Autor: tka_admin

  • Ein Wipkinger beim «Höngger»

    Das Jahr 2020 hat sehr holprig begonnen und ist geprägt von weltweiten Krisen, Unsicherheit und negativen Schlagzeilen. Verheerende Buschbrände in Australien, eine gefährliche Konflikteskalation im Nahen Osten, ein neues Virus, das sich unheimlich schnell verbreitet und ganze Städte lahmlegt. Hinzu kommen Überbevölkerung, Hungersnöte, der Klimawandel und diverse andere Probleme, die bekämpft werden müssen. Man kann sagen, dass die aktuelle, globale Sorgenliste leider sehr lange und vielseitig ist.
    Bei all diesen globalen Themen und Schlagzeilen kommt ein sehr wichtiger Aspekt unseres täglichen Lebens manchmal etwas zu kurz: das Geschehen in unserer lokalen Umgebung.
    Denn auch wenn es wichtig ist, sich über die Dinge, die auf der Welt passieren auf dem Laufenden zu halten, sollte man nicht vergessen, den Fokus auch darauf zu richten, was vor der eigenen Haustüre im Quartier passiert. Auch Höngg ist in einem ständigen Wandel und es ist hier mehr los als man glaubt. Und das ist auch der Grund, warum ich ein Praktikum beim «Höngger» mache.
    Ich bin im Nachbarsquartier Wipkingen geboren und aufgewachsen. Zum «Höngger» bin ich gekommen, weil ich bereits seit einiger Zeit für den «Wipkinger» als Freelancer Artikel geschrieben habe und nun, nach dem Abschluss meines Bachelorstudiums in Politikwissenschaft und Geschichte, die Möglichkeit erhielt, hier ein Praktikum zu absolvieren. Es ist ein grosser Unterschied, ob man in Wipkingen oder Höngg aufgewachsen ist. Die «Quartier-Rivalität» hier im Kreis 10, die ich einerseits durch Freunde aus Höngg und andererseits vor allem durch den Fussball und die Rivalität zwischen dem SV Höngg und meinem SC Wipkingen kennengelernt habe, ist immer wieder spannend zu beobachten. Ich kenne keine Person in Höngg oder Wipkingen, die offen zugeben würde, dass das jeweilige Nachbarsquartier besser wäre. Und das ist auch gut so. Jedes Quartier hat seinen eigenen Charakter, Traditionen und Quartiersstolz.
    Ich freue mich nun, mein Nachbarsquartier von einer neuen Perspektive kennenzulernen und so mein Blickfeld auf den gesamten Kreis 10 zu erweitern. Die Schlagzeilen hier im «Höngger» werden vermutlich weniger Drama, Tod und Verheerung beinhalten als die der nationalen und internationalen Medien. Aber in der heutigen Zeit schadet es nicht, sich auch mit dem lokalen und vielseitigen Quartiersleben auseinanderzusetzen und ich bin sehr gespannt und voller Erwartung auf das kommende halbe Jahr.

    Béla Brenn, Praktikant beim «Höngger»

  • Kloklinkenputzer

    Kloklinkenputzer

    Nun ist er also weg, der Typ, der immer meine Kolumnen redigierte. Naja, sei’s drum, schlimmer als er kann seine Nachfolge meine Texte nicht behandeln (oder doch?). Aber etwas muss ich ihm doch noch nachrufen: Das mit den Türen, die sich einen Spalt weit öffnen, und durch die man nur hindurchzugehen braucht, wie er in seinem Abschiedstext schrieb, das hat mich sinnieren lassen.
    Wie war das in meinem Leben, das mit diesen «Türen»? Wenn ich in einem leeren, in weisses Licht getauchten Flur stand – man kennt diesen Flur, er endet dort, wo die Parallelen sich doch kreuzen und das Licht nur noch fahl ist – also wenn ich in so einem Vakuum stand und sich mir eine Tür leise auftat, dann war das meisten jene zum Klo. Oder die zu einer Küche, in der ich dann den Abwasch der letzten Fete von jemand anderem machen durfte. Gelegentlich war es auch die Besenkammer. Nein, nicht die von Boris. Aber hey, nie war es die Tür zum Partykeller! Oder zum Schlafzimmer, in dem eine nymphomanische Penélope oder ein schwuler Javier warteten. Oder gleich beide. Nein, bei mir war es die Klotüre. Und zwar eine hartnäckige. «Hä-hä, reingelegt, ich war wieder nur die Klinke zum Klo, ätsch-bätsch». Na und? Geh ich eben zur nächsten Tür. «Hallo, ich bin’s wieder, diesmal mit Closomat». Ach nein?! Aber wissen Sie was? Einmal kam mir das sogar gelegen, denn ich hatte gerade mächtig Scheisse gebaut in meinem Leben. Aber das ist ’ne andere Geschichte. Meistens jedenfalls hätte ich mir eine andere Tür als jene zum Klo gewünscht. Macht mein Ex-Redaktor wahrscheinlich auch gerade. Das Problem ist: Hat man die Türe, irgendeine, erstmal aufgestossen, ist reingegangen und hat den Lichtschalter gedrückt, dann kommt man nicht einfach so wieder raus. Also ungefähr auf dem dreiundzwanzigsten Klo habe ich mich dann tatsächlich ohne jedes Bedürfnis hingesetzt und mir überlegt, was es mir wohl sagen will, dieses Klo, dass es ausgerechnet mir immer wieder die Türe öffnet. Als der Handyakku leer war und es sich noch immer wie Verstopfung anfühlte, begann ich zaghaft, entsprechend zu handeln. Sie wissen schon: Luft anhalten, Kopf rot einfärben, Luft ablassen, entspannen – und das Ganze von vorn. Und tatsächlich, irgendwann kam die grosse Erleichterung, also eine Erkenntnis, über mich. Hätte die Voyeur-Cam in diesem Moment auf mein Gesicht gezoomt, der Ausdruck wäre oscarreif. Wenn das Wort «Ausdruck» nach der ganzen Aktion überhaupt angebracht ist, naja, so quasi am falschen Ende des Körpers. Jedenfalls, und das wollte ich eigentlich meinem Ex-Redaktor sagen: Hey, Mann, auch wenn sich dir eine Klotüre öffnet, geh durch! Es wird, auf dem Grund der Schüssel, schon einen Grund haben. Auch wenn du ihn nicht erahnen kannst, weil darüber – wenn du wenigstens etwas Glück hast – noch zu viel WC-Enten-Blau schwimmt. Man braucht ihn nur auszusitzen, den Grund, sozusagen. Ich hoffe, du verstehst meine Metapher. Ach ja, und noch was: Lausch doch bitte zuerst an der Tür. Falls du dahinter Penélope und Javier hörst: Hände weg von dieser Klinke, das ist meine nächste Tür, geh sonst wo putzen!

    In diesem Sinne grüsst zum Abschied vom Ende des Korridors,
    dein Frank Frei

  • Vom Medikament zum Sondermüll

    Vom Medikament zum Sondermüll

    Ja, warum haben Medikamente eigentlich ein Ablaufdatum? «Super Frage», lacht Apotheker Moritz Jüttner in der Limmat Apotheke. Die Antwort enthält ähnlich viele Facetten wie ein Multivitaminpräparat Vitamine. Zum einen können sich Arzneiwirkstoffe ganz einfach mit der Zeit zersetzen. Dies kann durch Faktoren wie falsche Lagerung, wenn zum Beispiel Packungen UV-Strahlen oder Hitze ausgesetzt werden, noch beschleunigt werden. Swissmedic, die Schweizerische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte, machte deshalb 2001 zur Auflage, dass auf jeder Packung ein Verfalldatum angegeben werden muss. Und der Hersteller muss mittels Stabilitätsstudien nachweisen, dass der Wirkstoffgehalt innerhalb des Verfalldatums immer zwischen 90 und 110 Prozent des angegebenen Wertes beträgt. Bereits bei der Neuzulassung von Medikamenten müssen solche Studien eingereicht werden. Durchgeführt werden sie von der Pharmaindustrie selbst. Aber es gibt auch immer wieder unabhängige Studien. Zum Beispiel eine amerikanische aus dem Jahr 1986, welche Medikamente in Armeebeständen untersuchte. Und die zeigte Erstaunliches: Von den 122 geprüften Medikamenten waren 88 Prozent auch mehr als fünfeinhalb Jahre über das angegebene Verfalldatum hinaus noch immer genügend wirksam. Und eine weitere Studie wies bei 80 Prozent der Medikamente, die offiziell ihr Verfalldatum gar bis zu 40 Jahre überschritten hatten, noch immer eine genügende Wirkung nach.
    Doch aus solchen Studien zu schliessen, dass die Verfalldaten eher zu kurz angegeben werden, wäre heikel. Eine Diskussion darüber wird denn auch nicht geführt, zumindest öffentlich nicht. Ausser zum Beispiel damals im 2005, als die Schweiz angesichts der drohenden Vogelgrippe-Pandemie ein immenses Lager des teuren, vermeintlichen Wundermittels «Tamiflu» einkaufte, das dann letztlich nicht gebraucht wurde und entsorgt werden musste.

    Doch auch auf der Stufe der Endverbraucher*innen werden Verfalldaten nicht wirklich hinterfragt und so landen hierzulande jährlich Medikamente für 500 Millionen im Abfall. Nicht nur wegen abgelaufener Verfalldaten, sondern auch, weil sie zwar gekauft, aber schlicht nicht eingenommen wurden. Wie das? Man bekommt zum Beispiel ein Blutdruckmedikament verschrieben, bezieht eine Packung – oft auch gleich eine Monatsration – beginnt mit der Einnahme und dann wird festgestellt, dass es nicht wirkt oder nicht vertragen wird. Das Medikament wird gewechselt und der «Rest» des alten Medikamentes muss entsorgt werden. Oder jemand hat Magenbrennen, kauft sich selbst die Tabletten – die kleinste Packung enthält 30 Stück –, zwei werden gebraucht, der Rest landet im Medikamentenschrank zu Hause und wird eines Tages entsorgt.

    Generell werden eher zu grosse Packungen abgegeben, denn die Pharmaindustrie produziert nur Packungsgrössen, welche für sie rentabel sind. Und sie hinkt damit manchmal auch den neusten Erkenntnissen hintennach: Wie bei den Antibiotika, bei denen die Einnahmedauer nach unten korrigiert wurde, weil man erkannte, dass es gar nicht nötig ist, sie länger einzunehmen. Die Packungen indes blieben gleich gross, der Abfall ist vorprogrammiert.

