Autor: tka_admin

  • Aus alt mach trendy!

    Ich betrachtete kürzlich einen Artikel über die häufigsten Vornamen der Neugeborenen 2017 – und musste stutzen. Auf dem vierten Platz war tatsächlich mein Name! Der Vorname Lina konnte sich demzufolge gegen Julias, Saras oder Lauras behaupten. Als ich auf die Welt kam, sah das noch sehr anders aus. Ich lernte in meinen achtzehn Jahren gerade einmal eine Lina kennen, die in einem ähnlichen Alter wie ich war. Die restlichen Linas waren Grossmütter oder Urgrossmütter. Der Lina-Trend blüht also nach mehreren Jahrzehnten wieder auf. Für mich heisst das: Mit 25 habe ich eine Horde achtjähriger Namensgenossinnen. Allgemein habe ich das Gefühl, eine Menge alter Trends scheinen sich wieder neu in unserer Gesellschaft zu etablieren. Leute in meinem Alter kaufen sich jetzt wieder Plattenspieler und hören Bob Dylan oder The Beatles. Vor diesem Trend, muss ich eingestehen, bin auch ich nicht ganz verschont geblieben. Aber es ist nicht nur die Musik, in der Mode wird das Alte ebenfalls wieder aufgegriffen. Man könnte meinen, gewisse Leute bedienen sich am Kleiderschrank der Eltern: Schlaghosen, Plateauschuhe, Bomberjacken und Birkenstock-Sandalen sind jetzt wieder «in».
    In der Politik gibt es dieses Phänomen natürlich auch. Toni Bortoluzzi, der gerade als neuer Vize-Präsident der SVP Zürich gewählt wurde, greift zum Beispiel ganz gerne auf alte Ansichtsweisen zurück. Der ehemalige Nationalrat bezeichnete Homosexuelle in einem Interview als «Fehlgeleitete» mit «unnatürlichem Verhalten». Oder er findet, dass kleine Kinder ausschliesslich zu Hause betreut werden sollten. Seine Erklärung ist zwar nicht retro, dafür umso absurder: In der Krippe sinke der IQ eines Kindes. Es gibt aber ebenfalls positive Comebacks, wie das Einstehen für Klimaschutz. Ereignisse wie der Öl-Schock der 70er-Jahre, der saure Regen, der Chemieunfall von Schweizerhalle oder die Atomkatastrophe von Tschernobyl und Fukushima haben immer wieder zu öffentlichen Protesten und Demonstrationen geführt. Dazwischen wurde es ruhiger um die Themen, mit den Klimastreiks kommt nun eine neue grüne Welle.
    Das Wiederaufgreifen von alten Trends gibt es schon lange, die Renaissance bediente sich ja beispielsweise auch ganz ungeniert an früheren Trends – sie könnte eigentlich als erste grosse «Retro-Welle» bezeichnet werden. Solche Wellen wird es wohl immer geben, und man kann sie nie wirklich voraussagen. Wer weiss: Vielleicht rennen in ein paar Jahren plötzlich ganz viele kleine Rosmaries, Ursulas und Hans-Uelis herum!

    Lina Gisler, Praktikantin beim «Höngger»

  • Vom Offizin zur Apotheke

    Vom Offizin zur Apotheke

    Der Begriff «Apotheke» leitet sich vom griechisch-lateinischen «apotheca» ab, dem Wort für «Lager» oder «Magazin». Die Geschichte der Apotheker ist eng mit jener der Pharmazie, also mit der Wissenschaft der Herstellung von Heilmitteln, verbunden. In alten Kulturen lag das Wissen um die heilende Wirkung von Pflanzen und anderen Ingredienzien in den Händen von Schamanen und Kräuterfrauen, später in jenen von Mönchen und Nonnen: Bereits der um 820 entstandene Klosterplan von St. Gallen sah einen Arbeitsort für den Klosterapotheker vor, das «armarium pigmentorum». Ab dem frühen Hochmittelalter, also ab Mitte des 11. Jahrhunderts, ist in Europa bezeugt, dass auch Ärzte sich mit diesem Teilgebiet der Heilkunde befassten, wie das historische Lexikon der Schweiz berichtet (siehe Infobox «Quellen»). In anderen Teilen der Welt war man indes viel weiter, und so gelangten ab dem 11. Jahrhundert, speziell aus dem arabischen Raum, neue Rezepturen nach Europa.
    1241 erliess Kaiser Friedrich II. eine Medizinalordnung, welche die Kontrolle der Apotheker durch die Obrigkeit verfügte, sie zur Führung eines Arzneibuches und einer Gebührenordnung verpflichtete und erstmals die Tätigkeiten von Ärzten und Apothekern trennte.
    Auch in der Schweiz, wo in Genf und Basel um 1270 erste Apotheken dokumentiert sind, zeigte dieser Erlass Wirkung. Zwischen 1309 und 1321 wurde in Basel – man ist versucht zu sagen «wo denn sonst» – der Basler Apotheker-Eid verfasst. Andere Städte folgten innert Kürze mit ähnlichen Regelungen, welche feste Medikamentenpreise vorschrieben, die Ausbildung reglementierten, Formelsammlungen sowie die Inspektion der Offizien – wie ab dem späten Mittelalter Werkstätten bezeichnet wurden, die hochwertige Waren produzierten – vorschrieben.

    Apotheker waren einflussreich

    Apotheker waren in Zünften organisiert, in Zürich ab 1336 und bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts in der Safranzunft. Somit bestimmte das Zunftwesen die Ausbildung: Das hiess in der Regel eine drei- oder mehrjährige Lehrzeit, anschliessend Gesellenjahre – allenfalls auf Wanderung – und zum Schluss das Meisterstück und die Prüfung. Doch bei den Apothekern erteilte erst die Obrigkeit die Zulassung zur Berufsausübung. So war dazumal der Apotheker in erster Linie reiner Handwerker, wie Dr. Ursula Hirter-Trüb, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für die Geschichte der Pharmazie (SGGP) dem «Höngger» berichtet: «Er stellte nur Arzneimittel her, ohne wie heute Kundschaft zu beraten. Er musste sich um die Rohstoffe kümmern und war gemäss der geltenden ‹Pharmacopoe›, dem Arzneimittelbuch, verpflichtet, die Rohstoffe vorrätig zu haben, was zu jener Zeit kostspielig war». So hätten die Apotheker die Kräuter auch selber im Garten gezogen und auf dem Estrichboden getrocknet, oder sie zählten auf vertrauenswürdige Kräuterlieferanten, «Kräuterweiber», und kauften, was ihnen fliegende Händler an exotischen Kräuter anboten.
    Zu Beginn sei die Kundschaft nur durch Guckfenster bedient worden, so Hirter-Trüb, erst mit der Zeit habe sich der Innenraum der Apotheke zur Offizin entwickelt, wo die Kunden auf ihre Arznei warteten. Meistens war das ganze Apothekerhaus genutzt: Im kühlen Keller wurden die Tinkturen und Essenzen gelagert, im ersten Stock lebte die Familie, im zweiten Stock waren Kräuterkammer und das Glas- und Rohstofflager, der Estrich diente zum Trocknen der Kräuter. Das dabei gesammelte Wissen fasste zum Beispiel der Zürcher Hannes Minner im 15. Jahrhundert im ältesten bekannten Werk über Heilpflanzen in der Schweiz zusammen. Doch nicht nur wissenschaftlich waren die Apotheker jener Zeit sehr einflussreich: Die Familie Schwarzmurer, die 1350 die erste Apotheke Zürichs gründete, betrieb einen regen transalpinen Grosshandel mit verschiedensten Produkten, was sie auch gesellschaftlich und politisch sehr einflussreich machte.

