Autor: tka_admin

  • «Ich habe alle Social-Media-Accounts gelöscht»

    «Ich habe alle Social-Media-Accounts gelöscht»

    Junge Gesichter aus Höngg
    Was wäre ein Fokusthema zum Thema Jugend, ohne Porträts von Jugendlichen aus Höngg?
    Um junge Menschen zu verstehen, herauszufinden, was sie denken, planen und sich wünschen, reicht es nicht, sich selber ein stereotypenreiches Bild der Jugend zusammenzustellen. Die verlässlichste Quelle sind die Jungen selber, denen der «Höngger» in diesem Fokusthema eine Stimme gibt. Einen Einblick in das Leben von drei jungen Menschen, welche Höngg ihr Zuhause nennen.

     

    «Ich bin momentan im Netzwerkteam tätig. Wir sorgen dafür, dass jene Geräte, die dazu bestimmt sind, ein Drucker und ein Computer zum Beispiel, miteinander kommunizieren und solche, die nicht dazu gedacht sind, nicht. Zum Beispiel externe Geräte mit internen Geräten der Zürcher Kantonalbank (ZKB), diese Kommunikation ist auf jeden Fall aus Sicherheitsgründen zu unterbinden.» Oliver Bieri scheint seine Arbeit als Informatiklehrling bei der ZKB sichtlich Spass zu bereiten. Bald ist die Lehrlingszeit aber auch schon vorbei, der Abschluss steht vor der Tür. An gewisse Arbeiten, welche es dafür zu schreiben gibt, setzt sich Oliver am liebsten mit Musik. Überwiegend Rockmusik, mit dieser in den Ohren kann er sich am besten konzentrieren. Auch selber spielt er ab und zu mit seiner E-Gitarre in einer Jugendband aus Höngg. Die ehemalige Spirit-Band trat früher im Rahmen der Jugendgottesdienste «Spirit» der Kirchgemeinden Wipkingen, Höngg und Oberengstringen auf, welche sich seit diesem Jahr zum Kirchenkreis 10 zusammengeschlossen haben. Heute sind die meisten Mitglieder zu alt und ihre eigene Zeit im Religionsunterricht und im Spirit längst vorbei, deshalb haben sie sich aus dieser Umgebung zurückgezogen. Aus ebendiesen Gründen ist die Band zurzeit auch auf Namenssuche.

    Fehlendes Angebot für junge Erwachsene

    Neben der Musik pflegt Oliver gerne soziale Kontakte, in einem seiner Freundeskreise ist immer etwas los. «Wenn ich aktiv etwas mit Kolleg*innen unternehme, gehen wir meist ins Zentrum der Stadt. Mehrheitlich aber mit Freunden, die sowieso nicht aus Höngg kommen. Mit denen aus Höngg treffe ich mich oft am Meierhofplatz, dort wird dann entschieden, was wir machen. Entweder wir kochen etwas zusammen, gehen im Stadtzentrum in eine Bar oder laufen in Höngg herum. Dabei kann man gut reden. Im Sommer grillieren wir oft im Hönggerwald oder bei der Waid. Ab und zu gehen wir auch in einen Club, am liebsten in die Härterei, wenn gerade Hardstyle läuft.» Angebote für Junge in Höngg kennt der 19-Jährige keine, es fehle etwas für junge Erwachsene von 18 bis 25 Jahren, meint er. Jugendräume habe es zwar schon, es käme ihm aber immer so vor als bräuchte man «Connections», um hineinzukommen. Ausserdem bringe es ihm nicht viel, wenn diese am Mittwochnachmittag offen seien, dann sei er nämlich nicht im Quartier. Olivers Wunsch für Höngg: eine Stammkneipe. «Weil man in Höngg nicht weiss, wohin man gehen soll, geht man schnell einmal ins Stadtzentrum. Ich denke, wenn es hier eine gute Alternative hätte, würde diese sicher auch von einigen genutzt werden», so sein Vorschlag. Auch Sportgeschäfte seien seiner Meinung nach vielleicht mehr gefragt, bis auf Velos gäbe es im Quartier kein grosses Angebot. Er glaubt, dass Wintersportartikel zum Beispiel eher örtlicher gemietet würden, bestünde die Möglichkeit dazu. Der 19-Jährige ist selbst gerne auf den Skiern oder dem Snowboard in den Bergen unterwegs. Im Alltag treibt er keinen konkreten Sport, sondern versucht, sich mit verschiedenen Übungen fit zu halten, als Ausgleich zu seinem Beruf.

    «WhatsApp ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel»

    So gern Oliver auch Kontakte pflegt, den sozialen Medien hat er mehrheitlich abgeschworen. «Ich habe alle Social-Media-Accounts gelöscht. Bis auf WhatsApp, denn da sind alle meine Freunde drauf, es ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Ansonsten sehe ich den Nutzen der anderen Kanäle nicht mehr, ich habe noch nie viel gepostet und es geht immer sehr viel Zeit damit verloren.» Stattdessen liest Oliver nun mehr Zeitung auf dem Arbeitsweg, den Tages-Anzeiger zum Beispiel. Das Gefühl, etwas zu verpassen hat er nicht, seine engen Freunde würden ihm wichtige Dinge persönlich mitteilen oder allenfalls ein Bild auf WhatsApp senden. Von ehemaligen Schulkolleg*innen erfahre er natürlich weniger, aber man treffe sich immer mal wieder. Olivers Katze schleicht ins Zimmer, schnuppert. Sie riecht Besuch. Nach seinem Lehr- und Berufsmaturitätsabschluss möchte Oliver gerne Wirtschaftsinformatik oder Wirtschaftsrecht studieren. Sein aktuelles Berufsziel ist Anwalt, die Staatsanwaltschaft würde ihn sehr interessieren. Vielleicht kann er sich mit einem solchen Beruf später sogar wieder ein Zuhause in Höngg leisten, denn er würde schon gerne hier bleiben. Die idyllische Umgebung mit Wald, Fluss und Dorflandschaft, gepaart mit guten Busverbindungen ist für ihn ein super Kompromiss. Es sei eben einfach teuer.

  • «Gerade bin ich voll into Mode>»

    «Gerade bin ich voll into Mode>»

    Junge Gesichter aus Höngg
    Was wäre ein Fokusthema zum Thema Jugend, ohne Porträts von Jugendlichen aus Höngg?
    Um junge Menschen zu verstehen, herauszufinden, was sie denken, planen und sich wünschen, reicht es nicht, sich selber ein stereotypenreiches Bild der Jugend zusammenzustellen. Die verlässlichste Quelle sind die Jungen selber, denen der «Höngger» in diesem Fokusthema eine Stimme gibt. Einen Einblick in das Leben von drei jungen Menschen, welche Höngg ihr Zuhause nennen.

     

    Die Gymivorbereitung – ein sehr aktuelles Thema für Elina. Die Schülerin aus dem Lachenzelg kann sich mehrere weiterführende Schulen vorstellen. Aufgrund ihrer Leidenschaft für das Zeichnen und ihrer Freude an der italienischen Sprache, hat sie das Liceo Artistico in Betracht gezogen. Dieses erhält allerdings ernsthafte Konkurrenz vom Gymnasium Stadelhofen, das ein musisches Profil anbietet. Denn ihre Gitarre nimmt Elina, obwohl sie bereits aufgehört hat regelmässig zu spielen, noch immer gerne hervor und begleitet sich so beim Singen selbst. Instrument gegen Farbpalette: Sie hat eine schwierige Entscheidung zu treffen. Doch niemand kann ständig lernen, deshalb verbringt sie jeden Mittwochnachmittag nach der Gymivorbereitung im Underground. Dies ist ein offener Raum für Jugendliche, ein Angebot der Jugendarbeit Höngg. Dort trifft sie Freunde, hat eine gute Zeit und tauscht sich aus: «Musik ist etwas, worüber wir sprechen, ich höre Pop, Hip-Hop, Rap, je nach Stimmung. Ansonsten sprechen wir über das Neueste, was gerade bei wem so läuft oder geschehen ist. Über die Schule, Familie, Kollegen, Serien, über Trends.»

