Autor: tka_admin

  • Aus Angst vor Dobermann in die Limmat gesprungen

    Aus Angst vor Dobermann in die Limmat gesprungen

    Ein herbstlicher Spaziergang wurde für eine 33-jährige Brasilianerin zum Verhängnis. Am 8. November 2000 überquerte die Passantin nichtsahnend den rund 50 Meter langen Hardeggsteg über die Limmat zwischen Höngg und Altstetten. Doch plötzlich kam ihr ein bellendes, nicht angeleintes Dobermann-Männchen entgegen. Seine Halterin war nirgends in Sicht, die Frau spazierte weit entfernt hinter ihrem frei herumlaufenden Hund.

    Das Tier, welches 70 Zentimeter gross und 40 Kilogramm schwer war, rannte mit hoher Geschwindigkeit auf die Fussgängerin zu und wirkte kampflustig. «Der Hund war extrem aggressiv. Auch mir wurde angst und bange», sagte später ein Zeuge vor Gericht aus. Kurz zuvor hatte der Dobermann schon einen Hundehalter attackiert, der sich aber wehren konnte. Panisch sah die 33-jährige ihre letzte Rettung in der Limmat. Ohne lange zu überlegen, sprang die Frau, die nur schlecht schwimmen konnte, über die Brücke in das knapp 13 Grad kalte Wasser und ertrank. Die 41-jährige Besitzerin des Dobermanns, die inzwischen bei Django angekommen war, entfernte sich vom Tatort, ohne dem Opfer zu helfen.

    Für den Ehemann des Opfers war der 8. November 2000 ein normaler Arbeitstag. Um neun Uhr morgens verabrede er sich noch per Telefon mit seiner Frau: die beiden wollten im Reisebüro ihre Flugtickets nach Brasilien abholen, es waren gemeinsame Ferien geplant. Doch seine Ehefrau tauchte nicht beim vereinbarten Treffpunkt auf. Verwundert holte der Gatte die Tickets selbst ab und ging nach Hause. Während er in der gemeinsamen Dreizimmerwohnung wartete, lag seine Ehefrau nur wenige hundert Meter entfernt tot in der Limmat.

    Am nächsten Tag, nach einer schlaflosen Nacht, gab der Ehemann auf dem Höngger Polizeiposten eine Vermisstenanzeige auf. Die Polizisten erinnerten sich an die Aussagen von Augenzeugen, dass eine Frau in die Limmat gesprungen sei. Ob seine Frau Angst vor Hunden habe, wurde er gefragt. Dem Ehemann schwante Schreckliches, er wusste, dass er seine Frau nicht mehr lebend sehen würde.
    Erst 72 Stunden nach dem Sprung wurde die Tote in der Limmat gefunden und geborgen. Ihr Mann musste seine Frau noch an der Fundstelle identifizieren. Er warf Rosen in die Limmat und legte einen Kranz am Tatort nieder. Er wolle seine Frau in Brasilien beerdigen, dies sei ihr letzter Wunsch gewesen. Die beiden hatten sich in den frühen 1990er-Jahren kennengelernt und wollten eine gemeinsame Zukunft aufbauen. Sie arbeitete als Kioskangestellte im ShopVille im Zürcher Hauptbahnhof, er als Servicetechniker.

    Halterin angeklagt

    Erst zwei Tage nach dem tragischen Unfall meldete sich die Hundehalterin auf einen Zeugenaufruf bei der Polizei und wurde angeklagt. Der Bezirksanwalt beantragte eine bedingte Gefängnisstrafe von neun Monaten. Die Frau sei ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen und habe den Dobermann weder zurückgerufen noch angeleint. Zudem habe die Angeklagte sich entfernt, ohne sich um das Opfer zu kümmern.
    Am Prozess vor dem Zürcher Bezirksgericht hatten die Richter darüber zu entscheiden, ob die Halterin fahrlässig gehandelt habe und ob sie wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden musste. Der Richter wollte wissen, warum sie dem Opfer nicht geholfen habe. «Ich wollte ihr nicht noch mehr Angst mit Django machen», antwortete die Hundebesitzerin. Ausserdem sei sie der Ansicht gewesen, dass die Frau sich selbst aus dem Wasser zu helfen wusste.

    Der Verteidiger der Hundehalterin plädierte auf Freispruch. Der Sprung der Frau in die Limmat sei eine unvorhersehbare Fehlreaktion gewesen. Der Hund habe die 33-jährige Frau weder bedrängt noch verhindert, dass sie aus dem Wasser steigen konnte. «Django ist keine Bestie, sondern einfach ein grosser Hund.»

    Für das Gericht aber hätte die Hundebesitzerin der Brasilianerin helfen müssen. Nicht das Wegbringen ihres Dobermanns, sondern die Rettung des Opfers hätte Vorrang gehabt, sagte der Richter. Deswegen wurde die Hundehalterin wegen unterlassener Nothilfe zu einer bedingten Gefängnisstrafe von drei Monaten verurteilt. Für die fahrlässige Tötung wurde sie allerdings nicht belangt. Mit dem Nicht-Anleinen ihres Dobermanns hatte die Frau pflichtwidrig gehandelt, jedoch habe sie nicht voraussehen können, was passieren würde.

    Der Mann des Opfers sagte bereits im Vorfeld aus, dass wenn das Urteil milde ausfallen würde, er nicht in Rekurs gehen würde. Die Besitzerin sei genug gestraft, so der Hinterbliebene. Er würde weder Hass gegen die Frau noch gegen den Hund empfinden, sondern wolle einfach nur abschliessen mit der Geschichte, sagte er damals.

    Django musste ins Tierheim

    Der damals fünfeinhalb Jahre alte Dobermann Django kam nach seiner Attacke in ein Tierheim. Dort wurde das Verhalten Django von Experten der Stadtpolizei geprüft. Der Hund konnte beim so genannten Wesenstest nicht überzeugen, die Prüfung fiel schlecht aus: in einem neunseitigen Gutachten stand, dass Django und seine Halterin eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen würden. Der Wesensrichter gab der damals zuständigen Stadträtin Esther Maurer (SP) eine Empfehlung für eine Umplatzierung des Hundes. Dies wurde gemacht, Django kam zu einem neuen Besitzer, der schon einen anderen Hund hatte.

    Die Serie «Tatort Kreis 10» befasst sich mit Verbrechen oder Unfällen, die sich in Wipkingen und Höngg ereignet haben. Die Redaktion ist offen für Hinweise auf weitere Fälle im Kreis 10 aus der Bevölkerung auf redaktion@hoengger.ch

  • Zehn Jahre Kunsterlebnis Art-Forum

    Zehn Jahre Kunsterlebnis Art-Forum

    Wenn man bei der Haltestelle Wartau aussteigt, sieht man an einem der Wohnhäuser gegenüber des ehemaligen Tramdepots immer noch das Schild des Art-Forums. Von Aussen wirkt das Gebäude eher unscheinbar. Wenn man das Art-Forum und dessen Geschichte nicht kennt, lässt nur wenig darauf schliessen, in was für verschiedene Welten man in den letzten Jahren in den Kellerräumen dieses Gebäudes eintauchen konnte. Denn genau darum ging es den Frauen, die dieses Projekt auf die Beine gestellt und über all diese Jahre weiterentwickelt hatten – in neue Welten eintauchen und die Kunst mit allen Sinnen erleben.
    Manuela Uebelhart, Rosmarie Lendenmann und Nora Dubach sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Im Gespräch wird jedoch sehr schnell klar, was die drei Künstlerinnen schon immer verbunden hat. Die Liebe zur Kunst. Und diese Liebe und Leidenschaft für die Kunst war auch der stetige Motor und Antrieb für die Weiterentwicklung dieses speziellen Galerie-Kellers in Höngg.
    Gegründet wurde das Art-Forum 2009. Es gab zwar schon das Ortsmuseum. Dieses organisierte jedoch nur alle drei Jahre Ausstellungen. Gemäss Uebelhart herrschte damals ein grosses Bedürfnis nach mehr Ausstellungen und Kunst in Höngg.
    Gemeinsam mit einem mittlerweile ausgetretenen ersten Gremium-Mitglied und Rosmarie Lendenmann eröffnete Manuela Uebelhart deshalb das Art-Forum. Nora Dubach, die dritte in der Gesprächsrunde, stiess etwas später zu den Gründungsmitgliedern des Art-Forums hinzu.