    Vom Handwerk zur universitären Disziplin

    Ab der Renaissance, also im 15. und 16. Jahrhundert, kam Bewegung in die Arzneimittellandschaft, und die Apotheken festigten ihren Stand weiter: Neue Heilpflanzen aus Amerika wurden eingeführt, die ganze Botanik wurde erneuert, Herbarien entstanden und neue, von den Theorien des Paracelsus beeinflusste spagyrische Medikamente kamen zum Einsatz. Später dann, während der Aufklärung, wurde Nützliches von Unnützem getrennt und zwei Arzneibücher erschienen: 1771 die Basler «Pharmacopoea Helvetica», sie wurde vor allem vom Berner Arzt Albrecht von Haller zusammengestellt. Sie wurde nie als offizielle Pharmacopoe anerkannt, aber ist ein Zeitzeugnis der Medizin jener Zeit. 1780 folgte ihr die «Pharmacopoea Genevensis». Dies zeigt, wie damals Apotheken auch wissenschaftliche Bildungsstätten waren und Forschung betrieben. Erst ab 1797 übernahmen auch in der Schweiz nach und nach Hochschulen diese Funktionen. Als die Wissenschaften im 19. Jahrhundert mehr und mehr unterteilt wurden, wurde 1843 auch der Schweizerische Apothekerverein gegründet. Erst jetzt waren die Apotheker von den Zünften unabhängig. Auch die Pharmazie war nun Teil der universitären Ausbildungen, bis 1877 allerdings nur als Ergänzung zur handwerklichen Ausbildung ausgerichtete Vorlesungen in Botanik, Chemie und Arzneikunde. Erst später schrieb das Bundesgesetz eine akademische Ausbildung vor. Ab Ende des 19. Jahrhunderts hielten synthetische Medikamente Einzug, die chemische Industrie florierte und die Fertigarzneimittel ersetzten nach und nach die in den Offizinen der Apotheken hergestellten Medikamente – der Beruf des Apothekers wandelte sich mehr und mehr vom Hersteller zum wissenschaftlich ausgebildeten Berater. 1865 erschien die «Pharmacopoea Helvetica», das dannzumal hier massgebende Arzneibuch. Seit 1964 beteiligt sich die Schweiz an der Bearbeitung der «Pharmacopoea Europea». Beide Arzneibücher werden laufend überarbeitet und immer die neuste Ausgabe ist in der Schweiz gültig.

    Die Situation «auf dem Land»

    Allgemein war im Spätmittelalter und weit darüber hinaus die Zahl der Apotheken nirgends obrigkeitlich beschränkt. Auf dem Lande wurde die Tätigkeit des Apothekers indes, ausser in Klosterapotheken, kaum ausgeübt. Später wurde in gewissen Städten die Zahl der Apotheken limitiert, so durften um 1860 in Basel nur deren acht betrieben werden. Die Gewerbe- und Handelsfreiheit kam erst um 1880 auf. «Durch die Limitation kam eine Apotheke nur in neue Hände, wenn diese verkauft wurde oder eine Wittfrau eines Apothekers wieder einen Apotheker heiratete», berichtet Hirter-Trüb. Und was heute noch zu Diskussionen führt – dazu mehr in einem der Folgeartikel – war schon früher nicht unproblematisch: Die schweizerische Eigenart, in vielen Kantonen die Selbstdispensation der Ärzte zuzulassen. «Für Apotheker», so Hirter-Trüb, «war es nicht attraktiv, in ländlichen Gegenden eine Apotheke zu gründen». Wie gelesen unterstand der Apotheker seit dem 15. Jahrhundert vielen qualitativen Regularien, welche kostspielig waren. Man denke nur an den gesetzlich vorgeschriebenen Vorratszwang: Teure Ware musste hergestellt werden, wurde dann aber nicht verschrieben und vergammelte. Versicherungen gab es dafür keine. Vielleicht war da das Betreiben einer Drogerie eine Alternative, mutmasst Hirter-Trüb: «Was hatte eine Drogerie vor 150 Jahren im Sortiment? Neben Kräutern auch Tinkturen, Elixiere und Salben, Seifen, Spirituosen, Tabak, Kosmetika, Lampenöl, Leim, viele technische Stoffe, die es heute gar nicht mehr gibt und welche der Apotheker selten vertrieb. Kräuter waren in ländlichen Gegenden bestimmt auch ein Thema, obwohl dort die Familien noch wussten, wie man sich in Krankheiten behalf, weil das die einzig bezahlbare Möglichkeit war – Ärzte wie Apotheker waren teuer».

    In Höngg von einer zu deren vier

    In der 1918 erschienenen «Geschichte der zürcherischen Pharmazie» von Emil Eidenbenz, in der er unter anderem die Eröffnungen der «Landapotheken» kurz nach der Jahrhundertwende beschreibt, ist keine Apotheke in Höngg erfasst. Man kann also daraus schliessen, dass es in Höngg damals noch keine Apotheke gab. Was es jedoch gab, waren zwei Drogerien: Die ältere Dorfbach-Drogerie von Alfred Kunz, heute im Hönggermarkt, und die Moosweg-Drogerie von Thomas Müller an der Zürcherstrasse 82, der heutigen Limmattalstrasse 124. «Moosweg» hiess bis zur Eingemeindung 1934 der heutige Schwertweg, der gleich neben dem Haus vorbeiführt. Beide Drogerien waren übrigens Inserenten im ersten Erscheinungsjahr des «Hönggers», der damals noch «Korrespondenzblatt» hiess.
    Wann genau die Drogerie auch zur Apotheke wurde, ist zunächst unklar. Anhand der Inserate im «Höngger» ist dies aber spätestens ab Dezember 1930 der Fall. 1932 kaufte der Apotheker Heinrich Briner das Haus der Erbengemeinschaft Müller ab und führte es als Drogerie und Apotheke. Sein Sohn Felix erinnert sich: «Das Ladenlokal war in zwei Hälften getrennt, jeder mit eigener Ladentüre, um den Unterschied der beiden Geschäftszweige anzudeuten». Die Trennung wurde bei einem Umbau 1947 aufgehoben und auf den Verkauf von typischen Drogerieartikeln wurde verzichtet, beide Schaufensterseiten trugen fortan den Schriftzug «Apotheke Höngg».
    40 Jahre führte Heinrich Briner die Apotheke. 1972, mit 69, fand er es an der Zeit, die Leitung abzugeben. Sein Sohn Felix hatte indes bereits in Basels pharmazeutischen Industrie Fuss gefasst, und so beschloss der Familienrat den Verkauf. «Am 15. Mai 1972 übernahm Dr. Elisabeth Schaerer, die langjährige Chef-Apothekerin des Waidspitals, die Apotheke Höngg», so verabschiedete sich Briner per Inserat im «Höngger». 1984 verkaufte Schaerer ihrerseits an Beatrice Jaeggi-Geel, diese zog 1992 – die Lage nahe der Haltestelle «Schwert» an der Limmattalstrasse war etwas ins Abseits geraten – an den Meierhofplatz. 2015 verkaufte sie ihr Geschäft an die Rotpunkt-Gruppe, und diese fusionierte die Apotheke mit der Drogerie Parfümerie Hönggermarkt an deren Standort.

    Limmat Apotheke

    Die Limmat-Apotheke an er Limmattalstrasse 242 wurde 1956 von der Apothekerin Marianne Felber gegründet. Das Gebiet rund um die Wartau war damals ein «neues Aussenquartier der Stadt». 1981 erfolgte die Übernahme durch Christine Demièrre, wie ihre Vorgängerin in einem Inserat im «Höngger» bekanntgab. Unterstrichen wurde der Wandel durch einen kompletten Umbau. 2001 konnte das angrenzende Ladenlokal dazu gemietet werden. Im Jahr 2009 wurde die Limmat-Apotheke Mitglied der Rotpunkt-Gruppe, und 2016 verkaufte Christine Demièrre ihre Apotheke an Moritz Jüttner.

    Apotheke zum Meierhof

    1957 wurde mit der Planung des Neubaus Rebstock am Meierhofplatz begonnen, für den dann das altehrwürdige Restaurant Rebstock und seine Nebengebäude weichen mussten. Am 12. Juli 1962 wurde der Neubau eröffnet, ein «Einkaufszentrum» mit Kino – und Karl Vogel eröffnete seine Apotheke zum Meierhof, der damals zweiten überhaupt in Höngg. Zehn Jahre später übernahm sein Sohn Urs das Geschäft und dieser wiederum verkaufte es per 1. März 2003 an Rolf Graf. Seit August 2010 gehört die Apotheke ebenfalls zur Rotpunkt-Gruppe.

    Apotheke Im Brühl

    Als letzte kam im April 1990 die Apotheke Im Brühl dazu, als Gerald Welbergen sein Geschäft, von der Konkurrenz wegen der damals noch nicht so prominenten Lage mit Skepsis beobachtet, neu eröffnete. Welbergen hatte das Potential dieser Lage aber richtig erkannt. Anfang 2000 wurde bereits modernisiert und 2016 gleich nochmals. Im Jahr zuvor war Welbergen in Pension gegangen und hatte die Apotheke an die Rotpunkt-Gruppe verkauft. Geschäftsführerin ist seither Susanne Wolf, die nach dem Studium in Graz aus der Steiermark nach Höngg kam.