    Warum angebrochene Packungen Abfall sind

    Apotheken dürfen angebrochene Packungen nicht zurücknehmen, denn das Gesetz verbietet den Verkauf von Medikamenten, die nicht aus einer kontrollierten Lager- und Transportkette kommen. Von den Produktionshallen der chemischen Industrie über jedes Fahrzeug der Transportkette bis zu den Räumlichkeiten der Apotheke gelten strikte Temperatur und Luftfeuchtigkeitsvorschriften, rund um die Uhr müssen 18 bis 25 Grad eingehalten werden, denn die meisten Medikamente sind wärmeempfindlich. In Privathaushaltungen jedoch werden Medikamente oft falsch gelagert. Auf dem Fenstersims über der Heizung, im Spiegelschrank im Badezimmer oder in den Ferien im Auto an der prallen Sonne. «Durch Wärme kann sich der Wirkstoff rasch zersetzen und die Wirksamkeit wird reduziert», erklärt Jüttner. Auch die galenische Form kann durch falsche Lagerung Schaden nehmen, so können Zäpfchen zum Beispiel schmelzen, Pastillen bei Feuchtigkeit verklumpen oder die Emulsion einer Salbe zerfallen. Doch toxisch, also giftig, werden die meisten Medikamente durch den Alterungsprozess nicht, sie verlieren aber an Wirksamkeit. Beispielsweise Aspirin, das zerfällt in Essigsäure und Salicylsäure: riecht ein Aspirin also nach Essig, sollte man es nicht mehr schlucken.
    Wegen dieser Sicherheitsbedenken verbietet das Gesetz die Rücknahme und Weitergabe bereits verkaufter Medikamente. Selbst wenn man sie – wie immer wieder als Idee gehört – Hilfsbedürftigen im Ausland schenken würde, wäre dies fahrlässig. Überdies sind Medikamente in potenziellen Zielländern oft unter einem anderen Namen bekannt und die hiesigen Packungsbeilagen wegen der Sprache nutzlos. Das Beispiel des Tsunami in Thailand 2004 zeigt das Problem exemplarisch. Die NGO «Apotheker ohne Grenzen» untersuchte, wie viele der notfallmässig gespendeten Medikamente überhaupt noch brauchbar waren: 25 Prozent waren abgelaufen, 600 Tonnen mussten entsorgt werden, was Kosten von über 2,5 Millionen Euro verursachte. Man hätte dieses Geld also besser direkt in neue Medikamente investiert.

    Bedeutet «abgelaufen» automatisch «wegschmeissen»?

    «Sicherheitshalber ja, denn weder ich noch die Pharmaindustrie können sich darauf verlassen, dass abgelaufene Medikamente noch wirken», so Jüttner. Natürlich könne man denken, dass man beispielsweise eine Salbe oder ein Medikament auch über das Datum hinaus anwenden kann, vielleicht wirkt es dann einfach nicht oder höchstens durch einen Placebo-Effekt. Im schlimmsten Fall kann es jedoch schädlich sein: «Falls eine Salbe gegen Rückenschmerzen nicht hilft, ist das nicht so schlimm, wie wenn ein Antibiotikum gegen eine potenziell tödliche Infektion nicht wirkt», formuliert es Jüttner. Deshalb sollte man sich unbedingt in der Apotheke oder beim Arzt rückversichern.

    Medikamente sind immer Sonderabfall

    Medikamente sind Sonderabfall, sie dürfen keinesfalls im normalen Haushaltsabfall oder über die Kanalisation entsorgt werden. Der Grund ist einfach: «Im Kehrichtsack» bedeutet noch nicht, dass sie auch sicher in der Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) eintreffen. Was, wenn ein Tier den bereitgestellten Sack aufreisst? Und in die Kanalisation gehören Medikamente nicht, weil sie selbst von unseren Hochleistungsklärwerken nicht restlos herausgefiltert werden können, was nicht nur für die Umwelt, sondern im Endeffekt auch für den Menschen zum Problem wird: Dann, wenn über das Trinkwasser beispielsweise Reststoffe von Hormonen oder Schwermetallen eingenommen werden oder weil sich in Organismen, die mit Antibiotika im Abwasser in Kontakt kamen, resistente Bakterienstämme bildeten und damit das Medikament selbst unwirksam machen. Unter Fachleuten sind Antibiotika-Resistenzen nicht nur ein Horrorszenarium, sondern bereits beängstigender Alltag.
    Korrekt entsorgt heisst: In den Apotheken oder Drogerien zurück- oder bei den Sonderabfallsammelstellen von Entsorgung und Recycling Zürich (erz) abgeben. 2018 sammelte allein die Limmat Apotheke 220 Kilo. Die im Untergeschoss sicher gelagerten Abfälle werden von der auf Sonderabfallentsorgung spezialisierten Firma EcoServe International AG abgeholt – zusammen mit den anderen 37 Tonnen im ganzen Kanton Zürich allein von dieser Firma eingesammelten Medikamenten. EcoServe ist indes nur ein Entsorgungsdienstleister, der eine abfall- und gefahrgutrechtliche Triage vornimmt und alles gesetzeskonform zu einem bewilligten Entsorgungsbetrieb transportiert. Im Kanton Zürich ist dies die Sonderabfallsammelstelle der KVA Hagenholz, wo die Medikamente endgültig verbrannt, oder wie es erz-gerecht heisst, «thermisch verwertet» werden.

    Im Kanton Zürich sind Apotheken und Drogerien verpflichtet, alle Medikamente aus Privathaushalten zurückzunehmen und korrekt zu entsorgen. Auch die Kehrichtverbrennungsanlage Hagenholz nimmt alle Sonderabfälle entgegen. Die nächste Sonderabfallsammlung des erz direkt in Höngg, an der Limmattalstrasse 227 beim Zwielplatz, ist erst wieder am Freitag, 4. September 2020.

    Diese Serie wird finanziell, ohne redaktionell eingeschränkt zu sein, durch die vier Höngger Rotpunkt Apotheken und Drogerien unterstützt. Alle Artikel online unter www.hoengger.ch/archiv/dossiers/ «Apotheken»

  • «Leben im Rütihof» zum Zweiten

    «Leben im Rütihof» zum Zweiten

    Die Entwicklung, Planung und Erstellung der Wohnsiedlungen anhand des Quartierplans stellen die eine Seite der Geschichte des Rütihofs dar, die andere Seite sind jedoch die hier wohnenden Menschen, die das Leben im Quartier schliesslich ausmachen und gestalten. Die Mischung der Menschen, die im Rütihof zu Hause sind, ist bunt und vielfältig, und viele der Bewohner*innen engagieren sich auf ganz unterschiedliche Weisen für ihre Nachbarschaft. Deswegen hat der «Höngger» diese Woche noch einmal die Gelegenheit genutzt, ein wenig hinter die Fassaden der Wohnblöcke zu schauen und sich mit weiteren sechs Bewohner*innen des Quartiers zu unterhalten.

    Ein Quartier mit Qualitäten

    Renate Tran ist eine dieser sechs Bewohner*innen. Sie kann bereits auf eine lange Zeit im Rütihof zurückblicken. Mit ihrem Mann Ngoc und den ältesten beiden Söhnen, damals vier- und zweijährig, ist sie 1997 hier eingezogen. In den folgenden Jahren kamen eine Tochter und zwei weitere Söhne hinzu, die die Familie komplettierten. In den Rütihof sind sie mehr zufällig gelangt: weil Ngoc auf einen Rollstuhl angewiesen ist, waren sie auf der Suche nach einer rollstuhlgängigen Wohnung; da war in Zürich zumindest damals die Auswahl nicht so gross. Die Familie fühlt sich im Rütihof sehr wohl, wie Renate erklärt: «Es ist schön, hier zu wohnen und in der Nachbarschaft gute Freunde zu haben. Sowohl wir als auch unsere Kinder haben im Quartier sehr gute Sozialkontakte. Selbst diejenigen der Kinder, die bereits von zu Hause ausgezogen sind, kommen nach wie vor gerne zurück, nicht nur, um uns zu besuchen, sondern auch, um sich mit Freund*innen zu treffen.»

    Vielseitiges Engagement

    Dass es sich im Rütihof gut lebt und die Nachbarschaft funktioniert, dazu trägt sie selbst mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz einiges bei: Sie engagiert sich nicht nur seit mehr als zehn Jahren in der Kulturgruppe ihrer Baugenossenschaft, die mehrmals pro Jahr Anlässe für die Nachbarschaft organisiert, sondern betreut auch einmal wöchentlich einen Mittagstisch des Frauenvereins für Schüler*innen im Quartier und ist aktives Mitglied bei KISS (heute «Zeitgut»), der Nachbarschaftshilfe. Ein Herzensanliegen ist ihr zudem die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg, die sie nicht nur selbst mit ihrer Familie praktiziert, sondern auch in Kursen der Quartierbevölkerung näherzubringen versucht. Und seit dem «Transition-Workshop», der dieses Jahr mit verschiedenen Akteuren aus Höngg, die ein Interesse an der nachhaltigen Entwicklung ihres Stadtteils haben, durchgeführt wurde, hat sie noch ein neues Projekt: «Ich würde gerne hier im Quartier einen Stammtisch etablieren, an dem man sich über Nachhaltigkeit und sozial- und umweltverträgliches Verhalten im Alltag austauschen sowie sich gegenseitig unterstützen kann», erklärt Renate. Im kommenden Jahr, so hofft sie, kann sie dieses Vorhaben zusammen mit anderen Interessierten im Rütihof realisieren.

