Autor: tka_admin

  • Genossenschaftliches Wohnen im Rütihof

    Genossenschaftliches Wohnen im Rütihof

    Bis in die 70er-Jahre war der Rütihof nicht viel mehr als ein paar Bauernhöfe, bestehend aus einer Handvoll Gebäude, direkt an der Stadtgrenze gelegen, vom Zentrum Hönggs weit entfernt. 1979 aber beschloss der Gemeinderat die Umzonung des Landwirtschaftslandes in Bauland, die grosse Bauphase begann. Diverse Baugenossenschaften liessen sich hier nieder und bilden heute einen grossen Komplex von Siedlungen im gemeinnützigen Wohnungsbau. 

    Vom Bauernhof zur Siedlung

    Zu den ersten, die im Rütihof zu bauen begannen, gehörte die «Allgemeine Baugenossenschaft Zürich» (ABZ). Wie die Präsidentin der Genossenschaft, Nathanea Elte, berichtet, erhielt die ABZ «das Bauland zu Beginn der 80er-Jahre von der Firma Siemens im Tausch gegen zwölf Einfamilienhäuser in Albisrieden.» 1983/84 erstellten die Architekten Schwarzenbach und Maurer das charakteristische hufeisenförmige Gebäude zwischen Rütihof- und Geeringstrasse. Auf sechs Stockwerken beinhaltet es 111 Wohnungen, ein Restaurant, ein Lebensmittelgeschäft sowie einen Coiffeursalon. 1990 konnte auch die Siedlung «Rütihof 2» bezogen werden, bestehend aus einer Häuserzeile mit weiteren 46 Wohnungen, zusätzlichen Gewerberäumen und einem Kindergarten.

    Das Konzept: Wohnen für alle

    Der Name «Allgemeine Baugenossenschaft» beinhaltet bereits das Konzept der 1916 in Zeiten schwerer Wohnungsnot gegründeten Genossenschaft: hier soll jede*r Mitglied werden können. Die Strategie der ABZ, so erklärt es Elte, sei es bis heute, «vor allem denjenigen Wohnungen zu vermitteln, die es sonst schwer haben auf dem Wohnungsmarkt.» Daher finden sich bei der Genossenschaft verhältnismässig viele Mitglieder im niedrigeren Einkommensspektrum.
    Die Wohnungen der Siedlung im Rütihof sind für alle Altersklassen und Familiengrössen konzipiert – von 1.5 bis zu 5.5-Zimmerwohnungen. Bei der Gestaltung der Wohnungen achte die Genossenschaft darauf, «diese möglichst zu optimieren, das heisst, wenig Verkehrsfläche und nicht nutzbaren Raum zu schaffen. Auf aufwändige Details wird zugunsten einer günstigeren Miete verzichtet.»

    Sonnengarten: mehr als 200 Wohnungen

    Eine weitere grosse Genossenschaft, die bereits in den frühen 80er-Jahren im Rütihof Fuss fasste, ist die «Baugenossenschaft Sonnengarten». Diese wurde 1944 mit dem Ziel gegründet, nach dem Krieg in der Stadt für günstigen Wohnraum zu sorgen. 1981 erwarb sie im Rütihof mehrere Parzellen im Baurecht. Die Architekten Guhl, Lechner und Partner entwarfen drei dreistöckige Häuserzeilen, die sich um einen Hof gruppieren.
    In insgesamt drei Etappen wuchs die Sonnengarten-Siedlung mit der Erweiterung um drei lange Häuserzeilen sowie einen würfelförmigen Bau bis Ende der 90er-Jahre schliesslich zu ihrer jetzigen Grösse heran und beherbergt nun neben mehr als 200 Wohnungen auch ein Café, einen Hort, Alters- bzw. Jugendwohnungen sowie eine Töpferwerkstatt.
    Die Wohnungen stellen primär kostengünstigen Wohnraum für junge Familien zur Verfügung. Es befinden sich nur wenige kleinere Wohnungen in der Siedlung, das Gros sind Wohnungen mit einer Grösse von 3.5 bis 5.5 Zimmern. Wichtig sei der Genossenschaft, so Silvia Hochrein, Leiterin Immobilien bei der Baugenossenschaft, dass es «für alle etwas dabei hat. Wir sind primär für Geringverdienende da, achten aber auch auf eine gute Durchmischung. Dies ist uns sehr wichtig.»


    Siedlung Rütihof 1 der Baugenossenschaft Sonnengarten. Die Häuser im Hintergrund gehören zur Baugenossenschaft des Kaufmännischen Verbands Zürich. (Foto: Dagmar Schräder)

    Bauen für den Mittelstand

    Eine sehr lokale Genossenschaft mit einem etwas anderen Background ist die liberale Baugenossenschaft, LBG. Diese wurde 1981 auf Initiative bürgerlicher Politiker*innen aus Höngg und Wipkingen sowie kleiner Gewerbetreibender gegründet. Der gemeinnützige Genossenschaftsbau zu jener Zeit, so erklärt Hans Ueli Affolter, Präsident der Genossenschaft, «war damals eher von biederer Struktur und primär kostengünstig. Dem wollte die LBG etwas Grosszügigeres gegenüberstellen und auch dem Mittelstand erschwingliche Wohnungen zur Verfügung stellen».
    1982 erhielt die LBG eine Parzelle im Rütihof im Baurecht und realisierte 1986 ihr Projekt mit 61 Wohnungen in vier Liegenschaften. Die Siedlung besteht aus einem Rundhaus und drei Reihenhäusern mit Maisonettewohnungen in einem terrassierten Bau, etwas aufwendiger und in den Grundrissen grösser als die Wohnungen der anderen Genossenschaften, dafür aber auch in einem etwas höheren Preissegment. Rund 120 Menschen bewohnen die kleine Siedlung. Während in den Reihenhäusern vorwiegend Familienwohnungen zu finden sind, beinhaltet das Rundhaus kleinere Wohnungen und ist mit einem Lift ausgestattet. 