    Stichwort Rotpunkt
    Die Rotpunkt-Pharma AG wurde 2001 gegründet und hat heute 105 selbstständige Mitglieder in 15 Kantonen. Sie zeichnet sich nebst ihrem Kerngebiet auch durch ihr soziales Engagement aus: einen grossen Anteil der anfallenden Konfektionierungsarbeiten lässt sie von der Vebo Werkstatt Oensingen ausführen und hilft so mit, Arbeits- und Ausbildungsplätze für Menschen mit Behinderung zu sichern.
    Der Höngger Zünfter, Dr. Rudolf Andres, ist Verwaltungsratspräsident und Geschäftsführer der Rotpunkt-Pharma AG.

    Quellen:
    Historisches Lexikon der Schweiz, www.hls-dhs-dss.ch, «Apotheker» von Hans-Rudolf Fehlmann und «Pharmazie» von François Ledermann.
    Dr. Ursula Hirter-Trüb, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für die Geschichte der Pharmazie (SGGP).
    Felix Briner, Reinach
    Wikipedia

    Dieser Artikel ist Teil einer Serie, die finanziell durch die vier Höngger Rotpunkt-Apotheken und Drogerien unterstützt wurde. Die Artikel wurden ohne redaktionelle Einschränkungen erstellt.
    Nächster Artikel: 11. April, «Impfen: Was, wann und wo?»

  • «Unter Denkmalschutz» ist kein Zufallsentscheid

    «Unter Denkmalschutz» ist kein Zufallsentscheid

    Ein Missverständnis sei gleich geklärt: Denkmalschutz ist nicht gleich Heimatschutz (siehe Infobox). Dieser Verwechslung unterlag – zugegeben – auch die Redaktion des «Hönggers» und verhaspelte sich manchmal in der Begriffswahl, als sie dieses Fokusthema zu bearbeiten begann. Doch das ist nur eines von diversen Missverständnissen – um nicht zu sagen «Vorurteilen» – welche sich um die Denkmalpflege ranken.
    Warum werden Gebäude überhaupt geschützt? Eine 2012 vom Amt für Städtebau herausgegebene Broschüre hält fest, dass Gebäude «Informationen speichern: Sie erinnern an die städtebauliche, politische, kulturelle, soziale oder wirtschaftliche Vergangenheit und prägen damit die Identität der Stadt und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner».
    Schön geschrieben, doch was bedeutet dies in der Praxis? Der «Höngger» traf sich mit Stefan Gasser, Bereichsleiter Archäologie und Denkmalpflege des Stadtzürcher Amtes für Städtebau, um diese Frage zu klären. Gasser zeigt sich als Mann, der seine Arbeit auch im Kontext zu übergeordneten Fragen sieht, wenn er sagt: «In einer Zeit, wo in Zürich so viel gebaut wird, müssen wir uns Gedanken machen, was die Identität von Zürich baulich ausmacht. Die Schonung des Kulturlandes und die Verdichtung in der Stadt sind sehr wichtig, das soll aber mit Sorgfalt und mit Weitblick gemacht werden».

    Gesetzlich geregelter Auftrag

    Das kantonale Planungs- und Baugesetz (PBG) verpflichtet in Paragraph 203 die Stadt, ein Denkmalinventar zu führen, in dem alle Objekte bezeichnet werden, die möglicherweise schutzwürdig sind. «Schutzobjekte», heisst es dort, «sind Ortskerne, Quartiere, Strassen und Plätze, Gebäudegruppen, Gebäude und Teile sowie Zugehör von solchen, die als wichtige Zeugen einer politischen, wirtschaftlichen, sozialen oder baukünstlerischen Epoche erhaltungswürdig sind oder die Landschaften oder Siedlungen wesentlich mitprägen, samt der für ihre Wirkung wesentlichen Umgebung».
    Kompliziert genug, was sich auch in der Auslegung dieses Gesetzestextes zeigt. «Bei einem neu erstellten Gebäude bildet man sich zwar schnell eine Meinung dazu, ob es einem gefällt oder nicht», so Gasser, «aber ob es ein wichtiger baulicher Zeuge ist, kann erst mit einer gewissen zeitlichen Distanz von mindestens einer Generation entschieden werden».
    Daher muss das Denkmalinventar regelmässig überarbeitet werden. Dabei schaut man die ganze Stadt an, nimmt dann aber nicht zwingend aus jedem Quartier etwas ins Inventar auf. Letztmals wurden vor sechs Jahren 81 jüngere Bauten, alle zwischen 1960 und 1980 erbaut, inventarisiert.
    Eine Inventarergänzung wird von der Fachstelle Inventarisation zuhanden des Gesamtstadtrates vorgeschlagen. Dieser entscheidet dann, ob ein Objekt in das Inventar kommt oder nicht. Dafür, erzählt Gasser, nehme sich der Stadtrat Zeit und schaue sich Objekte auch mal vor Ort an. Obwohl keine Pflicht besteht, ist die Stadt seit einiger Zeit dazu übergegangen, die Hauseigentümerschaft bereits über die Inventarisierung brieflich zu informieren.
    Dagegen Einsprache erheben können sie nicht, denn das Denkmalinventar ist nur für Behörden verbindlich und kann deshalb nicht angefochten werden. Und es hat für die Eigentümerschaft auch noch keine unmittelbare Rechtswirkung. Es bedeutet nur, dass bei geplanten baulichen Veränderungen – vom kleinen Eingriff bis hin zum Abriss – auch die Denkmalpflege vorgängig informiert werden muss.

    Schutzwürdig, schutzfähig und verhältnismässig?

    Erst bei einem konkreten Projekt wird dann geprüft, ob ein Objekt oder Teile davon unter Schutz gestellt werden sollen – oder auch, ob das Objekt aus dem Inventar entlassen werden kann. Beide Entscheide fällt letztlich der Stadtrat. Er lässt sich dabei auch von seiner Denkmalpflegekommission beraten. Diese setzt sich aus sechs stimmberechtigten, verwaltungsexternen Fachleuten und sechs Mitglieder der Verwaltung zusammen, die nur beratende Stimme haben. Präsident ist immer der Vorsteher des Hochbaudepartementes, derzeit André Odermatt, und die Geschäftsführung übt Martina Jenzer, Leiterin Inventarisation Denkmalpflege, aus.
    Das Gremium arbeitet nach klaren Kriterien, geleitet von drei Grundfragen: Ist ein Gebäude schutzwürdig, repräsentiert es also zum Beispiel einen bestimmten Baustil oder eine Zeitepoche? Zweitens wird angeschaut, ob ein Haus auch schutzfähig ist, also ob es baulich überhaupt noch in einem erhaltbaren Zustand ist und seine vorgesehene Nutzung auch für heutige Bedürfnisse erfüllen kann. Und letztlich muss auch noch die Verhältnismässigkeit einer Unterschutzstellung gegeben sein. Auf diesen drei Standbeinen nimmt der Stadtrat eine Güterabwägung vor, in der er alle öffentlichen und privaten Interessen gegeneinander abwägen muss. Er muss also zum Beispiel sowohl auf die ökonomischen Interessen der Eigentümerschaft wie auch auf heute so wichtige ökologischen Anliegen Rücksicht nehmen.

    Entscheid und Rekursrecht

    Hat, was auch vorkommt, nicht schon die Hauseigentümerschaft den Wunsch nach einer Unterschutzstellung gestellt, entscheidet also der Stadtrat und nicht die Denkmalpflege, ob ein Objekt geschützt oder ob es aus dem Inventar entlassen wird. Beides muss amtlich publiziert werden, und ab diesem Moment haben die Hauseigentümerschaft und die Nachbarschaft ein Rekursrecht. Hinzu kommt im Kanton Zürich das Verbandsbeschwerderecht des Heimatschutzes, von dem dieser bei Inventarentlassungen nicht selten Gebrauch macht. Akzeptiert eine Partei den Entscheid des Baurekursgerichts nicht, so kann sie das Urteil ans Verwaltungsgericht und schliesslich ans Bundesgericht weiterziehen.

