Das Knabenschiessen dürfte in seiner Art einmalig sein: Nicht nur, dass rund 4500 Kinder zwischen 13 und 17 Jahren für den traditionellen Wettkampf erwartet werden, sondern auch, weil es möglich ist, eine solche Anzahl Jugendlicher friedlich mit Waffen und Munition für das Punktemaximum schiessen zu lassen.
«Ich glaube nicht, dass es irgendwo auf der Welt eine vergleichbare Veranstaltung gibt», sagt Roland Spitzbarth, Präsident der Schiessplatzgenossenschaft Höngg. Er betont, dass das Knabenschiessen Jahr für Jahr ohne Unfall abläuft. «Das belegt den sehr hohen Sicherheits-Standard, der im schweizerischen Schiesswesen herrscht.»
Doch es ist nicht nur der Wettbewerb: Fast «nebenbei» wird im Albisgüetli die grösste Chilbi der Schweiz auf die Beine gestellt. Laut Spitzbarth sei eine Heerschar von Freiwilligen unter der Leitung der Schützengesellschaft der Stadt Zürich für das Gelingen des Schützenfestes beteiligt. «Für einige ist der Einsatz am Knabenschiessen das Highlight in ihrem Jahresablauf.»
Zuerst wird geübt
Um den Schützenkönig 2022, Nils Oliver Stolz, zu beerben, benötigt es Übung: Zur optimalen Vorbereitung bietet das Schiesssport Zentrum Hönggerberg ein öffentliches Training am Mittwoch, 6. September, an. Geübte Schütz*innen aus vielen Vereinen unterweisen die Jugendlichen geduldig in die Handhabung des Gewehrs. Geschossen wird das Knabenschiessenprogramm: Fünf Schüsse für fünf Franken. Die Scheibe ist in sechs Kreise eingeteilt. Zusätzlich gibt es für jeden Scheibentreffer einen Punkt. Das ergibt ein Maximum von 35 Punkten.
Beim Probetraining darf mehrfach geschossen werden, man muss aber bei jeder Wiederholung für ein neues Standblatt anstehen, um Ungerechtigkeiten zu vermeiden.
Es ist Montagnachmittag, die zweite Woche der Sommerferien ist gerade angebrochen. Viele der Zürcher Schüler*innen befinden sich nun in den Ferien, irgendwo am Strand, weit weg von der Schule und all dem, was sie dort zu lernen haben. Bloss keinen Gedanken mehr verschwenden an Deutsch, Mathematik – oder gar Chemie.
Ganz anders geht es da den 348 Jugendlichen aus der ganzen Welt, die an diesem Nachmittag den grossen Saal in der Tonhalle bevölkern. Sie gehören zu den Teilnehmenden der Chemie-Olympiade, die vom 16. bis zum 25. Juli unter dem Motto «Let’s find solutions together» an der ETH Zürich Hönggerberg durchgeführt wurde. In Viererteams aus 89 verschiedenen Nationen sind die Jugendlichen angereist und sind in der «olympischen Disziplin» Chemie gegeneinander angetreten. Dazu haben sie je eine fünfstündige praktische und theoretische Prüfung absolviert.
Nun steht die Abschlussveranstaltung in der Tonhalle auf dem Programm. In den nächsten zwei Stunden werden die Jugendlichen erfahren, wie sie beim Wettbewerb abgeschnitten haben und ob sie es in die Medaillenränge geschafft haben. Spannung liegt in der Luft, es herrscht ein buntes Gewusel und Sprachenwirrwarr. Viele der Jugendlichen haben sich in der traditionellen Tracht ihres Landes gekleidet. Aufgeregt schwenken sie die kleinen Fähnchen, die Aufschluss über ihre Herkunft geben und können es kaum erwarten, ihre Trophäen entgegenzunehmen.
Dabeisein ist alles
Bereits seit 1968 wird dieser wissenschaftliche Wettkampf alljährlich durchgeführt, jedes Jahr ist ein anderes Land Gastgeber. Bei dieser 55. Ausgabe der Olympiade feiert die Schweiz nun ihre Premiere als Gastgeberin. Organisiert wird der Anlass von der ETH Zürich, dem Verband Wissenschafts-Olympiade, dem Verein Schweizer Chemie-Olympiade und der Swiss Chemical Society, finanziell unterstützt vom Bund, privaten Sponsoren und Stiftungen.
Teilnahmeberechtigt sind Schülerinnen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren. Um an der Olympiade partizipieren zu können, müssen sich die Teilnehmenden zunächst in den nationalen Ausscheidungen qualifizieren. Die vier besten Schülerinnen jedes Landes stellen dann die Landesdelegation, die gemeinsam zur Olympiade reisen darf, begleitet und unterstützt von zwei Lehrerinnen und Coaches.
Das Ziel der Olympiade ist dabei nicht nur der Wettbewerb selbst, sondern auch, das Interesse der jungen Wissenschaftlerinnen zu wecken, aktuelle chemische Probleme zu lösen. Und selbstverständlich steht zudem der internationale Austausch und Kontakt zu Schüler*innen ganz anderer Kulturkreise im Fokus des Programms.
Schlauer als die Professoren
Die Abschlussveranstaltung beginnt. Professorin Helma Wennemers und Professor Wendelin Stark von der ETH Zürich begrüssen die Teilnehmenden. Stark, selbst ehemaliger Teilnehmer, zeigt sich begeistert davon, so viele junge Menschen zu treffen, die so gut in einer Disziplin seien. Und gesteht dem «Höngger» im anschliessenden Gespräch, dass selbst er nicht mehr all die Prüfungsfragen hätte beantworten können – zumindest nicht so aus dem Stegreif.
«Die Aufgaben werden von den Verantwortlichen entsprechend den olympischen Regeln gemeinsam erarbeitet», so Stark. «Dabei handelt es sich um aktualitätsbezogene, spannende Probleme, die von den jungen Nachwuchstalenten gelöst werden müssen.» Das erfordere, so Stark weiter, ein Verständnis von Chemie, das sich auf hohem Niveau bewege und weit über das übliche Schulwissen hinausgehe.
Schweiz nicht ganz vorne mit dabei
Bei der Siegerehrung werden Urkunden, Bronze-, Silber- und Goldmedaillen verteilt, je nach erreichter Punktezahl. Jeder, der sich eine Urkunde oder Medaille verdient hat, wird persönlich aufgerufen und auf der Bühne geehrt. Insgesamt 217 der Teilnehmenden erhalten eine Medaille. Dabei haben die asiatischen Nationen ganz klar die Nase vor. Bester in Theorie und Praxis ist der chinesische Schüler Weijie Mao.
«In Nationen wie China ist die Teilnahme an der Olympiade eine grosse Sache», erklärt Stark. «Für die Ausbildung und das Coaching des Nationalteams wird hier ein grosser Aufwand betrieben.» In der Schweiz dagegen, so Stark, werde die Olympiade eher stiefmütterlich behandelt. Anders als in anderen Länder existiere hier keine nationsweite Ausscheidung unter allen Gymnasial- oder Berufsschülerinnen. Es liege an motivierten Gymnasial- und Berufsschullehrpersonen, junge Talente zur Teilnahme zu bewegen.
Die unterschiedliche Gewichtung des Anlasses zeigt sich dann auch im Resultat. Die Schweizer Delegation gehört an diesem Abend nicht zu den grossen Gewinnerinnen. Doch das stört die vier Jugendlichen gar nicht. Ihnen habe vor allem der Austausch mit den anderen gefallen, erklären die vier. «Ich fands super, all die Jugendlichen der anderen Nationen zu sehen und die teils so ganz unterschiedlichen Lebenseinstellungen kennenlernen zu können», schwärmt etwa Andrin Hauenstein, der Zürcher Teilnehmer. Und wer weiss, vielleicht ergibt sich im nächsten Jahr wieder die Gelegenheit, an der Olympiade teilzunehmen. Das nächste Mal in Saudi-Arabien.