    Eine profitfreie Kunstoase

    Um Profit ging es den drei Frauen nie. Die Künstler*innen bezahlten eine sehr geringe Summe, um ihre Werke bei einer Ausstellung zu präsentieren und zu verkaufen. Vom Erlös der verkauften Werke ging dann ein kleiner Prozentsatz an das Art-Forum. «Alles Geld, das wir eingenommen haben, haben wir wieder in das Forum investiert», erklärt Uebelhart. Im Laufe der Zeit wurden die Kellerräume so zu einer immer professionelleren Galerie. Mit den Einnahmen wurden neue Böden eingebaut, Glasvitrinen für Skulpturen gekauft, die Beleuchtung verbessert und die Wände neu gestrichen. Ausserdem wurde davon auch die musikalische Begleitung der Vernissagen und reichhaltige Apéros finanziert. Für das Art-Forum scheuten die drei Frauen weder Kosten noch Mühen. «Wir wollten ein unvergessliches Erlebnis kreiieren. Und das taten wir mit voller Hingabe und Leidenschaft. Der Profit spielte für uns nie eine Rolle. Es ging wirklich nur um die Freude an der Kunst», sagt die mittlerweile 85-jährige Lendenmann.

    Ambitionierte Ziele und grosse Erfolge

    Neben dem einmaligen Kunsterlebnis für die Besuchenden hatten die Künstlerinnen auch andere Ziele mit dem Art-Forum. «Als wir 2009 das Art-Forum gründeten, war unser Hauptinteresse, die Künstler*innen von Höngg zu unterstützen und zu fördern. Ausserdem wollten wir das Art-Forum zu einer Art Treffpunkt für die Höngger Kunstszene machen», erklärt Uebelhart.
    Natürlich hatten Sie auch gewisse Ansprüche an die Ausstellungen. Ein gewisser qualitativer Standard musste erfüllt sein. Ihr Slogan war «Gute Kunst zu Atelierpreisen».
    Schon bald nach der Eröffnung wurden die Erwartungen erfüllt. Die Ausstellungen im Art-Forum erfreuten sich grosser Beliebtheit und hatten Erfolg. «Teilweise waren bei den Vernissagen über 100 Personen im Art-Forum», schwärmt Uebelhart.
    Eines der Highlights war die Ausstellung «Männerwelten» der drei renommierten Künstler Christian Mathis, Werner Muntwiler und Pietro Martini. Die vierwöchige Ausstellung generierte über 12000 Franken Umsatz. Gewisse Ausstellungen präsentierten Kunstwerke von bis zu acht verschiedenen Künstler*innen. Das Interesse war meistens sehr gross.

    Die Diversität der Kunst

    Das Art-Forum hat sich stetig weiterentwickelt. «Am Anfang hatten wir nicht wirklich ein Konzept. Wir haben einfach mal Ausstellungen organisiert. Mit der Zeit haben wir dann immer mehr auch thematische Ausstellungen entwickelt», erinnert sich Uebelhart.
    Die Kreativität kannte keine Grenzen. Es wurden verschiedenste Formen der Kunst zelebriert. Von Skulpturen über verschiedenste Formen der Malerei und Fotographie – im Art-Forum gab es nichts, das es nicht gab. Begleitet wurden alle Vernissagen von musikalischen Auftritten.
    Die drei Art-Forum-Damen berichten von einem Opernsänger, Panflöten, einem Klarinetten- und Geigen-Duo, Harfen, Popsongs auf der Gitarre, Tanzauftritten und vielem mehr. Beim Zuhören merkt man, wie die engagierten Frauen wieder ins Schwärmen kommen. Man spürt aber auch, was die Kunst, das Art-Forum und das hier Erlebte den drei bedeutet.
    Nora Dubach, die dritte im Bunde, ist eine mehrfach ausgezeichnete Buchautorin. Ihre Kunst ist neben ihren Skulpturkreationen vor allem die Literatur. So gab es im Art-Forum nebst Vernissagen auch immer wieder Buchlesungen.
    Für einzelne Ausstellungen wurden teilweise über 300 Einladungen von Hand verschickt. Dieses enorme Engagement war aber trotz der grossen Freude auch sehr zeitintensiv und hat die drei viel Energie gekostet.

    Das Ende einer Ära
    Im Dezember letzten Jahres, zehn Jahre nach der Eröffnung, fand im Art-Forum nun die letzte offizielle Ausstellung statt. Das Ende hatte sich schon in den letzten drei Jahren abgezeichnet. Verschiedene Probleme führten zum Entscheid, das Projekt Art-Forum in dieser Form nicht mehr fortzusetzen.
    Einerseits ging das Interesse für das Art-Forum gegen Ende stetig zurück. Es wurde weniger Kunst gekauft und auch der Andrang für die Ausstellungen liess zunehmend nach. «Kunst ist immer auch ein Luxus. In schwierigeren Zeiten wird weniger Kunst gekauft», meint Lendenmann.
    Entscheidender waren aber andere Probleme, wie das fehlende Engagement der Künstler*innen. «Mit dem Art-Forum fühlten wir uns gegen Ende manchmal etwas im Stich gelassen», sagt Uebelhart.
    «Die Organisation und Durchführung der Ausstellungen war ein enormer Aufwand, auch wenn wir es gerne gemacht haben. Für viele Künstler*innen haben wir mit dem Art-Forum eine perfekte Plattform geliefert. Leider ist teilweise nur sehr wenig Rückmeldung für diese freiwillige Arbeit und Unterstützung gekommen. So fühlte man sich manchmal auch ein bisschen ausgenutzt», erklärt Uebelhart stellvertretend für die drei Künstlerinnen.
    Hinzu kamen auch noch gesundheitliche Probleme. Lendenmann musste sich deshalb eine Weile zurückziehen, womit der Aufwand für Dubach als Assistentin und Uebelhart als Hauptverantwortliche noch grösser und anstrengender wurde. «Wir sind nicht mehr die jüngsten», sagt Lendenmann dazu schmunzelnd.
    Es sind also in den letzten Jahren gleich verschiedene Probleme gleichzeitig aufgetaucht. Dies führte zum Entschluss, das Forum in dieser Form nicht mehr zu betreiben.

    Zukunftspläne

    Eines ist aber sicher. Auch wenn vor allem gegen Ende aus verschiedenen Gründen nicht mehr alles so rund lief war es eine Zeit voller unvergesslicher Erinnerungen. Im Gespräch mit den drei Frauen spürt man noch immer, dass sie ihre Leidenschaft für die Kunst nicht verloren haben. Der Kreativitätsfunken und der Wille, Neues zu gestalten, scheint trotz dem Ende des Art-Forums noch lange nicht erloschen zu sein. So meint Uebelhart auch: «Ein Ende ist immer auch eine Chance. Und aus einem Ende kann auch wieder etwas Neues entstehen. »
    Ähnlich sehen es auch Dubach und Lendenmann. Alle drei sind überzeugt, dass noch viel passieren wird. Auch die Galerie soll weiterhin geöffnet bleiben und im kleineren Rahmen wollen die drei auch weiterhin Veranstaltungen planen. All das aber natürlich erst, wenn sich die Situation rund um das Coronavirus wieder normalisiert.
    So haben die drei Künstlerinnen nun Zeit, in sich zu kehren, das Erlebte dieser Ära zu verarbeiten und ihre Energie und Gedanken voll und ganz dem zu widmen, was die drei ihr ganzes Leben begleitet hat. Die Kunst.

    Die Werke von Uebelhart, Lendenmann und Dubach können aktuell im Galeriekeller jeweils freitags, samstags oder sonntags besichtigt werden.