    Von der Baueingabe bis zur Bauabnahme

    Ist eine Liegenschaft im Inventar oder gar unter Schutz, müssen Umbaupläne im Rahmen des normalen Baubewilligungsverfahrens auch der Denkmalpflege vorgelegt werden. Ebenfalls, wenn das Objekt in einer Kernzone liegt (siehe Infobox). Stefan Gasser rät, dies möglichst frühzeitig, also vor der Baueingabe zu tun: «Bei uns arbeiten gut qualifizierte Fachleute, die für Inventar- und Schutzobjekte eine kostenlose Beratung mit wertvollen bautechnischen Tipps anbieten. Wenn alle Aspekte frühzeitig besprochen werden, gibt es fast immer eine gute Gesamtlösung, die für alle stimmt». Den Konsens betont Gasser immer wieder. Dieser werde auch unter den Zuständigen der Denkmalpflege gesucht: Für jeden Stadtkreis ist jemand zuständig, für den Kreis 1 mehrere, und damit man sich in grundsätzlichen Fragen nicht zu weit unterscheide, gelte das Vieraugenprinzip und man treffe sich regelmässig zu Fallbesprechungen.
    Bei einem Schutzobjekt überprüft die Denkmalpflege natürlich genau, ob der Schutzumfang eingehalten ist, von der Baueingabe bis zum Abschluss der Arbeiten.
    Bei einem Inventarobjekt dagegen prüft sie nur, ob die vorgesehene Baumassnahme den Denkmalwert allenfalls gefährdet. «Wenn das nicht der Fall ist», führt Gasser aus, «kann das Baugesuch direkt von der Bausektion bewilligt werden. Im Alltag ist dies weitaus der häufigste Fall. Nur wenn ein inventarisiertes Gebäude stark verändert oder sogar abgebrochen werden soll, braucht es eine formelle Schutzabklärung und einen Entscheid durch den Stadtrat».
    Doch die Denkmalpflege ist ja nicht die einzige involvierte Stelle in einem Baubewilligungsverfahren: Erst aus den Rückmeldungen aller Fachstellen, also auch der Feuerpolizei, des Umwelt- und Gesundheitsamtes sowie des Tiefbauamts erarbeitet das Amt für Baubewilligungen den Bauentscheid, der von der Bausektion, einer Delegation mit drei Stadträten, verfügt wird.

    Konfliktpotential unter Behörden

    Folglich kommt es, gerade bei denkmalgeschützten Bauten, manchmal zu Interessenskonflikten. Was zum Beispiel, wenn die geschützte alte Holztüre nicht heutigen Brandschutzvorschriften entspricht? «Wir pflegen im Baubewilligungsverfahren einen regelmässigen Austausch mit anderen Fachstellen», erläutert Gasser, «gerade bei Schutzobjekten ist es wichtig, dass spezifische Lösungen gefunden werden. Oft kann mit der Feuerpolizei eine massgeschneiderte Lösung gefunden werden. Selbstverständlich geht die Sicherheit der Menschen immer vor. Oder mit Umwelt- und Gesundheitsschutz (UGZ) muss eine Lösung gefunden werden, weil eine schöne Fassade nicht mit einer Aussenwärmedämmung eingekleidet werden kann. Dann wird allenfalls das Dach besser isoliert, um in der Gesamtrechnung die Ansprüche des UGZ zu erfüllen». Nur in seltenen Fällen, wenn auf Stufe der Fachstellen keine Einigung erzielt wird, müsse die Bausektion Widersprüche bereinigen.

    Und bezahlen muss….

    Renovationskosten an denkmalgeschützten Bauten oder Teilen davon sind nicht immer billig. Gerade für Private kann das unangenehme Folgen haben. Doch diese können Beiträge für Restaurierungsmassnahmen beantragen, was mitunter auch ein Grund sein kann, sein Haus überhaupt unter Schutz stellen zu lassen, denn diese Gelder können schon bei der Unterschutzstellung in einem verwaltungsrechtlichen Vertrag gesichert werden. Doch Gasser betont: «Denkmalpflegebeiträge gelten nicht als Entschädigung wegen einer Unterschutzstellung. Die Gerichte haben immer wieder gesagt, dass Eigentümerinnen und Eigentümer im Sinne des öffentlichen Interesses gewisse Einschränkungen in Kauf nehmen müssen. Erst bei einer sehr grossen Werteinbusse durch eine Unterschutzstellung, kann die Bauherrschaft eine Entschädigung von der öffentlichen Hand verlangen».
    Der Zürcher Denkmalpflege steht ein jährliches Globalbudget zur Verfügung, um sich an Renovationen zu beteiligen. Ein Anspruch auf Kostenbeteiligung besteht aber nicht, ausser es wurde bereits in einem verwaltungsrechtlichen Vertrag zugesichert. Ansonsten wird von Fall zu Fall entschieden, und Gasser erzählt das Beispiel eines Freskos, an dessen Renovation sich die Denkmalpflege beteiligte. Bis zu 50 Prozent können die Beiträge ausmachen, nicht an die Gesamtkosten, aber an einzelne Posten.

    Ein Lob an Höngger Bauherrschaften

    «Damit Häuser als Denkmäler eine Geschichte erzählen, müssen sie mit Sorgfalt umgebaut werden», lässt Gasser zum Schluss des Gesprächs seinen Gedanken freien Lauf. «Sie dürfen nicht ausgehöhlt werden und sie sollen möglichst in ihrer gesamten Struktur erhalten bleiben. Genauso wichtig ist aber auch, dass sie sinnvoll genutzt werden können. Häuser sind keine Museen, sondern müssen eine Nutzung haben. Nur so beleben sie ein Quartier und nur so kann der bauliche Unterhalt für die Zukunft gesichert werden. Das bedingt oft auch grosse Eingriffe in die Häuser. Wenn diese gut gemacht sind, können sie auch eine Bereicherung für das Baudenkmal sein. Höngg ist jedenfalls ein schönes, ehemaliges Weinbauerndorf mit vielen engagierten Bauherrschaften, die ganz selbstverständlich ihre historischen Häuser unterhalten und damit zum schönen Ortsbild beitragen».

    Das Inventar kann im Internet abgerufen werden: www.katasterauskunft.stadt-zuerich.ch
    Weitere Artikel zum Thema unter www.hoengger.ch / Archiv / Fokus / Baugeschichte Höngg

    Was ist was?
    Unter dem verkürzten Begriff «Denkmalpflege» werden jene staatlichen Fachstellen mit Gesetzesauftrag zusammengefasst, welche sich dem Erhalt und der Pflege historischer Gebäude, Siedlungen und Anlagen widmen. Bei der Stadt ist die städtische Denkmalpflege beim Amt für Städtebau im Hochbaudepartement angesiedelt. Sie führt das «Inventar der kunst- und kulturhistorischen Schutzobjekte von kommunaler Bedeutung» und ist zuständig für die darin enthaltenen Bauten (ca. 7’000 Objekte auf Stadtgebiet). Sie berät und begleitet Bauwillige bei Inventarobjekten und Projekten in Kernzonen und wirkt beim Baubewilligungsverfahren mit.
    Die «Kantonale Denkmalpflege» ist zuständig für die überkommunalen Inventarobjekte (ca. 270 Objekte auf Stadtgebiet).
    Unter «Heimatschutz» sind die verschiedenen, privatrechtlich organisierten Vereine gemeint, die sich ebenfalls dem Erhalt und der Pflege verschiedenster historischer Kulturgüter widmen.
    Unter dem Dach des Schweizer Heimatschutz (SHS) sind 25 kantonale Sektionen organisiert. Eine davon ist der Zürcher Heimatschutz (ZVH) mit seinen beiden Untersektionen in den Städten Winterthur und Zürich. Im Kanton Zürich hat der Heimatschutz das Verbandsbeschwerderecht. Er kann also, wie aktuell im Fall der Siedlung Friesenberg, gegen die Neubaupläne Rekurs einlegen und bis vor Bundesgericht ziehen. Mit dem Verbandsbeschwerderecht auf kantonaler Ebene (nicht in jedem Kanton) und Bundesebene ist dem Heimatschutz ein wirksames Mittel gegeben, auf konkrete Bauvorhaben Einfluss zu nehmen.
    (Quelle: Zürcher Heimatschutz ZVH)