Elf indigene Gruppen mit verschiedenen Sprachen, Sitten und Religionen leben in den Chittagong Hill Tracts, einem konfliktreichen Grenzgebiet zwischen Bangladesch, Myanmar und Indien. Die grössten sind die Chakma, Marma, Mro und Tripura – als Gesamtheit bezeichnen sie sich als «Jumma».
Mit dem Ende des britischen Kolonialreichs 1947 wurde ihre Heimat Ostpakistan angeschlossen, dem heutigen Bangladesch. Damit begann für die Indigenen der traumatische Übergang in die Moderne, wie der Verein CO-OPERAID in Wipkingen in einer Medienmitteilung schreibt.
Der Kaptai-Staudamm hat in den 60er-Jahren die Reisfelder von 100’000 indigenen Bauern verschlungen. Die systematische Ansiedlung von Bengalen, der Mehrheitsbevölkerung Bangladeschs, machte eine unbekannte Zahl weiterer indigener Familien zu landlosen, intern Vertriebenen. Der Bürgerkrieg (bis 1997), der durch diese Konflikte verursacht wurde, hat einen Flüchtlingsstrom nach Indien ausgelöst.
Bis heute werden laut dem Verein die Menschenrechte der Jumma missachtet. In neuerer Zeit sorgt die «Entwicklung» durch Tourismus für Konflikte. Von der Weltöffentlichkeit wurde die Situation der Bevölkerung in den Chittagong Hill Tracts bisher kaum zur Kenntnis genommen.
Hilfe durch Bildung
Zusammen mit der Hilfsorganisation Humanitarian Foundation, einem Hilfswerk von Indigenen, investiert CO-OPERAID seit 2009 in die Bildung in dieser Konfliktregion. Grundschulbildung in Dorfschulen mit Kindergarten, Sekundarschulbildung durch Wohnheime, Berufsbildung und Stipendien für tertiäre Bildung eröffnen jungen Indigenen Entwicklungschancen.
Die langfristige angelegte Hilfe für diese unterprivilegierte Bevölkerung zeigt Wirkung. Lehrpersonen, medizinisches Personal, Rechtsanwält*innen sowie Angestellte und Selbständige in Handwerk und Dienstleistungen sind aus dem Projekt hervorgegangen. Sie sind Teil einer jungen Generation, die bessere Chancen hat als ihre Eltern, sich Gehör zu verschaffen und ihren Platz in der Gesellschaft zu erstreiten.
Die Umsetzung des Kinderrechts auf Bildung für Minderheiten-Kinder wird durch eine breit abgestützte Spenderschaft in der Schweiz möglich. Dazu gehört auch die Wipkinger Pfarrei Guthirt, die während mehrerer Jahre für die Projektarbeit in Bangladesch gesammelt hat.
Podiumsdiskussion
Am Anlass unter dem Titel «Bildung als Weg in die Moderne? – Indigene in Bangladesch zwischen Postkolonialismus, Rebellion und Aufbruch» diskutiert ein hochbesetztes Panel die Herausforderungen, vor der die Indigenen der Chittagong Hill Tracts stehen und beschreibt Lösungsansätze. Diskussionsteilnehmende:
Willem van Schendel, Professor für moderne asiatische Geschichte an der Universität Amsterdam
Bablu Chakma, Menschenrechtsaktivist und Doktorand an der Hochschule Fulda
Marcel Auf der Maur, Co-Geschäftsleiter von CO-OPERAID und Projektleiter
Moderation: Robin Fritschi
Am Freitag, 1. September, von 18.30 bis 20 Uhr, im Volkshaus Zürich (gelber Saal).
Für die Kirche war die Sonntagsschule entscheidend. Der Pfarrer verkündete jeweils am Sonntag vor Martini, welche Kinder die Prüfung bestanden hatten. Das Examen bestand aus Bibelkunde, biblischen Geschichten, Katechismus und Gebeten. Wer die Prüfung bestand, musste nur die Repetierschule am Sonntag besuchen. Fürs Schwänzen gab es saftige Geldbussen. Vermehrt kamen die Ideen von Johann Heinrich Pestalozzi auf. Statt Unterricht nach Jahrgängen wollte man Schulklassen bilden, Stoffpläne modernisieren und vor allem in der Volksschule eine Schulpflicht für alle Kinder einführen.
Die Kirchenvertreter waren deswegen nicht glücklich; ihnen würde die Obhut über die Kinder entgleiten. Insbesondere kämen die Fächer Bibelkunde und Katechismus ins Hintertreffen. Der kirchliche Widerstand gegen Pestalozzis Ideen war subtil, aber hart. Lehrerseminare gab es damals nicht. Die Lehrer hiessen offiziell Schulmeister, angesprochen wurden sie mit «Herr Lehrer». Sie waren sehr unterschiedlich befähigt. Eine regelrechte Landplage waren gewalttätige Schulmeister, welche die Kinder prügelten und demütigten. Als der Dorflehrer Heinrich Siegfried einmal mehr ohne ersichtlichen Grund eine Schülerin mit dem Stab so hart geschlagen hatte, dass der Stab zerbrach und die Schülerin zum Doktor musste, setzte ihn der Erziehungsrat ab.
Pfarrer Hans Georg Finsler verkündete 1821 von der Kanzel herab, dass ein neuer Schulmeister gesucht werde. Drei Wipkinger Bürger meldeten sich, zwei zogen nach Kritik des Stillstandes (der Vorläufer der Kirchenpflege) ihre Bewerbung zurück. Ein Dritter bestand die Aufnahmeprüfung, wurde aber vom Erziehungsrat wegen seines jugendlichen Alters von 17 Jahren als nicht wählbar erklärt. Der Stillstand schrieb die Stelle erneut in den Zeitungen aus. Auf die Annoncen in der «Zürcherischen Freitagszeitung» und dem «Zürcherischen Wochenblatt» meldeten sich drei Personen. Zwei Bewerber kamen in die engere Wahl, Amman von Obermeilen und Johannes Weber von Ebertswil.
Pfarrer Finsler schätzte Bewerber Amman sehr, da er ausgesprochen religiös war. Die meisten Stillständer zogen Weber vor; als Argument gegen Amman konnten sie natürlich nicht ihre Meinung kundtun, er sei frömmlerisch, es hiess vielmehr, Amman verströme «einen unangenehmen Geruch aus dem Munde».
Ammans Wahl war für Finsler beschlossene Sache, aber zwei Stillständer weibelten bei jedem Erziehungsrat persönlich für ihren Kandidaten. Sie traten dabei ausdrücklich als «Vertreter der ganzen Vorstehschaft und der Gemeinde» auf, was gelogen war. Wahrscheinlich durchschauten die Erziehungsräte das Manöver, aber die Wahl zwischen einem pfaffenhörigen Frömmler und einem modernen Erzieher fiel zugunsten der Moderne aus. Pfarrer Finsler akzeptierte die Wahl, aber er konnte sich nicht damit abfinden und trat nur zwei Jahre später ausdrücklich wegen Lehrer Weber vom Amt zurück.
Der 23-jährige Weber legte sich ins Zeug. Seine Schüler*innen bestanden das erste Winterexamen mit Bravour. «Der Schulmeister hat in der kurzen Zeit seit seinem Amtsantritt schon Bedeutendes geleistet und es wurde freudige Hoffnung für die Zukunft ausgesprochen», schrieb der Stillstand in einem Schulprotokoll.
Im Jahr 1831 trat nach einer Volksabstimmung die neue kantonale Verfassung in Kraft. Zürich mutierte zum souveränen Stand der Eidgenossenschaft. Liberale Kräfte forcierten die Bildung, sie stärkten die Volksschulen und gründeten ein Lehrerseminar. Bald gab es neue Schulbücher mit weltlichem statt religiösem Lernstoff. In kirchlichen Kreisen und in der Landbevölkerung wuchs der Widerstand.
