Autor: tka_admin

  • Vereinsleben im Hönggerwald

    Vereinsleben im Hönggerwald

    Im Hönggerwald tummeln sich allerlei Lebewesen. Über den Laubboden rascheln Mäuse, Kröten und Igel, auf den Bäumen turnen flinke Eichhörnchen und durch die Luft ziehen Vögel auf der Suche nach Insekten. Spaziergänger*innen zotteln hinter ihren Hunden her, Jogger*innen schlagen grazile Rehe in die Flucht. Auch Füchse und sogar Wildschweine gibt es hier. So weit, so gut, aber die Liste ist damit noch lange nicht erschöpft.

    Waldpädagogik in Höngg

    Dass man im Wald zur Schule gehen kann, mag wohl die eine oder andere Leser*in erstaunen, aber gerade hier ist das Angebot sehr breit. Schon ab zweieinhalb Jahren können Kinder in Höngg die Waldspielgruppe Wurzelstufe besuchen oder mit ihren Eltern in der Wildkräuter-Feuerküche im Freien kochen. Beim Freien Chindsgi Hönggerberg ist schon seit jeher der Mittwoch Waldtag. Die Kinder seien bei jedem Wetter draussen und bräteln am Mittag zusammen, erzählt Leiter Thomas Hümbeli. «Ziel ist, dass sich die Kinder in der Natur Kompetenzen aneignen, die sie sonst im Chindsgi eher nicht bekommen», sagt er. So gehe es etwa darum, Empathie mit Pflanzen und Tieren zu lernen, zum Beispiel dafür, wie Pilze und Bäume Symbiosen eingehen. Im Wald seien die Kinder auch freier, sie müssen nicht «stillhöckle», wie sonst im schulischen Umfeld.
    Dass das Sein in der Natur sich positiv auf die Kindesentwicklung ausübt, ist auch der Grundgedanke bei den Waldchind Züri, wo Kinder ab vier Jahren und bis zur zweiten Primarschule im Wald lernen, bevor sie in eine reguläre Schule übertreten. Für jedes Kind wird auf Basis des kantonal festgelegten Kindergarten- und Schulstoffs ein Semesterförderplan ausgearbeitet, aber auch fürs freie Spiel und das Kennenlernen des Waldes bleibt viel Zeit. Gelernt wird an verschiedenen Plätzen, Znüni und Zmittag essen die Kinder alle gemeinsam. Unterrichtet wird generell im Wald, aber im Winter steht für den Fall der Fälle ein beheizter Raum zur Verfügung.
    «Normale» Schulen nutzen den Wald ebenfalls, zum Beispiel für Ausflüge oder Projektwochen. Ausserdem bietet Grün Stadt Zürich einen Waldputztag an, für den Lehrer*innen ihre Klassen anmelden können – ein Angebot, das in Höngg seit Jahren regelmässig genutzt wird.

    Feuermachen und Radfahren

    Auch Jugendliche sind oft im Wald unterwegs. Die Pfadi und die Cevi sind an vielen Samstagen dort anzutreffen und sie nutzen den Wald vielfältig, indem sie etwa mit Naturmaterialien basteln, Geländespiele durchführen, Kochwettbewerbe veranstalten, Verstecken spielen oder an Gruppenplätzen bauen. Dabei gilt das altbekannte Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Ausrüstung. Das einzige, was Pfadis und Cevis gleichermassen schwerfällt, ist das Feueranzünden im Platzregen. Aber wem das nicht so geht, werfe den ersten Stein – und klappen tut es am Schluss trotzdem immer.
    Etwas weniger wetterfest – was man ihm freilich nicht vorwerfen kann – ist der Radfahrverein Höngg. Gegen 25 junge Radfahrer*innen zwischen sechs und 13 Jahren fahren montags im Velo-Lukas-Biketeam durch den Wald, zusammen mit über 40 Kindern aus Niederglatt. Das letzte Mal draussen waren sie kurz nach den Herbstferien. Gemeinsam mit den Eltern wurde zum Saisonausklang gebrätelt. Jetzt, wo der Winter kommt und es abends schnell dunkel und kalt wird, biken sie in der Turnhalle, bis der Frühling wiederkehrt.

    Mensch- und Tierwohl im Wald

    Der Natur- und Vogelschutzverein nutzt den Wald vor allem fürs Beobachten. Darüber hinaus führt er dort immer wieder Veranstaltungen durch. Zuletzt konnten Interessierte auf einem Naturspaziergang die Pilzvielfalt kennenlernen, und erst vor ein paar Wochen fand die allherbstliche Kontrolle der rund 120 Nistkästen statt, die der Verein für die Waldvögel aufgestellt hat. Auch nachts sind die Vereinsmitglieder manchmal unterwegs, zuletzt im Sommer, als sie sich spätabends zum Granatweiher aufmachten, wo der nachtaktive Glögglifrosch lebt. Es naht auch schon die Waldweihnacht, die immer zusammen mit dem Quartierverein durchgeführt wird.
    Und was wäre der Wald ohne die vielen roten Bänklein, die dort zum Ausruhen einladen? Regelmässig werden sie vom Verschönerungsverein gepflegt, von Graffitis gereinigt, mit neuem Kies umstreut, von Heckengewucher befreit. Dafür seien zwei Personen zuständig, erzählt Vereinspräsident Ruedi Zweifel. Wer möchte, kann übrigens selbst aktiv werden und den Wald mitverschönern. Zweimal im Jahr findet ein Arbeitstag statt; kürzlich wurde die Findlingsanlage vom Laub befreit, der nächste Tag steht im Juni an.
    Die Wildschweine und Mäuse rascheln also nicht allein über den Blätterboden des Hönggerwalds. Aber wer hätte geahnt, dass dort derart viele Höngger*innen aktiv sind?

    Eingesandt von Anne-Christine Schindler

  • Hinter den Kulissen der Kunst

    Hinter den Kulissen der Kunst

    Schon beim Betreten des ehemaligen Bauernhofes konnte man viele der ausgestellten Skulpturen entdecken. Einige aus Stein, andere aus Stahl oder Eisen gefertigt. Alle in diversen Grössen, Formen und Farben, die Einzelstücke an sich jedoch schlicht gehalten, verliehen sie dem Platz eine kreative Energie. Seit vielen Jahren, genauer gesagt seit 1988, arbeiten der Bildhauer, Eisen- und Bronzeplastiker Willy Wimpfheimer und der Steinbildhauer Thomas Blumer, Seite an Seite im Atelier am Lebristweg. Am 24. November luden sie kunstinteressierte Menschen dazu ein, sich bei ihnen umzusehen, ihre Werke zu begutachten und es sich am Feuer, mit einem Bier oder einem Glas Wein, gemütlich zu machen. Auf den Tischen ausgelegt fand man neben kleinen und grossen Flaschen süsse Kuchen, Früchte und Salziges – für jede Tageszeit etwas Passendes. Die Türen des Ateliers standen nämlich vom frühen Nachmittag an für die Besucher*innen offen und wurden erst um Mitternacht wieder geschlossen. So viel Zeit musste sein, denn es gab auch wahrlich viel zu entdecken.

    Im Künstlerchaos

    Die Räume des Arbeitsplatzes der beiden Künstler liegen in ehemaligen Stallungen und erinnern teilweise noch an diese. Laut Thomas Blumer könne man heute manchmal noch die Tiere riechen, obwohl sein Partner, Willy Wimpfheimer, sich bereits vor 47 Jahren in den Räumen eingerichtet hat. Dessen ausgestellte Werke aus Eisen, liessen den Betrachter verblüfft über die Formbarkeit des sonst so unbiegsamen Werkstoffs zurück. Im Inneren der Werkstatt kam man dann aus dem Staunen nicht mehr heraus, die gesamte Tisch- und Regalfläche war übersät mit Werkzeug, unverarbeiteten Materialien, Sprühdosen und verirrten Weinflaschen. Das Gesamtbild lud dazu ein, sich selbst mit den Händen an einem noch ungeformten Rohmaterial zu versuchen und daraus etwas Einzigartiges zu schaffen. Man bekam Lust darauf, ebenfalls kreativ zu werden. Der «Höngger» bezeichnete das Atelier einst als «Künstlerkosmos», als das Universum von Willy Wimpfheimer und Thomas Blumer. Dies trifft es auch heute noch. In einem kleinen Ausstellungsraum, ganz in Weiss gehalten, fanden sich die Steinskulpturen von Thomas Blumer. Ein alter Holzofen und eine kleine Künstlerecke verliehen dem Raum einen persönlichen Charme.

