Autor: tka_admin

  • Letztlich zählt nur die Sicherheit

    Letztlich zählt nur die Sicherheit

    Wenn es um die Zusammenarbeit zwischen Apotheken und der Ärzteschaft geht, erinnert man sich in Zürich schnell mal an den Streit zwischen diesen beiden Playern des Gesundheitswesens, der sich lange Jahre um die Frage drehte, ob Medikamente nur in Apotheken oder auch in Arztpraxen abgegeben werden dürfen. Wer Medikamente verkaufen darf, ist kantonal geregelt. So ist, zum Teil mit Ausnahmen, in 17 Deutschschweizer Kantonen die sogenannte Selbstdispensation, also die Abgabe von Medikamenten direkt durch die Arztpraxis, erlaubt, während sie in der Westschweiz und im Tessin nicht bekannt ist.

    Auch im Kanton Zürich war die Selbstdispensation seit den 1950er-Jahren nicht gestattet, zumindest in den Städten Zürich und Winterthur nicht, um die dortigen Apotheken finanziell zu schonen. Im restlichen Kanton war sie indes unter gewissen Voraussetzungen – zum Beispiel einer Mindestdistanz zur nächsten Apotheke – erlaubt. Doch ab 2001 wurde mittels Volkinitiativen die Wahlfreiheit beim Medikamentenbezug gefordert, denen das Volk allen zustimmte. Erst im dritten Anlauf und mit einer Gesetzesinitiative gelang der Durchbruch, und seit Mai 2012 ist die Selbstdispensation im ganzen Kanton erlaubt. Wurde alles anders? Begrenzt: Ende 2013 gaben erst rund 20 Prozent aller Ärzte in Zürich und Winterthur selber Medikamente ab, und auch wenn der Anteil seither weiter angestiegen ist, so geht man doch nicht davon aus, dass er das Prozent-Niveau des restlichen Kantonsgebiet erreichen wird. Ein Grund, warum Arztpraxen darauf verzichten, ist der zusätzliche Aufwand.

    Der damals heftig geführte Streit zwischen Ärzteschaft und Apotheken ist mittlerweile abgeflaut, auch wenn weiterhin auf beiden Seiten Studien und Publikationen kursieren, welche Nutzen oder Schaden der Selbstdispensation aufzuzeigen versuchen. Eine im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) im Sommer 2013 durchgeführte Studie kam indes zum Schluss, dass Selbstdispensationspatienten in der Regel zwar niedrigere Medikamentenausgaben verursachen und häufiger Generika verschrieben bekommen, dafür aber die Ausgaben für ärztliche Leistungen höher sind, was letztlich dazu führe, dass die Selbstdispensation kaum einen Einfluss zu Lasten der obligatorischen Leistungen der Krankenkassen und deren Prämien habe.

    Kritischer sind Bestellungen im Internet

    Gefragt, ob der damalige Zwist heute noch ein Thema sei, antwortet Apothekerin Katharina Hermann von der Rotpunkt Apotheke und Drogerie Hönggermarkt mit einem zögerlichen Ja, schränkt aber dieses noch ein: «Es kam nicht so schlimm, wie man damals befürchtete. In Höngg stellen die meisten Arztpraxen Rezepte aus und einige, die selber Medikamente abgeben, fragen ihre Patienten und Patientinnen, ob sie die Medikamente gleich mitnehmen oder lieber in der Apotheke beziehen wollen». Das findet Hermann fair und hofft, dass dies auch in Zukunft, wenn Praxen in jüngere Hände übergehen, so bleibt.
    Kritischer sieht die Apothekerin Medikamentenbezüge über das Internet, bei Online-Apotheken. Einige Krankenkassen fördern dies sogar über Prämienanreize. Gleich wie den Einkauf in nur einer bestimmten Apotheke. Nach Hermanns Einschätzung bewegen sich die Kassen damit in einem Graubereich, denn das Gesetz schreibe die freie Wahl der Medikamenten-Bezugsstelle ebenso vor wie die freie Arztwahl.
    Die Kundschaft jedenfalls, so sagt sie, bevorzuge oft die Apotheke, weil dort ein weiterer persönlicher Kontakt stattfinde und damit auch das «Vieraugenprinzip» wirke: Je mehr Personen sich mit einer Verordnung auseinandersetzen, desto höher die Chance, Fehler rechtzeitig zu entdecken.
    Im Alltag, so Hermann, frage sie mehrfach täglich irgendwo nach, ob eine Medikation korrekt sei.

    Erfahrung und Daten bringen Sicherheit

    Grossmehrheitlich, betont Hermann, laufe die Zusammenarbeit zwischen den Apotheken und den Arztpraxen, die Rezepte ausstellen, sehr gut. Bei Rezepten denkt man gerne mal an schwer entzifferbare Handschriften. Die Apothekerin schmunzelt: «Das ist weniger ein Thema als früher, da immer mehr Rezepte digital ausgedruckt werden». Sei etwas wirklich mal nicht lesbar, frage man eben nach. Nebst der Kundschaft, die mit den Rezepten direkt kommen, gelangen auch viele Rezepte per Mail oder Fax zur Apotheke. Auch jene, welche von den Kund*innen bei der Praxis bestellt werden, damit man die Medikamente dann nur in der Apotheke abzuholen oder sich liefern zu lassen braucht. «In Höngg sind wir zudem in einem Pilotprojekt, welches die Rezepte direkt aus dem Computersystem der Praxis in unseres übermittelt», erzählt Hermann. Das funktioniere gut, abgesehen von wenigen Kinderkrankheiten bei den Schnittstellen der Programme, und es vermindere potentielle Fehlerquellen. Daten über Kunden und Medikamente, ob nun so übermittelt oder sonst erfasst, müssen von den Apotheken während zehn Jahren gespeichert werden, um Rückfragen beantworten zu können. Doch sie sind nur lokal gespeichert, auch unter den vier Rotpunkt-Apotheken in Höngg hat man gegenseitig keinen Zugriff, übrigens auch nicht auf die Daten der Kundenkarten.
    Wird ein Rezept eingelöst, prüft ein Interaktionsprogramm im Datensystem automatisch bis auf ein Jahr zurück abgegebene Medikamente mit dem neuen: auf Unverträglichkeiten oder pharmazeutisch unerwünschte Interaktionen. Wird etwas entdeckt, zeigt es dies der Apotheke an. Doch unabhängig davon wirft auch die Apothekerin einen prüfenden Blick auf die Medikation: «Wir fragen im Gespräch auch immer nach andernorts bezogenen Medikamenten, die ja von keinem System erfasst werden. Stossen wir auf mögliche Unverträglichkeiten, schauen wir genauer hin». So gibt es beispielsweise Medikamente, die man nicht zeitgleich einnehmen soll: «Schilddrüsenhormone und Kalziumpräparate zum Beispiel: Sind beide am Morgen verordnet, so schieben wir, auch ohne Rücksprache mit der Ärztin oder dem Arzt, das Kalziumpräparat auf den Mittag oder den Abend, das kann man auch dann einnehmen, wogegen das Schilddrüsenhormon eine halbe Stunde vor dem Frühstück eingenommen werden muss». Erkennt man in der Apotheke eine pharmakologische Wechselwirkung zweier Medikamente, so muss ein Anruf in die Praxis die Situation klären. Hermann nennt das Beispiel eines nur für ein paar Tage verordneten Antibiotikums, das sich nicht mit einer anderen Grundmedikation verträgt. So funktionieren gewisse Antibiotika etwa nicht mit Cholesterinsenkern, zum Beispiel Statin: «da muss man klären, ob nicht auch ein anderes Antibiotikum eingesetzt werden kann oder ob man, wenn der Krankheitserreger nur auf dieses bestimmte Antibiotikum reagiert, das Statin für die Dauer der Antibiose pausieren kann». Die Entscheidung liegt letztlich natürlich in ärztlicher Kompetenz, doch, so Hermann, um die Rückfrage und die gemeinsame Suche unter Fachpersonen nach einer Lösung seien die meisten Ärzt*innen froh.
    Sie persönlich findet es sehr bereichernd, wenn sie mit der Ärzteschaft zusammenarbeiten und das Potenzial des vereinten Fachwissens ausschöpfen kann – der Zwist von damals scheint zumindest in Höngg begraben.