    In den Hang gebaute Maisonettewohnungen mit grosszügigen Terrassen: die Siedlung der LBG im Rütihof (Foto: Ilias Islam)

    Gemeinschaft gestalten

    Was Genossenschaftssiedlungen ausmacht, ist aber nicht nur der erschwingliche Wohnraum auf Basis von Kostenmieten, sondern auch das Zusammenleben innerhalb der Überbauung. «Wichtig für uns ist das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Siedlung, neben der <Hardware> sozusagen die <Software> der Genossenschaft», erklärt etwa Elte. Schliesslich sind die Bewohner*innen bei ABZ und Sonnengarten nicht nur Mieter*innen, sondern auch Mitglieder und damit Anteilshaber*innen, welche über die Geschicke «ihrer» Genossenschaft mitentscheiden und diese mitgestalten können und sollen.
    Architektonisch versuchen die Genossenschaften mit verschiedenen Mitteln, Gemeinschaft zu fördern und gestalten – etwa über die im Halbkreis angeordneten Eingänge der ABZ-Siedlung, welche in einem Arkadengang rund um den Innenhof liegen und so mehr Begegnungen ermöglichen als Reihenhäuser. Oder die vom Grafiker Hansruedi Scheller mit verschiedenen Farben gestalteten Eingänge, die Identität schaffen und der Orientierung dienen sollen. Sehr wichtig sind auch die von den Bewohner*innen für verschiedenste Anlässe nutzbaren Gemeinschaftsräume sowie flexible Atelier- und Hobbyräume, welche individuell gemietet werden können.
    Ein ganz entscheidender Faktor sind zudem die für alle zugänglichen Aussenräume mit Spielplätzen und Grünanlagen. Hier haben sich die Ansprüche in den letzten vierzig Jahren gewandelt, so dass die Aussenräume bei allen drei Genossenschaften erneuert und neu gestaltet wurden. Bei der BG Sonnengarten wurden etwa die neuen Spielplätze im Mitwirkungsverfahren und unter Beteiligung der hier lebenden Kinder erstellt. Unter dem Motto «Gartenstadt» wird heute versucht, die «Stärken des Standortes mit den Bedürfnissen der Bewohner*innen zu verknüpfen», wie Hochrein erklärt. Auch bei der LGB wurden die Aussenräume aufgewertet. Eine funktionierende Biodiversität steht hier im Fokus, zudem haben sich Bewohner*innen zu einer «Urban Gardening»-Gruppe zusammengetan.


    Der «Raketenspielplatz» in der Siedlung der BG Sonnengarten wurde mit Hilfe der hier wohnenden Kinder entworfen. (Foto: Dagmar Schräder)

    Kleinstadt ohne grosse Infrastruktur

    Doch nicht nur die einzelne Genossenschaft ist für das Gemeinschaftsgefühl entscheidend, sondern auch das Gesamtgefüge des Wohnquartiers. Dieses ist seit den 80er-Jahren stark gewachsen – rund 4000 Menschen leben mittlerweile im Rütihof, Tendenz steigend. Weitere Genossenschaften wie die ASIG sind hinzugekommen, aber auch andere Institutionen sowie zahlreiche private Bauherren. Architektonisch resultiert daraus ein buntes Mischmasch an Stilrichtungen, wie der Architekturführer Zürich feststellt: «Auf die strengen Bauten der ersten Phase folgten die gemütlichen 1980er- und die verspielten 1990er-Jahre – alles in allem ein ziemliches Durcheinander an Stilen».
    Aus städteplanerischer Sicht und nach Ansicht vieler Quartieranwohner*innen ist in diesem «Durcheinander» trotz aller vorhandener Wohnqualität und der grossen Beliebtheit der Wohnlage noch Luft nach oben – vor allem in Bezug auf die Infrastruktur, welche nicht mit dem Quartier mitgewachsen ist. Gleichzeitig erweist sich die Lage für Gewerbe gerade wegen seiner Abgeschiedenheit als nicht ganz einfach – wie etwa das Beispiel des mittlerweile geschlossenen Restaurants Rütihof zeigt. Für die Zukunft und in Hinblick auf weitere geplante Bauprojekte besteht hier noch Optimierungspotenzial – um das Gemeinschafts- und Lebensgefühl innerhalb der «Kleinstadt» noch weiter verbessern zu können.


    Bild aus dem Jahr 1982: das grosse Bauen hat begonnen. (Foto: Archiv Höngger)
  • «Wir brauchen mehr Wertschätzung»

    «Wir brauchen mehr Wertschätzung»

    Er ist bereits seit einigen Wochen Thema im «Höngger»: der Tag der «random acts of kindness» am 17. Februar. Doch was bedeutet eigentlich der Begriff «Freundlichkeit»? Höchste Zeit für eine etwas theoretischere Auseinandersetzung mit dem Thema.
    Die ehemalige Primarlehrerin, Theologin sowie Dozentin für Religion, Kultur & Ethik an der pädagogischen Hochschule, die mit ihrer Reaktion auf den «Höngger»-Leitartikel zum Jahreswechsel («Mehr Äpfel für Höngg») die Auseinandersetzung mit dem Thema überhaupt erst ins Rollen brachte, hat sich mit dem «Höngger» zu einer leicht philosophischen Gesprächsrunde getroffen.

    Frau Bauer, was bedeutet «Freundlichkeit»?

    Ich beschäftige mich gerne mit der Etymologie der Wörter, um zu verstehen, was sie genau bedeuten. Das Wort «freundlich» ist interessanterweise mit dem Wort «frei» verwandt. Freiheit hat etwas mit der Beziehung zu den Nahestehenden zu tun und beinhaltet die Begriffe «schützen und schonen». Frei zu sein bedeutet unter anderem, im «Schutzbereich» derer zu stehen, die einem nahestehen, von diesen geschont und geliebt zu werden. Daraus leitet sich ab, dass auch Freundlichkeit gewissermassen denjenigen zusteht, die einem nahestehen.

    Nett ist man also nur zu denjenigen, die zur eigenen Gemeinschaft gehören?

    Ja, das kann man so ableiten. Und genau hier knüpft mein Anliegen an: eine Kultur der Freundlichkeit zu schaffen, die sich nicht nur auf die eigene Gruppe bezieht, sondern generell gültig ist. Ich würde mir wünschen, dass wir freundlich sein können, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten

    Also vermissen Sie Freundlichkeit hierzulande?

    Ja, ich denke, es mangelt schon ein wenig an Wertschätzung – gegenüber den Mitmenschen ebenso wie gegenüber der Natur. Da könnte sich noch einiges verändern. Gerade zu Beginn der Pandemie hatte ich den Eindruck, es passiere etwas, es gebe eine positive Änderung. Die Leute achteten mehr aufeinander, halfen sich gegenseitig – doch mittlerweile hat sich das eher wieder ins Gegenteil verkehrt.

    Woher kommt dieser Mangel an Wertschätzung?

