Autor: tka_admin

  • «Ich konzentriere mich auf das, was ich kann»

    «Ich konzentriere mich auf das, was ich kann»

    Als ich vor vier Jahren ins Wohnzentrum Frankental kam, dachte ich, nein, hier bin ich nicht daheim. Mein Zuhause war die Fabrikstrasse in Altstetten, wo ich 19 Jahre lang gelebt habe. Ich dachte, ich gehöre einfach nicht dazu. Ich war fast der einzige ohne Rollstuhl. Irgendwie hatte ich das Gefühl, die anderen akzeptieren mich nicht. Ich verbrachte viel Zeit für mich alleine im Zimmer. Eines Abends, das war etwa nach drei Jahren, kam ich verspätet zum Abendessen und hörte, wie der Betreuer sagte: «Lasst noch etwas übrig, der Delio kommt auch noch!». Da hat es bei mir «Klick» gemacht: Ich bin ihnen nicht egal. Sie nehmen mich wahr. Das ist nicht so einfach zu erklären, aber seither bin ich hier angekommen.
    Mit zehn Jahren hatte ich einen Unfall. Ich rutschte zum Spass das Treppengeländer hinunter und landete unglücklich auf dem Kopf. Hirnschädeltrauma, ich war linksseitig gelähmt. Sechs Jahre lang musste ich einen Sturzhelm tragen. Diese Zeit verbrachte ich im Kinderspital Affoltern am Albis, wo ich auch eine Spezialschule besuchen konnte. Später haben sie mir einen Rippenknochen als Schädeldecke implantiert. Die erste und zweite Sekundarschule besuchte ich in einer gewöhnlichen Schule in Poschiavo. Danach konnte ich in Basel in einem Zentrum für Behinderte verschiedene Berufe ausprobieren. Die Handweberei hätte mich sehr interessiert, aber nur mit einer funktionierenden Hand ist das sehr anstrengend. Mit 18 versuchte ich es an der Kunsthochschule, aber da hatte ich keine Chance. Erst viel später klappte es schliesslich an der F+F Schule für Kunst und Design. Da war ich fast 30 Jahre alt. Die haben mich nicht trotz meiner Behinderung genommen, sondern wegen. Das war ein grosses Glück, ich habe sehr davon profitiert. Auch heute male und zeichne ich noch, wenn sich eine Möglichkeit ergibt. Ein Atelier habe ich hier natürlich keines mehr, das Frankental ist ja nicht für einen Kunstbetrieb eingerichtet.
    Bevor ich hierherkam, lebte ich acht Jahre lang mit meiner Freundin zusammen, aber irgendwann ging das nicht mehr. Ich weiss nicht, vielleicht haben wir uns auseinandergelebt. Nach der Trennung war ich am Boden zerstört, verbrachte vier Monate in der Psychiatrischen Klinik. Danach lebte ich eine Zeitlang in einer Zweier-WG im Kreis 3. Ich bin ein sozialer Typ, ich könnte nicht alleine leben, nicht nur, weil ich auf Hilfe angewiesen bin, sondern vor allem, weil ich den Austausch mit anderen Menschen brauche. Mein Mitbewohner war aber ständig unterwegs, wir haben nie zusammen gekocht und uns auch nicht oft unterhalten. Das war keine gute Zeit.
    Aber nun bin ich hier und versuche, das Beste daraus zu machen. Meine Erinnerung ist nicht so gut und das Rechnen fällt mir schwer. Vielleicht gefällt mir deshalb das neurologische Training so gut. Wir lösen zum Beispiel gemeinsam Kreuzworträtsel. Da geht es nicht darum, wer der Beste ist, sondern darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Das sind teilweise schwierige Fragen, nach einem Training hat man wirklich das Gefühl, wow, heute habe ich gearbeitet! Klar, jeder hat so seine Schwierigkeiten. Aber ich konzentriere mich auf das, was ich kann. Meine Devise ist: «Ich gehe so weit wie möglich». Ich versuche positiv zu bleiben, auch wenn ich mittlerweile auf den Rollstuhl angewiesen bin, wenn wir Ausflüge machen. Dank einer Hirnoperation sind meine epileptischen Anfälle schwächer und seltener geworden, ich stürze nicht mehr so oft, das ist eine grosse Verbesserung. Auch die Spaziergänge, die wir gemeinsam im Quartier unternehmen, sind wertvoll. Man sieht neue Dinge, hat Bewegung und frischen Gesprächsstoff. Nur rumzusitzen tut niemandem gut. Früher war ich noch im St. Jakobs Chor, Singen ist gut für das Gemüt, aber man muss natürlich auch üben. Zurzeit bin ich in keinem Chor mehr. Mittlerweile habe ich auch wieder Kontakt mit meiner Ex-Freundin, erst dachte ich, ich müsste sie einfach vergessen. Doch heute unternehmen wir gemeinsam Sachen, gehen in die Stadt. Ich bin jetzt 57 Jahre alt. Aber, was ist schon Alter? Es gibt junge Menschen, die uralt aussehen, und alte Menschen, die noch völlig jung wirken. Es ist alles eine Frage der Einstellung und der Ausstrahlung. Manchmal fragen sie mich, ob ich nicht wieder eine Freundin haben möchte, und es gab schon Verkupplungsversuche. Wenn ich so weit bin, suche ich mir schon selber eine. Sex, die schnelle Liebe, das ist mir heute nicht mehr so wichtig. Viel lieber habe ich gute Gespräche und dass man voneinander lernen kann. Heute muss alles so schnell lebbar sein, das gibt mir schon zu denken. Auch die Filme sind viel hektischer geworden, da ziehe ich die alten Fellini oder Hitchcock Filme vor.

    Vor Kurzem hatten wir einen Begegnungstag im Wohnzentrum Frankental und bekamen Besuch von Jugendlichen. Die wussten gar nicht, wie wir hier leben. Es war richtig toll, sie kennenzulernen, sie waren sehr offen und haben uns später auch noch Briefe geschrieben und sich bedankt. Ich denke, es ist wichtig, dass man schon in jungen Jahren mit Menschen wie uns in Kontakt kommt. Früher hat man die Behinderten versteckt, es war ein Tabu, man sprach nicht darüber. Aber wenn die Kinder schon wissen, dass es auch andere Menschen gibt, dann wird es etwas Natürliches, sie verlieren die Scheu im Umgang mit ihnen. Das kommt am Ende allen zugute.

  • Stop der Benachteiligung von Männern!