    Kunst, für Augen und Ohren

    Im oberen Stock, anscheinend dem früheren Heuboden, betrat man einen Rückzugsort mit Bücherregal und Sitzgelegenheiten, in einer Ecke warteten ein Elektropiano und ein Kontrabass darauf, die Gäste mit Jazzklängen zu erfreuen. Gespielt wurden sie von einem Duo, bestehend aus Guolf Juvalta und Andreas Graf. So liess man den Abend ausklingen, Augen und Ohren «kunstgesättigt», der Geist inspiriert.

    Einblicke in die Arbeit der beiden Künstler und Handwerker:
    https://www.plastiker.ch/mitglieder/willy-wimpfheimer/
    http://www.skulpt.ch/

  • Im Wald geht es immer auch um den Menschen

    Im Wald geht es immer auch um den Menschen

    Erwin Nüesch hat einen Händedruck, den man nicht so leicht vergisst. Starke Finger umschliessen die Hand und ganz sicher könnten sie die Knochen darin ohne Anstrengung zersplittern lassen. Der Wildhüter braucht Kraft, schliesslich ist er manchmal auch Metzger. Doch dazu später.
    Wildhüter ist eigentlich die falsche Bezeichnung. Richtig heisst es «Wildschonrevieraufseher» und der Weg zu diesem Titel ist kein Spaziergang: Fünf Jahre dauert die interkantonale Wildhüterausbildung, die mit der eidgenössischen Berufsprüfung endet. Wer die Ausbildung antreten will, muss bereits über fünf Jahre Berufserfahrung im Feld verfügen. Dass die Jagd- und Jagdaufseherprüfung Voraussetzung sind, ist selbstredend. In der ganzen Schweiz gibt es aktuell nur 72 vollamtlich angestellte Wildhüter – vier davon in der Stadt Zürich. «Die Bewirtschaftung und das Wildmanagement sind sehr anspruchsvolle Aufgaben», sagt Erwin Nüesch, seit 20 Jahren Aufseher des Wildschonreviers Nord. Wer nicht gut ausgebildet ist, kann grossen Schaden anrichten. Zum Beispiel, wenn er aus einer Kolonie Steinböcke oder Gämsen das falsche Tier rausnimmt. Oder einen gesunden Fuchs tötet, der lebend dafür sorgt, dass der Mäusebestand nicht zu gross wird.

    Ja, das Töten von Wildtieren ist ein Bestandteil der Arbeit eines Wildschonrevieraufsehers. Sei es, um verunfallte oder kranke Tiere von ihrem Leid zu erlösen, oder um die Überpopulation einer Art zu verhindern. «Die wenigsten Tiere in diesem Gebiet haben einen natürlichen Feind, da die Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette, wie Wolf, Bär oder Luchs, fehlen», erklärt Nüesch. Zürich ist die Stadt mit der grössten Fuchsdichte in Europa, «es gibt hier Füchse, die noch nie einen Wald gesehen haben». Eine wilde Jagd auf einem so dicht besiedelten Gebiet ist zu gefährlich, das hat man früh erkannt und die Stadt, bis auf drei Regionen an den Rändern, zum Wildschonrevier erklärt. Auf diesem Gebiet sind die Wildhüter die einzigen, die ein Tier erlegen dürfen. Nüesch spricht nicht davon, Tiere zu erschiessen, sondern nennt es «dem Tier einen Schuss antragen». Auch sonst sei die Sprache der Jagd eine blumige: Man schickt das Tier in die «ewigen Jagdgründe» und es gibt Jagdhornlieder, die er zu Hause spielt, er hat sie in «Für das Reh» oder «Für die Sau» umgetauft. Obwohl er von Gesetzes wegen die Erlaubnis hat, Nachtzielgerät und Wärmekamera einzusetzen, nutzt er diese Hilfsmittel wenn möglich nicht, «jedes Tier soll das Recht haben, flüchten zu können», meint er. Wenn er eines erlegt hat, zeichnet er es mit einem Zweiglein und auch er und sein Hund kriegen «den letztem Bruch», ein abgebrochenes Tannenzweiglein. «Das klingt für manche seltsam, ist für mich aber ein wichtiges Ritual», sagt der Wildhüter. «Die ursprüngliche Idee dahinter ist, dass der Jäger für 24 Stunden gekennzeichnet wird. Sollte er einen Fehler begangen haben, der den Zorn der Natur auf die Stadt zieht, wird er bestraft und nicht die ganze Bevölkerung», erklärt er. Zöge also ein Unwetter über Höngg, würde nicht das Quartier verwüstet, sondern lediglich der Jäger vom Blitz getroffen. Nüesch ist kein gläubiger Mensch, aber der Gedanke, auf diese Weise Verantwortung zu übernehmen, entspricht ihm.
    Danach folgt das Ausnehmen und Zerlegen oder Zerwirken des Kadavers, wofür er das Metzger-Handwerk beherrschen muss. Meist bringt er die Stücke ins Restaurant Grünwald, Wirt und Gäste schätzten es jeweils sehr, wenn es Wild vom Hönggerberg gäbe, meint Nüesch. Wie viele Tiere in einem Jahr erlegt werden müssen, hängt von den Unfall- und Verbisszahlen des Gebietes ab. Der Abschussplan, der auf den Wildzählungen im Frühling basiert, wird von der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung geprüft, wenn nötig korrigiert und dann bewilligt. Die Zahlen sind für die Wildhüter verpflichtend. Würde man nun die Rehe sich selbst überlassen, wären die Bäume durch den Verbiss noch mehr unter Druck als sie es heute schon sind. Gleichzeitig soll es möglich bleiben, auf einem Spaziergang auch einmal ein Wildtier zu entdecken. Diese Balance zu finden und zu halten, ist eine der grossen Herausforderungen seiner Gilde.
    Als Wildschonrevieraufseher begleitet Nüesch auch grosse Projekte, wie den Ausbau der Autobahn. Er berät die Stadt, damit Wildkorridore und Übergänge angelegt werden können und der Wildwechsel nicht unterbrochen wird. Die Tiere legen teilweise grosse Strecken zurück und ziehen über den Gubrist Richtung Bachsertal und weiter über die Lägern bis in den Jura.

    Anwalt der Tiere

    Dass sein Job so vielseitig sein würde, hätte sich der frühere Berufsfeuerwehrmann selbst nicht ausgemalt: «Ich bin Metzger, Seelsorger, Wildhüter, Lehrer und manchmal ein bisschen Polizist», meint er. Die Menschen hätten vergessen, wie man mit Wildtieren umgeht, sie romantisierten sie. Besonders im Winter gäbe es immer wieder Leute, die das Gefühl hätten, man müsse die armen Füchse und Rehe füttern. Dabei gibt es in der Natur genügend Futter und die Tiere wissen, wie sie sich in dieser Jahreszeit verhalten müssen. Durch das Anfüttern gewöhnen sich die Tiere jedoch an die Menschen, Füchse werden handzahm, Wildsäue verirren sich bis in die Siedlungen, und irgendwann kommt es zu einer unangenehmen Situation. Wie kürzlich, als sich die Anwohner*innen nicht mehr zu ihrem Haus trauten, weil eine Rotte Wildsäue im Garten auf sie wartete. Sie hatten Essen aus dem Fenster geworfen und die Tiere damit angelockt. So wendet sich die falsch verstandene Tierliebe schnell in ihr Gegenteil, weil Tiere, wenn sie ihre natürliche Scheu verlieren und aufdringlich werden, erlegt werden müssen. Oft komme es auch vor, dass sogenannte Tierfreunde Rehe mit Esswaren füttern, an denen sie dann verenden. Er sehe sich als Anwalt der Tiere, meint Nüesch. Wenn jemand dumm genug sei, einer Wildsau mit dem Handy nachzurennen, um ein Selfie zu machen, dann sei es nicht die Schuld der Sau, wenn er am Ende verletzt werde. Natürlich liebt er Tiere auch und selbst wenn er pragmatisch ist, aus Stein ist er nicht. Obwohl er überzeugt ist, dass man keine Beziehung zum Wild aufbauen sollte, ist es ihm auch schon einmal passiert, dass er eine Art Freundschaft mit einem Rehbock geschlossen hat, der ihn täglich an derselben Stelle im Käferberg begrüsste. «Eines Tages habe ich bemerkt, dass er hinkt», erinnert sich Nüesch. «Ich wusste, ich musste ihn von seinen Schmerzen erlösen, aber ich konnte es nicht. Ein anderer Wildhüter musste die Aufgabe übernehmen».