  • Verhältnisloser Sex

    Liebe Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten, ihr müsst mir da mal was erklären. Ja, ihr Männer der Filmbranche, denn es sind wohl vorwiegend ihr, die das regelmässig verbockt. Also die Frage: Warum gewichtet ihr die täglichen Bedürfnisse der Menschen in euren Filmen und Serien dermassen abseits jeglicher Realität? Also mal unter uns: Warum sind eure Protagonist*innen häufiger beim Sex zu sehen als beim Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen oder auf dem Klo sitzend? In Spitalserien schläft sich die ganze Ärzteschaft durch alle Wäschekammern, doch aufs Klo müssen die nie und selbst im langweiligsten Krimi werden stundenlang Körpersäfte ausgetauscht, aber für kleine Jungs muss nie einer. Warum eigentlich nicht? Weil er Angst davor hat, sich der unangenehmen Wahrheit einer leeren Klopapierrolle zu stellen? Vielleicht müssen die ja echt nie aufs Klo, da mit Kathetern und künstlichen Darmausgängen ausgestattet. Doch auch die müssten ja mal geleert werden. Sorry, falsch, denn getrunken oder gegessen wird in euren Filmen ja auch kaum je. Das reale Leben ist nicht so. Vielleicht früher mal, in Harvey Weinsteins Welt, aber wie man weiss, auch dort nicht allseits freiwillig. Jede Galaxus-Werbung ist mit «Du hast das Leben, wir die Produkte» realistischer als eure Filme – ihr könntet werben mit «Du hast die Realität, wir keine Ahnung davon» (© Frank Frei).
    Natürlich, ich bin ja nicht doof. Und prüde übrigens auch nicht. «Sex sells», das war schon immer so, sonst wären wir ausgestorben. Und es ist mir auch völlig klar, dass die grosse Filmindustrie die Realität auch nicht abbilden muss, weil die grosse Masse der Konsument*innen die gar nicht auf der Leinwand sehen will, denn dreidimensional im täglichen Leben ist sie deprimierend genug. Realität überlässt man lieber diesen Freaks, diesen Dokumentarfilmern und ihrem Publikum, diesen Arthouse-Kinogängern in ihren Birkenstock-Latschen.
    Trotzdem bleibe ich dabei: Wenn ich Sexszenen sehen will, zieh ich mir notfalls einen Porno rein. In allen anderen Filmen aber wünsche ich mir, wenn schon Sex, dann in einem realistischen Verhältnis zum Rest, der das Leben einen Menschen ausmacht. Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen oder auf dem Klo sitzen…

    Es grüsst, via Handy, ja von wo wohl?
    Frank Frei

  • Höngg ist zu 2,34 Prozent denkmalgeschützt

    Höngg ist zu 2,34 Prozent denkmalgeschützt

    Das Haus des Ortsmuseums und die Post stehen unter Denkmalschutz: Zwei Meinungen, die in Höngg ebenso verbreitet wie falsch sind.
    Das Haus «Zum Kranz», am Vogtsrain 2, seit 1977 die Heimat des Ortsmuseums Höngg, wurde 1970 von der Stadt Zürich extra aufgekauft, um einem Enteignungsverfahren vorzugreifen, welches mit der damals geplanten Verbreiterung der Gsteigstrasse wohl unausweichlich gewesen wäre. Kurz gesagt: Die Stadt wollte das aus dem 16. Jahrhundert stammende Haus eigentlich zugunsten des Verkehrsflusses abreissen. Aus heutiger Sicht unglaublich. Erst als man sich das Haus in den folgenden Jahren näher anschaute, erkannte man dessen baugeschichtliche und historische Bedeutung, was es zu einem potentiellen Schutzobjekt machte. Die Bohlen-Ständerkonstruktion des früheren Bauernhauses konnte nach schriftlichen Quellen auf das Jahr 1506 datiert werden. Als das unsägliche Projekt der «neuen Gsteigstrasse» vom Tisch war, wurde das Haus renoviert und zum Ortsmuseum. Dennoch steht es bis heute nicht unter Denkmalschutz, sondern ist lediglich inventarisiert. Dies deshalb, weil die Stadt als Eigentümerin aufgrund der sogenannten «Selbstbindung» nach Paragraph 204 des Planungs- und Baugesetzes bereits verpflichtet ist, ihre inventarisierten Gebäude zu schonen und, wo das öffentliche Interesse überwiegt, ungeschmälert zu erhalten. Deshalb werden Bauten, die im Eigentum der Stadt sind in der Regel nicht formell unter Denkmalschutz gestellt.

    Wenn die Gerüchteküche brodelt

    Dies gilt auch für das Haus an der Regensdorferstrasse 19, wo im Erdgeschoss die Boutique «Il Punto» zu Hause ist. Es zählt zu den sogenannten Baumeisterhäusern und ist das letzte seiner Art an dieser Stelle, nachdem alle anderen, die sich bis gegen den Meierhofplatz hin hier einst aneinanderreihten, abgerissen wurden. Wer sich achtet, erkennt an den dreieckigen Dachaufbauten der Gebäude Regensdorferstrasse 13 bis 15 (CS, Bäckerei Steiner und «Marcello’s») eine Reminiszenz an diese verschwundenen Zeitzeugen. Jedenfalls erhielt die Boutique jeweils nur befristete Mietverträge und «im Dorf» kursierten Gerüchte, die Stadt wolle das Gebäude abreissen und zusammen mit den benachbarten Parzellen, die ebenfalls in ihrem Besitz sind, bis über die Ecke Wieslergasse und dem kleinen Haus Nummer 34 eine Grossüberbauung realisieren. Nur der Garagenbetrieb der Gebrüder Zwicky hätte noch gefehlt (und tut es bis heute), um eine gut bebaubare Parzelle zu haben. Als es die Stadt dann aber unterliess, nach dem Tod von Sattlermeister Pech dessen Grundstück an der Wieslergasse 26 zu erwerben, das ihren Besitz entscheidend ergänzt hätte, wurde es stiller um diese Gerüchte.
    Auf das letzte Haus seiner Art an der Regensdorferstrasse angesprochen, sagt Stefan Gasser, Bereichsleiter Archäologie und Denkmalpflege des Stadtzürcher Amtes für Städtebau, man habe das Haus bei der letzten Inventarergänzung, als es um die sogenannten Baumeisterhäuser ging, angeschaut, dann aber bewusst andere Beispiele für diese Architektur ausgewählt: «Es wurden Gebäude gewählt, die in einem stimmigen historischen Kontext stehen. Das Haus an der Regensdorferstrasse 19 wäre als Baudenkmal hier relativ einsam und deshalb aus denkmalpflegerischer Sicht gegenüber anderen Beispielen weniger interessant». Trotzdem, so fügt er an, wegen der Selbstbindung müsste die Schutzwürdigkeit vor einem Abbruch nochmals beurteilt werden. Dies hat einen Grund: Anfang 2014 wurde eines der letzten und gut erhaltenen Bahnwärterhäuschen auf Stadtzürcher Gebiet abgerissen. Nur beim Bahnhof Wipkingen stehen noch zwei solche. 1886 erbaut und im Besitz der Stadt Zürich hatte es der damalige Stadtrat versäumt, das kleine Haus an der ehemaligen Strecke der linksufrigen Zürichseebahn beim Ulmbergtunnel in das Inventar der Denkmalpflege aufzunehmen. Dieser Fehler führte zu einer Korrektur im Umgang mit städtischen Bauten: Seither muss bei allen Gebäuden im Besitz der Stadt, die abgebrochen werden sollen, routinemässig der Denkmalwert überprüft werden, auch bei Gebäuden, die gar nicht im Inventar aufgelistet sind.
    Doch von einem Abbruch an der Regensdorferstrasse 19 spricht derzeit wohl sowieso niemand, sonst wäre nicht neulich das Dach des Anbaus renoviert worden. Von einem Projekt auf diesem und den angrenzenden Grundstücken, so Gasser, sei ihm überdies nichts bekannt.
    Für Höngg, so die Meinung dieser Redaktion, rät es sich jedenfalls, das Haus im Auge zu behalten und die Bauausschreibungen gut zu beachten, denn es wäre schade, würde es eines Tages weichen müssen.