Lehrer Kottinger und der Bildungszwist
Woher er kam, wusste keiner so recht. Man munkelte, er sei ein entlaufener Mönch. Er passte nicht so recht in die kleine Zürcher Vorortsgemeinde. Mit seinem Rigorismus passte er aber in den herrschenden Kulturkampf, insbesondere in die Revolution im zürcherischen Schulwesen in den 1830er-Jahren. Nach heftigem Widerstand und einem turbulenten Wahlkampf setzte 1833 das Volk in einer Abstimmung ein neues Sekundarschulgesetz durch. Das neue Schulgesetz entmachtete den Stillstand. An seine Stelle trat erstmals eine Schulpflege aus gewählten Volksvertretern. Die «Schulmeister» hiessen nun offiziell «Schullehrer», die Volksschule war obligatorisch, und ein neuer Stundenplan war Pflicht.
Die Gemeinde wählte Markus Kottinger, aus Uster zugezogen, zum ersten Sekundarlehrer. Er hatte sich auf eine Annonce in der «Zürcherischen Freitagszeitung» vom 13. März 1837 gemeldet. Die Annonce zeigt, welch tiefgreifenden Wandel das Land in den 16 Jahren seit der Wahl Webers durchgemacht hatte. Nicht mehr Schulmeister, sondern Lehrer wurden gesucht für das geplante Sekundarschulhaus im Röthel: «…ein Lehrer und eine Lehrerin», welche «die Lehrfächer … die in §. 4. des Gesetzes betreffend die höheren Volksschulen» umsetzen sollten.
Die Lehrerin hatte ein Mindestpensum von acht Stunden garantiert bei einem Lohn von 240 Franken. Das Wichtigste: Die Bewerbungen gingen nicht mehr zuhanden des Pfarrers wie 1821, sondern an den Präsidenten der Sekundarschulpflege, Regierungsrat Schäppi. Es mag als Detail erscheinen, aber es ist das Ergebnis eines epochalen Kulturkampfes: Die Politik entschied neu über Schule und Schulstoff, nicht mehr die Kirche.
Kottinger setzte das neue Gesetz in tiefster Überzeugung und voller Energie um. In der Sekundarschule richtete er Blockzeiten ein. 1837 unterrichtete Lehrer Kottinger 21 Knaben und 11 Mädchen. Nebst herkömmlichen Fächern wie Religion, Deutsch und Französisch gab es nun Zahlenlehre, Arithmetik und Geometrie, Geografie, Geschichte und vaterländische Staatseinrichtung, Naturkunde mit besonderer Rücksicht auf Landwirtschaft und Gewerbe, Gesang, Zeichnen und Schönschreiben. Unerhört für viele waren die «angemessenen Leibesübungen» für Knaben und Mädchen auf der Wiese hinter dem Schulhaus an der Röthelstrasse. An der frischen Luft sollte der Turnunterricht Gesundheit, Stärke und Geschmeidigkeit fördern; Mädchen und Knaben gemeinsam.
1853, viele Jahre nach dem Sonderbundskrieg, nahm Kottinger eines Tages Ferien und ward nie wieder gesehen – mitsamt Familie war er nach Amerika ausgewandert. Hundert Jahre später finden sich Spuren über ihn. Im August 1934 schrieb die NZZ ein Porträt zur 100-Jahr-Feier der Sekundarschule Uster. Sie war aus der Ustertagbewegung herausgewachsen: «Als erster Lehrer war der ehemalige katholische Geistliche Kottinger, ein Flüchtling aus Mähren, gewählt worden».
Offenbar ging es nicht lange gut, denn «bald kam aber eine Gegenströmung auf, der Lehrer fand den Kontakt mit Pflege und Gemeinde nicht und wurde 1837 erster Lehrer der Sekundarschule Wipkingen». In einem anderen Bericht hiess es, «der erste Lehrer, Kottinger, soll ursprünglich Mönch gewesen sein und wanderte später nach Amerika aus».
In der Chronik der Stadt Zürich vom Juni 1903 steht ein Hinweis, wie Kottinger seine neue Heimat fand. In einer Auflistung zur Vergabe des Landrechts – eine Art Aufenthaltsbewilligung mit reduziertem Stimm- und Wahlrecht –, ist auch der Sekundarlehrer vermerkt: «Hermann Maurus Kottinger, Urbau-Mähren, Sünikon-Uster, Skdrlehrer, Ldr. geschenkt 1834.» Offenbar stammte er ursprünglich aus Vrbovec, deutsch Urbau, einer kleinen Gemeinde in Tschechien. In Urbau gab es einst das Kloster Bruck, welches bereits 1784 aufgelöst wurde.
Sein Geburtsjahr war 1803, als entlaufener Mönch aus einem Kloster kommt er nicht infrage. Dem Ustemer Sekundarlehrer wurde das Landrecht geschenkt, drei Jahre bevor er die Stelle in Wipkingen antrat. In Wipkingen erhielt er dann die Bürgerrechte. Die Klosteraufhebungen
Was einen Krieg auslöst, ist nicht immer die Ursache dafür. Die Klosteraufhebungen im Aargau führten letzlich zum Sonderbundskrieg. Die Ursachen dafür lagen aber tiefer. Es ging um den Gesellschaftsvertrag. Was gilt; Völkerrecht oder Naturrecht? Wer hat das letzte Wort? Wer entscheidet? Der Souverän? Das Parlament? Der Papst? König? Gott? Es ging in der Eidgenossenschaft um dieselbe Frage wie bei der Lehrerwahl in Wipkingen. Man wollte das Verhältnis von Kirche und Staat neu regeln.
Die Kirche, insbesondere die katholischen Kantone, wollten ihre Macht nicht hergeben. Weite Teile des privaten Lebens waren mit Kirchengesetz geregelt, von Feiertagen, Essensgewohnheiten über Ehegesetze bis zu Schulpflichten und Lehrplänen. Anfang der 1830er-Jahre spitzte sich der Konflikt zu. Der liberale Kanton Luzern verlangte eine Konferenz und lud einige Kantone nach Baden ein.
An der Konferenz 1834 beschlossen die anwesenden Kantone Besteuerung der Klöster, zivilgesetzliche Zulassung konfessionell gemischter Ehen, Beschränkung der arbeitsfreien kirchlichen Feiertage, Unabhängigkeit vom Papst sowie staatliche Kontrolle über die Kirchen und Priesterseminare. Diese «Badener Artikel» – ohne Tagsatzungsbeschluss oder Rechtsgrundlage – lösten geharnischte Reaktionen aus bei katholischen Kantonen. Der Papst verurteilte sie in einer Enzyklika scharf. Frankreich und Österreich verlangten die Rücknahme der Artikel und drohten mit militärischen Mitteln, wenn die Klöster besteuert oder gar aufgehoben werden.
Die Klosteraufhebung entgegen den Kantonsverfassungen von 1815 waren für die europäischen Mächte ein klarer Casus Belli. Volksabstimmungen dazu waren selbstverständlich verboten und wurden auch von der Entente den eidgenössischen Kantonen untersagt. Die Aargauer Regierung ging forsch vor. Sie stellte die Klöster 1835 unter staatliche Verwaltung und schloss mehrere Klosterschulen.
Im Januar 1841 forderte der Seminardirektor Keller im Aargauer Grossen Rat die Schliessung sämtlicher Klöster. Bei der Abstimmung wurde nachgeholfen. Der Sitzungstermin war so knapp angesetzt, dass die katholischen Volksvertreter aus dem Freiamt gar nicht teilnehmen konnten. Der Rat foutierte sich um Einsprachen und Beschwerden und setzte den offensichtlich rechtsmissbräuchlichen Beschluss um. Zwei Bernische Regimenter wurden aufgeboten. Nonnen und Mönche erhielten eine Frist von 48 Stunden, ihr Kloster zu verlassen. Alles wurde konfisziert, aber nichts zerstört.