    Im Wald lebt die 24 Stunden Gesellschaft

    Von der Dämmerung bis Sonnenuntergang, das seien seine Arbeitszeiten, nachts herrscht Hahn in Ruh. Sehr oft passieren aber die Unfälle nachts, dann rückt er natürlich auch aus, wenn er von der Polizei oder direkt vom Verunfallten kontaktiert wird. Obwohl er sich als Anwalt der Tiere sieht: Sein häufigster «Klient» ist mit Abstand der Mensch. Der Hönggerwald, so nah an der Autobahn und an der Stadt, beherbge eine 24-Stunden-Gesellschaft. Nachts verkehren hier Leute, denen man lieber nicht im Dunkeln begegnen will. In seiner Anfangszeit verging keine Woche, in der er nicht einen aufgebrochenen Tresor fand. «Der grösste wog über vier Tonnen, den müssen sie mit einem Lastwagen und einem Kranen dort deponiert haben», meint Nüesch. Es seien wohl Anfänger gewesen: Überall im Umkreis von 20 Metern lagen Münzen und Papierfetzen, meint er lachend. Der Wald ist aber auch Zufluchtsort für Menschen in schwierigen Situationen. In den vergangenen zwanzig Jahren sind ihm viele traurige, verrückte, aber auch interessante Schicksale begegnet. Eine suizidale Frau bat ihn einmal, sie doch mit seinem Gewehr zu erschiessen, einen anderen überredete er, sich nicht in einem Teich zu ertränkten. «Man muss erst mal zuhören, gar nicht viel sagen», sagt der grosse Mann. «In diesen Momenten konnte ich Schlimmeres verhindern, aber was später geschieht, liegt nicht mehr in meiner Hand. Solche Geschichten gehen mir lange nach, auch wenn ich in meinem Berufsleben schon viel gesehen habe», meint der Wildhüter nachdenklich.

    Aufklärung ist die Lösung

    Sorgen macht dem Wildschonrevieraufseher mit welcher Geschwindigkeit der Mensch die Natur verändert. «Der Lebensraum für die Wildtiere wird immer enger», beobachtet er. Das Reh lebte früher auf dem Feld und suchte sich nur die guten Gräser. Durch die dichte Besiedlung wird es aber in den Wald gedrängt, wo es junge Bäume frisst, was wiederum ein Problem für die Förster darstellt. «Wenn die Schäden überhandnehmen, müssen wir den Bestand reduzieren, was wiederum bei der Bevölkerung auf Unverständnis stösst. Mit Führungen und Schulkursen versuchen wir deshalb, die Leute aufzuklären, wie man der Natur Sorge trägt. Dieses Verständnis zu fördern, sehe ich als eine meiner Hauptaufgaben». Wenn Schulklassen zu ihm kommen, erklärt er ihnen, dass der Wald für die Tiere wie eine Wohnung sei, das können sie gut nachvollziehen. «Am Schönsten ist es für mich, wenn ich sehe, wie sie sich über das Gelernte austauschen und sich gegenseitig darauf aufmerksam machen, wenn sich jemand nicht richtig verhält. Dann weiss ich: Ich habe meine Arbeit gut gemacht».

  • Privatwald, ein Generationenprojekt

    Privatwald, ein Generationenprojekt

    220,6 Hektaren Wald verteilen sich auf Höngger «Gemeindegebiet» auf dem Höngger- und dem Käferberg. Davon gehören auf dem Hönggerberg 23,7 ha und auf dem Käferberg 17,2 ha privaten Eigentümern oder Kooperationen. Der «Höngger» begab sich mit Schaggi Heusser IV., Höngger Landwirt und einer der grössten Privatwaldbesitzer des Quartiers, auf einen Rundgang durch den Käferberg-Wald. Mit dabei Hans Nikles, pensionierter Revierförster und bis vor einem Jahr vom Privatwaldverein Höngg/Affoltern als Förster angestellt. Heute hat Förster Emil Rhyner dieses Amt inne.
    Ausgangspunkt des Rundgangs ist eine Stelle, die für eine Durchforstung vorbereitet wurde, wie sie alle rund acht Jahre stattfindet. Entlang des Weges und im Wald sind Bäume zur Fällung markiert. Die Parzellen der Privaten sind zum Teil sehr klein. Nur wer den Wald kennt, findet die Grenzmarkierungen. Doch manchmal müssen auch Heusser und Nikles genau hinschauen, damit das geschlagene Holz später auch dem richtigen Besitzer zugerechnet wird. Das kann, wenn auch selten, kompliziert sein: «Ich mag mich nur an einmal erinnern, da stand ein mächtiger Baum tatsächlich genau auf einer Grenze und musste unter den beiden Besitzern aufgeteilt werden», bei Neubepflanzungen werde deshalb ein Grenzabstand von einem Meter eingehalten, erzählt Nikles, der Schaggi Heusser IV. auch heute noch gerne zur Hand geht.

    Wald gehörte zum Hof

    Zusammen betreuen sie die meisten der rund 48 Privatwaldbesitzer, die im Privatwaldverein Höngg/Affoltern zusammengeschlossen sind. Viele der Besitzer entstammen den alten Höngger Bauerngeschlechtern. «Früher hat Wald einfach zu einem Hof dazugehört», erzählt Nikles: «Im Winter, wenn die Arbeit der Bauern eher ruhte, begann die Arbeit im Wald, um Bau- und Brennholz zu gewinnen». Heute indes sind nur noch ganz wenige aktive Landwirte unter den Besitzern, die meisten anderen wollen oder können ihren Wald gar nicht mehr selber bewirtschaften. Aktiv betreut Heusser mit Unterstützung von Forstwart Felix Rutz und anderen Helfern viele Waldbesitzer, die ihren Wald nicht selber bewirtschaften können. Nur grössere Arbeiten werden an externe Unternehmen vergeben. Nikles: «Der Private ist sehr nahe beim Wald, es ist sein Wald – beim Staat oder in Kooperationen ist diese Nähe naturgemäss weniger vorhanden». Dieses Jahr ist es vor allem Käferholz, das geschlagen werden muss, denn der trockene Sommer hat dem Wald drei Generationen Borkenkäfer beschert. Die Schäden sind unübersehbar und das Holz muss so schnell wie möglich aus dem Wald, um eine weitere Ausbreitung des Schädlings zumindest einzuschränken.