    Die Zeiten und die Prioritäten ändern sich

    Am Beispiel des Ortsmuseums und der Regensdorferstrasse 19 zeigt sich gut, wie Denkmalpflege auch immer im zeitlichen Kontext zu sehen und zu verstehen ist. Wie sieht dieser heute aus? Oder anders gefragt: Würden die beiden Häuser, die 1977 an der Ecke Riedhofstrasse/Wieslergasse abgerissen und durch einen Parkplatz und die Wertstoffsammelstelle des erz «ersetzt» wurden, heute auch noch weichen müssen, nur um, wie damals lediglich geplant, eine Verbreiterung der Riedhofstrasse zu ermöglichen?
    Das Prinzip, so Stefan Gasser, sei früher wie heute immer das Gleiche: Bei einem geplanten Abbruch muss der Stadtrat eine Güterabwägung vornehmen. Doch die Prioritäten ändern sich: «Zum Beispiel ist der Autoverkehr heute nicht mehr das einzige, alles dominierende planerische Thema. In gewissen Quartieren wird heute der Autoverkehr eher auf Tempo 30 beruhigt, so dass eine nicht zu breite Strasse auch Vorteile haben kann».
    Doch auch die fachliche Einschätzung der Denkmalpflege kann sich im Verlauf der Zeit ändern, so Gasser: «Die Denkmalpflege ist immer Teil der Gesellschaft und handelt, aus der Gegenwart heraus, nach bestem Wissen und Gewissen. So galten etwa noch vor 80 Jahren gründerzeitliche Gebäude, also zwischen 1870 und 1910 erstellte Bauten, meistens im Stil des Historismus, bei Architekturhistorikern als wertlose Massenware. Erst ab 1960 wurde der Wert dieser Häuser erkannt und die Denkmalpflege beklagte deren Ersatz durch moderne Neubauten».
    Gasser führt die Gebäude der «Modissa» und von «Bally» an der Bahnhofstrasse an, für welche Bauten des Historismus bedenkenlos abgerissen wurden. Und heute? Heute stehen die damaligen Neubauten selber im Denkmalinventar. Unabhängig von diesen Beispielen sagt Gasser selbst, dass es wichtig und oft anspruchsvoll sei, der Öffentlichkeit gegenüber zu erklären, warum etwas geschützt wird oder nicht.

    Und die «brutale» Post?

    Das Haus der Post, dieser markante Klotz, steht wie gesagt weder unter Denkmalschutz noch ist es in im Inventar aufgeführt. Es ist ein Vertreter des «Brutalismus», einem Architekturstil, der ab 1950 anzutreffen ist. Seit vor einigen Jahren die Aussenfassade isoliert wurde, ist der Bau aber nicht mehr auf den ersten Blick als jenem Stil zugehörig erkennbar, der Sichtbeton oft skulptural in Szene setzte. In Höngg ist dies an anderen Gebäuden, die inventarisiert sind, besser zu erkennen: Zum Beispiel an jenen neben und hinter dem Tramdepot Wartau. Oder die Gebäude an der Rebbergstrasse 41 a und b sowie Rebbergsteig 7 mit Baujahr 1963 bis 1965.

  • 100 Jahre Familiengartenverein Höngg

    Wer vor Jahren einen Schrebergarten in Höngg bewirtschaftete und dazu noch Bilder, Unterlagen, Dias oder Geschichten besitzt, die von Interesse sein könnten, ist herzlich eingeladen, diese dem Familiengartenverein zukommen zu lassen. Der Verein ist dabei, seine 100-jährige Geschichte aufzuarbeiten und dabei auf jede Mithilfe angewiesen.
    Die Unterlagen können gerne an untengenannte Kontaktadressen gesandt werden. (e)

    Matthias Häni, Präsident, 079 511 51 83, Imbisbühlstr. 57, 8049 Zürich, praesident@familiengartenvereinhoengg.ch https://familiengartenvereinhoengg.ch

  • Und wie war die Jugend früher?

    Und wie war die Jugend früher?

    War die Zeit zwischen 14 und 25 Jahren früher anders als heute? Gingen in den 70er Jahren alle gegen den Krieg auf die Strasse? Wie waren die 80er Jahre in Zürich? Welche Themen waren wichtig in welchen Zeiten? Drei Personen erzählen aus ihrer Jugend. Es sind individuelle Geschichten und dennoch zeigen sie Zeitgeschichte. Oder was es heisst, jung zu sein.

    Peter Näf – der Entdecker

    In der Kindheit verbrachte ich viel Zeit auf dem Hönggerberg. Ein Freund und ich durchstreiften gemeinsam den Wald, fanden tote Wildtiere, sammelten Trophäen. Zu dieser Zeit waren die Karl-May-Bücher meine Welt. Später wurden diese Streifzüge durch den Sport abgelöst: Wir übten Hoch- und Weitsprung auf dem Sportplatz. Im Lachenzelg lehrte damals der Zehnkämpfer Walter Tschudi, den verehrte ich sehr. Am Gymnasium habe ich dann auch Leichtathletik gemacht und Handball gespielt. Sport und die Berge, das hat uns unser Vater mitgegeben, er war Dauerläufer im Militär. In den Ferien ging es nach Klosters, wo wir bei einem Bauern wohnten und Bergtouren unternahmen. Damals gab es noch keine Skilager im heutigen Stil. Immer ein grosses Thema waren natürlich die Mädchen. Im Mathematischen Gymnasium waren wir eine reine Bubenklasse, Mädchen waren dort noch gar nicht zugelassen. Also haben wir die Schülerinnen von der Tochterschule zu einem Fez im Gymi eingeladen. Einmal im Monat gab es ausserdem ein «Teen-Meet», wo sich alle Kantonsschülerinnen und -Schüler am Gymi Freudenberg trafen. Der Eintritt kostete fünf Franken, wir verkauften Coca-Cola und durften dafür gratis rein. Die ganze Sexualität war aber ein Tabuthema, die Kirche bläute uns ein, dass das eine schlechte Sache sei. Mein erstes Mal hatte ich erst mit 21, da sind die heutigen Jugendlichen schon viel früher dran.

    Früher traf man sich in Höngg am Sonntag nach der Kirche und ging zusammen kegeln oder machte einen Ausflug auf den Uetliberg. Auch die Pfadi war ein Treffpunkt, dort gab es irgendwann eine Mädchengruppe, so habe ich meine erste Frau kennengelernt. Schon früh zog es uns in die Ferne, wir wollten die Welt entdecken. Fliegen kam damals noch nicht in Frage, ein Auto konnten wir uns nicht leisten. Also fuhren wir mit 16 Jahren mit dem Velo nach Italien. Um Mitternacht erreichten wir todmüde den Julierpass – wir hatten die Strecke völlig unterschätzt. Später fuhren wir per Autostopp bis nach Liverpool oder mit der Vespa nach Südfrankreich. Wir waren sehr abenteuerlustig und naturverbunden. Die Eltern liessen uns machen. Ein einziges Mal hat sich meine Mutter Sorgen gemacht. Da brachen ein Freund und ich auf, um per Autostopp um das Mittelmeer zu reisen. Sonst sagte sie eigentlich nie etwas, ob wir jetzt am «Chindlistei» am Uetliberg klettern gingen oder uns mit dem Autopneu die Limmat hinuntertreiben liessen, ohne schwimmen zu können. Natürlich erzählten wir ihr auch nicht immer, was wir genau gemacht hatten.

    In der katholischen Kirche existierte damals noch die Jungmannschaft, ich gehörte noch der letzten Gruppe an. Als sich diese auflöste – ich war damals 22 – gründeten Felice Suter und ich das Jugendforum, das es heute noch gibt. Als Erstes organisierten wir ein Gründungsskilager. Später mussten wir zwei Gruppen machen, weil der Andrang so gross war. Zur selben Zeit ging es mit den Demonstrationen los. Die Zürcher Jugend wollte ein Jugendzentrum, dort wo heute der Carparkplatz ist. Auch ich lief dort mit, teilweise aus Überzeugung, teilweise, weil man halt dabei sein wollte. Es war auch ein Kampf gegen das Establishment. Auf Flugblättern riefen die Linken dazu auf, Dachlatten mitzunehmen, um ein symbolisches Jugendhaus aufzubauen, aber es war klar, dass die eher zum Prügeln dienen würden. Die Polizei reagierte darauf mit Tränengas und Gummischrott, es kam zu regelrechten Strassenschlachten. Schliesslich erhielten die Zürcher Jungen ihr «Drahtschmidli» und den Bunker.