    Nach Höngg an die Sonne

    Auch Ursina Zanelli und Roman Schweizer Zanelli setzen sich für den Rütihof ein. Sie leben mit ihren beiden Töchtern in einer Wohnung der ASIG-Wohngenossenschaft, noch nicht ganz so lange wie Familie Tran, aber auch bereits seit neun Jahren. Aufgewachsen sind beide im Kanton Schaffhausen, arbeitshalber führte ihr Weg nach Zürich. Höngg haben sie als Wohnort gewählt, weil «meine Schwester meinte, dass hier immer die Sonne scheint», erinnert sich Ursina schmunzelnd, in den Rütihof sind sie wegen der preiswerten Genossenschaftswohnungen und der Kinderfreundlichkeit des Quartiers gekommen. Die Familie ist im Rütihof sehr zufrieden, lediglich die Infrastruktur liesse sich noch verbessern, wie Ursina erklärt: «Der Rütihof ist zwar so gross wie ein richtiges Dorf, aber als Satellitensiedlung fehlt ihm einiges an Infrastruktur. Ich hätte gerne mehr Läden im Quartier.» Auch einen Dorfplatz wünschten sich die beiden für den Rütihof, einen Treffpunkt, wo man sich begegnen und austauschen kann. «Zudem», so ergänzt Roman, «ist das Angebot für die Jugendlichen begrenzt. Für Kleinkinder und Kinder im Primarschulalter ist das Angebot im Rütihof sehr gross, doch Jugendlichen wird nicht mehr so viel geboten.»

    Sozialkontakte schaffen als politisches Engagement

    Die beiden arbeiten bewusst jeweils nur 60 Prozent in ihren Jobs, einerseits, um viel Zeit mit den Kindern verbringen zu können, andererseits aber auch, um sich für ihr Quartier engagieren zu können – jetzt, da die Kinder ein wenig grösser sind. Ursina ist Mitglied im «Forum», eine Gruppe von Genossenschaftsmitgliedern der ASIG, die für ihre Siedlung Anlässe organisiert. «Für mich ist die Arbeit in der Genossenschaft eine Form von politischem Engagement. Mein Grundanliegen hierbei ist die Schaffung von Sozialkontakten, die Vernetzung unter den Nachbarn. Ich halte das für sehr wichtig für das Zusammenleben in einem Quartier.» Gemeinsam mit dem Forum hat sie einen Siedlungsgarten ins Leben gerufen, in dem aus Europaletten einzelne Beete erstellt werden, die gemietet und bepflanzt werden können – ein wachsendes Projekt. Roman ist ebenfalls aktiv im Quartier: unter anderem hilft er einem Nachbarn bei der Weihnachtsbeleuchtung vor dem Haus. Jedes Jahr wird diese ein wenig bunter und grösser – schon von der Bushaltestelle aus sticht der leuchtende Vorgarten allen Ankömmlingen im Rütihof ins Auge. Auch das hat verbindenden Charakter für die Siedlung.

    Hohe Lebensqualität

    Eine weitere Form des Engagements fürs Quartier leistet Nathalie Tassonis. Sie lebt mit ihrem Mann und den zwei Töchtern seit elf Jahren in der ABZ-Genossenschaft. Auch Nathalie und ihre Familie sind in den Rütihof gekommen, weil hier genügend grosse Wohnungen zur Verfügung standen. Das viele Grün im Quartier gefällt ihr sehr gut, die Spielplätze, der Bauspielplatz, das alles sei sehr wichtig für junge Familien und bedeute eine hohe Lebensqualität, erklärt sie. Für Jugendliche hingegen, da teilt sie die Meinung der Zanellis, sei die Infrastruktur im Quartier etwas dürftig. Dennoch gebe es im Rütihof wenig Probleme, das bewege sich alles im üblichen Rahmen, wie sie auch in anderen Quartieren vorkommen.

    Schule und Elternhaus verbinden

    Nathalie engagiert sich nun bereits im dritten Jahr als Elternvertreterin im Elternrat der Schule Rütihof, seit zwei Jahren ist sie Mitglied des Vorstands: «Ich halte es für wichtig und spannend, sich in dem Schulhaus unserer Kinder einzubringen. Für mich bietet dieses Engagement eine gute Möglichkeit, einen Einblick in den Schulalltag zu gewinnen, sich mit den anderen Eltern zu vernetzen und als Bindeglied zwischen Quartier und Schule zu fungieren.» Der Elternrat organisiert verschiedene Anlässe wie Schulhausfeste oder Referate zur Elternbildung und unterstützt die Schule etwa am Besuchsmorgen. Nicht immer ist es ganz einfach, Eltern für die Mitarbeit im Elternrat zu gewinnen, da geht es dem Rat nicht besser als anderen Vereinen. Doch momentan, freut sich Nathalie, «sind sehr viel engagierte und interessierte Leute dabei. Unsere Arbeit funktioniert natürlich viel besser, wenn alle etwas dazu beitragen – da können tolle Dinge entstehen.»

    Leben in der Traumwohnung…

    Im Haus direkt gegenüber von den Tassonis wohnt Familie Sheikhzadegan Hamidi. Gemeinsam mit ihrer 15-jährigen Tochter lebt das Ehepaar ebenfalls in einer Genossenschaftswohnung der ABZ. Kennengelernt haben sich die beiden in einem Studentenwohnheim und sind nun bereits seit 17 Jahren im Rütihof zu Hause. Auch sie sagen, dass sie die Wohnlage sehr schätzen, die Nähe zur Natur, die günstige Wohnung, die multikulturelle Nachbarschaft, die kinderfreundliche Umgebung. Der Rütihof, so Farideh Sheikhzadegan, «ist ein Teil von mir geworden.»

    …mit ein paar Schattenseiten

    Allerdings, so erzählen die beiden im Gespräch, hat das Leben für sie hier auch Schattenseiten. «Es gibt etwas, das mich sehr beschäftigt», gesteht Farideh. «Seit einigen Jahren», erläutert sie, «seit der Halloween-Brauch auch hier im Quartier Einzug gehalten hat, werden wir jedes Jahr mit Eierwürfen in unser Fenster attackiert. Letztes Jahr waren es besonders viele Eier, die an unserer Fensterscheibe gelandet sind.» Wer die Eierwerfer sind, wissen die beiden nicht genau, doch es handelt sich wohl um Jugendliche aus dem Quartier. «Was mich besonders verunsichert, so Farideh weiter, «ist die Tatsache, dass es eigentlich nur uns trifft. Unsere Nachbarn sind davon nicht betroffen. Aber was haben die Kinder gegen uns?» Die beiden haben versucht, das Ganze zu ignorieren, es als Lausbubenstreich abzutun, doch das Ausmass geht darüber hinaus, was sie ertragen können. «Es passiert eben nicht nur an Halloween, sondern auch im Winter – da sind es dann Schneebälle – oder im Sommer, da werden Wasserballons oder Getränkedosen geworfen. Für mich als Kriegskind aus dem Iran ist das schlimm, jedes Mal kommen Erinnerungen an den Krieg hoch, wenn etwas Derartiges in die Wohnung geworfen wird», führt sie aus. Von der Genossenschaft fühlen sie sich ein wenig im Stich gelassen, auch die Reinigung der Fassade müssen sie meist selbst übernehmen. Die beiden sind ratlos – und haben gar schon über einen Wegzug nachgedacht, zumindest in eine etwas weniger exponierte Wohnung, zur Not aber auch in ein anderes Quartier. Doch angesichts all des sozialen Engagements im Rütihof bleibt zu hoffen, dass sich das Problem doch noch lösen lässt.

  • Schulraumplanung Rütihof: Gut, aber der Druck steigt

    Schulraumplanung Rütihof: Gut, aber der Druck steigt

    Im Herbst 1995 wurde das Schulhaus Rütihof eingeweiht. Es war so besonders, dass die renommierte Zeitschrift für Architektur und Design «Hochparterre» sogar einen Artikel über das «Schulhaus mit Park und Kunst» publizierte. Fast poetisch schrieb der Autor 1996: «Dieser Hof ist anders als andere Schulhöfe. Er ist gleichsam Natur geblieben, wegloser Wiesenhang wie zuvor. Alte Bäume haben hier überlebt, und ein Park breitet sich vor den Fenstern der Klassenzimmer aus. Die Klassen und alle Räume von Hort, Kindergarten und Quartierzentrum sind auf diesen Park orientiert».

    Heute beherbergt die Schule Rütihof zwölf Klassen und einen Kindergarten. Im Gegensatz zu anderen Schulen ist die Kapazität noch nicht ausgeschöpft. Das kommt daher, dass in Erwartung der Ringlingüberbauung vorausschauend ein Züri-Modular-Pavillon mit sechs Zimmern aufgestellt wurde. Was nun allerdings auch im Rütihof spürbar wird, ist der Druck auf das Schulhaus Riedhof-Pünten. Dieses ist bereits jetzt voll belegt und muss im kommenden Schuljahr noch zusätzliche Klassen aufnehmen, dafür müssen ab dem Schuljahr 2021/22 im Quartier zwei Pavillons aufgestellt werden. Die Stadt will das Quartier im Frühling über die Standorte informieren. Ursprünglich war eine Erweiterung des Schulhauses Riedhof vorgesehen gewesen, denn bis 2040 wird mit 12 bis 18 zusätzlichen Klassen gerechnet, die an diesem Standort Platz finden müssen. Oberhalb des denkmalgeschützten Gebäudes wäre Platz für einen Neubau vorhanden. Stadtintern wird jedoch noch über die optimale Nutzung der Fläche beraten. Der Bau eines neuen Schulhauses dauert jeweils rund zehn Jahre. Um das Schulhaus Riedhof-Pünten zu entlasten, wurde dessen Einzugsgebiet verändert und die Konrad-Ilg-Strasse seit dem Schuljahr 19/20 dem Schulhaus Rütihof zugeteilt. An der Endhaltestelle des 13er-Trams, in der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Höngg, existierten bereits zwei Kindergärten. Mit dem Neubau der Gewobag an der Konrad-Ilg-Strasse kamen viele Kinder im selben Alterssegment ins Quartier, was im Sommer die Eröffnung zwei weiterer Kindergärten in der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Höngg nötig machte. Alle diese Kinder werden später auch dem Schulhaus Rütihof zugeteilt werden.

    Mit den Neubauten an der Hurdäckerstrasse – das Schul- und Sportdepartement rechnet mit 40 Kindern in allen Altersstufen – und irgendwann in ferner Zukunft mit dem Neubau auf dem Grünwaldareal, wird die Schule Rütihof ihre Kapazitätsgrenze erreichen. Bei den Kindergärten ist man zurzeit gut aufgestellt, zumal zwei neue Standorte an der Hurdäckerstrasse geplant sind. Ein Problem darstellen könnten jedoch die nötigen Betreuungsräume, so ist man bei der Stadt auf der Suche nach möglichen Räumlichkeiten für die Mittagsbetreuung.

