Autor: tka_admin

  • «Die Zukunft soll man möglich machen»

    «Die Zukunft soll man möglich machen»

    Ab 1998, als Fredy Schär zum Präsidenten der GEWOBAG gewählt wurde, begann der grosse Umbruch in der Baugenossenschaft. Die Wohneinheiten wurden von 1685 auf 2001 (Stand 2013) ausgebaut, und die Gesamtwohnfläche verdoppelte sich beinahe von 82 000 auf 160 000 Quadratmeter. Selbst bei den Nebenräumen wie Garagen, Bastelräumen, Kindergärten und Gewerberäumen legte die GEWOBAG in diesem Zeitraum von 1406 auf 2155 zu. Das sind beachtliche Zahlen. Speziell auch deshalb, weil abgesehen von kleineren Arrondierungen alles auf bestehenden Flächen realisiert wurde.
    Alte Substanzen wurden durch neue ersetzt – oder es wurden zwischen die bestehenden, wie im Frankental, neue Blöcke hinzugefügt. Die klassische Verdichtung. Schär dazu: «Wir haben eine Wohnungsnot und es war uns wichtig, dieser zu begegnen. Aber ich bin strickte dagegen, dass man weiter grüne Wiesen verbaut. Da wehrt man sich hierzulande noch viel zu wenig dagegen: Das Land, das wir haben, sollten wir besser nutzen und das taten wir». Schär setzt sich auch für naturnahe Aussenräume ein. In Albisrieden wurde ein Bach geöffnet, im Frankental ein Rebberg reaktiviert und der Dachs, der neuerdings darin haust, geniesst höchstpräsidialen Schutz.

    Nicht unbestrittener Aufbruch

    Dass es zu diesem Erneuerungsprozess überhaupt kam, hat viele Gründe und er war nicht unbestritten innerhalb der Genossenschaft. Tatsache war, dass viele der in der Gründungszeit gebauten Siedlungen sanierungsbedürftig waren – zumal während Jahren selbst der normale Unterhalt vernachlässigt worden war. Daran waren die Genossenschafter und Mieter nicht ganz unschuldig: Man wollte so lange wie möglich günstig wohnen, nichts wurde renoviert und die Häuser schleichend entwertet. Doch Schär, selbst nicht mehr der Jüngste, denkt wie ein Junger. Er, der früher grosse Firmen leitete, sagt, dass jedes Produkt und auch jede Idee irgendwann ihren Anfang nehme. Dann folgen Aufstieg, Sättigung und – wenn man an diesem Punkt nicht handelt – unweigerlich der Niedergang: «Und das gilt auch für Liegenschaften. Wenn wir nichts unternehmen, haben wir irgendwann ein Getto und nur noch eine bestimmte Bevölkerungsschicht, die bei uns wohnt. Gesellschaftspolitisch müssen wir aber eine breite Durchmischung garantieren: Junge, Alte, Familien, Behinderte, alle sollen Platz finden».
    Doch warum entschied man sich in den meisten Fällen für einen Totalabriss und bevorzugte nicht eine dauernde Sanierung? Das habe viele Gründe, sagt Schär. Einer ist, dass man in renovierten Häusern keine Generationen zusammenbringt: «Junge wollen andere Grundrisse, Alte gerne einen Lift, andere Strukturen – also bauen wir lieber neu und so, dass es für alle stimmt». Ein zentraler Faktor jedoch sind die geänderten Bauvorschriften: So dürfen Neubauten oft höher sein als ihre Vorgänger und die Ausnutzungsziffern sind grosszügiger als früher. Das führt zu einer wirtschaftlich interessanten Situation, die sich auch auf die Mietzinse auswirkt. Natürlich wohnt es sich in den Neubauten teurer, doch nicht pro Quadratmeter gemessen. In den renovierten Altbauten im Frankental kostet eine Vier- bis Viereinhalbzimmerwohnung brutto zwischen 1100 und 1400, im Neubau zwischen 2200 und 3300 Franken. Die letzte Zahl mag viel sein für eine Genossenschaft, für Höngg und die entsprechende Aussicht ist es aber wenig. Zudem, so habe er mehrfach durchgerechnet, seien Renovationen im Detail und längerfristig betrachtet meistens teurer als Ersatzneubauten. «Und dann ist da noch der Umweltfaktor», betont Schär: «In den bestehenden Häusern liessen sich unsere Umweltziele gar nicht umsetzen». Wie in der Siedlung in Schlieren: Dort hatte früher jeder Block eine eigene Ölheizung – die Neubauten hingegen, mit mehr Wohnungen als früher, werden alle von der Abwärme der Kläranlage Werdhölzli warmgehalten, ohne einen Liter Heizöl zu verbrauchen. «Das wäre mit reinen Renovationen nicht möglich gewesen», sagt Schär. Solche Energienutzungen ging die GEWOBAG auch bei anderen Siedlungen ein und plant weitere.

    Aufbruch mit Nebengeräuschen

    Als er aber als frischgewählter Präsident als erstes verkündete, die Siedlung am Maloyaweg in Altstetten müsse zurückgebaut und durch moderne Häuser ersetzt werden, schlug das hohe Wellen. Zweimal wurde der Neue fast abgewählt. Doch das Vertrauen in ihn und seine Crew stieg bald, als die Genossenschafter sahen, dass alle abgegebenen Versprechungen über den Ablauf, Umsiedlungen und Mietzinspolitik geflissentlich eingehalten wurden. Nur als Schär von der Überbauung in Uster erzählt, benutzt er das Wort «Schlacht»: «Das war eine Einfamilienhaussiedlung, und für die Mieter war jedes Haus ˂gefühltes Eigentum˃, in dem man ewig bleibt». Als er auch diese Häuser ersetzen wollte, wurden die Medien eingeschaltet und Schär als «Hüslimörder» tituliert. Als dann aber alles doch wie geplant umgesetzt war, zogen sogar einige der ehemaligen alten Bewohner zurück und fanden ihr neues Glück in modernen Wohnungen: «Die alten Rückkehrer hüteten plötzlich die Kinder der Jungen, das gab eine ganz neue Energie in diese Siedlung».

    Gesellschaftliche Verpflichtung

    So war es auch im Frankental. Es zogen jüngere Generationen zu: «Hier im Frankental war es ziemlich überaltert. Die jungen Familien wollten modernere, grössere Wohnungen und zogen weg. Nun kamen sie zurück, die Modernisierung verlieh der Siedlung einen positiven Generationenschub». Das liege in der gesellschaftlichen Verantwortung der GEWOBAG, sagt deren Präsident, zieht aber auch Grenzen. «Früher boten wir auch subventionierte Wohnungen an. Persönlich fragte ich mich aber oft, warum Wohnungen, die zwischen 1000 und 1300 Franken kosten, noch subventioniert werden müssen. Wer braucht das? Überdies hat unsere Genossenschaft selbst einen Wohlfahrtsfonds, um zu helfen, wenn jemand in Not gerät». Doch die Subventionierung war an Vorschriften zum Einkommen und der Belegung – Anzahl Bewohner plus eins gleich maximale Zimmerzahl – geknüpft: Starb ein Ehepartner, musste der andere in eine kleinere Wohnung ziehen. Das habe ihn immer gestört, sagt Schär: «Da habe ich ein anderes soziales Verständnis. Ebenso störend fand ich, dass Menschen sich ˂hocharbeiten˃ und dann, wenn sie mehr verdienen, quasi als ˂Dank˃ ihre Wohnung verlassen müssen». Also löste man sich aus dem Vertrag mit der Stadt. Schär geht aber noch weiter mit der angezielten Durchmischung. «Gesellschaftspolitisch ist es mir wichtig, auch eine einkommensmässige, vertikale Durchmischung zu erreichen. Warum soll nicht auch ein Reicher bei uns wohnen? Und vielleicht sehen, dass es anderen weniger gut geht? Und der, der weniger verdient, sieht vielleicht, dass der andere für sein Geld ziemlich viel arbeiten geht und auch kein ˂dumme Siech˃ ist». Sowas wirke Wunder, ist der Präsident überzeugt. Neid oder Missgunst sei im Frankental jedenfalls nirgends entstanden durch den neuen Mietermix: «Es ist für uns eine Vorzeigesiedlung geworden, eine unserer besten». Unterdessen sind fast alle Siedlungen ganz oder teilweise zurückgebaut. Jene im Riedhof steht dieses Jahr an. Doch mit Baujahr 1984 ist diese noch zu jung, um total ersetzt zu werden, und von den Grundrissen her auch akzeptabel. Also ersetzt man alle Leitungen, Küchen und Bäder. «Renoviert sind die Häuser für weitere 30 Jahre fit für den Wohnungsmarkt, ein Abbruch wäre reine Wertvernichtung», so Schär.