    Kaum kostendeckende Erträge

    Das Holz, das nach dem Käferbefall von einem bläulichen Pilz befallen wird, dient noch als Bau-, manchmal auch nur noch als Brennholz. Bescheidene 50 Franken löst man aktuell für den Kubikmeter transportbereites Käferholz bei Sägereien oder Holzhändlern, mit denen man seit Jahren kooperiert. In den 1980er-Jahren waren die Preise fast doppelt so hoch.
    Der Ertrag geht an die Besitzer, doch seit einigen Jahren ist die Bewirtschaftung des Waldes kaum noch kostendeckend. Nur durch Rationalisierung und den Einsatz von Vollerntern – Maschinen, die einen Baum festhalten, umsägen, entasten und gleich in Stücke sägen – liesse sich noch etwas herausholen, doch dafür sind die in den Privatwäldern zu schlagenden Mengen oft zu klein. Die Öffentlichkeit begegnet den Vollerntern mit Skepsis, doch die Fachleute verteidigen sie: «Man muss ihnen zwar etwas breitere Wege in den Wald freihalten als für Arbeiten mit dem Traktor, sogenannte Rückegassen, doch die sind innert wenigen Jahren durch den Jungwuchs kaum mehr zu erkennen», so Heusser, und Nikles fügt an, dass Vollernter insgesamt beim Holzschlag schonender seien, da die von ihnen gefällten Bäume im umliegenden Wald gezielter fallen.
    Wer sich achtet, entdeckt im Wald tatsächlich rund alle 30 Meter solche Rückegassen in unterschiedlichen Bewachsungsstadien. Nur auf ihnen darf überhaupt mit Maschinen aller Art in den Wald gefahren werden, auch die privaten Waldbesitzer sind diesem Standard verpflichtet.

    Doch zurück zu dem für eine Durchforstung vorbereiteten Waldteil. Nikles’ geübtes Auge entdeckt schnell noch einige weitere Rottannen, die vom Borkenkäfer befallen sind und noch nicht markiert wurden. Heusser merkt sie sich für die Arbeiten am folgenden Samstag vor. Dann werden auch andere schlecht gewachsene oder kranke Bäume gefällt. So wird der Wald aufgelichtet, die guten Bäume und der Jungwuchs erhalten mehr Licht – und so entsteht auch ein Dauerwald mit einer erkennbaren Stufung, vom Jungwuchs in den unteren und mittleren Schichten bis zu den hohen Bäumen, in deren Schatten zum Beispiel Weisstannen und Buchen von selbst gut wachsen. Der Blick auf den Boden zeigt, dass die kleinen Tannen keimen wie wild – vorausgesetzt, der Boden ist nicht von Brombeeren überwachsen, was auf nährstoffreichem Boden unter zu viel Sonneneinstrahlung geschieht. Auch deshalb braucht das Fällen grosser Bäume Augenmass. Natürlich nachwachsen soll indes vor allem Laubholz und Weisstannen. Diese werden nicht vom Borkenkäfer befallen und sind weniger sturmanfällig als Rottannen. Die Zeiten der grossflächigen Monokulturen mit Rottannen, wie sie bis in die 1970er noch angepflanzt wurden, sind vorbei. Was davon heute noch steht, wird über die nächsten Jahrzehnte langsam aber sicher verschwinden und zu gut durchmischten Dauerwäldern werden.

    Junge in Konkurrenz mit dem Wild

    Bei Aufforstungen setzt man aber nicht nur auf den Jungwuchs, sondern setzt auch gezielt Bäume. Darunter Douglasie, eine Tannenart aus Nordamerika, die sich besser für das auch hier wärmer werdende Klima eignet. Doch bis sie gross genug sind, müssen die Schösslinge vor dem Verbiss durch Rehe geschützt werden. Die Stadtförster machen dies meistens mit Gattern, die man allenthalben auf dem Hönggerberg sieht. Die Privaten schützen die einzelnen Bäume eher mit Gitternetzen, bis sie der Frasshöhe des Wildes sicher entwachsen sind.
    Man habe, so Heusser, speziell im Käferberg ein Problem mit dem Wild, der Frass-Druck sei gross. Weisstannen kämen ohne guten Schutz kaum hoch im hiesigen Wildschongebiet. An der Stadtgrenze beim Rütihof gehe es noch, doch je weiter in Richtung Käferberg, desto mehr Rehe habe es offenbar. Dass die Rehe mehr an Bäume gehen, hat auch damit zu tun, dass sie durch die vielen Menschen und Hunde im Wald immer mehr gestört werden und sich auf schnell verfügbare Nahrung «stürzen», anstatt irgendwo gemütlich Gras zu äsen. Baumschösslinge, Triebe und sogar die Rinde, die sie mit ihren Geweihen «fegen», also aufreissen und dann abfressen, bieten sich da geradezu an.

    Nachhaltigkeit als Generationenprojekt

    Wie die Überführung von früheren Monokulturen in einen gesunden, dauerhaften Mischwald ein Generationenprojekt ist, so ist auch der private Waldbesitz eine Familientradition. Heusser war schon als Kind, damals noch mit dem Pferdefuhrwerk, fast jeden Samstag mit seinem Vater im Wald. Nicht immer zu seiner Freude, wie er gesteht. Als er später aber den Holzerkurs besuchte, fand er den Zugang. Der Wald fasziniert ihn bis heute, es sei eine andere Welt hier draussen in der Natur: Das Resultat der Arbeit zu sehen und über die Jahre zu beobachten, wie sich der Wald entwickelt. Und sich bewusst zu sein, dass er selbst von den meisten Bäumen, die er gross werden lässt, keinen Nutzen haben wird, sondern erst die nächsten Generationen – so wie er heute die Früchte der Arbeit seiner Vorfahren erntet. Ein langes Band der Verbundenheit spannt sich da durch den privaten Wald, von dem kaum je eine Parzelle auf den Markt gelangt. Auch Nikles bestätigt, dass die heutigen Waldbesitzer oft gerade an den Wäldern festhalten, weil schon ihre Grossväter diese bewirtschafteten. Damals sei Wald auch eine Art Notreserve gewesen: Stand auf dem Hof eine Investition an, trug der eine oder andere gute Baum aus dem eigenen Wald zur Finanzierung bei. So blieb Nachhaltigkeit, zum Schlagwort der Wirtschaft verkommen, im Wald noch konkret erlebbar. Heusser zeigt auf einen Waldabschnitt, wo an Rottannen die unteren Äste abgesägt werden. «Wertasten» heisst diese mit Leitern bis hoch hinauf ausgeführte Arbeit, weil so die Astlöcher minimiert werden und der Stamm als Furnierholz dienen kann, der wertvollsten Verarbeitungsmethode – doch auch diese Ernte wird nicht Schaggi Heusser der IV., sondern erst seine Nachkommen einfahren. Vorausgesetzt der Borkenkäfer oder ein Sturm kommen ihnen nicht zuvor.

    Nutzen mit Verständnis

    Wie aller Wald ist auch der Privatwald öffentlich zugänglich. Jederzeit, und das wird heute auch von teilweise kommerziellen Waldschulen genutzt. Eigentlich müssten die Waldbesitzer dafür um Bewilligungen angegangen werden, doch so lange – was meistens der Fall ist – die Nutzung schonend geschieht, sind die Besitzer gar nicht besonders interessiert, Bewilligungen erteilen zu müssen oder sogar Geld für die Nutzung zu erhalten, denn das würde sie möglicherweise in Haftungspflicht nehmen. Der Besitzer könnte zum Beispiel für Verletzungen und Schäden durch herunterfallende Äste haftbar gemacht werden. Mit der freien Nutzung ist der Benutzende selber haftbar und so lässt man die Waldschulen allgemein lieber machen.
    Heusser fällt in den letzten Jahren aber etwas ganz anderes vermehrt auf: Mangelndes Verständnis der Leute für die Arbeiten im Wald. «Oft werden Warnschilder für Holzschlag missachtet, oder man wird sogar angefeindet. Man mache den Wald doch nur kaputt, anstatt ihn sich selbst zu überlassen», erzählt er. So wird er oft in Gespräche verwickelt, in denen er geduldig Auskunft gibt und erklärt, wie wichtig die Arbeit im Wald für alle ist, die ihn, den gesunden und ungefährlichen Wald, nutzen wollen.