    Die Schulraumplanung ist in der ganzen Stadt ein Thema. Der Schulkreis Waidberg geriet dabei etwas aus dem Fokus, da er als «fertig gebaut» galt und an anderen Orten wie Glatttal oder Uto grosse Neubauten «auf der grünen Wiese» realisiert wurden, die dringenderen Handlungsbedarf erforderten. Mit der Verdichtung, dem Abbruch von Einfamilien-, und Neubau von Mehrfamilienhäusern und einem entsprechenden Anstieg der Kinderzahlen hatte man nicht in diesem Ausmass gerechnet. Das wird sicherlich auch in Zukunft in Höngg und Wipkingen zu reden geben.

    Bereits zu diesem Fokus-Thema erschienen:
    Rütihof: Vom Weiler zum Satelliten-Quartier, 21. November
    Rütihof – Erinnerungen an einen Bauernweiler, 21. November
    Zwei Quartierpläne, die alles umpflügten, 5. Dezember
    Eine endlose Geschichte, 5. Dezember
    Leben im Rütihof, Teil 1, 5. Dezember

  • Zwei Quartierpläne, die alles umpflügten

    Zwei Quartierpläne, die alles umpflügten

    Mit der Bau- und Zonenordnung (BZO) der Stadt Zürich 1963 war der Rütihof der Bauzone zugewiesen worden. Doch lange bevor die kommenden Bauvorhaben durch Quartierpläne reguliert wurden, warf der Strassenbau Schatten voraus.
    Bereits 1964 wurde der Ausbau der Frankentalerstrasse «zur Entlastung des Meierhofplatzes» beschlossen. Diese Umfahrung wurde von den Politikern zwar gelobt, die Bevölkerung blickte jedoch eher skeptisch auf die «gewundene Rennbahn», und bezweifelte eine Entlastung des Zentrums, wie zahlreiche Leserbriefe und Beiträge im «Höngger» jener Zeit belegen. Dennoch wurde das Projekt am 14. September 1969 an der Urne angenommen. Schon 1968 hatte die Stadt die Öffentlichkeit erstmals über die geplante «Überbauung Rütihof» informiert, wie der «Höngger» am 29. November berichtete. Im selben Jahr war der Grundeigentümerverein Rütihof mit dem Zweck gegründet worden, ebendiese Überbauung vorzubereiten. «Die Mitglieder dieser Gruppe verfügen an Land für eine Überbauung, die im Endausbau als Stadt von 10’000 Personen dastehen wird», schrieb der ungenannte Autor des «Hönggers». Und weiter: «Wir möchten (…) betonen, dass eine Überbauung von dieser für schweizerische Verhältnisse einmaligen Grösse, (…) verpflichtet». Man hoffe, dass es dem Verein gelinge, eine Musterstadt zu verwirklichen, die den gewohnten Rahmen in jeder Beziehung sprenge.
    Wahrscheinlich als erster von der neuen Bauzone profitierte Schreiner Josef Berchtold, der im Osten den väterlichen Betrieb vergrössern wollte und zu diesem Zweck im Osten «in der Giblen», im Spickel Regensdorfer- und damals Rütihofstrasse, seine Schreinerei erstellte.
    Da die neue Umfahrung, die Frankentalstrasse, die am 20. Dezember 1972, nach etwas mehr als zwei Jahren Bauarbeiten, eröffnet wurde, die Rütihofstrasse zerschnitt, wurde diese auf jener Seite der Frankentalerstrasse, auf der Berchtold sein Geschäft führte, in Naglerwiesenstrasse. Im selben Jahr eröffnete auch die Jugendsiedlung «Heizenholz» an der Regendorferstrasse. In den kommenden Jahren fokussierte die Berichterstattung im «Höngger» in erster Linie auf die Ereignisse im Quartierzentrum Höngg, doch im Hintergrund wurde auf privater Basis am Quartierplan Rütihof Nr. 458 weitergearbeitet. Die Stadt als Eigentümerin sowie wie vier Grundeigentümer als Vertretung der rund 20 Grundeigentümer*innen bildeten einen Ausschuss. Dass die Stadt im Rütihof überhaupt Land besitzt, hat sie der Migros zu verdanken. Diese wollte damals in der Herdern, an der Pfingstweidstrasse, wo heute das Migros-Hochhaus mit der Verteilzentrale steht, bauen. Das Grundstück gehörte aber der Stadt und die verlangte im Tausch ein dreimal so grosses Grundstück «ausserhalb» der Stadt. Die Migros kaufte darauf im Rütihof den «Hof Hubacher» und von August Geering 2,5 Hektaren Land, auf denen später ein Teil des Projekts Ringling geplant wurde und trat das Land im Tausch an die Stadt ab.

    Tabula rasa und neue Strassen

    Das ganze Gebiet im Rütihof lag damals bereits gemäss geltendem Zonenplan innerhalb der Bauzone, und in vielen, zum Teil tagelangen Sitzungen, wie sich Rütihof-Urgestein Ernst Geering erinnert, wurde alles Land auf- und in neuen Parzellen zugeteilt, so dass am Ende im Wesentlichen alle wieder gleich viel Land haben würden wie zuvor. Doch es war eine regelrechte Tabula rasa, wie sich auch Architekt Beat Kämpfen erinnert, dessen Vater sich damals stark gegen die geplante Überbauung engagierte, denn mitunter sollte ja jedes neue Grundstück direkt an einer Strasse zu liegen kommen und so mussten Grundstücke zum Teil gedreht werden, damit dies gewährleistet war. Auch die Strassen wurden in diesen Sitzungen geplant und die Zuteilung der Bruttogeschossflächen der neuen Grundstücke bestimmt, somit wussten alle Beteiligten, wie viel sie dereinst bauen dürften.
    Zur Erschliessung des Gebiets war ursprünglich ein Ringstrassensystem vorgesehen, so dass die Geeringstrasse den Rütihof bis zur Rütihofstrasse durchschnitten hätte. Dagegen wehrten sich einige Rütihöfler vehement. Die Planer lenkten ein und man einigte sich auf ein sogenanntes Stichstrassensystem: Die Rütihofstrasse, die Geeringstrasse und die Strasse Im oberen Boden wurden zu Sackgassen mit Wendeplätzen.

    Der «Quartierplan Nr. 458, Rütihof»

    Als der Quartierplan Nr. 458 unterschriftsbereit war, weigerten sich zwei kleine Landbesitzer, diesen zu unterzeichnen, weshalb er öffentlich ausgeschrieben und danach im Grundbuch eingetragen wurde, inklusive der Landzuteilung nach BGF Bruttogeschossfläche, wie viel gebaut werden darf. Nach diesem Schlüssel wurden auch die Kosten für die Erschliessung aufgeteilt. Im Juni 1975 setzte der Stadtrat von Zürich per Beschluss den amtlichen Quartierplan «Nr. 458, Rütihof» fest, publizierte ihn im Juli 1975 und stellte ihn den betroffenen Grundeigentümern zu. Es gingen keine Rekurse ein, worauf der Stadtrat im Februar 1976 den Kanton ersuchte, den Beschluss zum Quartierplan «Nr. 458, Rütihof» zu genehmigen, was dieser per Regierungsratsbeschluss vom 21. April 1976 auch tat.
    Die Strassen und Werkleitungen waren es, die dann als erstes zwischen 1980 und 1983 gebaut wurden. Bezahlen dafür mussten wie üblich die anliegenden Grundeigentümer*innen. Da der Quartierplan – in Abweichung von der üblichen Praxis – nicht auf einer wert- oder flächengleichen Neuzuteilung, sondern auf der Zuteilung von Bruttogeschossflächen basierte, wurde auch dieser Wert genommen, um zu berechnen, wie viel jeder und jede prozentual beizutragen hatte. Komplett unabhängig davon, ob ein Grundstück im Einzelfall überbaut oder weiter als Landwirtschaftsland genutzt werden sollte, die Erschliessung musste so oder so – wie bis heute üblich – finanziert werden.
    Ernst Geering erinnert sich: «11,5 Millionen war der Kostenvoranschlag und elf Millionen hat der Bau der Rütihof-, der Geeringstrasse, des Stelzenackers und Im oberer Boden bis zum Kehrplatz in drei Etappen schlussendlich gekostet. Wir hatten in der Endabrechnung noch 1500 Franken übrig, es wurde gut gearbeitet». Doch die damalige Kostenaufteilung hat Folgen bis heute, mehr dazu in der Infobox.

    Der «Quartierplan Nr. 485, Hurdäcker»

    Der damals festgesetzte Quartierplan Nr. 458 Rütihof überlagerte teilweise das Gebiet Hurdäcker, den bis heute erhaltenen alten Dorfkern des Rütihofs.  Der Quartierplan Nr. 485, Hurdäcker, ist eine Ergänzung des Quartierplans Nr. 458, bei dem ein grösserer Landbesitzer seinerzeit nicht mitmachen wollte. Im Oktober 2001 leitete der Stadtrat auf dessen Antrag das Quartierplanverfahren für das gemäss Bau- und Zonenordnung der zweigeschossigen Wohnzone (W2) zugeordnete Gebiet ein. «Rund 110 zusätzliche Wohnungen könnten hier entstehen», hielt das Amt für Städtebau dann 2006 im Entwicklungsleitbild «Bauen im Dorfkern Hurdäcker» fest. Und weiter: «Für eine solche Entwicklung ist die Hurdäckerstrasse heute verkehrs- und infrastrukturtechnisch nicht genügend erschlossen». Stadt und Grundeigentümer*innen hielten in einem Leitbild fest, «dass der alte Weiler für das gesamte Quartier Rütihof erhaltenswürdig und wertvoll» sei und dass zukünftige Bebauungen Rücksicht auf den historischen Kern und den wertvollen Landschaftsraum nehmen sollen.
    Am 14. Mai 2008 wurde der Quartierplan vom Stadtrat per Beschluss erstmals festgesetzt, doch einzelne Grundeigentümer*innen fochten ihn an. Zuerst vor dem Baurekursgericht und danach vor dem Verwaltungsgericht. Dieses schützte den Plan der Stadt in vielen Punkten, gab den Rekurrenten aber in zweien recht. Der Quartierplan wurde überarbeitet und den Beteiligten erneut vorgestellt. «Begehren um zusätzliche Korrekturen der Quartierplanunterlagen erfolgten keine», hält das stadträtliche Protokoll vom 14. Dezember 2011 fest, welches den Quartierplan Nr. 485 Hurdäcker festsetzt. Die Baudirektion des Kantons Zürich genehmigte ihn per Verfügung am 14. Juni 2012 ebenfalls und der Quartierplan wurde im Grundbuch eingetragen. Im Januar 2018 erfolgte schlussendlich die Bauplangenehmigung für die Erschliessung der Grundstücke beziehungsweise die Sanierung und der Ausbau der vorhandenen Strassen und Infrastrukturen, die derzeit im Gang ist.