    1991 fand in der Schweiz der letzte Frauenstreik statt. Vieles hat sich geändert seitdem – und doch zu wenig. Deshalb findet am 14. Juni erneut ein Frauenstreik statt. Stimmen aus mehreren Richtungen beklagen sich nun, ein solcher Streik sei doch heutzutage nicht nötig. Ich zitiere aus der Online-Kommentarspalte des Tages-Anzeigers, wo ein gewisser Marco W. schreibt: «Ich sehe keinen Grund, wieso die Frauen streiken sollten. Sie werden nämlich in vielen Bereichen bevorzugt – aber das wird immer totgeschwiegen.» Oder ein Jürg B. findet: «Die Frauen meinen einfach, weil sie Frauen sind, hätten sie zusätzliche Rechte.» Und nein, diese Kommentare sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
    Eigentlich haben sie doch recht. Diese Frauen, die wollen doch nur zusätzliche Rechte. Sie sind schon so ständig bevorzugt, die armen Männer hingegen kommen immer zu kurz. Dass man bei Politikerinnen über die Kleidung diskutiert, bei Männern hingegen über ihre Meinungen, das ist eigentlich ganz nett, denn die Frauen haben sich ja nicht umsonst chic angezogen. Unfair finde ich hingegen, dass Männer immer nur aufgrund ihrer Meinungen beurteilt werden, das ist doch eine fiese Reduktion auf ihre Gehirnwindungen! Dass ich im Gymnasium im Deutsch-Unterricht kein einziges Buch und keinen einzigen Text von einer Frau gelesen habe, das hat natürlich auch seine positiven Seiten: Es wird klargemacht, dass Deutsch doch nicht einfach ein «Mädchen-Fach» ist! Dass grösstenteils Männer in der Chefetage sitzen, das ist doch grosszügig und selbstlos, sonst wären Frauen schon wieder so überfordert und müssten auch noch lernen, eine Führungsposition einzunehmen. Dass Frauen viel mehr unbezahlte Care-Arbeit verrichten, wie schön für sie. Sie haben es gut, sie dürfen früher nach Hause zu den Kindern! Und dieses Mensplaining, das ist auch sehr angenehm, denn wenn Männer Frauen die Welt nicht erklären würden, wer bitte sollte das dann sonst machen? Wenn Frauen gegen ihren Willen im Ausgang angesprochen und belästigt werden, handelt es sich doch bloss um Komplimente! Dass der Anteil der Frauen im Ständerat bei 13 Prozent liegt, ja, auch das zeigt wieder, welche Privilegien Frauen geniessen, denn es sind Männer, die sich opfern, diesen harten, anstrengenden Job zu machen. Weniger Lohn zu verdienen für die gleiche Arbeit, auch das ist ein Vorteil für Frauen, denn das motiviert extrem und bringt sie dazu, noch fleissiger zu sein. Wenn Frauen vorgeworfen wird, sie würden zu wenig lächeln, ist das in Wirklichkeit ein Hinweis, dass man sich um den psychischen Zustand der Frau sorgt, denn lächeln macht glücklich.
    Ja, alle diese Fakten zeigen, dass die Frauen in dieser Gesellschaft deutlich bevorzugt werden. Und jetzt wollen die ernsthaft noch zusätzliche Rechte einholen! Wieso wirft sich niemand für die armen Männer in die Bresche? Eigentlich sind es doch sie, die armen, hart-arbeitenden, benachteiligten Männer, die immer zu kurz kommen. Doch das wird totgeschwiegen. Es muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Männer in Tat und Wahrheit die wahren Opfer sind!

    Lina Gisler, Praktikantin

  • «Bei der Inklusion darf nicht gespart werden»

    Wie stehen Sie zu den Inklusionsbestrebungen an den Schulen?

    Den Grundgedanken finde ich sehr gut. Allerdings empfinde ich es als wichtig, sorgfältig zu prüfen, welche Kinder für das integrative Setting geeignet sind. Bei autistischen Kindern zum Beispiel kann eine Sonderschulung sinnvoller sein, da in kleineren Gruppen gearbeitet wird.
    Der Erfolg der Inklusion hängt aber nicht nur alleine davon ab, sondern auch von der Haltung der Lehrperson, der Zusammenarbeit zwischen Eltern, Lehr- und Fachpersonen, Schulbehörde und den zur Verfügung gestellten Ressourcen. Finanziell darf bei der Inklusion nicht gespart werden, denn sie ist aufwändig.

    Welche Erfahrungen haben Sie persönlich damit gemacht?

    Ich selber habe während mehrerer Jahre inklusive Schulklassen unterrichtet. Ich war Klassenlehrerin und übte gleichzeitig die Tätigkeit einer Heilpädagogin aus. Diese Arbeit war einerseits sehr herausfordernd und zeitintensiv, andererseits auch sehr bereichernd. Sie erweiterte meinen Horizont, lehrte mich beispielsweise, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, anzugehen und ausserhalb der gewohnten «Norm» zu denken. Das Zusammenleben in der Klasse und der liebevolle Umgang der Kinder miteinander beeinflussten mein Bild von Inklusion ebenfalls positiv.
    Als Herausforderung empfand ich die Aufgabe, meinen Unterricht möglichst inklusiv zu gestalten, das Kind mit Behinderung möglichst immer einzubinden. Manchmal war dies aber schlicht nicht machbar, was bei mir ein ungutes Gefühl hinterliess. Ausserdem waren die zur Verfügung gestellten Ressourcen zu knapp berechnet, was häufig frustrierte. Wenn Schwierigkeiten auftauchten, brauchte es relativ lange, bis mich die notwendige Unterstützung erreichte.

    Was sollte am aktuellen System geändert werden?

    Es werden zu wenig Ressourcen für die Inklusion gesprochen. Wenn zum Beispiel für ein Kind mit Behinderung nur sechs bis acht heilpädagogische Stunden zur Verfügung stehen und die Klassenlehrperson während der restlichen Lektionen ohne zusätzliche Betreuung oder Unterstützung auskommen muss, ist dies schlicht zu wenig. Es ist ein sehr grosser Aufwand, eine sinnvolle Inklusion in einer Schulklasse gewährleisten zu können. Schliesslich geht es ja nicht darum, das zu integrierende Kind einfach zu beschäftigen, sondern auf seinem Niveau zu fördern und ins Klassengeschehen einzubinden. Dafür braucht es Geld und Zeit.

    Welche Vor- oder Nachteile ergeben sich Ihrer Meinung nach für die Kinder ohne Behinderung in der Klasse?

    Für Kinder ohne Behinderung hat die Inklusion in meinen Augen viele Vorteile. Sie werden im Umgang mit behinderten Menschen sensibilisiert; durch die Inklusion nehmen sie schon als junge Kinder Menschen mit Behinderung als Teil der Klasse, als Teil der Gesellschaft wahr. Sie werden früher mit Anderssein konfrontiert, werden diesbezüglich toleranter, lernen eigene Bedürfnisse zurückzustecken und zu helfen. Stigmata wird entgegengewirkt. Für die Entwicklung der sozialen Kompetenzen ist die Inklusion sehr wertvoll.
    Inklusion kann aber manchmal auch bremsen. Je nach Tagesform oder Behinderungsart kann es sein, dass sich die Lehrperson so sehr auf das behinderte Kind konzentrieren muss, dass die anderen Kinder warten müssen und nicht sofort die optimale Förderung erhalten. Dies kann für Kinder ohne Behinderung als mühsam oder störend empfunden werden.

    Und wie reagieren die Kinder mit Behinderung selber?

    Es ist ein gegenseitiges Lernen. Als ich Inklusionsklassen unterrichtete, beobachtete ich beide Male, wie das Kind mit Behinderung lernte, sich im Klassenverband zu bewegen. Es lernte gesellschaftliche Gepflogenheiten, sah, wie sich die anderen Kinder in bestimmten Situationen verhielten, und war teilweise in der Lage, sein Verhalten anzupassen.
    Ich erlebte es allerdings teilweise auch als Stress für das betroffene Kind. Je nach Behinderungsgrad spüren behinderte Kinder den Unterschied zur restlichen Klasse und leiden unter der offensichtlichen Schere, die es zwischen ihnen gibt. In meinem letzten Klassenzug war es für das behinderte Kind beispielsweise extrem schwierig, sich mit dem Übertritt in die Oberstufe zu befassen. Ständig verglich es sich mit den Klassenkamerad*innen und fragte sich, was wohl aus ihm werden würde.

    Wie ist der Umgang unter den Kindern?

    Der sorgsame Umgang der Kinder ohne Behinderung mit den Kindern mit Behinderung rührte mich jeweils sehr. So zeigten sie sich äusserst hilfsbereit, setzten sich in der Pause für das Kind ein und legten ihm den Arm zur Beruhigung um die Schulter. Dies taten sie jeweils mit viel Ruhe und Geduld.
    In meinem letzten Klassenzug war es der grösste Wunsch des behinderten Kindes, viele beste Freunde in der Klasse zu haben und den anderen zu gefallen. Teilweise suchte es den Kontakt auf ungestüme Art und manchmal mit viel sanfter körperlicher Nähe.