  • Recycling als Amüsement

    Neulich sandte mir die Redaktion ein Leserfoto, das von mir stammen könnte. Ein Bild, wie es die Redaktion offenbar regelmässig bekommt, sagt sie. Ein Abfallbild. Nein, nicht eines, das nicht verwertet werden kann, sondern eines, das Abfall zeigt: Diverse PET- und andere Flaschen, fein säuberlich gesammelt, ordentlich zerdrückt, in eine Einkaufstüte gesteckt, zur Recyclingstelle getragen und dort – an den Wegrand gestellt. Was für eine unglaubliche Sauerei. Und sowas in der Schweiz, dem Land, in dem Altpapier zuerst gebügelt wird, bevor man es zu perfekten Kuben gebündelt an den Strassenrand stellt. Ja, man mag sich darüber aufregen. Ist mir auch schon passiert. Hab’ ich mir aber abgewöhnt und den Ärger zu Amüsement recycliert. Das Verfahren sollte ich patentieren lassen. Mach ich aber nicht, denn das widerspricht irgendwie dem Recyclinggedanken. Also rezitiere und recycliere ich es Ihnen gratis:
    Ärgern Sie sich nicht über so neben der Recyclingstelle entsorgtes Sammelgut, amüsieren Sie sich lieber über die grenzenlose Dummheit jener Flasche, welche diese Flaschen so entsorgt hat. Echt jetzt. Stellen Sie sich mal vor, was für ein immenser Aufwand diese Person betrieben hat: Zuerst Mineralwasserflaschen eingekauft und nach Hause geschleppt, dahin, wo das Leitungswasser bereits fast gratis fliessen würde. Dann die leeren Flaschen zerdrückt, über Tage hinweg gesammelt und in der Küche immer wieder über die halbvolle Tüte gestolpert. «Bärchen, wenn du schon rausgehst, nimm doch gleich noch die anderen Flaschen mit». Den Stich überhörend tut Bärchen wie geheissen – doch dann hat es da einfach keinen Einwurfschlitz für Plastikgebinde an dieser dämlichen Recyclingstelle des ERZ! («Bärchen, die wäre bei der Migros.» «Die hat aber zu. Und zudem steht hier ‹kein Einwurf nach 20 Uhr›. Was nun, Hasilein?» «Weiss auch nicht.») Also stellt Bärchen die Tüte mit dem Sammelgut einfach dort hin und zieht seines Weges, via ein Bier mit den Kumpels zurück zu Hasilein. Am nächsten Tag kommt dann der kleine Lastwagen des ERZ, ein fleissiger Mensch wirft die Tüte auf die Ladefläche und fährt am Ende des Tages damit – nein, nicht zur PET-Sammelstelle, sondern in die ganz normale Kehrichtverbrennungsanlage. Dort werden alle Flaschen, welche von einer anderen Flasche so brav gesammelt, zerdrückt und abtransportiert wurden, «thermisch verwertet». Also verbrannt.
    Sorry, ich kann nicht anders, mich amüsiert so viel Dummheit. Und ganz selten lasse ich mich dazu hinreissen, Bärchens am Wegrand deponierte Taschen auf dem Weg zum Einkaufen grossherzig mitzunehmen und korrekt zu entsorgen. Das ist das kleine Pfadi in mir. Gäbe es einen Recyclingschlitz für Dummheit, die Welt wäre besser dran. Leider hat noch niemand eine patente Idee, wie man Dummheit wiederverwerten könnte. Ausser durch Fortpflanzung.

    Mit Secondhand- Grüssen
    Frank Frei

  • Wenn Medikamente auf Reisen gehen

    Man macht Ferien in einem fremden Land und plötzlich sind die Kopfschmerzen da, aber die Tabletten sind zu Hause geblieben. In der Shopping Mall finden sich zwar 100er-Packungen mit Pillen, nur leider versteht man die Sprache nicht, in denen sie angeschrieben sind. «Wir empfehlen unseren Kund*innen, lieber zu viel als zu wenig mitzunehmen», sagt Angela Bär, eidg. dipl. Apothekerin, von der Apotheke zum Meierhof, «denn nicht immer befindet man sich in der Nähe einer Apotheke». Neben den üblichen Mitteln gegen Schmerzen, Übelkeit, Allergien und Durchfall gehören auch Verbandsmaterial und diverse Instrumente wie Pinzette oder Fiebermesser ins Gepäck. Besondere Aufmerksamkeit gebührt aber den täglich benötigten und möglicherweise rezeptpflichtigen Medikamenten.