    Das Frankental weiterdenken

    Vor der Bäckerei im Frankental sitzend – auch das so eine Idee von Schär, die er gegen erste Vorbehalte realisierte und die heute als der Anonymität vorbeugendes Konzept zum Ziel für jede GEWOBAG-Siedlung wurde – blickt Schär über die Frankentalerstrasse zum Neubau der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Höngg (BSH, siehe Artikel auf Seite XY). Die Frage drängt sich auf: Gibt es jetzt, da gegenüber eine neue Infrastruktur entsteht, ein neues Zusammenleben im Frankental, über die eigene Siedlung hinaus? «Wir sind zumindest daran, nach einer besseren Lösung für die Querung der Strasse zu suchen» sagt Schär, mit der Stadt sei man im Kontakt, denn die Strasse sei eine «brutale» Trennung des Quartiers. Doch sonst habe man leider mit der BSH nur wenig Kontakt. Das sei früher mal anders gewesen, sogar eine Fusion sei einst diskutiert worden, doch dann sei man am Widerstand der Vorgänger des heutigen Vorstandes gescheitert. «Das war schade, vielleicht hätten wir dann auch die Bauten besser aufeinander abstimmen können», so Schär. «Nun hoffen wir auf eine konstruktivere Nachbarschaft. Sicher haben wir gemeinsame Anliegen und können uns unterstützen». Eine institutionalisierte Zusammenarbeit gibt es bislang jedoch nicht. Nach einer langen Pause verleiht er der Hoffnung Ausdruck, dass sich aus den «Einzelteilen» des Frankentals ein gemeinsames Zentrum entwickle. Warum aber baute die GEWOBAG nicht selbst noch mehr Ladenflächen für dieses neue Zentrum? Da hätte man zu viel an der Bausubstanz ändern müssen, sagt Schär, für einmal ungewöhnlich zögernd, als ob er sich fragen würde, warum er damals nicht selbst auf die Idee gekommen ist. «Schade, dass man nicht vorher zusammensass und ein gemeinsames Konzept ausarbeitete», sagt er dann wieder mit Blick auf den ganzen Raum Frankental. So könnte man sich auch die Tramendhaltestelle Frankental neu denken. Braucht es den Kiosk an dieser Stelle noch? Warum zieht der nicht in den Neubau der BSH und man nutzt den freien Raum anders, vielleicht einfach als Platz? «Und überhaupt», fragt sich Schär, «warum wendet das Tram hier? Warum fährt es nicht weiter bis nach Engstringen?» Nun, das steht so im kantonalen Richtplan – doch eine Umsetzung ist noch weit weg von jeder Planung. «Die Zukunft soll man nicht voraussehen, sondern möglich machen», zitiert Schär abschliessend Antoine de Saint-Exupéry. Und für ihn gälte eben so oder so: Nicht lange reden: machen. «Und im Notfall sagen: Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück».

  • Ein Leben in Genossenschaft

    Ein Leben in Genossenschaft

    Der «Höngger» trifft sich mit Yvonne Brand vor der Bäckerei Frankental – bis man ihre Wohnung im hinteren Teil der Siedlung erreicht hat, hat man unweigerlich kennengelernt, wer gerade unterwegs ist: Da ein «Hoi Yvonne», dort ein «wie gaht’s?», es werden Kontakte aufgefrischt und Neuigkeiten ausgetauscht – man kennt sie und sie kennt alle beim Vornamen. Nach wenigen Metern ist das Genossenschaftsgefühl bereits greifbar. «Ja», bestätigt sie, «wenn man will, kann man hier alleine sein, und wenn man Gesellschaft sucht, findet man sie ganz leicht, zum Beispiel im Café <Quartier Beck> vorne» und nimmt damit einen zentralen Punkt des folgenden Gesprächs vorneweg. Yvonne Brand (1955) ist in der GEWOBAG-Siedlung Frankental aufgewachsen. Als junge Frau zog sie mit Mann und zwei Kindern nach Rümlang in eine Einfamilienhaussiedlung. 1989, nach der Scheidung, zog sie zurück ins Frankental, dessen «Genossenschafts-Groove» sie in Rümlang vermisst habe, wie sie sagt. Nun mussten sich ihre Kinder zuerst an die Regeln der Genossenschaft gewöhnen – genau jene, mit welchen ihre Mutter aufgewachsen war und die sie schätzen gelernt hatte: Abends die Spielsachen draussen zusammenräumen und die Fahrräder versorgen? Wer machte das schon rund ums Einfamilienhaus? Diese Strukturen und Werte, welche ihr wichtig waren, kannten ihre Kinder nicht. «Die Regeln taten mir als Person immer schon gut. Sie wirken auch verbindend, weil sie für alle gleich sind – etwas, das man heute oft vergisst». Und aus dieser Verbundenheit heraus habe sich auch viel Gutes ergeben. Zum Beispiel, dass sie, damals als eine der ersten Alleinerziehenden, nach der Arbeit auch mal habe mit Verspätung nach Hause kommen können: Vor der Türe seien die Schulsachen ihrer Kinder gelegen und sie wusste beruhigt, dass sie irgendwo in der Siedlung am Spielen waren. Und man übernahm selbstverständlich gegenseitig Hütedienste. Auch Brands Eltern wohnten noch in der Siedlung, wie auch heute oft mehrere Generationen einer Familie im Frankental wohnen. «Und viele, die als junge Erwachsene wegziehen, kommen mit Familien zurück», weiss Brand. Sie selbst wohnt heute fast wieder in der gleichen Wohnung wie als Kind und blickt auf die haushohe Tanne, die einst kaum grösser als sie selbst war und auf die man natürlich nicht habe klettern dürfen. «Als wir damals im Jahr 1961 einzogen, waren die Wohnungen noch nicht ganz fertig. Die Balkone waren noch nicht unterteilt und wir durften mit unseren kleinen Velos die ganzen Längen abfahren», erinnert sie sich. Es sei einfach alles die totale, uneingeschränkte Freiheit gewesen und voller Kinder. Draussen auf den Garagenvorplätzen habe man dauernd Spiele gespielt und in der Umgebung «Versteckis» und «Räuber und Poli». «Es war das Paradies, und heute sehe ich hier draussen wieder das gleiche Paradies».

    «Nun wollte ich etwas zurückgeben»

    Elf Jahre nach ihrer Rückkehr trat ihr Sohn eine Lehrstelle als Bäcker in Dielsdorf an – Familie Brand entschied sich, nochmals vom Frankental wegzugehen, um «dem Stift» einen kürzeren Arbeitsweg zu ermöglichen. «Drei Jahre später rief ich im Juli wieder der GEWOBAG an – am 1. September konnte ich einziehen». Da sei es für sie klar gewesen, dass sie sie sich in der Siedlungskommission engagieren würde: «Es war Zeit, dieser Genossenschaft etwas von all dem zurückzugeben, was sie mir gegeben hatte». Zum Präsidium kam sie dann wie die Jungfrau zum Kind: Es war vakant und als sie zum ersten Mal als Mitglied der Siedlungskommission an einer Mieterversammlung teilnahm, fasste sie den Auftrag, die Leute zu begrüssen. «Offenbar gefiel das so gut, dass der Genossenschaftspräsident Fredy Schär zu mir kam und mir das Amt der Kommissionspräsidentin anbot. Und ohne meine Antwort wirklich abzuwarten griff er zum Mikrofon, schlug mich den Anwesenden vor und schon war ich gewählt».