    Inwiefern verändert Inklusion Ihrer Meinung nach das Bild, das die Gesellschaft von Menschen mit Behinderung hat?

    Wenn der Kontakt mit behinderten Menschen positiv ausfällt und das Zusammensein ebenso erlebt wird, hat dies bestimmt einen grossen Einfluss auf die Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderungen. Je früher dieser positive Kontakt stattfindet, desto wirksamer sind wahrscheinlich dessen Folgen. Inklusion kann als wichtiger Schritt in die «richtige» Richtung angesehen werden. Es fördert möglicherweise das Selbstverständnis, Menschen mit Behinderungen als ganz normalen Teil unserer diversen Gesellschaft zu betrachten und eine möglichst barrierefreie Umwelt zu schaffen.

  • «Ich wünsche mir mehr Akzeptanz»

    «Ich wünsche mir mehr Akzeptanz»

    A.B. kommt ursprünglich aus Indien, sie wurde als Baby adoptiert und wuchs im Aargau auf. Auch heute wohnt sie noch dort. Sie ging in den öffentlichen Kindergarten und wechselte aufgrund der linksseitigen Lähmung, die sie seit der Geburt hat, zu den Zentren Körperbehinderte Aargau (zeka). Dort werden unter anderem ärztlich verordnete Therapien in den Stundenplan integriert und dank den intensiven Physio- und Ergotherapien machte A.B. enorme Fortschritte. Obwohl der Arzt ihren Eltern in der Schweiz damals gesagt hat, sie werde wohl nie gehen können, kann sie dies heute gut und die halbseitige Lähmung ist kaum mehr sichtbar. Die Lähmung selber ist für sie nicht das Problem, sondern vielmehr die zusätzlichen Beeinträchtigungen: Die Gleichgewichtsprobleme, die öfters auftretenden starken Gelenkschmerzen, die Sehnenscheidenentzündungen oder Rückenverspannungen. Und seit einem Treppensturz wegen ihrer Gleichgewichtsstörungen nimmt sie lieber den Lift, sofern einer vorhanden ist.

    Eine Aargauer Patriotin

    Nachdem zeka ein Bürozentrum eröffnet hatte, entschied sich A.B., dort die praktische Ausbildung als Büroassistentin zu machen. Nach der Ausbildung blieb Sie zeka treu, bis sie anfangs 2018 beschloss, die Stelle zu wechseln. Sie fühlte sich einfach nicht mehr wohl und zu stark an ihre Beeinträchtigung erinnert. «Das hat mich mit der Zeit runtergezogen, ich habe gemerkt, dass ich da irgendwie nicht mehr reinpasse», erläutert Sie. A.B. wurde auf ESPAS aufmerksam und bewarb sich dort. Seither arbeitet Sie in der Administrationsabteilung von ESPAS. Ihre Aufgabe besteht hauptsächlich darin, Kundenbestellungen zu erfassen. Die Arbeit gefällt ihr gut. Im alten Job sei sie unterfordert gewesen, sie hatte oftmals zu wenig zu tun. A.B. lebt mit ihrem Partner, ist aber selbstständig, und auch bei der Arbeit braucht sie wenig Unterstützung. Da sie immer noch im Aargau lebt nimmt sie den Arbeitsweg von über einer Stunde in Kauf, am Mittag sogar eineinhalb. Das führe manchmal auch dazu, dass ihr Privatleben zu kurz käme. Ihr Partner arbeitet in der Nacht, sodass die Zeit, in der sie sich sehen, begrenzt ist. Aber im Aargau gäbe es einfach nicht die passende Institution für Sie. Nach Höngg ziehen will sie auch nicht, sie findet: «Ich bin im Aargau aufgewachsen und hier will ich auch bleiben».

    Bessere Integration im Arbeitsmarkt

    Auch im freien Arbeitsmarkt hat A.B. schon gearbeitet: Sie hat mehrere Praktika gemacht, bei einer Rückversicherung, bei einem Bauunternehmen und beim Empfang bei der Spitex. Die Praktika beschreibt sie als schöne Erfahrung. Auf die Frage, ob sie lieber im ersten Arbeitsmarkt arbeiten würde, zögert sie. Sie hat im Bereich Büroassistenz noch keine Erfahrungen im ersten Arbeitsmarkt sammeln können, weshalb sie es nicht vergleichen kann. Gerne würde Sie aber ein Praktikum im Bürobereich im ersten Arbeitsmarkt absolvieren.
    Es ist ihr ein Anliegen, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung besser in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Die dafür zur Verfügung gestellten Arbeitsplätze sind leider schwer bis kaum zu finden. Darum ist sie froh, gibt es Institutionen wie ESPAS mit angepassten Arbeitsplätzen, denn keine Arbeit zu haben kann sich A.B. nicht vorstellen.
    Nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, auch im Alltag wünscht sich A.B. mehr Akzeptanz gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen. Trotz, oder vielmehr auch wegen der nicht vorhandenen Sichtbarkeit ihrer Beeinträchtigung, muss sie sich immer wieder «blöde Sprüche» anhören. Am Morgen hat sie aufgrund ihrer Müdigkeit stärkere Gleichgewichtsprobleme, und so hörte sie am Bahnhof schon Bemerkungen wie «um sechs Uhr morgens schon besoffen?». Oder als sie im Zug einmal fragte, ob sie sich setzen dürfe, antwortete ein Passagier «Nein, sie sind jung, sie können stehen». A.B. ist es leid, sich immer und immer wieder für ihre Beeinträchtigung rechtfertigen zu müssen. «Das tönt jetzt etwas blöd, aber ich denke manchmal: Am liebsten wäre es mir, man würde mir ansehen, dass ich eine Beeinträchtigung habe», sagt sie.

    Leidenschaft für Tattoos

    Die Arbeit ist für A.B. ein grosser Motivator. «Wenn ich Tiefs habe, dann gehe ich trotzdem arbeiten, das hilft», meint sie. Natürlich besteht ihr Leben aber nicht nur aus Arbeit. Ein weiterer wichtiger Teil in ihrem Leben ist die Musik. Musik hilft ihr, abzuschalten und sich von negativen Gedanken zu befreien, wie sie erklärt. Neben Freunden und ihrem Partner verbringt sie sehr gerne auch Zeit mit ihrem Hund, einer französischen Bulldogge. Eine weitere Leidenschaft ist für sie die Kunst der Tattoos, sie selber hat gleich mehrere. Das Tattoo, welches ihr am meisten bedeutet, zeigt sie auch stolz: Es ziert ihren Unterarm und besteht aus zwei Blumen, darüber ein grosser Tiger. Der Tiger ist nicht nur ihr Lieblingstier, sondern er repräsentiert für sie Stärke. «Ich versuche, nicht aufzugeben, auch wenn es manchmal schwierig ist», erklärt sie. «Wenn es mir schlecht geht, sehe ich mir den Tiger an und denke mir: Hey, für irgendwas hast du das ja gemacht!»

  • Arbeitsintegration – keine Beschäftigungstherapie

    Arbeitsintegration – keine Beschäftigungstherapie

    Die Invalidenversicherung (IV) hat den Grundsatz «Eingliederung vor Rente» definiert. Dies bezieht sich auf Menschen, die krankheitsbedingt nicht mehr voll arbeiten können. Die Eingliederungsmassnahmen der IV haben das Ziel, die Versicherten für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen. Ist diese Eingliederung dennoch nicht möglich, «können Ausbildungen und Arbeitsplätze in einem geschützten Bereich vermittelt werden». Auch Verfechter des Inklusionsgedankens fordern, dass alle in den freien Arbeitsmarkt integriert werden sollten, ob mit Handicap oder ohne. In der Konsequenz würde dies bedeuten, dass Einrichtungen für Menschen mit Behinderung obsolet würden.