    Telefonische Vereinbarung: 044 341 25 60

     

     

  • Die ultimative Wahrheit

    Solche Aussagen werden in der Regel belächelt. Für eine kleine Minderheit sind sie jedoch bitterer Ernst. Verschwörungstheorien sind ein Phänomen für sich. Es gibt tausende davon. Und jede neue Theorie klingt noch haarsträubender als die letzte.
    Psychologen nennen verschiedene Gründe, weshalb gewisse Menschen an Verschwörungstheorien glauben. Oft sind es Personen, die ein verstärktes Bedürfnis danach haben, Kontrolle über ihr Leben zu erlangen. Oder solche, die danach streben, einzigartig zu sein.
    Im Grunde genommen verstehe ich die Faszination für diese Theorien. Es hat einen gewissen Reiz, der «ultimativen» Wahrheit auf die Spur gekommen zu sein. Einer Wahrheit, die der grossen Masse der Menschheit verborgen bleibt und die von einer kleinen, geheimen Weltelite kontrolliert wird. Auch ich habe schon mit Freunden*innen über solche oder ähnliche Dinge philosophiert. Der Unterschied zu Verschwörungstheoretikern ist jedoch, dass «normale» Personen die Fähigkeit besitzen, zwischen Fakten und potenziellen Alternativen zu unterscheiden und bescheiden genug sind, nicht sich selbst als die heilige Quelle der Wahrheit zu verstehen.
    Verschwörungstheoretiker massen sich an, als einzige die ganze Wahrheit zu kennen. Alle «normalen» Menschen werden hinters Licht geführt und haben keine Ahnung, was wirklich Sache ist. Oft werden auch die Wissenschaft und die Medien als böse Bestandteile dieser riesigen Manipulation der Menschheit abgetan. Ich finde diese Haltung aus verschiedenen Gründen untragbar, gefährlich und arrogant.
    Es ist eine Sache, wenn man daran glaubt, dass eine solche Theorie stimmen könnte. Es ist aber eine ganz andere Sache, wenn man die Theorie voller Überzeugung als die einzige Wahrheit herausposaunt. Verschwörungstheoretiker brauchen keine handfesten Beweise. Sie legen sich die Wahrheit immer so zurecht, dass sie sich der Theorie anpasst.
    Verschwörungstheoretiker sind sehr kritisch. Oft sehen sie in allem eine Verschwörung und sind nicht nur Anhänger einer Theorie. Sie hinterfragen alles. Nur ihre eigenen Theorien zweifeln sie zu keiner Sekunde an, auch wenn sie noch so skurril sind.
    Selbst wenn die Wissenschaft neue Erkenntnisse findet, die eine Verschwörungstheorie klar und deutlich widerlegen, ist das ebenfalls nur Teil dieser Verschwörung. Dasselbe gilt für fundierte, gut recherchierte Berichterstattung der Medien. Alles nur Fakenews. Dazu passt der berühmte Spruch mit der Taube. Mit einem Verschwörungstheoretiker zu diskutieren ist wie mit einer Taube Schach zu spielen. Egal wie gut du spielst, die Taube wird alle Figuren umwerfen, auf das Spielbrett kacken und herumstolzieren, als hätte sie gewonnen.
    Auch im Zuge von Corona sind viele Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen worden. Die Corona-Demos und die damit verbundenen Verschwörungstheorien sind besorgniserregend. In unheiligen Allianzen von links bis rechtsextrem, protestieren Menschen gemeinsam gegen die Medien, den Staat und die Welt und finden immer mehr Anklang in der Bevölkerung.
    Die Stimmung ist oft aggressiv und aufgeheizt. Ich finde es irritierend und beschämend, dass «normale» Menschen Schulter an Schulter mit Rechtsextremen für die Freiheit demonstrieren. Sie verurteilen die Medien als Staatspropaganda, um Angst zu schüren und das Coronavirus als eine Erfindung von Bill Gates, der den Menschen Chips einimpfen will, um die totale Kontrolle über die Welt zu erlangen. Wer solche Ideen voller Überzeugung, mit so viel Hass und ohne den geringsten Beweis vertritt, gefährdet das friedliche Zusammenleben von uns allen.
    Während durch das Coronavirus viele Menschen akut bedroht sind, am Existenzminimum leben oder ihr Leben bereits verloren haben, weil sie nicht die Möglichkeiten hatten sich zu schützen, protestieren Leute ernsthaft, weil ihre sogenannte «Freiheit» vorübergehend eingeschränkt wurde. Dabei tischen sie uns noch irgendwelche haarsträubenden Theorien ohne Fakten auf und glauben, dass sie mit Weisheit und Erleuchtung gesegnet wurden. Ihre kostbare Freiheit ist ihnen so wichtig, dass sie nicht einmal davor zurückschrecken, sich für diesen Zweck mit offensichtlich rechtsextremen Bürger*innen zu verbünden. Was für eine Ironie. Das macht mich traurig und wütend und ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.
    Natürlich kann man schlussendlich nie alle Demonstrierenden in einen Topf werfen und die Beweggründe mögen vielseitig sein. Dennoch will ich hier dazu mahnen, dass man sich ab und zu einmal mehr überlegen sollte, mit wem man am Demonstrieren ist, für welches Ziel und zu welchem Preis und ob man wirklich dahinterstehen kann.

    Béla Brenn, Praktikant Höngger

  • Vom Stoffmuster entwerfen zum Malen auf Jute

    Vom Stoffmuster entwerfen zum Malen auf Jute

    «Mein Sekundarlehrer meinte, ich solle studieren, an die Kunsthochschule würde ich es ohnehin nicht schaffen», erzählt Heidi Dürst, und ihre Augen blitzen spöttisch hinter den runden Brillengläsern. Unschwer zu erraten, wer danach die Aufnahmeprüfung für den Vorkurs bestand, und dies ohne Vorkenntnisse in perspektivischem Zeichnen, ein Fach, das damals den Jungen vorbehalten war. Geboren am 10. Januar 1938 und am Fusse des Uetlibergs aufgewachsen, waren ihr schon als Kind zwei Dinge klar: Erstens sollte ihr Beruf einmal mit Zeichnen zu tun haben und zweitens würde sie auf keinen Fall in einem Büro arbeiten. Von ihrem Vater, einem Feinmechaniker, hatte sie das gestalterische Talent geerbt und von der Mutter, die eine schwierige Kindheit durchlebt hatte, den starken Willen und die Wehrhaftigkeit. Gerne hätte Dürst die Kunstschule absolviert, doch das Geld der Familie reichte nur für den Vorkurs. Also bewarb sie sich erst als Grafikerin, wo man der damals noch schüchternen, jungen Frau nicht zutraute, sich gegen die Kunden durchsetzen zu können. Stattdessen fand sie eine Lehrstelle als Dessinatrice. Sie entwarf Muster für den Stoffdruck. «Eigentlich wäre ich gerne Modedesignerin geworden, aber dafür musste man erst die Damenschneiderausbildung machen – und die Handarbeitsschule war mir immer ein Gräuel», lacht die stets elegant gekleidete Dame. Nach der vierjährigen Lehre zog es sie nach Kent, England, wo sie auf einem Landgut arbeitete und Englisch lernte. Auf dem Hof gab es viele Tiere und einen grossen Klostergarten, wenig Freizeit, aber die Familie war sehr nett. Gerne wäre sie im Norden geblieben, doch zu dieser Zeit erhielten Ausländer*innen keine Arbeitsbewilligungen. Bevor sie wieder abreiste, durfte sie ein Tor für den Garten entwerfen – das schmideiserne Werk steht heute noch.

