Autor: tka_admin

  • Die Wipkinger Betteljagd

    Die Wipkinger Betteljagd

    Vier Jahre nach der Schlacht in Zürich, 1803, ist eine aus heutiger Sicht nur schwer verständliche Episode überliefert. In Wipkingen fand eine organisierte Betteljagd statt. «Verarmte Menschen, Verwahrloste, Kranke und Invalide hatten sich in unheimlicher Weise vermehrt», berichten alte Protokolle. Die kirchlichen Hilfswerke waren überfordert. Nebst Bettelei und Almosen kam es zu Diebstählen und Plünderungen von Vorratskammern. Die Betteljagden waren von alters her verbreitet. Man trieb das Gesindel zusammen und jagte es fort, möglichst weit weg. Im Ancien Régime, der Zeit vor dem napoleonischen Einmarsch, sind Betteljagden überliefert. Jene in Wipkingen war eine der letzten.

    Im Herbst 1803 waren 32 Mann aus der Bürgerschaft aufgeboten, «das Gesindel zusammenzutreiben, die Bettler in Gewahrsam zu nehmen». In einer eigens gebildeten Hauptwache sollten die Einlieferung und Arretierung der verhafteten Personen erfolgen. Pro Mann des Detachements gab es ein Mass Wein und ein halbes Brot, zudem zählte der Einsatz als Extra-Frondienst. Major Ruppert kommandierte das Ganze. Ihm unterstand der Hauptteil der Mannschaft im Zentrum. Gemeinderat Hausheer kommandierte den rechten Flügel und Präsident Laubi den linken Flügel des Aufgebots.

    Salomon Ruppert war Kirchengutsverwalter, Seckelmeister und «Adjunkt des löbl. Stadtquartiers». Er lebte von 1741 bis 1805 und war der Sohn von J.J. Ruppert, welcher 26 Jahre lang bis 1751 das Amt des Almosenpflegers bekleidet hatte. Sein Sohn Salomon war Major der Infanterie. 1779, im Alter von 38 Jahren, wurde er Untervogt in Wipkingen. Als Kirchengutsverwalter leitete er auch zwei Renovationen am Turm der alten Kirche. Als Infanterist tat er sich in Zürcher Diensten besonders hervor. Ihm wurden Aufgaben anvertraut, die ansonsten nur Stadtbürgern übertragen wurden. Seine guten Dienste in der Wipkinger Gemeindeverwaltung fiel den Stadtbehörden auf. Die Stadt Zürich schenkte ihm das Bürgerrecht, anschliessend war er in den Gerichtsbehörden tätig.

    Dieses rabiate Begebnis gegen die Bettler im Herbst 1803 blieb die einzige militärische Massnahme gegen Armut in Wipkingen. Über den Erfolg ist nichts bekannt, Verletzte oder Opfer gab es aber keine. Es war ein Relikt aus einer vergangenen Zeit.

    Salomon Ruppert war eine prägende Figur der Gemeinde. Im Jahr nach den Kriegswirren waren die Gemeindefinanzen arg aus dem Lot geraten. Im Rechnungsbericht des Jahres 1800 finden sich Einträge für verzinsliche Darlehen, «an einen guten Freund». Mit «Belohnung und Verköstigung» aus der Gemeindekasse bei Anlässen war man überaus spendabel und mehrere «besondere Dienstleistungen» waren grosszügig vergeben worden. Die Gemeinde setzte eine Rechnungsprüfungskommission unter Salomon Ruppert ein.

    Inzwischen war Ruppert zum Distriktsrichter ernannt worden. Seine Kommission hatte den Auftrag, eine strammere Ordnung in das Rechnungswesen zu bringen. Offenbar mit Erfolg, denn die Gemeindeversammlung vom 4. Dezember 1803 verlas den von der Administrationskommission ausgearbeiteten Antrag und der vormalige Seckelmeister Wilpert Abegg dankte ab. An seiner statt wurde Kaspar Laubi gewählt.

    Beinahe wäre Major Ruppert in einem Strassennamen verewigt worden. Ein neu angelegter Weg in der Gegend in den Steimeren bei der heutigen Lehenstrasse musste benannt werden. Die Strassenbenennungskommission erwog auch den Namen Ruppertweg, entschied sich aber 1934 einstimmig, den Wipkinger Lokaldichter Brugger zu Ehren kommen zu lassen.

    Die alten Institutionen überdauerten

    Nur vier Jahre vor der Betteljagd war Zürich 1799 Schauplatz der napoleonischen Kriege. Französische, österreichische und russische Truppen bezogen Stellungen auf dem Käferberg (siehe «Wipkinger Zeitung» im September 2021).
    1802 marschierte nochmals eine Armee durch Wipkingen, diesmal die eigene. Die helvetischen Truppen erteilten ihrem General Andermatt den Befehl, in Zürich einzumarschieren. Der Stand Zürich hatte eine starke Abneigung gegen die helvetische Regierung. Diese war von Napoleon installiert worden.

    Als sich Zürich weigerte, helvetische Truppen einzuquartieren, stationierte General Andermatt am 13. September 1802 Kanonen auf dem Zürichberg und beschoss die Stadt einen Tag und eine Nacht lang. Es kam zu einer Konvention und Andermatt rückte ab, über Guggach und Waid nach Baden.