    Jürg Hangartner – der Tänzer

    Meine Jugend in Höngg begann eigentlich erst mit 18 Jahren so richtig. Das war 1974. Zuvor hatte ich zuerst die Katholische Sekundarschule in der Stadt absolviert und war dann für zwei Jahre nach St. Gallen gezogen, um die Verkehrsschule zu machen. Als ich danach nach Höngg zurückkam, kannte ich fast niemanden mehr. Ein Kollege aus der Sek nahm mich mit ins Jugendforum der Pfarrei Heilig-Geist, das auch heute noch unter dem Namen Jufo bekannt ist, und ab diesem Moment verbrachte ich jede freie Minute dort. Das war sozusagen mein Steileinstieg in die Jugend. In Zürich gab es damals nicht viele Angebote für Jugendliche. Drei, vier Diskotheken im Zentrum, die wir uns aber nicht leisten konnten. Deshalb war das Jufo bei vielen beliebt. Es kamen immer etwa 30 bis 50 Leute. Jeden Freitag- und Samstagabend wurde laute Musik gespielt und getanzt. Heute scheint tanzen nicht mehr so angesagt zu sein, aber für uns war das sehr wichtig. Das Team der katholischen Kirche, das den Raum zur Verfügung stellte und das Programm betreute, schuf ein Umfeld, in dem wir uns frei bewegen konnten. Vor allem Vikar Urs Boller verdankten wir viel, er wurde später auch zu einer wichtigen Person im Zusammenhang mit den Jugendunruhen der 80er-Jahre. Es gab noch andere Jugendgruppen im Quartier. Da war natürlich die Pfadi, die machten aber ihr eigenes Ding. Oder die reformierte Gruppe, Dynamis, mit denen hatten wir ab und zu Kontakt.

    Die Eltern waren damals eher strenger als heute. Ich persönlich hatte aber immer ein gutes Verhältnis zu meinen. Nach den Jahren in St. Gallen besass ich bereits eine gewisse Unabhängigkeit. Ich erinnere mich noch, dass mein Vater ein einziges Mal versuchte, mir vorzuschreiben, wann ich zu Hause sein sollte. Als das nicht klappte, hat er es akzeptiert und nie wieder etwas gesagt. Ich hatte das Gefühl, er musste es einfach tun, weil er ja die Vaterrolle hatte. Der Umweltschutz war ein Thema, es war die Zeit des ersten Ölschocks mit den autofreien Sonntagen. Das war schon prägend: Da ging die ganze Bevölkerung auf der Autobahn spazieren und velofahren. Unvergesslich. Wir diskutierten über Wehrdienstverweigerung, Atomkraft und die ersten Flugzeugentführungen durch Palästinenser. Aber es war jetzt nicht so, dass alle politische Aktivisten waren in dieser Zeit. Wie der heutigen Jugend war auch uns das Vergnügen wichtig – und das andere Geschlecht. In diesem Alter hat man das Leben noch vor sich, da ist man trotz aller Weltkrisen noch zuversichtlich.

    Pascale Suter – die Freiheitsliebende

    Die Jugend begann bei mir schon früh. Mit zehn, elf Jahren ist man zum ersten Mal verliebt, geht an den ersten Fez, macht den ersten Blödsinn. Als ich in die Pubertät kam, gab es einen rechten Bruch zwischen meinen Eltern und mir. Davor haben wir als Familie viel zusammen unternommen, gingen an den Wochenenden bräteln, Pilze suchen oder wandern. Bei uns zu Hause waren die Rollen traditionell verteilt, mein Vater war der Chef. Meine Mutter arbeitete teilzeit, war für die Kinderbetreuung und den Haushalt zuständig. Das stimmte so für die beiden, aber ich fand schon damals: Ich möchte selbstbestimmt sein. Dieses klassische Familienbild behagte mir nicht, ich habe nie verstanden, wieso ich als Frau nicht dieselben Freiheiten haben sollte wie die Männer. Was damals fehlte, waren Vorbilder, andere Lebensmodelle. Die gab es ja in Künstlerkreisen schon immer, aber in meinem Umfeld nur wenige. Ich sehnte mich richtiggehend danach. Die Gesellschaft und Arbeit, speziell die Geschlechterrollen interessieren und beschäftigen mich noch heute.

    Gefeiert haben wir vor allem bei anderen zu Hause, aber auch im Jugendforum und im Sonnegg. In diesen Jugendräumen konnten wir ungestört Musik hören und tanzen oder einfach hängen. Das war in den 70er-Jahren. Die Jeans war ganz neu auf dem Markt, die Mode war farbenfroh. Mit meiner viereinhalb Jahre älteren Schwester durfte ich schon sehr früh am Wochenende nach Wipkingen ins GZ, ins «Thirteen», die Disco. Das war wichtig für mich: Ich wollte raus, dabei sein, etwas erleben. Ich gehörte wohl zu denen, die Angst hatten, etwas zu verpassen. Im Winter gingen wir zum Schlittschuhlaufen ins Heuried. Oder trafen uns am Hirschenplatz im Niederdorf und an der Bahnhofstrasse. Oft machten wir auch einfach am Meierhofplatz ab. Damals gab es noch das Restaurant Rebstock und ein Kino. Von dort zogen wir weiter, mal hinter die Kirche, mal an den Waldrand auf dem Hönggerberg oder auf die Werdinsel. Die war damals noch nicht so überbevölkert wie heute. An die Dorffeste wie das Wümmetfäscht oder den Martin Cup gingen wir auch. Da ging es aber oft darum, sich zu betrinken, seien wir ehrlich. Lange war auch in der Stadt nichts los. Es gab ja noch keine offene Gastro-Szene, lediglich eine Handvoll Clubs und die waren teuer und nicht so lange geöffnet und hatten ein Alterslimit.

    Die 70er und 80er waren eine bewegte Zeit. Damals kamen die Drogen auf, Heroin war ein Thema unserer Generation. Viele Leute, die ich aus dieser Zeit kenne, sind auf Drogen abgestürzt, einige gestorben. Ich selber hatte glücklicherweise zu viel Respekt davor. Aber es gab klare Gruppierungen: Da waren die Poppers, die Teds, die Freaks, die politisch Aktiven, die Braven. Ich war ein Popper, aber die Kategorien waren mir zu eng. In den 80er-Jahren gingen wir an die AJZ-Demos, sammelten Gummigeschosse, aber richtig aktiv war ich da nicht. Obwohl man die Probleme wie die Ölkrise und die Umweltdiskussionen mitbekam, lebte ich eigentlich in meiner Teenager-Welt. In dieser waren Freunde, Musik und Tanzen immer elementar, über Jahrzehnte hinweg. Und ich wollte in die Welt hinaus und sie entdecken, andere, fremde Menschen kennenlernen. Mit 16 Jahren ging ich schliesslich für ein Jahr ins Tessin, danach nach Paris und Brasilien. Für mich war immer klar: Ich mache eine Lehre und stehe so bald wie möglich auf eigenen Beinen. Ich wollte unbedingt unabhängig sein. Das habe ich nie bereut.

  • Das bietet Höngg seiner Jugend

    Freizeit, das ist der kleine, noch unverbaute Zeitraum, der neben der Ausbildung oder dem geschäftigen Berufsalltag übrigbleibt. Diese Zeit will sinnvoll genutzt werden, denn sie ist kostbar und meist viel zu schnell wieder vorbei. Nicht entsprechend eingesetzt oder mit interessanten Aktivitäten gefüllt, hinterlässt sie Reuegefühle und den festen Vorsatz, sie das nächste Mal mehr wertzuschätzen und in allen möglichen Formen zu geniessen. Jugendliche haben häufig den Luxus, noch einige Tagesstunden mehr zur Freizeit dazuzählen zu können, was ihnen jedoch meist erst mit der Zeit bewusst wird. Erst dann, wenn ihre Freunde, die eine Lehrstelle beginnen, sich darüber beschweren, ständig beschäftigt zu sein. Oder wenn sie selbst bis über beide Ohren in Arbeit oder Lernplänen versinken. Umso schöner ist die Zeit, in der man sich noch Gedanken darüber machen kann, wie man seine nicht verplante Zeit gestalten möchte. Besonders in frühen Jugendjahren ist das Quartier für Freizeitaktivitäten eine wichtige Anlaufstelle, so sind viele Jugendliche in Höngg darauf angewiesen, Angebote in ihrer Nähe zu finden.