    Für den Textilhandel nach Asien

    Zurück in der Schweiz musste sich die mittlerweile fast 30-Jährige nach einer neuen Arbeit umsehen und kam dabei nicht umhin, sich kaufmännisch weiterzubilden. Das Büro, in das sie nie wollte, wurde schliesslich doch ihr Arbeitsort. Doch das Thema Textil blieb: Sie heuerte bei einer internationalen Handelsfirma an, welche damals unter dem Namen Sieber-Hegner mit allerlei Waren handelte, darunter auch mit textilen Rohstoffen wie Rohseide, Rohbaumwolle und Kunstfasern. Obwohl sie bereits in der Lehre, aber auch in späteren Anstellungen selbstständig hatte arbeiten dürfen, wurde sie in diesem hierarchischen Betrieb wieder zur Protokollschreiberin und Befehlsausführerin degradiert – wie die meisten Frauen zu dieser Zeit. «In der Probezeit hätte ich am liebsten gekündigt», erinnert sie sich. «Doch ich war nicht mehr das schüchterne Mädchen von früher, sondern wehrte mich und hatte das Glück, dass es einen Vorgesetzten gab, der mich förderte», so Dürst. Als er pensioniert wurde, wollte sie seine Aufgabe übernehmen – er war verantwortlicher Einkäufer von Seide in China und Japan. Doch das wurde ihr anfänglich verwehrt. Als sich kein Mann finden liess, der sowohl Textil- als auch kaufmännische Kenntnisse mitbrachte, kriegte sie den Job schliesslich doch. Von da ab reiste sie zweimal jährlich nach Asien. «Im kommunistischen China waren viele Führungspositionen auch von Frauen besetzt, das war sehr interessant und auch ungewöhnlich, wenn man aus der Schweiz kam». Anfänglich war es nicht möglich, mit den Stoffhändlerinnen über private Dinge zu sprechen, weil immer jemand von der Partei anwesend war. Mit den Jahren wurde jedoch eine leichte Öffnung spürbar und die Frauen gaben mehr von sich preis, erinnert sich Dürst. Tagsüber verhandelte sie mit den Produzentinnen, abends schickte sie die Verträge mit dem Fax in die Schweiz. Viel gelernt habe sie in diesen Jahren, und als man ihr endlich die Prokura ausstellte, konnte sie sich freier bewegen und Entscheidungen selbstständig treffen, so wie sie sich das gewünscht hatte. «Früher hiess es immer, dass Frauen keine Verantwortung übernehmen wollen», meint Dürst mit einem spöttischen Unterton, «Es war doch wohl eher so, dass man sie uns einfach nicht geben wollte». Nach einiger Zeit sollte sie auch den Markt in Indien für den Rohstoffhandel berücksichtigen. Ein Land, das sie zuvor nicht wirklich interessiert hatte und vor dem man sie gewarnt hatte – «viel zu gefährlich für eine Frau». Bei ihrem ersten Besuch verliebte sie sich in dieses «wunderbare Land» mit seinen gastfreundlichen Menschen, in die Farben, die Landschaften und das Essen. Sie kehrte später einige Male dahin zurück. «Diese Jahre im Textil-Einkauf waren die spannendste Zeit meines Lebens», meint Dürst mit leuchtenden Augen.

    Genug ist genug

    Inzwischen hatten die Webereien und Spinnereien in der Schweiz ihre Produktion jedoch längst ins Ausland verlagert und ihre Fabriken in der Schweiz geschlossen. Die einst so erfolgreiche Textilindustrie war untergegangen. Den Beruf, den sie ursprünglich gelernt hatte, gab es gar nicht mehr. Mit 56 Jahren sagte man ihr, es gäbe keine Arbeit mehr für sie, ein Mitarbeiter aus Mailand werde künftig die Einkäufe in Asien erledigen. Stattdessen bot man ihre eine Stelle in der Abteilung für Hundefutter, «die Promotionen selber waren nichts für mich, dieses offensive Verkaufen-Müssen», sagt die zierliche Künstlerin, «aber ich konnte auch die Promotionsbroschüren und -Blätter gestalten, da war ich wieder in meinem Element». Dennoch hiess es nach einer Weile – es war gerade Weihnachten – die Angestellte sei zu teuer, es gäbe keine Anstellung mehr für sie. Als allerletzte Möglichkeit wurde sie noch in eine Abteilung für Nahrungsmittel und Chemie verschoben. Nach einem schwierigen Jahr mit sehr schlechten Erfahrungen sagte sich die wehrhafte Frau: «Nein, das tue ich mir nicht länger an» und liess sich ein Jahr vorzeitig pensionieren.

    Das Malen auf Jute für sich entdeckt

    «Während der Berufstätigkeit war das Zeichnen etwas in den Hintergrund geraten, ich hatte einfach weder Zeit noch Musse dazu, und wahrscheinlich fehlte mir auch etwas der Mumm». Doch nach der Pensionierung konnte sie ohne Schwierigkeiten wieder dort anknüpfen, wo sie als junge Frau aufgehört hatte. Die Grundlagen hatte sie an der Kunstgewerbeschule gelernt, nun wollte sie alles noch einmal ausprobieren und herausfinden, was ihr am besten behagt. Sie besuchte Malkurse und -Ferien und sog alle Eindrücke auf wie ein Schwamm. «In diesen Kursen lernt man so vieles, von Leiter*innen und anderen Teilnehmer*innen», sagt sie und strahlt. Vor etwas mehr als einem Jahr konnte die Künstlerin einen Raum im Haus, in dem sie wohnt, dazu mieten. Mit Hilfe ihrer Patentochter hat sie dort ihr Atelier eingerichtet und ein Regal aufgebaut, in dem ihre vielen Bilder Platz finden. Nun ist das Malen wieder in den Mittelpunkt ihres Lebens gerückt. Wenn sie reisen, sich mit anderen Menschen austauschen und Neues dazu lernen kann, ist Heidi Dürst glücklich. Eine persönliche Offenbarung war das Malen auf Jute, welches sie an einem Malkurs in einem Kunstatelier an der Langstrasse zum ersten Mal ausprobierte. Das Arbeiten mit dem Spachtel auf dem groben Stoff entspricht Dürst sehr, auch wenn sie daneben auch durchaus feine Bilder aus Aquarell und Acryl malt, die in der Ausstellung zu sehen sind. Als junges Mädchen entwarf sie Muster für grosse Webereien, heute malt sie wieder auf Textil. So könnte sich der Kreis schliessen, aber ein Ende ist glücklicherweise noch lange nicht in Sicht.

    Die Bilder von Heidi Dürst sind noch bis zu den Sommerferien in den Redaktionsräumen der Höngger Quartierzeitung am Meierhofplatz 2 zu sehen. Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr.

  • Waldweg «zu Ehren» eines berüchtigten Mörderduos

    Waldweg «zu Ehren» eines berüchtigten Mörderduos

    Wer durch den Hönggerberg spaziert, hat sich vielleicht auch schon über den Waldweg mit dem ungewöhnlichen Namen «Räuberweg» gewundert. Zur Namensgebung gibt es zwei Versionen, wie auf der informativen Webseite www.alt-zueri.ch zu lesen ist: Gemäss dem Buch «Die Strassennamen der Stadt Zürich» handelt es sich um einen freigewählten Namen. Eine andere Version vertritt dagegen der ehemalige Revierförster Hans Nikles im Tages-Anzeiger vom 17. Oktober 2009. Der Name nehme Bezug auf die beiden Schwerverbrecher Ernst Deubelbeiss und Kurt Schürmann. Als Stadtförster sei er wiederholt um Rat gefragt worden, wenn die städtische Strassenbenennungskommission einen Namen für einen Waldweg suchte. So auch Mitte der 90er-Jahre, als ein Strässchen zwischen der Sonderi- und der Martinsrütistrasse auf dem Hönggerberg einen Namen erhalten sollte. Nikles dachte nach und erinnerte sich, dass das berüchtigte Räuberduo Deubelbeiss/Schürmann dort einst ein Waffenlager angelegt hatte, vergraben im Boden in einem Ölfass. Also schlug er den Namen Räuberweg vor – mit Erfolg.

    Die beiden Schwerverbrecher waren im Sommer 1951 nur unweit des Räuberwegs in ein Munitionshäuschen der Armee eingebrochen und hatten dabei nebst 15 Maschinenpistolen rund 9600 Schuss Munition erbeutet. Das Munitionshäuschen an der Kreuzung Grünwaldstrasse/Rodungsweg, zwischen dem Friedhof Hönggerberg und dem gleichnamigen Restaurant, existiert nicht mehr. Es wurde vor Jahren abgerissen, nur noch eine kleine Waldlichtung mit wenigen Bäumen erinnert an den Ort.
    Zurück zur brutalen Tat: Für Armin Bannwart, Teilhaber der Bank Winterstein am Talacker in der Zürcher Innenstadt, war der 4. Dezember 1951 ein normaler Arbeitstag. Als der Bankier Feierabend machte und seinem Prokuristen Füllig den Tresorschlüssel übergab, ahnte er noch nicht, was ihn schon bald erwarten würde.

    Kurz nach Büroschluss fuhr er zur Therapie nach Wiedikon, da er unter Hüftschmerzen litt. Nach 19 Uhr verliess Bannwart das Haus seines Therapeuten und setzte sich in seinen Wagen, um sich auf den Nachhauseweg Richtung Zollikon zu machen. Der Bankier wurde von Frau und Kindern bereits zum Abendessen erwartet. Doch dazu sollte es nicht kommen: Vor seinem Haus warteten der damals 26-jährige Schürmann und der 30-jährige Deubelbeiss auf ihn. Wochenlang hatten sie die Tat geplant – an jenem Abend sollte ausgeführt werden.