    Gewalttätige und kriegerische Ereignisse wie diese bleiben haften. Beinahe vergessen sind die demokratischen Institutionen in den Schweizer Gemeinden nach der Helvetik. So nennt man die Zeit der République Helvétique, jenem 1798 von Napoleon installierten zentralisierten Staatsgebilde beruhend auf den Idealen der Französischen Revolution. Der Widerstand war gross. Nach dem Abzug der napoleonischen Truppen erfolgten verschiedene Widerstandsphasen; die Geschichtsschreibung nennt sie Mediation, Restauration und Regeneration. Napoleon Bonaparte beantwortete den Widerstand nicht nur militärisch, sondern auch mit der Mediationsakte, einer Art Zwischenverfassung, die den Kantonen grosse Teile der Souveränität wieder zurückgab. Der Sturz Napoleons leitete die Restauration ein.

    Wipkingen, in dieser Zeit eine landwirtschaftlich geprägte Siedlung mit starker Industrie, blieb in den kriegerischen Zeiten widerspenstig. Eine ganze Reihe von alten demokratischen Institutionen, die es ausserhalb der Schweiz nirgends in Europa gab, zeugen davon.

    Abgestufte Niederlassungs- und Stimmrechte

    Am 24. März 1804 waren die Wipkinger Bürger zur Huldigung gegenüber der Obrigkeit nach Höngg einberufen. Nach Beendigung einer Gemeindeversammlung fand der Gemeindetrunk in Wipkingen statt. Vom Umtrunk waren die Beisässen (Niedergelassenen) entlassen. Diese hatten allerdings ein gewisses Stimmrecht in den Versammlungen, aber am Gemeindetrunk durften sie nicht teilnehmen.

    Die Niederlassungsfreiheit war gewährleistet, aber an harte Bedingungen geknüpft. Es gab «Hintersässen-Gelder», welche Zugezogene in die Gemeindekasse zu zahlen hatten. Für Eingeheiratete gab es den «Weiberkronen», eine Abgabe für zugezogene Ehepartner in der Höhe von 1 Krone.

    Auch das «Ansässengeld» war von der Gemeindeversammlung geregelt. Ansässen (Zugezogene) mit Grundeigentum mussten 10, ohne Grundeigentum 6 und Einzelpersonen 2 alte Franken bezahlen. Die Ansässen waren frondienstpflichtig, mussten aber keine Armensteuer bezahlen. Ein «Braut- und Bechergeld», also eine Einheiratungs-Gebühr, betrug für Kantonsbürger 10 alte Franken, für Schweizer Bürger 20 und für «Landesfremde» 40 alte Franken.

    Man war sparsam bis zur Knausrigkeit: 1828 schaffte die Gemeinde den Abendumtrunk bei Fronarbeiten ab. Alle Männer bis 60 Jahre waren Frondienstpflichtig; mit Ausnahme der «Tischgänger», die stattdessen pro Jahr 30 Heller zu zahlen hatten.

    Auch die Einbürgerungen erfolgten basisdemokratisch auf Gemeindeebene. Am 4. Oktober 1804 nahm Wipkingen Heinrich Schäppi in die Bürgerschaft auf. Seine Einkaufsgebühr betrug 200 Gulden, bezahlen musste er 175 Gulden, da sich Schäppi um die Gemeinde sehr verdient gemacht hatte. Er war schon längere Zeit in der Gemeinde tätig. Als Auswärtiger konnte er nicht mitwirken, daher zog man ihn als kundigen Ratgeber bei. Heinrich Schäppi wurde Gemeindeamman und später in den Regierungsrat des Kantons Zürich gewählt.

    Eine ganze Reihe von Zuzügern wurde 1835 ins Bürgerrecht aufgenommen, so beispielsweise der erste Rektor der Universität, Lorenz Oken, Namensgeber der Okenstrasse, wo damals sein Landsitz stand. Dem Naturforscher und Naturphilosoph schenkte die Gemeinde das Bürgerrecht. Anderen bedeutenden Gelehrten wie Karl Heinz Gräffe aus Braunschweig, Professor für höhere Mathematik, wurde das Bürgerrecht geschenkt. Die Industriellen Friedrich Kornetz, Tochtermann von J. Hofmeister im Letten, oder Heinrich Studer, ein feuriger Vertreter der Radikalen und weitere wurden als Verdankung der Leistung ins Bürgerrecht aufgenommen, so etwa auch Pfarrer Konrad Bleuler.

    Wesentlich ist der Umstand, dass die Gemeindeversammlung diese Kompetenz besass. Es gab auch abgelehnte Gesuche. In dieser Zeit, 1836, lebten in Wipkingen 959 Seelen, davon 462 in Wipkingen-Dorf und 163 im Letten.
    Es gab abgestufte Stimmrechte für Zugezogene, beispielsweise konnten auswärtige Grundbesitzer über Grundbesitz-Fragen und geplante Bauprojekte abstimmen. Auch Gegenleistung wurde verlangt: Gemäss einem Gemeindebeschluss vom 24. Oktober 1813 hatte jeder, der sich in die Gemeinde einkaufte, auf der Allmend einen Baum zu setzen.

    Das verlorene Frauenstimmrecht

    Viele Institutionen, insbesondere die Gemeindeautonomie und direktdemokratische Elemente auf Gemeinde- und Vereinsebenen, überdauerten die kriegerische Zeit. Eines ging komplett verloren: das Frauenstimmrecht. Wipkinger Frauen hatten Ende des 18. Jahrhunderts Stimmrecht in verschiedenen Vereinigungen und in der «Weibergemeinde». Frauen hatten Mitspracherechte und Entscheidungskompetenzen in der Krankenpflege oder auch in landwirtschaftlichen Gremien und Korporationen, wo Witwen das Stimmrecht der verstorbenen Männer ausüben konnten.