    Einführungsbestimmungen variieren nach Land

    Wichtige Arzneimittel, die regelmässig eingenommen werden müssen, gehören unbedingt ins Handgepäck, am besten zusammen mit dem entsprechenden vom Arzt verordneten Rezept. Wenn der Koffer auf der Reise verloren geht, kann der Urlaub andernfalls unangenehm werden. Bei Medikamenten, die zu einer bestimmten Zeit eingenommen werden müssen, wie die Anti-Baby-Pille, gilt es, die Zeitverschiebung zu beachten. Bär empfiehlt, auch andere Medikamente am besten im Handgepäck zu führen, zu flüssigen Mitteln gibt es meist auch eine feste Alternative. Was am Zoll zu Problemen führen kann, sind sogenannte kontrollierte Substanzen. Das kann ein starkes Schlafmittel wie eine Benzodiazepin sein, oder Medikamente wie Ritalin, Valium, Anabolika, Methadon- oder Morphiumpräparate. Diese sind dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt und bedürfen innerhalb des Schengen-Raums einer offiziellen Bescheinigung durch die behandelnde Ärztin. Ausserhalb des Schengen-Raums empfiehlt die Schweizerische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte Swissmedic, sich direkt bei der konsularischen Vertretung des Ziellandes nach den dort geltenden Bestimmungen zu erkundigen, diese variieren nämlich von Land zu Land. Diese Abklärungen sollten frühzeitig getätigt werden, denn in manchen Destinationen muss erst eine Bewilligung für die Einführung eingeholt werden. Ohne eine solche einzureisen, kann in manchen Ländern zu hohen Haftstrafen – oder schlimmerem – führen. Also «better safe than sorry». Sofern die Mitnahme von Arzneimitteln mit kontrollierten Substanzen erlaubt ist, gilt in vielen Ländern eine Maximalmenge, die etwa einer 30-tägigen Behandlung entspricht. Wie hoch diese genau ist, bestimmt auch hier das Zielland. Nicht kontrollierte Substanzen kann man ohne Bescheinigung mitführen. Allerdings empfiehlt es sich auch hier nicht, übertrieben grosse Mengen Schmerzmittel einzupacken, wenn man sich am Zoll nicht ein paar unangenehmen Fragen stellen will. Es versteht sich von selbst, dass harte Drogen wie LSD, Heroin und Ecstasy zu keinem Zeitpunkt über die Grenze transportiert werden dürfen.

    Und nach der Ankunft?

    Als Apothekerin weiss Bär natürlich, welche Inhaltsstoffe welche Wirkung haben – einem Laien ist dies in der Regel unbekannt. Muss man dennoch einmal im Ausland auf die dortigen Medikamente zurückgreifen, empfiehlt sie deshalb, die Originalverpackung oder das Arztrezept in die Apotheke mitzunehmen, damit die Fachperson vor Ort einen passenden Ersatz finden kann. Ohnehin mache es Sinn, nicht nur die sogenannten Blister einzupacken, also die Behältnisse, in die die Tabletten eingeschweisst sind, sondern auch die Packungsbeilage oder eine Liste, wofür welches Präparat benötigt wird und wie die Dosierung ist. Da Medikamente wärme-, licht- und feuchtigkeitsempfindlich sind, müssen sie entsprechend geschützt werden. In heissen Ländern könnte eine Kühlbox nötig sein. Am besten lässt man die Medikamente im Hotelzimmer, aber nur wenn nötig im Kühlschrank – viele Medikamente bleiben auch bei leicht erhöhter Raumtemperatur über kürzere Zeit stabil.

    Mücken und die Sonne

    Was vor allem bei Reisen in heisse Länder nicht fehlen darf, sind Sonnen- und Mückenschutzmittel. Wie das Bundesamt für Gesundheit meldet, hat die Zahl der Dengue-Fieber-Fälle weltweit enorm zugenommen: «Wurde die Krankheit in den 1960er-Jahren nur bei 10‘000 bis 20‘000 Personen jährlich registriert, sind es momentan rund 50 bis 100 Millionen Fälle pro Jahr». Auch die geografische Ausbreitung hat sich vergrössert, so wurden in den USA, China und Japan Fälle gemeldet, und auch in Europa kam es bereits zu einzelnen Übertragungen, so in Kroatien, in Frankreich und auf Madeira. «Der grösste Teil der Erkrankungen wird unverändert in Mittel- und Südamerika, Zentralafrika, Südostasien und dem westlichen Pazifik verzeichnet», schreibt das Bundesamt. In den betroffenen Gebieten empfiehlt es sich, langärmelige, mit Insektiziden behandelte weite Kleider zu tragen, tagsüber und abends ein Mückenschutzmittel aufzutragen und unter einem Moskitonetz zu schlafen.

    Das Team in der Apotheke zum Meierhof ist speziell auf Sonnenschutz bei gesunder sowie besonders empfindlicher oder kranker Haut ausgebildet. «Wir beobachten, dass die meisten tendenziell viel zu wenig Crème auftragen», weiss Bär. Empfohlen ist eine Menge von 30 Milliliter pro Tag und Person, also mindestens 200 Milliliter in der Woche; wenn Nachcremen nötig ist, auch mehr. «Wer weniger grosszügig eincremt, verringert auch den Schutzfaktor». Besonders exponierte Stellen wie Ohren, Glatze, Lippen und Fussrücken nicht vergessen. Wichtig sei, dass auf der Flasche die beiden Zeichen UVB und UVA (in einem Kreis) angegeben seien. Der wirksamste Schutz seien weiterhin Hut und Kleidung sowie das Meiden der Sonne zwischen 11 und 15 Uhr. Bei gewissen Hautveränderungen neigt die Haut im Sonnenlicht zur sogenannten Hyperpigmentierung, der Bildung von braunen Flecken. In diesem Fall sollte direkte Sonnenexposition vermieden werden. Auch gewisse Medikamente wie gewisse Antibiotika, Aknemittel und einzelne Schmerzmittel, sowie Erkrankungen der inneren Organe, können die Haut empfindlicher machen. Bereits chronisch lichtgeschädigte Haut, leicht irritierbare Haut und frische Wunden oder Narben bedürfen einer besonderen Behandlung.

    Diese Serie wird finanziell, ohne redaktionell eingeschränkt zu sein, durch die vier Höngger Rotpunkt Apotheken und Drogerien unterstützt.
    Nächster Artikel: 15. August, «Apotheken und Ärzte»
    Alle Artikel online unter www.hoengger.ch/archiv/dossiers/ «Apotheken»

  • Tschüss, Höngger!