    Ist eine Lösung für alle zielführend?

    Die ESPAS in Höngg ist eine solche Sozialunternehmung. Zweck der Stiftung ist der Einsatz für die soziale und berufliche Integration von Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr voll leistungsfähig sind. So steht es auf der Webseite. Wäre die Vision «Inklusion» umgesetzt, müsste die Firma ihren Zweck überdenken. Ist es also kein Wunder, dass sie dem Inklusionsgedanken kritisch gegenübersteht? Rita Durschei ist Geschäftsführerin der ESPAS und sieht die Thematik etwas differenzierter. Wenn jemand arbeiten könne, sei es mit Sicherheit die beste Lösung, ihn in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Es gäbe jedoch viele Menschen, die gerne arbeiten möchten, aber durch eine krankheitsbedingte Beeinträchtigung nicht voll einsatzfähig seien. Dafür gäbe es Arbeitsplätze, die den individuellen Möglichkeiten und den Fähigkeiten dieser Menschen Rechnung tragen. «Was für den einen stimmt, muss für den anderen nicht zwingend das Richtige sein», meint sie. Das müsse man individuell anschauen, begleiten – jeder Mensch entwickelt sich – und dabei vor allem auch den Willen der betroffenen Person respektieren. «Manche sagen von sich aus, dass sie es gerne probieren wollen, andere, bei denen wir das Potenzial sehen, schlagen wir vor, ob sie den Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt versuchen möchten. Wenn jemand lieber im zweiten Arbeitsmarkt bleiben will, ist das auch völlig in Ordnung». Durschei will nicht, dass sich jemand minderwertig fühlt, nur, weil sie oder er in einer Institution wie der ESPAS arbeitet. «Wir machen hier keine Beschäftigungstherapie und fordern unsere Mitarbeiter*innen. Sie leisten vollwertige Arbeit, in einem für sie möglichen Rahmen». Es sei auch für Menschen mit Behinderung wichtig zu wissen, dass ihre Arbeit zählt, real ist und bezahlt wird, denn sie zögen genauso viel Bestätigung aus ihren Leistungen, wie andere Menschen auch. Jeder will gerne sinnvolle Arbeit leisten. «Wir wollen von unseren Kunden nicht aus <Goodwill> berücksichtigt werden, sondern weil wir gute Arbeit liefern».

    Menschen mit Behinderung kennen ihre Rechte

    Bei der ESPAS arbeiten Menschen mit einer IV-Rente, welche sie aufgrund einer psychischen oder körperlichen Erkrankung erhalten. Das Spektrum reicht von Depressionen über Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenien und Suchterkrankungen bis hin zu Sehbeeinträchtigungen oder körperlichen Einschränkungen. Die Anstellung entspricht einem gewöhnlichen Arbeitsverhältnis nach OR, mit dem Unterschied, dass die Arbeitnehmer*innen eine IV-Rente und zusätzlich einen Stundenlohn für ihre Leistung erhalten. Diese kann je nach Tagesform unterschiedlich sein, darauf muss die ESPAS mit anderen Mitarbeiter*innen reagieren können, wenn sie ihre Aufträge termingerecht erledigen will. «Wenn wir sehen, dass eine Person immer schwächer wird, suchen wir das Gespräch und überlegen, welche andere Aufgaben sie noch übernehmen könnte», erklärt Durschei. Man will sich auf das konzentrieren, was noch geht, und diese Fähigkeiten so lange wie möglich erhalten. Manchmal reicht die Leistungsfähigkeit nicht mehr aus für die geforderten Tätigkeiten oder es benötigt gesundheitliche unterstützende Massnahmen, die ESPAS nicht leisten kann. Dann kann es zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses von Seiten der ESPAS kommen. Es kommt durchaus auch vor, dass die Angestellten von sich aus kündigen, weil sie etwas anderes machen wollen. «Das Selbstwertgefühl und die Kenntnisse über ihre Rechte haben sich in den letzten Jahren enorm verbessert, und das ist gut so», sagt Durschei, die schon seit vielen Jahren bei der ESPAS arbeitet. «Die Menschen mit einer IV-Rente bewerben sich bei uns und wir wollen eine attraktive Arbeitgeberin sein». Auch die Aufgaben in einer «geschützten Werkstatt» habe sich weiterentwickelt. Die Dienstleistungen reichen von einfachen Arbeiten, wie dem Erfassen oder Einpacken von Briefen, bis hin zu komplexen Bestellabwicklungen. Die Digitalisierung, von manchen als Gefahr wahrgenommen, generiert ganz neue Aufträge von der Datenerfassung bis zur Verwaltung von E-Shops. «Die jüngere Generation ist technologieaffiner und hat weniger Probleme, da mitzuziehen». Obwohl die Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen abgenommen habe, sei noch viel Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft nötig, findet Durschei. Integration sei für sie unter diversen Gesichtspunkten möglich: Dass in der freien Marktwirtschaft Stellen angeboten werden, die von Menschen mit Behinderung ausgefüllt werden können und die Unternehmungen diese Menschen als vollwertige Mitglieder des Teams aufnehmen. Daneben braucht es ihrer Meinung nach einen ebenbürtigen Arbeitsmarkt, auf dem Menschen unter angepassten Umständen arbeiten können. «Dann gibt es noch zahlreiche Mischvarianten, zum Beispiel eine, in der die Arbeitnehmer*innen tageweise an einem externen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft arbeiten», sagt Durschei. «Wenn alle Beteiligten flexibel sind, dann funktioniert das.».

  • Die Vision «Inklusion»

    Die Vision «Inklusion»

    Integration bezeichnet die Eingliederung von Menschen in Systeme, die für die Allgemeinheit erstellt wurden. Dies im Gegensatz zur Separation, bei der spezielle Strukturen für eine Auswahl von Menschen geschaffen wurden. Integration ist nicht als Zustand, sondern als Prozess zu verstehen. Inklusion hingegen wird häufig als Vision definiert, in deren Richtung die Gesellschaft sich entwickeln soll. Die Gleichwertigkeit und die Unterschiedlichkeit der Menschen finden ihren Platz, die Vielfalt wird zur Normalität. Während bei Integration noch immer von zwei Gruppen gesprochen wird, den integrierten und den zu-integrierenden Menschen, stellt Inklusion den Zustand der Gesellschaft als eine durchmischte Masse dar. Das System hat sich dabei dem Individuum anzupassen und nicht umgekehrt.
    Zu den Definitionen finden sich jedoch meist unterschiedliche Auslegungen, auch länderspezifische Unterschiede gibt es. So verwendet die UN-Behindertenrechtskonvention im englischen und französischen Originaltext den Begriff «inclusion». In der offiziellen deutschen Version wird hingegen der Begriff «Integration» genutzt.