Was in Wipkingen mit der Wahl der Lehrer Weber und Kottinger im Kleinen passierte, geschah im Land im Grossen. Der Klosterschliessungsbeschluss verstiess gegen Gepflogenheiten, gegen alle Regeln und auch gegen die Verfassung von 1815. Die katholischen Kantone waren komplett schockiert, ebenso der Papst und die europäischen Mächte, die eine sofortige Wiederherstellung verlangten.
Fabrikant Studer und der Straussenhandel
Der Letten war in den 1830er-Jahren ländlich geprägt mit Weiden, Feldern und Baumgärten. Nebst den Höfen und Wohnhäusern standen hier auch die stattlichen Landsitze. Kaufmann Kahlbaum wohnte hier, Seidenfabrikant Cornetz, Professor Wyss und Fabrikant Studer. Die Nummer 82a (heutige Wasserwerkstrasse 141) war ein Wohnhaus, 82b eine Kattundruckerei. Bei Nummer 83a (Wasserwerkstrasse 142) handelt es sich um die Fabrikantenvilla. Die Fabrikgebäude befanden sich auf dem Areal des heutigen Flussbades Unterer Letten.
Das Studersche Fabriketablissement färbte und bedruckte Stoffe. Studer war einer der mehreren äusserst erfolgreichen Wipkinger Industriellen (siehe «Wipkinger Zeitung», Ausgabe 3/2017). Die Fabrikanten handelten mit Baumwolle, färbten Tücher und Stoffe und produzierten edle Indienne-Ware. Studer war in der Gemeinde Wipkingen politisch engagiert, zudem Kantonsrat. «Der Vater namentlich war feurig, stark radikal, doch dabei ehrenhaft; zur Zeit des Straußenhandels war er ein begeisterter Anhänger der Straußenpartei», schrieb Conrad Escher in der Wipkinger Chronik über ihn.
Sein Sohn, ebenfalls Heinrich getauft, war später Regierungsrat, erster Kantonalbankpräsident und Nordostbahndirektionspräsident. Fabrikant Studer war eine treibende Kraft im «Straussenhandel» und begeisterter Verfechter der «Straussenpartei». Der deutsche Theologe David Friedrich Strauss wurde an die Universität berufen. Strauss war Reformtheologe aus Tübingen, er sollte als Professor für Dogmatik und Kirchengeschichte auch die Kirche erneuern.
Er veröffentlichte eine Schrift «Das Leben Jesu». Darin beschrieb er die Wunder Jesu als Mythen. Dies rief heftigsten Protest hervor aus kirchlichen und konservativen Kreisen, insbesondere bei der Landbevölkerung. Es gab Aufstände und ein Gegenkomitee setze durch, dass Strauss noch vor Antritt des Lehrstuhls in den Ruhestand treten musste.
Fabrikant Studer und der Lehrer Kottinger vertraten die Professur vehement. Kottinger verfasste 1839 eine Schrift «Doktor Strauss und seine Lehre», in der er das Leben und die Lehre des Reformtheologen erörterte auf Basis der liberalen Verfassung von 1831, welche Glaubensfreiheit, Volkssouveränität und Säkularisierung des Bildungswesens vertrat.
Die Schrift des Sekundarlehrers war auch in Wipkingen ein Skandal, auch wenn er viel Rückhalt in Teilen der Bevölkerung hatte, insbesondere von Fabrikanten wie Heinrich Studer. Die Opposition nahm in der Landbevölkerung Fahrt auf. Der Glaubenskampf endete schliesslich in einem Aufstand des Landvolkes und ging als «Züriputsch» von 1839 in die Geschichte ein.
Am 6. September 1839, einem Freitag, trafen die über 2000 Bewaffneten in Zürich ein. Sie kamen bis Oberstrass. Es gab 14 Tote bei den Unruhen. Der Aufstand richtete sich gegen Leute wie Studer und Kottinger, die den Ketzer Strauss als Theologieprofessor ernennen wollten. Bemerkenswert ist die Reaktion von Heinrich Studer auf den bewaffneten Aufstand, der leicht in einen flächendeckenden Bürgerkrieg hätte ausufern können. Am folgenden Montag, dem September, tagte der Grosse Rath (heutiger Kantonsrat) um halb zehn Uhr im Grossmünster. Die Sitzung verlief tumultuös. Heinrich Studer, überall als «feurig, stark radikal» bezeichnet, blieb besonnen.
Sein Antrag lautete: Es sei «eine Amnestie über alles Vorgefallene auszusprechen, die vorörtlichen Geschäfte an die Tagsatzung überzutragen», weiter «aus der Mitte des Gr. Rathes eine Commission zu ernennen mit Vollmacht» und anschliessend «in allen politischen Gemeinden abstimmen zu lassen, ob der jetzige Gr. Rath abtreten und von einem neuen die Behörden erneuert werden sollen». Das Wichtigste an seinem besonnenen Antrag war, ausdrücklich keine eidgenössischen Truppen aufzubieten. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Aufstand mit Truppen niederzuschlagen. Dazu kam es nicht, der Staatsrat beschloss die Selbstauflösung und setzte Neuwahlen an. Es blieb unruhig, aber weitgehend gewaltlos. Erst 1845 kamen wieder liberale Mehrheiten an die Macht.
Schütze, frei, bewaffnet
Die Schützentradition wurde hochgehalten. Die meisten erwachsenen Männer waren Mitglied in einem Schiessverein. Fabrikant Studer muss ein guter Schütze gewesen sein, am Eidgenössischen Schützenfest vom 4. Juli 1844 in Basel belegte Studer den 3. Rang und wurde mit einem Gemälde im Wert von 1400 Franken geehrt. Für selbiges wurde ihm aus Paris 6000 Franken geboten.
Er verkaufte es nicht und schenkte es später der Allgemeinheit. «Wir wissen nun gewiss, dass Hr. Kantonsrath Studer in Wipkingen das schöne Oelgemälde (Schlacht bei St. Jakob) zur nächsten Kunstausstellung im Hochschulgebäude hier darleihen wird», schrieb eine Zeitung später.
Studer starb im Dezember 1853, erst 60 Jahre alt. Nur acht Tage zuvor war sein Sohn verstorben. Sein neues Amt als Verwalter des Kantonsspitals konnte er nur noch kurze Zeit ausüben. «Der rechtschaffene Mann, der hienieden keine Ruhe finden konnte, möge nun im Jenseits den ewigen Frieden finden», hiess es in einem Nachruf.
Revolutionär Knoch und die Radikal-Liberalen
In den schwierigen Zeiten entwickelte sich die Gemeinde trotz aller Unbill erstaunlich. Die «Zürcherische Freitagszeitung» annoncierte im Mai 1837 «den Verkauf aus freier Hand»: «Der Gütergewerb zum Neuhaus in Wipkingen, bestehend aus einem doppelten Wohngebäude, Scheune, Trotte und einem Waschhaus, dabei ein laufender und ein Sodbrunnen, ferner 16 Juch. Land um das Haus herum, dann zwei Juch. Holz und Boden und einen Anteil an der Corporations-Waldung»; dies alles «in der frohmüthigsten Lage». Ein prächtiger Hof im Herzen Wipkingens.
«Die Schweiz, diese befestigte Kloake»
Aufstände und Unruhen tobten in Europa. Revolutionen und Niederschlagungen wechselten sich ab. Es war eine gewalttätige Zeit. Viele flüchteten in die Schweiz, Tausende aus Frankreich und Deutschland. Es waren Revolutionäre, abgesetzte Professoren, desertierte Soldaten, aber auch Vagabunden und Abenteurer aller Couleur. Im Gefolge tauchten Spitzel, Spione und Überwacher auf aus Preussen und Österreich. Es gab einen Befehl vom österreichischen Staatskanzler Fürst Metternich an die Schweiz, die «schlimmsten Köpfe» auszuweisen, so etwa Wilhelm Snell, radikal-liberaler Revolutionär und Naturrechtler und erster Rektor der Universität Bern. Die Schweizer Behörden ignorierten den Befehl.