    Viereinhalb Monate sind wie im Turbo an mir vorbeigezogen, und schon ist es wieder vorbei mit meiner Zeit beim «Höngger». Zuerst einmal vorweg: Den Sinn des Lebens habe ich leider noch nicht gefunden. Trotzdem kann gesagt werden, dass ich einiges mitnehmen kann aus diesem Praktikum. Ich lernte nicht nur, Texte zu schreiben und zu redigieren, nein, auch befasste ich mich intensiv mit Photoshop: Wie können Autos aus einem Bild entfernt werden, sodass Parkplätze entstehen? Aber Spass beiseite!
    Ich durfte verschiedenste Leute kennenlernen und interviewen, von einer Schneckenbuchautorin über einen Stadtrat bis hin zu einem Spieleerfinder waren die unterschiedlichsten Menschen darunter. Auch bei den Besucher*innen der Redaktion konnte man nie wissen, was einen erwartete: Manche wollten die Ausstellung in den Redaktionsräumen bewundern, andere wollten ein Globi-Buch kaufen oder eigene Themenvorschläge einbringen. Sogar eine Touristengruppe kam einmal vorbei, um nach Reisetipps in Zürich zu fragen; sie hatten anscheinend nicht bemerkt, dass wir nur für Höngg und nicht für ganz Zürich ein Infozentrum sind.
    Nicht nur die Höngger*innen, auch Höngg selber lernte ich erst richtig kennen. Da ich unten Am Wasser wohne, habe ich in meinem bisherigen Leben nicht so viel davon mitbekommen, was «da oben» alles passiert. Auch Wipkingen durfte ich entdecken, auf Streifzügen durch das Quartier mit umgehängter Kamera kam ich an Orte, die ich zuvor noch nie gesehen hatte.
    Und für ebendiese Spalte, die Sie gerade lesen (falls Sie überhaupt so weit gelesen haben), bin ich wirklich dankbar. Ich durfte mich, ohne mir gross Gedanken dabei zu machen, über Gott und die Welt lustig machen, aufregen, erfreuen. Ich konnte Themen ansprechen, die mir persönlich wichtig waren, und hatte dabei alle Freiheit der Welt.
    Als ich früher am Meierhofplatz 2 vorbeiging, musste ich an die Bäckerei denken, die sich dort einst befunden hatte. Ich und meine Kolleginnen gingen jeden Donnerstag nach der Klavierstunde hinein, und bettelten um ein vertrocknetes Gipfeli. Seit diesem Praktikum werde ich wohl nicht mehr an irgendwelche Backwaren denken, wenn ich am alten Haus beim Meierhofplatz 2 vorbeilaufe, sondern an meine spannende Zeit beim «Höngger».

  • Witzewelle

    Die Schweiz litt vergangene Woche unter einer Hitzewelle – jeder Text, der so beginnt, würde ich im Moment sicher nicht lesen. Er würde mir Hitzepickel, juckende Rötungen in den Armbeugen und klebrige Schweissbäder im Schritt verursachen. Hitzewelle? Wenn ich das Wort nur schon höre! Bereits nach dem ersten Tag über 30 Grad überkam eine viel schlimmere Welle die Schweiz: Die mediale Hitzejammerwelle. Am Montag war es heiss und am Dienstag wurde auf allen Kanälen und in jeder Zeitung gejammert, als befände man sich gerade am Ende des Sommers vom vorigen Jahr. Liebe Medienmenschen, habt ihr so ein kurzes Gedächtnis? Erinnert sich noch jemand an den Hitzesommer 2018? Richtig, «Sommer» nicht «Tag» oder «Woche»! Nach einem bereits zu warmen Frühling schlugen die Monate Juni bis August fast alle langjährigen Rekorde, jene der Sonnenstunden wurden nach oben und jene der Regenmengen nach unten geknüttelt. Es war einfach nur heiss und eklig und man litt rund um die Uhr wie im Angesicht des Leibhaftigen im Vorhof der Hölle. Wir lebten 2018 in der Schwitz, nicht in der Schweiz. Und jetzt macht ihr so ein unsägliches Gejammer wegen einer einzigen Woche? Eine heisse Woche ist noch keinen Hitzewelle, auch wenn ab und zu eine einzelne Schwalbe gedünstet vom Himmel fallen sollte. Was ihr aus den paar Tagen gemacht habt, war eine Witzewelle (ja-ja, «lustig», ich weiss). Gut, der meteorologische Sommer dauert noch ein paar weitere Wochen und ihr habt gute Chancen, dass ihr euch als Propheten feiern lassen dürft. Nur werden euch bis dahin die Superlative ausgegangen sein, wenn ihr sie alle schon in der ersten Woche auf euren medialen Einweggrills verbrutzelt habt. Geht doch etwas sparsamer damit um: Legt ein paar ins Tiefkühlfach und setzt euch gleich dazu, das verlangsamt den Blutfluss im Gehirn und dann leidet ihr auch weniger unter dem Sommerloch – zur Not könnt ihr ja kurz ins Kühlfach nach den sauren Gurken greifen, der Blondtollenmann aus den verleidigten Staaten von Amerika füllt euch das Glas twitternd sicher regelmässig auf. Quasi ein Twittergewitter. Genau, Gewitter: Auch davon gab es diese Woche welche, ganz im Gegensatz zu letztem Jahr.

    Mit kühlenden Grüssen, sich in die Ferien verabschiedend
    Frank Frei

  • Hotel Mama

    Ach, dieses Ausziehen, ein Thema, das wohl viele in meinem Alter beschäftigt. Und ich meine nicht Kleider ausziehen, sondern: Von zu Hause ausziehen. Hotel Mama und Papa verlassen, in die weite Welt hinausgehen, endlich unabhängig sein.
    Viele Aspekte locken einen dazu, auf ausreisserische Gedanken zu kommen. Rund um die Uhr sturmfrei! Einen ganzen Tag im Pijama auf dem Sofa faulenzen und Netflixen? Kein Problem! Das Zimmer ist nicht perfekt aufgeräumt? Niemand interessiert’s! Wann ich nach Hause komme und wo genau ich bin? Niemand muss es wissen!
    Leider ist das ganze Prozedere gar nicht einfach. Knackpunkt: Geld. Klar, ich habe nun auch ein wenig Gespartes, aber nach einer Monatsmiete wäre das schon fast wieder weg. Und dann auch noch diese Challenge, etwas zu finden, das nicht völlig abgelegen ist und auch nicht an einer extrem lauten Strasse, etwas, das nicht jedes Budget sprengt… Und die Wohnung ist noch lange nicht alles. Mir war nie bewusst, wie teuer Möbel wirklich sind! Ein Kissen alleine kostet sogar bei Ikea mindestens zwanzig Franken!
    Und überhaupt, eigentlich ist es schon verdammt gemütlich, zu Hause zu wohnen. Es heisst ja nicht ohne Grund «Hotel Mama»! Wenn ich nach Hause komme nach dem Sport und einen Bärenhunger habe, dann steht schon eine warme Mahlzeit auf dem Tisch (zumindest manchmal). Verstehen Sie mich nicht falsch, auch ich koche gerne mal etwas, aber manchmal habe ich einfach keine Zeit… oder keine Lust. Und gratis an einer so guten Lage zu wohnen, direkt an der Limmat und trotzdem nahe an der Stadt zu sein, das ist ein echter Luxus. Ein Bonus: Meine Mutter ist eine Suchmaschine im echten Leben: Wenn ich etwas nicht finde, frage ich sie, und innerhalb von wenigen Sekunden hat sie das Ladekabel, die Sporthose oder den Schlüssel in ihrer Hand.
    Und trotzdem werde ich wohl ausziehen. Wohin und wann ist zurzeit noch offen, etwas jedoch ist mir jetzt schon klar: Ich will definitiv nicht allein wohnen. Der Gedanke, jeden Abend nach Hause zu kommen und eine dunkle, leere Wohnung zu betreten, macht mir Angst. Es wird sicherlich Zeiten geben, in denen ich mir Hotel Mama sehnlichst zurückwünsche. Dann muss ich wohl einfach meine Mutter zu uns einladen, die meine Unordnung verurteilt, und schon bin ich wieder daran erinnert, wieso ein Leben in Unabhängigkeit das Richtige ist.