    «Wir schauen für den Zusammenhalt in der Siedlung»

    Fünf bis zehn Leute sind in der Kommission, ergänzt durch projektbezogene Helferinnen und Helfern. Selbst in der Genossenschaft ist es nicht einfach, immer genügend Leute für dieses Ehrenamt zu finden. Brand hat dafür Verständnis: «Ich engagierte mich ja auch erst, als meine Kinder grösser waren. Und der Druck, dem man heute in der Arbeitswelt ausgesetzt ist, ist viel höher als früher». Als Leiterin der Geschäftsstelle FRAGILE Zürich, Verein für hirnverletzte Menschen und ihre Angehörigen, weiss sie nicht zuletzt aus dem Umfeld ihrer Klienten, wovon sie spricht. «Dann sich in der Freizeit noch in einer Siedlungskommission zu engagieren, ist viel verlangt». Doch die Kommission ist wichtig, ist es doch an ihr, Impulse zu setzen, damit das genossenschaftliche Zusammenleben funktioniert. Rund
    18’000 Franken stehen ihr jährlich für Mieterversammlungen oder -feste, Jassnachmittage, Ostern und Adventssanlässe, Kinderspiel-Nachmittage, Seniorenausflüge, Mittagessen und einiges mehr zur Verfügung. An die Anlässe kämen meistens zwischen 80 und 120 Personen. Je nach dem, an welcher sie sich wohlfühlen. «Die alten Leute kamen eher nicht ans Kinderfest, also organisierten wir gleich einen Seniorentag.» Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen.

    Aber funktioniert das generationenübergreifende Zusammenleben?

    Yvonne Brand ist kritisch: «Die Wunschvorstellung der Generationendurchmischung in so einer Siedlung existiert auf dem Papier – aber ich glaube nicht unbedingt, dass Jung und Alt ständig zusammen sein wollen. Die Jungen wollen Lärmen und die Alten Ruhe – doch wenn man will, dann kann man zusammen sein. Man muss allen einfach etwas Zeit geben, aber es kann sich etwas entwickeln». Kann, und muss nicht, das sei ihr enorm wichtig: «Es braucht Zeit, bis man den tieferen Sinn einer Genossenschaft erkennt», ist Brand überzeugt, «aber irgendwann lernen alle den Zusammenhalt zu schätzen, dass man sich gegenseitig hilft und beisteht – weil man sich eben kennt».
    Es sei doch einfach schön, wenn eine Mutter arbeiten geht und die andere einfach sagt, «schick doch deine Kinder zu mir, ich bin ja hier». Generell staune sie immer wieder, wie sich die Menschen hier organisieren: «Wer für wen einkaufen geht, oder da ist zum Beispiel bekannt, dass eine alte Dame ihre Zeitung immer vor neun Uhr aus dem Briefkasten holt – liegt sie später noch dort, ist klar, dass jemand nachschaut, ob es der Frau gut geht». Was hier gewachsen ist, muss andernorts von Sozialarbeitern initiiert werden. Einen Unterschied zwischen alten und neuen Bewohnern stelle sie jedenfalls nicht wirklich fest, schon gar nicht ein denkbares Gefälle zwischen den Einkommen und einem möglichen anderen Verhalten oder Bedürfnissen.

    Blick in die Zukunft

    Lange habe sie im Vorfeld dieses Treffens überlegt, ob sie nicht auch einen negativen Punkt zu der Siedlung finde. «Aber abgesehen vom fehlenden S-Bahnanschluss, der ja ganz Höngg fehlt, habe ich keinen einzigen gefunden», sagt sie überzeugt. Sonst sei es das absolute Paradies, auch bezüglich Naherholungsgebieten. Bloss bei den Einkaufsmöglichkeiten stutzt sie etwas, doch das sei ja bald auch kein Thema mehr. Doch auch Yvonne Brand nimmt das Frankental als von Frankentaler- und Limmattalstrasse dreigeteilten Ort war. Relativiert aber: «Die Frankentalerstrasse hatte man noch nie gerne. Von oben kommen die Autos im Vollschuss hinunter und von unten her geben sie den Berg hoch Vollgas». Und so hätten sich die Kinder vom Schwarzenbachweg oder der Siedlungen an der Bombachhalde schon früher kaum gekannt – erst mit dem Schuleintritt habe sich das jeweils durchmischt. «Und dann kamen die anderen meistens zu uns, weil wir hier die besseren Spielplätze hatten und sogar ein Fussballfeld hinter dem letzten Hochhaus». «Natürlich freuen sich heute alle sehr auf die neue Einkaufsgelegenheit gleich auf der anderen Strassenseite», sagt Brand mit Blick auf die neue Nachbarschaft der BSG. Sie wünscht es sich, glaubt aber noch nicht so recht daran, dass die Bewohnenden der Siedlungen sich deswegen viel näherkommen werden oder sogar gemeinsam etwas organisieren: «Niemand hat den Raum, um für alle Kinder der Umgebung zum Beispiel einen gemeinsamen Samichlaus zu organisieren». Das werde sich vermutlich wie früher auch erst mit dem Schuleintritt durchmischen.  Hinzukomme, sinniert Brand, dass die heutige Zeit die Leute schnell voneinander entfremdet: «Es braucht Zeit zu erkennen, dass die Mitmenschen das eigentlich Wertvolle sind und nicht der Job, das Ansehen oder das Geld». Vielleicht, fügt sie an, hat das aber auch einfach mit dem Alter zu tun. «Je älter man wird, desto mehr schätzt man die verbindenden Werte wieder». Und bis dahin lebt Yvonne Brand im Frankental durch und durch vor, was das bedeutet. Ja, es sei ihr Traum hier, sagt sie zum Abschied. Dann lacht sie: «auch wenn ich mich manchmal schon frage, ob das sein könne, dass ich, die so gerne reist, fast mein ganzes Leben lang dieselbe Wohnadresse habe». Beim Reisen gelte ihr, je weiter je schöner – aber sie freue sich auch immer mehr auf das Heimkommen. Unterdessen war man wieder bei der Bäckerei angelangt – wie lange ihr Heimweg wohl gedauert hat?

  • «Wohnen mit Stadtblick»

    «Wohnen mit Stadtblick»

    1951 wurde die von der Frankentalstrasse gegen den Bombach führende Sackgasse nach einem alten Hönggergeschlecht «Schwarzenbachweg» benannt. Im selben Jahr erstellte die 1946 gegründete Bau- und Siedlungsgenossenschaft Höngg (BSH) an dieser Strasse die Siedlung Bombach mit 20 Häusern und 94 Wohnungen. Seit den 50er Jahren haben sich die Wohnansprüche der Mieter stark verändert: Wo sich früher mehrköpfige Familien wenige und kleine Zimmer teilten, wollten bald keine Ehepaare mit Nachwuchs mehr einziehen. Irgendwann gab es in der Höngger Siedlung der BSH kaum noch Kinder, die Genossenschaft überalterte. Obwohl die Bausubstanz der Häuser aus den 40er Jahren noch intakt war, waren die Grundrisse nicht für ein verdichtetes Bauen geeignet. Eine Sanierung erwies sich nach einer Analyse aus wirtschaftlichen Gründen als nicht sinnvoll, weshalb man beschloss, die alten Häuser in zwei Etappen abzureissen und durch Neubauten zu ersetzen. Der Grundstein für die Wohnüberbauung «Wohnen mit Stadtblick», ein Wurf der Architekten Steib & Gschwentner, wurde 2014 gelegt (der «Höngger» berichtete am 28. April 2014). Drei Häuser, ein Kindergarten und ein Hort wurden im vorletzten Jahr fertiggestellt und von den Genossenschaftern bezogen. Zwei weitere Häuser, eine Coop Filiale mit 1000 Quadratmetern sowie eine Kinderkrippe sollen im kommenden Herbst zum Einzug bereit sein. Neu umfasst die Siedlung dann 161 Wohneinheiten zu 1,5 bis 5,5 Zimmern. Ein Neubau bedeutet immer auch ein Ansteigen der Mietpreise, das war im Fall der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Höngg nicht anders: Während man in den alten Bauten für eine 4-Zimmer-Wohnung mit 75 Quadratmetern 900 Franken zahlte, liegt die Miete für eine 3,5-Zimmer-Wohnung im Neubau je nach Lage bei 1550 Franken – die Wohnung ist allerdings 85 Quadratmeter gross. «Es zeichnet sich aber ab, dass die Baukosten tiefer ausfallen werden, als budgetiert, deshalb konnten die Mietpreise im Januar bereits zum ersten Mal gesenkt werden», sagt Claudio Bolliger, Vorstandsmitglied der BSH.