Den Grossmächten war die Schweiz verhasst und unheimlich zugleich. Der revolutionäre Geist breitete sich aus. Die Kaiser, Könige, Fürsten, Bischöfe und Adlige, allesamt Herrscher von Gottes Gnaden, wurden nervös. Die Grossmächte blickten auf die Schweiz. Metternich diagnostizierte die Schweiz als gefährliches soziales und politisches Laboratorium mit hohem Ansteckungspotenzial. Ebenso war die Sorge gross wegen der Schweiz als Fluchtort und Auffangbecken für Revolutionäre. Sein Ziel war die Säuberung der «befestigten Kloake Schweiz».
Einer der vielen Flüchtlinge war Philipp Knoch, der im «Neuhaus» wohnte. Er war ein eingewanderter Revolutionsflüchtling aus Hirschberg an der Saale, Thüringen. In den schwierigen Zeiten war er eingewandert, da er als Anhänger der freiheitlichen Bestrebungen seiner Heimat als Radikal-Liberaler galt und verfolgt wurde.
Er sei «in Untersuchung gezogen», also in Thüringen in Haft genommen worden. In Wipkingen war er weiterhin aktiv als Radikal-Liberaler, auch wenn er kein öffentliches Amt inne hatte. «Allerlei bedeutende Männer, meistens Gesinnungsgenossen aus der 1848er-Zeit, die in Zürich eine Heimat gefunden hatten, verkehrten in dem allseits gastfreundlichen Hause», schrieb Conrad Escher in der Wipkinger Chronik über Knoch. Unter anderen war Professor Zeuner oft zu Gast bei ihm. Nach dem Professor für Mechanik und theoretische Maschinenlehre am Polytechnikum ist die Zeunerstrasse benannt.
Auf seinem Hof Neuhaus experimentierte Knoch, offenbar mit Erfolg, an Maschinen, neuen landwirtschaftlichen Techniken, an Düngemitteln und Pflanzenzucht. Sein Sohn wurde später Pfarrer in Uster. Knoch war Gründungsmitglied der GGW, der Gemeinnützigen Gesellschaft Wipkingen, dem heutigen Quartierverein. Diese ehrte in einem Jahresbericht den einstigen Revolutionär in den höchsten Tönen: «Seit der Gründung unserer Gesellschaft hat er daselbst angehört.» An den Sitzungen habe er selten gefehlt. Reden habe man ihn wenig gehört. «Aber umso mehr war er ein Mann der Tat. Der Mann einer tief humanen Gesinnung, wie sie das Ideal unserer Gesellschaft ist», hiess es im Nachruf. 1878 schenkten seine Erben der Gemeinde Wipkingen nach seinem Tod 1000 Franken für verschiedene Anstalten.
Wirt Mahler und die Befreiung aus dem Kesselturm
Joh. Jakob Mahler, gelernter Spenglermeister, kaufte 1846 das Waidgut. Mit Wirt Mahler begann die Glanzzeit des Waidguts als Aussichtsplatz und Vergnügungsort. Wie aufgeheizt die allgemeine Volksstimmung und wie tief der Jesuitenhass ging, zeigte ein Volksfest am 29. August 1847 auf der Waid, wenige Wochen vor dem Sonderbundskrieg. Beim «Sängerfest der Vereine des Limmatthals» fanden sich über 200 Sänger zum gesanglichen Wettbewerb ein, bei «vollkommen befriedigendem Resultat».
Man erhob sich zum Toast auf den Sängervater Nägeli. Anschliessend erhob sich ein Lehrer aus Albisrieden zum politischen Parteitoast; unter grossem Beifall «trug er seine Weisheit zum Besten, dass ohne Vertreibung der Jesuiten und Auflösung des Sonderbundes kein Friede möglich sei».
Die Klosterschliessungen hatten zu Opposition der katholischen Kantone gegen die Säkularisierung des Staatenbundes geführt. Die politische Reaktion der innerschweizer Kantone war heftig. In Luzern und in Freiburg wollten die Jesuiten die Klosterschliessungen nicht hinnehmen. Die Jesuiten in Luzern restaurierten ihre Klöster wieder und setzten Geistliche der «Gesellschaft Jesu» als Lehrkräfte in den Schulen ein. Sieben Kantone beschlossen den Austritt aus der Eidgenossenschaft, falls die Aargauer Klöster nicht wieder hergestellt würden. Sie sondierten gar bei den europäischen Grossmächten Frankreich und Österreich zwecks militärischer Unterstützung.
Dies war der Auslöser der berühmten Freischarenzüge. Liberale Hitzköpfe marschierten als bewaffnete Miliz Richtung Luzern. Es verlief chaotisch, nach kleinen Gefechten im Dezember 1844 bei Emmenbrücke fiel der Freischarenzug auseinander und die unorganisierten Milizen zogen heimwärts.
Im Kanton Luzern brach fast ein Bürgerkrieg aus; der Hass gegen die Jesuiten stieg ins Unermessliche. Es gab Anti-Jesuiten-Vereine, Petitionen, Demonstrationen und lokale Unruhen. Am 31. März 1845 sammelten sich erneut 3500 Milizionäre, darunter der Dichter Gottfried Keller, der spätere Bundesrat Ochsenbein als militärischen Führer und der Luzerner Regierungsrat Jakob Robert Steiger. Sie marschierten bewaffnet gegen Luzern. Auch dieser Feldzug scheiterte. Die luzernischen Truppen verhafteten eine der führenden Figuren, Jakob Robert Steiger, und verurteilten ihn zu Tod durch Erschiessen. Die Todesstrafe wurde umgewandelt in lebenslängliche Galeerenstrafe.
Ein Schelmenstück erster Klasse
Steiger lag im Luzerner Kesselturm in Ketten. In Zürich war die Wut grenzenlos. Wirt Gross vom Café Littéraire, der als Leutnant beim zweiten Freischarenzug am Gefecht bei Luzern teilgenommen hatte, beschloss mit Kameraden, Steiger zu befreien. Er kontaktierte die Ehefrau Steigers, die weit fortgeschrittene Pläne mit Verbündeten hatte. Die Legende geht so: «Zwei Tage später erhielt Gross von der Frau Steiger einen Brief, in welchem sie bat, er möge noch einmal kommen und 6000 bis 8000 Franken mitbringen». Da Gross nur 2000 Franken hatte, bat er den zufällig neben ihm sitzenden Gast, Mahler von der Waid, um Unterstützung.
Nach einigen Bedenken «kehrte Mahler in aller Eile nach Hause zurück und brachte Gross die 6000 Franken». Dieser bestellte sofort zwei Fuhrwerke und fuhr ohne Halt nach Luzern. Die Wachen wurden bestochen, Steiger befreit; und dieser kehrte triumphal nach Zürich zurück.
Historisch gesichert ist, dass die drei namentlich bekannten Wächter im Kesselturm für Steigers Flucht insgesamt 10 000 Franken erhielten (rund 700 000 Franken in heutigem Geld) und Luzern natürlich fluchtartig verliessen. Einer der Organisatoren der spektakulären Flucht, der spätere Bundesrat Ochsenbein, bestätigte die Befreiung aus dem Kesselturm in einem Brief, «…die Summe wurde uns aus Geldern, die in allen Kantonen flossen, ersetzt».
Die Befreiung war ein Schenkelklopfer und erheiterte die liberalen Kantone aufs Äusserste, so wie sie den Sonderbund desavouiert hatte. Nach dem Sonderbundskrieg kehrte Steiger nach Luzern zurück und wurde Mitglied der verfassungsgebenden Kommission. Die besiegten Kantone wurden nicht gedemütigt, es gab keine Exzesse, weder Brandschatzungen noch Plünderungen. Der politische Ausgleich gelang und machte den Weg frei zur modernsten, liberalen Verfassung in Europa.
Was auch immer Dichtung und Wahrheit sein mag an der Anekdote der Finanzierung – sie machte damals die Runde und der erzliberale Wirt Mahler von der Waid durfte sie noch manche Male an manchem Sängerfest auf der Waid erzählen.