  • Die ETH im Wald

    Die ETH im Wald

    «Der Wald ist grundsätzlich für alle öffentlich zugänglich. Jeder kann also im Wald etwas beobachten.» Andreas Rudow, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Projektleiter und Dozent am Departement Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich, sitzt im Bistro des ETH-Campus Hönggerberg und nippt an seinem Kaffee. Eine Stunde hat er Zeit für das Gespräch. Dann geht es für ihn bereits auf in den Wald, wo er zusammen mit Unterrichtsassistenten die Übungen für die Studierenden vorbereitet.
    Welchen Wald nutzt denn die ETH Zürich effektiv für ihre Forschungszwecke oder den Unterricht? Lange Zeit besass sie einen Lehrwald am Üetliberg, welchen sie selbst verwaltete. «Mein Studium fand noch zu etwa einem Drittel auf dem Üetliberg statt. Es gab auf der Waldegg auch Seminarräume, man lernte die praktischen Aspekte in den Bereichen Waldwachstum, Waldökologie, Waldbau und Vermessung kennen», erzählt Rudow. Nach dem Verkauf des Waldgebietes an die Stadt, findet dort weiterhin ein Teil des praktischen Unterrichts statt. Wegen der nahen Lage wurde auch der Hönggerbergwald schon immer für den Unterricht genutzt, Rudow gibt hier schon seit knapp zehn Jahren Gehölzkunde-Unterricht für Studierende der Umweltnaturwissenschaften und verwandter Studiengänge. Ausserdem wird die Umgebung des Campus Hönggerberg für den Unterricht in Pflanzenökologie genutzt. Seit zwei Jahren finden hier auch Biodiversitäts-Exkursionen zu den Organismengruppen Singvögel, Blütenpflanzen und Gräser statt.

    Versuche der ETH Zürich

    Obwohl der Hönggerbergwald bisher eher geringfügig für die Forschung der ETH genutzt wurde, durfte er bereits Zeuge von Versuchen werden. In den 1980er-Jahren lancierte die damalige Professur Waldbau den sogenannten «Mittelwald-Versuch». Der früher bestehende Mittelwald im Hönggerbergwald wuchs mit der Zeit in einen Hochwald über, ein Bewirtschaftungsmodell mit Bäumen, die alle etwa gleich hoch sind. Das Ziel dieses Versuches war es, diesen wieder in einen Mittelwald zu überführen, als Mittelwald-Betrieb zu bewirtschaften und waldbauliche Zusammenhänge zu untersuchen. Dafür liess man einige der ehemaligen Mittelwald-Eichen stehen und legte dazwischen die Hauschicht frei. Eine der Versuchsfragen, welche bis heute noch nicht vollständig beantwortet werden konnte lautet: Wie hoch darf der mittlere Vorrat in der Hauschicht sein, das heisst, in welchen Abständen muss man diese schlagen, damit sich darin die Bäume der zukünftigen Oberschicht optimal entwickeln und aufwachsen können. Das Projekt wurde der Stadt übergeben und von dieser bis heute weitergeführt.

    Wer hält dem Klimawandel stand?

    Der Hönggerberg beherbergt auch einen alten Lärchen-Provenienzversuch. Dieser wurde 1947 als Teil eines internationalen Verbundprojekts von Forschern der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und der ETH Zürich angelegt. Der Grundgedanke dieses Versuches war es, herauszufinden, wie sich verschiedene Herkünfte der Gebirgsbaumart Lärche beim Anbau in Tieflagen verhalten. Um ihre Überlebenschancen zu erhöhen, muss eine Art genetisch divers sein und sich an verschiedene Situationen anpassen können. Um also die Reaktion der Lärche in Tieflagen zu erforschen, hat man Absaaten verschiedener Lärchen-Provenienzen aus ganz Europa genommen, aus den Karpaten, den Sudeten, den Alpen etc., und diese dann nebeneinander angepflanzt. Früher hatten solche Provenienzversuche primär das Ziel, den Anbau interessanter Wirtschaftsbaumarten für die Holzproduktion zu finden und zu optimieren. Im Zusammenhang mit dem Klimawandel dienen solche Provenienzversuche heute dazu, die Anpassungsfähigkeit der Baumarten und ihrer verschiedenen Provenienzen an prognostizierte wärmere und trockenere Bedingungen zu untersuchen.

    Die Langfristigkeit als Normalfall

    Wer mit dem Wald arbeitet, wird vielleicht nie das Ergebnis seiner Arbeit begutachten oder langfristig angelegte Forschungsfragen beantworten können. Doch Andreas Rudow sieht diese Langfristigkeit überall, auch in der Gesellschaft. «Menschheit an sich ist ein Generationenprojekt. Denken wir an unsere Kinder oder dereinstigen Enkel und Urenkel». Die heutige Welt sei stark durch die Ökonomisierung aller Lebensbereiche getrieben und auf kurzfristige Rendite ausgerichtet. Dabei vergesse man leicht, dass eigentlich diese Langfristigkeit den Normalfall darstellt. Die aktuelle Ökonomie sei so durch die Betriebswirtschaft getrieben, jedes Jahr müsse die Rendite der Investition vorliegen. Es fällt dann schwer, in Dinge zu investieren, bei denen das Ergebnis erst in zwanzig, fünfzig oder hundert Jahren sichtbar wird. Förster hingegen rutschen in ihrer Ausbildung schon relativ früh in diese Langfristperspektive hinein, diese gehöre zum Berufsethos. «In dieser Langfristperspektive ist es nicht der einzelne Baum, der so viel zählt, sondern das Gesamtbild, die Nachhaltigkeit in der Zeit.» Das sei das Entscheidende, erklärt Rudow.

    Eine grosse Chance

    Die Zukunft mag einige spannende Projekte und Überraschungen mit sich bringen, doch ein Projekt wird vielleicht schon sehr bald realisiert werden: Das ab 2019 auf dem Hönggerberg geplante «Waldlabor Zürich». Zu seinem 100-Jahr-Jubiläum möchte WaldZürich, der Verband der Waldeigentümer zusammen mit der Stadt Zürich, dem Kanton Zürich, mit der ETH Zürich, der WSL und dem Verband Zürcher Forstpersonal das Projekt «Waldlabor Zürich» realisieren. Das Waldlabor soll ein Erlebnis-, Lern- und Forschungsort für die Bevölkerung, Fachleute und kommende Generationen werden. Die genannten Institutionen sind zurzeit daran, eine Trägerorganisation aufzubauen.

  • Herr des Waldes

    Herr des Waldes

    38 Jahre arbeitet Emil Rhyner bereits als Förster bei der Stadt Zürich, seit 1999 ist er Revierförster des Waldreviers Nord. Er hat die Hoheit über 1200 Hektare, ein Gebiet, das sich von der Stadtgrenze in Zollikon bis zum Katzensee erstreckt. Der Hönggerberg gehört dazu. 18 Personen arbeiten mit ihm in seinem Fachbereich, darunter Lernende und Teilzeitangestellte. Ein gewöhnlicher Tag beginnt um sechs Uhr, um sieben ist Mitarbeiterbesprechung. «Ich verbringe etwa die Hälfte der Zeit draussen, die andere benötige ich für Büroarbeiten», erzählt der Revierförster, als der «Höngger» ihn auf dem Platz vor dem Schützenhaus trifft. Grün Stadt Zürich hat den kleinen Waldumgang arrangiert. Was genau macht so ein Förster eigentlich? Kann man den Wald nicht einfach wachsen lassen?

    Die Arbeiten eines Försters sind sehr vielseitig: Er plant die Waldpflege auf zehn Jahre hinaus, berät Privateigentümer und Kooperationen und ist dafür verantwortlich, dass das Waldgesetz eingehalten wird. Im Wald selber zeichnet er an, welche Bäume gefällt werden müssen, vermisst das Holz, verkauft es. Neben viel Erfahrung ist ein gutes Vorstellungsvermögen sehr wichtig, wenn man Holz anzeichnet: «Man muss sehen können, welche Auswirkungen es auf die direkte Umgebung hat, wenn ein Baum rausgenommen wird, nicht nur visuell», meint Rhyner.