    Durchmischung erwünscht

    Bereits nach der ersten Etappe hat sich die Mieterstruktur in der Siedlung stark verändert: Es sind junge Familien eingezogen, aber auch Alleinerziehende, Senioren und Doppelverdiener ohne Kinder. Vorstandsmitglied Claudio Bolliger beobachtet, dass die Familien der Arbeiterklasse weggezogen sind und heute vermehrt Menschen aus dem Mittelstand in der Genossenschaft wohnen. Die Genossenschaft weist ausserdem 35 von der Stadt subventionierte Wohnungen sowie 13 geplante Alterswohnungen aus. «Die Attika 4,5 Zimmer-Wohnungen sind mit 3000 bis 3400 im Vergleich zwar etwas teurer, ermöglichen es uns aber, die restlichen Wohnungen günstiger anzubieten», erklärt der Schreiner, der mit seiner Familie schon seit 26 Jahren in der BSH Siedlung lebt. Das Gefälle zwischen gutverdienenden Paaren in den Attikas und alleinerziehenden Mietern einer subventionierten Wohnung ist gross, könnten sich daraus Spannungen innerhalb der Genossenschaft ergeben? «Die Auswahl der <richtigen> Mieter ist immer eine Herausforderung», wägt Bolliger ab, «in den alten Häusern gab es manchmal deswegen Probleme. Wir verlassen uns auf unser Bauchgefühl und versuchen den Leuten auch zu erklären, was es bedeutet, in einer Genossenschaft zu wohnen. Dass man einerseits ein Mitspracherecht hat, aber andererseits auch Rücksicht aufeinander nimmt. Bei 161 Wohnungen wird es aber immer Mieter geben, die einfach nur günstig wohnen möchten und keine Zeit für ein aktives Engagement in der Genossenschaft haben».

    Ein Dorf für sich

    Früher gab es in der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Höngg eine Siedlungskommission, die Ausflüge und Anlässe mit und für die Bewohnenden organisierte, doch in den vergangenen Jahren waren diese immer seltener geworden. Der im letzten Jahr neu gewählte Vorstand ändert dies nun: Im September hatte ein einberufenes Organisationskomitee anlässlich der 70 Jahre BSH ein Jubiläumsfest organisiert, unter dem Motto «Früher und Heute». Das Ziel war das Zusammenbringen der Bewohner aller Siedlungen – das sei hervorragend gelungen. «Nach langer Zeit fand zudem im Dezember wieder ein Samichlaustag statt, die Organisatoren haben das super hingekriegt», schwärmt Bolliger. Auch die BSH-News wurden wieder ins Leben gerufen und es wird geprüft, an den Eingängen einen Bildschirm für aktuelle Informationen anzubringen, die vom Verwaltungsbüro aus eingespiesen werden können. «Im November wollen wir pro Haus einen Apéro organisieren, damit sich die Nachbarn kennenlernen. Im Frühling 2018 soll es dann ein Einweihungsfest für alle Bewohnerinnen und Bewohner geben». Man konzentriert sich schon in erster Linie auf die eigene Siedlung und kommuniziert nicht oft mit umliegenden Hauseigentümern oder Genossenschaften. «So eine Siedlung ist meist ein Dorf für sich», meint Bolliger «aber wenn jemand in Not ist, kann man sich immer an andere Genossenschaften wenden, da hilft man sich gegenseitig aus».

    Ein trauriges Ereignis überschattete die Bautätigkeiten der Genossenschaft: Ein 41-jähriger portugiesischer Bauarbeiter verunglückte auf der Baustelle im Frankental tödlich. Die BSH wird in seinem Andenken einen Gedenkstein in der Siedlung errichten.

  • «Ich bin glücklich hier»

    «Ich bin glücklich hier»

    «Nein, nein, lassen Sie die Schuhe ruhig an! Ich putze später sowieso». Frau Drescher, die freundliche Dame mit kurzen, weissen Haaren, ist nicht kompliziert. Seit über 40 Jahren lebt sie in der Bau- und Siedlungsgenossenschaft und will hier auch bleiben «bis sie mich mit den Füssen voran hinaustragen», wie sie mit einem verschmitzten Lächeln sagt. In der grosszügig geschnittenen 2,5 Zimmer-Wohnung ist es warm und hell, auf dem Tisch stehen frische Blumen und in Kistchen auf dem Balkon wächst Nüsslisalat – oder «Rapunzel», wie man in Thüringen sagt, wo die Pensionärin ursprünglich herkommt. Gleich gegenüber ist die 2. Bauetappe der Bau- und Siedlungsgenossenschaft in vollem Gange, «aber wenn die Fenster zu sind, hört man davon eigentlich fast nichts», meint sie. Wahnsinnig neugierig sei man gewesen, was es Neues gäbe, man habe es sich gar nicht richtig vorstellen können, auch wenn man die Pläne ja gesehen und über das Modell abgestimmt hatte. Etwas skeptisch sei sie schon gewesen, schliesslich konnte es bereits in den alten Häusern mit nur sechs Parteien zu Spannungen kommen, wenn es um die Waschküche oder das Putzen ging, wie würde das erst mit so viel mehr Menschen werden? «Doch meine Bedenken waren bald zerstreut, ich bin angenehm überrascht», meint sie zufrieden und legt ihre gepflegten Hände auf die Tischdecke.

    Das waren noch Zeiten

    Als sie 1974 für eine Arbeitsanstellung in der Hauspflege, damals noch dem Frauenverein unterstellt, nach Höngg kam, suchte sie als Alleinerziehende mit ihrem zwölfjährigen Sohn eine Bleibe. «Beim Vorstellungsgespräch zeigte der damalige Präsident viel Verständnis für meine Lage», erzählt sie, «aber gerade sei keine Zweizimmerwohnung frei, ob ich nicht drei Zimmer haben wolle. Ich entgegnete, ich hätte nur 400 Franken zur Verfügung, worauf er sagte: <Dafür kriegen Sie bei uns fast eine Fünfzimmerwohnung>. Also habe ich mich bei der Genossenschaft angemeldet». Eine Woche später konnte sie bereits eine Wohnung anschauen gehen und zog wenig später ein. Damals galt noch die Auflage, dass einer Mutter mit Sohn eine Dreizimmerwohnung zur Verfügung gestellt wurde, während sich eine Frau mit einer Tochter zwei Zimmer teilen musste, da man davon ausging, dass die beiden Frauen im selben Raum schlafen können. Im ersten Moment sei es ein Schock gewesen, die Wohnung sei ziemlich runtergekommen gewesen. «Die Genossenschaft hat dann im Wohnzimmer neue Tapeten machen lassen, bei den beiden Schlafzimmern musste man noch mit Radiergummi ran, bis sie in den 90er Jahren auch neu tapeziert wurden». Es gab ein altes Küchenbuffet bis rauf zur Decke, aber keinen Kühlschrank. Dafür einen Kasten unter dem Fenster, darin waren Röhren, die es durch die kalte Aussenluft im Winter ordentlich kühl hielten und es im Sommer wenigstens etwas weniger heiss werden liessen. Die selbständige Frau wusste sich zu helfen: Vom Geld, das sie dank der tiefen Miete sparte, kaufte sie sich einen Kühlschrank und liess auch ein paar Stromleitungen legen – in den Zimmern hatte es gerade einmal zwei bis drei Steckdosen. Immerhin gab es schon ein Badezimmer mit Badewanne. Einige Jahre später wurden die Wohnungen schliesslich mit Einbauküchen versehen und der Boiler kam auch raus. Wenn man am Abend vergass, den Schalter am Herd auf «Boiler» umzustellen, hatte man am nächsten Tag kein warmes Wasser. «Alles war sehr einfach, aber halt auch günstig», erinnert sie sich. Man hatte «Ämtli» im Haus, die heute ein Hauswart erledigt. Treppenhaus putzen, Schnee schaufeln, Laub fegen. «Der Zusammenhalt war gut in der Genossenschaft, man hat sich für die Gemeinschaft engagiert, sogar die Kinder folgten dem Beispiel. Wenn jemand krank war, machte man einen Krankenbesuch». Eine Zeit lang ging das Gemeinschaftliche etwas verloren, aber heute sei das Verhältnis unter den Genossenschaftern wieder gut. «Und wenn man in einem Haus zusammenlebt, muss man immer Kompromisse machen. Nur bei der Ordnung ist es wichtig, dass das nicht aus dem Ruder läuft, in den gemeinschaftlich genutzten Räumen. Aber man sollte grosszügig sein können, wenn man auch nicht immer mit allem einverstanden ist».