    Fussball der grossen Liga

    Wenn sie und ihre Freund*innen einen ganzen Tag Zeit haben, gehen sie auch mal für einen Kinobesuch oder einen Shoppingausflug ins Stadtzentrum. Denn Fashion macht Spass – auf jeden Fall Elina. Sie sei gerade voll «into Mode». In der vierten Klasse habe dieses Interesse angefangen, erst habe es ein wenig Überwindung gekostet, sich anders zu kleiden als die Masse. Doch heute trägt sie ihren Stil mit Freude. Kleidung kauft sie allerdings wenig, sie investiert dafür lieber in qualitativ hochwertige Produkte. Ansonsten verbringt Elina viel Zeit in Höngg. Besonders im Sommer sind bei ihr Orte wie das Werdinseli oder der Hönggerberg angesagt. «Meist laufen wir eine Weile herum. Wenn ich mich zum Beispiel mit einem Freund verabrede, dann treffen wir uns beim Meierhofplatz, spazieren zum Bläsi, dann auf den Hönggi und kommen drei Stunden später wieder runter», lacht die 14-Jährige. Auf dem Hönggerberg ist Elina sowieso zwei bis dreimal pro Woche anzutreffen, währenddem sie eine weitere Leidenschaft ausübt. Denn nicht nur kreativ, sondern auch sportlich ist sie tätig, seit sieben Jahren spielt sie beim SV Höngg, aktuell in der Position des Goalies. Durch Zufall sei sie in diese Rolle gerutscht und bereue es überhaupt nicht, obwohl sie jetzt zusätzlich noch Goalie-Training habe. Anscheinend wurde Elina mit Talent geboren, nach einem Probetraining beim Fussballclub Zürich (FCZ) wurde ihr angeboten, zu bleiben. Aus Zeitgründen lehnte sie jedoch ab, steigt dafür diesen Sommer bei ihrem aktuellen Verein, dem SV Höngg, in die erste Mannschaft auf.

    Eine Bar für Höngg

    Im Sommer hat Elina in Höngg also alles, was sie braucht. Im Winter dagegen würde sie sich ein Café oder eine Bar wünschen, denn nicht immer hat jemand in der Freundesgruppe eine sturmfreie Bude. So müssen sie eben ins Zentrum der Stadt fahren, das glücklicherweise ja nicht weit weg ist. Laut Elina ist dies ein grosser Vorteil von Höngg. Aber auch alleine kann man sich ja gut beschäftigen – besonders im Zeitalter von Social Media. Auf Instagram ist die Schülerin gerne unterwegs, nur ist es ihrer Meinung nach oft Zeitverschwendung, da man sich später an beinahe nichts erinnern kann, das man gesehen hat. Und Newsseiten folgt sie darauf nicht, die wichtigen Informationen bekommt sie in der Schule, von Kollegen oder ihren Eltern mit. Elina verabschiedet sich. Sie muss nach Hause, um zu lernen, denn bald stehen schon die Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium an. Welchen Weg sie danach einschlagen wird, wird sich zeigen. Grafikerin würde sie interessieren, einen Beruf in den Bereichen Sport und Musik, kann sie sich noch nicht richtig vorstellen.

  • «Ich bin sehr Höngg-patriotisch»

    «Ich bin sehr Höngg-patriotisch»

    Junge Gesichter aus Höngg
    Was wäre ein Fokusthema zum Thema Jugend, ohne Porträts von Jugendlichen aus Höngg?
    Um junge Menschen zu verstehen, herauszufinden, was sie denken, planen und sich wünschen, reicht es nicht, sich selber ein stereotypenreiches Bild der Jugend zusammenzustellen. Die verlässlichste Quelle sind die Jungen selber, denen der «Höngger» in diesem Fokusthema eine Stimme gibt. Einen Einblick in das Leben von drei jungen Menschen, welche Höngg ihr Zuhause nennen.

     

    «Ich habe kürzlich einen Test bezüglich meiner Studienrichtung gemacht und dieser empfiehlt mir Theologie – eher nicht», lacht Martin Faehnrich. Der 17-Jährige besucht das Gymnasium der Kantonsschule Zürich Nord, im mathematischen Profil. Mathematik zu studieren kommt für ihn, wie die Theologie, aber überhaupt nicht in Frage, dann lieber Geschichte oder Germanistik. Vielleicht wäre auch der Lehrerberuf etwas für ihn, meint er. Seit der vierten Klasse wohnt Martin im Rütihof und verbringt dort auch den grössten Teil seiner Freizeit. Denn wenn er nicht in der Schule oder zu Hause ist, ist er im Kasten. «Der Kasten ist unser Zufluchtsort. Oft sind auch ein paar ältere da, die einen Schlüssel haben und uns dann auch unter der Woche reinlassen. Denn der Kasten ist offiziell nur während den Angeboten der Jugendarbeit offen, die restliche Zeit über wird er von zwei jungen Erwachsenen selbstverwaltend genutzt.» Seit 2010 ist der blaue Container im Rütihof ganz den Jugendlichen gewidmet. Martin und seine Freunde sind besonders im Winter froh um dieses Angebot, denn in dieser Jahreszeit haben Jugendliche in Höngg sehr limitierte Möglichkeiten, sich ausserhalb ihres Daheims ins Warme zurückzuziehen. «Wir spielen manchmal UNO und einmal in der Woche treffen wir uns für eine Runde <Dungeons and Dragons>. Ein super Spiel», erzählt Martin. «Dungeons and Dragons» ist ein Pen- and Paper-Rollenspiel, in dem die Spieler verschiedene Fantasie-Charaktere einnehmen und gemeinsam durch Erzählen Abenteuer erleben. Am Freitag- oder Samstagabend geht es manchmal auch ins Stadtzentrum. «Meistens kaufen wir uns einfach Alkohol, hören gemeinsam Musik und geniessen im Sommer das Wetter am See. Für den Winter haben wir einen anderen Ort gefunden, eine windgeschützte Stelle in der Nähe einer Brücke. Diejenigen aus meinem Freundeskreis, die keine Lehre machen, haben kaum Geld, um in eine Bar zu gehen oder so. Höchstens ab und zu mal», so Martin, dem der See als Schüler ebenfalls besser ins Budget passt und der froh um offene Räume wie den Kasten ist.

    Volg gleich Kaff

    Martin bezeichnet sich selbst als «Höngg-patriotisch». Er ist sehr oft im Quartier und wohnt auch gerne hier. Auf der einen Seite mag er die Läden und das Städtische, das Höngg mit dem Meierhofplatz seiner Meinung nach hat. «Es ist nicht so, als gäbe es hier einen Volg, der einen gleich als Kaff abstempelt.» Seine Kleidung besorgt er sich allerdings im Letzipark oder in Altstetten. Auf der anderen Seite mag er den Wald, in den man sich im Sommer zurückziehen kann, die Fussballplätze bei den Schulhäusern und den Fakt, dass Höngg quasi ein Berg ist. Laut seiner Einschätzung gibt es in Höngg schon vieles, im Rütihof allerdings fehle einiges. Er fände es zum Beispiel angenehm, wenn ein Denner in das Lokal des ehemaligen Beck Keller einziehen würde, seine Freunde dagegen wünschen sich dort eine Shisha Bar. Das Angebot für Junge im Quartier sei begrenzt, in Jugendräumen wie dem Kasten sieht Martin jedoch eine super Möglichkeit. Andere Jugendangebote nutze er nicht und würde sich wahrscheinlich auch gar nicht dafür anmelden. Ab und zu informiere er sich darüber, was sonst noch so läuft, mehr als Kindergartenaktivitäten seien ihm allerdings bisher noch nie aufgefallen.