    Die Weibergemeinde von 1794 – also vor dem Einmarsch der napoleonischen Truppen – wählte Adelheid Burkhart zur Spett-Hebamme. Die Versammlung beschloss, der bisherigen Hebamme, die aus Altersgründen ihr Amt nicht mehr richtig ausführen konnte, eine Rente zu finanzieren. Alle Frauen, welche die Dienste der neuen Geburtshelferin in Anspruch nahmen, mussten der alten Hebamme eine Gebühr von 1 Gulden bezahlen.

    Zehn Jahre später, 1804, wollte die Weibergemeinde Adelheid Burkhart zur Gemeindehebamme wählen. Der Stillstand (der Vorläufer der Kirchenpflege) verhinderte diese Wahl durch das Frauengremium und begründete dies mit dem kuriosen Argument, eine Geburtshilfe sei als ein «Kunststück» zu betrachten, über welches die Weibergemeinde nicht befinden könne. Adelheid Burkhard wurde als Hebamme eingesetzt, aber die Versammlungsfreiheit und das Stimmrecht war für die Weibergemeinde verloren und die Institution wurde abgeschafft.

    Bürger, nicht Untertanen

    Die Schweiz war Anfang des 19. Jahrhunderts umgeben von Obrigkeitsstaaten. Preussen verlangte nach dem Sturz Napoleons den Anschluss der Schweiz. Ziel war ein Königreich Helvetien mit dem Grossherzog von Baden (DE) als Kronenträger. Eine andere Forderung hätte das Königshaus Württemberg zum Haupt der Schweizer Monarchie gemacht. Die regenerierten Kantone waren indes Kleinrepubliken mit ausgebauter Demokratie, Presse- und Redefreiheit. Es gab massive Spannungen; die Schweiz galt als Auffangbecken für Revolutionäre und Umstürzler. Fürst Metternich bezeichnete die Schweiz als «befestigte Kloake», die gesäubert werden solle.

    Gemeindeautonomie, eigenständige Festlegung der Steuern, Zahlung der Steuern an die eigene Gemeinde, direktdemokratische Elemente betreffend Sachfragen, Autonomie betreffend Einbürgerungen – solche Elemente gab es in den umliegenden Königs- und Kaiserreichen nicht. Die Einwohner Deutschlands hiessen offiziell «Untertanen». Davon waren die Bürgerinnen und Bürger Wipkingens weit entfernt.

    Die Beispiele sollen zeigen, dass die moderne Schweiz nicht 1848 in einer verfassunggebenden Versammlung aus dem Nichts entstanden ist, sondern dass hierzulande viele demokratische Institutionen aus der Vorzeit der europäischen Revolutionen die Wirren überstanden hatten und einen Nährboden für eine gedeihliche Entwicklung in sich trugen.

    Quellen

    Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Damals», Wibichinga Verlag, 2023.

    Conrad Escher, Rudolf Wachter: Chronik der Gemeinde Wipkingen, Institut Orell Füssli, Zürich 1917.

    Diverse Literatur zur Helvetik, Mediation und Regeneration.

  • Das Wohnhaus Arche muss umziehen

    Das Wohnhaus Arche muss umziehen

    Das gemeinsame Mittagessen ist gerade vorbei, der Duft von Riz Casimir hängt noch in der Luft. In der Küche sind zwei Mitbewohnerinnen mit dem Abwasch beschäftigt. Im Gemeinschaftsraum wird geraucht und Kaffee getrunken, es herrscht eine behagliche Atmosphäre an diesem regnerischen Novembernachmittag.

    Philipp Schneider, der Teamleiter des Wohnhauses, empfängt den «Wipkinger» und erklärt, wie das betreute Wohnen hier an der Waidstrasse organisiert ist: «Das Ziel unserer Einrichtung», erklärt Schneider, «ist es, Wohnraum zu schaffen, der Menschen in schwierigen Lebenssituationen Stabilität und Sicherheit bietet.»

    Dabei ist das Wohnhaus, das zur sozialen Institution der Arche Zürich gehört, keine therapeutische Einrichtung, es geht nicht primär um das Heilen von Erkrankungen. Auch Abstinenz ist keine Bedingung für den Aufenthalt. Vielmehr decke das Angebot die Grundbedürfnisse ab und verhindere, dass Betroffene in die Obdachlosigkeit geraten: «Mit dem betreuten Wohnen schaffen wir zunächst einmal die notwendigen Rahmenbedingungen, damit die Betroffenen überhaupt die Möglichkeit und Energie haben, über einen Entzug nachzudenken.»

    Individuelle Betreuung

    15 Menschen leben hier gemeinsam, jeweils zu zweit oder zu dritt, in einer kleinen Wohnung, verteilt auf drei Stockwerke. Ein fünfköpfiges Betreuungsteam ist während der Woche tagsüber vor Ort und unterstützt die Bewohnenden. Auch nachts und am
    Wochenende ist das Team in Notfällen jederzeit telefonisch erreichbar. Mittags wird für alle gekocht, wer möchte, kann am Essen teilnehmen.