    Lina Gisler,
    Praktikantin

  • Mehr als einfach «Pflaster drauf»

    Mehr als einfach «Pflaster drauf»

    Dass Apotheken längst mehr sind als blosse Verkaufsstellen für Medikamente, daran hat man sich gerne gewöhnt. Aber mit einer frischen Wunde in die Apotheke anstatt zum Arzt oder in die Notfallaufnahme zu gehen – wird das wirklich gemacht? In der Zürigsund Apotheke Im Brühl an der Regensdorferstrasse schmunzelt Apothekerin Susanne Wolf ob dieser Frage: «Ja, wir sind oft die erste Anlaufstation, gerade auch wenn mit Kindern etwas passiert ist: Dann stellt man fest, dass man kein Verbandsmaterial mehr hat und das Desinfektionsmittel leer oder abgelaufen ist – dann sind wir, als auf Kinder spezialisierte Apotheke, gerne zur Stelle und können von Montag bis Samstag beraten und die Erstversorgung anbieten».

    Ohne Wartezeit ins Behandlungszimmer

    Seit dem Umbau vor drei Jahren hat die Apotheke ein kleines, Diskretion bietendes Sprechzimmer, in dem immer alles bereitsteht, was für eine erste Wundversorgung nötig ist, vom Reinigungsmittel bis zum passenden Wundverband. Dort sitzen dann kleine und grosse Patient*innen mit Schürfungen, Schnitten, Verbrennungen und was einem sonst noch so alles geschehen kann.

    «Die theoretischen Grundsätze der Wundversorgung», erklärt Wolf, «lernen Pharma-Assistentinnen in der Ausbildung: Zwei unserer Mitarbeiterinnen haben aber auch die Weiterbildung zur Wundexpertin absolviert, die auch einen Praxisteil und viel Wissen über die neuesten Wundmaterialien beinhaltet».
    Auch ohne, dass diese Dienstleistung gross beworben würde, ist der Service offenbar bekannt. So kommen, zum Beispiel direkt vom nahen Spielplatz oder nach kleineren Verkehrs- oder Haushaltsunfällen, wöchentlich öfters Leute direkt in die Apotheke Im Brühl und zeigen ihre Verletzungen.
    Das geschulte Personal nimmt zuerst eine Triage vor, entscheidet also, ob sie wirklich die richtige Anlaufstelle sind. Susanne Wolf betont, dass sie und ihr Team in bestimmten Situationen gleich zum Arztbesuch raten: «Kommt zum Beispiel jemand mit einem Umlauf zu uns, gibt es gar keine Fragen, damit muss man zum Arzt». Auch bei zu tiefen oder zu langen Schnittwunden sowie bei schwereren Verbrennungen, oder wenn eine Heilung, zum Beispiel bei Gesichtsverletzungen, kosmetisch heikel sein könnte, wird an den Arzt oder den Notfall verwiesen. Ebenso bei Bisswunden: Da ist zwar die Erstversorgung, also Reinigung, Stoppen der Blutung und ein Erstverband möglich, spätestens, wenn aber nicht klar ist, ob der Schutz vor Wundstarrkrampf noch aktuell oder eine Tetanusimpfung nötig ist, wird an den Arzt verwiesen.

    Sicherheitskontrolle und Anamnese

    Liegt die Wundversorgung jedoch in ihrer Kompetenz, so sitzt man umgehend im Sprechzimmer und die Wundreinigung beginnt. Falls nötig wird auch eine kurze Anamnese erfasst und ein Wundversorgungs-Protokoll erstellt: Welcher Art ist die Wunde, wo ist sie lokalisiert, bestehen andere Leiden, welche die Wundheilung beeinträchtigen könnten, ist der Impfschutz noch aktuell oder werden Medikamente eingenommen, welche zum Beispiel die Blutgerinnung hemmen? Das Protokoll zeigt – wie eine zweite Sicherheitskontrolle – deutlich an, in welchem Fall man an die Arztpraxis verweisen muss. Kann indes direkt versorgt werden, werden die verwendeten Materialien protokolliert und die Verletzten instruiert, wie und wie oft sie den Verband zu Hause selber wechseln sollen. Natürlich darf man auch jederzeit zur Nachkontrolle wieder in die Apotheke kommen. Bei kleineren Wundversorgungen wird übrigens nur das Material verrechnet, erst bei mittleren oder grösseren Wunden kommen 10 bis 15 Franken dazu. Von den Krankenkassen wird indes nichts vergütet.
    Nicht behandelt werden in der Apotheke chronische Wunden. Für solche seien die beiden Wundexpertinnen zwar ausgebildet, so Wolf, doch bislang wird diese Dienstleistung nicht angeboten.
    Das Wundambulatorium der Spitex Höngg – das übrigens als erstes solches Zentrum einer Spitexorganisation von der Schweizerischen Gesellschaft für Wundbehandlung anerkannt wurde – bietet die Kontinuität, welche eine fachgerechte Versorgung solcher Wunden erfordert: Nach Terminvereinbarung, an sieben Tagen die Woche, von 7 bis 19 Uhr. Im Erstversorgungsangebot der Apotheken sieht die Spitex keine Konkurrenz, sondern eine gute Ergänzung: «Die Spitex ist immer interessiert an einer guten Zusammenarbeit mit allen Anlaufstellen und Versorgern, dies dient den Quartierbewohnern», schreibt das Wundambulatorium auf Anfrage.

    Was soll der Honig auf der Wunde?

    Doch nicht nur dort, sondern eben auch in der Apotheke weiss man, dass sich im breiten Feld der modernen Wundversorgung in den letzten Jahren viel geändert hat. Das beginnt bei der Desinfektion: Über die Klassiker wie Merfen ist man heute hinaus und verwendet zum Beispiel «Octenisept». Bei Bisswunden oder stark verunreinigten Wunden sind jedoch noch immer Mittel wie «Betadine» die erste Wahl. Nach der Reinigung, so war man früher überzeugt, müssten Wunden möglichst trocken gehalten werden – heute differenziert man mehr. So werden sehr nässende Wunden mit saugkräftigen Auflagen behandelt bis sie trockener sind und zu trockene werden mit Produkten wie «Varihesive» abgedeckt, einem wasserdichten hydrokolloid-Verband, der die Wunde feucht hält und mehrere Tage nicht gewechselt werden muss, sogar einer Dusche oder einem kurzen Bad hält er stand. Moderne Wundverbände sind sogar keimreduzierend: Solche Produkte enthalten Silberfäden, denn die antibakterielle des Edelmetalls ist erwiesen. Auch Wundgels hemmen Infektionen und unterstützen die Wundheilung. Die Palette der Wirkstoffe ist gross und beinhaltet zum Beispiel auch Produkte mit Honig: Die darin enthaltene Glucose fördert die Heilung – damit findet die moderne Wundversorgung übrigens wieder zurück zu altbekannten Mitteln.
    Was sie indes beim «Nähen» von Wunden nicht tut: Bei glatten Wundrändern, wie sie bei Schnitten entstehen, werden anstelle von Fäden oft sogenannte «Steristrips» verwendet, eigentliche Klebstreifen, welche die beiden Wundränder zusammenziehen, damit sie möglichst ohne Narben zu bilden zusammenfinden. Und wenn doch eine Narbe entsteht und man diese nicht als Erinnerung behalten will? Auch dafür weiss das Fachpersonal Rat, solange die Narbe noch einigermassen frisch ist. Es ist nicht von der Hand zu weisen – und das schreibt hier ein ehemaliger Krankenpfleger – moderne Wundversorgung ist tatsächlich mehr als einfach nur «Wunde reinigen, Pflaster drauf, fertig».