    Auch Drogen sind ein Thema

    «Wie fast jeder Höngger, habe auch ich früher etwa ein halbes Jahr lang beim SV Höngg gespielt. Heute treffe ich mich manchmal einfach noch mit Freunden, um ein wenig zu spielen.» Aktiv trainiert Martin zurzeit im Kraftraum der Schule und würde sehr gerne in naher Zukunft einen Kampfsport ausprobieren. Klavier spielen lernen steht ebenfalls auf seiner Liste. Neu hinzugekommen ist die Aufgabe, YouTube-Videos hochzuladen. «Ich habe gegen einen Freund eine Game-Wette verloren und nun nehme ich einfach meine eigenen Spiele auf und stelle sie ins Netz.» Gamen sei schon noch ein Thema in seinem Leben, aber längst nicht mehr so zentral wie vor ein, zwei Jahren. Heute gehe er lieber in den Kasten, um seine Kollegen zu treffen, wenn er an einem Abend Zeit habe. In den sozialen Medien hingegen ist er relativ aktiv, auf Instagram mag er Memes, WhatsApp hat sowieso jeder. «Wir haben einen Chat, in dem rund 18 Jungs aus Höngg drin sind. Dort diskutieren wir manchmal über die verschiedensten Dinge, ein aktuelles Gesprächsthema ist zum Beispiel das Militär, weil das langsam für alle aktuell wird», erzählt Martin. Mit seinen Freunden spricht er über beinahe alles. Auch Drogen sind ein Thema, denn die bravsten Kids seien auch sie nicht. Dafür anscheinend super, wenn es um Teamwork geht: «Ich bin auf Snapchat geradezu süchtig nach «Streaks». Die bekommt man, wenn man innerhalb von 24 Stunden mit einer Person einen Snap hin und her schickt. Mit Mauro, einem Kollegen habe ich bereits etwa 170.»

  • Was bewegt die Jugend?

    Was bewegt die Jugend?

    Eine halbwegs einheitliche Definition des Begriffs «Jugend» zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Niemand ist sich einig über die Zeitspanne, dieser doch ziemlich schwammigen Lebensphase, in der aus einem Kind ein Erwachsener wird. Beginnt sie mit zehn oder 14? Ist man mit 18 bereits erwachsen? Oder hält die Jugendlichkeit noch bis 25 an? Die verschiedensten Angaben sind zu finden. Doch wichtiger als der genau definierte Beginn- und Schlusszeitpunkt, ist, was während dieser Zeit bei einem jungen Menschen alles abläuft. Die Persönlichkeit einer Person entwickelt und festigt sich in diesen Jahren, diese sucht die soziale Rolle in der Gesellschaft, die richtige Ausbildung und löst sich von seinen Eltern. Der oder die Jugendliche wird ein eigenständiges, soziales Wesen. Laut Statistik der Stadt Zürich lebten im Jahr 2017 23‘797 Personen im Quartier Höngg. Davon waren 3’395 im Alter von zehn bis 24 Jahren und repräsentierten die jungen Menschen im Quartier. Das sind im Vergleich zu anderen Quartieren relativ viele, nur Altstetten, Seebach, Affoltern und Oerlikon zählen zahlenmässig einige junge Bewohner mehr. Seit 1993 sind die Zahlen kontinuierlich gestiegen, im Jahr 2016 ist ein ungewöhnlich steiler Anstieg bei den 20 bis 24-Jährigen zu vermelden. Dies ist auf den Bau der Studentensiedlungen auf dem Campus der ETH Hönggerberg zurückzuführen, die dem Quartier auf einen Schlag viele Wohnmöglichkeiten für Studenten brachte.

    Austausch im Rahmen der Jugendarbeit

    Zu jeder Zeit gab es Reibungen zwischen den Generationen, das ist normal und unvermeidbar. Die Jungen lästern über die Alten und umgekehrt. Der Mensch neigt auch bei Vorfällen dazu, nicht den Einzelnen, sondern gleich seine ganze Generation mit zu verurteilen. Doch jeder Mensch ist anders, die Jugendlichen alle in einen Topf zu werfen, umzurühren, ihre Interessen und Persönlichkeiten zu mischen und zu verallgemeinern, ist nicht der richtige Weg. Über die Jugend zu sprechen, ohne mit den Jugendlichen selbst gesprochen zu haben, wäre mit eben genanntem gleichzusetzen und somit unfair. Der Höngger hat sich daher zwei Jugendangebote der Jugendarbeit Höngg zu Nutzen gemacht und in deren Rahmen den Jugendlichen einen Besuch abgestattet. Der erste Austausch fand im «Kasten» im Rütihof statt, einem blauen Container, dessen Zweck es unter anderem ist, Jugendlichen einen Ort zu bieten, an dem sie ungestört sind. Am Freitagabend ist dieser für alle Jugendlichen ab der Oberstufe geöffnet, es hält sich jedoch fast immer die gleiche Gruppe dort auf. Diese hat bereits das frühere Mittelstufenangebot im Kasten genutzt und ist in den letzten Jahren mit der sich verändernden Zielgruppe mitgewachsen. In der Jugendarbeit ist es häufig der Fall, dass die Angebote tendenziell eher von Jungs genutzt werden, dies bestätigten die Jugendarbeiter*innen des Gemeinschaftszentrum Höngg.

    «Wollen wir nicht die Wahrheit sagen?»

    Auch an jenem Freitagabend waren die jungen Männer in der Überzahl, die wenigen Mädchen vor Ort standen der Situation eher skeptisch gegenüber und wollten keine Auskunft geben. Viele der Anwesenden wohnen im Rütihof, ihre Interessen sind vielfältig. Das Thema Musik ist ganz gross, Robin meint, er höre alles bis auf Pop und Schlager. Zwei aus der Gruppe machen selber Musik, der 16-jährige Dominik, der seit acht Jahren so ziemlich jede Woche im Kasten anzutreffen ist, rappt und gibt auch gerne Freestyles zum Besten. Marvin, ein Schüler aus dem Lachenzelg, spielt in einer fünfköpfigen Metalband. Die Schule stellt ihr einen eigenen Bandraum zur Verfügung. Auch andere Talente sind vorhanden, Elias zeichnet tolle Bilder und Cecilio spielt Fussball beim SV Höngg. Ein Zwischenruf im Gespräch deutet darauf hin, dass sich die Interessen nicht alle auf diesem unschuldigen Niveau befinden: «Wollen wir nicht die Wahrheit sagen?». Es folgt Gelächter, ihre Geheimnisse sollen sie behalten dürfen. Natürlich seien sie alle auch teilweise am Handy, gamen und schauen sich Serien an. Dies seien aber alles Dinge, welche sie alleine nutzen würden, in der Gruppe spielen sie eher Spiele wie UNO oder unterhalten sich. Die Ausbildung ist bei allen ein aktuelles Thema, Lukas schliesst demnächst seine Gärtnerlehre ab, andere sind in der Ausbildung als Gipser*in, Zeichner*in oder absolvieren das KV. Einige aus der Gruppe besuchen noch die Sekundarschule im Lachenzelg. Neben dem Kasten, in dem sie sich immer treffen, auch wenn sie später weiterziehen, sind sie manchmal auf dem Werdinseli, beim Zwielplatz oder bei Kollegen zu Hause zu finden.

    Zu Besuch im «Underground»

    Das zweite Gespräch mit jungen Höngger*innen fand im Underground statt, einem Raum in der Reformierten Kirche. Dieses Jugendangebot wird am Mittwochnachmittag angeboten, die Jugendlichen sind jünger als diejenigen im Kasten. Hier ist auch ein Mädchen anwesend, das bereit ist, Auskunft zu geben. Ihre Themen unterscheiden sich, auf jeden Fall oberflächlich gesehen, nicht gross von denen der älteren. Sportarten wie Fussball und Rugby, Musik, Gamen, Serien auf Netflix schauen, Kollegen treffen und die Schule werden als wichtige Themen und Interessen genannt. Reto hätte einen Wunsch für das Hallenbad Bläsi: einen höheren Sprungturm. Leo und Ella wünschen sich ein Café, für den Winter. Gemeinsam haben die Jugendlichen den reformierten Unti, den sie in Höngg besuchen. Aus diesem Grund kämen sie auch in den Underground. Dort entspannen sie sich, spielen Spiele, essen Snacks und reden miteinander.