    Bildung für alle

    Die Überzeugung, dass Kinder mit einer Behinderung wenn möglich in Regelschulen gehen sollten, war lange nicht vorhanden. Bildung wurde Menschen mit geringer geistiger Behinderung erst 1960 im neu ausgeführten Invalidengesetz zugesprochen, in den 70er-Jahren dann auch Menschen mit schwerer geistiger Behinderung. Die Inklusion von behinderten Menschen wurde 2008 mit der Behindertenrechtskonvention offiziell festgehalten. Die inklusive Bildung wurde dabei besonders stark diskutiert. Die Vertragsstaaten garantieren «ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen». Der Normalfall soll sein, dass Kinder «nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden». Das allgemeine Bildungssystem soll demnach jeder Person zugänglich sein. Kinder mit und ohne Behinderung zusammen in einer Klasse zu lehren, sollte nicht mehr die Ausnahme bilden, sondern zum Normalfall werden. Diese Zielsetzungen sind umstritten und gehen einigen Kritiker*innen zu weit.
    Das Behindertengesetz hat die Ausgestaltung der Sonderschulung an die Kantone delegiert und verpflichtet sie, Kinder mit einer Behinderung wenn immer möglich in Regelklassen zu integrieren. Die Kantone setzen die gesetzlichen Vorgaben jedoch sehr unterschiedlich um, in vielen sind die Integrationsbemühungen verhalten. Ein positives Beispiel bildet der Kanton Luzern, der in diesem Bereich einen bedeutenden Systemwechsel vollzogen hat: Der Regierungsrat beschloss 2011 die Aufhebung von Kleinklassen und ordnete eine integrative Förderung der betroffenen Kinder in der Regelschule an. Benötigte Ressourcen für die integrative Förderung fliessen seither direkt an die Schulen. Ein Beispiel in die andere Richtung stellt der Kanton Basel-Land dar. Dort wird selbst über kleine Schritte heftig diskutiert, Basel-Land weist schweizweit die höchste Quote an separiert beschulten Kindern auf. Der unterschiedliche Entwicklungsstand in den Kantonen ist wohl die direkte Folge eines nur spärlich geführten öffentlichen und politischen Diskurses. So fehlt es beispielsweise an einer neuen gesetzlichen Zielvorgabe, welche die Verpflichtungen der Konventionen national und kantonal umsetzt.
    Ob und wie Inklusion an Schulen geschehen soll, spaltet die Gemüter. Gegner der vollständigen Inklusion argumentieren, dass die Anpassungen der heilpädagogischen Schulen an verschiedene Behinderungen in der Regelschule nicht geleistet werden können. Unkritische und konzeptlose Integration würde geistig behinderten Kindern in ihrer Entwicklung schaden, sie seien einer permanenten Überforderung ausgesetzt. Kinder wechseln oftmals nach einer Zeit in eine heilpädagogische Schule, dabei würden sie oft verstehen, dass es sich um eine «Herabstufung» handelt. Gleichzeitig machen Kinder mit schwächeren Leistungen in Regelklassen mehr Lernfortschritte als in Sonderklassen, dort würden sie sich vor allem mit anderen leistungsschwachen Kindern vergleichen und sich womöglich überschätzen.

    Mit Behinderung in die Berufswelt

    Während die Integration an Schulen die Verantwortung der Kantone ist, ist für die Berufsausbildung der Bund zuständig. Bis zum 20. Lebensjahr erhalten Jugendliche Unterstützung bei der Berufsbildung, sofern die Behinderung als «Behinderung» im Sinne der Invalidengesetzgebung anerkannt ist. Hier fallen Jugendliche, die nach Kriterien der IV keinen Anspruch auf Unterstützung bei der Berufsbildung haben oder später in die berufliche Ausbildung einsteigen, in eine Gesetzeslücke.
    Für die meisten Jugendlichen mit geistigen Behinderungen ist eine Berufslehre mit eidgenössischen Fähigkeitszeugnis nicht möglich. Eine Attestlehre ist für einzelne durchaus zu meistern. Die Mehrheit durchläuft jedoch IV-Anlehren oder eine Praktische Ausbildung nach INSOS, ohne eidgenössisch anerkanntes Abschlussdiplom. Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass die geforderte Inklusion im Arbeitsmarkt schwer umsetzbar ist: Oft sind es Schwellenängste der Arbeitgeber*innen, die der Einstellung von Menschen mit Behinderungen im Weg stehen. Vielen behinderten Menschen fällt es schwer, sich vollständig im Arbeitsmarkt zu etablieren, sie sind beim Zugang zum Arbeitsmarkt oftmals Beschränkungen unterworfen. Laut Bundesamt für Statistik sind 2015 über 45 Prozent aller Menschen, die eine Invalidenrente beziehen, auf Ergänzungsleistungen angewiesen gewesen.
    In der Schule, bei der Ausbildung und im Arbeitsmarkt muss demnach noch viel geändert werden, was die Inklusion von Menschen mit einer Behinderung angeht. Was konkret getan werden soll und welches System am besten ist, wird immer noch diskutiert, was den Prozess verzögert. Meist fehlen die Ressourcen, um die Inklusion so zu gestalten, dass sie für alle Beteiligten eine Bereicherung ist. Das Ziel der Inklusion, Vielfältigkeit zum neuen «normal» zu machen, ist noch nicht erreicht.

    Diese Fokusreihe zum Thema «Menschen mit Behinderung» entstand mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung. Die Stiftung unterstützt vorwiegend in der Stadt Zürich domizilierte Institutionen, die sich für betagte oder behinderte Menschen einsetzen. Sie hat keinen Einfluss auf Inhalt und Form der Artikel genommen.

     

  • Ein alter Musikgeschmack

    Ich hörte letzthin Radio. Die Musik, die lief, war wie immer so gar nicht meine. Der Radiosprecher brachte dann folgende These: Kinder würden immer das hören, was den Eltern nicht gefällt, um sich von ihnen abzugrenzen und gegen sie zu rebellieren. Auf den ersten Blick mag das sinnvoll klingen. Falls Sie schon etwas älter sind, erinnern Sie sich wohl, wie Sie, sehr zum Ärger Ihrer Eltern, Musiker wie Elvis Presley, der so unsittlich mit den Hüften schwang, vergötterten. Oder die Beatles, diese Jungs mit den langen Haaren, die blasphemische Aussagen wie «wir sind beliebter als Jesus» machten. Musik ist dann mehr als Musik, es geht auch um den Kleiderstil, um die Tanz-Art, um die Frisur.
    Heutzutage sieht das ganz anders aus. Klar, man ist wahrscheinlich nicht besonders happy, wenn die Tochter der grösste Justin-Bieber-Fan ist, aber man kann es wohl akzeptieren. Es gibt aber auch Beispiele, in denen das totale Gegenteil der Fall ist, wenn die Kinder wieder die Musik hören, die die Eltern lieben. Ja, ich bin so ein Fall: Mein Musikgeschmack ist eigentlich der eines alten Mannes, zumindest fühlte ich mich so, als ich an einem Konzert der Rolling Stones war, die (wohl zum letzten Mal) in Zürich auftraten. Der Altersdurchschnitt lag um die 60, sodass ich mich definitiv fehl am Platz fühlte. Ich konnte das Ganze dann trotzdem geniessen, auch wenn ich zwischen vielen alten Männern eingequetscht war. Den Musikgeschmack von einer 60-jährigen Person zu haben, hat auch noch andere Nachteile. Die meisten dieser Musiker*innen, wie Aretha Franklin, John Lennon, Lou Reed oder auch Kurt Cobain leben nicht mehr, oder machen keine Konzerte und keine neue Musik mehr; die Rolling Stones sind ein Einzelfall. Naja, auch Paul McCartney hat letzthin wieder ein neues Lied rausgebracht, aber das zählt nicht, weil es recht schlecht ist.
    Vorteile gibt es aber auch: Jetzt, wo ich einen Plattenspieler habe, muss ich nicht alle Platten neu kaufen, sondern kann einen Teil von meinen Eltern übernehmen. Und natürlich gibt es auch unglaublich viele tolle neue Bands, die sogar echte Instrumente benutzen, stellen Sie sich das mal vor! Arctic Monkeys, Cage the Elephant, Annenmaykantereit und Greta van Fleet sind da meine Tipps, falls Sie auch auf der Suche nach Bands sind, die richtige Musik machen und deren Mitglieder noch leben.