    Das ist eine grosse Frage. Eigentlich lässt sich das bis zur Renaissance zurückführen. Das «Ich» hat in unserer westlichen Kultur eine sehr grosse Bedeutung. Renaissance und Aufklärung haben das Individuum gestärkt, was für uns sehr viele Vorteile hat – doch das Gemeinwohl ist mit der Zeit ein wenig vergessen gegangen. Dagegen gibt es andere Kulturen und Sprachgemeinschaften, in denen es gar kein Wort für «Ich» gibt.

    Sie sind Theologin. Hat Freundlichkeit etwas mit «Nächstenliebe» zu tun? Oder anders gefragt: brauchen wir mehr Religiosität, um wieder netter zueinander zu sein?

    Für mich ist Freundlichkeit tatsächlich ein Ausdruck von Religiosität. Sprich: wer daran glaubt, dass die Menschen das Abbild Gottes sind, kann eigentlich kein Menschenfeind sein und sollte auch der Schöpfung Achtung entgegenbringen.
    Umgekehrt ist es aber überhaupt keine Bedingung, einer Religion anzugehören, um den Mitmenschen Wertschätzung entgegenbringen zu können. Auch ein Atheist kann natürlich freundlich zu anderen sein.

    Wie schaffen wir es denn konkret, das Gemeinwohl wieder zu stärken?

    Ganz salopp ausgedrückt würde es unserer Gesellschaft meiner Meinung nach helfen, wenn wir etwas ärmer wären. Das würde dafür sorgen, etwas weniger egoistisch zu sein. Nur schon am Beispiel Nahrungsmittel sieht man das: heute können wir uns einen extrem verschwenderischen Umgang mit dem Essen leisten – und schätzen überhaupt nicht, wo es herkommt und was es alles braucht, um die Nahrungsmittel zu produzieren. Unser Umgang mit den Ressourcen ist äusserst egoistisch.

    Was unternehmen Sie persönlich?

    In Bezug auf den Umgang mit unseren Ressourcen versuche ich, möglichst nachhaltig zu leben. Ich bemühe mich darum, möglichst keine Lebensmittel zu verschwenden, sondern alles zu verwenden, was ich im Haus habe. Auch ab und zu mal draussen den Müll aufnehmen, der so rumliegt, ist eine gute Massnahme, um dafür zu sorgen, dass es in der näheren Umgebung etwas schöner ist.
    Gegenüber den Menschen bemühe ich mich um eine zugewandte Haltung – selbst gegenüber denjenigen, die zu mir unfreundlich sind. Auch der Faktor Zeit ist wichtig: sich Zeit nehmen für kleine Begegnungen, Anteil nehmen am Leben der Anderen. Das sind oft ganz kleine Momente, die aber dafür sorgen, dass man sich mit den Mitmenschen viel mehr verbunden fühlt. Das Grossartige an den «acts of kindness» ist, dass sie viral sind. Wenn ich etwas Positives erlebe, bin ich viel mehr bereit, selbst etwas Nettes weiterzugeben. So vermehrt sich die Freundlichkeit. Früher hat man sich mit guten Taten den Einzug in den Himmel verdient. Heute würde ich sagen: mit guten Taten lässt sich zum Himmel auf Erden beitragen.
    Und noch was: mir ist ein bewusster Umgang mit der Sprache sehr wichtig. Mit Worten kann man so viel ausrichten – verletzen oder heilen. Ich habe es in meiner Tätigkeit als Seelsorgerin des Öfteren erlebt, welch positiven Auswirkungen das richtige Wort zur richtigen Zeit haben kann. Gleichzeitig kann man aber auch mit herablassenden, beleidigenden Äusserungen ganz viel zerstören.

    Können Sie uns zum Abschluss noch ein kleines Beispiel für einen «act of kindness» geben? Etwas, das sie besonders beeindruckt hat?

    Vor kurzem habe ich etwas Schönes erlebt. Eine meiner Nachbarinnen, eine ältere Dame, hatte gesundheitliche Probleme und musste ins Krankenhaus. Ich habe sie vor ihrem Haus getroffen, wo sie offensichtlich etwas aufgeregt und verwirrt war und nicht wusste, wie sie dorthin kommt. Ich war leider gerade sehr im Stress und habe mir überlegt, wie ich es zeitlich schaffe, sie ins Spital zu begleiten. Da kamen ein paar Männer vom ERZ vorbei, die gerade auf Entsorgungstour waren. Sie boten dieser für sie wildfremden Frau an, sie mit ihrem Wagen ins Spital zu bringen. Auch wenn sich die Dame schlussendlich doch lieber selbst auf den Weg machen wollte, hat mich diese Geste sehr beeindruckt. Ein selbstloser Akt von Hilfsbereitschaft.

  • Ausmal-Wettbewerb

    Ausmal-Wettbewerb

    Malen tut gut und erfreut sich gerade wieder grosser Beliebtheit. Nicht nur Kinder lieben die Beschäftigung, auch Erwachsene greifen immer öfter zum Farbstift. Dank vorgezeichneten Ausmalbildern hält sich der Frust in Grenzen. Einfach losmalen, abschalten, glücklich sein. Dies ist ein weiterer Teil der Aktion «Mehr Freundlichkeit für Höngg» vom «Höngger».

    Alle dürfen mitmachen

    Einfach Vorlage unten runterladen, ausdrucken und losmalen. Kunstwerk bis zum 17. Februar an Quartierzeitung Höngg, Meierhofplatz 2, 8049 Zürich einsenden. Zu gewinnen gibt es fünf Gutscheine im Wert von je 20 Franken, die in der Buchhandlung Kapitel 10, Limmattalstrasse 197, für ein Buch oder auch für eine Konsumation einzulösen sind.

  • Gesammelte Freundlichkeiten

    Gesammelte Freundlichkeiten

    «Das Glück Deines Lebens hängt von der Beschaffenheit Deiner Gedanken ab», sagte mein Jahreskalender den ganzen Monat Dezember zu mir. Wie wahr, dachte ich oft. Gerade in der kalten und dunklen Jahreszeit, mit Pandemie und sonstigem Stress rundherum, verliert man sich so leicht in negativen Gedanken. Irgendwas läuft schief – und das tut es ja eigentlich immer – und schnell ist alles ganz doof, traurig, schlecht. Murphy’s Law. Alles hat sich gegen mich verschworen. Mein Selbstmitleid ist das einzige, das noch bedingungslos zu mir hält. Wie langweilig.