    Zwei Jugendangebote und eine Hand voll Jugendlicher – kein repräsentatives Ergebnis für ein ganzes Quartier. Doch nennen alle Jugendliche ähnliche Interessen, wenn man sie im Vorbeigehen kurz darauf anspricht. Wer genauere und unterschiedlichere Antworten zu hören bekommen will, muss sich für jeden einzelnen Menschen Zeit nehmen. Wie dies in den folgenden Porträts gemacht wurde. Dort finden sich die Differenzen – aber nur bedingt. Denn menschlich sind schliesslich alle.

    Mehr Informationen zum Höngger Angebot für Junge in der nächsten Ausgabe.

  • Werdinsel: Badestreckenverlängerung ausgeschrieben

    Werdinsel: Badestreckenverlängerung ausgeschrieben

    Man hat es im vergangenen Sommer einmal mehr gesehen: Die Limmat steht sowohl am, wie auch auf dem Wasser, unter massivem Nutzungsdruck. Auch auf dem beliebten Werdinseli – oder Badi Au Höngg, wie sie offiziell heisst – wird es immer schwieriger, einen Platz für sein Badetuch zu finden. Die Stadt hat aus diesem Grund bereits 2016 mit der Erarbeitung eines Nutzungskonzeptes begonnen und dazu auch einen Informations- und Beteiligungsprozess durchgeführt, der 2017 begann, der «Höngger» berichtete ausführlich darüber, siehe Infobox. Unter der Federführung von Grün Stadt Zürich wurden damals zusammen mit rund hundert Interessensvertreter*innen die folgenden Massnahmen ausgearbeitet, welche nach und nach umgesetzt werden sollen:

    Mensch und Tiere

    Während der Badesaison von April bis September gilt auf der ganzen Werdinsel Leinenpflicht für Hunde. In der restlichen Zeit können die Hunde auf der Insel freilaufen. Ausnahme ist die Badeanstalt. Dort sind Hunde während des ganzen Jahres nicht zugelassen. Am Fischerweg wird der Naturschutzbereich aufgewertet und besser vor dem Zutritt von Mensch und Hund geschützt. Auf dem Weg entlang des Naturschutzbereichs gilt Leinenpflicht. An der Böschung und im Wasser können Hunde freigelassen werden.

    Badi Au-Höngg

    Die Ein- und Ausstiege der Badestrecke im Kanal werden verbreitert, die Badestrecke verlängert. Für die Umsetzung und die Sicherheit dieser verlängerten Schwimmstrecke müssen bis zu 50 kleine und grössere Bäume gefällt werden. Als Ersatz werden einheimische Gehölze nachgepflanzt.

    Inselspitz

    Als Massnahme gegen störende sexuelle Handlungen wird der Unterwuchs des «Wäldchens» ausgelichtet. Plakate und gemeinsam mit Homosexuellenoganisationen durchgeführte Flyeraktionen informieren über die geltenden Regeln. Der etablierte Nacktbadebereich wird in zwei Zonen aufgeteilt: In eine FKK-Zone und einen Bereich, in dem man sich sowohl mit als auch ohne Badebekleidung sonnen kann.

    Infrastruktur

    Durch eine Verkleinerung des Gartenareals wird auf der Ostseite Platz frei für Badende. Während der Hochsaison werden zusätzliche Veloständer aufgestellt. Übersichtstafeln bei den Inselzugängen zeigen auf, was wo gilt. Es sollen so wenige Tafeln auf der Insel stehen wie möglich.

    Verkehr

    Die Halter*innen von falsch parkierten Autos und Motorrädern werden weiterhin gebüsst. Zusätzlich soll die Signalisation der offiziellen, kostenpflichtigen Parkplätze bei der Wasserversorgung verbessert werden. Zudem wird die Regelung der Zufahrten und Parkierung auf der Insel überprüft.

    Verdoppelung der Badestrecke

    In einem ersten Schritt hat die Stadt im vergangenen Jahr die Büsche im «Wäldchen» am Inselspitz gelichtet. Die vorgesehene Flyeraktion wurde in der Folge obsolet, da bereits die Lichtung zum gewünschten Effekt führte. Zusätzlich wurden die Abfallbehälter besser gekennzeichnet. Die Ausschreibung der Verlängerung der Badestrecke initiiert nun den zweiten Schritt der Umsetzung des Werdinsel-Konzepts. Die Badestrecke soll von heute 90 auf 200 Meter verlängert sowie an Ein- und Ausstiegsbereichen verbreitert werden. Zwischen dem neuen Ausstieg am Ende der Badestrecke und dem Badi-Kiosk entsteht eine neue Liegefläche für die Badegäste. Entlang der Schwimmstrecke werden zusätzliche Duschen und Sitzmöglichkeiten erstellt.
    Weil die Bademeister*innen freie Sicht und einen schnellen Zugang zum Wasser benötigen, muss der dichte Bewuchs mit Büschen und Bäumen entlang der geplanten neuen Schwimmstrecke entfernt werden. Die Bäume entlang der bestehenden Schwimmstrecke bleiben erhalten. Die Naturwerte der Werdinsel sollen trotz Verlängerung der Badestrecke erhalten bleiben. Als Ersatz für die Entfernung der Bäume sind Nachpflanzungen mit einheimischen Gehölzen wie Silberweiden und Windhecken sowie Ansaaten von ausgedehnten Wildblumenwiesen auf der Werdinsel und entlang des Oberwasserkanals vorgesehen. Wann und wie im Detail diese Kompensation geschehen wird, ist Bestandteil eines nachgelagerten Projekts, das zurzeit noch in Planung ist, jedoch gleichzeitig mit dem Bauprojekt umgesetzt werden soll.  Voraussichtlich werden die Arbeiten für die Badestreckenverlängerung im Oktober 2019 beginnen und Ende April 2020 abgeschlossen werden.

    Aufwertung Fischerweg

    Derzeit laufen ausserdem die Aufwertungsarbeiten im Schutzgebiet Auenwald Werdhölzli. Das Schutzgebiet wird ökologisch aufgewertet und mit natürlichen Hindernissen vor übermässiger Nutzung durch Menschen und Hunde geschützt. Dafür werden einzelne standortfremde Gehölze gefällt und als Totholz liegen gelassen. Damit wird der Lichteinfall zu Gunsten der kargen Strauchschicht verbessert. Darüber hinaus werden Beschilderungen angepasst und standortgerechte Wildsträucher angepflanzt. Diese Massnahmen sind ein Teil des Handlungsfelds Mensch und Tiere des Nutzungskonzepts Werdinsel.

  • Aufruf Denkmalschutz

    Das nächste Fokus-Thema heisst «Denkmalschutz». Welche Gebäude in Höngg stehen im Inventar, welche unter Schutz oder welche und warum nicht?
    Der «Höngger» sucht Hausbesitzer*innen, welche uns über ihre Erfahrungen mit der Denkmalschutzpflege der Stadt Zürich, zum Beispiel im Zusammenhang mit Renovierungs- oder Umbauarbeiten, Erfahrungen gemacht haben. Bitte wenden Sie sich an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05. 