    Private zahlen am meisten

    In einem Protokoll des Stadtrates vom Januar dieses Jahres ist festgehalten, dass für die Umsetzung des Quartierplans mit Gesamtkosten von rund 6,264 Millionen Franken gerechnet werden muss. Der Betrag wird zwischen den am Quartierplan beteiligten Grundeigentümer*innen und den beteiligten Stadtwerken aufgeteilt: Die Privaten tragen mehr als die Hälfte der Kosten, 3’619 Millionen Franken, für Strassenbau, neue Wasserleitungen und für die Sanierung der bestehenden Kanal- und Werkleitungen. Das ist ein stolzer Betrag, der kaum jemand einfach «in der Portokasse» liegen hat. Kommt hinzu, dass das Land, da nun erschlossen, im Vermögensteil der Steuererklärung mit einem viel höheren Wert berechnet wird. Beides zusammen führt dazu, dass einige Grünflächen überbaut werden – es dürfte fast von einem «müssen» geschrieben werden. So drückt es auch Architekt Beat Kämpfen, einer der Grundeigentümer, aus: «Da bleibt nur Bauen oder Verkaufen, doch das ist grundsätzlich auch richtig, denn man soll Bauzonen überbauen, um die Freihaltezonen zu schützen, das ist der Sinn eines Zonenplans». Geplant sind denn auch, gemäss Website der IG Pro Rütihof, an der Hurdäckerstrasse und an der Strasse Im oberen Boden sechs neue Mehrfamilienhäuser. Der Baustart ist ungewiss, denn noch sind Einsprachen gegen die Projekte hängig.

    Text: Fredy Haffner
    Recherche: Patricia Senn

    Nachwirkungen bis heute
    Dass damals mit dem «Quartierplan Nr. 458 Rütihof» die Erschliessungskosten gemäss Bruttogeschossflächen aufgeteilt wurden, wirkt bis heute nach: Gemäss Ernst Geering gab sich die Stadt Zürich damals mit nur 22’700 Quadratmetern Bruttogeschossfläche auf ihrem Grundstück zufrieden, obwohl ihr mehr zugestanden wäre. Doch so musste sie viel weniger an die Kosten für Strassenbau und Werkleitungen beitragen. Als dann der «Ringling» geplant wurde, sah die Stadt aber 36’000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche vor. Auch für das Nachfolgeprojekt des «Ringlings» wird mit mehr als den einst zugesagten 22’700 Quadratmetern gerechnet. Die Stadt stellt sich auf den Standpunkt, die unterdessen neu geschaffene BZO hebe den Quartierplan von 1976 auf. «Am 10. Januar 2018», so Geering, «hat der Stadtrat gesagt, die Anmerkung im Grundbuch über die Beschränkung der Bruttogeschossfläche werde aufgehoben. Alle, die damals gebaut haben, mussten sich an diese Bruttogeschossfläche halten und entsprechend für die Erschliessung bezahlen. Und jetzt hat die Stadt das Gefühl, sie kann sich darüber hinwegsetzen?». Geering hat Einsprache erhoben. Das Baurekursgericht lehnte die Einsprache ab. Im September 2018 ging die Beschwerde an die nächste Instanz, das Verwaltungsgericht. Bis dato kam noch kein Bescheid., «14 Monate», zählt Geering, «normalerweise müssen sie in sechs Monaten antworten». Wegen dieser Einsprache ist die weitere Planung, was auf der ehemaligen Baufläche des «Ringlings» gebaut werden soll, auf Eis gelegt. Weitere Artikel dazu auf www.hoengger.ch/archiv, Dossier «Ringling/Wohnen am Grünwald»

    Quellen
    – Staatsarchiv des Kantons Zürich
    – Archiv Quartierzeitung «Höngger»
    – Entwicklungsleitbild «Bauen im Dorfkern Hurdäcker», Amt für Städtebau, 2006

    Bereits zu diesem Fokus-Thema erschienen:
    Rütihof: Vom Weiler zum Satelliten-Quartier
    Rütihof – Erinnerungen an einen Bauernweiler, beide in der «Höngger»-Ausgabe vom 21. November

  • Eine unendliche Geschichte

    1989
    7. Februar, Stadträtin Ursula Koch lädt alle Interessierten zu einer Orientierungsversammlung «Offene Planung Rütihof».

    1999
    Die Stadt Zürich sucht im Rahmen des Legislaturziels «10’000 Wohnungen» nach gemeinnützigen Investoren, um das letzte freie grosse Grundstück (HG 7471) an der Ecke Frankentaler-/Regensdorferstrasse im Rütihof zu überbauen.

    2003
    Die Stadt Zürich als Eigentümerin sucht gemeinnützige Investoren, die das Areal überbauen und die Quartierwünsche realisieren.

    2004
    Oktober: Das Programm zum Studienauftrag (Architekturwettbewerb) «Wohnüberbauung Grünwald» wird aufgelegt. Am zweistufigen Wettbewerb nehmen zwölf Architekturbüros teil.

    2005
    April: Erste Stufe der öffentlichen Jurierung.
    November: Das Beurteilungsgremium liefert einen Bericht zum Wettbewerb ab. Gewonnen hat das Projekt «Ringling». Es folgt eine öffentliche Infoveranstaltung.

    2006
    Januar: Die IG Pro Rütihof schlägt der Stadt vor, die vier Wettbewerbsprojekte öffentlich zu diskutieren, wird aber abgewiesen.
    März: Präsentation überarbeiteter Vorschlag. Danach Informationsveranstaltung für den Vorstand des Quartiervereins, die benachbarten Baugenossenschaften und die Mitglieder des Gemeinderats.
    Mai: Nachdem sich an der GV des Quartiervereins eine Mehrheit der Stimmberechtigten gegen «Ringling» ausspricht, wird Jakob Maurer als Delegierter gewählt, um sich gegen das Projekt einzusetzen.
    Juni: Die Generalversammlung der Genossenschaft GBMZ sagt mit 108 zu 2 Stimmen Ja zum Projekt.
    September: Der Stiftungsrat der SAW genehmigt das Projekt.
    November: Generalversammlung der Baugenossenschaft Sonnengarten sagt Ja.

    2007
    Juli: Die Stadt Zürich schliesst die Baurechtsverträge ab.

    2008
    Januar: Der Gemeinderat stimmt den Baurechtsverträgen mit 69 zu 41 Stimmen zu.
    Dezember: Die IG pro Rütihof reicht gegen diese Baurechtsverträge beim Bezirksrat eine Gemeindebeschwerde ein.

    2009
    Januar: Das Baugespann für das erste Baugesuch wird aufgestellt und das Baugesuch eingereicht. Die Gemeindebeschwerde der IG pro Rütihof wird vom Bezirksrat abgelehnt.
    Juni: Die Bausektion des Stadtrats erteilt die Baubewilligung.
    Juli: Die IG erhebt Rekurs und Verbandsbeschwerde bei der Baurekurskommission 1 des Kantons Zürich.
    September: Das Verwaltungsgericht lehnt die Gemeindebeschwerde ebenfalls ab.

    2010
    Januar: Eine Web-Umfrage der IG wird vorzeitig vom Netz genommen: Die IG wirft Vertretern der SP vor, die Umfrage manipuliert zu haben.
    März: Die Einsprache gegen den Verkehrskreisel Frankentalerstrasse wird eingereicht.
    April: Das Verwaltungsgericht spricht der IG die Legitimation zur Einsprache gegen den Verkehrskreisel Frankentalerstrasse ab.
    Mai: In letzter Instanz weist auch das Bundesgericht die Beschwerde gegen die Erteilung der Baurechtsverträge ab.
    Juni: Die Baurekurskommission 1 hebt die Baubewilligung für den «Ringling» wegen mangelnder Erschliessung auf.
    September: Die Bauträgerschaft erhebt vor dem Verwaltungsgericht Beschwerde gegen die Aufhebung der Baubewilligung.
    Dezember: Das Bundesgericht korrigiert das Urteil des Verwaltungsgerichts und spricht der IG die Legitimation zur Einsprache gegen den Verkehrskreisel zu.

    2011
    Januar: Das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich lehnt die Beschwerde der Bauträgerschaft gegen das Urteil der Baurekurskommission vom 23. Juni 2010 ab.
    Februar: Das Verwaltungsgericht hebt die Baubewilligung wegen mangelnder Verkehrssicherheit auf. Die Bauträgerschaft teilt mit, dass sie das Urteil des Verwaltungsgerichts nicht anficht.
    Oktober: Der Stadtrat beantwortet eine Interpellation (Trevisan/Jäger) negativ, die gefordert hatte, unter Einbezug der Bevölkerung eine neue Lösung zu suchen und stellt sich weiter hinter das Projekt «Ringling».

    2012
    März: Erneut werden Baugespanne aufgestellt und ein neues Baugesuch (mit geänderter Verkehrsführung) eingereicht.
    April: Am 13. wird die Baueingabe «Ringling 2» eingereicht, am 19. weist das Verwaltungsgericht die Vorinstanzen an, die Unfallgefahr beim geplanten Kreisel an der Frankentalerstrasse erneut zu prüfen.

    2013
    Januar: Die Bausektion Zürich bewilligt die 2. Baueingabe.
    Februar: Die Gegnerschaft, vereint in der Interessengemeinschaft der Eigentümer (IGER), erhebt vor dem Baurekursgericht Beschwerde gegen die Baubewilligung.

    2014
    April: Das Baurekursgericht Zürich lehnt den Rekurs der IGER gegen die Baubewilligung ab. Die IGER kündet den Weiterzug ans Verwaltungsgericht an.