    Der forstwirtschaftliche Teil macht etwa einen Drittel der Arbeit seines Betriebes aus, die restliche Zeit fliesst in die Instandhaltung der Wege und Strassen, den Bau und Erhalt von Waldhütten, Tischen und Feuerstellen, die Pflege der Finnenbahnen und der Biketrails, und alles was im Wald sonst noch ansteht an Bau- und Unterhaltsarbeiten. Obwohl der Wald viele verschiedene Funktionen hat, wie die Holznutzung, den Schutz der Stadt oder auch die Erhaltung der biologischen Vielfalt, ist seine Bedeutung als Erholungs- und Naturerlebnisraum eine wichtige. Das wird auch auf der Fahrt durch den Wald deutlich: Ein Vater braust mit Kinderanhänger am Fahrrad über die Strasse Richtung ETH, eine Gruppe von Nordic Walkern kommt im zügigen Schritt vorbei und grüsst den Revierförster, Jogger und Spaziergänger sind schon früh unterwegs.

    Alle sechs Jahre rundum gepflegt

    Die Stadt hat das Ziel, den Wald nach den Prinzipien des naturnahen Waldbaus, auch Dauerwald genannt, zu bewirtschaften. Das bedeutet, dass vor allem Baumarten, die der natürlichen Waldgesellschaft entsprechen, gefördert werden. Zurzeit sind rund zwei Drittel der Bäume Laubbäume, der Rest sind Nadelbäume. Ziel ist eine Entwicklung zu einem artenreichen Mischwald. «Um dem Klimawandel entgegen zu treten, wird man zwangsläufig nicht-heimische Baumarten dazu nehmen müssen», schätzt der Revierförster.

    Im Hönggerwald wird jedes Jahr eine Fläche von rund 16 Hektaren bewirtschaftet. Das bedeutet, dass nach sechs Jahren der ganze Wald einmal komplett gepflegt wurde. «Wir entfernen jeweils die Holzmenge, die in dieser Zeit gewachsen ist. Es handelt sich dabei um Bäume in allen Entwicklungsstadien, von den kleinen bis zu den ältesten, die bis zu 200 Jahre alt werden – die Erfahrung zeigt, dass die meisten Eichen und Buchen ihr Lebensende dann leider erreicht haben.

    Wenn ein Baum ökologisch wertvoller ist als ökonomisch, lässt man ihn stehen und überlässt ihn dem natürlichen Zerfall, erklärt Rhyner die Vorgehensweise. Aus der Hauschicht des Mittelwaldes und allen minderwertigen Holzsortimenten aus den übrigen Holzschlägen wird Brennholz, welches unter anderem als Hackschnitzel an die Spitäler Waid und Triemli geliefert wird. Über Zürich Holz gelangen die Hackschnitzel an den Zoo Zürich und das Holzheizkraftwerk Aubrugg in Wallisellen. Auch Totholz ist wertvoll, denn es bildet ein wertvolles Biotop und Lebensraum für Tiere und Pilze. «Solange die toten Bäume kein Sicherheitsproblem darstellen, lassen wir sie stehen», sagt Rhyner. Wenn sie zu nahe an einer Strasse stehen, stossen wir sie wenn möglich um, lassen sie dann aber liegen. Es sei eine sanfte Art der Waldpflege.

    Im Dauerwald würden keine grossen Flächen geschlagen, sondern nur Einzelstammnutzung betrieben. Dasselbe gilt für das ganze Waldrevier Nord und die meisten Wälder auf Stadtgebiet. «Im Waldrevier Nord können wir meistens alles mit konventionellen Forstmaschinen bewältigen, nur dort wo beispielsweise aus Sicherheits- oder Platzgründen der Baum nicht auf konventionelle Art gefällt werden kann, kommt manchmal ein Helikopter oder Seilkran zum Einsatz. Bei schwieriger zugänglichen Wäldern, wie am Uetliberg mit seinen extrem steilen Partien und geringerer Zuwachsleistung, wird in längeren Zeitabständen eingegriffen.

    Klimawandel macht sich bemerkbar

    Es gibt vieles zu beachten, wenn man einen Wald pflegen will: So müssen die Lichtverhältnisse im Gleichgewicht sein, damit die Jungpflanzen am Boden überhaupt wachsen können. Manche Bäume dienen auch als «Helfer»: Sie geben anderen Windschatten und sorgen für die richtige Waldinnentemperatur. Gegen höhere Gewalten, wie einen Sturm, sind aber auch die Förster machtlos. Der Revierförster zeigt durch die Windschutzscheibe auf eine Lichtung mitten im Wald, wo der Sturm Lothar im Dezember 1999 ein grosses Loch hinterlassen hat, das jetzt mit jungen Bäumen bestockt ist. «Die Natur findet die Schwachstellen, diese werden entsprechend immer wieder angegriffen».

    Dann gibt es Sorten, die mehr Unterstützung brauchen, damit sie gedeihen können. So wie die jungen Eichen, die ohne Schutz dem Rehverbiss zum Opfer fallen würden. «Die Eiche ist ohnehin nicht die Stärkste, und würde ohne Hilfe schnell von anderen Baumarten verdrängt werden». Überhaupt: Liesse man den Wald wachsen, wie er wollte, würde in ein paar Jahrzehnten nur noch die dominante Buche überleben. Gerade die Eiche, aber auch die Weisstanne, mit ihren tiefen Pfahlwurzeln, werden aber in Zukunft wichtig sein, da sie auch grosse Trockenheit aushalten. «Die zwei Grad Klimaerwärmung machen sich bemerkbar», meint Rhyner, «wenigstens haben wir hier noch genügend Niederschlag, aber eine Jahresdurchschnittstemperatur von zehn Grad ist für manche Bäume schwer zu verkraften». Wie sehr der trockene Sommer den Bäumen tatsächlich zugesetzt hat, wird sich erst im Frühling zeigen.

    Neben den erhöhten Temperaturen macht vor allem der Käfer- und Pilzbefall den Bäumen zu schaffen. Die Eschen leiden seit etwa zehn Jahren am Eschentriebsterben, verursacht durch einen Pilz, der aus Asien eingeschleppt wurde. Rhyner deutet auf einen noch dünnen Baum, dessen Blätter bereits braun geworden sind, «das ist nicht der einsetzende Herbst, sondern wird vom Pilz verursacht». Eschen machen rund elf Prozent des Waldes aus, wenn diese fehlen, wird das auch für Laien sichtbar. Die Fichten, die 30 Prozent des Baumbestands stellen, sind die Lieblingsbäume des Borkenkäfers, auch «Buchdrucker» genannt. Dieses Jahr hat er besonders leichtes Spiel, da die Bäume durch die Trockenheit unter Stress leiden und weniger widerstandsfähig sind. Der Borkenkäfer hat in diesem Jahr drei Generationen produziert. Das heisst, von einem weiblichen Käfer im Frühjahr entstehen bis 1000 Käfer. Wenn das so weitergeht, wird die Fichte langsam, aber sicher aus dem Mittelland verschwinden und sich in höhere Lagen zurückziehen. Neben dem Werkhof wird gerade ein grosser Haufen Hackschnitzel in einen grossen Lastwagenanhänger geschüttet. «Das ist vom Borkenkäfer befallenes Holz, das wir zum Heizen verwerten, damit sich der Käfer nicht weiter ausbreitet» erklärt er.

    Ein vielseitiger Wald ist ein schöner Wald

    Die Fahrt führt wieder in den Wald hinein, an einer Kreuzung hält Rhyner an. «Dies hier ist der sogenannte Mittelwald», erklärt er. «Er wurde angelegt, um zu zeigen, wie die ursprüngliche Waldform der früheren Jahrhunderte einmal aussah. Man liess die grossen Bäume, Oberholz genannt, stehen, und nutzte sie als Bauholz. Die darunterliegende Schicht nennt sich Hauschicht und diente der Produktion von Brennholz». Anfang des 20. Jahrhunderts sank die Nachfrage nach Brennholz, und der Mittelwaldbetrieb wurde durch den heute noch praktizierten Hochwaldbetrieb abgelöst. Alle 20 bis 25 Jahre wird hier im Mittelwald die Hauschicht geschlagen und einzelne der ältesten, grossen Bäume geerntet.