  • «Ich bin voller Geschichten»

    «Ich bin voller Geschichten»

    Der schwarze Kater miaut vorwurfsvoll, wer ist dieser ungebetene Gast, der sein Frauchen besucht? Das «Frauchen» heisst Serpentina Hagner und ist Comiczeichnerin. Sie sitzt am Küchentisch ihrer Zweizimmerwohnung im Rütihof und wirkt so, als könne sie selber nicht recht glauben, was gerade in ihrem Leben geschieht. Vor einigen Monaten erreichte die 63-jährige eine Mail, Absender war Andreas Kaernbach, Kurator des Bundestags in Berlin. Er fragte sie an, ob sie zu Ehren des 100-Jahre-Frauenwahlrecht-Jubiläums einen Comic zeichnen wolle. Ungewöhnlich ist dies vor allem, weil die Künstlerin erst vor zwei Jahren ihr allererstes Buch herausgegeben hat, und in der Szene eigentlich noch «neu» ist. «Ich dachte erst, da wolle sich jemand einen Scherz mit mir erlauben und habe ihn gegoogelt», sagt sie und lächelt beinahe verlegen. Als dann klar war, dass es ernst gemeint war, sagte sie natürlich zu, nicht ohne vorher einen befreundeten Autor um Hilfe zu bitten, denn sie wusste, alleine würde sie das Recherchieren, Texten und Zeichnen in der kurzen Zeit nicht stemmen können. Am Ende stand ein 20-Seiten starkes Buch, das die Frauenrechtsgeschichte seit 1849 erzählt. Gerade ist sie zurück von der Feier zum 100-Jahre-Frauenwahlrecht in Berlin, wo sie Persönlichkeiten wie Rita Süssmuth und Wolfgang Schäuble kennenlernen durfte. Doch wie kam es eigentlich, dass sich die Schweizerin gegen die vielen jungen – und talentierten, wie Hagner selber sagt – Zeichnerinnen durchsetzen konnte und nach Deutschland eingeladen wurde?

    Von Märchen und anderen Geschichten

    Erst 2017 hatte sie ihren ersten Comic «Der Märchenmaler von Zürich» veröffentlicht, den ersten Teil ihrer skurrilen Familiengeschichte, und die Geschichte über ihren Vater Emil Medardus Hagner, Märchenmaler, Künstler und Stadtoriginal. Im September 2018 folgte der zweite Band «Der Blechbauchmaier». Die Vorarbeiten für beide Bücher begannen vor zwanzig Jahren, doch Geschichten sammelt Hagner schon ein Leben lang. In eine Künstlerfamilie hineingeboren – Vater und Mutter malten beide, wenn auch sehr unterschiedlich – kannte sie schon mit fünf Jahren den Unterschied zwischen Expressionismus und Impressionismus und konnte alle grossen Maler auswendig aufzählen. Das Zeichnen war immer ein wichtiger Bestandteil des Familienlebens und prägte sie und ihre beiden Geschwister stark.

    Die Kindheit war nicht einfach. Vater Emil oder Miggeli, wie man ihn nannte, kämpfte gegen innere Dämonen, war mal lieb und warmherzig, dann wieder eigenartig und depressiv. Als Älteste fand sich Hagner bald in der Vermittlerrolle zwischen den Eltern wieder und spielte auch für ihre Brüder und ihren Vater die Mutter. «Es geht nicht spurlos an einem vorbei, wenn man als Fünfjährige den eigenen Vater daran hindern muss, aus dem Fenster zu springen oder sich auf eine andere Art umzubringen», erzählt sie. Ohne Sicherheit ein Urvertrauen zu entwickeln ist fast unmöglich. Erst viel später lernte sie, dass man sich auf Menschen auch verlassen kann. Trotz aller Schwierigkeiten hatte Emil auch eine bezaubernde Seite, er zeichnete zum Beispiel das «Schlauraffenland», ein liebevoll gestaltetes Kindermärchen, in dem Zöpfe und Brötchen in Milchbächen schwimmen, die Fladen der Nilpferde aus Lebkuchen bestehen, Wiesel Kasperlitheater auf dem Rücken tragen und die Kinder auf dem Rücken der Libellen umherfliegen. «Er hat dieses Buch auch für sich gemacht, er hatte selbst das Gefühl, noch ein Kind zu sein», erinnert sich Hagner, während sie die Seiten umblättert. Die Welt sei ihm oft zu hart erschienen.

    Während man in anderen Familien oft nichts über das frühere Leben der eigenen Eltern und Grosseltern erfährt, hatte das Geschichtenerzählen bei Hagners Tradition. Mit etwa vierzig Jahren begann Serpentina Hagner ihren Vater auf den Spaziergängen, die sie gemeinsam unternahmen, wenn es ihm gut ging, über sein Leben und auch das seiner Mutter und Urgrossmutter auszufragen. «Ich habe im Laufe der Jahre sicher 300 Seiten vollgeschrieben», sagt sie. Zum Beispiel – ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen – wie die Urgrossmutter Pauline, Tochter einer Fahrenden, 1899 mit einer Schiessbude ans erste Knabenschiessen nach Zürich kam, schwanger wurde und das Kind – das später der Kuckucksgrossvater von Serpentina Hagner wurde – bei der Familie des Vaters liess. Wie die Mutter von Emil Miggeli Hagner ebenfalls unehelich schwanger wurde, und sich ebendiesen Kuckucksgrossvater anlachte, ihm aber nie sagte, dass das Kind nicht von ihm war. Und wie schliesslich Serpentinas Vater mitten im Zürcher Milieu gross wurde. «Manchmal werde ich gefragt, wie viel davon erfunden sei, und die Wahrheit ist: Es ist alles so geschehen, so skurril es scheint. Und weil die Geschichten so aussergewöhnlich waren, sind sie mir wohl auch so gut im Gedächtnis geblieben». In ihren Comics hat die Zeichnerin die zu dunklen Episoden jedoch ausgelassen – «die wären höchstens für einen Psychiater interessant», meint sie mit einem Lachen. Das Zeichnen und Schreiben über ihre Familie habe ihr auch geholfen, das Erlebte zu verarbeiten und Distanz dazu zu gewinnen. In ihren Recherchen an den Orten, in denen sich die Szenen abspielten, lernte sie ihre Heimatstadt noch besser kennen. Die Zeichnungen zeigen Zürich zwischen und während der Weltkriege, frivol und dekadent zugleich, aber immer mit einem humorvollen Unterton.

    Hartnäckigkeit zahlt sich aus

    Wieso aber hat sie sich so viel Zeit gelassen mit ihrem ersten Comic? Als Jugendliche hatte sie erst ganz andere Pläne. Zwar zeichnete und malte sie immer nebenbei, aber ihr grosser Wunsch war es, Köchin zu werden. «Nach dem Vorkurs an der Kunstschule, einer abgebrochenen Ausbildung am Werkseminar und einer kurzen Zeit als Bohemien – im Nachhinein eine Spinnerei – versuchte ich, bei den grossen Köchen Zürichs eine Lehrstelle zu finden», erzählt sie. «Doch die Restaurants wollten damals keine Frauen in der Küche». Auch in einer Kulturbeiz, bei der sie anheuerte, sagte man ihr, sie hätte doch gar keine Erfahrung darin, grosse Gruppen zu bekochen. Was durchaus stimmte. Aufgeben wollte Hagner deswegen trotzdem nicht. Stattdessen brachte sie sich selber das Wursten bei und belieferte die Beiz fortan mit hausgemachten Würsten, an denen sie so gut wie nichts verdiente. Die Rechnung ging dennoch auf: Wenig später bot man ihr die Stelle in der Küche der Kulturbeiz an. «Und so begann meine Karriere als Köchin», erzählt sie, die Kochbücher liest, wie andere Krimis lesen. Zahlreiche Bänder im Regal zeugen von ihrer Leidenschaft, da steht die Pauli Kochbibel neben dem neuesten Ottolenghi-Wurf.

    Der Wunsch, ihre Familiengeschichte in einem Comic festzuhalten, wurde langsam stärker, aber erst traute sie sich das Projekt nicht richtig zu. «Ich verglich meine Malerei mit der meines Bruders, der die technische Präzision meiner Mutter geerbt hat, während meine eigenen Arbeiten eine gewisse Naivität besitzen, ähnlich wie die meines Vaters», sagt sie. Dennoch reichte sie schliesslich eine Zeichnung am Comicfestival in Lenzburg ein und holte unverhofft den ersten Preis. Vom eigenen Erfolg überrumpelt, sagte sie ein Radiointerview ab und wandte sich schnell wieder dem Kochen zu. «Heute würde ich das nicht mehr tun», meint die Künstlerin rückblickend. «Das ist der Vorteil des Alters: Man sieht die Dinge etwas gelassener und lässt sich nicht so sehr aus der Ruhe bringen».

