Schachts katapultiert, während die nicht leitfähigen Teilchen wie Papier, Plastik und anderer Unrat durch einen Spalt nach unten fallen. Es fällt schwer sich von diesem Schauspiel loszureissen, auch Daniel Frischknecht von der IGORA-Genossenschaft, welche das Alu Recycling in der Schweiz koordiniert, ist immer wieder fasziniert davon. Es sind robuste, klobige Gerätschaften, kein Touchscreen weit und breit, solide Maschinen, die rütteln und rattern und wahrscheinlich schon seit den Anfängen eingesetzt werden und noch immer brav ihren Dienst tun. Auch wenn sich die Augen nicht daran sattsehen können, die Ohren danken es, als die Gruppe endlich die schmale Leiter hinunterklettert. Unten kontrolliert ein Arbeiter noch einmal von Hand, dass sicher nichts durchgerutscht ist, was nicht Aluminium ist. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Spraydosen: Diese enthalten Rückstände, welche hochexplosiv sind und auf keinen Fall in die Presse gelangen dürfen. Neben ihm stehen einige kleinere Container mit weiteren Dingen, von denen jemand dachte, dass auch sie in die Alusammlung gehören: Da gibt es einen dunkelroten Toaster, einen alten Ghettoblaster und sogar einen Bürostuhl. Wie der ins Loch gepasst hat, bleibt für immer ein Geheimnis. Schliesslich werden die Aludosen in der Paketierpresse zu hübschen, farbigen Kuben gepresst. In dieser Form lassen sie sich am besten transportieren und brauchen viel weniger Platz als im losen Zustand. Im Zwischenlager warten sie neben Blöcken aus Autonummern, Mayo- und Senftuben mit oder ohne Deckel und schon fast kunstähnlichen Würfeln aus silbrigen Alusträngen darauf, verladen zu werden. 

  • Aus Alu wird wieder Alu

    Ein eigenes Schmelzwerk würde in der Schweiz mit jährlich 13 Tonnen Aluverpackungen wenig Sinn machen ─ alleine ein grösseres Mailänder Werk verarbeitet 40 Tonnen im Monat. Der Transportweg fällt bei der Nachhaltigkeitsrechnung nicht stark ins Gewicht, da sich auch die anderen Schmelzwerke in relativer Näher zur Schweizer Grenze befinden. Zuerst werden die organischen Anteile der lackierten, bedruckten und beschichteten Verpackungen bei etwa 500 Grad Celsius aufgeschmolzen, weshalb auch kleinere Lebensmittelrückstände oder sonstige Verunreinigungen keine grösseren Probleme darstellen. Dieser Prozess geschieht unter Sauerstoffausschluss. Dadurch oxidiert das Aluminium nicht und kann vollumfänglich zurückgewonnen werden. Schliesslich gelangt das blanke, zerkleinerte Material zur Aufbereitung als Sekundäraluminium in die Schmelzöfen. Das hier gewonnene Aluminium dient zur Herstellung weiterer hochwertiger Produkte. Das ist der Vorteil des Metalls: Das recycelte Metall behält ─ ähnlich wie Gold ─ immer dieselbe Qualität, die es zuvor hatte. Manche Schmelzwerke stellen daraus selber wieder Dosen her, andere giessen das Leichtmetall in Blöcke, die sich gut transportieren und weiterverkaufen lassen. Für die Herstellung von Sekundäraluminium werden fünf Prozent des Energieaufwands benötigt, die bei der Erstproduktion anfällt.

    Nur ein Dosenproduzent in der Schweiz

    Produziert werden die 700 Millionen Aludosen, die in der Schweiz im Umlauf sind, überwiegend in Deutschland, ein Teil davon in Österreich. Eine Ausnahme bildet die Red-Bull-Dose: Im St. Gallischen Widnau füllt das Werk der Firma Rauch jährlich 2,6 Millionen Energiedrinks ab, welche weltweit verkauft werden. Seit 2015 produziert Ball Beverage Packaging, einer der weltweit führenden Aludosen-Produzenten, gleich im Nebengebäude die benötigten Gebinde.