    Diese Serie wird finanziell, ohne redaktionell eingeschränkt zu sein, durch die vier Höngger Rotpunkt Apotheken und Drogerien unterstützt.
    Nächster Artikel: 13. Juli, «Medikamente auf Reisen»

  • Egomonsterkids

    Ich mag Kinder. Solange sie ins Handschuhfach meines SUV passen. Oder auf den Rücksitz meines Stadtautos, einem Smart. Kleiner Scherz. Doch nun im Ernst: Ich mag Kinder wirklich. Ausser jene, welche zur Schande ihrer Eltern die elementarsten Dinge in Sachen Erziehung nie gelernt haben. Neulich kam mir ein ganzes Rudel dieser Sorte entgegen. Aufgefädelt wie Fleischklopse auf einem Grillstab kamen sie einen dieser engen Steilwege dieses Quartiers hinuntergerollt und füllten seine Breite restlos aus. Ihr Problem: Ich war auf dem Weg nach oben. Wobei sich das dann natürlich als mein Problem herausstellte, denn niemand – auch die beiden Mütter und der Alibi-Hausmann, die einige Meter hinter ihrer Brut gingen – hatte den Bälgern je gesagt, dass sie sich wie jeder anständige Verkehrsteilnehmer den Situationen anzupassen und Rücksicht zu nehmen hätten, speziell gegenüber dem aufwärtskommenden Gegenverkehr. In diesem Falle also gegenüber mir. Ich hatte die dreifache Wahl: Mich an den rostigen Gartenzaun verdrücken, wie ein Fels in der Brandung stehen bleiben (Augen zu und durch) oder im Stechschritt mein Territorium markieren und die Bande umrennen. Überrumpelt und im wahren Leben tendenziell mit wenig Zivilcourage ausgestattet wie ich bin, wählte ich den Gartenzaun. «Es» schrammte knapp an mir vorbei wie die Zombies in «World War Z» von Marc Forster die Wände hoch, während ich mich bemühte, die nachfolgenden Elterntiere abstrafend anzuschauen. Was mir gelang, jedoch keinerlei Beachtung fand. Verflucht, hätte ich doch bloss den Stechschritt gewählt! Dann wäre ich zwar garantiert von dem sechsbeinigen Elternmonster verbal abgestraft worden, weil ihre Klopse nun den Weg hinuntergepurzelt wären, doch ich hätte ihnen wenigstens die Meinung blasen können. Und zwar diese da: «Was meint ihr eigentlich, zu was für egomanischen kleinen und später grossen Monstern ihr eure Kinder erzieht? Schimpft mich von mir aus bünzlig, doch genau so, ohne jeden Grundbegriff von Anstand und mit ausgefahrenen Ellenbögen werden sich eure Kinder durch den Rest des Lebens und die Gesellschaft bewegen. Sie werden dabei sicher einiges erreichen, doch noch viel mehr zerstören und, Verzeihung, aber sie werden einfach nur Arschlöcher sein».
    Ja, das hätte ich ihnen gesagt – wahrscheinlich röchelnd im Würgegriff des doch überraschend kampferprobten Alibi-Hausmannes, der mich von zwei keifenden Müttern und einem Rudel heulender Egomonstern begleitet zum nächsten Polizeiposten geschleppt hätte.
    Aber so ist eben meine Wahrnehmung gewisser «Erziehungs»-Tendenzen, und die liesse sich noch auf einige andere solche Erlebnisse übertragen. Erst jetzt, beim Verfassen dieser Zeilen, kommt mir die einzig wirklich adäquate Reaktion auf dieses Erlebnis am Berg in den Sinn. Eine überdies herrlich paradoxe: Ich hätte mich «Nein-so-kommt-mir hier-keiner-durch»-schreiend quer auf den Weg legen sollen und dann, wenn die Kinder verdutzt stehengeblieben wären, ja dann wären sie bestimmt empfänglich gewesen für die Grundzüge einer der elementarsten Verhaltensregeln. Vergessen hätten sie diese danach garantiert nie mehr, weil ihre schnusigen kleinen Hirne sie zeitlebens mit dem schreienden Wesen jenes Sommertages auf jenem engen steilen Quartierweg verknüpft hätten.

    Es grüsst aus dem SUV
    Frank Frei

  • Wie wohnen?

    Menschen mit Behinderungen haben verschiedene Wohnmöglichkeiten. Menschen, die jederzeit umfassende Hilfe und Pflege brauchen, wohnen oftmals in einer Institution. Durch den vorgegebenen Heimalltag ist hierbei die Fremdbestimmung hoch, es gibt jedoch immer mehr Institutionen, die ihren Bewohner*innen dank neuer Wohnmodelle mehr Selbstbestimmung ermöglichen. Gewisse Institutionen führen beispielsweise Aussenwohngruppen, die mehr Privatsphäre bieten und in denen die Bewohner*innen selbstbestimmter leben können. Dabei ist die Unterstützung bei Pflege, Betreuung und im Haushalt auf die Person abgestimmt. Eine weitere Option ist eine betreute oder begleitete Wohngemeinschaft. Menschen, die nicht selbstständig leben können, werden dabei nach individuellen Bedürfnissen begleitet. Die Begleitung erfolgt in diesem Fall gewöhnlich in der eigenen Wohnung.
    Für junge Erwachsene mit kognitiven Beeinträchtigungen gibt es das Angebot einer Wohnschule, die eine zwei- bis vierjährige Ausbildung zum selbstständigen Wohnen beinhaltet. Dabei wird die Haushaltsführung, Administratives und soziales Zusammenleben gelehrt, die Auszubildenden arbeiten ausserhalb der Wohnschule Teilzeit. Sprungbrettwohnungen sind für selbstständige Menschen, die planen, in einer eigenen Wohnung zu leben. Dabei kann das selbstständige Wohnen für ein paar Monate in Ruhe ausprobiert werden. Für Personen, die den Alltag selber managen können und alleine wohnen wollen, bietet sich eine eigene Wohnung mit Assistenz an.
    Auch in Höngg gibt es verschiedene Angebote für Menschen mit einer Beeinträchtigung. Zum einen gibt es das Wohnzentrum Frankental, eine Institution, die auch Tagesaufenthalter aufnimmt. Zusätzlich gibt es die Wohngruppe «Daheim», in der betreutes Wohnen angeboten wird.