    Prokurist schöpfte Verdacht

    Als Bannwart bereits in seine Garage einbiegen wollte, rannten die beiden Gangster auf den Wagen zu, rissen die Fahrertüre auf und bedrohten den Bankier mit einer Waffe. Ihr Opfer ergab sich schnell. Das Ganze dauerte nur wenige Augenblicke, dann fuhren Schürmann und Deubelbeiss mit dem Bankier davon. Die Ehefrau wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der Tragödie. Deubelbeiss und Schürmann wollten den Tresorschlüssel der Bank. Bannwart übergab den beiden seinen Schlüsselbund, doch der entscheidende Schlüssel fehlte, da diesen der Prokurist hatte. Schnell entschieden die Gangster, dass der Prokurist den Schlüssel bringen sollte. Bannwart zwangen sie, seine Ehefrau anzurufen und ihr zu sagen, dass er später käme. Danach musste der Bankier beim Prokuristen anrufen und bestellte ihn mit dem Schlüssel zur Bank. Doch dieser schöpfte Verdacht und informierte die Polizei. Deubelbeiss und Schürmann fuhren nun mit ihrem Opfer zur Bank, um dort den Tresor leer zu räumen.

    Von diesem Moment an ging alles schief: Die Tür zur Bank war versperrt, da es ein zweites Schloss gab, das die Gangster nicht gesehen hatten. Als der Prokurist eintraf, war dieser nicht allein, sondern in Begleitung eines Detektives. Die Entführer flohen mit Bannwart über Bremgarten AG bis ins Reppischtal. Zu diesem Zeitpunkt war der Bankier mit Ketten gefesselt und musste eine Augenbinde tragen. An einem verlassenen Ort hielten die beiden an und zwangen ihr Opfer auszusteigen. Dann schlug ihn Deubelbeiss mit seiner Waffe nieder, Bannwart kippte um, raffte sich mit letzter Kraft wieder auf und versuchte zu fliehen. Die Gangster holten ihn ein, der Bankier bettelte um sein Leben und bot ihnen Geld an. Doch die beiden machten kurzen Prozess und erschossen ihn. Die Leiche legten sie auf die hintere Sitzreihe des Wagens und fuhren mit hoher Geschwindigkeit über Birmensdorf nach Uitikon. Dort liessen sie das Auto mit der Leiche in einem Waldstück zurück. Zuvor nahm Deubelbeiss dem Toten noch das Portemonnaie mit 215 Franken Bargeld ab. Kurz darauf wurde der Wagen von der Kantonspolizei gefunden.

    Nach weiterem Raubversuch verhaftet

    Ein Jahr nach der gescheiterten Tat brachen Schürmann und Deubelbeiss in der Nacht auf den 25. Januar 1952 in die Post in Reinach im Kanton Aargau ein. Doch auch dieser Raub sollte wie schon der erste scheitern, denn ein Anwohner hörte Geräusche und rief die Polizei. Es kam zu einer heftigen Schiesserei, bei welcher die Gangster 108 Schüsse abfeuerten – mit den Waffen, die sie im Munitionshäuschen auf dem Hönggerberg gestohlen hatten. Danach flohen sie, doch am 11. Februar 1952 konnten sie schliesslich endlich verhaftet werden. Die Polizei rief die Bevölkerung damals mit Radiomeldungen zur Fahndung auf, was bei vielen starke Beunruhigung verursachte. Die Drohung «Wenn du nicht brav bist, kommt der Deubelbeiss», wurde sowohl von Eltern als auch von Lehrern benutzt.

    Am 18. Februar 1953 wurden Deubelbeiss und Schürmann wegen Mordes, Raubes und weiteren Straftaten zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Schürmann wurde 1970 entlassen, Deubelbeiss hingegen kam erst am 1978 auf freien Fuss. Er starb 2005 mit 84 Jahren. Schürmann starb ein Jahr später als 81-Jähriger.

  • Die Gewalt aus dem Netz

    Die Gewalt aus dem Netz

    Im Einführungsartikel zum aktuellen Fokusthema «Medienkompetenz» (siehe Höngger vom 9. April) wurde aufgezeigt, wie und welche digitalen Medien von Jugendlichen genutzt werden. Eine kurze, nicht repräsentative Umfrage bei Schüler*innen der Oberstufe Lachenzelg ergab, dass die Jungen sich der Gefahren des Internets durchaus bewusst sind. Das Thema Mobbing, im virtuellen Raum Cybermobbing, Cyberbullying, Internet-, oder E-Mobbing genannt, ist allen bekannt. Was früher auf dem Pausenplatz passieren konnte, verlagert sich nun in die anonyme Welt des Internets: Eine Person wird über längere Zeit via WhatsApp, in Chatforen oder auf anderen Sozialen Medien wie Instagram oder Snapchat schikaniert. Die Beleidigungen, Bedrohungen und Blossstellungen können gravierende Folgen haben: In einer deutschen Studie gaben 21 Prozent der betroffenen Schüler*innen an, Suizidgedanken gehabt zu haben. Auch der Verlust von Selbstvertrauen, Angstzustände bis hin zu Depressionen können aus diesen bösartigen Attacken resultieren, auch lange Zeit später noch. Das Informationsportal zur Förderung von Medienkompetenzen Jugend und Medien hat es sich zur Aufgabe gemacht, über diese Art von Mobbing aufzuklären und Hilfestellungen für Opfer und Eltern zu geben. Gemäss Jugend und Medien wurde ein Fünftel der Schweizer Jugendlichen bereits einmal in Chats oder auf Facebook fertiggemacht. 30 Prozent der Jugendlichen gaben an, dass Fotos oder Videos von ihnen ohne Zustimmung ins Netz gestellt wurden.

    Schwer zu erreichen trotz ständiger Erreichbarkeit

    Von Mobbing wird erst gesprochen, wenn die Ereignisse wiederholt vorkommen. Anders als auf dem Pausenplatz hört das Schikanieren nicht auf, wenn das Opfer nach Hause geht: Via Smartphone und Computer treffen Beleidigungen und Bedrohungen potentiell 24 Stunden am Tag ein. Für Erwachsene kann es schwer sein, die Gedankengänge von Jugendlichen nachzuvollziehen. Während es älteren Menschen unverständlich ist, wieso ein*e Jugendliche*r beispielsweise nicht einfach die Person auf WhatsApp blockiert, wenn sie von ihr belästigt wird, oder sich nicht gleich aus Snapchat ausklinkt, wenn über sie hergezogen wird, sind solche Handlungen für viele Jugendlichen undenkbar. Das Phänomen, immer unterwegs sein zu müssen, um ja nichts zu verpassen, ist nicht neu. Es hat inzwischen einfach einen englischen Namen bekommen: «Fear Of Missing Out», oder kurz «FOMO». Und anstatt sich auf Partys und Bahnhofbänkli zu beschränken, hat sich diese Angst, nicht dazu zu gehören auf die digitalen Kanäle ausgeweitet. Dazu kommt der soziale Druck, keine Schwäche zeigen zu wollen und auf keinen Fall uncool zu wirken, auch das keine neuen «Probleme» der Jugend. Eine weitere Form von Gewaltverhalten ist das sogenannte «Happy Slapping». Auch dieses gab es schon vor der Digitalisierung der Welt: In einer Menschenmenge erhält man plötzlich einen Schlag ins Gesicht, der oder die Täterin verschwindet sofort wieder in der Masse. Heute machen sich gewisse Personen einen Spass daraus, mit dem Mobiltelefon Szenen aufzunehmen, in den andere verprügelt werden – real oder inszeniert – und diese Aufnahmen dann im Netz zu verbreiten. In der Schweizer JAMES-Studie aus dem Jahr 2018 gaben acht Prozent der Jugendlichen an, bereits eine gestellte Schlägerei gefilmt zu haben, sieben eine echte. Beide erwähnten Phänomene haben das Ziel, jemanden zu demütigen. Das Perfide daran ist, dass sich das Opfer meist noch schuldig fühlt oder sich schämt. Deshalb behalten viele solche Erfahrungen für sich. Die Eltern des 13-jährigen Mädchens, dass sich 2017 in Spreitenbach das Leben genommen hatte, nachdem sie massiv von zwei Jugendlichen bedroht und beleidigt worden war, sagten in einer Sendung der Rundschau des SRF, sie hätten immer über alles reden können, «aber das konnte sie mir nicht sagen, sie hat sich geschämt», sagt ihre Mutter. Obwohl die Jugendlichen permanent erreichbar sind – auf ihren elektronischen Geräten – sind sie nicht immer zugänglich.