    Ansonsten leben alle selbstständig, haben komplett eingerichtete Wohnungen. «Wir bieten hier eine Mischung aus Betreuung und Selbstständigkeit an», so Schneider. Was für Hilfe gebraucht wird, ist sehr unterschiedlich. Für manche der Bewohnenden ist es wichtig, dass ihre Medikamente verwaltet werden, andere wünschen Begleitung bei Arztbesuchen oder nehmen Unterstützung bei der Reinigung ihrer Räume in Anspruch. Auch für Gespräche oder Beratungen sind die Mitarbeitenden jederzeit da.

    Wollishofen statt Wipkingen

    Doch nun stehen gravierende Veränderungen bevor. Anfang 2026 muss das Wohnhaus umziehen. Ein grosser Einschnitt für das Team und insbesondere die Bewohnenden, der zudem völlig unerwartet eintraf. Glücklicherweise konnte mittlerweile in Wollishofen ein Haus zur Miete gefunden werden, in dem alle Platz finden.

    «Mit diesem Wohnhaus», freut sich Schneider, «hatten wir wirklich Glück im Unglück. Doch eigentlich wäre es aus unserer Sicht wünschenswert, ein Objekt zu finden, das zum Verkauf steht, das wir nach unseren Bedürfnissen einrichten könnten. So würden wir nicht Gefahr laufen, wieder nach ein paar Jahren umziehen zu müssen. Bis jetzt hat sich eine solche Möglichkeit noch nicht geboten.»

    In Wipkingen zu Hause

    Einer der langjährigen Bewohner der Arche ist Peter Vögelin. Er ist hier seit 15 Jahren zu Hause. Vögelin kam damals zufällig vorbei und begegnete Connie, die bereits da lebte. Es war «Liebe auf den ersten Blick», erinnert er sich. Einige Zeit später konnte er gemeinsam mit Connie eine Wohnung im Haus beziehen.

    Im Quartier ist er mittlerweile stark verwurzelt: «Wipkingen ist meine Heimat, mein ganzes Leben spielt sich hier ab. Connie und ich haben gute Kontakte zur Nachbarschaft und unsere kleine Hündin Sari hat geholfen, Freundschaften zu anderen «Hündelern» in Wipkingen zu schliessen», erklärt er.

    Doch diesen Sommer hat sich sein Leben auf dramatische Weise verändert: Aufgrund einer Infektion verstarb Connie an einem Multiorganversagen. Ihr Tod hat Vögelin schwer getroffen: «Connie war für mich eine grosse Stütze, sie hat mir sehr viel über das Leben beigebracht und fehlt mir unendlich.

    Momentan bin ich mit allem ziemlich überfordert, das Räumen ihres Zimmers, die Tatsache, dass ich nun ganz alleine auf mich gestellt bin, die Sorge für unseren Hund, das sind alles grosse Belastungen.» Und demnächst droht nun noch der Umzug: «Ich habe das Gefühl, mein Leben bröckelt gerade so dahin», beschreibt er seine Emotionen.

    Alles in Wipkingen aufzugeben, das vertraute Umfeld zu verlassen, die Kontakte hinter sich zu lassen und am neuen Wohnort von vorne zu beginnen, das fällt ihm sehr schwer. Doch eine Alternative bietet sich ihm nicht wirklich: «Wenn es ginge, würde ich mir liebend gern eine eigene Wohnung suchen – aber das ist auf dem heutigen Wohnungsmarkt, mit meiner nicht ganz einfachen Lebensgeschichte wahrscheinlich sehr schwierig».

    Stabilität wäre wichtig

    So wie Vögelin geht es vielen der Bewohnenden. «Wechsel und Umzüge sind für sie schwierig», erklärt Schneider. «Wenn es darum geht, feste Strukturen und Kontinuität in ein bewegtes Leben zu bringen, sind solche Herausforderungen nur schwer zu bewältigen.» Was den Betroffenen bleibt, ist die Hoffnung auf Stabilität am neuen Ort. Oder die Möglichkeit, doch noch ein Haus zu finden, das käuflich erworben werden kann.

  • Auf dem Wasservogelpfad

    Auf dem Wasservogelpfad

    Die Werdinsel ist eine biodiverse Oase und in jeder Jahreszeit sind dort viele Vogelarten anzutreffen, darunter diverse Wasservögel. Wer mehr über diese Arten erfahren möchte, hat im Januar 2024 Gelegenheit dazu, und zwar auf dem Wasservogelpfad des Natur- und Vogelschutzvereins Höngg.

    Vom 1. bis 31. Januar sind die über 20 Poster auf der Werdinsel und im angrenzenden Limmatraum von den Haltestellen Frankental, Winzerhalde oder Tüffenwies frei zugänglich. Die Tafeln sind dort platziert, wo die beschriebene Art oft zu beobachten ist. Der Spaziergang führt durch verschiedene Landschaften; häufige Vögel sind an mehreren Orten zu beobachten. Beim regelmässigen Vorbeispazieren lässt sich vielleicht auch einmal eine Seltenheit entdecken.

    Quelle: Natur- und Vogelschutzverein Höngg

    Selber entdecken – Wasservogelpfad

    1. Januar – 31. Januar 2024

    Weitere Informationen: nvvhoengg.ch

  • Sind die Maschinen bald schlauer als wir?

    Sind die Maschinen bald schlauer als wir?

    Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) bewegt momentan die Öffentlichkeit. In fast allen Berufssparten wird ihr Vormarsch nicht nur zu angenehmen Arbeitserleichterungen führen, sondern wirft auch Fragen nach der Zukunft unserer Tätigkeit auf und führt zu ethischen Grundsatzdiskussionen. Die ETH widmete sich in ihrer Veranstaltungsreihe «Treffpunkt Science City» dem Thema an vier Erlebnissonntagen, mit Führungen und Podiumsdiskussionen.