    Zuversicht gewinnt

    Dass sich das Frankental stark verändert hat, ist der lebhaften Dame natürlich nicht entgangen, «aber, wenn man immer hier wohnt, fällt einem das nicht so stark auf, man wächst ja mit». Zum verdichteten Bauen hat sie eine pragmatische Einstellung: «Es braucht nun mal Wohnungen. Der Bodenpreis ist teuer und gleichzeitig kann man auch nicht jedes Stücklein Erde verbauen. Also muss man in die Höhe», sagt sie, als wäre das nun wirklich nicht so schwer zu verstehen. Noch gebe es in Höngg genügend alte Wege, auf denen sie gerne spazieren gehe. Und natürlich den Hönggerberg. «Wir sind mit dieser Lage wirklich sehr privilegiert. Ich bin sehr glücklich hier», sagt Frau Drescher. Sie, die sich als kleines Mädchen in Deutschland noch vor Luftangriffen fürchten musste, ist heute über ein frisches Mittagessen genauso entzückt wie über die erste Blume im Frühling. Das Jammern liegt ihr nicht. «Ich halte es wie meine Grossmutter, die immer sagte: <Geht einmal eine Türe zu, geht irgendwo bestimmt ein Fenster auf>». Diese Zuversicht hat sie sich zu eigen gemacht und bis ins hohe Alter bewahrt. «Die Neugierde und interessante Gespräche mit Bekannten und Freunden halten mich jung», resümiert sie, «und im <Dorf>, wie ich immer noch sage, wird uns wirklich viel geboten. Da muss niemand alleine bleiben, wenn er oder sie nicht will. Nur rausgehen muss man selber. Von nichts kommt ja bekanntlich nichts». Sagt’s und stellt sich in die Küche. Heute gibt es Kefen mit Poulet.

  • An Hönggers Grenze

    Als der Marchstein zwischen der Grafschaft Baden und Zürich aufgestellt wurde, gab es im heutigen Frankental vor allem Wiesen, Wald, Sumpf und einen Bach. Trotzdem war hier einiges los: 1443 versuchten die Eidgenossen via Limmatübergang in Baden von dieser Stelle her über die Stadtgrenze zu gelangen. Ohne Erfolg. Damals brannte es vorne im Dorf bereits. Später, im Zuge der Französischen Revolution, ging es noch heisser zu und her, aber dies ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll ─ oder in der Höngger Ortsgeschichte nachgelesen werden kann. In jedem Fall fanden auch die geplagten, reichen Stadtzürcher Gefallen an der sonnigen und naturnahen Lage des Rebbauerndorfes Höngg und bauten ihre Sommerresidenzen im Quartier. Es handelte sich um Herrschaftshäuser mit zahlreichen Zimmern und Umschwung, eines der ersten war das Herrenhaus in (Ober-) Eggbühl, wo heute das Suchtzentrum Frankental ansässig ist. Auch dort, wo die Stadt später das Pflegezentrum Bombach errichtete, befand sich früher ein Landsitz mit Herrenhaus und einem Festsaal, in dem eine Orgel Platz fand. Während des 2. Weltkrieges diente das Gut «Bombach» als Unterkunft des von der Künstlerin Sasha Morgentaler gegründeten «Frauenhilfsdienstes». In den 50er und 60er Jahren kaufte die Stadt Land und liess viele Gebäude abreissen, Genossenschaften bauten, ein Bauboom begann.

    Verkehr bestimmt das Ortsbild

    Lange war die Frankentalerstrasse nichts weiter als ein schmaler Fahrweg, für den Schwerverkehr ungeeignet und deshalb gesperrt. Die Strecke Zwielplatz bis Wartau wurde 1856 neu gebaut, während zeitgleich die Zürcherstrasse (heute Limmattalstrasse) erweitert wurde. 32 Jahre später fuhr zum ersten Mal ein Tram vom Escher-Wyss-Platz bis zur Wartau. Mit der Verlängerung der Linie bis zur Stadtgrenze Frankentalweg im Jahr 1954 und der Namensgebung der Endhaltestelle (Frankental) begann wohl auch die Bezeichnung des ganzen Gebietes als «Frankental», während vorher damit nur das Tälchen mit Bach und Frankenbühl gemeint war. Im «Höngger» vom 23. Mai 1969 wurde das Projekt einer vierspurigen Umfahrung diskutiert: «Im Modell sollte die Umfahrung die Funktion einer Sammelstrasse ausüben, welche den Raum Rütihof erschliesst» und das Zentrum beim Meierhofplatz entlastet, heisst es dort. Geplant war, im Rütihof eine Siedlung für 7000 Menschen anzulegen. Schon damals äusserte man Bedenken, dass die vorgeschlagene Lösung keine wirkliche Entlastung für das Zentrum bringen würde. Nichtsdestotrotz begann am 28. August 1970 der Bau der Umfahrungsstrasse. Zwar wurde die Bautätigkeit aus finanziellen Gründen kurzfristig unterbrochen, doch schon am 20. Dezember 1972 wurde die neue Franketalerstrasse dem Verkehr übergeben. Am 4. Mai 1973 schrieb ein Leser der Höngger Zeitung: «Die Frankentalerstrasse hat eine gewisse Erleichterung gebracht, das spürt man schon. Aber sonst ist alles beim Alten».

    Quellen: Beat Frey, Ortsmuseum. Höngger Ortsgeschichte, Georg Sibler. Höngger Archiv.

  • Schöner wohnen im Alter

    Schöner wohnen im Alter

    Als anfangs des letzten Jahrhunderts immer mehr Menschen zum Leben in die Stadt kamen, wurde die Wohnsituation in Zürich prekär. Besonders die Arbeiterklasse und ältere Menschen hatten schon damals Schwierigkeiten, bezahlbaren Wohnraum zu finden. 1950 beschloss der Gemeinderat die Gründung der Stiftung Wohnführsorge für betagte Einwohnerinnen und Einwohner, die später zur heutigen SAW wurde. Der Ansturm war gross und in den ersten 30 Jahren entstanden 16 neue Siedlungen. Heute zählt die Stiftung über 2000 Wohnungen verteilt auf 34 Standorte. Einer davon liegt im Frankental. Hier sind 89 Menschen in 1 bis 3,5 Zimmer-Wohnungen Zuhause. Die Häuser aus den 60er Jahren weisen eine gute Bausubstanz auf und wurden 1993 saniert. Auf Anfrage sagte Isabel Baumberger, Verantwortliche Kommunikation SAW, dass im Moment für die Frankentaler Siedlung keine Planungsprojekte vorlägen. «Sollte sich das ändern, werden die Mieterinnen und Mieter in jedem Fall zwei Jahre vor Baubeginn informiert und können vorübergehend in einer anderen Siedlung untergebracht werden».

    Neben günstigen Wohnbedingungen bietet die SAW einen 24-Stunden Spitex-Pickett-Dienst, Wäscheservice, ein Pflegebad und Gemeinschaftsraum mit Küche, einen Aussensitzplatz und sogar Gästewohnungen an. Weitere Informationen: www.wohnenab60.ch

  • Höngg ist nicht gebaut

    Höngg ist nicht gebaut

    Wer sich den Katasterplan von Höngg anschaut sieht vor allem eines: Massenhaft kleine Parzellen, in denen sich heute noch mehrheitlich die ursprünglichen Rebbau- oder Landwirtschaftsflächen erkennen lassen: Sehr viele, aber kleine Grundstücke, die grösstenteils in Privatbesitz sind. Wie entwickelt sich ein solches Gebiet? Nach welchen Regeln wurde oder wird es erstmals bebaut? Wer gibt vor, was wo erlaubt ist? Gibt es so etwas wie einen Masterplan für ein Gebiet wie Höngg? Oder wird einfach nach den Bedürfnissen der Landbesitzenden oder des Marktes gebaut? Und nach welchen Kriterien werden alte Gebäude abgerissen und durch neue ersetzt? Offensichtlich ist, dass in Höngg seit geraumer Zeit eine rege Bautätigkeit eingesetzt hat. Da werden die letzten Parzellen oder Lücken überbaut, dort alte Gebäude und teils ganze Siedlungen abgerissen und, stark verdichtet, neu aufgebaut. Die Höngger «Skyline» ist im Umbruch.