    2015
    April: Das Verwaltungsgericht lehnt die Beschwerde gegen die Baubewilligung ab.
    Juni: Die Gegnerschaft zieht das Urteil weiter vor Bundesgericht.

    2016
    August: Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut, dem «Ringling» wird die Baugenehmigung endgültig verweigert.
    September: Die Bauträgerschaft kündet an, ein neues Projekt auszuarbeiten.

    2018
    Januar: Am 10. Januar kommt die Stadt zum Schluss, dass die 1975 im Quartierplan festgehaltenen Bruttogeschossflächen von 22’738 m2 heute nicht mehr rechtswirksam seien. Damit könnte die Bruttogeschossfläche auf dem letzten Baugrundstück massiv erhöht werden: Die geltende BZO würde über 50’000 m2 erlauben. Ernst Geering reicht gegen diesen Stadtratsbeschluss Rekurs ein.
    Am 29. Januar findet unter der Leitung der Stadt Zürich der erste von drei Workshops im Rahmen eines Mitwirkungsverfahrens statt. 120 Personen nehmen teil.
    Juli: Nach Abschluss der Workshops werden zehn städtebauliche Grundsätze festgehalten, die in das neue Projekt einfliessen sollen. Stadtrat und Bauherrschaft beschliessen, den Architekturwettbewerb erst dann neu zu starten, wenn die Einsprache gegen das Strassenprojekt Geering-, Frankentaler-, Regensdorferstrasse und das Rekursverfahren gegen die Aufhebung von Ausnützungszuteilungen im Quartierplan rechtsgültig abgeschlossen sind. Man ging davon aus, dass dies Ende 2019 beim Strassenprojekt und möglicherweise erst im Herbst 2020 im Rekursverfahren zum Quartierplan der Fall sein wird.

  • Zeugin der Verwandlung eines Quartiers

    Zeugin der Verwandlung eines Quartiers

    Die Zeiten der Bauernidylle, das wurde bereits in der letzten Ausgabe des «Hönggers» thematisiert, sind im Rütihof definitiv vorbei: Mittlerweile sind es nach Angaben des Quartiervereins Höngg rund 4000 Menschen, die hier am Stadtrand leben. Keine Frage: Der Rütihof ist eine eigene, kleine, abgeschlossene Einheit, vom Zentrum Hönggs etwa gleich weit entfernt wie von der nächsten Stadt, Regensdorf. Doch wie sehen die Bewohner*innen ihre Siedlung, warum leben sie hier und wie fühlen sie sich?

    Da ist zum Beispiel Daniela Schwarz. Sie gehört quasi zum «Urgestein» der Neuzuzüger*innen, lebt sie doch bereits seit 37 Jahren mit ihrer Familie im ringförmigen Bau der ABZ-Genossenschaft an der Rütihofstrasse. Damals, in den 80er-Jahren, ist die Familie auf der Suche nach einer geräumigeren Wohnung in den Rütihof gekommen, mittlerweile sind die Kinder erwachsen und teilweise ausgezogen. «Zuerst,» so erinnert sich Schwarz, «hab ich mir gedacht, dass ich es hier unmöglich auf längere Sicht aushalten werde, der Rütihof war mir viel zu ländlich und ich bin doch eher Richtung Stadt orientiert.» Der 46er fuhr erst bis zum Heizenholz und wendete dort, in den Rütihof musste man laufen. Der heutige Coop war ein K3000 mit Metzgerei und rund um die ersten Wohnblöcke war noch viel freies Feld, «Hügel, auf denen die Kinder im Winter Ski fahren konnten», erinnert sich Schwarz.

    Auf dem Land und doch in der Stadt

    Seither hat sich das Quartier enorm verändert – und mit ihm auch ihre Einstellung zum Wohnort. «Ich fühle mich überhaupt nicht mehr verloren auf dem Land, sondern schätze den Rütihof als Wohnort. Zwar würde ich nach wie vor in die Stadt ziehen, wenn ich alleine entscheiden könnte, aber die Mischung aus Waldnähe und direkter Anbindung an die Stadt gefällt mir sehr gut», erklärt sie. «Es ist sehr schön, dass man hier die Vorteile des Landlebens hat – aber nicht die Nachteile», beurteilt sie die Wohnsituation heutzutage. Es sei angenehm, so Schwarz weiter, dass man sich im Quartier kenne und nicht anonym lebe wie vielleicht in der Stadt. Grundsätzlich fällt ihr nichts ein, was sie im Rütihof vermisst – nur letztes Jahr, «als der Beck Keller und das Restaurant Rütihof geschlossen waren, da hat dem Quartier etwas gefehlt. Es gab überhaupt keinen Treffpunkt mehr», sinniert Schwarz. «Seit der Eröffnung des CaBaRes ist nun aber wieder ein gastronomisches Angebot vorhanden.»

    Günstige Familienwohnungen gesucht

    Auch Bettina Kopta wohnt mit ihrer Familie im Rütihof – und zwar in den Wohnhäusern der Baugenossenschaft des Kaufmännischen Verbandes (KV). Die Koptas sind 2009 in den Rütihof gekommen, ebenfalls auf der Suche nach einer kinderfreundlichen und bezahlbaren Wohnung, und leben hier nun mit ihren drei Söhnen. Bei der ersten Besichtigung vor Ort, so Kopta, sei ihr die Frankentalerstrasse wie eine Autobahn vorgekommen, die das Quartier zerschneide und ihr sei etwas mulmig geworden. Innerhalb des Rütihofs aber, das habe sie schnell gemerkt, spüre man von dieser Strasse nichts. Im Gegenteil, «ich betrachte es als absoluten Glückstreffer, hier eine Wohnung erhalten zu haben», berichtet Kopta. «Das Quartier bietet mir alles, was ich für meine Familie benötige, Waldnähe, Einkaufsmöglichkeiten und ein sehr breites soziokulturelles Angebot – vom Bauspielplatz Rütihütten über das GZ und den Velopark bis hin zu den kulturellen Anlässen, die die Genossenschaften für ihre Mitglieder organisieren.»

    Gemeinnütziger Wohnungsbau als Pluspunkt

    Überhaupt trägt der genossenschaftliche Wohnungsbau für Kopta sehr viel dazu bei, dass sie sich im Rütihof wohlfühlt: «Diese Wohnform sagt mir sehr zu und bietet vor allem Familien erschwingliche Wohnungen auf Basis einer Kostenmiete.» Sie schätze vor allem auch, dass in einer Genossenschaft die Sozialkontakte für die Kinder einfacher entstehen als an anderen Orten, so Kopta weiter. «In anderen Quartieren wohnen die Familien oft in Einfamilienhäuschen, jeder mit seinem abgetrennten Gärtchen. Hier im Rütihof jedoch konnte ich meine Kinder schon früh alleine vor die Türe schicken. Immer finden sie dort Kinder zum Spielen, man kennt die anderen Familien und fühlt sich sehr sicher. Auch verkehrstechnisch ist das Quartier mit den verkehrsfreien Innenkernen innerhalb der Siedlungen geschickt und kinderfreundlich gebaut.» Weil Kopta das Genossenschaftsleben so schätzt, engagiert sie sich selbst im Vorstand ihrer Genossenschaft. Durch diese Tätigkeit hat sie die Möglichkeit, den gemeinnützigen Wohnungsbau in der Stadt Zürich zu unterstützen und mitzugestalten – ihre Form des politischen Engagements, wie sie sagt. Was den Genossenschaften im Rütihof noch fehle, sei ausreichend Wohnraum für ältere Menschen mit ihren spezifischen Bedürfnissen – sowie grössere Wohnungen: «Das ist meiner Ansicht nach eines der Probleme hier im Quartier – die Tendenz geht generell zu grösseren Familien mit drei oder mehr Kindern, die Anzahl an grossen Wohnungen ist aber sehr begrenzt. Daher ziehen viele Familien dann doch einmal um, wenn die Kinder so gross sind, dass jedes gerne ein eigenes Zimmer hätte», erklärt Kopta.

    Ein weiter Weg in den Rütihof

    Eine dieser grossen Familien ist beispielsweise Familie Chasiev. Die sechsköpfige Familie lebt in der gleichen Genossenschaft wie Kopta, in einer 4,5-Zimmer-Wohnung. Die Familie hat eine kleine Odyssee hinter sich gebracht, bevor sie in den Rütihof gekommen ist: 2004 sind sie aus Tschetschenien in die Schweiz gekommen, auf der Flucht vor den dort herrschenden kriegerischen Auseinandersetzungen. Zunächst waren sie in einem Asylzentrum in Affoltern am Albis untergebracht, anschliessend in einer Wohnung in Altikon in der Nähe von Winterthur. Doch für die wachsende Familie war die Zweizimmer-Wohnung schnell einmal zu klein, mit vier Kindern musste eine grössere Wohnung her. Weil Turko Chasiev, der Familienvater, als Hauswart im KV tätig ist, erfuhr er über die freiwerdende Wohnung im Rütihof und bewarb sich mit seiner Familie um die Wohnung.

    Ruhig, aber nicht langweilig

    Seither leben sie hier und sind sehr zufrieden mit der Wohnsituation. «Das Quartier ist ruhig und entspannt, sehr gemütlich, aber nicht langweilig», erklärt Indira und auch die 15-jährige Tochter Iman pflichtet ihr bei. An ihrem vorherigen Wohnort haben vor allem ältere Menschen gewohnt, da gab es nicht so viele Freizeitmöglichkeiten. «Dort haben wir unsere Heimat sehr vermisst – hier aber fühlen wir uns wohl.» Iman möchte auf jeden Fall vorerst nicht weg vom Rütihof, «das viele Grün gefällt mir hier im Quartier. Auch die vielen Spielplätze, von denen die meisten in den letzten Jahren neu gestaltet wurden, sind schön. Da haben sich vor allem meine jüngeren Geschwister darüber gefreut.» Allerdings wäre es schön, da sind sich Mutter und Tochter einig, wenn es noch weitere Einkaufsmöglichkeiten gäbe. «Der Coop», so Indira, «ist mir eigentlich zu teuer zum Einkaufen. Wenn es noch mehr Läden gäbe, wäre das toll», führt sie aus. Und ja, tatsächlich, die 4.5-Wohnung sei auf Dauer ein wenig klein für die Familie. «Eine Fünfzimmer-Wohnung zu finden, wäre schön», erklärt Indira, dann könnten die Kinder eigene Zimmer haben».