    Am Veranstaltungssonntag vom 26. November wurden insbesondere die politischen Implikationen der KI betrachtet: In den zahlreichen öffentlichen Vorlesungen ging es dabei um die Auswirkungen von KI auf unsere demokratischen Systeme, um die ungeahnten Techniken, die bereits heute verwendet werden können, um Konsument*innen zu beobachten und zu manipulieren, um Kriegsführung mithilfe von KI oder den Einsatz von Geodaten zum Aufspüren von Menschen in Not, um nur einige Beispiele zu nennen.

    Welche Zukunft hat der Journalismus?

    Der IT-Spezialist Timo Grossenbacher, der bei Tamedia für neue Technologien und redaktionelle Automation zuständig ist, beschäftigte sich in seiner Vorlesung mit der Frage, die vor allem die Vertreter*innen der schreibenden Zunft beschäftigt: Werden die Redaktionen bald menschenleer sein, weil ChatGPT alle redaktionelle Arbeit alleine verrichten kann?

    Sein Vortrag vermochte die Journalist*innen, die um ihre Zukunft bangen, ein wenig zu beruhigen. Zumindest momentan, so Grossenbacher, sei der Mensch auf den Redaktionen noch unersetzlich. Denn, so erklärte er seinem Publikum, bis heute folge die KI noch immer demselben Paradigma, wie sie es seit ihren Anfängen in den 1950er-Jahren getan habe, als die ersten Schachcomputer aufkamen.

    ChatGPT könne zwar Texte generieren und Unterhaltungen führen, doch dessen Arbeit beruhe im Grunde genommen immer noch auf den gleichen Prinzipien maschinellen Lernens wie früher – das Generieren von Regeln und Klassifikationen anhand von Informationen. Selber denken, so Grossenbacher, das könnten die Maschinen auch heute noch nicht. Und genau deswegen sei auch eine enge Kontrolle und Überwachung der maschinellen Arbeit durch den Menschen unumgänglich.

    Wann es denn zu einem Paradigmenwechsel komme, wurde Grossenbacher gefragt. Eine Antwort hierauf konnte er nicht geben. Wann und ob jemals die KI die «Singularität» erreichen und die Intelligenz des Menschen übertreffen wird, so, dass sie selber kreative Prozesse ausführen kann, das sei eine der grossen Fragen in diesem Zusammenhang, über die bei Expert*innen keine Einigkeit bestehe.

    Bauwerke planen leicht gemacht

    Weniger theoretisch, dafür viel praktischer konnten die Leistungen der modernen Computer in mehreren Führungen und Demonstrationen bestaunt werden. So etwa im «Immersive design lab», das dem «Center for augmented computational design in architecture, engineering and construction» angehört. Hier können Audio- und visuelle Effekte simuliert und für die verschiedensten Bereiche genutzt werden.

    Im Lab kann etwa die Schallübertragung in einer Bahnhofshalle realitätsgetreu simuliert werden, um zu ermitteln, wie und an welchen Stellen eine Schallisolierung Sinn macht. Architekt*innen können das Labor nutzen, um hier mit Virtual-Reality-Brillen Bauprojekte direkt in der geplanten Umgebung zu simulieren. So lässt sich viel einfacher erkennen, wie ein Bauwerk in seiner Umgebung wirken könnte, als wenn nur eine Bauzeichnung existiert.

    Spielerische Annäherung an die KI

    Natürlich hatte der Erlebnissonntag auch für die Kinder einiges zu bieten. Deren Interesse an den Veranstaltungen war mindestens so gross wie dasjenige der Erwachsenen. In verschiedenen Workshops konnten etwa Brücken aus Papier erstellt, Geheimschriften entwickelt oder mit Detektivarbeit Gefühle ermittelt werden.

    Für die etwas Älteren gab es die Möglichkeit, sich mit Robotern spielerisch zu messen. Lange Schlangen bildeten sich ausserdem vor der lernfähigen Kugelschreiberfabrik, die im Foyer des Physikgebäudes aufgebaut war: Auf Wunsch produzierten hier die Roboter den Besucher*innen ihren persönlichen Kugelschreiber.

  • Zwischennutzung für den Burrischopf gesucht

    Zwischennutzung für den Burrischopf gesucht

    Der 700 Quadratmeter grosse Burrischopf auf dem Letten-Areal, Wasserwerkstrasse 105, wird ab voraussichtlich 2027 zu einer Energiezentrale umgebaut. Bis zum Baustart soll er nun für eine Zwischennutzung vorbereitet werden, wie einer Medienmitteilung der Stadt Zürich zu entnehmen ist. Die dafür notwendigen baulichen Massnahmen beschränken sich auf kleinere Anpassungen zum Ausgleich der Traglast, auf die Sicherung von Brüstungen und auf die Verschiebung des Zufahrtstors.

    Partizipative Ideensammlung

    Die Zwischennutzung des Burrischopfs wird in einem partizipativen Verfahren mit dem Quartier festgelegt. Der Quartierverein Wipkingen sammelt über seine Webseite wipkingen.net ab sofort und bis Ende Januar 2024 entsprechende Ideen. Der Zuschlag soll bis Ende Februar 2024 erfolgen.