    Hönggs Bevölkerung wird immer jünger

    Auch die Bevölkerungsstruktur verändert sich, wobei sich die Frage nach dem Huhn oder dem Ei stellen liesse. Ein Blick auf die Erhebungen von «Statistik Stadt Zürich» beweist jedenfalls: Höngg verjüngt sich (siehe Abbildung). Vergleicht man die Zahlen von 1995 mit jenen von 2015, so sieht man, dass die Altersgruppe 0 bis 9 Jahre gemessen an der Gesamtbevölkerung von 7,96 auf 10,34 Prozent zugelegt hat. Nur geburtenstarke Jahrgänge? Nein, denn im gleichen Zeitraum sind die Altersgruppen 10 bis 19 und 20 bis 29 ziemlich stabil geblieben, während die vermutlichen Eltern der Gruppe 0 bis 9 markant zugenommen hat: Bei den 30- bis 39-jährigen von 16,11 auf 18 Prozent und bei den 40- bis 49-jährigen von 13,89 auf 15,34 Prozent. Es zogen also in den diesen zwölf Jahren vermehrt Familien nach Höngg. Höngg sei überaltert, heisst es seit Jahren hartnäckig. Davon ist definitiv Abschied zu nehmen: Die Altersgruppen ab 50 nahmen kontinuierlich ab: die 50- bis 59-jährigen von 14,43 auf 12,3 Prozent, die 60- bis 69-jährigen von 13,03 auf 9,89 Prozent und die 70- bis 79-jährigen von 9,84 auf 8,85 Prozent. Erst die Generation 80-plus verzeichnete dank den gestiegenen Lebenserwartungen wieder einen Anstieg von 5,77 auf 6,81 Prozent. Die Bevölkerungsverjüngung und weil viele der Bauten aus den «Höngger Jahren des Baubooms» ein sanierungsbedürftiges Alter erreicht haben oder demnächst erreichen werden, führen dazu, dass Höngg «nicht gebaut ist» – und überdies wurde Ursula Kochs Aussage vom 16. März 1988 kaum je vollständig zitiert, denn im Originalmanuskript lautete es: «Die Stadt ist gebaut. Sie muss nicht neu- sondern umgebaut werden. Umgebaut zu einem lebenswerten Zürich, mit hohen urbanen Qualitäten». Zürich hat seither diesen Weg eingeschlagen und bereits sehr weit realisiert. Ganz Zürich? Nein, in Höngg macht man sich gerade erst an diesen Prozess. Ersetzt man «Zürich» in Ursula Kochs Satz durch «Höngg» und erlaubt sich aus ihrem «urbanen» noch ein «dörflich-urbanen» zu machen, dann sieht man schnell, dass Höngg tatsächlich nicht gebaut ist. Wohin die Reise wohl geht? Wer hat sie gebucht und wer leitet sie?

  • Alles spricht Bio

    Am Mittagstisch der Redaktion des «Hönggers» lassen sich die verschiedensten Essgewohnheiten beobachten: Es gibt den Resteverwerter, den Picknicker, die Gesundheitsbewusste und die, die das Tupperware immer zuhause liegen lässt und notfallmässig zur Fertigsuppe greift. Irgendwann stellte jemand die Gretchenfrage «Nun sag, wie hast du’s mit Bio?». Die Diskussion darüber führte uns zum Fokus-Thema der aktuellen Ausgabe. Wie immer stand am Anfang eine Unbekannte: «Wer sind die eigentlichen Nutzniesser der zunehmenden <Biologisierung> des Sortiments im Detailhandel»? Haben die Bauern am Ende auch etwas vom Aufpreis, den wir im Laden bezahlen? Wer bauert in Höngg überhaupt noch und wer davon führt einen Bio-Betrieb? Und wieso? Überhaupt: War Höngg nicht einmal ein Bauerndorf? Wo sind all die Landwirte hin? Ist Bio wirklich gesünder und was hat es mit all diesen Labels auf sich? Fredy Haffner und ich haben viel gelernt, einige Antworten gefunden und noch mehr Fragen entdeckt. Vielleicht kann der eine oder andere Artikel als Diskussionsöffner für Ihren Mittagstisch herhalten, denn es ist noch lange nicht alles gesagt. Uns würde das natürlich sehr freuen.

    Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!
    Patricia Senn, Redaktorin

  • Geht die Knospe auf?

    Geht die Knospe auf?

    Viele private Bauern gibt es in Höngg heute nicht mehr: Da ist Markus Willi-Bosshard auf dem Käferberg, Alfred Meier im Rütihof. Und der Wein- und Obstbau Wegmann im Frankental. Drei verschiedene Betriebe, drei verschiedene Geschichten.

    Der Idealist

    Alfred Meier ist ein Anhänger der Biobewegung der ersten Stunde. In den frühen 80er Jahren begann er eine biologisch-dynamische Ausbildung auf einem Demeterhof, welche er nach einem Jahr abbrechen musste, weil sein Vater ihn auf dem Familienbetrieb im Rütihof brauchte. Den Hof führt der Bauer nun in der vierten Generation. Doch der Anfang war nicht leicht, der eigene Vater wirtschaftete noch konventionell, «auch nicht intensiv, eher traditionell, so wie die anderen Landwirte in der Gegend, die es auch noch von ihren Vätern so gelernt hatten», erzählt Meier. Für die biologischen Ideen seines Sohnes hatte er damals nicht viel Verständnis, es kam häufig zu Disputen. Der Widerstand gegen die biologische Landwirtschaft war damals noch gross, man wusste auch nicht viel darüber. Es brauchte viel Idealismus, man führte endlose Diskussionen, einige Male wäre das Projekt fast gescheitert. Als er zum ersten Mal mit vier, fünf Tonnen Getreide zur Annahmestelle in Niederhasli fuhr, gab es kein separates Silo für Bio-Weizen, also füllte er bis nachts um zwölf Uhr eigenhändig Säcke ab, um sicherzustellen, dass die Ware nicht mit der konventionell hergestellten vermischt wurde. Als biologisch-organischer Betrieb braucht es organischen Dünger, also schafften sie damals sogenannte Ammenkühe an, welche genug Milch für zwei bis drei Kälber hergaben. Schnell wurde daraus eine kleine Herde, die der Jungbauer noch von Hand melkte. Nach einem Jahr investierte man schliesslich in eine Melkmaschine. Ab den 90er-Jahren gründeten sich immer mehr Bio-Organisationen und die Gesellschaft wurde sensibilisierter auf das Thema. Lange arbeiteten Alfred Meier und seine Frau Helga ohne Label, aber als der nachbarschaftliche Gutsbetrieb Sonnenberg in Unterengstringen nach einem Pächterwechsel auf Bio umstellte, liessen sich die Meiers auch zertifizieren. Das erleichterte die Zusammenarbeit, zum Beispiel konnten allfällige Futterüberschüsse von den Betrieben übernommen werden. Weiter konnten die verschiedenen Arbeitsgeräte wie Traktoren, Maschinen und Anderes gegenseitig ausgeliehen werden. Denn Bio heisst ja nicht, dass man keine Maschinen oder andere Hilfsmittel verwenden darf. Es sind einfach andere Hilfsmittel, die zum Teil aber auch erst entwickelt werden mussten, erklärt Meier. Mittlerweile verfügt der letzte verbliebene Bauer im Rütihof über 14 Hektaren Grünland ─ seit 1988 hat er den Boden nicht mehr beackert und keinen Kunstdünger mehr verwendet ─ eine Schafherde, eine Hobbyhaltung mit Geissen und eine Herde von zwölf Mutterkühen der Rasse Angus. Diese haben jeweils ein Kalb, aktuell ist noch ein Stier zu Besuch. Mit zehn Monaten kommen die Kälber zum Nachbarn, der sie ausmästet, denn dafür hat es auf dem Hof der Meiers keinen Platz, wenn die neuen Kälber zur Welt kommen. Gefüttert werden die Tiere mit Gras, Heu und Silage. Zukaufen muss er biologische Mineralstoffe, Salz und Stroh. «Die schottischen Angus Rinder sind sehr robust, fleischlastig und hornlos und deshalb ideal für eine biologische Haltung». Besonders stolz ist das Ehepaar auf die grosse Hochstammanlage, welche 2007 in Zusammenarbeit mit Grün Stadt Zürich gepflanzt wurde und die teilweise bereits Früchte tragen. Im Jahr 2014 kamen auf Anfrage der Mosterei Brunner (Steinmaur) weitere 90 Exemplare, hauptsächlich Mostbirnensorten dazu, so dass ein stattlicher Obstgarten von insgesamt 160 Bäumen entstand. Alfred und Helga Meier sehen diesen als einen Beitrag an die Allgemeinheit, an künftige Generationen. In einem zusammenhängenden Hochstamm-Obstgarten können neue Ökosysteme entstehen, vielleicht gibt es in Zukunft einmal einen Steinkauz oder Wiedehopf. Auch die selbstgepflanzte Hecke, die das Land einrahmt, erfüllt eine Funktion der sogenannten ökologischen Vernetzung. «Die Direktzahlungen sind für Biobauern etwas höher, aber das sollte nicht allein Anreiz sein, um umzustellen», betont Meier nochmals, «es braucht viel Idealismus, der Aufwand ist einfach viel grösser und reich wird man davon ohnehin nicht».