    Die Plattform Jugend und Medien hat Ratschläge für Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen zusammengestellt (siehe Infobox). Diese fangen beim sorgsamen Umgang mit eigenen Daten an, Bilder und Daten im Netz sind prinzipiell für jeden aufzufinden – und weiterzuverbreiten. Um zu zeigen, dass sie einigermassen informiert sind, sollten sich Eltern hin und wieder mit ihren Kindern an den Computer setzen, rät die schweizerische Kriminalprävention. Das setzt jedoch voraus, dass sie sich selber eine gewisse Medienkompetenz aneignen, sonst wirkten Verbote und Ratschläge schnell unglaubwürdig, erfahren die Eltern in der Broschüre «My little Safebook». Den Kindern soll klargemacht werden, welche Folgen Mobbing haben kann, aus psychologischer, aber auch rechtlicher Sicht. Wenn es zu Cybermobbing kommt, sollte das Beweismaterial mittels Screenshot gesichert werden und die belästigende Person gesperrt werden. Dies bedingt jedoch, dass die betroffene Person die Eltern darüber informiert, was wie erwähnt schwierig sein kann. Dann sollte der Kontakt zu den Lehrpersonen, der oder dem Täter*in oder deren Eltern gesucht werden. Erstberatung bieten die kantonalen Opferberatung oder die Schweizerische Kriminalprävention.

    Kein Straftatbestand

    Ein Beispiel, entnommen aus dem Leitfaden «Cybermobbing – alles was Recht ist» (siehe Infobox): Ein Junge namens Leo wird von seiner neuen Klasse nicht akzeptiert, die Klassenkamerad*innen hänseln ihn wegen seines Dialekts. Soweit, so harmlos. Doch dann eröffnet jemand aus der Klasse ohne Leos Wissen auf Facebook eine Hassgruppe mit dem Namen «Leo, das Arschloch». Darin posten sie Fotos von dem Jungen und erfinden Geschichten über ihn, die sie dann bösartig kommentieren. Als ein Lehrer die Seite zufällig entdeckt und die Schulleitung sowie die Eltern informiert, ist der angerichtete Schaden schon zu gross. Vermittlungsversuche mit der Klasse scheitern, eine Aussöhnung ist nicht mehr möglich. Leo wechselt erneut die Schule, eine Anzeige erstattet er hingegen nicht. Ganz offensichtlich handelt es sich hier um Mobbing, denn die Handlungen fanden über einen längeren Zeitraum statt. Nun ist Cybermobbing als solches im Gesetz nicht explizit als Straftatbestand aufgeführt. Die involvierten Handlungen, wie in diesem Fall Beschimpfung, Verleumdung und üble Nachrede, aber auch andere wie Erpressung und Drohung, die oft Bestandteil von Cyberbullying sind, hingegen schon. Diese können belangt werden.

    Ansprechstellen bei Cybermobbing
    • Jugenddienste der Polizei: www.skppsc.ch/de/download/jugenddienste
    • Kantonale Opferberatungsstellen: www.opferhilfe-schweiz.ch
    • Hilfetelefon der Pro Juventute mit Link auf kantonale Beratungsstellen:
    www.147.ch
    Erste Hilfe bei Cybermobbing für Betroffene
    https://www.klicksafe.de/service/aktuelles/klicksafe-apps/
    Informationsbroschüren
    Broschüre «Cybermobbing – Alles was Recht ist» der Schweizerischen Kriminalprävention
    Broschüre «My little Safebook» der Schweizerischen Kriminalprävention

     

  • Bildschirmmedien und die Schule

    Bildschirmmedien und die Schule

    Die schnelle Entwicklung der verschiedenen Medien, Plattformen und Apps sowie die Selbstverständlichkeit der Bildschirmmedien im Alltag, stellt die Schule vor einen schwierigen Balanceakt: Wie kann ein sorgfältiger Umgang mit Bildschirmmedien vermittelt werden, ohne allzu rigorose Verbote, aber dennoch mit einer gewissen gesunden Begrenzung der Nutzung?

    Im Alltag der Schülerinnen und Schüler sind vor allem Mobiltelefone omnipräsent, sie dienen sowohl als Kommunikations- wie auch als Unterhaltungsmittel, können aber auch als schnelles Nachschlagewerk für schulische Belangen, mit gewissen Apps als Lernhilfe oder als Agenda für wichtige Termine verwendet werden. Unter diesem Blickwinkel ist die Schule bemüht, Medien nicht gänzlich aus dem Schulalltag zu verbannen, sondern konstruktiv einzubauen. Das ist auch ganz klar Auftrag der Schule, im neuen Lehrplan 21 nimmt die Medienbildung einen wichtigen Teil ein.

    Hohes Ablenkungspotenzial

    Einen verantwortungsbewussten Umgang, um zu lernen, ist aber eine grosse Herausforderung, da Bildschirmmedien eine grosse Anziehungskraft auf die Jugendlichen ausüben und neben den möglichen Hilfestellungen im Schulalltag auch eine grosse Ablenkung darstellen können. Es ist schwer, die Disziplin und Selbstregulation zu erbringen, um das Mobiltelefon nur dann zur Hand zu nehmen, wenn dafür Zeit zur Verfügung steht, und nicht dann, wenn die neueste Nachricht aufpoppt. Und neue Nachrichten kommen bei vielen Jugendlichen im Minuten-, wenn nicht sogar im Sekundentakt in die In-Box. Häufig sind die Nachrichten nur ein Wort oder eine Emoji, dennoch leuchtet der Bildschirm auf und sorgt für Ablenkung. In einer Gruppe von Jugendlichen, wie zum Beispiel in einer Schulklasse, potenziert sich so die Ablenkung natürlich, weshalb gewisse Regeln zum Handy-Gebrauch in der Schule unumgänglich sind. Eine externe Regulation wie klare Handyzeiten oder Verbote im Unterricht kann im optimalen Fall helfen, dass Jugendliche vermehrt Prozesse kennenlernen, um sich selbst zu regulieren. Viel wichtiger erscheint jedoch, den Gebrauch von Bildschirmmedien zu thematisieren, Vor- und Nachteile zu besprechen, Ablenkungspotenzial und mögliche Massnahmen zu diskutieren und Regeln auszuhandeln.

    Nulltoleranz bei Cybermobbing

    Natürlich spielt neben der Ablenkung auch noch die Thematik von Cybermobbing oder unangebrachten Fotos oder Videos in der Schule eine Rolle. Hier braucht die Schule eine klare Nulltoleranz-Haltung, jegliche Vorfälle müssen angegangen und intensiv bearbeitet werden. Bei klaren Gesetzesverstössen empfiehlt sich, eine Anzeige bei der Polizei zu machen. Gleichzeitig können Vorfälle im Bereich Cybermobbing auch als Lernanlässe gesehen werden und müssen mit den betroffenen Jugendlichen intensiv aufgearbeitet werden.

    Das Spannungsfeld zum «richtigen» Umgang mit Mobiltelefonen und anderen Bildschirmmedien zeigt sich in der Schule immer wieder – gerade auch in der aktuellen Situation des Fernunterrichts aufgrund der Corona-Pandemie. Einerseits sind hier Bildschirmmedien unumgänglich und wichtige Arbeits- und Kommunikationsmittel, anderseits kann die Benutzung weder von Seiten der Eltern noch von Seiten der Schule wirklich kontrolliert werden. Es gilt deshalb umso mehr, dass der Mediengebrauch immer wieder zum Thema gemacht wird und daneben auch «echte», direkte Kontakte und bewusst medienfreie Zeiten gepflegt werden sollen.

    Eingesandt von Thomas Flückiger, Co-Schulleiter Schule Lachenzelg

  • Rosengarten Flashback

    Das Thema meiner damals nicht veröffentlichten Rosengartenkolumne ist immer noch aktuell. Man muss und darf sich zwischendurch auch mit anderen Gedanken als dem Virus befassen. Deshalb will ich nun darauf zurückkommen. Die folgenden Abschnitte habe ich vor zwei Monaten geschrieben und bis auf ein paar kleine Anpassungen an die aktuellen Umstände unverändert gelassen.