Quellen
Die Kolumnen der «Wipkinger Zeitung» sind als Buch erschienen:
Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Damals – Wipkingen, ein Bilderbogen», Wibichinga Verlag, 2023.
Markus Kottinger: «Doktor Strauss und seine Lehre», 1839.
Albert Heer: «Der Sonderbund», Verlag von Ed. Schäubli, Zürich 1913.
Rolf Holenstein: «Stunde Null», Echtzeit, 2018.
Nachlass Jakob Frei, Stadtarchiv.
Angaben zu den Häusern von Staschia Moser, Baugeschichtliches Archiv BAZ.
Diesen Sommer findet die Frauen-Fussballweltmeisterschaft in Neuseeland und Australien statt. Die Schweizerinnen sind mit von der Partie. Am 20. August, einem Sonntag, findet um 12 Uhr mitteleuropäischer Zeit das Finale in Sydney statt.
Und auch in Wipkingen wird es hoffentlich sportlich zu und her gehen – der hiesige Quartierverein hat einen LED-Grossbildschirm gemietet und veranstaltet ein Public Viewing auf dem Röschibachplatz.
Eintritt gratis, Kollekte, Stühle, Bänke und Decken bitte selber mitbringen.
Der Verein AuftragArbeit.ch, mit Sitz in Höngg, lancierte eine Online-Plattform, auf der über 20 Zürcher Werkstätten für Menschen mit Behinderungen ihre Dienstleistungen anbieten: Vom Hemdenbügeln, Wäschewaschen, über Blumenpflanzen bis zum Versenden von Massenpost. Insgesamt sind über 60 Dienstleistungen auf der Plattform vertreten. Ziel ist es, den Menschen mit einer Behinderung eine Arbeit zu verschaffen.
Für die Menschen in den Werkstätten sind die Arbeitseinsätze eine wichtige Stütze. Unter den üblichen Arbeitsbedingungen könnten sie keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, wie der Verein AuftragArbeit.ch mitteilt. Mit der neuen Plattform sollen auch möglichst abwechslungsreiche Aufträge erzielt werden.
Es geschah vor zwei Jahren und war purer Zufall: Eine Tablette fiel mir ins Wasserglas, die sich darin völlig entfaltete. Ich sah staunend zu, dieses Fliessende, das ich nicht steuern konnte, diese Farben und Formen. Es waren genau solche Bilder, die ich einfangen wollte. Also beschloss ich, weitere Tabletten aufzulösen und den Prozess zu filmen. Konkret sagt man dazu «Fluid Art». Die Bilder und Videos des französischen Künstlers Thomas Blanchard dienten mir als Inspiration.
Was sich simpel anhört, ist überaus aufwendig. Zunächst das Material: Seither habe ich über 2500 Pillen verbraucht. Die schönsten Aufnahmen entstanden definitiv aus Gelatinekapseln, häufig sind es auch Schmerzmittel. Zunächst plünderte ich meine Hausapotheke, später hatte ich die Gelegenheit, auf legalem Weg abgelaufene Tabletten zu erhalten. Die Zusammensetzung der Wirkstoffe spielt eine wesentliche Rolle, deswegen suchte ich den Kontakt zu Pharmafirmen. So konnte ich mir viel chemisches Wissen aneignen.
Für den eigentlichen Film baute ich mir ein kleines Studio mit einer Reprokamera. Die meisten Aufnahmen habe ich von oben her gemacht, die Tabletten lagen dann in einer quadratischen Box auf schwarzem Grund. Bei horizontalen Aufnahmen benutzte ich ein Aquarium. Auch eine Unterwasserkamera kam zum Einsatz.
Beim Abfilmen lernte ich zudem, dass das Wasser warm oder sogar heiss sein muss, um einen erwünschten Effekt zu erzielen – sollte er denn auftreten, nicht alle Tabletten tun das. Die fachgerechte Entsorgung des Wassers war ebenfalls zwingend. Mit der Zeit kamen schliesslich viele Aufnahmen zusammen.
Leben und Tod
Es sind Bilder, die seit dem Frühjahr in Neuhausen am Rheinfall in der «Rhyality Immersive Art Hall» zu sehen sind. In diesem immersiven Kino, in dem ein Film mit 360 Grad und sowohl auf dem Boden wie an der Decke gezeigt wird, sah ich die ideale Plattform, um meine Kunst zu zeigen. Dieses Kino ist in der Schweiz einzigartig. Also habe ich dort angefragt und es hat funktioniert: «Life and Death», so der Titel meines Films, nahm Gestalt an.
Wie ging ich vor: Ich hatte acht Wände, die Decke und den Boden zu bespielen, also habe ich einen langen Streifen mit Videos angelegt, was eine riesige Rechenkapazität benötigt. Dank 25 Beamern und rund 100 Lautsprecher werden die Szenen alle gezeigt. Der Film ist etwa zehn Minuten lang und in drei Akte aufgeteilt – im dritten Akt platzen die Pillen im extremen Zeitraffer und es ist wie ein gewaltiges Feuerwerk, dazu wird Musik gespielt. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis.
«Life & Death» hat mich aber einiges gekostet, nicht nur Zeit und Mühe. Die gesamten Ausgaben trug ich selbst. Subventionen oder Sponsoring habe ich bisher trotz unendlichen Anfragen und Bitten an Stiftungen und Firmen nicht erhalten.
Das hat mich aber nicht aufgehalten und die positiven Reaktionen haben mich bestärkt. Ich denke, die Bilder verbinden. Selbst Menschen, die der modernen Medizin gegenüber skeptisch eingestellt sind, können sich den Aufnahmen nicht entziehen. Die heilsarme Wirkung von Kunst mag umstritten sein, aber ich bemerke, dass meine Bilder den Menschen guttun.
Von Luzern nach Zürich
Ursprünglich stamme ich aus einem kleinen luzernischen Dorf, später absolvierte ich eine vierjährige Lehre als Typograf beim Ringier-Verlag. Es zog mich beruflich früh nach Zürich. In Höngg wohne ich erst seit rund fünf Jahren, aber das Quartier kannte ich bereits, da meine Partnerin hier lebt. Mein Werdegang brachte mich zu den grossen Werbeagenturen, aber ich war auch in einer Buchdruckerei in Oerlikon engagiert. Dort, in der Druckvorstufe, war ich ein Allrounder. Das war ungemein kreativ und ich konnte mich mit den nötigen IT-Kenntnissen vertraut machen.
Mein erstes Filmprojekt realisierte ich Ende der 1990er-Jahre, der Titel war «Geschichtsscherben aus 2000 Jahren». Teil davon war ein Interview mit H.R. Giger, jenem leider verstorbenen Künstler, der das Alien-Monster erschuf. Ausserdem war Giger sehr kamerascheu. Eine spannende Erfahrung, die ich nicht missen möchte.
Auch ausgestellt habe ich schon: Vor zwei Jahren zeigte ich einen Film im Kunsthaus Interlaken, das Thema war «Schneemanns Garn». Es gab Malereien, Skulpturen und eben auch Videos. Ich zeigte, wie sich Knetmasse zu einem Schneemann formt, die «Berner Schneemann-Suppe».
Aktuell habe ich keinen Job, sondern absolviere ein Studium an einer Zürcher Filmschule. Dort lernen wir alles rund um den Film – Idee, Konzeption, Drehbücher schreiben, technische Grundlagen usw. Ich erhalte so die Möglichkeit, mit verschiedenen Kameras von hoher Qualität zu experimentieren. Zwei Tage die Woche drücke ich also die Schulbank, dazu kommen rund drei Tage für das Selbststudium. Kinofilme haben mich aber nie sonderlich interessiert, eher Dokumentarfilme, das reizt mich, dort sehe ich meine Stärken.