    Aufs Positive konzentrieren

    Warum nicht also mal gegensteuern? Irgendwas läuft ja auch immer gut, jeden Tag. Jeden Tag begegne ich netten Menschen, erlebe positive Dinge. «Random acts of kindness», «zufällige Freundlichkeitstaten»,  passieren ständig, man muss sie nur sehen. Deswegen also hier ein Protokoll der gesammelten Freundlichkeiten, die mir so im Alltag begegnen – um die Beschaffenheit der Gedanken mal umzupolen.

    Tiere tun gut

    Frühmorgens aus dem Bett schälen. Etwas schwierig im Dunkeln und dann ist es noch so kalt. Egal, da muss ich durch. Die Kinder machen sich für Schule und Job bereit, ich muss erst einmal die Tiere versorgen. Die Reaktion der Tiere auf meinen Besuch ist selbst eigentlich schon ein «act of kindness». Wie sich die beiden Katzen darüber freuen, von mir gefüttert und gestreichelt zu werden, wie fröhlich die Gänse den neuen Tag begrüssen – wer will da Trübsal blasen? Eine erste Spaziergängerin schlendert vorbei, die Katzen eilen zu ihr, um sie zu begrüssen und um ihre Beine zu streichen. Sie freut sich – und äussert die erste positive Bemerkung des Tages: «Es tut mir immer so gut, hier vorbeizukommen und die Tiere zu sehen.»

    Kleine Gesten zählen

    Jetzt aber schnell zurück zu den Kindern. Auf dem Heimweg fährt bei der Bushaltestelle gerade der 46er Richtung Bahnhof ab. Verzweifelt versucht eine ältere Dame, den Bus noch zu erreichen, sprintet und winkt, doch es ist zu spät. Der Bus ist abgefahren. Sie will sich schon ärgern, da hält der Chauffeur in der Kehrschlaufe an und fordert sie auf, einzusteigen. Kleine Geste, grosse Wirkung. Etwas später am Vormittag der Einkauf. In der Schlange ganz vorne an der Kasse ein Kind, das offensichtlich sein Taschengeld in Süssigkeiten investiert. Lauter 10-Rappen-Münzen auf dem Förderband der Kasse, die Kassiererin zählt. Es fehlen 20 Rappen, um die sauren Zungen zu bezahlen. Die Frau hinter dem Kind greift ohne zu zögern in ihr Portemonnaie und bezahlt die fehlenden 20 Rappen aus der eigenen Tasche. Ist ja nix dabei. Doch das Kind strahlt. Überhaupt, das Personal hier im Denner am Meierhofplatz. Das gehört auch zu den positiven Meldungen. Wie freundlich sie ihre Kund*innen bedienen. Da fühlt man sich gleich sehr willkommen. Und genauso freundlich wird man auch von der «Taxi»-Verkäuferin begrüsst, die vor dem grossen Coop ihre Zeitschrift verkauft. Schlechtes Wetter und gestresste Passant*innen scheinen ihr nichts auszumachen – ihre gute Laune ist jedenfalls ansteckend.

    Hilfsbereitschaft im ÖV

    Im Bus das nächste positive Erlebnis:  Eine Frau betritt den Bus, sie hält sich den Schal vor das Gesicht, hat offensichtlich keine Maske und es ist ihr unangenehm. Ein Mitreisender nimmt eine eingepackte Einwegmaske aus dem Rucksack und bietet sie ihr an. Erleichtert nimmt sie sie an, kann aber im Stress die Verpackung nicht aufreissen. Verzweifelt reisst sie am Plastik. Ihre Nachbarin nimmt ihr die Maske aus der Hand und befreit sie aus der Verpackung.

    Beeindruckende Grosszügigkeit

    Abends steht ein Essen mit einer guten Freundin in einem thailändischen Restaurant in der Umgebung auf dem Programm. Gut gespiesen und sogar für die Kinder noch etwas im Take-away mitgenommen. Beim Bezahlen zähle ich auf, was ich alles konsumiert habe. Der Wirt unterbricht und sagt: «Also, dieses Getränk kann ich hier beim besten Willen auf der Rechnung nirgends finden. Das ist wohl vergessen gegangen», ergänzt er augenzwinkernd, verrechnet den geringeren Betrag und weigert sich zudem noch, die Höhe meines Trinkgelds zu akzeptieren.

    Nettigkeit ist ansteckend

    Auch wenn die oben geschilderten Beispiele zugegebenermassen nicht wirklich alle am selben Tag passiert sind, sondern der Dramaturgie willen etwas zusammengerafft erzählt wurden – sie sind alle wahr. Und sicher könnte ich noch unzählige weitere solcher kleinen netten Geschichten erzählen, wenn ich sie nicht vergessen hätte, weil ich zuweilen zu sehr damit beschäftigt war, mich auf das Negative zu konzentrieren. Dabei wäre es doch so einfach. Ich nehme das Erlebte als Anstoss. Werde mich gleich morgen mit einer kleinen Geste revanchieren – völlig egal, bei wem. Hauptsache nett sein. Kostet nix, tut gut und wirkt ansteckend.

  • Komplimente-Zentrale

    Komplimente-Zentrale

    Sie möchten jemandem schon lange ein Kompliment machen? Oder sich bedanken? Der «Höngger» bietet Ihnen die Gelegenheit. Einfach das kurze Formular weiter unten ausfüllen und abschicken.

    Wir drucken die Komplimente in den nächsten Ausgaben des Höngger und veröffentlichen sie hier auf der Webseite.

  • Gesammelte Komplimente und Dank

    Gesammelte Komplimente und Dank

    Sie möchten sich und jemand anderem eine Freude machen? Nichts einfacher als das. Hier geht es zur Komplimente-Zentrale. Hinterlassen Sie Ihr Kompliment oder Ihren Dank, wir rufen es für Sie in die Welt. Nur Mut, es tut gut!