    Lina Gisler,
    Praktikantin

  • «Unter Sehenden fühle ich mich akzeptiert»

    «Unter Sehenden fühle ich mich akzeptiert»

    Als sie sechs Monate alt war, stellte man fest, dass ihr Sehnerv und die Netzhaut bei ihrer Geburt zerstört worden waren. Sie war vollblind. Mit drei Jahren wurde ihr und ihren Eltern eine heilpädagogische Betreuerin zur Seite gestellt, die ihnen innerhalb ihrer vier Wände beibrachte, wie sie den Alltag als Blinde bewältigen kann. Trotz ihrer Behinderung erlebte sie eine gute und freie erste Kindheit: Sie konnte einen öffentlichen Kindergarten besuchen und tollte in der Freizeit mit den sehenden Nachbarskindern und ihren beiden jüngeren Schwestern herum. Sie lernte Stelzenlaufen, Rollschuhlaufen und Velofahren, «alles, was die anderen auch machten». Bewegung, laufen, wandern, das sei schon immer «ihr Ding» gewesen, sagt Meier heute. Und das komme ihr heute sehr zu Gute, sie verfüge über einen guten Gleichgewichtssinn und sei auch beweglicher. Der Lehrer in ihrem Dorf wäre zu dieser Zeit wohl noch nicht bereit gewesen, ein Kind mit einer Behinderung einzugliedern, «das kannte man damals einfach noch nicht». Stattdessen kam Meier nach Zollikofen, Bern, in ein Wocheninternat der Stiftung für sehbehinderte und blinde Kinder. Aus heutiger Sicht findet sie es nicht gut, dass man die Kinder von den Sehenden getrennt unterrichtet hat, ihr gefällt die jetzige Lösung in den Schulen besser. Nach den in Bern zehn obligatorischen Schuljahren plus ein Jahr, das sie wiederholen musste, war die Zeit gekommen, in die Arbeitswelt einzusteigen. Blinden Menschen standen damals drei Berufe zur Auswahl: Telefonistin, Masseurin oder Klavierstimmerin. Eigentlich hätte sie lieber Pflegefachfrau gelernt, aber ihr war immer klar, dass dies nicht möglich sein würde. Also ging sie nach Basel in die Eingliederungsstelle für Sehbehinderte und liess sich zur Telefonistin ausbilden. «Der Stoff war derselbe, den auch die Sehenden vermittelt bekamen», erzählt Meier. «An einem Punkt waren wir den anderen aber voraus: Wir hatten das Zehnfinger-System bereits in der Oberstufe gelernt».

    Erste Berufserfahrung im freien Arbeitsmarkt

    Ihre erste Anstellung fand Meier bei der Schweizer Metallunion. Sie arbeitete am Empfang des Ausbildungszentrums für Metallbauzeichner, Schlosser und ähnliche Berufe, nahm dort Telefonanrufe entgegen, schrieb Protokolle, alles was dazu gehört. «Leider wurde die Stelle bald aufgelöst, dort hat es mir sehr gut gefallen». Danach fand sie keinen Job mehr und ging schliesslich in den zweiten Arbeitsmarkt, wo sie für eine Firma arbeitete, die Haushalts- und Körperpflegeprodukte herstellte. Ironischerweise kam sie dort fast an ihre Belastungsgrenze: Der Telefonverkauf und der damit einhergehende hohe Druck machten ihr zu schaffen. Aus Mangel an Angeboten blieb sie dennoch elf Jahre, bevor sie von ESPAS hörte und sich dort als Telefonistin bewarb. «Auf der Stellensuche fühlte ich mich schon manchmal diskriminiert», erzählt Meier rückblickend. Obwohl sie beispielsweise darauf hinwies, dass die IV die Kosten für die notwendigen Hilfsmittel am Arbeitsplatz übernimmt, hätten sie die Arbeitgeber nicht einmal zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Manche scheinen prinzipiell keine IV-Bezüger*innen anstellen zu wollen. «Man fühlt sich immer als Ausnahme, das ist kein gutes Gefühl. Wir können schliesslich auch nichts dafür, dass wir ein Handicap haben», meint sie.

    Der Arbeitsplatz bei der ESPAS wurde speziell für sie mit einem Sprachausgabesystem ausgestattet, inzwischen arbeiten noch weitere Menschen mit einer Sehbehinderung in der Abteilung. Man werde immer unterstützt, wenn ein Programm einmal nicht funktioniere. Etwas, das ihr ebenfalls gefällt: Am Telefon merkt man ihr nicht an, dass sie blind ist. Sie fürchtet, dass die Leute gar nicht mit ihr telefonieren würden, wenn sie wüssten, dass sie eine Behinderung hat. «Viele haben Hemmungen, und wissen einfach nicht, wie man mit Menschen mit einer Behinderung umgeht». Im Alltag äussere sich das darin, dass man im Zug auf die Frage «ist hier noch frei» nur Schweigen zur Antwort bekäme, oder dass ein Bus, der hinter einem anderen stehe, einfach vorbeifahre und nicht nochmals für die Blinde anhält. Da sei sie sich aber nicht zu schade, den Vorfall auch zu melden. «Im Grossen und Ganzen sind die Menschen aber nett», meint Meier. Selbstmitleid liegt ihr fern. Was ihr wichtig scheint, ist eine Sensibilisierung für Menschen mit Behinderungen. Sie gibt gerne Auskunft und kommt auch leicht mit anderen ins Gespräch. «Wenn man eine blinde Person am Strassenrand sieht, sollte man sie einfach ansprechen. Wenn sie keine Hilfe braucht, wird sie dies auch sagen», meint Meier. Was man aber auf keinen Fall tun sollte, ist jemanden ungefragt über eine Strasse zu zerren oder den Blindenhund streicheln. «Bitte immer nur die Person ansprechen, der Hund ist sonst abgelenkt».

    Lieblingsfarbe: Blau

    In ihrer Freizeit unternimmt die sportliche Frau viel. Mit dem Lauftreff Limmattal trainiert sie seit vier Jahren, und hat bereits einen Halbmarathon um den Sarnersee bewältigt, von dem sie heute noch schwärmt: «Anfangs dachte ich, dass ich es nicht schaffen würde. Aber gleich nach dem Start waren die Glückshormone da, ich wurde vom Sog der anderen Läufer*innen mitgerissen und hielt bis zum Ziel durch». Ihr nächstes Ziel ist der Aargauer-Marathon im Jahr 2020. Auch bei einer Wandergruppe ist sie dabei. «Wir werden von Freiwilligen begleitet, die uns führen», erklärt sie. Auch beim Einkaufen brauche sie Sehende, da die Lebensmittel nicht immer am selben Ort stehen. Beim Kleiderkauf vertraut sie auch lieber auf eine Bekannte, die ihr die Kleider nach ihrem Wunsch auswählt. Wie aber weiss sie, welche Kleider sie am Morgen anzieht? «Ich habe alle meine Kleider nach Farben sortiert», erzählt sie, «ich habe gelernt, wie man Farben und Muster kombinieren kann und besitze deshalb nur Stücke in Rot, Blau, Schwarz, Weiss, vielleicht noch Türkis». Farben hätten sie schon immer interessiert, ihre Lieblingsfarbe sei Blau, aus welchen Gründen auch immer, lacht sie. Heute zum Beispiel trägt sie ein hellblaues Strickjäckchen. Wie kann man sich eine Vorstellung von «Farbe» machen, wenn man sie nie gesehen hat? «Wir suchen Vergleiche, zum Bespiel Rot wie Feuer, oder dass Schwarz dunkel ist und Weiss sehr hell». Es ist Meier wichtig, dass sie gut und gepflegt aussieht und sie ist auch dankbar, wenn man sie auf einen Fleck hinweist. «Ich will nicht, dass die Leute denken, ach, sie ist blind, darum ist sie so ungepflegt». Dass viele Sehenden alle Blinden in einen Topf werfen, nervt sie manchmal. «Wir sind verschiedene Persönlichkeiten, wir können verschiedene Dinge – und andere eben nicht».