    «Alleine ist es nicht zu schaffen»

    Als sie sich schliesslich an die Arbeit machte, den ersten Band zu verfassen und erstmal nur Absagen von den Verlagen erhielt, riet ihr eine gute Freundin, am Comicbuch-Wettbewerb der Berthold-Leibinger-Stiftung teilzunehmen. Prompt wurde sie als einzige Schweizerin mit einem Finalistinnenpreis prämiert. «Diese Auszeichnung war einer der Gründe dafür, dass mich Andreas Kaernbach für die Arbeit zum 100-Jahre-Frauenwahlrecht-Jubiläum anfragte». Aber irgendwie scheint sie immer noch überrascht zu sein über den unerwarteten Lauf der Dinge. «Es ist verrückt», sagt sie, «aber es stimmt wohl, wenn Menschen sagen, sie seien halt immer drangeblieben», überlegt sie. «Man muss sich stets einen kleinen Raum für seine Leidenschaft freihalten. Irgendwann klappt es – oder eben nicht, das Glück hat ja auch noch ein Wörtchen mitzureden». Was sie mit Sicherheit wisse, ist, dass es ohne die richtigen Menschen um sie herum nie so weit gekommen wäre. «Meine Freunde, die mich unterstützt haben, vielleicht andere Freunde hatten, die die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt kannten, das alles spielt eine grosse Rolle. Alleine ist es nicht zu schaffen».
    Sie geniesse jetzt den Moment, es sei eine schöne Erfahrung, die ihr sehr gut tue. Wenn sich alles ein wenig gesetzt hat, will sie sich dem dritten Band ihrer Saga widmen, «denn ich bin noch voll von Geschichten, die mir in den Sinn kommen, wenn ich durch die Stadt spaziere».

    Die beiden Comic-Bände «Der Märchenmaler von Zürich» und «Der Blechbauchmaier» sind sowohl im Canto Verde am Meierhofplatz als auch im Infozentrum unserer Quartierzeitung für 29.80 Franken zu kaufen. Erschienen im Verlag Edition Moderne. www.editionmodern.ch. www.serpentina-hagner.ch

  • Wie aus Abwasser Wärme wird

    Wie aus Abwasser Wärme wird

    Im Eingangsbereich des ERZ Klärwerk Werdhölzli hängt eine Luftaufnahme der gesamten Anlage, darauf sind prominent die vier riesigen Klärbecken zu sehen. Auf diesem Stück Land direkt an der Limmat wird das Abwasser der ganzen Stadt gereinigt. In einem im Verhältnis kleineren Gebäude wird der dabei zurückbleibende Klärschlamm verbrannt, aber nicht nur der der Stadt, sondern auch der des ganzen Kantons. Angesichts der Massen an Wasser, die hier durchfliessen – jeden Tag sind es zwischen 150’000 und 500’000 Kubikmeter – wirkt die Anlage schon fast wieder dezent. Wenn die Stadtzürcher Stimmberechtigten am 10. Februar ja zum Objektkredit für einen Energieverbund Altstetten sagen, wird auf diesem Areal neu auch Fernwärme produziert. Wie und wo das genau geschehen wird, erklärt Projektleiter Pascal Leumann auf einem Rundgang.

    Selbst kaltes Wasser liefert Wärme

    Der Weg führt vorbei am Parkplatz der Schausteller und an Schrebergärten bis ans westlichste Ende des Werdhölzli Areals. Hier wurde vor kurzem eine neue Verfahrensstufe zur Elimination von Mikroverunreinigungen in Betrieb genommen. Nachdem das Abwasser die ganze Kläranlage durchlaufen hat, werden in dieser Anlage in einem letzten Schritt beispielsweise Medikamentenrückstände entfernt, bevor das Wasser wieder in den Fluss gelangt. Gleich daneben hat das ewz das Abwärmenutzungsgebäude (AWN-Gebäude) in einer Vorinvestition erstellt. In der Halle hallt es wie in einem Wasserreservoir. «Selbst in der kältesten Jahreszeit beträgt die Temperatur des gereinigten Abwassers etwa zwölf Grad», sagt Leumann. «Im Wärmetauscher wird dem Wasser Energie in Form von Wärme entzogen, etwa zehn Grad Celcius. Ein Teil des gereinigten Abwassers wird vom Auslaufkanal zum AWN-Gebäude geleitet, dort wird dem gereinigten Abwasser über den Wärmetauscher Wärme entzogen und das gereinigte Abwasser wieder zurück in den Auslaufkanal des Klärwerks geleitet. Der Auslaufkanal wird dann in die Limmat geleitet. Die so gewonnene Energie gelangt nun über einen mit Wasser betriebenen Zwischenkreis, das sogenannte Anergieleitungsnetz, in die Energiezentrale, wo es mit einer Wärmepumpe auf 60 bis 70 Grad erhitzt wird. Dazu benötigt man Strom. Das Verhältnis von Strom zu gewonnener Energie liegt bei eins zu vier, das bedeutet, mit einem Teil Strom können vier Teile Nutzwärme produziert werden. In die Energiezentrale, die den Hönggerberg versorgen wird, wird ausserdem eine Leitung gelegt, die rund 70 Grad heisse Rest-Abwärme aus der Klärschlammverwertungsanlage sowie zusätzliche Abwärme mit rund 50 Grad aus der Abgaskondensation derselben Anlage zuführt.

    Die so produzierte Wärme wird über ein ebenfalls geschlossenes Fernwärmenetz zu den Kund*innen gebracht. Diese heizen ihre Gebäude damit oder füllen wahlweise auch ihren Heisswasservorrat. Das abgekühlte Wasser fliesst wieder zurück in die Energiezentrale, wo es erneut aufgewärmt wird, und so weiter. Parallel dazu wird ein Fernkältenetz im Dienstleistungsgebiet zwischen der Bahnlinie und der Autobahn ausgebaut. Kunden, die ihre Büros kühlen wollen, können die Klimakälte beim ewz bestellen.

    Von der Limmat hoch zum Rütihof

    Vom Klärwerk führen die Fernwärmeleitungen unter der Limmat hindurch bis zum Pflegezentrum Bombach. Die Pläne sind noch nicht definitiv, aber es kann gesagt werden, dass die Leitungen, wenn immer möglich, den Strassen entlang gelegt werden. So führen die stark isolierten Rohre der Hauptleitung auf dem provisorischen Plan die Frankentalstrasse hinauf, unter einem Feld hindurch, der Riedhofstrasse entlang und links über einen Feldweg zum Rütihof hinauf. «Die Bauarbeiten werden in enger Koordination mit dem Tiefbauamt der Stadt Zürich (TAZ) durchgeführt», sagt Marie Oswald, Pressesprecherin des ewz. «Ziel ist, den Leitungsbau mit anderen Bauplänen zu koordinieren, um das Baustellenaufkommen einzugrenzen». Das werde nicht in 100 Prozent der Fälle möglich sein, aber man versuche sich, so gut wie möglich abzustimmen. Diese Koordination könnte in Höngg vergleichsweise einfach ablaufen, wohingegen in Altstetten mit der sich im Bau befindenden Limmattalbahn und anderen gleichzeitig zu realisierenden Projekten einige Herausforderungen auf die Ämter zukommen dürften.