  • Mehr Freundlichkeit für Höngg

    Mehr Freundlichkeit für Höngg

    Gleich zum Jahresbeginn erhielt die Redaktion eine schöne Nachricht einer Leserin. Sie bedankte sich für den Frontartikel «Mehr Äpfel für Höngg». Äpfel seien tatsächlich gut für das Wohlbefinden, was für die Gesundheit der Gesellschaft jedoch noch wirkungsvoller wäre, ist Freundlichkeit zu verschenken: «Die Journalistin Meike Winnemuth schreibt, dass kleine Akte der Freundlichkeit, für die man keine Gegenleistung erwartet, viral – das heisst ansteckend – wirken!», schreibt sie. Auch der Kolumnist Harald Martenstein thematisiert im «Zeit Magazin» die Freundlichkeit, und schreibt davon, dass manche Menschen oder gar Berufsgattungen von einer neuen Unfreundlichkeit erfasst würden. «Ein <Bitte>, ein <Danke> und ein nicht ganz so schnarrender Ton wären aber mit den Regeln ohne Weiteres vereinbar, sie stimulieren das Virus bestimmt nicht», sagt er. Und: Dass ein neues Zeitalter des Verzichts ausgerechnet mit dem Verzicht aufs Nettsein eingeleitet wird, ist allerdings eine böse Überraschung». Beiden Autor*innen kann der «Höngger» nur beipflichten.

    Die Idee an sich ist nicht neu, es existiert sogar ein «Tag der spontanen Nettigkeit», oder eben «Random Acts of Kindness», der 2005 von Neuseeländer*innen Josh de Jong, Marshall Gray, Megan Singleton und Reuben Gwyn ins Leben gerufen wurde. Dieses Jahr findet er am Donnerstag, 17. Februar, statt. Mittlerweile rufen weltweit verschiedene Bewegungen zu mehr Freundlichkeit im Umgang miteinander auf. Dabei berufen sie sich auf psychologische Studien, die belegen, dass das Äussern von Komplimenten und freundlichen Worte nicht nur einen positiven Effekt auf die Empfänger*innen, sondern auch auf die Sender*innen hat. Es kann sogar eine Kettenreaktion auslösen. Mehr Gründe braucht der «Höngger» nicht, um eine Aktion zu starten.

    Komplimente: Der einfachste Weg, jemandem eine Freude zu machen

    Wer sich einige Zeit im englischen Sprachraum aufhält und in die Schweiz zurückkehrt, muss feststellen: Irgendwie tun sich die Schweizer*innen – oder sind es nur die Zürcher*innen? – etwas schwer damit, grundsätzlich freundlich zu sein. Nicht, dass sie rüpelhaft oder aggressiv wären. Die Grundstimmung ist eher, sagen wir, zurückhaltend bis argwöhnisch. Mit Komplimenten ist man geizig. Einen netten Gedanken auszusprechen, kostet viel Überwindung. Ein freundlicher, spontaner Austausch mit einer fremden Person ist schwierig, vielleicht weil man befürchtet, damit bereits irgendeinen verbindlichen Vertrag mit ihr einzugehen. Manchmal erhält man auch den Eindruck, die Eidgenoss*innen würden anderen das Glück neiden, was auch dazu führt, dass man die eigene Freude nicht an die grosse Glocke hängt. Das ist natürlich etwas grob über einen Kamm geschert. Doch ganz abstreiten lässt es sich wohl nicht. Dabei figuriert «Freundlichkeit» in der westlichen Gesellschaft unter den meistgeschätzten Charaktereigenschaften, die Menschen haben können. Es könnte so einfach sein, anderen – und sich selbst – eine Freude zu machen. Man müsste sich einfach etwas locker machen. Und eine Gelegenheit wahrnehmen. Zum Beispiel das nächste Mal, wenn man denkt: «Diese Frau ist schon unglaublich clever», diesen Gedanken auch aussprechen, ganz sec, ohne grosses Aufheben. Oder den Nachbarn mit den schönsten Blumen im Quartier für seinen grünen Daumen loben. Oder dem freundlichen Verkäufer an der Kasse «Grüezi» und «Danke» sagen und ihm einen schönen Tag wünschen. Oder der Chefin mal sagen, dass sie einen super Job macht. Oder, oder, oder. Kleiner Aufwand, grosse Wirkung.

    Weitere Gesten der Freundlichkeit

    Es gibt im Internet ganze Bibliotheken mit Tipps, wie man anderen eine spontane Freude bereiten könnte. Aus Italien kommt zum Beispiel die Tradition des «Caffé sospeso», eines «aufgehobenen Kaffees». Bereits seit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert soll dieser Brauch bestehen, bei dem ausser dem eigenen Kaffee noch ein weiterer bezahlt wird, der an Bedürftige ausgeschenkt wird. Dieser spendierte Kaffee könnte aber auch einfach an die nächste Person gehen, die das Café betritt. Wer noch auf der Suche nach Ideen ist, könnte zum Beispiel der Nachbarin die Einkäufe in den dritten Stock tragen, dem Nachbarn die Türe aufhalten, jemanden in der Schlange den Vortritt lassen – alles Kleinigkeiten, die aber aus einem negativen einen positiven Tag machen können. Auch das Nachzahlen einer abgelaufenen Parkuhr oder das Liegenlassen des Rückgeldes im Bilettautomaten können freundliche Gesten sein. Die Möglichkeiten sind unzählig, man muss sie nur ergreifen. Der «Höngger» möchte Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, im Rahmen der Zeitung eine solche Möglichkeit bieten. Wem möchten Sie schon lange ein Kompliment machen? Oder einfach einmal Danke sagen und wofür? In den kommenden zwei Ausgaben werden wir Ihre Komplimente und Dankeschöns im «Höngger» publizieren. Ausserdem werden wir uns weitere Möglichkeiten überlegen, wie wir gerade in dieser Zeit etwas mehr Freundlichkeit ins Quartier bringen können. Haben Sie Ideen? Melden Sie sich, siehe Infobox. Wir freuen uns, von Ihnen zu hören!

    Komplimente-Zentrale

    Wem wollten Sie schon lange ein Kompliment machen? Schreiben Sie es uns auf redaktion@hoengger.ch, via facebook oder auf eine Postkarte an die Adresse Quartierzeitung Höngg, Meierhofplatz 2, 8049 Zürich.

  • Ein architektonischer Rundgang

    Ein architektonischer Rundgang

    Neujahrsspaziergänge sind eine schöne Tradition. Warum also nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und bei einem Spaziergang gleich noch etwas über die Architektur in Höngg lernen? Die Höngger Architektin Regula Wüst hat sich die Zeit genommen, dem «Höngger» auf einem Rundgang durchs Quartier einige ihrer Lieblingshäuser zu zeigen und zu erklären, warum diese Gebäude sie besonders faszinieren.