    Fremdbestimmt wohnen

    Obwohl also viele verschiedene Wohnformen vorhanden sind, gibt es für Menschen mit einer Behinderung viele Hindernisse für selbstbestimmtes Wohnen. Zum einen fehlt oftmals das Beratungsangebot, die Menschen kennen die verschiedenen Möglichkeiten also gar nicht. Zudem sind die nötigen Unterstützungsleistungen und finanziellen Absicherungen nicht immer vorhanden: Für viele Betroffene ist es finanziell kaum möglich, in einer eigenen Wohnung zu leben. Um dies zu verhindern, gibt es Assistenzleistungen: Finanzielle Leistungen für Versicherte, die Hilflosen-Entschädigung erhalten. Damit können sie für regelmässig benötigte Hilfeleistungen Assistenzpersonen einstellen, damit sie zu Hause leben können. Wegen der strengen Aufnahmebedingungen sind jedoch viele Menschen von diesem System ausgeschlossen. Auch wenn die finanziellen Mittel vorhanden sind, ist es teilweise schwierig, eine Wohnung zu finden, die hindernisfrei ist.
    Die Schweiz muss also noch viel tun, was die Selbstbestimmung von Menschen mit einer Behinderung angeht. Dass sie den Weg gehen will, wurde schon mit dem Unterzeichnen der UNO-Behindertenrechtskonvention entschieden. Diese verlangt, dass «Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben.» Diese Leitidee der Selbstbestimmung steht stark in Zusammenhang mit der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. Diese fordert, dass Menschen mit Behinderung das eigene Leben und Wohnen nach ihren Wünschen gestalten dürfen.

    Subjekte und nicht Objekte finanzieren

    Um diese Prinzipien der Selbstbestimmung anzugehen, wurde im Zürcher Kantonsrat im Juni 2018 eine Motion eingereicht. Diese sieht vor, das heutige System der Assistenzleistungen zu ändern: Von einer Objekt- soll zu einer Subjektfinanzierung gewechselt werden. Der Kanton finanziert demnach nicht mehr in erster Linie die Institutionen (Objekte), sondern jeder Mensch (Subjekt) erhält die Kosten für den persönlichen behinderungsbedingten Betreuungs- und Pflegebedarf vergütet. Damit sollen behinderte Menschen die Wahlfreiheit erhalten, wie sie ihre Betreuung organisieren wollen. Die Motion wurde von allen Fraktionen ausser der Fraktion der Schweizerischen Volkspartei angenommen, der Kantonsrat übergab damit den Auftrag an die Regierung, einen Gesetzesentwurf zu erarbeiten. Nun liegt es an ihr, behinderten Menschen selbstbestimmteres Wohnen zu ermöglichen.

    Diese Fokusreihe zum Thema «Menschen mit Behinderung» entstand mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung. Die Stiftung unterstützt vorwiegend in der Stadt Zürich domizilierte Institutionen, die sich für betagte oder behinderte Menschen einsetzen. Sie hat keinen Einfluss auf Inhalt und Form der Artikel genommen.

     

  • Selbstbestimmung fördern

    Selbstbestimmung fördern

    Frankental leben Frauen und Männer mit kognitiven Beeinträchtigungen und Menschen mit neurologischen Erkrankungen oder Hirnverletzungen. Zurzeit sind es 41 Bewohner*innen, die sich auf sieben unterschiedlich grosse Wohngruppen verteilen. Dazu kommen vier bis fünf Personen, die tageweise ins Frankental kommen und abends jeweils wieder nach Hause gehen. «Ab 18 Jahren kann man bei uns eintreten», erklärt Ueli Zolliker, Leiter des Wohnzentrums. Danach geniesst man lebenslanges Wohnrecht, vorausgesetzt man wird gegenüber den anderen Bewohner*innen und Angestellten nicht gewalttätig, denn da herrscht Nulltoleranz. «Aber auch bei sehr starker Alkohol- oder Drogenabhängigkeit sind wir nicht der richtige Ort», meint Zolliker. Bislang musste erst einmal ein Mitbewohner in eine psychiatrische Klinik umplatziert werden. «Wir stellen niemanden einfach auf die Strasse, sondern versuchen eine passende Lösung zu finden».

    Immer mehr Hirnverletzte

    Unter welchen Umständen ziehen die Betroffenen in eine Institution wie das Wohnzentrum? Kognitiv beeinträchtigte Menschen leben oft sehr lange bei den Eltern. Die Familien versuchen, die Betreuung so lange wie möglich selber oder mit punktueller Unterstützung zum Beispiel der Spitex zu bewältigen. «Wenn die Eltern langsam selber pflegebedürftig werden oder die Belastung zu hoch wird, denken sie über Alternativen nach und das ist dann meistens der Moment, in dem wir eine Anfrage erhalten», erzählt Zolliker. «Das kann auch im Rahmen eines Tagesaufenthalts sein, zwei drei Tage in der Woche, einfach um die Familie zu entlasten». Anders ist es bei den Hirnverletzten. Manche kommen aus der Neurorehabilitation, wie in Bellikon oder Zurzach, wenn festgestellt wird, dass die Ressourcen ausgeschöpft sind. Diese Menschen standen zuvor mitten im Leben, hatten einen Beruf, Partner*innen und Kinder und wurden durch einen Unfall oder eine Krankheit aus ihrem sozialen Umfeld gerissen. «Für diese Menschen ist es besonders schwierig, ihre neue Situation zu akzeptieren», sagt Valeska Graul, Leiterin Betreuung und Stellvertreterin von Ueli Zolliker. Sie befänden sich in einem Zustand zwischen Hoffnung und Resignation, und durchlebten alle möglichen Krisen von Wut, Auflehnung, Trauer bis zum Aufgeben. Das bedeute für alle Beteiligten eine grosse emotionale Belastung. Manchmal verändere sich durch eine Hirnverletzung auch die Persönlichkeit, die Angehörigen erkennen den Menschen fast nicht wieder, das seien dann sehr schwierige Situationen. Während es zu Gründungszeiten des Wohnzentrums vor 35 Jahren in erster Linie Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen waren, die ins Frankental zogen, nimmt die Zahl der Menschen mit Hirnverletzungen seit 2009 stetig zu, so dass diese heute den grössten Teil der Bewohner*innen stellen. Als Endstation sieht die ausgebildete Pflegefachfrau und Sozialarbeiterin das Frankental jedoch nicht: «Wenn jemand wirklich alles daransetzt, selbstständig zu wohnen und auch körperlich und psychisch dazu in der Lage ist, trainieren wir mit ihm die alltäglichen Dinge, wie die Nutzung des öV oder auch selbstständig einzukaufen». Gerade gibt es einen Bewohner, der nach zwei Jahren in seine Wohnung zurückziehen kann. «Er hat gute Ressourcen, seine Tochter unterstützt ihn in administrativen Belangen, die Wohnung ist rollstuhlgängig und mit Hilfe einer Assistenz wird er seinen Alltag bewältigen können». Ehrlicherweise müsse man aber sagen, dass dies eher die Ausnahme sei, denn es brauche – abgesehen von den körperlichen und psychischen Ressourcen – schon sehr viel Engagement und Motivation der betroffenen Person. In den letzten zehn Jahren waren es drei Personen, die den Schritt ins selbstständige Wohnen geschafft haben.