    Kontakt zu Sehenden ist wichtig

    Seit sie 26 Jahre alt war, hat sie Hunde. Aktuell ist Visby ihre ständige Begleiterin. Mit ihr zusammen lernt sie die Wege, die sie gehen muss. Visby ist auf Meiers Hörzeichen angewiesen, das heisst, Meier muss immer wissen, wo sie sich gerade befindet. Vieles läuft dabei über die Akustik oder über Hinweise wie Bodenbeläge. Manche Wege, zum Beispiel entlang einer Häuserzeile, sind aber akustisch monoton, da sei sie auch schon einmal an einer Türe vorbeigelaufen, weil sie nicht eruieren konnte, auf welcher Höhe sie sich befindet. Der Hund ist in diesem Moment eine grosse Hilfe, «mit dem Stock war das schon eine andere Herausforderung». Bei Geburtsblinden ist die Landkarte im Kopf nicht ausgeprägt. «Wir kennen nur die Wege, die wir gelernt haben. Das ist erstens sehr aufwendig und zweitens ist dadurch unsere Mobilität sehr eingeschränkt», erklärt Meier. Es ist schwierig, sich als sehende Person in die Situation hineinzuversetzen. Ihr persönlich ist nun natürlich das Gehör sehr wichtig, einmal hätte sie es nach einem Konzert fast auch verloren. «Da hatte ich wirklich Glück, seither passe ich besser auf». Aber es muss halt schon ein bisschen «fetzen» für die unternehmungslustige Frau. Sie geht gerne an Konzerte, geniesst es unter den vielen Leuten zu sein, ein bisschen auszuflippen und zu tanzen. ABBA ist ihre Lieblingsgruppe, aber sie hört auch sonst gerne Rock und Pop. Ihr Freundeskreis ist gemischt, das ist ihr sehr wichtig. Nicht, dass sie sich nicht mit anderen Blinden unterhalten könnte, die Themen seien ja dieselben, aber unter Sehenden zu sein, sei für sie eine Bereicherung, sie fühle sich dann akzeptiert. Das grösste Kompliment sei, wenn man vergesse, dass sie blind ist und sie zum Beispiel irgendwo stehen lasse. Das sei schon vorgekommen, erzählt Meier lachend. Bei der ESPAS gefällt es ihr sehr gut, sie hofft, dass die Arbeitsbedingungen so bleiben, dass sie hier noch pensioniert wird. Dennoch, sie sehnt sich schon nach dem ersten Arbeitsmarkt. Gäbe es dort ein Angebot, das identisch wäre, mit sinnvoller Arbeit und guten Mitarbeiter*innen, dann würde sie dieses vorziehen.

    *Name der Redaktion bekannt

  • Peter Ruggle stellt aus

    Peter Ruggle stellt aus

    Das Bild leuchtet von Weitem. Es zeigt das alte Höngger Gesellenhaus am Meierhofplatz mit dem Restaurant Rebstock und der Metzgerei mit angrenzendem Schlachthaus, wie es anno 1950 einmal ausgesehen haben muss. Es ist Nacht oder Abend, denn aus den Fenstern und Türen scheint warmes Licht. Vor dem Gebäude hat sich eine grosse Pfütze gebildet und darin spiegelt sich die Zukunft: Die Fassade der Apotheke und des Kiosks, wie man sie heute am Meierhofplatz findet. Das alte Gebäude wurde 1959 abgerissen, just in dem Jahr, als der Urheber des Bildes geboren wurde: Peter Ruggle. Das «Rebstockbild – Die Geburt und der Tod» bildet das Ende seiner «Höngger Bilder»-Serie, welche ab dem 21. Mai im Rahmen von «Kunst beim Höngger» in den Redaktionsräumen des «Hönggers» zu sehen sein wird.

    Hommage an die Kunst und an Höngg

    Am 22. Mai 1979, pünktlich zu seinem 20. Geburtstag, durfte Peter Ruggle sein erstes Atelier im Dorfkern von Höngg beziehen. Damals hatte sich in den rund 22 alten Häusern ein Künstlerviertel etabliert. Musiker*innen, Maler*innen, Bildhauer*innen, sie alle konnten hier dank günstigem Wohnraum ihrem Werk nachgehen. Im Zuge der Festlegung der ersten Kernzone des Kantons Zürich wurden die Gebäude 1986 abgerissen, die Künstlerkommune verschwand. Die Geschichte und bauliche Entwicklung des Quartierzentrums begann Ruggle vermehrt zu interessieren, so dass er beschloss, das alte Höngg in den unterschiedlichen Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts zu malen. Entstanden sind expressionistische, impressionistische, kubistische und naturrealistische Bilder mit Szenen aus dem «Dorf». Darin verarbeitete Ruggle, der mittlerweile in ein Atelier auf der Werdinsel gezogen ist, auch seine Erinnerungen an diese Zeit. In fast allen Bildern finden sich surrealistische Elemente. «Der Geist und die Fantasie lassen sich nicht einsperren. Diese Freiheit brauche ich und nehme ich mir».

    Verstehen, was ist

    Ruggle arbeitet akribisch. Der Autodidakt will verstehen, wie ein Bild funktioniert. Technisch, aber auch in der Wirkung. «Beim Betrachten eines Bildes wird etwas ausgelöst», meint er. Ob es einem gefällt oder nicht, es gibt immer eine Resonanz. Je nach Standort kann sich die Sichtweise verändern. «Das fasziniert mich, denn ich sehe es als Parallele zum Leben überhaupt», sagt Ruggle. Um besser zu werden, müsse er sich stets auch selber hinterfragen, sehen, was verändert werden muss, um weiterzukommen. Wenn es ihn packt, dann vertieft er sich völlig in sein Schaffen. «Es ist wie ein Rausch, aufgeben liegt nicht drin, auch wenn es immer Rückschläge gibt». Am Rebstock-Bild hat er 800 Stunden gearbeitet, Modelle gebaut, um den Lichteinfall richtig zu bestimmen, fotografiert und vieles ausprobiert, um die richtige Atmosphäre hinzukriegen. In seinen Bildern spiegeln sich die grossen Fragen, die Gedanken zur Welt und zum Menschsein, die den neugierigen Künstler auch im Leben umtreiben. Auf dem Bild «Zerfallende Erinnerung» zerbröckelt hinter dem davonfahrenden Tram die Strasse, «man kann nicht in die Vergangenheit zurück, es geht immer nur vorwärts, es bleibt einem eigentlich nur die Gegenwart», erklärt der Kunstmaler seine Idee.

    Musik als Ausgleich

    Was gibt es Gegenwärtigeres als die Musik? Sie ist Ruggles zweite Leidenschaft. In seinem Atelier gibt es unzählige Instrumente zu entdecken. Vor einem grossen Gong steht ein Monochord, ein Saiteninstrument, das aussieht wie eine Art Zither und unheimlich beruhigende Klänge produziert. Nicht zu übersehen ist die grosse «Perkussionsanlage», wobei der Name «Schlagzeug» nicht erfasst, welche Instrumente dort zu sehen sind: Indische Elefantenglöcklein in verschiedenen Grössen, etwas das aussieht wie der Panzer eines Gürteltiers, Guiro genannt, verschiedene Trommeln und Hi-hats. Auch das Musizieren hat sich Ruggle selber beigebracht. «Die Malerei ist manchmal ein einsames Handwerk», sagt Ruggle. «Das Musikmachen ist geselliger, manchmal veranstalten wir mit den anderen Musikern, die ebenfalls hier eingemietet sind, richtige Jam-Sessions». Mit der Vernissage am 21. Mai schliesst sich fast auf den Tag genau ein Kreis für Peter Ruggle: Vor 40 Jahren betrat er am 22. Mai sein erstes Atelier, und dieses Jahr feiert er an diesem Tag seinen 60. Geburtstag. Inzwischen ist er in der glücklichen Lage, als selbstständig erwerbender Allrounder und von seiner Kunst leben zu können.