    Der Pragmatiker

    Etwas anders verlief es für Landwirt Markus Willi. Um die Zukunft seines Betriebs längerfristig sichern zu können, nahm er 2008 die Chance wahr, den Nachbarbetrieb der Stadt Zürich zu pachten und damit seine bewirtschaftete Fläche auf 45 Hektare zu verdoppeln. Dies ermöglichte ihm, den Tierstand zu erhöhen ─ er ist Milchbauer. Doch ein Jahr später erhielt er die Auflage von Grün Stadt Zürich, seinen Hof nach den organisch-biologischen Richtlinien der Bio Suisse umzustellen. Damals traf ihn diese Entscheidung sehr, denn er war ein überzeugter Vertreter der Integrierten Produktion (IP Suisse) und hatte selber Kühe gezüchtet, die hohe Leistungen erbringen konnten, ohne es übertreiben zu wollen. Von der Stadt hätte er sich gewünscht, dass diese von Anfang an mit offenen Karten gespielt hätte. Sein Widerstand trug keine Früchte, die betriebliche Umstellung erfolgte 2009, zwei Jahre später erhielt er das Knospen-Zertifikat von Bio Suisse. Doch selbst der Dachverband der Schweizer Knospe-Betriebe hielt es nicht für richtig, dass man einen Bauern zum organisch-biologischen Anbau zwingt, erfuhr er an einem der Pflichtkurse des Verbandes. Schliesslich blieb ihm aber nichts anderes übrig, er musste auch im eigenen Kopf umstellen. Der Stall selber musste nicht einschneidend verändert werden, da die Richtlinien zum Tierwohl auch bei IP Suisse streng sind. Heute produziert Bauer Willi zum grössten Teil Gras, in den Konservierungsformen Silage und Heu, um die Versorgung seiner Tiere zu gewährleisten, welche von Frühling bis Herbst täglich auf der Weide stehen. Danach folgt Mais und Winterweizen, bevor schliesslich wieder Gras angesät wird. Diese Fruchtfolge einzuhalten ist wichtig, damit der Boden nicht einseitig ausgelaugt wird, es ist nicht erlaubt chemisch-synthetische Nährstoffe hinzuzufügen. Doch es gibt auch organische Zusätze wie Biogasgülle, die er vom Biogaswerk in Otelfingen bezieht. Das sei ein Kompromiss, denn auch bei dieser Gülle könne man nicht sagen, dass sie 100 Prozent rein sei, wie ohnehin nichts auf dieser Welt völlig frei von Schadstoffen sein könne, meint Willi. Aber man könne viele Sachen gut und vor allem bewusst machen. Man dürfe ihn nicht falsch verstehen: Er sei sehr gerne Bauer und je länger er biologisch wirtschafte, desto klarer würden auch die Vorteile. Nur gäbe es für ihn eben auch Grenzen. Wenn Vorschriften nur deshalb verschärft würden, damit sich ein Biolabel von den anderen Zertifizierern abheben, und bei den Konsumenten besser punkten könne, fehle ihm dafür das Verständnis. Ein solcher Fall ist für ihn die doppelte Absetzfrist, die vorgibt, dass ein Produkt eines mit Antibiotika behandelten Tieres anstatt fünf Tage zehn Tage lang nicht genutzt werden kann. Er macht ein Beispiel: Angenommen eine Kuh hat eine Euterentzündung: Erst behandelt man sie mit einer Salbe und mit Homöopathie. Wenn es gar nicht besser wird, muss man zur Schulmedizin greifen, sprich zu Antibiotika. In der Sperrfrist von fünf Tagen nach der Behandlung darf die Milch natürlich nicht verkauft werden. Die längere Absetzfrist bedeutet für den Bauer aber nun, dass er zehn Tage lang Milch wegschütten muss. «Das leuchtet mir einfach nicht ein. Ich denke, dass die Pharmaindustrie sich absichert, und mit den fünf Tagen bereits eine längere Frist vorgibt, als effektiv nötig wäre», meint der Landwirt. Etwas skeptisch stimmt ihn auch, dass die durch den biologischen Anbau entstehenden Ertragseinbussen oft mit billigen Importprodukten kompensiert würden. «Aber ich glaube auch nicht, dass man zum Beispiel den heutigen hohen Fleischkonsum nur mit Bioprodukten abdecken kann».

    IP aus Überzeugung

    Der dritte private landwirtschaftliche Betrieb gehört der Familie Wegmann im Frankental. Bereits in zweiter Generation führen sie ihren Hof nach den Richtlinien der IP-Suisse, Daniel Wegmanns Vater und Rebbauer war Ende der 60er Jahre einer der Pioniere gewesen, die anfingen mit Nützlingen und Schadschwellen zu arbeiten. Dennoch erlauben die Auflagen der IP-Suisse auch den Einsatz von Kunstdünger, wo es Sinn macht und begründet werden kann, nach dem Credo «so wenig wie möglich, so viel wie nötig». Eine der Hauptschwierigkeiten sei die Vielseitigkeit seines Betriebs, erklärt Daniel Wegmann: Wollte der Betrieb auf Bio umstellen, müsste man sich auf eine Kultur beschränken. Ausserdem fürchtet er, dass die Glaubwürdigkeit bei den Kunden leiden würde, weil er sein Obst mit biologischen Pflanzenschutzmitteln öfter behandeln müsste. Doch er ist dem biologisch-organischen Anbau gegenüber nicht verschlossen: Seit er im Jahr 2000 seine Meisterprüfung gemacht hat, beschäftigt er sich immer wieder mit der Thematik. Die Entscheidung, weiterhin bei IP-Suisse zu bleiben, war komplex, aber aufgrund der Machbarkeit für ihn die richtige. Was ihn stört, ist, dass die IP-Richtlinien in der Öffentlichkeit und den Medien heutzutage als Standard dargestellt werden, obwohl sie in Wirklichkeit bereits viel weitergehen als die konventionelle Landwirtschaftsverordnung.