    Die Würfel sind gefallen. Der Rosengartentunnel wird nicht gebaut. Grosser Jubel bei den Gegnern des Projekts, Frustration bei den Befürwortern. Doch die grosse, noch immer aktuelle Frage bleibt im Raum. Was jetzt?
    Bereits bei der Eröffnung der Westtangente 1973 war die Strasse vielen ein Dorn im Auge. Ursprünglich als Provisorium geplant, hat sich der Strassenmoloch als fester Bestandteil des Kreis 10 etabliert. Eine endlose Blechschneise im Herzen von Wipkingen. Mir persönlich war nach der Abstimmung nicht nach Jubeln zumute. Was wurde gefeiert, frage ich mich. Feiern sollte man, wenn man eine von allen Seiten tragbare Lösung für ein Problem gefunden hat. Hier aber wurde die Erhaltung eines Status quo gefeiert, der weder für Gegner*innen noch Befürworter*innen wünschenswert ist.
    Und die Blechlawine rollt weiter – wenn auch gemässigt zurzeit durch die vielen Menschen, welche im Homeoffice bleiben.

    Die Suche nach Alternativlösungen hat unmittelbar anschliessend an das Nein zum Tunnel begonnen. Fakt ist: Das Projekt war definitiv keine tragbare Lösung. Zu gross, zu stark auf die Bedürfnisse der Autofahrer angepasst und zu teuer. Neue Lösungsansätze zielen stärker auf Schadensbegrenzung ab. Es wird über Tempo 30 gesprochen, über Schallschutzmauern, mehr Lichtsignale und zusätzliche Velospuren. Eigentlich scheint mir das sehr vernünftig. Doch wenn ich die Rosengartenstrasse heute betrachte, kann ich mir kaum eine Velospur darauf vorstellen. Ich kann mir mittlerweile auch kaum noch vorstellen, dass es überhaupt irgendwann zu einer Einigung kommen wird. Die Kompromissbereitschaft ist in beiden Lagern zu klein und der Blechstrom auf der Rosengartenstrasse zu gross.
    Für eine Lösung, die alle zufrieden stellen wird, sind die Aussichten düster. Und jetzt sorgt auch noch das Coronavirus dafür, dass alle politischen Debatten eingefroren sind. So stehen nun nach dem heftigen Abstimmungskampf wieder alle am gleichen Punkt. Und auch die wenigen Autos, die zurzeit auf der Rosengartenstrasse rauf- und runterfahren, scheinen wenig beeindruckt von der ganzen Debatte. Es bleibt zu hoffen, dass eines Tages eine Lösung gefunden wird. Zurzeit scheint jedoch sogar eine Lösung für das Coronaproblem weit wahrscheinlicher und greifbarer als eine Lösung für den ewigen Streit um die Rosengartenstrasse.

  • Ein Höngger-Mord erschütterte die Schweiz

    «È morta, è morta! Perché ha dovuto morire?» – Wieso nur musste sie sterben? Francescas Mutter ist aufgelöst, ihr Gesicht wie versteinert. Vater Antonio steht neben seiner weinenden Frau am Grab der toten Tochter. «Mia figlia, mia figlia», flüstert sie immer wieder. Ihr einziges Kind wurde von einem psychisch gestörten Rekruten brutal aus dem Leben gerissen. 800 Trauergäste sind zu Francescas Beerdigung auf den Friedhof Eichbühl in Altstetten erschienen. Kränze und Blumengebinde zieren ihre letzte Ruhestätte. Weisse Blumen, ein einfaches weisses Holzkreuz. Familie, Freunde, Bekannte – sie alle wollen Abschied nehmen von Francesca.

    Am 23. November 2007, um 22.20 Uhr nahm das kurze Leben der 16-Jährigen ein tragisches Ende. Die Lehrtochter mit italienischen Wurzeln wurde vom 21-jährigen Luis W. auf dem Hönggerberg erschossen. Francescas Freund Alex sass neben ihr auf der Bank, als sie von einer einzigen Kugel tödlich getroffen wurde. Jede Hilfe kam für sie zu spät, die Jugendliche starb noch am Tatort. Francesca absolvierte ihre Coiffeur-Lehre in Oerlikon, sie war im zweiten Lehrjahr. Die junge Frau wollte schon seit ihrer Kindheit Coiffeuse werden – sie liebte schöne Frisuren und Stylings. In ihrem Beruf war sie beliebt und erfolgreich, der Betrieb hielt grosse Stücke auf sie.

    Aggressiv und gewaltbereit

    Luis W.s Lebenslauf könnte nicht unterschiedlicher sein. Der gebürtige Chilene wurde von einem Schweizer Paar adoptiert und wuchs in einem gutbürgerlichen Elternhaus in der Gemeinde Islisberg im Kanton Aargau auf. Nachbarn beschrieben den jungen Mann als aggressiv und verhaltensauffällig. Er soll sich früher längere Zeit in der Zürcher Punkerszene am Stadelhoferplatz und am See aufgehalten haben. Er hatte keine Ausbildung absolviert und hielt sich mit Gelegenheitsjobs bei einer Sicherheitsfirma und in einem Callcenter über Wasser.

    Der 21-jährige hatte schon einiges auf dem Kerbholz – während des Weltwirtschaftsforums Ende Januar 2006 explodierte in Zürich ein Molotow-Cocktail im Eingangsbereich der Wirtschaftsförderung Osec an der Stampfenbachstrasse im Kreis 6. Luis W., ein militanter WEF-Gegner, war an dieser Aktion beteiligt. Nur durch Zufall kamen dabei keine Personen zu Schaden. In seiner Freizeit spielte der Soldat Computerspiele mit menschenverachtendem Inhalt. Die Polizei entdeckte in seiner Wohnung diverse Killer- und Kriegsspiele. Während der Rekrutenschule legte er eine Pause ein. Er war in der Artillerie- Rekrutenschule in Bière im Waadtland und die letzten fünf Wochen im Oberwallis. In der RS war der junge Mann jedoch nicht negativ aufgefallen.

    Zur falschen Zeit am falschen Ort

    Am 23. November 2007, jenem tragischen Tag, begann Francesca ihre Arbeit im Coiffeur-Salon morgens um neun. Sie füllte Shampoos und Conditioner auf, bereitete Handtücher vor, begrüsste Kunden, wusch Haare und schaute beim Schneiden und Föhnen zu. Mittags traf sie ihre Freunde, ass etwas Kleines, rauchte Zigaretten. Nach der Arbeit wollte Francesca eigentlich direkt nach Hause, doch ihr Freund Alex rief sie vorher noch an. Die beiden planten, noch auszugehen und verabredeten sich am kalten, regnerischen Novemberabend an der 80er-Haltestelle Hönggerberg und warteten auf den Bus.

    Luis W. befand sich an diesem Abend auf dem Rückweg vom Oberwallis nach Zürich. Gegen halb sieben stieg er in den Zug ein, die Reise nach Zürich dauerte zirka drei Stunden. Vom Hauptbahnhof aus nahm er das Tram Nummer 13 und stieg am Meierhofplatz auf den 80er-Bus Richtung Oerlikon um. Beim Hönggerberg stieg er aus und machte sich zu Fuss zu seinem Zimmer unweit der Bushaltestelle, wo er als Wochenendaufenthalter lebte. Dann geschah das Unfassbare. Er holte eine Gewehrpatrone, die er Wochen zuvor gestohlen hat, lud sein Sturmgewehr und ging zur 400 Meter entfernten grossen ETH-Hinweis-Tafel. Dort brachte er sich in Stellung und nahm sein Opfer ins Visier.

    Nur 80 Meter von Luis W. entfernt sassen Francesca und Alex an der Bushaltestelle. Die beiden waren glücklich, sie freuten sich auf die bevorstehende Geburtstagsparty von Francescas Vater. Dann drückte Luis W. ab. Ein einziger, präziser Schuss traf Francesca in den Oberkörper, sie starb nach wenigen Minuten. Ihr Freund schrie. Alles war voller Blut. Doch für das Mädchen kam jede Hilfe zu spät. Der Heckenschütze begab sich nach Hause, wo er die Waffe reinigte und seine Uniform auszog.