    Von den Hauptleitungen aus wird die Wärme in die Häuser verteilt. «Das Anschliessen der Häuser dauert voraussichtlich zwei bis drei Wochen», erklärt Leumann. Dies deshalb, weil einige aufwendige Arbeiten zu erledigen sind: Nach dem Ausheben des Grabens werden zwei Leitungen verlegt und verschweisst. Die Schweissnähte werden mit einer Muffe, einer Art Mantel, extra isoliert. In dieser befinden sich zwei Drähte, anhand derer man ein allfälliges Leck schnell lokalisieren kann. Dann wird ein Teil der Schweissnähte geröntgt und der gesamte Leitungsabschnitt mit Luft gefüllt, ähnlich wie bei einem Fahrradpneu, um zu sehen, ob irgendwo noch eine undichte Stelle ist. Erst dann wird der Graben wieder zugeschüttet. Über zwei Löcher in der Wand führen die Leitungen ins Haus, dort wird – immer noch durch das ewz – eine Wärmeübergabestation eingebaut. Es handelt sich um einen Wärmetauscher im Kleinformat. Dort wird das 70 Grad warme Wasser in das geschlossene Heizungssystem des Kunden angeliefert, das abgekühlte Wasser fliesst zurück.
    Und wer kommt überhaupt in den Genuss der ökologischen Wärme? «Der von uns festgelegte Perimeter wurde möglichst nah an die Quelle gelegt, um den Energieverlust zu minimieren», sagt Leumann, «ausserdem sind Einfamilienhaus-Quartiere wirtschaftlich schwierig zu erschliessen». Entsprechend führen die Leitungen durch dichter bebaute Quartiere mit Mehrfamilienhäusern und grösseren Gebäuden. 2017 hatte das ewz damit begonnen, Kunden im Gebiet Altstetten Nord und Höngg anzuschreiben und über die Wärmelieferung zu informieren. Unter dem Vorbehalt, dass die Abstimmung auch angenommen wird, wurden erste Verträge abgeschlossen. Bereits im Frühjahr 2018 hatten sich genug potenzielle Kund*innen gefunden, um einen kostendeckenden Betrieb auf 30 Jahre zu gewährleisten. Bis zum 1. Oktober 2020 soll die erste Etappe soweit beendet sein, dass die ersten Gebäude angeschlossen werden können. Im Herbst 2021 sollen die Arbeiten schliesslich abgeschlossen sein, der genaue Zeitpunkt hängt jedoch von der Koordination mit dem Tiefbauamt ab. Weitere lokale Leitungsbauten werden schliesslich nötig sein, um weitere Kunden anzuschliessen.
    75 Prozent CO2 neutrale Wärme soll der Energieverbund liefern können, die Spitzenlasten sollen mit fossilen Energieträgern abgedeckt werden. Wäre auch eine Abdeckung der Spitzenlast der Fernwärmeversorgung ohne fossile Energieträger, wie es ein Postulat im April 2018 forderte, denkbar? «Um 100 Prozent erneuerbar zu sein, könnte man theoretisch in diesem Fall nur das gereinigte Abwasser, Holzschnitzel oder Biogas nutzen», meint Leumann, «wirtschaftlich wäre es allerdings nicht und wir müssten auch für die Endkundinnen und -kunden einen viel höheren Preis für die Wärmelieferung verlangen».

    Wieso ewz und nicht ERZ?

    ERZ, ewz, Energieverbund, Wärme Zürich: Wieso hat eigentlich das ewz den Lead für das Projekt, und nicht Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ), der das Klärwerk angehört und die bereits Fernwärme anbietet? «ERZ bietet über ihre Firma ‹Wärme Zürich› zwar bereits Fernwärme an, diese bezieht sie aber aus der überschüssigen Abwärme der Kehrichtverbrennungsanlagen Hagenholz und Josefstrasse und verteilt sie direkt über ihr Hochdrucknetz», erklärt Pascal Leumann. «Der Unterschied ist, dass der Energieverbund Altstetten auf der Nutzung von gereinigtem Abwasser gründet und mit Wärmepumpen arbeitet. Das ist schlicht nicht das Kerngebiet des ERZ, wohingegen das ewz in diesem Bereich auf rund 20 Jahre Erfahrung zurückgreifen kann». Unter anderem betreibt das ewz seit zehn Jahren den Energieverbund Schlieren. Da die Fernwärme-Anlagen aber auf dem Areal des Klärwerks stehen und auch von vorhandenen Produkten wie Abwärme aus der Klärschlammverwertungsanlage profitieren werden, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Stellen unabdingbar. Inwiefern die Stadt die verschiedenen Anbieter der Übersicht halber einmal unter ein gemeinsames Dach nimmt, ist Bestandteil der politischen Diskussion. Der Stadtrat berät zurzeit darüber, wie eine Dachstrategie aus Eigentümersicht zur Organisation der städtischen Energieversorger aussehen könnte.

  • Corinna Polke in den Redaktionsräumen des «Hönggers»

    Corinna Polke wurde in Zürich geboren, wuchs in Höngg auf und wohnt noch immer auf dem Hönggerberg. Natur spielt für die Künstlerin eine wichtige Rolle, ihr Garten, der Wald und die Wiesen auf dem Hönggerberg liefern ihr die schönsten Fotosujets. In häufigen Spaziergängen und während sportlicher Aktivitäten auf dem Hausberg hat sie sich mit ihm vertraut gemacht. Besonders zu den Bäumen hat sie eine tiefe, fast persönliche Beziehung. Gerade im Winter zeigt sich deren Charakteristik wie Fingerabdrücke, sie werden zu Individuen, fast wie Menschen, jeder anders und einzigartig mit seinem Muster. So hat sie einige charakteristische Bäume festgehalten.

    Kunstschaffen liegt in der Familie

    Durch Polkes Grossmutter väterlicherseits kamen die Kunstgene in die Familie. Zwei der Söhne wurden bekannte Künstler, einer davon Sigmur Polke. So hatte die Kunst in Polkes Familie schon immer einen grossen Stellenwert: Vater Reinhard Polke betreibt in Zürich eine Galerie, genannt «Feldegg93». Selber zeichnete Corinna Polke schon als Kind viel und leidenschaftlich und erfüllte sich nach der Lehrerausbildung und einiger Jahre Lehrtätigkeit schliesslich einen Kindheitstraum: Sie schloss den Vorkurs an der HdKZ, heute ZHdK, mit anschliessender Fachklasse für Werken, Kunst und Gestaltung ab. Es folgten diverse Ausstellungen, während sie gleichzeitig im Teilpensum als Lehrerin arbeitete und Kurse für Erwachsene anbot. Seit rund 15 Jahren besucht sie ein Druckatelier «Dranbleiben» und setzt ihre Motive in die verschiedenen Tiefdruckverfahren um. Eine Auswahl dieser Druckgrafiken zum Thema «Winter» und «Bäume» sind nun in der Ausstellung in den Redaktionsräumen des «Hönggers» zu sehen. «Die Bäume sind zwar naturalistisch, aber durch Druck und Farbgebung verändert, zum Beispiel in die Nacht gesetzt, vom Mond beleuchtet, oder geheimnisvoll in schneiender Nacht glitzernd», erklärt sie ihre Werke. «Ich setzte um, was mir nahe ist, mich umgibt, halte Erlebnisse und Eindrücke fest», sagt Polke. Manchmal arbeite sie aber ganz gern auch experimentell abstrakt.

    Besonders angetan hat es Polke die Technik «Chine collé». «Sie ermöglicht es mir, meine gefertigten Platten mit meinen Fotos und anderen Bild- und Bunthintergründen frei zu kombinieren, was viele spannende Möglichkeiten eröffnet», erzählt Polke.

    Zu sehen sind Corinna Polkes Werke vom 17. Januar bis Mitte April, jeweils zwischen 9 und 17 Uhr, in den Redaktionsräumen der Quartierzeitung Höngg, Meierhofplatz 2. Die Vernissage findet am 17. Januar um 17 Uhr bis zirka 21 Uhr statt.