    Unsichtbare Behinderung

    Manche neurologischen Verletzungen sind nicht auf den ersten Blick erkennbar. Sie zeigen sich aber in einem schlechten Erinnerungsvermögen, Konzentrations- und Informationsverarbeitungsstörungen oder starker Müdigkeit, meist einhergehend mit einer tiefen Frustrationstoleranz. «Oft klagen Hirnverletzte darüber, dass diese <unsichtbaren Behinderungen> für sie subjektiv schlimmer seien, weil sie von der Umwelt oft falsch eingeschätzt würden». Wenn jemand im Rollstuhl sitze, könnten die Mitmenschen das besser einordnen, als wenn jemand im Gespräch plötzlich aufbrausend oder ungeduldig würde. Das führe dazu, dass sich diese Menschen in der Öffentlichkeit oft abgelehnt fühlten. «Ein grosser Teil unserer Arbeit ist deshalb auch die Reflexion: Wir spiegeln ihnen im Alltag, wenn sie sich verletzend verhalten und versuchen sie daran zu erinnern, dass es in der Gesellschaft gewisse Abmachungen gibt, wie man miteinander umgeht», erklärt Graul. Es ist kein schneller Prozess, aber nach ein, zwei Jahren können die meisten von sich aus formulieren, dass sie etwas nicht so beabsichtigt haben, wenn es aus ihnen herausbricht. Noch etwas später können sie das vielleicht sogar kontrollieren und stattdessen etwas anderes oder gar nichts sagen. So schützen sie sich selber vor Ablehnung.

    Selbstbestimmung vor Fremdbestimmung

    Im Frankental werden verschiedene Aktivitäten angeboten, es gibt gemeinsame Kinoabende, Disco, zahlreiche Feste, die auch der Öffentlichkeit zugänglich sind. Die Bewohner*innen haben Anrecht auf eine Woche Ferien mit Eins-zu-eins-Betreuung, man erledigt gemeinsam den Einkauf und besucht Veranstaltungen. Inklusion wird angestrebt, man will der einzelnen Person gerecht werden. Dies bedeutet einen grossen Aufwand, finanziell und personell, doch Zolliker ist von diesem Weg überzeugt. Das Selbstbestimmungsrecht hat das Credo der Institution, den Bewohner*innen auf Augenhöhe zu begegnen, noch bestärkt. Anstatt einfach Regeln aufzustellen, treffe man zusammen mit der betroffenen Person Vereinbarungen. «Wir setzen keine theoretischen, sozialpädagogischen Ziele, sondern versuchen herauszufinden, welche Bestrebungen die Menschen selber haben». Diese Strategie funktioniere sehr gut. Ein Bewohner sei beispielsweise regelmässig betrunken von seinem Ausflug zurück gekommen und habe mit seinem Rollstuhl eine Türe beschädigt, beim Versuch ins Haus zu gelangen. «Wir wollen ihm nicht verbieten, auszugehen und verstehen auch, dass er etwas trinken möchte», so Zolliker, «gleichzeitig ist es nicht ungefährlich, betrunken Rollstuhl zu fahren». Also habe man gemeinsam abgemacht, dass er ein Gerät bei sich trage, mit dem er den Alkoholgehalt in seinem Blut messen könne. Ab einem gewissen Wert fahre er nicht mehr selber nach Hause, sondern rufe im Heim an, damit man ihn abholt. «Seit er diese Vereinbarung unterzeichnet hat, ist es nie mehr zu einem Zwischenfall gekommen». Früher habe man «zum Schutz» der Bewohner*innen diese fremdbestimmt, ihnen Dinge verboten oder sie anderweitig ohne Zustimmung eingeschränkt. Heute setze man im Wohnzentrum alles daran, die Mitarbeiter*innen für diese Thematik zu sensibilisieren. Es gibt umfassende betriebliche Schulungen zu verschiedenen Themen wie Sexualität und Behinderung, Nähe/Distanz und Respekt, aber auch externe Weiterbildungsangebote und Supervisionen. In der Betreuung sind es 49,9 Stellen, verteilt auf ungefähr 70 Personen, dazu kommen nochmals über 30 Personen im technischen Dienst, Küche, Administration und Aktivierung. «In Situationen, wo die Selbstbestimmtheit der einen Person andere Menschen einschränkt, müssen wir allerdings trotzdem eingreifen», meint Graul. Das kann der Fall sein, wenn jemand früh morgens laut Musik hören will, beim Essen andere grob stört oder sein Zimmer komplett zustellt. «Da gelten bei uns gesellschaftliche Gepflogenheiten und Hausregeln wie überall sonst auch».

    Gespannt darauf, was die Zukunft bringt

    Zurzeit findet das Pilotprojekt in Bern zum Thema Subjektfinanzierung starke Beachtung (Siehe Artikel Lebensformen). Für Institutionen bedeutet das, dass sie ihre Dienstleistungen besser vermarkten müssen, da die betroffenen Personen diese einzeln einkaufen. Die Subjektfinanzierung findet Zolliker grundsätzlich einen guten Ansatz: «Konkurrenz kann gute Entwicklungen mit sich bringen». Das Wohnzentrum Frankental geniesst einen guten Ruf und könnte sich wohl auch im Wettbewerb behaupten. Die neue Situation würde aber auch bedeuten, dass mehr Zeit und Geld in Werbung und Administration investiert werden müsste. Aus einem marktwirtschaftlichen Gedanken heraus müssten wohl auch die Austritte beschleunigt und die Aufenthalte zeitlich beschränkt werden. Ab 65 Jahren zahlt die IV nicht mehr, dann müsste man die Bewohner*innen in ein Alters- und Pflegeheim geben. Zolliker ist skeptisch, ob dies zielführend ist. Die Inklusionsvision findet er erstrebenswert, sofern immer das Individuum betrachtet werde. «Wenn sich jemand unter seinesgleichen und in einer Institution wie der unseren wohler fühlt, gilt es, das auch zu respektieren».