    In Anlehnung an das vom Gemeinderat überwiesene Postulat GR Nr. 2022/544 zum benachbarten Kesselhaus stehen selbstorganisierte kulturelle und politische Veranstaltungen sowie Selbsthilfewerkstätten im Fokus. Die Infrastruktur ist minimal, wie auf der Website des Quartiervereins Wipkingen nachzulesen ist. Der grosse Raum ist ungeheizt, das Dach ist nicht isoliert. Im Sommer könnte es darum für eine Nutzung zu heiss werden. Es sind keine WC-Anlagen vorhanden. Ziel ist, einen Verein zu gründen, der als Plattform zur Deckung möglichst vieler Nutzungsbedürfnisse aus dem Quartier dient. Der Quartierverein Wipkingen amtet dabei als “Geburtshelfer” mit seinem Know-how und seiner Vernetzung.

    Laut Medienmitteilung eignet sich das unmittelbar an den Burrischopf anschliessende Kesselhaus aufgrund seines schlechteren Zustands nicht für eine Zwischennutzung. Die baulichen Massnahmen, die für einen sicheren Betrieb mit Publikum erforderlich sind, wären zu umfangreich. Die Eingriffstiefe wiederum würde auf Kosten der Nutzungsdauer gehen. Das Kesselhaus wird dem ewz deshalb weiterhin als einfacher Lagerraum überlassen.

    Quellen: Medienmitteilung Stadt Zürich, Quartierverein Wipkingen

  • «Tiere öffnen das Herz»

    «Tiere öffnen das Herz»

    Die Beziehung zwischen Tieren und Menschen ist bereits Jahrtausende alt. Wurden Tiere zu früheren Zeiten insbesondere zur Unterstützung bei körperlichen Arbeiten sowie als Lieferanten für Nahrungsmittel verwendet, sind sie heute schon lange nicht mehr nur in dieser Rolle im Einsatz.

    Eine grosse Bedeutung kommt ihnen auch als Heimtiere zu, als Freunde und Begleiter, moralische Stützen und Familienmitglieder. Und im therapeutischen Kontext werden sie mittlerweile auf vielfältige Art und Weise eingesetzt: mit Kindern, psychisch erkrankten Menschen, bei körperlichen Gebrechen, sogar als Trostspender im Krankenhaus. In den Alters- und Pflegeinstitutionen hat sich der Einsatz von Tieren in den letzten Jahren ebenfalls etabliert.

    Während manche Institutionen eigene Tiere halten und im Zusammenhang mit der Aktivierung einsetzen, nutzen andere die Angebote privater Initiativen, die Tierbesuche für Heime anbieten.

    Zu Besuch in den Altersinstitutionen

    Zu den ersten Anbietern tiergestützter Interventionen im Raum Zürich gehört Barbara Schaerer. Seit rund 25 Jahren engagiert sie sich auf dem Gebiet und ist die Gründerin der Fachstelle «Leben mit Tieren im Heim». Begonnen hat sie ursprünglich damit, Altersheime bei der Anschaffung eigener Tiere zu beraten.

    Doch mit der Zeit erkannte sie, dass dieses Vorgehen nur unbefriedigend ablief: «Vieles von dem, was mit Enthusiasmus gestartet wurde, verlief schnell wieder im Sand», erklärt die Fachfrau für tiergestützte Intervention. «Der Aufwand für die Betreuung ist gross und erfordert viel Fachwissen, wenn das Tierwohl angemessen berücksichtigt werden soll», so Schaerer.

    Deswegen verlagerte sie im Jahr 2013 den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Organisation von Tierbesuchen. Mit ihren eigenen Tieren absolvierte sie mehrere Hundert Besuche in Altersheimen. Mittlerweile hat sie sich altershalber zurückgezogen, bietet aber nach wie vor Aus- und Weiterbildungen an.

    Bei den Besuchen konzentriert sich Schaerer auf Meerschweinchen und Hühner: Meerschweinchen lassen sich als aktive Gruppentiere besonders gut beobachten, Hühner sind äusserst robust und können sehr zutraulich werden. Bei den Besuchen werden die Tiere in einem speziellen Gehege platziert und können beobachtet und gefüttert, zuweilen auch gestreichelt werden.

    Die Tiere fungierten in diesem Kontext nicht als Therapeuten, es gehe bei den Besuchen nicht darum, Krankheiten zu heilen, so Schaerer. Das Anliegen sei vielmehr, mit sinnlichen Erlebnissen Freude und Abwechslung in den Alltag zu bringen. Insbesondere für an Demenz erkrankte Menschen seien die Begegnungen von grosser Bedeutung. Sie berührten die Menschen nicht nur emotional, sondern weckten auch Erinnerungen.

    Zudem förderten sie das Gespräch: «Tiere haben einen hohen Aufforderungscharakter zur Kommunikation», so Schaerer. Einerseits würden die Bewohnenden mit den Tieren zu reden beginnen, andererseits rege der Kontakt aber auch dazu an, sich mit anderen auszutauschen. «Selbst Menschen mit fortgeschrittener Demenz nehmen sehr intensiv war, was die Tiere tun und teilen sich darüber mit», ist ihre Beobachtung. Oft ermöglichten die Tiere so Zugang zu Menschen, die sonst kaum zu erreichen seien.

    Liebesbedürftige Tiere

    Auch die Höngger Altersinstitutionen sind sich der positiven Wirkung von Tieren bewusst und tragen diesem Umstand Rechnung. In der Hauserstiftung etwa befindet sich im Foyer ein Aquarium, welches grosse Anziehungskraft besitzt, wie Heimleiter Romano Consoli erklärt. Auch zwei Katzen leben im Heim und geniessen die Streicheleinheiten. «Bei manchen Bewohnenden schlafen sie sogar im Zimmer, sie spüren genau, wer sie besonders mag», so Consoli. Zuweilen nehme auch eine Mitarbeiterin ihren Hund mit zur Arbeit, welcher sehr beliebt sei.