  • Fernwärme in greifbarer Nähe

    Fernwärme in greifbarer Nähe

    2008 haben die Zürcher Stimmberechtigten der Verankerung der Nachhaltigkeit und der 2000-Watt-Gesellschaft mit 76,4 Prozent zugestimmt. Damit beauftragten sie die Stadt, sich insbesondere für die Reduktion des CO2-Ausstosses und die Förderung der Energieeffizienz und erneuerbarer Energiequellen einzusetzen. Der geplante «Energieverbund Altstetten», welcher Altstetten und Teile von Höngg umfasst, soll dazu beitragen, diese Ziele zu erreichen. Heute werden die beiden Quartiere weitgehend über das Gasnetz mit Wärme versorgt. Dieses soll mittel- bis langfristig durch Fernwärme ersetzt werden, welche aus dem gereinigten Abwasser des Klärwerks Werdhölzli gespiesen wird. Zusätzlich verbrennt ERZ im Werdhölzli den gesamten Klärschlamm aus Stadt und Kanton Zürich. Ein Teil der Abwärme kann vom Energieverbund als zusätzliche Energiequelle genutzt werden. Zurzeit werden erst rund 15 Prozent des Energiepotenzials des Klärwerks genutzt, die 70 angeschlossenen Liegenschaften sparen im Jahr 3,4 Millionen Liter Heizöl, was einer CO2-Reduktion von 8310 Tonnen entspricht. Angestrebt wird eine Fernwärmeerschliessung von 30’000 Haushalten und eine damit einhergehende CO2-Verminderung von 30’000 Tonnen.

    2016 bewilligte die Stadt einen Objektkredit in der Höhe von 1,96 Millionen, um im Zuge eines Ausbaus im Klärwerk Werdhölzli die Infrastruktur für einen Energieverbund bereitzustellen. Ausserdem erstellte das ewz ein Gebäude zur Verwertung von Abwärme, um die «Synergien mit dem Erweiterungsbau der ERZ zu nutzen», wie es in der Abstimmungszeitung heisst.
    Wird die Vorlage vom Stimmvolk angenommen, baut das ewz in einer ersten Etappe in Höngg und in Altstetten Nord, nördlich der Bahnlinie, einen Wärme- und Kälteverbund. Dafür konnten bereits genügend Eigentümer*innen von Gebäuden für einen Anschluss gewonnen werden, wie die Stadt bekannt gibt. Somit sei ein kostendeckender Betrieb gewährleistet. Die ersten Liegenschaften sollen ab 2020 über den Energieverbund mit Fernwärme versorgt werden. Der Kälteverbund wird in dieser Etappe nur in Altstetten Nord zwischen Autobahn und Bahngleisen gebaut. Auch die neue Eishockey- und Sportarena soll vom Energieverbund Altstetten versorgt werden.

    Verdichtung des Fernwärmenetzes und Ausbau der Anergieleitung*

    In einer zweiten Etappe wird das Netz entsprechend der Nachfrage verdichtet. Der Anschluss ist freiwillig, die Preise sollen für das ganze Verbandsgebiet einheitlich gestaltet werden. In der dritten Etappe wird schliesslich die Anergieleitung vom Werdhölzli zum bestehenden ewz-Energieverbund Flurstrasse verlängert. Dies als Voraussetzung für künftige Etappen, in denen die Gebiete Altstetten-Mitte und -Süd erschlossen werden sollen. Diese sind von dieser Abstimmung nicht betroffen und werden separat durch die zuständigen städtischen Stellen bewilligt. Dies sind: das ewz, ERZ, das Tiefbauamt und die Energie 360° AG. Letztere versorgt heute einen Grossteil der Liegenschaften in Altstetten und Höngg über das Gasnetz mit Wärme, will sich aber zurückziehen, sobald die Versorgung über Fernwärme gewährleistet ist. Die Gasversorgung soll jedoch noch mindestens 15 Jahre sichergestellt sein.

    Gemeinderat hat Vorlage klar angenommen

    Am 14. November 2018 hat der Gemeinderat der Vorlage mit 101 zu 14 Stimmen zugestimmt. Einzig die SVP lehnt den Kredit «Energieverbund Altstetten» gänzlich ab. Sie fände die Nutzung von Abwasser zur Gewinnung von Heizwärme zwar grundsätzlich sinnvoll, sieht darin aber ein Hochrisikogeschäft. Sie bezweifelt, dass sich genügend interessierte Haushalte im Gebiet finden lassen, da Heizöl und Gas noch immer günstiger seien. Solche Risiken sollte ihrer Meinung nach nicht der Steuerzahler tragen, sondern eine private Betreibergesellschaft. Die Gründung einer Aktiengesellschaft als gemeinsames Unternehmen des ewz und der Energie 360° AG hatte der Gemeinderat in einer früheren Abstimmung jedoch abgelehnt. Während die übrigen Parteien das Projekt als Teil der Umsetzung der Energieplanung der Stadt Zürich anerkennen und auch die Nutzung von bereits vorhandenen und aktuell brachliegenden Energiequellen befürworten, schliessen auch sie, je nach politischer Färbung, potentielle Schwierigkeiten nicht aus. So sieht die FDP das mögliche Risiko, dass bei schlechter Kundenakquisition keine Amortisation der Kosten gelingt. Weiter kommen die generellen Risiken beim Bau von Grossprojekten hinzu, wie beispielsweise unvorhergesehene Probleme, welche zu zusätzlichen Kosten führen. Ausserdem müssten bei einer Ablehnung der Vorlage bereits getätigte Vorinvestitionen abgeschrieben werden. Die FDP stellt sich gegen einen Anschlusszwang und eine ökonomisch nicht sinnvolle Abdeckung der Spitzenlasten (rund 25 Prozent der Gesamtenergie) durch CO2-neutrale Quellen (Maximalforderungen). Beides ist jedoch gemäss Abstimmungsvorlage auch nicht vorgesehen. Für die Grünen ist offen, ob der «Energieverbund Altstetten und Höngg-West» in Zukunft nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben werden kann, da zurzeit unklar ist, wie sich die ganze Energiepreis-Thematik weiterentwickelt und welche Grundlagen zur Berechnung der Wirtschaftlichkeit beigezogen werden. Die Kosten von 130 Millionen werden von glp kritisch betrachtet. Das Verhältnis zwischen ewz und Energie 360° sei ausserdem weiterhin unklar, auch wenn die Koordination in diesem Projekt gewährleistet ist. Ausserdem könnten die mit dem Projekt verbundenen Bauarbeiten für die Anwohner zumindest zwischenzeitlich zu Unannehmlichkeiten führen. Auf Anfrage äusserte sich der Hauseigentümer Verband Zürich (HEV) grundsätzlich positiv gegenüber dem Projekt, weil eine bereits vorhandene Energie genutzt und das Heizen mit Öl oder Gas reduziert, wenn nicht sogar ersetzt werden könne. Wichtig seien dem HEV, dass kein Bezugszwang entstehe und über einen Ersatz von Gas durch Fernwärme rechtzeitig und umfassend informiert werde. Schliesslich sollen sich die Kosten für die Fernwärme im Rahmen der anderen Energieträger bewegen und allfällige Verluste nicht an den Steuerzahler übertragen werden.

    *Anergie
    Exergie bezeichnet den Anteil der Energie eines Systems, welcher Arbeit leisten kann. Anergie ist nun der Gegenbegriff hierzu – also Energie, die keine Arbeit leisten kann. (…) Wenn Wärme beispielsweise in Form heissen Wassers in einer Fernwärmeleitung geliefert wird, dann kann diese Energielieferung gedanklich in Exergie und Anergie aufgeteilt werden. Der Exergieanteil ist die Menge elektrischer Energie, die man theoretisch mit einer perfekten Wärmekraftmaschine gewinnen könnte – wobei als zweites Temperaturniveau zum Beispiel die Temperatur der Aussenluft verwendet wird. Die Menge von Anergie wäre dann die gesamte gelieferte Energiemenge abzüglich der Menge von Exergie.
    Quelle: https://www.energie-lexikon.info

     

    Mehr zum Thema in der Ausgabe vom 24. Januar. Unter anderem besucht der «Höngger» die Kläranlage Werhölzli.