Doch nach einem Jahr wird es jetzt finanziell eng, ich muss wieder Geld verdienen. Das Studium werde ich wohl unterbrechen, um es später wieder aufzunehmen. Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher. Und bald werde ich 50, vielleicht sollte ich mich doch langsam um die Altersvorsorge kümmern. Soll ich meinem Verstand folgen oder dem Herzen? Ich zerbreche mir den Kopf darüber. Wir werden sehen. Vielleicht kann ich «Life & Death» einmal in einem anderen immersiven Kino zeigen. In Asien soll es grosse Anlagen geben, das würde mir gefallen.
Der Schwimm-Poncho für die Badesaison ist nicht nur ein cooles Badetuch aus weichem Frottee, sondern auch eine perfekte Umkleidekabine zum Mitnehmen. Ob vor oder nach dem Schwimmen oder auch chillig beim Campen, ist der «Sponcho» ein perfekter Begleiter. Es gibt ihn in den Farben Blue Sky, Mint Sea, Red Cliff, Sandy Beach und Black Rock sowie als Uni-Modell in Olive, Nude, Night, Ocean, Pearl oder Pink. Eine limitierte Edition gibt es in der Farbe «Water».
Erhältlich sind die Ponchos mit Kapuze und Kängurutasche für 79 bis 89 Franken in den Grössen S, M oder L. Der «Sponcho» ist ein Zürcher Familienprojekt, die Produktion erfolgt in einem Familienbetrieb in Portugal. Die lässigen Überwürfe sind eine Mischung aus 80 Prozent Baumwolle und 20 Prozent Polyester.
Mitmachen und gewinnen
Wir verlosen drei «Sponchos» nach Wahl: Senden Sie uns eine E-Mail mit dem Betreff «Sponcho» an mitmachen@hoengger.ch bis am Freitag, 14. Juli, 12 Uhr. Bitte geben Sie uns Ihre Adresse, die Grösse und Wunschfarbe an (siehe Link unten). Die Nachrichten der Gewinner*innen werden an die Hersteller weitergeleitet, die den Versand in die Wege leiten.
Eigentlich gilt die Imbisbühlstrasse als friedlicher Ort mit schmucken Häusern und ebensolchen Gärten. An einem Montagabend im Juni änderte sich das: Gleich in vier Gärten ereigneten sich Unfälle, die Erste Hilfe verlangten. Es handelte sich dabei um eine Übung des Samaritervereins Zürich-Höngg. Das Training gehörte zu insgesamt zehn Weiterbildungsabenden pro Jahr, wobei sich die Aktivmitglieder zum Besuch von vier Abenden verpflichten.
Rund 20 Mitglieder des Samariter-vereins versammelten sich bei der Imbisbühlstrasse, unter ihnen auch Barbara Bisko, welche die Verantwortung für die Kommunikation innehat. Es ist ihr ein Anliegen, sich sozial zu engagieren. «Ich bin Samariterin aus Überzeugung, weil ich dadurch mein Erste-Hilfe-Wissen laufend auffrischen und so in einem Notfall schnell und kompetent helfen kann», so Bisko.
Die Anwesenden teilten sich in vier Gruppen auf. Entsprechend wurden vier Gartenunfälle geplant. «Gerade jetzt verbringen wir viel Zeit im Freien, daher ist diese Übung mit realitätsnahen Fallbeispielen die perfekte Auffrischung, um im Notfall richtig zu reagieren», sagte Bisko. Die Spannung stieg und so machte sich ihre Gruppe auf zum ersten Garten.
Stichwunde und Kettensäge
Dort trat eine Frau in einen Nagel, der ihren Fuss durchbohrte. Deren Hunde rannten wild umher. Während Bisko die Tiere an die Leine nahm, kümmerten sich die zwei anderen um die Frau, leisteten Erste Hilfe und alarmierten den Notarzt. Im Anschluss erhielten sie Lob und Kritik eines Samariterlehrers.
Die Teilnehmenden lernten dabei einiges über Verletzungen dieser Art: Da ist die Stichverletzung, die tief sein kann und zwingend ärztlich behandelt werden muss. Auch eine Schnittverletzung kann tief sein, wohingegen eine Schürfung zunächst beobachtet werden muss, jedoch nicht zu unterschätzen ist. Eine Quetschwunde wiederum entsteht als Folge stumpfer Gewalteinwirkung, wodurch Blutgefässe platzen und zerreissen.
Auch der zweite Gartenunfall hatte es in sich: Eine Frau hantierte mit einer Kettensäge und verletzte sich am Unterarm. Bisko und ihrem Team war es wichtig, zunächst die Situation einzuschätzen und die Säge abzuschalten – die eigene Sicherheit muss gewährleistet sein. Ein Druckverband sollte die Blutung vorerst stoppen, die Nummer 144 wurde alarmiert, doch die Frau fiel in Ohnmacht. Die Samariter*innen brachten sie in die stabile Seitenlage: So wird sichergestellt, dass die Atemwege freigehalten werden. Erbrochenes oder Blut können ablaufen und Betroffene werden vor dem Ersticken bewahrt.
Später wurde die Frau mit einer Rettungsdecke umhüllt, damit die Körperwärme bestehen blieb. Dieser Vorfall wurde ebenfalls analysiert. Die Samariterlehrerin erklärte, dass die Notfallnummer weit mehr sei als «nur» eine Meldestelle: Die Mitarbeitenden dort können telefonisch Anweisungen geben, sollte jemand kein Wissen über Erste Hilfe haben. Und zumindest der Anruf müsse sein; unterlassene Hilfeleistung ist eine Straftat.
Der Sturz und ein Insekt
Beim dritten Unfall handelte es sich um einen Sturz von der Leiter; ein Mann lag ohnmächtig vor seinem Haus. Bei Verdacht auf Wirbelsäulenverletzungen ist es wichtig, den Verletzten möglichst wenig zu bewegen, den Kopf ruhig zu halten und zu stabilisieren. Auch hier musste die Nummer 144 gewählt werden. Bisko und ihr Team haben im Anschluss erfahren, dass eine kurze Analyse der Situation nie schaden kann: «10 für 10» nennt sich das im Samariter-Fachjargon: Zehn Sekunden überlegen, damit die nächsten zehn Minuten besser und koordinierter ablaufen.
Der letzte Unfall war ein «Klassiker»: Ein junger Mann wurde von einer Biene gestochen und war kurze Zeit später bewusstlos. Hier kam eine Spritze zum Einsatz: Der Adrenalin-Autoinjektor ist ein Notfallmedikament für Menschen, die einen allergischen Schock erleiden. Das Medikament macht wieder wach, allerdings muss dennoch ein Arzt gerufen werden, die Wirkung kann nachlassen. Beim anschliessenden Gespräch wurde betont, dass das Mittel in die Aussenseite des oberen Oberschenkels gespritzt werden soll, um schnellstmöglich seine Wirkung entfalten zu können.
Schliesslich meisterten alle Samariter*innen die Gartenunfälle mit Bravour und ihr Wissen für den Ernstfall wurde gefestigt. «Während den Übungen trainieren wir immer wieder diverse Schemata, wie etwa das «Ampel-Schema»: Rot – Schauen, Gelb – Denken, Grün – Handeln. Diese Gedächtnisstützen helfen uns, unser Wissen in einer realen Notfallsituation abzurufen», sagte Bisko.
Der «Wipkihof», der zum GZ Wipkingen gehörige Bauernhof, ist neben dem Kafi Tintenfisch fast so etwas wie das Herzstück des Gemeinschaftszentrums. Nicht nur Kinder, sondern auch viele Erwachsene besuchen den Hof und statten den Minischweinen, den Hühnern, Ziegen und Meerschweinchen einen Besuch ab.
Doch wer selber Tiere besitzt, weiss, wie viel Arbeit und Zeit hinter dem Betrieb eines solchen Hofes steckt, und zwar täglich und auch am Wochenende. Ein grosser Teil dieser Arbeit wird in Wipkingen von Freiwilligen übernommen. Wie organisiert das GZ diese Arbeit?