    Ähnlich ist die Situation in der Tertianum Residenz Im Brühl. Auch hier befindet sich auf der Pflegestation ein Aquarium. Tiergestützte Aktivierung werde bis anhin noch nicht praktiziert, man könne sich aber durchaus vorstellen, davon Gebrauch zu machen, wie Heimleiter Beat Schmid erklärt. Dabei müsse man allerdings vorher abklären, wie die Bewohnenden dazu stehen. «Es gibt natürlich auch Menschen, die zum Beispiel vor Hunden Angst haben, darauf würden wir natürlich Rücksicht nehmen», erklärt er.

    Bewohnende werden kommunikativer

    Im Alters- und Pflegeheim Riedhof lebt bereits seit vielen Jahren eine Gruppe von Meerschweinchen. Regelmässig ermöglichen Freiwillige den Bewohnenden direkten Kontakt zu den Nagetieren.  «Das löst Ruhe und eine grosse Zufriedenheit aus. Berührung ist dabei ein wichtiger Faktor», erklärt Eva Rempfler, Teamleitung Aktivierung.

    Zu den Mitbewohnern des Riedhofs gehören darüber hinaus neben den Fischen im Aquarium eine Gruppe von Ziegen im Park und der heimeigene Kater. Zudem gehen mehrere Hunde von Mitarbeitenden hier regelmässig ein und aus. Deren Anwesenheit habe einen deutlichen Effekt, so Rempfler: «Wenn unsere Pflegedienstleitende mit ihrem Rüden im Haus ist, merkt sie, wie hoch die Beachtung ist. Die Bewohnenden sind sofort kommunikativer, sie und ihr Hund werden angesprochen. Die Begegnungen öffnen das Herz, das Gemüt und wecken Erinnerungen», so Rempfler.

    Schliesslich macht der Riedhof auch von externen Tierbesuchen Gebrauch – seien es Events zur Unterhaltung wie ein Theaterzirkus oder eine Dackelshow oder Angebote tiergestützter Aktivierung wie der Besuch von Alpakas, der demnächst ansteht.

    Lichtblicke im Alltag schaffen

    Elena Hänzi ist die Verantwortliche für interne Veranstaltungen im Gesundheitszentrum für das Alter Bombach. Auch sie ist vom positiven Effekt des Tierkontakts überzeugt. Eigene Tiere hat das Heim zwar nicht, dafür bemüht sich Hänzi darum, so oft wie möglich den Kontakt zu Tieren zu ermöglichen. So sind regelmässig Alpakas zu Gast, welche gestreichelt und gefüttert werden können. Hühner und Meerschweinchen sind ebenfalls öfter vor Ort, in einem ganz ähnlichen Setting, wie es Schaerer anbietet. Zudem sorgt zweimal jährlich eine Dackelshow für Unterhaltung.

    Insgesamt organisiert Hänzi rund sieben bis neun Besuche pro Jahr. Und das wird geschätzt: Im Bewohnerrat, der zweimal jährlich stattfindet und bei dem die Bewohnenden ihre Bedürfnisse und Wünsche äussern können, würden die Tierbesuche immer wieder thematisiert, freut sich Hänzi. «Wir versuchen, kleine Glücksmomente zu schaffen, die Krankheiten und Schmerzen für einen Moment vergessen lassen. Und wenn die Bewohnenden auch noch Wochen später von dem Besuch der Alpakas schwärmen, dann haben wir unser Ziel erreicht.»

    Im Fokus: Wertvolle Jahre

    Der «Höngger» veröffentlicht in diesem Jahr verschiedene Artikel, die sich der Lebensrealität von Betagten und Menschen mit Behinderung widmen. Diese Reihe entsteht mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung, die sich für solche Menschen stark macht.

  • Gegen den Judenhass

    Gegen den Judenhass

    Seit dem abscheulichen Massaker der Hamas vom 7. Oktober im Süden Israels ist die jüdische Gemeinschaft in Zürich in grosser Sorge. Im Monat nach der beispiellosen Attacke gegen Jüdinnen und Juden wurden in der Schweiz mehr antisemitische Vorfälle gemeldet als normalerweise in einem ganzen Jahr.

    An einer Hauswand in Zürich war beispielsweise «Tot den Juden» (mit Rechtschreibfehler) zu lesen, Hakenkreuze und andere bedrohliche Slogans wurden an Wände gesprayt. Personen, die als jüdisch erkennbar sind, wurden angespuckt, mit «Free Palestine»-Rufen belästigt oder sogar physisch angegriffen. Jüdische Schulkinder erzählen von antisemitischem Mobbing und von Ausgrenzungen auf Pausenplätzen und Schulwegen.

    Aufruf zur Auslöschung Israels

    Um das Trauma, das hier ausgelöst wurde, zu verstehen, muss man die Geschichte des jüdischen Volkes kennen. Die Angst vor Verfolgung ist leider seit Langem Teil des Jüdischseins. Praktisch alle in Zürich lebenden Menschen mit jüdischem Glauben verloren Verwandte im Holocaust und haben Fluchtgeschichten in der Familie. Die Angst hat aber auch mit den vielen propalästinensischen Demonstrationen in Zürich zu tun. An diesen wird Israel mit üblen und absurden Verleumdungen dämonisiert.