    «Eine Bilderzeitreise durch das alte Höngg»
    Vernissage am Dienstag, 21. Mai, 17 bis 21 Uhr in Anwesenheit des Künstlers. Die Ausstellung des Höngger Künstlers Peter Ruggle dauert bis Mitte Oktober. Redaktionsräume des «Hönggers», Meierhofplatz 2, Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr.

  • Sinnvolle Arbeitsteilung

    Sinnvolle Arbeitsteilung

    Als «Wochenschieber» sind sie bekannt, in der Fachsprache heissen die Behältnisse, in welche Medikamente für eine ganze Woche vorgerichtet werden, Wochendosiersysteme. Genutzt werden sie vorwiegend in Alters- oder Pflegeheimen, aber auch von Privatpersonen, denen sie die regelmässige Einnahme erleichtern. In Heimen richtete früher meistens das Pflegepersonal der Nachtwache die Medikamente für den kommenden Tag, heute wird diese Arbeit vermehrt an Apotheken ausgelagert. Die Heime sparen sich die Arbeit, doch gleichzeitig wird die Sicherheit erhöht und der Medikamentenverbrauch sinkt.

    Gelegentlich Abfall – doch trotzdem günstiger

    In Höngg richtet zum Beispiel die Hönggermarkt Rotpunkt Apotheke und Drogerie die Wochendosiersysteme – hier heissen Sie «Wochenblister» – für und 60 Bewohner*innen des Alterswohnheims Riedhof, wo vor Ort nur noch ein kleines Sortiment an Reservemedikamenten an Lager ist, damit auch ausserhalb der Öffnungszeiten der Apotheke auf neue Situationen reagiert werden kann.
    In der Apotheke werden alle Medikamente gerichtet, die im von Montag bis Sonntag reichenden Wochendosiersystem Platz haben. Ausnahmen sind nur sehr grosse Tabletten sowie Medikamente in flüssiger Form oder Reservemedikamente, die erst im Riedhof dazu gereicht werden.
    Dreimal wöchentlich gehen bei der Apotheke per Mail die Bestellungen ein, von Dienstag bis Samstag werden sie bearbeitet und dann ausgeliefert. Damit Verordnungsänderungen nicht eintreffen, wenn ein Wochendosiersystem bereits fertig ist, bekommt die Apotheke gemeldet, wer wann im Riedhof Arztvisite hat. Trifft eine neue Verordnung erst nach Auslieferung des Wochenblisters ein, wird mit der zuständigen Pflegefachperson abgesprochen, ob die ganze Woche neu gerichtet werden soll oder nur die abgesetzten Medikamente entnommen beziehungsweise neu verordnete gerichtet werden.
    Bereits gerichtete abgesetzte Medikamente landen im Abfall, denn sobald eines nicht mehr in seinem Einzelblister ist, ist es nicht ewig haltbar. Zudem sind lose Tabletten oder Kapseln oft kaum voneinander zu unterscheiden. Trotz des Risikos, so manchmal Abfall zu produzieren, sinken die Kosten für die Medikation in jenen Institutionen, welche sich von den Apotheken die Wochendosiersysteme rüsten lassen, um bis zu 30 Prozent. Der Grund: Natürlich entscheidet letztlich der Arzt, doch die Apotheke prüft, wie sich die Medikamente vertragen, welchen Zweck eine Therapie verfolgt oder sie schlägt einen Wechsel zu günstigeren Generika vor.

    Sechs Augen kontrollieren

    Das effektive Richten ist ein ausgeklügeltes System. Im Dossiers der Patient*innen, vom Altersheim Riedhof angeliefert, sind im Computer der Apotheke alle verordneten Medikamente erfasst. Auch jene, die nicht in die Wochenblister kommen. So kontrolliert die Apotheke gleichzeitig auch, ob nicht Mehrfachverordnungen vorliegen oder Medikamente zusammen abgegeben werden, die zu ungewünschten Interaktionen führen.
    In einem Raum im Untergeschoss des Hönggermarktes stehen Medikamentenschachteln bereit. Apothekerin Katharina Hermann legt sich einen der Wochenblister bereit. Es ist Einwegmaterial, bestehend aus einer Plastikform mit 28 Fächern, je sieben für die Einnahme morgens, mittags, abends und nachts. Dazu ein faltbarer Karton mit entsprechenden Öffnungen, auf der einen Seite jetzt noch mit einem Pergamentpapier verschlossen, auf der anderen eine Klebeschicht.
    Hermann setzt die Plastikform in den Karton ein, druckt die Personendaten von Frau Schweizer (Name geändert) aus und klebt sie auf den Karton. Dazu die Liste der ganzen Verordnungen. Die Medikamente sind aus Sicherheitsgründen mit einem kleinen Foto plus einer Beschreibung dokumentiert. Da heisst es dann beispielsweise «Aspirin Cardio 100 mg, Filmtablette, rund, weiss, 7 mm». Auch ein Foto von Frau Schweizer fehlt nicht, anhand dessen letztlich die Pflegeperson bei der Abgabe vor Ort sicher ist, dass sie die Medikamente auch der richtigen Person verabreicht.
    Apothekerin Hermann nimmt das erste Medikament aus dem Regal. Ein Aspirin Cardio 100 mg, einzunehmen jeden Morgen. Per Scanner liest Hermann den Strichcode der Packung ein. Nun würde, hätte sie sich im Medikament oder der Dosierung vergriffen, am Computer eine rote Fehlermeldung aufblinken. Nun aber blinkt es grün, zusammen mit der Aufforderung, das Verfallsdatum zu kontrollieren und zu bestätigen. Erst jetzt werden die Tabletten in jedes der sieben Morgen-Fächer gerichtet. Im Hintergrund rechnet der Computer jede einzelne Tablette ab, und sobald Frau Schweizer anzahlmässig eine ganze Packung aufgebraucht hat, wird ihr diese verrechnet. So geht das Tablette um Tablette und Kapsel weiter, bis alles bereit ist. Nun wird die Schutzfolie der Klebeseite am Karton abgezogen, der Karton zusammengefaltet und fertig ist das Wochendosiersystem.
    Im zweiten Arbeitsschritt kontrolliert eine andere Apothekerin vor der Auslieferung jeden Blister einzeln. Stimmen alle Medikamente und liegen sie auch im richtigen Tagesfach? Die letzte Kontrolle findet dann im Alterswohnheim Riedhof bei der Abgabe statt, wo Verordnungen und gerichtete Medikamente erneut durch dafür qualifiziertes Personal verglichen werden. So garantieren letztlich sechs Augen die richtige Medikation.

    Auch für Private

    Der Service der Apotheken kann auch von Privatpersonen genutzt werden. Die Krankenkassen übernehmen, sofern jemand mit der regelmässigen und korrekten Einnahme der Medikamente überfordert ist, auf ärztliche Verordnung die Kosten. Bedingung ist, dass eine Polymedikation vorliegt, das heisst, es müssen mehr als drei verschiedene Medikamente pro Woche eingenommen werden. Die Krankenkassen bezahlen nicht ohne Eigennutz, denn nicht oder falsch eingenommene Medikamente verursachen weit höhere Folgekosten.
    In den Altersheimen hingegen ist das Richten der Wochendosiersysteme immer in der Pflegepauschale enthalten. Entweder das Heim macht diese Arbeit selbst oder lagert sie gegen Entgelt an eine Apotheke aus, für die Bewohner*innen kostenmässig kein Unterschied.

    Diese Serie wird finanziell, ohne redaktionell eingeschränkt zu sein, durch die vier Höngger Rotpunkt Apotheken und Drogerien unterstützt.
    Nächster Artikel: 27. Juni, «Wundversorgung in Apotheken»
    Alle Artikel online unter www.hoengger.ch/archiv/dossiers/ «Apotheken»