    Wann spricht eigentlich ein Förster von einem «schönen» Wald? «Für mich persönlich ist der überführte Mittelwald solch ein schöner Wald», sagt Rhyner. «Er ist vielseitig, es gibt Bäume allen Alters und viele verschiedene Laubholzarten». Der Nachwuchs für die kommenden 100 bis 150 Jahre sei gesichert, meint er. Man könnte meinen, wer in solchen langen Etappen plane, sehe nicht, was er erreicht habe. «Das stimmt so nicht», entgegnet Rhyner. «Für einen Laien mag es den Anschein haben, dass der Dauerwald immer gleichbleibt. Wenn man aber so viel Zeit darin verbringt, wie die Förster, sieht man, dass er sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert hat». So gäbe es im Gegensatz zu früher keine einförmigen, gleichaltrigen Baumbestände mehr. Die Artenvielfalt wurde auch auf kleinen Flächen erhöht und der Totholzanteil hat zugenommen. Der Wald weist praktisch auf der ganzen Fläche Nachwuchs auf, junge Bäume müssen nur noch in Ausnahmesituationen gepflanzt werden. Allgemein könne man sagen, dass die Wälder stabiler geworden seien und eine erhöhte Biodiversität aufwiesen.

  • Auf in den Wald

    Wald löst Emotionen aus. Das zieht sich vom biblischen Baum der Erkenntnis, von dessen Ast die eine Hälfte der damaligen Menschheit bekanntlich eine verbotene Frucht genossen hatte, bis heute hin, wenn, wie aktuell am Üetliberg, grössere Flächen «gerodet» werden und darüber die Meinungen auseinandergehen wie bei jedem einzelnen mächtigen Stadtbaum, der gefällt und durch einen Winzling ersetzt wird, der zeitlebens nie zu einem vergleichbaren Riesen heranwachsen wird. Oder wer mag sich noch an das in den 1980er-Jahren prognostizierte «Waldsterben» als Folge des «sauren Regens» erinnern? Nun, so dramatisch wie damals befürchtet ist es dann ja doch nicht gekommen und so streifen wir auch heute noch durch Wälder, die diesen Namen verdienen. Meistens wenigstens.
    Doch im Fokus-Thema dieser und der nächsten Ausgabe geht es nicht um diese Geschichten, sondern einzig um den Höngger Wald, den hier alle als Naherholungsraum schätzen – und dies nicht nur bei diesem herrlich bunten Herbstwetter.
    Wem gehört eigentlich dieser für alle immer frei zugängliche Wald? Wie wurde er vom einstigen Urwald zum «Höngger Wald»? Wie wurde er früher bewirtschaftet und wer pflegt und hegt ihn heute unter welchen Gesichtspunkten? Was wird in der Schweiz vom Gesetzgeber bestimmt, der den Wald schützt? Woran forscht die ETH im Hönggerwald und gibt es Unterschiede zwischen der Waldbewirtschaftung auf öffentlichem und privatem Grund?
    Wir hoffen, Ihnen damit wieder ein spannendes Fokus-Thema recherchiert zu haben und Ihnen darin einiges an neuem Wissen vermitteln zu können – oder Sie damit im Mindesten zu einem Spaziergang durch den Höngger Wald animieren zu können.

    Fredy Haffner, Verlagsleitung

  • Und plötzlich war da Tempo 30

    Und plötzlich war da Tempo 30

    Die Verkehrssituation auf der Verkehrsachse Am Wasser/Breitensteinstrasse ist – nebst einem seit 2012 auf Eis gelegten Sanierungsprojekt – seit Jahren ein Thema. Nebst zum Teil engen Passagen und hohen Verkehrsaufkommen ging es immer auch darum, die Höchstgeschwindigkeit von der Europabrücke bis zum Wipkingerplatz auf Tempo 30 zu beschränken.
    Bereits am 8. Januar 2014 hatte die Stadt Zürich einen Pilotversuch mit «Tempo 30 nachts» für den Sommer desselben Jahres ausgeschrieben. Doch dagegen erhoben die Autoverbände ACS und TCS – wie gegen alle solche Versuche auf Stadtgebiet – umgehend Einsprache. Der Versuch war somit blockiert und konnte erst nach Abschluss der Rechtsmittelverfahren durchgeführt werden. Zwischen 8. Juli und 8. Oktober dieses Jahres war es denn endlich so weit.

    Die Weisung überholte den Versuch

    Doch unterdessen war auf der Ebene des Lärmschutzes ebenfalls Bewegung in die Geschichte gekommen: Am 18. Januar 2017 wurde im Tagblatt der Stadt Zürich – gemäss dem Strassengesetz des Kantons Zürich – die permanente Höchstgeschwindigkeit 30 aus Lärmschutzgründen auch für die Achse Am Wasser/Breitensteinstrasse ausgeschrieben. «Natürlich» wurden dagegen ebenfalls Einsprachen erhoben, diese wurden jedoch im Juni 2018 erstinstanzlich durch den Stadtrat abgewiesen. Und da die Rekurrenten diesen Entscheid nicht weiterzogen, wurde die Verfügung rechtskräftig.
    Damit hätte also das generelle Tempo 30 bereits vor dem Start des Versuches mit «Tempo 30 nachts» eingeführt werden können. Doch die Stadt, so gibt Heiko Ciceri, Kommunikationsverantwortlicher der Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich (DAV) auf Anfrage des «Hönggers» bekannt, wollte auf diese Örtlichkeit als Versuchsstrecke nicht verzichten, weil es die längste aller für solche Versuche ausgeschriebenen Strecken war und man sich einen Erkenntnisgewinn für die Beurteilung anderer langer Strassenabschnitte in Zürich versprach.

    Überraschte Anwohner*innen

    Als der Versuch nun abgeschlossen war, wurden folglich nur die Beitafeln «Lärmschutz 22.00 – 06.00 Uhr» entfernt und die temporären Hinweise «Signalisationsänderung» aufgestellt, um die Verkehrsteilnehmer auf das neue Tempolimit hinzuweisen – was für viele Anwohner*innen überraschend kam und für Gesprächsstoff sorgte. Dabei sei es, so ein Leser gegenüber dem «Höngger», nicht primär über Sinn oder Unsinn von Tempo 30 gegangen, sondern warum man nicht über die definitive Einführung orientiert worden sei und warum man nun nicht zuerst die Versuchsergebnisse abgewartet habe. Nun, eigentlich hätte der voraussichtliche Ablauf anhand der Publikationen im Tagblatt klar sein können, doch das hat, zugegebenermassen, selbst der «Höngger» übersehen.
    Die Auswertung des Nacht-Versuchs läuft derzeit, mit Ergebnissen ist nicht vor dem ersten Quartal 2019 zu rechnen. Auf das nun definitiv geltende Temporegime auf der Achse Am Wasser/Breitensteinstrasse werden sie keine Auswirkung mehr haben, auf andere Gebiete der Stadt jedoch schon.

    200-Restmeter für Tempo 50

    Nun ist also die ganze Achse eine Tempo-30-Zone. Abgesehen von den 200 Metern zwischen Europabrücke und dem Haus Am Wasser 134: Dort darf Tempo 50 gefahren werden. Das sei deshalb so, schreibt die DAV, weil dort «das Erscheinungsbild der Strasse nicht Tempo-30-typisch» sei, «die Strasse ist dafür eigentlich viel zu breit. Daher können die Verkehrsteilnehmenden nicht aufgrund der Strassengeometrie darauf schliessen, dass hier Tempo 30 gilt». Was alle verwirren mag, welche dachten, massgebend für das Tempo sei die signalisierte Höchstgeschwindigkeit und nicht die Breite einer Strasse. Dem sei aber so, und es werde in der Praxis wie auch in der Rechtsprechung so gehandhabt, so die DAV, die aber selbst anfügt, dass man sich über Sinn und Unsinn hier sicher streiten könne.