Manuela Zehender ist neben Terri Obrist im GZ Wipkingen im Fachbereich Bildung/Tier tätig. Gemeinsam führen sie den «Wipkihof». Im Gespräch mit Dagmar Schräder gibt Manuela Zehender einen Einblick in den Hofalltag.
Manuela, wer kümmert sich auf dem «Wipkihof» um die Tiere? Manuela Zehender: Das Team des «Wipkihofs» besteht neben Terri Obrist und mir vor allem aus rund 32 Freiwilligen. Dazu kommen wenige Mitarbeitende in sozialen Einsatzplätzen und saisonalen Arbeitsplätzen. Während Terri die Gesamtverantwortung über das Wohlbefinden der Tiere trägt, bin ich verantwortlich für die Freiwilligenkoordination. Das heisst, ich manage die Einsätze derjenigen, die hier in ehrenamtlicher Arbeit Tag für Tag dafür sorgen, dass die Tiere ihr Futter erhalten, beschäftigt werden und die Ställe ausgemistet werden.
Wie muss man sich das vorstellen, wie habt ihr euch da organisiert? Die täglichen Einsätze sind aufgeteilt in eine Morgen- und eine Abendschicht. Unter der Woche sind jeweils Teams mit bis zu zwei bis drei Leuten im Einsatz. Die Teams haben ihre fixen Tage und kommen wöchentlich einmal zum Einsatz.
Und was gehört konkret alles zu den Aufgaben, die erledigt werden müssen? Die Aufgaben sind recht umfangreich, pro Schicht rechnen wir mit einem Arbeitsaufwand von mindestens zweieinhalb Stunden. Denn es gibt einiges zu tun: Morgens muss zunächst Gemüse abgeholt werden, das wir gratis als Tierfutter erhalten. Anschliessend müssen alle Tiere gefüttert und getränkt werden. Die Ställe werden nach einem fixen Turnus ausgemistet, auch der Hof muss gewischt werden. Und wer dann noch Zeit und Lust hat, kann als Sahnetüpfelchen noch ein wenig mit den Geissen trainieren oder die Schweine auf einen kleinen Spaziergang im Park mitnehmen. Am Freitagnachmittag, wenn wir den «Offenen Stall» anbieten und die Besucherinnen vorbeikommen können, ist ebenfalls ein Team von Freiwilligen vor Ort und unterstützt den Betrieb. Da gibt es einiges zu tun: Letzte Woche waren 124 Personen hier.
Das klingt anspruchsvoll. Was sind das für Leute, die sich bei euch engagieren? Wir haben die unterschiedlichsten Menschen in unserem Team, das ist sehr spannend und schön zu sehen. Von der Studentin über Berufstätige oder IV-Bezügerinnen bis hin zum Rentner ist alles dabei. Wir haben auch Familien, die etwa am Wochenende alle zusammen vorbeikommen, um die Tiere zu versorgen. Und einige sind bereits seit sieben oder acht Jahren mit dabei.
Wie werden neue Leute in ihre Aufgaben eingeführt? Mittlerweile haben wir unser Aufnahmeverfahren professionalisiert, es handelt sich schliesslich um sehr verantwortungsvolle Aufgaben. Deshalb führe ich mit den Neuinteressierten ein Erstgespräch. Dabei kommen wichtige Anforderungen zur Sprache, wie ausreichende Deutschkenntnisse, guter Zugang zu den Tieren, Zuverlässigkeit, Selbstständigkeit, Teamfähigkeit oder auch Wetterfestigkeit. Ich gebe einen Überblick über die Tätigkeiten, die ausgeführt werden müssen. Für die Morgen- und Abendämter gibt es jeweils eine Checkliste mit den zu erledigenden Aufgaben, an denen sich die Teams orientieren können. Mir ist es zudem sehr wichtig, dass sich die Freiwilligen mindestens für ein Jahr verpflichten, hier mitzuhelfen. Das klingt nach einer langen Zeit und mag auch abschrecken – es macht jedoch Sinn, wenn man mit Tieren arbeitet. Denn es dauert eine Weile, bis man die Abläufe im «Wipkihof» kennt, die Tiere richtig kennengelernt hat und auch weiss, welche Vorlieben und Eigenschaften sie haben. Und nur dann ist es möglich, eine Beziehung aufzubauen.
Freiwilligenarbeit klingt auch ein wenig nach Unverbindlichkeit. Wie wird bei euch sichergestellt, dass die Arbeit auch wirklich verrichtet wird? Die Teams müssen ja sehr selbstständig funktionieren. Wir haben einen eigenen Chat, in dem wir alles miteinander besprechen und auch Dienste getauscht werden können, falls mal jemand verhindert ist. Natürlich sind wir als GZ-Mitarbeiterinnen im Notfall zur Stelle, falls ein Dienst mal nicht abgedeckt werden kann. Das ist aber in den zwei Jahren, in denen ich jetzt hier beschäftigt bin, erst ein einziges Mal passiert. Die Absprachen unter den Freiwilligen klappen tatsächlich hervorragend, da bin ich sehr stolz auf mein Team. Wir sind übrigens in der Stadt das einzige GZ, das die Betreuung praktisch ausschliesslich von Freiwilligen durchführen lässt.
Gibt es auch Dinge, die für dich besonders herausfordernd sind? Es ist schon intensiv, ein Team von 32 Freiwilligen zu koordinieren, das ist fast schon Personalmanagement (lacht). Aus Zeitgründen ist es nicht möglich, alle Teams regelmässig zu treffen. Ich habe es so eingerichtet, dass ich mir für jedes Team mindestens einmal jährlich besonders Zeit nehme. Auch die Kommunikation ist eine nicht zu unterschätzende Aufgabe: Weil ja alle Informationen über den Chat laufen, ist es manchmal schwierig, das richtige Mass zu finden – die Engagierten mit Nachrichten nicht zu überfrachten, aber trotzdem alles Wichtige zu kommunizieren und auch auf die Chat-Hygiene zu achten.
Die Freiwilligen machen die Arbeit, weil es ihnen persönlich wichtig ist. Gibt es dennoch vonseiten des Zentrums so etwas wie eine Entschädigung oder Belohnung für ihren Einsatz? Die grösste Belohnung ist sicher der persönliche Zugang zu den Tieren. Dann haben sie während ihres Einsatzes Anspruch auf einen Kaffee und einen Snack als kleine Entschädigung. Daneben findet einmal jährlich unser grosses Engagiertenfest statt, zu dem alle Freiwilligen eingeladen werden. Schliesslich haben wir Teamabende eingeführt, an denen wir uns gemeinsam mit betrieblichen Themen beschäftigen, wie z.B. mit der Tiergesundheit. Hier besteht auch die Möglichkeit, sich kennenzulernen, eigene Ideen einzubringen und sich über die Arbeit auszutauschen. Und wir bieten von Zeit zu Zeit Weiterbildungskurse an, die für die Arbeit auf dem Hof hilfreich sind. Vor Kurzem hatten wir beispielsweise Besuch von einer Hundetrainerin, die uns Tipps gegeben hat, wie wir uns mit den Ziegen im Umgang mit Hunden zu verhalten haben. Schliesslich: Falls jemand für einen Job eine Bestätigung über sein Engagement hier benötigt, geben wir dies natürlich gerne.
Zu guter Letzt – wo findet man so viele Leute, die sich so intensiv engagieren wollen? Wir inserieren regelmässig bei benevol Schweiz, der Vermittlungsplattform für Freiwilligenarbeit, und platzieren immer einen Aushang draussen beim «Wipkihof», in dem wir nach Freiwilligen suchen. Auch via Website kann man sich melden. Ich muss sagen, seit Corona haben die Anfragen von Menschen, die sich engagieren wollen, deutlich nachgelassen. Glücklicherweise konnten wir bis jetzt immer alle Dienste abdecken – es ist jedoch jede*r herzlich willkommen, die oder der mit zu unserem Team gehören möchte. Die Arbeit mit Tieren ist bereichernd und für alle ein tolles Erlebnis.