    Nachhaltiges Bauen

    Die Runde startet an diesem frostig kalten Samstagnachmittag im Rütihof. Hier, ganz oben an der Hurdäckerstrasse, oberhalb des alten Dorfkerns, liegt die Überbauung «Sunny Woods» des Architekturbüros Kämpfen Zinke + Partner AG. «Diese 2001 fertiggestellte Überbauung im Minergie-Standard fasziniert mich, weil sie zu einer Zeit erbaut wurde, als es noch gar nicht üblich war, in diesen Standards zu bauen», erklärt Wüst. Der Holzbau ist mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach ausgerüstet sowie mit Röhrenkollektoren, die die Balkongeländer bilden und für die Warmwasserbereitung zuständig sind.» Tatsächlich war es bei der Erstellung sogar das erste Mehrfamilienhaus der Schweiz, dem ein Nullheizenergiekonzept zugrunde lag. Die sechs zweigeschossigen Wohnungen haben jeweils den Charakter von Einfamilienhäusern, jede Wohnung hat durch Terrassen oder Balkone Zugang zum Aussenraum. «Mir gefällt der Bau zudem, weil er sich architektonisch gut in den alten Dorfkern einfügt. Das Holz altert auf natürliche Weise und behält so seinen lebendigen Charakter.»


    Schön gelegen und nachhaltig: Sunny Woods im Rütihof (Foto: Dagmar Schräder)

    Zeuge der Moderne

    Und weiter geht’s. Vorbei an den Gebäuden der Wohngenossenschaft «Kraftwerk», die für Wüst ebenfalls zu den interessanten Häusern gehören, jedoch an anderer Stelle noch ausführlicher thematisiert werden sollen, zum Schulhaus Riedhof. «Das Riedhof hat es mir sehr angetan», erklärt sie ihre Auswahl. «Hier wäre ich als Kind selbst gerne zur Schule gegangen. Die Lage direkt im Hang mit Blick über die Stadt und das Limmattal ist einmalig. Die langgezogenen, aber relativ niedrigen Körper und die Anordnung der Gebäude mit den verschiedenen Ebenen und Terrassen erscheinen mir sehr kindgerecht. Auch von innen ist der Bau durchdacht, mit kleinen Arbeitsnischen auf den Korridoren und Oberlichtern, die für Helligkeit sorgen.» Erstellt wurde das Gebäude in den frühen 60er-Jahren, Erstbezug war 1963. Architekt war Alfred Roth, ein wichtiger Vertreter der Moderne und des «neuen Bauens» und während einiger Jahre Mitarbeiter des berühmten Architekten Le Corbusier.


    Schulhaus Riedhof: Hier wäre die Architektin gerne noch einmal Schülerin. (Foto: Dagmar Schräder)

    In die Umgebung einfügen

    Die nächste Station ist wieder eine Wohnanlage, direkt neben dem Oberstufenschulhaus Lachenzelg an der Imbisbühlstrasse gelegen. Es handelt sich um ein neueres Mehrfamilienhaus der Architekten Gmür & Steib , 2008 realisiert. Das Gelände sei relativ schwierig zu bebauen gewesen, so Wüst, da es sich um ein sehr tiefes Grundstück gehandelt habe. So ist jetzt auch der Grundriss des Gebäudes mit einer Tiefe von 30 Metern nicht ganz alltäglich geworden. «Diese Besonderheit macht den Grundriss sehr interessant und führt zu ausserordentlich grosszügigen Wohnräumen – hat aber auch einen Nachteil: es ist nicht ganz einfach, für genügend Lichteinfall zu sorgen – insbesondere im Erdgeschoss», erläutert Wüst. Die Räume sind daher mit drei Metern sehr hoch gestaltet, um noch mehr Licht «einzufangen». Während das Haus auf der Vorderseite einen einheitlichen Riegel darstellt, weist der Grundriss zudem auf der Rückseite Vorsprünge auf, die durch weitere Ecken und Fensterfronten ebenfalls für besseren Lichteinfall sorgen.


    Tiefe Räume und hohe Decken sind charakteristisch für die Überbauung an der Imbisbühlstrasse. (Foto: Dagmar Schräder)

    Auch Beton hat ein Leben

    Bei der Siedlung Jakobsgut an der Limmattalstrasse schliesslich gerät Wüst ins Schwärmen. «Hier, direkt neben dem Tramdepot Wartau habe ich selbst mal gewohnt und war sehr zufrieden. Ich könnte mir durchaus vorstellen, zu einem späteren Zeitpunkt wieder in eine dieser Wohnungen einzuziehen.» Die Siedlung, bestehend aus zwei Riegelbauten und einem Punktbau, ist fast genauso alt wie das Schulhaus Riedhof und wurde zwischen 1966 und 1968 von Otto Glaus und Ruedi Lienhard erbaut. Auch diese beiden Architekten orientierten sich in ihrer Bauweise an Le Corbusier, Otto Glaus arbeitete vor seinem Studium im Atelier von Le Corbusier. So sind sämtliche Abmessungen der Gebäude genau nach dem für Corbusier bekannten Masssystem, dem «Modulor» konzipiert. Dabei werden für ein natürliches Wohngefühl Längenmasse und -verhältnisse entwickelt, welche sich ausschliesslich auf den Goldenen Schnitt und aus Proportionen des menschlichen Körpers beziehen. «Die Wohnungsgrundrisse sind sehr spannend, die Wohnungen lichtdurchflutet. Zur Auflockerung trägt auch der grüne Innenhof bei, der sich zwischen den drei Gebäuden befindet», erläutert Wüst. Das Besondere an dieser Siedlung aber, so Wüst, sei die spielerische Verwendung des rohen Betons als Baumaterial. «Basierend auf dem internationalen Brutalismus entwickelte sich in der Schweiz eine plastische Tendenz in der Architektur, welche in diesem Projekt besonders gut zu erkennen ist. Überall ist die Fassade von Balkonen, kleinen Vorsprüngen und ausgestalteten Ecken durchsetzt, jedes Element ist anders geformt. Diese Häuser sind aus meiner Sicht wirklich einmalig. Heute wäre so eine Bauweise unbezahlbar.» Und auch wer sich auf den ersten Blick nicht für den rohen Beton begeistern kann, muss auf den zweiten Blick erkennen, dass die Fassaden dieser Häuser keineswegs kalt und roh wirken. Auf dem Beton ist noch die Holzmaserung der Schalungsbretter zu erkennen, mittels derer die Betonwände gegossen wurden – der Rohstoff wirkt so sehr natürlich.