    Alle Artikel zum Thema «Am Wasser/Breitensteinstrasse» unter www.hoengger.ch/dossiers

  • Der Wald – keine rechtsfreie Zone

    Der Wald – keine rechtsfreie Zone

    Während Jahrhunderten wurden die Schweizer Wälder massiv übernutzt. Die Folge waren Überschwemmungen und Erdrutsche. Als sich die Hochwasser Mitte des 19. Jahrhunderts häuften, wurden einerseits zahlreiche Flüsse eingedämmt, andererseits begann man das Hochgebirge aufzuforsten, in welchem zuvor stets gerodet worden war. Dieser Zeit entsprang das Forstpolizeigesetz, das 1876 in Kraft trat. Es verbot vorerst nur das Roden in den Alpen. Später wurde es in «Bundesgesetz über den Wald», oder kurz: Waldgesetz, umbenannt und auf die ganze Schweiz ausgeweitet. Seither sorgt es dafür, dass die Schweiz zu 30 Prozent bewaldet bleibt. Wer roden will, braucht eine Bewilligung und muss die gefällten Bäume wieder aufforsten. Der Wald hat nicht nur eine Schutzfunktion, sondern gewährt eine nachhaltige Holznutzung. Daneben dient er den Tieren als Lebensraum und den Menschen als Ort der Erholung. In den 1990er-Jahren hatte sich der Wald regeneriert, doch die Forstbetriebe schrieben rote Zahlen, eine Revision sollte die Balance zwischen Holznutzung und Schutz herstellen. Der Rodungsersatz wurde in der Folge gelockert, auf den Ersatz der Bäume im Gebirge wurde verzichtet.

    Klimawandel birgt neue Herausforderungen

    2016 wurde das Waldgesetz komplett überarbeitet und am 1. Januar 2017 in Kraft gesetzt. Gleichzeitig wurde eine angepasste Waldverordnung genehmigt. Besonders eingeschleppte Schädlinge wie der Asiatische Laubholzbockkäfer und die Klimaveränderung stellen die Waldeigentümer vor neue Herausforderungen. Das revidierte Gesetz erlaubt es dem Bund deshalb unter anderem, auch ausserhalb des Schutzwaldes Massnahmen gegen Waldschäden zu ergreifen. Ausserdem sieht es vor, dass die Waldverjüngung mit zusätzlichen zehn Millionen Franken jährlich gefördert wird. Auch der Absatz von nachhaltig produziertem Holz soll gefördert werden.

    Waldentwicklungspläne

    Zum Waldgesetz gibt es eine untergeordnete Verordnung. Darin werden Gesetzesartikel konkretisiert und deren Umsetzung geregelt. Zuständig ist das Bundesamt für Umwelt (BAFU). Auch der Kanton besitzt sein eigenes Waldgesetz und eine dazugehörende Verordnung. Sie dürfen Regelungen im Vergleich zum Bundesgesetz verschärfen, aber nicht lockern.
    Ausserdem existiert seit 2010 der Waldentwicklungsplan (WEP) Kanton Zürich, der die verschiedenen Interessen und Ansprüche an den Wald koordiniert. Darin festgehalten ist die – mit einem Zeithorizont bis 2025 – angestrebte Entwicklung des Zürcher Waldes, sowie die Handlungsfelder der betroffenen Akteure. Die darin enthaltenen Pläne «Planungsgrundlagen», «Waldfunktionen» und «Besondere Ziele» dienen als Grundlage für den Waldentwicklungsplan der Stadt Zürich (WEP). Übergeordnete Strategien sind die Strategien Zürich 2025, die räumliche Entwicklungsstrategie des Stadtrats und die Legislaturziele des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements 2010-2014. Im WEP werden die Leitbilder und Strategien des «Grünbuch der Stadt Zürich» konkretisiert. Der gesamte Wald erfüllt mehrere Funktionen zugleich und wird deshalb als «multifunktionaler Wald» bezeichnet. Für die ganze Waldfläche hat die Stadt Zürich die Ziele Bodenschutz, Grünes Wissen und Öffentlichkeitsarbeit, Neophyten und Gesundheit und Bewegung definiert. Weitere Waldfunktionen sind Schutz, Holznutzung, Biologische Vielfalt und Erholung. Auch hier hat die Stadt langfristige Ziele gesetzt, damit diese Nutzungen nachhaltig erfüllt werden können.
    Der Wald ist grundsätzlich für alle frei betretbar – auch die Privateigentümer verpflichten sich, den Zugang im ortsüblichen Umfang zu gewährleisten. Auf Waldwegen und Waldstrassen gilt jedoch generelles Fahrverbot für Motorfahrzeuge. Fahrradfahrer*innen bleiben auf befestigten Wegen, Strassen oder den speziell für sie eingerichteten Bike-Trails. Das Befahren von Trampelpfaden ist verboten. Allgemeine Fahrverbote gelten auch für Mountainbikes. Reiten ist nur auf den entsprechend gekennzeichneten Wegen erlaubt.

    Weitere Links und Informationen zum Waldentwicklungsplan der Stadt Zürich sind unter www.hoengger.ch im Fokusthema Wald zu finden.

  • Wem gehört der Wald?

    Wem gehört der Wald?

    Zürich, so könnte man flächenmässig sagen, ist eine Waldstadt: Rund ein Viertel, oder 2230 Hektaren (ha), sind Waldfläche, pro Einwohner macht das rund 57 Quadratmeter Wald. Von den 2230 Hektaren Wald auf Stadtgebiet gehören 1420 ha (63%) der Stadt selbst, 172 ha (8%) dem Kanton, 443 ha (20%) verschiedenen Waldkooperationen und 195 ha (9%) privaten Waldeigentümern. 13’500 Kubikmeter Holz werden auf diesen Flächen jedes Jahr geschlagen und 9.5 Kubikmeter wachsen pro Jahr und Hektare nach – darunter, nebenbei bemerkt, auch 5000 Weihnachtsbäume.

    Wie die Besitzverhältnisse in den Wäldern auf dem Höngger- und Käferberg verteilt sind, zeigen die Abbildungen zu diesem Artikel. Das «Gemeindegebiet» von Höngg umfasst total 698.35 ha Land und knapp ein Drittel davon, 220.6 ha und damit mehr als im städtischen Durchschnitt sind Waldgebiete. Zum Vergleich: Gebäude und Hausumschwung mit Garten in Höngg machen zusammen nur wenig mehr aus, nämlich 241.6 ha (Stand 2014). Doch wem gehört eigentlich dieser Wald, dieser für alle immer und überall zugängliche Naherholungsbereich und Lebensraum von Flora und Fauna? Auf dem Hönggerberg gehören der Stadt Zürich 88,3 ha (dunkelgrün), dem Kanton Zürich 68,7 ha (hellgrün) und Privaten 23,7 ha (grau). Beim Käferberg gehören 101.8 ha der Stadt (grün), 0.4 ha dem Bund (rosa) und 17.2 ha privaten Eigentümern und Kooperationen.

    Ein Wald ohne Unterschiede

    45 private Waldbesitzer sind seit 1999 im Privatwaldverein Höngg/Affoltern zusammengeschlossen. Das Ziel solcher Vereine, andernorts in Zürich als Waldkooperationen organisiert, ist es, die Interessen der einzelnen Waldeigentümer besser zu vertreten und eine fachgerechte Bewirtschaftung des Waldes sicherstellen zu können, wie die Stadt Zürich schreibt. Und dies geschieht meistens in langjähriger Familientradition: Zu Besitzerwechseln privater Waldflächen kommt es kaum je, meistens wird der Besitz weitervererbt.
    Das erstaunliche am Wald der Stadt Zürich ist eigentlich, dass man ihm nicht ansieht, ob er in privatem oder öffentlichem Besitz ist. Keine Schilder und keine Zäune grenzen ab oder aus. Wer nicht mit den hier abgebildeten Karten durch den Wald spaziert, wird kaum irgendwo erkennen können, wo privater Besitz aufhört und wo öffentlicher beginnt. Überall wird nach den gleichen Regeln bewirtschaftet und jedes Grundstück ist jederzeit und überall frei zugänglich.