    Komplexer als Gut und Böse

    Im Gespräch mit den Bauern wird schnell klar: Das Thema Bio ist vielschichtig und emotional aufgeladen. Biologischer Landbau ist aufwendig bei geringerem Ertrag, ohne viel Idealismus sind gewisse Rückschläge teilweise kaum zu ertragen. Aber selbst wenn der Wille da wäre, steht manchmal die Machbarkeit einer Umstellung im Wege. Auch gibt es neben der Art des Anbaus noch andere Kriterien, die man berücksichtigen könnte: So stellt sich zum Beispiel die Frage, ob Bio immer Vorrang hat oder ob Regionalität manchmal wichtiger ist. Allein an diesem Beispiel zeigt sich die Komplexität des Themas, welches hier sicherlich nicht abschliessend behandelt wurde. Aus diesem Grund betreiben die Höngger Bauern auch Öffentlichkeitsarbeit und laden die Quartiereinwohner zu verschiedenen Anlässen auf ihren Hof ein. Wer kann, sollte diese Einladung einmal annehmen und sich ein paar Minuten mit ihnen unterhalten. Es könnte lehrreich sein.

  • Bio boomt, doch kaum in Bauers Portemonnaie

    Bio boomt, doch kaum in Bauers Portemonnaie

    Der Verkauf von Bio-Produkten entwickelt sich in der Schweiz rasant und hat, seit das Thema «Nachhaltigkeit» die gesellschaftlichen und politischen Debatten prägt, noch zugenommen. Dazu beigetragen haben auch zahlreiche, wiederkehrende Lebensmittelskandale, auch wenn diese bei den Konsumentinnen und Konsumenten kaum nachhaltige Wirkung zeigen – wie schnell doch Rinderwahnsinn und schockierendes Filmmaterial aus Geflügelställen in Vergessenheit geraten, ist beunruhigend. 2015 wuchs der Bio-Markt trotz Frankenstärke und Einkaufstourismus, wie Bio Suisse, der Dachverband der Schweizer Knospe-Betriebe, an der Medienkonferenz 2016 bekannt gab: «Der Umsatz stieg um 5,2 Prozent auf 2,323 Milliarden Franken und erreicht mit 7,7 Prozent den bisher höchsten Marktanteil». Umgerechnet wurden also pro Kopf 280 Franken für Bio-Produkte ausgegeben. 6031 Produzenten bewirtschafteten total 137’000 Hektar Land biologisch, Tendenz weiter steigend – doch das sind noch immer lediglich 12.8 Prozent der gesamten Landwirtschaftlichen Nutzfläche.

    Der Umsatz steigt und steigt

    Dass Bio im Trend ist, zeigen auch die Zahlen der beiden Schweizer Grossshändler Coop und Migros, die zusammen drei Viertel des Bioumsatzes erzielen, gefolgt von Biofachgeschäften wie zum Beispiel «Canto Verde» oder «Terra Verde» in Höngg. Coop sagt von sich selbst, man habe «der Bio-Landwirtschaft in der Schweiz zum Durchbruch verholfen». Seit der Einführung der ersten Produkte1993 ist das Angebot auf rund 2000 Artikel in allen Sparten gewachsen. In den letzten zehn Jahren konnte Coop den Bio-Umsatz verdoppeln, 2015 lag er bei 1,1 Milliarden Franken. Doch das sind nur knapp über vier Prozent des Gesamtumsatzes der Coop-Gruppe von 26.9 Milliarden. Coop bleibt deshalb ehrgeizig: «Wir setzen weiterhin konsequent auf die Knospe und wollen den Bio-Umsatz bis 2025 verdoppeln», sagt Coop-Mediensprecherin Andrea Bergmann. Auch die Migros, mit Bioprodukten zwei Jahre nach Coop ins Rennen gestiegen, verzeichnet seit der Lancierung der ersten Produkte 1995 ein stetes Wachstum – von 35 Millionen 1996 auf 681 Millionen im 2015. «Wo die Grenzen von Bio liegen ist kaum abzuschätzen», teilt Mediensprecherin Monika Weibel mit.

    Die Partner geben sich zurückhaltend

    Doch wer verdient eigentlich an Bio? Bekommen die Bauern für die im Laden durchgängig teurer angebotenen Bio-Produkte auch mehr? Von den Bauern hört man hinter vorgehaltenen Händen, dass die Grossverteiler keine angemessenen Preise bezahlen würden, dies mit dem Hinweis, dass die Kunden zu grosse Preisunterschiede nicht akzeptieren würden. Also fragte der «Höngger» die Grosshändler nach Vergleichszahlen, zum Beispiel für ein Kilo Kartoffeln. Bei Coop hält man sich bedeckt: «Wir kommunizieren aus Konkurrenzgründen generell keine Einkaufszahlen», heisst es da schlicht. Auch die Migros will keine Zahlen nennen und schreibt: «Bei den Rohstoffpreisen halten wir und unsere Partner uns an die Richtpreise der Bio Suisse», und man möge doch bitte dort nachfragen.

    Die kleinen Unterschiede

    Stephan Jaun, Leiter Unternehmenskommunikation Bio Suisse, nennt die verfügbaren Zahlen. Wobei dies auch nur Richtpreise sind und im Markt starken Schwankungen unterliegen. In seiner Antwort weist er aber auch als Erstes darauf hin, dass man von den Produzentenpreisen nicht auf das Einkommen der Bauern schliessen könne, denn oft seien die Erträge im Biolandbau tiefer und die Produktionskosten höher als auf konventionellen Betrieben: «So muss zum Beispiel die Arbeit für die im Biolandbau aufwendigere Unkrautregulierung finanziert werden, insofern schafft die Bioproduktion meist die Möglichkeit zu mehr bezahlten Arbeitsstunden auf dem Betrieb, bringt aber nicht à priori höhere Arbeitsverdienste», so Jaun. Anhand der angefragten Vergleichsbeispiele ergeben sich folgende Zahlen: Für ein Kilo Rindfleisch, Schlachtgewicht, also das Gewicht eines ganzen geschlachteten Rindes ohne Innereien und Haut, bekommt der Bauer gemäss Bio Suisse 9.80 Franken, sein konventionell arbeitender Kollege 9.18 Franken. Das scheint sehr wenig, gemessen an den Mehrkosten und Mindererträgen, die dem Bauer entstehen. Bei den Kartoffeln sieht es zumindest auf den ersten Blick besser aus: Die beliebten «Charlotte» verkauft der Bio-Bauer für knapp einen Franken pro Kilo an den Handel, für konventionell angebaute gibt es rund 55 Rappen. Hier, so Jaun fast entschuldigend, gälte es zu beachten, dass die Erträge pro Hektare im Bio-Anbau um einiges tiefer lägen, der Bauer also nicht einfach das Doppelte verdiene. Selbiges gilt auch bei Weizen, dessen Richtpreis für das Verkaufte Korn pro Kilo bei 1.06 Franken für Bio-Qualität und 52 Rappen für konventionellen Anbau liegen.
    Bei der Milch ist es noch etwas komplizierter und wegen den vielen möglichen Abnehmern irgendwo zwischen Grossverarbeitern wie Emmi und einer kleinen Landkäserei auch unübersichtlich. Im November 2016, so zeigt eine Statistik, erhielt der Bauer für «Industriemilch» – als solche wird Milch bezeichnet, die nicht für die Käserei bestimmt ist – pro Kilo 55.56 Rappen und für Biomilch 80.37 Rappen.

    Der Bauer verdient kaum mehr

    Die Zahlen zeigen, dass ein Grossteil des Mehrpreises, die Konsumentinnen und Konsumenten im Laden für Bio-Produkte bezahlen, wohl beim Zwischenhandel hängen bleibt, obwohl dort nicht ersichtlich ist, dass gegenüber konventionell angebauten Produkten irgendwelche Mehrkosten für Vertrieb oder Lagerung anfallen würden. Hier mangelt es der Branche an Transparenz. Während die Hinweise von Bio Suisse auf die Mehrarbeit und die Mindererträge der Bio-Bauern, mit denen die nicht übermässig höheren Produzentenpreise gerechtfertigt werden, fast übertrieben entschuldigend wirken. Aus Konsumentensicht müsste man deshalb, wenn immer möglich direkt beim Bauern einkaufen – doch das ist der Allgemeinheit dann doch wieder ungefähr so zu aufwendig, wie sich den letzten Lebensmittelskandal in Erinnerung zu rufen.

    Unter www.knospehof.ch finden Konsumenten Direktvermarkter und Wochenmärkte in ihrer Nähe.