    «Höngg bietet uns nichts»

    Für die Artikel des Fokusthemas «Jugend» in der letzten Ausgabe, suchte der «Höngger» aktiv den Austausch mit Jugendlichen aus dem Quartier. Immer wieder sind im Verlauf solcher Gespräche Aussagen wie «in Höngg gibt es für Jugendliche nichts zu machen» oder «Höngg bietet uns nichts» gefallen. Selbst die Jungen, welche ein Angebot der Jugendarbeit Höngg aktiv nutzen, den «Kasten» im Rütihof oder den «Underground» in der Reformierten Kirche, fühlen sich von der Gesamtauswahl anscheinend nicht abgeholt. Den Jugendlichen zufolge bietet das Randquartier der Stadt Zürich seinen jungen Bewohner*innen, welche sich in der Entwicklung zu unabhängigen, selbstständigen Mitgliedern der Gesellschaft befinden, keine Freizeitangebote. Doch ist dem wirklich so? Einer der ersten Orte, an denen man fündig werden könnte, ist das Gemeinschaftszentrum (GZ) Höngg. Dieses bietet der Jugend ab der Oberstufe unter anderem offene Jugendtreffs, wie den «Underground» am Mittwochnachmittag. Dieser entsteht in Kooperation mit der Jugendarbeit der Reformierten Kirche. Oder den «Kasten» im Rütihof am Freitagabend, der auch zu privaten Anlässen gemietet und so genutzt werden kann (siehe auch «Was bewegt die Jugend?» in der Ausgabe vom 28. Februar). Daneben bietet die Jugendarbeit Höngg, bestehend aus den drei Jugendarbeiten des GZ Höngg, der Katholischen und der Reformierten Kirche, in unregelmässigen Abständen den «Friday Kitchen Club» an. Dort wird gemeinsam eingekauft, gekocht und das Resultat schliesslich gemeinsam gegessen – das anschliessende Aufräumen gehört natürlich auch dazu. Diese Angebote halten den jungen Höngger*innen Treffpunkte bereit, die ihnen den Austausch mit Gleichaltrigen und unterhaltsame Stunden ermöglichen. Auch gefeiert wird im GZ, die Jugendarbeit sorgt nämlich auch ab und zu für Oberstufenpartys – organisiert von Jugendlichen für Jugendliche. Der Kulturkeller steht in den Konzertsaisons, im Frühling und im Herbst, für Musikbegeisterte offen, verschiedene Musiker*innen und Nachwuchstalente treten auf dieser Bühne auf.

    Vereine und Institutionen aller Art

    Im Bereich der sportlichen Aktivitäten gibt es in Höngg eine Auswahl an Angeboten. Unter den Jugendlichen am bekanntesten mag wohl der Fussballverein «SV Höngg» sein, in dem, laut dem 17-jährigen Martin Faehnrich, bereits fast jeder Höngger gespielt hat (siehe «Ich bin sehr Höngg-patriotisch», in der Ausgabe vom 28. Februar). Daneben bieten sich beispielsweise die Tennis-Clubs Höngg und Waid, der Tisch-Tennisclub Höngg und für Wasserratten die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) Höngg an. Musik- und Theaterliebhaber finden beim Musicalprojekt Zürich 10 vielleicht den richtigen Platz, bereits ab der dritten Klasse bietet sich auch der Chor «Cantata Seconda» der Pfarrei Heilig Geist an. Jugendliche mit einem grossen Herz für Tiere haben die Möglichkeit, sich nach einem Engagement auf dem Quartierhof zu erkundigen. Die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, erhalten die Jugendlichen während einem Mittelstufentageslager, organisiert vom GZ Höngg, zusammen mit der Katholischen Kirche. Sie können sich dort als Jungleiter engagieren und die Gruppenleitungen übernehmen. Ähnliche Aufgaben haben Jungleiter in der Pfadi St. Mauritius-Nansen, in der Cevi Züri 10 oder der Jungschar Waldmann.

    Noch immer keine Beschäftigung?

    Weshalb haben die jungen Höngger*innen trotz all dieser verschiedenen Möglichkeiten das Gefühl, das Quartier biete ihnen aktiv nichts? Vielleicht haben diese Jugendlichen einfach andere Interessen und können sich für keines der Angebote begeistern? Vielleicht ist die Jugend eine Phase, in der man gar nicht aktiv etwas unternehmen will, sondern seine freie Zeit lieber dafür nutzt, Freunde zu treffen und mit diesen zu «chillen». Vielleicht ist ihnen aber auch das Vereinsleben fremd, zu weit weg von ihren eigenen Kreisen, der Jugend zu wenig angepasst. So oder so, das Angebot existiert. Doch auch die Jungen, welchen diese Angebote fremd sind, wissen ihre Freizeit bestimmt sinnvoll zu gestalten. Wenn auch möglicherweise nicht ausschliesslich in Höngg.

    Weitere Informationen zu Angeboten gibt es auf folgenden Seiten:
    Eine Übersicht der Höngger Vereine und Institutionen gibt es auf der Seite des Quartiervereins: http://www.zuerich-hoengg.ch/de/hoengger_vereine
    Gemeinschaftszentrum Höngg: https://gz-zh.ch/gz-hoengg/

  • Hä? Das Magazin ohne Tabus

    Hä? Das Magazin ohne Tabus

    Viermal im Jahr erscheint «Hä?», das Rotpunkt-Magazin für Junge. Mit expliziten und ungeschönten Bildern, Texten und Illustrationen werden Themen rund um Körper und Gesundheit behandelt. Ob Sex, Alkohol oder Handy-Verhalten, nichts ist zu peinlich, abstossend oder seltsam, um thematisiert zu werden. Das «Hä?»-Magazin ist exklusiv und gratis in den Rotpunkt Apotheken erhältlich.

  • Wer kümmert sich um die Jugend?

    In der Stadt Zürich sind verschiedene Akteure im Bereich Jugendarbeit tätig. Da ist zum einen der Verein Offene Jugendarbeit Zürich OJA, der neun jugendspezifische soziokulturelle Einrichtungen führt. Diese basieren auf drei Säulen: Jugendtreffs, Jugendläden und die aufsuchende Arbeit im Quartier. In Höngg hat die OJA keinen Standort. Von den insgesamt 17 Zürcher Gemeinschaftszentren (GZ) sind zwölf Jugendarbeitende angestellt, welche jugendspezifische Angebote durchführen. Aber auch in den anderen GZ gehören Jugendliche zur Zielgruppe, denn die Stiftung Zürcher Gemeinschaftszentren hat neben den Fachbereichen Quartierarbeit, Bildung/Gestaltung und Bildung/Tier auch die Jugendarbeit als solche ausgewiesen. Auf der Homepage der Fachorganisation ist zu lesen: «Die Jugendarbeit hat Integration, Prävention und die Befähigung der Jugendlichen zum Ziel. Die Jugendlichen werden in ihrer Identitätssuche unterstützt und dazu ermutigt, Verantwortung für sich selbst sowie für ihre Umwelt zu übernehmen». In Höngg gibt es seit mehr als sieben Jahren die Jugendarbeit Höngg, eine Kooperation der beiden Landeskirchen und des GZ Höngg, die sich stark für junge Menschen engagiert. Sie bietet den Jugendlichen verschiedene Aufenthaltsräume und Plattformen, um ihre Projekte und Veranstaltungen zu organisieren. Mehr zu den konkreten Angeboten wird in der kommenden Ausgabe des «Hönggers» vom 14. März zu lesen sein.

    Stadt spricht Beiträge, mischt sich aber nicht zu sehr ein

    Wenn es um die Angebote für Jugendliche in der Stadt Zürich geht, verfolge die Stadt keine einheitliche Linie im Sinne einer übergeordneten Strategie, sagt Heike Isselhorst, Leiterin Kommunikation des Sozialdepartements. «Wir treffen Leistungsvereinbarungen mit verschiedenen Anbietern wie zum Beispiel der OJA oder den Gemeinschaftszentren in den jeweiligen Quartieren, mit denen bedarfsorientierte Angebote für Jugendliche finanziert werden». Die Ausgestaltung sei dabei aber jeweils den Institutionen selbst überlassen, die vor Ort die spezifischen Bedürfnisse der jungen Leute abklären und entsprechende Möglichkeiten anbieten. Alle sechs Jahre werden die finanziellen Mittel dafür entsprechend dem Bevölkerungswachstums neu bewertet und verteilt. Im August 2018 hat der Gemeinderat Beiträge für soziokulturelle Leistungen – nicht nur im Bereich Jugendarbeit – in der Höhe von 32 Millionen Franken bis 2024 bewilligt. Davon gehen 5,9 Millionen Franken an die städtischen Angebote und 26,3 Millionen Franken an private Angebote.

    Im Sommer 2017 erschien die Jugendausgabe des «Hönggers», produziert von den Jugendlichen Hönggs, nachzulesen unter https://hoengger.ch/wp-content/uploads/2018/06/20170615-endfassung.pdf