  • Rütihof: Vom Weiler zum Satelliten-Quartier

    Rütihof: Vom Weiler zum Satelliten-Quartier

    Lange ging man davon aus, dass das Gebiet, das heute als Rütihof bekannt ist, noch bis ins Jahr 900 unberührt, respektive Wald, gewesen war. «In diesem (…) standen offenbar auffallend viele Birken, was dann zum Namen (…) <Birkenrüti> [führte]», ist in der Mitteilung Nr. 49 der Ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg zu lesen. Erst 2016 kamen bei Rettungsgrabungen durch Archäolog*innen der Stadt Zürich verschiedene Funde und Befunde zu Tage, die beweisen, dass sich schon viel früher Menschen in diesem Gebiet niedergelassen hatten. So zeigten Holzkohlereste, dass die älteste steinzeitliche Besiedlung im Zeitraum von 3500 bis 3100 vor Christus erfolgt sein muss. «Um einen äusserst seltenen Fund handelt es sich bei einem sogenannten <Glockenbecher>, der in einer Grube gefunden wurde. Die Scherben aus der Steinzeit (um 2400 vor Christus, Radiokarbondatierung) sind Zeugen einer europaweit verbreiteten kulturellen Erscheinung im dritten Jahrtausend vor Christus, die in der Schweiz nur mit wenigen Funden repräsentiert ist und hiermit in Zürich erstmals belegt werden konnte», schreibt die Abteilung Archäologie des Hochbaudepartements auf ihrer Homepage. Auch Funde aus der spätkeltischen Zeit (Eisenzeit) zwischen 170 und 350 vor Christus und römische Brandgräber mit Urnen aus dem zweiten Jahrhundert kamen bei den Grabungen zum Vorschein.

    Aus Birchrütihof wird Rütihof

    Das ganze Büchlein «Der Rütihof bei Höngg» in einem Artikel wiederzugeben, ist weder möglich noch sinnvoll, aber wer mehr dazu erfahren möchte, ist gut beraten, sich das Büchlein vorzunehmen. So stützt sich auch dieser Artikel in weiten Teilen auf die detaillierte Geschichte. Dass auf dem Rütihof ein Hof stehen musste, ist 1280 erstmals belegt, als ein gewisser Ulrich Meier von Birchrüti, 60 Jahr alt, zu einer Zeugenaussage berufen wurde. Meier, auch eine andere Bezeichnung für Gutsverwalter, stand im Dienste eines Lüdold von Regensberg. Gemäss der Hypothese der Autoren könnte der Rütihof bereits seit mindestens 1250 bestanden haben. Irgendwann zwischen 1280 und 1282 verkaufte von Regensberg den Rütihof an Rudolf von Opfikon. Später wurde das Fraumünster von Zürich grundzinsberechtigt. Bis 1399 sah dieses aber keinen Rappen Zins für den Rütihof, und um 1400 stand wohl auch kein Haus mehr im Weiler. Im Dunkel des Mittelalters bleiben die Gründe für die Verwaisung des Hofs verborgen. Gemäss Autoren könnte ein Pestzug oder auch ein Brand Schuld daran gewesen sein. Ab 1400 taucht ein «Jeger von Höngg» in der Buchhaltung des Fraumünster auf, später zahlen mehrere Männer aus dem Birchrüti Zinsen ein. Interessanter Fakt: 1418 verzeichneten die Männer neben ihrem Getreide auch erstmals Hühner – «meist zähe Suppenhühner, nicht zarte Poulets», wissen die Autoren – und Eier als Zinsabgabe, später auch halbe Hühner. Die heute noch beliebte Hühnerhaltung im Rütihof hat also bereits lange Tradition. Schliesslich kaufte 1586 Heinrich Geering von Rümlang den Hof. Bis 1828 standen sieben Häuser im Rütihof, fünf davon von Geerings bewohnt. Zuvor, im Jahr 1820, muss sich die «Civilgemeinde Rütihof» gegründet haben. Zwar existiert keine Gründungsakte, die Autoren der Mitteilung «Der Rütihof bei Höngg» schliessen aber aus einer Gutsrechnung mit Nummer 43 aus dem Jahre 1863 – die vorausgegangenen Rechnungen sind nicht erhalten – dass, rechnet man zurück, 1820 die erste Gutsrechnung gemacht wurde und ergo eine Gemeinde existiert haben muss. Der «Präsident Rütihof» Josef Geering wurde schliesslich am 21. Mai 1822 im Kleinen Rat in Zürich offiziell gewählt – «Effektiv war diese Wahl offenbar nur eine Bestätigung» schreiben die Autoren. «Die eigentliche Wahl hatten die Rütihöfler in ihrer altbekannten Selbstherrlichkeit längst unter sich geregelt, (…).» 1870 lebten 77 Personen in zwölf Häusern. Der Anschluss an Höngg erfolgte im Jahr 1886, obschon sich ein Grossteil der Rütihöfler*innen noch im Jahr 1877 lieber Oberengstringen angeschlossen hätte. Zum Zeitpunkt der Eingemeindung 1934 standen 14 Wohnhäuser und einige Gewerbegebäude im Weiler. Auf der Karte von 1977 ist zu sehen, dass sich die Anzahl Gebäude bis dahin nur marginal erhöht hatte. Dies sollte sich in den darauffolgenden 15 Jahren jedoch grundlegend ändern.

    Quelle:
    «Der Rütihof bei Höngg», von Georg Sibler, Mitteilung Nr. 49 der Ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg, 2009. 25 Franken. Erhältlich im Infozentrum, Quartierzeitung Höngg, Meierhofplatz 2.

  • Rütihof – Erinnerungen an einen Bauernweiler

    Rütihof – Erinnerungen an einen Bauernweiler

    Da ist zum Beispiel Ernst Geering. Ein «Ur-Rütihöfler» par excellence: Seine Vorfahren kauften 1586 den Birchrütihof und damit zwei Drittel des Landes im Rütihof. Das dritte Drittel verteilte sich auf mehrere auswärtige Besitzer. Ernst kam 1937 als mittleres von fünf Kindern von August und Emma, geborene Rohner, zur Welt. Der Vater führte, ebenso wie sein Cousin Heinrich, einen Bauernhof im Rütihof. Beim Abendessen sassen jeweils zehn Personen am Tisch: Neben der Familie lebten noch zwei Knechte und eine Magd auf dem Hof. Es war selbstverständlich, dass die Kinder auf dem Hof mitarbeiteten. «Wenn wir im Sommer einmal in der Woche einen halben Tag in die Badi durften, waren wir glücklich», erzählt Geering. Es gab immer viel zu tun. Zum Beispiel das Garbenbinden während der Getreideernte. Nach einer festen Hierarchie hatte jedes Kind seine Aufgabe: Das zweitjüngste musste das Garbenbändchen, mit dem das Stroh zusammengebunden wurde, schön hinlegen. Das nächstältere legte fünf Häufchen Stroh darauf, und dann kam das nächste, das das Garbenbändchen zusammenband. Hier kam das allerjüngste Kind ins Spiel, das dem Ältesten das Ende des Bändchens mit dem «Tözli» hochhalten musste. Geering, der unlängst seinen 82. Geburtstag feierte, erinnert sich noch lebhaft daran. Neben Ackerbau betrieben die Eltern auch Viehhaltung, bauten Obst und Beeren an. «Die Himbeerenlese war schlimm für mich, meine Mutter schimpfte stets, weil ich nicht alle Beeren erwischte», lacht Geering. Erst in der Oberstufe stellte sich heraus, dass er an einer speziellen Farbblindheit leidet und manche Beeren deshalb gar nicht richtig sehen konnte. Zur Schule beim Wettingertobel liefen die Kinder zu Fuss, von Frühling bis Herbst sogar barfuss. «Es war nicht so, dass wir uns keine Schuhe hätten leisten können, aber es war einfach praktischer so», meint Geering rückblickend. Auch auf den Feldern wurde barfuss gearbeitet, «wir wussten, wie wir die Füsse aufsetzen mussten um uns nicht zu verletzen». Manchmal brannten die Risse dennoch ein bisschen, vor allem im Stall. «Kuhmist kann da Wunder bewirken», schmunzelt Geering.

    Bob statt Kühe

    Im Alter von 19 bis 21 absolvierte Geering die Landwirtschaftsschule im Strickhof, eine intensive Ausbildung mit 30 Fächern, daneben arbeitete er im eigenen Betrieb. Ein eigenwilliger Typ war der Ernst schon immer: Als er mit 38 Jahren das Bobfahren entdeckte – ein Alter, indem die meisten damit wieder aufhören – gab er den Viehbetrieb auf, da er keine Zeit mehr für das Melken hatte, wenn er in Sankt Moritz trainieren musste. Seine ungewöhnliche Entscheidung brachte ihm eine Schlagzeile im «Blick» ein, im Sinne von «Angefressener Bauer verkauft Kühe, um Bob zu fahren». «Meine Mutter war nicht sehr amüsiert darüber», lacht Geering und der Schalk funkelt in seinen Augen. Er führte also seinen Betrieb ohne Tiere weiter und gewann dafür zweimal den «Grand Prix von St. Moritz». Mit 53 Jahren war dann Schluss. «Ich würde heute noch fahren, aber mein Herz spielt da leider nicht mehr mit», bedauert er. Es ist ein ereignisreiches Leben, das Ernst Geering gelebt hat und immer noch lebt. Anfangs der 80er Jahre baute er am Oberen Boden eine Siedlung, in der er heute selber eine Wohnung bezogen hat. 1987 übernahm er das Restaurant Grünwald, das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gut lief. «Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen, wie ich in Chur – wir waren am Schützenfest – am Kiosk die Zeitung kaufte und unter einem Strauch lass, dass der Gemeinderat am Vortag beschlossen hatte, mir den Baurechtsvertrag für das Restaurant zu geben», strahlt der ehemalige Wirt, der eigentlich gar nie einer sein wollte. Doch mit dem Geschäftsführer, den er erst eingestellt hatte, lief es nicht gut, da musste er halt selber in die Bresche springen. Etwas, das ihm ehrlicherweise sowieso am besten liegt, denn «am liebsten erledige ich die Dinge selber». Das Restaurant, der Landwirtschaftsbetrieb und die Verwaltung der Häuser wurden ihm dann jedoch zu viel, und er gab die Verwaltung ab. Mit 65 übergab er schliesslich sein Landwirtschaftsland an einen jüngeren Landwirt aus Watt und widmete sich ganz dem Restaurant, bis er 2008 nach 20 Jahren in Spätrente ging. Inzwischen hat er eine andere Beschäftigung gefunden: Seit 1999 reist er regelmässig für ein paar Monate nach Kanada, wo er in seinem Haus Gäste empfängt, Freunde besucht und Fischen geht, oder «einfach lebt», wie er es nennt. Es ist ein privilegiertes Leben, das weiss auch Geering. Das war nicht immer so: «Unser Vater hat die Begleichung gewisser Rechnungen jahrelang hinausgeschoben, um uns Kindern die Ausbildungen zu finanzieren», sagt er. «Das Glück der Bauern am Stadtrand war das Land, das sie verkaufen konnten, und das auch ihm den Wohlstand gebracht habe», meint er. Mit dem Quartier ist er noch immer eng verbunden, er war unter anderem in den 70er Jahren an der Entwicklung und Durchsetzung des Quartierplans Rütihof beteiligt. Doch dazu mehr im kommenden «Höngger».