  • Nachhaltig nur dank Recycling

    Aluminium ist fest, aber zugleich leicht formbar, hat eine hohe elektrische Leitfähigkeit, wenig Gewicht und ist korrosionsbeständig. Obwohl es das dritthäufigste chemische Element der Erdkruste ist, wurde es erst 1808 von Sir Humphry Davy entdeckt. Dies mag damit zusammenhängen, dass es unter normalen Bedingungen nicht in seiner reinen Form als Metall vorkommt, sondern in Verbindungen mit verschiedenen Mineralien. An der Weltausstellung 1855 in Paris wurde Aluminium als «Silber aus Lehm» angepriesen: Man wollte möglichst alles daraus fertigen. Zeitweise überstieg der Preis des Leichtmetalls sogar den von Gold. Mit der technologischen Entwicklung und der Möglichkeit der Massenproduktion sank der monetäre Wert von Aluminium, während die Nachfrage stetig zunahm: Weltweit werden heute jährlich über 40 Millionen Tonnen Aluminium produziert, in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts waren es gerade mal 300’000 Tonnen.

    Aufwendige Primärproduktion

    Der wichtigste Rohstoff für die Aluminiumherstellung ist Bauxit, dieses kommt überwiegend in tropischen Klimazonen vor. Das gemahlene Sedimentgestein wird unter Zusatz von Ätznatron, Druck, Hitze und weiteren chemischen Zusätzen zu Aluminiumoxid (Tonerde) verarbeitet und schliesslich in einem Elektrolyseprozess zu Aluminium. Diese Herstellung ist extrem energieaufwendig: Für ein Kilogramm Aluminium werden zwischen 13,5 und 20 Kilowattstunden Strom benötigt. Zum Vergleich: Mit einer Kilowattstunde lassen sich 70 Tassen Kaffee kochen und 2.500 Männer können sich rasieren ─ abhängig vom Gerät, das sie benutzen. Umweltverbände kritisieren ausserdem die Schädigung von Land und Menschen durch den Bauxit-Abbau und den Bau von Staudämmen in den betroffenen Regionen. Wahrscheinlich kam in den 1980er Jahren mit dem gesteigerten Umweltbewusstsein in der Bevölkerung die Dose aus Aluminium deshalb in Verruf, und der schlechte Ruf scheint ihr auch heute noch anzuhaften ─ ohne Recycling sogar zurecht, denn landet sie im gewöhnlichen Abfall, wird sie aufgrund ihrer energieaufwendigen Herstellung tatsächlich zum ökologischen Sündenfall, sofern sie nicht, wie es in der ZAV Recycling AG in Hinwil der Fall ist, aus der Schlake zurückgewonnen wird, siehe Seite XY. Umso wichtiger ist es deshalb, den wertvollen Rohstoff in das Wiederverwertungssystem zurückzuführen. Die Industrie- und Baubranche tut dies aus wirtschaftlichen Gründen bereits zuverlässig ─ der Aluminium-Verband Schweiz meldet Quoten zwischen 85 und 95 Prozent ─ denn neues Aluminium ist teuer und mit altem verdient man Geld.