    Roher Beton mit viel Liebe zum Detail bei der Siedlung Jakobsgut. (Foto: Dagmar Schräder)

    Ein transparentes Haus

    Zum Abschluss des lehrreichen Spaziergangs, der nun schon fast zwei Stunden dauert, hat sich Wüst noch eine letzte Überbauung ausgesucht. Die Siedlung «Neuhaus» liegt an der Riedhofstrasse und ist wieder etwas neueren Datums. Zwischen 1998 und 2001 erstellte das Architekturbüro Frei/Ehrensperger die auffallenden Häuser mit der roten Klinkerfassade. «Die beiden Architekten lassen sich bei ihren Projekten gerne von asiatischen Bauweisen inspirieren», erklärt Wüst, die selbst einige Jahre in dem Büro beschäftigt war. Spannend sei dabei etwa die Ausgestaltung der Wohnungen, bei deren Grundrissen sich die Zimmer jeweils um einen relativ breiten Korridor gruppieren, der so fast wie ein eigenes Zimmer genutzt werden kann. «Transparenz» ist im Zusammenhang mit der Siedlung ein weiteres wichtiges Schlagwort: Die Architekten arbeiteten bei dem Bau mit sehr viel Glas, nicht nur durch grosse Fensterfronten, sondern auch durch transparente Raumteilungen. So entstehen immer wieder neue Sichtbezüge, zum Beispiel ist die Küche durch eine Scheibe vom Wohnraum abgetrennt, auch das Reduit weist eine Glastüre auf. Von aussen lässt sich dadurch via Küchenfenster quasi einmal quer durch die ganze Wohnung schauen.


    Die Siedlung Neuhaus fällt durch ihre rote Klinkerfassade auf. (Foto: Dagmar Schräder)

    Gelungene Integration

    Diese Überbauung, so Wüst, sei für sie – ähnlich wie auch der nachhaltige Bau Sunny Woods im Rütihof oder die Gebäude an der Imbisbühlstrasse – ein gutes Beispiel dafür, wie auch grössere Bauten mit verdichteter Bauweise harmonisch in bereits bestehende Quartierstrukturen eingefügt werden können – selbst in Gebieten, wo traditionellerweise sonst eher kleine Einfamilienhäuser zu finden sind. «Das», so Wüst, «gelingt leider auch hier in Höngg allzu oft nicht.»

  • Apotheke Wipkingerplatz zieht an den Röschibachplatz

    Im Hinblick auf seine Pensionierung führte der Inhaber der Apotheke Wipkingerplatz Dieter Hägi seit geraumer Zeit Gespräche mit der Medbase Gruppe. Sein Ziel war, seinen Kundinnen und Kunden auch zukünftig Zugang zu einer in Wipkingen ansässigen Apotheke zu ermöglichen. «Ich bin erleichtert, dass meine Kundinnen und Kunden weiterhin in einer Apotheke mit einem breiten Produkt- und Dienstleistungsangebot im Quartier beraten werden», meint Dieter Hägi.

    Auch Medbase freue sich, dass Dieter Hägi entschieden hat, seine Apotheke mit der Medbase Apotheke Zürich Rotbuch zusammenzulegen, ist einer Medienmitteilung der Medbase Gruppe zu entnehmen. «Damit können wir unsere Apotheke in Wipkingen stärken und der Bevölkerung weiterhin umfassende Dienstleistungen anbieten», sagt Peter Lüscher, Leiter Medbase Apotheken AG. 

  • Der Dorfplatz, der nie einer war

    Der Dorfplatz, der nie einer war

    Am Meierhofplatz sind ganz unterschiedliche Architekturstile vertreten. Ein Gebäude sticht in seiner Andersartigkeit jedoch besonders heraus: die Überbauung Zentrum Höngg, im Quartier besser bekannt als das «Rebstock-Gebäude». In den Jahren 1960 bis 1962 liess der Metzgermeister Heinrich den Neubau von den Architekten Hans Litz und Fritz Schwarz als eine Art alternatives Dorfzentrum errichten. Einst beherbergte es neben der Metzgerei und verschiedenen Geschäften auch ein Kino, eine Tankstelle, eine Bankfiliale und ein Restaurant. Sogar die Polizei war darin untergebracht. In den oberen Stockwerken fanden – wie heute noch – Wohnungen, Praxen und Büros Platz.

    Zeuge einer Zeit vor dem Umbruch, der nicht kam

    Um zu verstehen, wie es zu diesem ungewöhnlichen Bau kommen konnte, ist es nützlich, sich mit den zu dieser Zeit diskutierten Plänen der Verkehrsentwicklung auseinanderzusetzen. In den 60er Jahren träumte die Stadt Zürich von einem mehrspurigen Verkehrssystem und einem grossangelegten Einkaufsgebiet. Bereits 1959 war eine neue Baulinienverordnung in Kraft getreten, welche eine Verbreiterung der Regensdorfer- und Limmattalstrasse ermöglichen sollte, denn die Verkehrsverhältnisse liessen schon damals zu wünschen übrig. Diese Verschiebung der Baulinie zu Gunsten der Strasse hatte zur Folge, dass alle an den beiden Strassen liegenden Grundstücke angeschnitten und so jegliche Weiterentwicklung des Zentrums verhindert wurde. Denn wer ein altes Gebäude abriss, konnte das neue nicht mehr so nahe an die Strasse bauen. Der Abbruch des Gesellenhauses «Rebstock» am Meierhofplatz und die Errichtung einer Zentrumsüberbauung könnten als ein erster Schritt in Richtung mehr Strasse, weniger Platz verstanden werden oder wie im Quartierspiegel der Stadt zu lesen ist: «Man ging seinerzeit davon aus, dass die Limmattalstrasse vierspurig geführt werde, wozu man 30 Meter Strassenraum benötigte. Die Öffnung der Strasse am Meierhofplatz war also nicht als Andeutung eines Platzes gedacht, sondern als Vorwegnahme einer Hochleistungsstrasse».