    «Ich habe sehr glückliche Erinnerungen an meine Kindheit»

    Erika Giger kennt Ernst Geering noch aus der Kindheit, sie spielten zusammen mit anderen Kinder des Rütihofs im Heustock von Vater August Verstecken. Die Eltern kauften in den 30er Jahren gemeinsam mit zwei Arbeitskollegen des Vaters Im oberen Boden ein Stück Land und errichteten 1937 drei Einfamilienhäuser darauf. Heute steht ihr Elternhaus als einziges noch zwischen zwei Mehrfamilienhäuser. «Damals verstanden die Leute nicht, wieso meine Eltern aufs Land ziehen wollten, der Rütihof war völlig abgelegen», erzählt Giger. Wenn man heute aus dem Wohnzimmerfenster Richtung Höngg blickt, erinnert nichts mehr an die Felder und Obstbäume ihrer Kindheit, man blickt über ein Dächermeer auf die Stadt. Doch hinter dem Haus liegt der Wald, in dem sie zusammen mit ihrer Schwester und zwei Nachbarsmädchen regelmässig auf Entdeckungsreise ging. Wenn sie zurückblickt, zeichnet sie ein idyllisches Bild dieser Zeit. Sie musste zu Fuss ins Bläsi Schulhaus und über Mittag wieder nachhause, «wir hatten zwei Stunden Zeit, eine davon benötigten wir für den Schulweg». Einen Bus gab es noch nicht. Einmal in der Woche durften sie bei Bekannten am Meierhofplatz essen. Manchmal sammelten die Mädchen auf dem Schulweg unter den Obstbäumen die heruntergefallenen Früchte und verzehrten sie unterwegs. Wenn sie im Zentrum beim Bäcker Zaugg Brot kaufen mussten und der Hunger auf dem Heimweg zu gross wurde, war der Laib manchmal schon ein bisschen angeknabbert, bis sie schliesslich zuhause ankamen. Eine unheimliche Stelle auf dem Nachhauseweg war die Tannenreihe an der Giblenstrasse, erinnert sich Giger, «wir hatten im Dunkeln immer Angst, dass sich ein böser Mann dahinter verstecken könnte». Wenn sie alleine unterwegs war, rannte sie so schnell sie konnte daran vorbei. Obwohl es die Nachkriegszeit war – es gab Rationsmarken, die man in Höngg einlösen musste – sind es sehr glückliche Erinnerungen. Die Eltern pflegten einen grossen Freundeskreis, es gab Musikabende und auch mit den Kindern im Rütihof und in Höngg verstand man sich gut. Im Garten wuchs fast alles, was sie zum Leben brauchten, Eier und Obst holte man bei den Bauern im Rütihof. Obwohl die Familie sparsam lebte, konnte sie sich in den Bergen leisten – die Eltern waren beide sehr sportlich und schwärmten schon früh für Skitouren. «Aus Spargründen mussten wir dann jedoch mit angeschnallten Fellen neben dem Skilift hochsteigen!» Lebhaft in Erinnerung sind ihr auch die Winter im Rütihof, «wir bauten Schneehütten, die lange Zeit Bestand hatten, und steile Zufahrtssträsschen zum oberen Boden war unser Schlittelweg». Wahrscheinlich war es die naturverbundene Kindheit, die ihren Berufswunsch prägte: Als junge Frau liess sie sich zur Laborantin im Bereich Pflanzenpathologie ausbilden, danach wechselte sie zur Insektenkunde an die ETH. Über einen Professor, der sie vermittelte, konnte sie für eineinhalb Jahre nach Paris um dort am Entomologischen Institut zu forschen. «Ich wohnte am Boulevard Saint-Michel in einem Dachzimmer, das war eine tolle Zeit», strahlt sie noch heute. Zurück in Zürich arbeitete sie am Institut für Biochemie an der Universität Zürich als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Als sie 24 Jahre alt war, nahm ihr Vorgesetzter sie als Assistentin mit nach Chicago, wo er für ein Jahr an die Medical School berufen worden war. Auch diese Erfahrung ist für sie unbezahlbar. «Ich hatte viel Glück», meint sie rückblickend, doch wenn man der mittlerweile 80jährigen Frau zuhört, ist klar, dass sie auch sehr hart dafür gearbeitet hat. Später heiratete sie und zog nach Gockhausen. Die Arbeit ihres Mannes führte sie zweimal in die USA, erst auf Cape Cod, Boston, dann an die renommierte Universität Stanford, Kalifornien. Als Erika Gigers Eltern ins Alters- und Pflegeheim Riedhof zogen, kehrte die Familie, mittlerweile mit Sohn und Tochter, in den Rütihof zurück. Alles hatte sich verändert, «es dauerte eine Weile, bis ich das neue Ortsbild einigermassen akzeptieren konnte», sagt sie. «Architektonisch ist es wirklich nichts Besonderes, aber wir mussten uns daran gewöhnen.»

    Die Zeit der Bauernidylle ist vorbei

    Dass Beat Kämpfen ausgerechnet Architekt wurde, ist kein Zufall, davon ist der Rütihöfler überzeugt. Als nämlich seine Eltern am 1. Dezember 1954 im Rütihof ihr neues Zuhause bezogen, war seine Mutter hochschwanger. Die Arbeiten im Haus im Landhausstil waren zu diesem Zeitpunkt trotz anderslautender Versprechungen des Architekten noch nicht abgeschlossen. So kam Beat Kämpfen am 8. Dezember – einen Monat zu früh – quasi auf einer Baustelle zur Welt. «Das hat mich nachhaltig geprägt», meint Kämpfen mit einem Augenzwinkern.
    In seiner Kindheit gab es im Rütihof fünf intakte Bauernhöfe: Da war der Guschti-Geering, der Geering von der Kreuzung, Stutz, Meier und Hubacher. Es gab eine Wäscherei, die gleichzeitig als Schlachthaus diente. Wenn der Störmetzger da war, konnte man die ausgeweideten Rinder von der Decke hängen sehen, ein Anblick, der dem jungen Kämpfen immer etwas Angst machte. Wenn er zurückblickt, scheint es ihm so, als habe er seine Kindheit laufend verbracht: «Zum Kindergarten im Lachenzelg waren es 2,2 Kilometer, die legte ich mit meinem Freund Peter zusammen zu Fuss zurück. Soweit ich mich erinnern kann, war ich immer zu spät, denn wenn ich ankam, waren die anderen Kinder bereits am Spielen», lacht Kämpfen. Später konnten sie für die Reise zum Schulhaus Bläsi den Bus von der Endhaltestelle Heizenholz nehmen. Als das Schulhaus Riedhof gebaut war, stiegen Peter und er auf das Fahrrad und brausten hinunter, obwohl das eigentlich verboten war – erst ab zwei Kilometern war es den Kindern erlaubt mit dem Velo zu kommen. «Wir haben unsere Fahrräder dann einfach im Gebüsch versteckt und sind die letzte Strecke bis zum Schulhaus gelaufen.» Als er in der Stadt ins Gymnasium kam, habe man an seinen verdreckten Schuhen erkennen können, dass er ein Landkind war, weil er die Abkürzung über den Acker zur Bushaltestelle genommen hatte, erzählt er. Auch Kämpfen hat den Bauernweiler in guter Erinnerung, hält die Romantik aber für übertrieben, denn selbst Höngg war zu dieser Zeit noch ein Dorf.
    Kurz vor dem Beginn des Baubooms zog Kämpfen in die USA. Als er 1991 zurückkam, erkannte er sein Quartier kaum wieder. Nach dem Tod seines Vaters baute er das Elternhaus in ein Zweifamilienhaus um, die Mutter zog ins Stöckli und die Familie mit zwei Kindern ins Einfamilienhaus. «Dieses Drei-Generationen-Haus hat sich sehr bewährt, so konnte die Mutter bis ganz am Schluss zuhause leben.» Dass der Rütihof architektonisch nicht so prickelnd sei, findet auch der Architekt. Aber so schlecht wie sein Ruf sei er nicht. Ein grosser Vorteil sei das Sackgassensystem mit den Kehrplätzen, so gäbe es sehr wenig Verkehr und die Kinder könnten auf der Strasse spielen. «Ich habe auch das Gefühl, dass sich die Leute in diesem durchmischten Quartier sehr wohl fühlen und nur wegziehen, weil sie Wohneigentum suchen», meint Kämpfen. Was fehlt sei ein Zentrum mit Läden und Cafés, ein Problem, das man ja auch im Höngger Zentrum kenne. Städteplanerisch findet der Architekt es sinnvoll, dass jetzt auch noch die letzten Bauzonen verbaut und verdichtet würden. So könnten hier 4000 Menschen auf kleinem Raum leben, aber dafür von einem unverbauten Naherholungsgebiet profitieren. Aus Rütihof ist eine Satellitenstadt geworden. «Ich werde nicht nostalgisch, wenn ich an frühere Zeiten zurückdenke», meint Kämpfen. «Es ist heute eine andere Welt, die Bauernromantik ist einfach nicht mehr Realität. Wir befinden uns gerade in einer etwas seltsamen Übergangsphase, aber was die Zukunft betrifft, bin ich zuversichtlich.»