    Hohe Rücklaufquote bei Verpackungen

    Die IGORA-Genossenschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch die Sammelquoten von Alu-Verpackungen zu steigern und konnte dort bereits grosse Erfolge erzielen: Die Recycling-Quote von Aludosen liegt heute bei über 90 Prozent. Eine vom Bundesamt für Umwelt 2014 in Auftrag gegebene Studie zum Thema Ökobilanz von Getränkeverpackungen kommt zum Schluss, dass «Aludosen (…) dank dem leichten Gewicht und der hohen Rezyklierfähigkeit trotz hohem Herstellungsaufwand (…) Umweltbelastungen aufweisen, die im Bereich der Bierverpackungen mit den tiefsten Umweltbelastungen liegen». Doch auch die Autoren der Studie geben zu bedenken, dass das gute ökologische Zeugnis, das der Aludose im Vergleich zu anderen Getränkeverpackungen ausgestellt wird, in ihrem leichten Gewicht und ihrer hohen Recyclingquote begründet ist. Nur PET schneidet besser ab, dennoch verwenden viele Schweizer Getränkeproduzenten bislang lieber Glas, Edelstahl oder eben Alu. Grund dafür ist neben der Haptik vor allem der Schutz des Inhalts der Verpackung. Dieser spiele eine wesentliche Rolle in der Nachhaltigkeitsberechnung, immerhin handle es sich dabei um Lebensmittel, gibt Daniel Frischknecht von der IGORA zu bedenken. Würden diese zu schnell verderben, hätte dies einen negativen Einfluss auf die Ökobilanz. Gemäss BAFU Studie erzielt eine Aludose rund 150 sogenannte Umweltbelastungspunkte (UBP). Dies entspricht ungefähr einer Autofahrt von 450 Metern in einem durchschnittlichen Personenwagen oder den Punkten, die ein Schweizer mit einem durchschnittlichen Lebensstil in sieben Minuten generiert.

    Voraussetzung für Alugebrauch ist dessen Recycling

    Auch eine Studie der Eidgenössischen Materialprüfungs­ und Forschungsanstalt St. Gallen (EMPA) aus dem Jahr 2003 attestiert der Aludose, dass «sie und der mit ihr verbundene Kreislauf von Herstellung, Verteilung und Recycling wichtige Aspekte der Nachhaltigkeit erfülle». Über die letzten zwanzig Jahre hinweg konnte eine Senkung der Umweltbelastung um den Faktor 3 ermittelt werden. Diese Verbesserung führen die Autoren der Studie auf die Verminderung des Dosengewichts bei gleichzeitiger Verdoppelung der Recyclingquoten zurück. Mittlerweile wird bei der Herstellung der Dosen 25 Prozent weniger Aluminium verwendet, dadurch konnte auch der CO2-Ausstoss um den Faktor 2.5 gesenkt werden. Wird irgendwann die energieintensive Herstellung von Primäraluminium hinfällig werden, weil alles aus recyceltem Material hergestellt werden kann? Markus Sidler, Metallhändler bei der Metallum in Regensdorf, hält dies für unwahrscheinlich, da die Nachfrage weltweit zunimmt und die Einsatzmöglichkeiten von Aluminium immer vielfältiger werden. Die gute Nachricht ist, dass gemäss Angaben der «World Aluminium Organisation» rund drei Viertel des je produzierten Alus noch immer im Umlauf sind. Aluverpackung zu recyceln ist deshalb nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern Voraussetzung dafür, dass die Herstellung dieses Metalls überhaupt gerechtfertigt werden kann.

    Stichwort Kaffeekapseln

    Kaffeekapseln, insbesondere Nespresso, stehen immer wieder in der Kritik, nicht ökologisch zu sein. Der Weltmarktführer führte deshalb 1991 mit 34 Sammelstellen, heute sind es über 2700, das Sammelsystem für gebrauchte Kapseln in der Schweiz ein. Nebst diesen gibt es seit 2012 auch den Dienst «Recycling@Home», bei dem der Pöstler neue Kapseln liefert und die gebrauchten zum Recyceln mitnimmt. Auch der darin enthaltene Kaffeesatz ist recycelbar: Nach der Umwandlung in Biogas trägt er energetisch zur Produktion neuer Kapseln bei. Nespresso recycelt aus ökologischen Gründen, wie das Unternehmen auf Anfrage bekannt gibt. Und die Recyclingquote liege aktuell bei rund der Hälfte, Tendenz steigend. Recycliert wird gleich im Waadtland und was an Aluminium gewonnen wird, kann danach wieder für neue Kapseln verwendet werden. Rein ökologisch betrachtet, so eine andere Quelle, fallen die grössten Umweltbelastungen so oder so nicht bei der Aluminium-Verpackung an, sondern bei der Kaffeeproduktion selbst. So betrachtet sind Kaffeekapseln sogar umweltschonend, weil sie für einen Kaffee viel weniger Kaffeepulver brauchen als andere Systeme.