    Alternatives Zentrum

    Architekt Peter Keller, wohnhaft in Höngg und lange an der ETH Hönggerberg berufstätig, interpretiert die Entscheidung des Eigentümers, dieses Haus so zu bauen, anders. Auf einem Spaziergang erläutert er seine Überlegungen: «Anfang der 60er Jahre, als alles durch diese Bauzonenordnung blockiert war und man nicht wusste, wie sich das Zentrum tatsächlich weiterentwickeln würde. Der Bau war in dieser Situation ein Befreiungsschlag. Statt auf ungewisse Entwicklungen in der Nachbarschaft zu warten, wurde selbstbewusst ein Dorfzentrum mit vielen verschiedenen Funktionen um einen innenliegenden Dorfplatz gebaut. Das Traurige ist, dass diese Idee offenbar nicht lange tragfähig war. Der innenliegende Dorfplatz wurde zum innenliegenden Hinterhof». Das darin untergebrachte Restaurant Rebstock orientierte sich von der Strasse weg zum Innenhof hin und hatte keinen Bezug zum Aussenraum. Nur das Fenster der Küche ging auf den Platz hinaus. Darunter befand sich die Kegelbahn. «Neben dem Kino und der Tankstelle war in diesem Gebäude eigentlich alles untergebracht, was man auch in einem Ortszentrum finden würde», meint Keller.

    Die Fassade spiegelt die Funktion

    Der Blick von der Tramhaltestelle Meierhofplatz stadteinwärts her verrät einiges über den inneren Aufbau des Gebäudes. Die differenziert gestaltete Fassade, die Fensterdimensionen und -verteilung, Erker und Balkone weisen, auch nach der Renovation in den 80er Jahren, auf die Funktionen der dahinterliegenden Räumlichkeiten. Der Treppenturm hebt sich durch die kleinen quadratischen Fenster und dem etwas dunkleren Farbton von der restlichen Fassade ab. Das Parterre weist durchgehend Schaufenster aus, durch die man ursprünglich bis in den Innenhof blicken konnte. Diese gewollte Transparenz ging vollständig verloren, die Sicht ist heute durch Wände und Gestelle in den Läden blockiert. Im ersten Obergeschoss befinden sich die Büros. Die Laubengänge vor den zurückversetzten Wohnungen in den oberen Geschossen schützen vor dem Strassenlärm. Alles ist durchdacht, nichts wurde dem Zufall überlassen oder blossem Formalismus geopfert. Es ist ein Paradebeispiel für das Credo der Moderne: Form follows function.

    «Hier wurde noch etwas gestaltet»

    Über eine Treppe im Innenhof gelangt man in ein Obergeschoss. Eine Laube führt rundherum, der Blick in den Hof ist teilweise von einem Vordach verdeckt. Hier sind Wohnungen und Praxen untergebracht. Mit Interesse studiert Keller die Brüstung und Vorrichtungen, entdeckt eine Dachterrasse, die von der Strasse aus gar nicht sichtbar ist. Im Treppenhaus gerät der Architekt ins Schwärmen: Hier ist die ursprüngliche Farbe der Fensterrahmen – ein dunkles Blau – noch sichtbar. Auch der Liftturm ist mit dunkelblauen Fliessen bekleidet, darin eingelassen sind Licht-Quader. Ein Teil der Stufen sind in Original-Terrazzo-Stein belassen. «Hier hat noch jemand gestaltet», meint er anerkennend. Das Treppengeländer ist nicht mehr ursprünglich, sondern musste aus Sicherheitsgründen mit zusätzlichen Verstrebungen ergänzt werden. Da komme man heute nicht mehr drumherum, meint Keller nur.
    Es schmerzt den Architekten etwas, dass bei den Renovationen im äusseren Bereich nicht sorgfältiger mit der Architektur umgegangen wurde. So gab es früher beim Durchgang zum Innenhof noch zwei kleine Vordächer. Die gegenüber dem Original zu wenig differenzierte Farbe der Fassaden sind Ausdruck mangelnder Sorgfalt. Auch der nachträglich montierte Abluftkanal hätte etwas sensibler gestaltet werden können. Was die ursprüngliche Idee jedoch am stärksten verändere, sei die blockierte Transparenz im Parterre, die das Gebäude abweisend wirken lässt, wie Keller findet. Dabei ist er kein Bewahrer – im Gegenteil, eigentlich interessieren ihn vor allem Gebäude, die sich verändern lassen. «Bei einem klaren Stil wie der Moderne ist das natürlich schwieriger, da kann man schnell etwas kaputt machen», meint er. Diese klassischen Werke hätten schnell etwas Museales, während die anonymere Architektur den Gang der Zeit reflektiert. Die Balkone, die auf der westlichen Seite des Gebäudes montiert wurden, stören ihn deshalb nicht, «Balkone sind wichtig, denn sie steigern die Lebensqualität», meint er. Auch dem Meierhofplatz, diesem «Verkehrsunfall», kann er Sympathien abgewinnen: «Das Trottoir zwischen Kiosk und Denner erinnert an einen Boulevard in Paris. Dort findet man Cafés gleich neben lärmigen Strassen – und sie sind stets gut besucht.» Das könnte er sich auch am Meierhofplatz vorstellen. «Die Lage mag nicht sehr idyllisch sein, aber immerhin halten sich hier Menschen auf.» Darum geht es beim Planen und Bauen doch auch: um Menschen.

    Grundsätzliche Überlegungen einfliessen lassen

    Vielleicht liegt hier die Problematik dieses Gebäudes. Ein Ort lebt dort, wo sich Menschen aufhalten oder sogar aufhalten müssen, an der Bushaltestelle, auf dem Markt, am Bahnhof. Sie dazu zu erziehen, sich an einem ihnen zugewiesenen Ort aufzuhalten, ist schwierig. Das lässt sich gut bei Fussgängerführungen, die nicht den kürzesten Weg berücksichtigen, beobachten: Nicht lange und es bildet sich ein Pfad neben dem vorgesehenen Weg, den die Menschen stattdessen wählen. So ähnlich muss es auch mit dem Innenhof verlaufen sein: Die Leute wollten ihn sich schlicht nicht aneignen. Da übt Keller durchaus Selbstkritik: «Wir Planer und Architekten glauben immer zu wissen, was die anderen wollen. Danach kommt der grosse Katzenjammer, wenn sich die Menschen nicht so verhalten, wie wir das angenommen haben. Und dann gibt es eben plötzlich eine Gitterabsperrung, die in der Nacht heruntergelassen wird, weil sich die Leute aus anderen Gründen im Innenhof aufhalten, als angedacht war.» Ist die Geschichte dieses Gebäudes damit schon zu Ende erzählt? Wie könnte der Innen- und Aussenraum in Zukunft genutzt werden? Vielleicht bringt die Zukunft neue Antworten auf alte Fragen. Der «Höngger» kommt sicherlich wieder darauf zurück.