    Zwei Tage nach seiner Tat wurde Luis W. von der Polizei gefasst. Er war aufgefallen, weil er als Schaulustiger kurz nach der Tat zurück an den Tatort kam. Ein Motiv konnte der junge Mann weder in der Untersuchung noch vor Gericht nennen: «Ich weiss es nicht, ich kann es nicht erklären», antwortete er auf die Frage des Richters, warum er die grausame Tat begangen hatte. Das Obergericht verurteilte ihn im August 2009 wegen Mordes zu einer Freiheitsstrafe von 17 Jahren, aufgeschoben zugunsten einer stationären Massnahme in einer geschlossenen Einrichtung. Das psychiatrische Gutachten attestierte dem Angeklagten eine schwere dissoziale und narzisstische Persönlichkeitsstörung. Luis W. muss eine langjährige Therapie machen. Der Gerichtspsychiater schätzte ihre Dauer auf acht bis zwölf Jahre.

    Politische Konsequenzen

    Der tragische Fall zog weitreichende politische Folgen nach sich. Er entfachte die Diskussionen über Waffengewalt und darüber, ob die Sicherheit im Militär ungenügend sei. Der tödliche Schuss gab der jahrelangen Diskussion um die Abgabe der Ordonnanzwaffe an Armeeangehörige und des Aufbewahrens zu Hause wieder Aufwind. Die Initiative «Für den Schutz vor Waffengewalt» der damaligen SP-Nationalräte Chantal Galladé und Daniel Jositsch, welche die Aufbewahrung der Militärwaffe im Zeughaus zum Ziel hatte, bekam dadurch neuen Zuspruch. 2011 wurde sie jedoch mit einer knappen Mehrheit von 56.3 Prozent abgelehnt. Während linke Parteien wie die SP oder die Grünen die Initiative unterstützten, waren die bürgerlichen Parteien dagegen.

    Im Weiteren führte das Militär seit 2011 flächendeckende Sicherheitsprüfungen für alle angehenden Rekruten ein, so genannte Personensicherheitsprüfungen. Junge Schweizer, die wegen eines Verbrechens verurteilt wurden, sollen künftig keine Rekrutenschule mehr absolvieren. So wurden im Jahr 2018 knapp 400 Stellungspflichtige als zu gefährlich erachtet und vom Militärdienst ausgeschlossen.

    Die Serie «Tatort Kreis 10» befasst sich mit Verbrechen oder Unfällen, die sich in Wipkingen und Höngg ereignet haben. Die Redaktion ist offen für Hinweise auf weitere Fälle im Kreis 10 aus der Bevölkerung auf redaktion@hoengger.ch

  • Die Jugend und das Internet, der Umgang mit der digitalen Realität

    Die Jugend und das Internet, der Umgang mit der digitalen Realität

    97 Prozent aller 12- bis 13-jährigen Jugendlichen in der Schweiz besitzen gemäss einer schweizweiten Erhebung zu Jugend, Aktivitäten und Medien (JAMES-Studie, 2018) ein Smartphone. Ab 14 Jahren sind es gar 99 Prozent. Smartphones haben in aller Regel Zugang zum Internet. Diese flächendeckende Verbreitung von Smartphones unter Jugendlichen stellt unsere Gesellschaft vor viele Herausforderungen in verschiedensten Bereichen. Die Jugend muss früh lernen, mit dieser Technologie und den daraus resultierenden Möglichkeiten verantwortungsbewusst und konstruktiv umzugehen. Der kompetente Umgang mit den digitalen Medien ist nun bereits in den Lehrplänen für Primarschulen in Fächern wie Informatik, Medienerziehung und Medienkompetenz integriert.

    Wie werden digitale Medien genutzt?

    Die JAMES-Studie beschäftigt sich intensiv mit dem Verhalten von Jugendlichen und ihren medialen und nonmedialen Freizeitbeschäftigungen. Die beliebteste Freizeitaktivität von Jugendlichen, wenn sie alleine sind, ist die Konsumation von audiovisuellen Medien wie Filmen, Serien, Fernsehen oder Streamingportalen wie zum Beispiel Netflix. Insbesondere die Nutzung von Streamingdiensten hat im Vergleich zu der letzten Studie von 2016 massiv zugelegt. Bei Freizeitaktivitäten gemeinsam mit Freund*innen werden sportliche Aktivitäten noch häufiger angegeben als digitale Medien.
    In Bezug auf die Internetnutzung wird unterschieden zwischen der Nutzung zur Informationsbeschaffung und der Nutzung zur Unterhaltung. Generell verbringen Jugendliche an Wochentagen satte zweieinhalb Stunden pro Tag im Internet. Am Wochenende sind es sogar vier Stunden. Dies sind jedoch nur die Medianwerte mit grosser Streuung, was bedeutet, dass viele Jugendliche entweder weniger oder sogar noch mehr Zeit im Internet verbringen. Zu Unterhaltungszwecken sind soziale Medien der klare Spitzenreiter. Während jedoch die Nutzung von Facebook unter Jugendlichen drastisch abgenommen hat, sind es vor allem Instagram und Snapchat, welche sich grosser Beliebtheit erfreuen.

    Was ist Medienkompetenz?

    Der Überbegriff dieses Fokusthemas ist Medienkompetenz, also der kompetente Umgang von Kindern und Jugendlichen mit digitalen Medien. Das Schulamt der Stadt Zürich hat im Zuge der Anpassung der Lehrpläne an die digitale Herausforderung ein über 50-seitiges Dossier zum Thema Medienkompetenz herausgegeben. Darin wird genau beschrieben, in welcher Form der Umgang mit Medien in das Schulsystem integriert werden sollte. Gemäss dem Dossier setzt sich Medienkompetenz aus drei Teilgebieten zusammen, welche eng miteinander verbunden sind: Medienwissen, Mediennutzung und Medienreflexion.
    Die Grundlage für den Umgang mit Medien bildet das Medienwissen. Hier geht es primär darum, Kindern und Jugendlichen erste Grundkenntnisse zur Medienwelt zu liefern sowie die richtige Handhabung von Geräten.
    Bei der Mediennutzung und Medienreflexion geht es einen Schritt weiter. Bei der Flut an Informationen, die uns täglich überströmt, kann man schnell den Überblick verlieren. Kinder lernen durch die Mediennutzung, dieses riesige Angebot angemessen zu verarbeiten und einzuordnen. Inhalte sollen auf ihren Wahrheitsgehalt oder Nutzen geprüft, verglichen und beurteilt werden. Es geht bei der Nutzung aber auch darum, den individuellen Umgang mit Medien zu erlernen. Genau wie Lesen, Schreiben und Rechnen, sollen Kinder in der Schule auch lernen, mit verschiedensten Medien umgehen zu können.
    Der letzte Bereich der Medienkompetenz ist die Reflexion. Hier geht es vor allem darum, dass reflektiert wird, welche Bedeutung und Auswirkung das Erstellen und Konsumieren von Medien auf das Individuum und die Gesellschaft haben kann. Kinder und Jugendliche sollen also beispielsweise lernen, was ein negativer Kommentar oder eine Beleidigung im Internet auslösen kann. Die Reflexion ist sehr wichtig für den kompetenten Umgang mit Medien, da man sich immer auch bewusst sein muss, was Medien auslösen können.

    Ausblick

    In diesem Fokusthema untersucht der «Höngger» Fragestellungen rund um den Umgang, den Herausforderungen und Problemen, aber auch Chancen für Kinder und Jugendliche im Umgang mit der digitalen Welt. Ein spezielles Augenmerk wird auf das Schulhaus Lachenzelg gelegt. Auch dort ist der digitale Wandel in verschiedenen Formen präsent. Besonders in Schulen wird der Kontrast zwischen den Gefahren digitaler Medien und deren Chancen für das Bildungssystem sehr deutlich. Der Schulleiter des Schulhaus Lachenzelg liefert uns Einblicke in dieses interessante Spannungsfeld.
    Ein weiterer Fokus wird auf das Thema Cybermobbing gelegt. Cybermobbing ist eine der Schattenseiten der digitalen Medien und ist besonders bei Jugendlichen weit verbreitet. Gemäss der JAMES-Studie geben rund 23 Prozent aller Jugendlichen der Schweiz an, bereits erlebt zu haben, dass jemand sie im Internet «fertigmachen» wollte. Der «Höngger» hat sich mit Fachpersonen und Betroffenen gesprochen und das Thema unter die Lupe genommen.