    Dabei wird auch «Free Palestine!» und «From the River to the Sea, Palestine will be free!» skandiert. Die Teilnehmenden werden von radikalen Einpeitschern richtiggehend aufgehetzt. Beide dieser Slogans rufen zur Vernichtung des Staates Israel auf und fordern gleichzeitig die Ermordung und – im besten Fall – die Vertreibung der jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner aus dem gesamten Gebiet.

    Es sind also exakt dieselben Ziele, wie sie die Terrororganisation Hamas verfolgt. Eine Forderung nach einem friedlichen und demokratischen palästinensischen Rechtsstaat im Rahmen einer Zweistaatenlösung mit Israel sucht man an solchen Demonstrationen vergebens.

    Auch wenn an diesen Demos bisher keine gewalttätigen Übergriffe verzeichnet wurden, geht der Extremismusforscher Dirk Baier davon aus, dass sie weiteren Hass gegen Jüdinnen und Juden schüren. Dasselbe passiert auch in den sozialen Medien.

    Welches Grundrecht wird höher bewertet?

    Der Zürcher Regierungsrat und der Verband der Schweizer Polizeibeamten wollen diese Demonstrationen verbieten, so wie es in der Stadt Bern geschehen ist. Sie sehen ein öffentliches Interesse an einem Verbot für die Wahrung der Sicherheit als gegeben. Dazu gehört die persönliche Sicherheit der jüdischen Minderheit, aber auch diejenige der Gesamtbevölkerung.

    Der Zürcher Stadtrat hingegen bewertet die Meinungsäusserungs- und Demonstrationsfreiheit höher und sieht von einem Verbot ab. Inwiefern diese Demos einer demokratischen und politischen Meinungsbildung dienen, bleibt für mich jedoch völlig unklar.

    Was tun?

    Was können wir unternehmen, dass sich die jüdische Bevölkerung in unserer Stadt in Zukunft wieder sicherer fühlt? Die Geschichte Israels, der Juden und des Holocausts muss einen höheren Stellenwert im Schulunterricht und bei der Integration von Zugewanderten erhalten. Ausserdem fehlt noch immer eine öffentliche Stelle zur Bekämpfung des Antisemitismus.

    Den Leserinnen und Lesern des «Hönggers» lege ich ans Herz, jüdische Freunde anzurufen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie werden erstaunt sein, wie viel Freude das allen bereitet. In diesen dunklen Zeiten sind Lichtblicke besonders wertvoll.

    Eingesandt von Ronny Siev, Gemeinderat und Vorstandsmitglied der GLP Kreis 6 & 10

    Meinungssache

    Die Rubrik «Die politische Kolum­ne» wird von Personen aus dem politischen Leben im Kreis 10 geschrieben. Alternierend wird jede Partei berücksichtigt.

    Die Kolumne widerspiegelt jeweils die Ansicht der Autorin oder des Autors.

  • Immer mehr Menschen hören zu

    Immer mehr Menschen hören zu

    Nachdem die Podcast-Agentur Audiokanzlei dieses Jahr zum ersten Mal die Suisse Podcast Awards veranstalteten, folgte nun das Suisse Podcast Festival. Das Motto: «The Future of Podcasting». In diesem Rahmen fanden Workshops, Paneldiskussionen und Live-Podcasts statt. Und natürlich stand auch Networking auf dem Programm.

    Das Zürcher Kraftwerk war gefüllt mit Menschen, darunter auch viele, die nichts mit dem Podcast-Festival am Hut hatten, sondern den beliebten Co-Working Space im gemütlichen Kaffee nutzten. In den oberen Räumen fanden die Workshops statt, die den Teilnehmenden diverse Themen, von finanziellen Fragen über Künstliche Intelligenz, bis hin zu Humor und Storytelling, näher brachten.

    Etwas für Alle

    Ob Podcast-Produzent*in oder begeisterte Hörer*in, das Festival war offen für alle Interessierten. Die Workshop-Plätze waren begrenzt und die Räume füllten sich schnell. Das Bedürfnis zum persönlichen Austausch mit erfolgreichen Podcast-Produzent*innen war spürbar. Zugleich fanden im grossen Saal Panels statt, bei denen diverse Akteure vor grösserem Publikum über aktuelle Podcast-Themen diskutierten.

    Die Atmosphäre war belebt und locker. Die Veranstaltenden und Teilnehmenden freuten sich deutlich, unter Gleichgesinnten zu sein und Kontakte zu knüpfen. Der Austausch war erfrischend: Viele der Anwesenden produzieren bereits einen Podcast, einige als Hobby in ihrer Freizeit, andere in Anstellung für ein Unternehmen. Nicht nur die Herangehensweisen, sondern auch die Themen waren ganz unterschiedlich: von Kinderwunsch über True Crime bis hin zu Tourismus.

    Marketing mit Podcasts

    Dieser Anlass zeigt: Podcasts werden immer relevanter, auch als Marketing-Massnahme. Das liegt unter anderem daran, dass es ein sehr persönliches Format ist. Zunehmend setzen grosse Unternehmen wie PostFinance oder Orell Füssli auf Podcasts, um andere, oft jüngere, Zielgruppen zu erreichen. Dennoch zögern viele Unternehmen, in dieses eher neue Format zu investieren, dessen Messbarkeit noch begrenzt ist.

    Hier sind sich alle einig: Je mehr Mut diesem Format entgegengebracht wird und sich die Schweizer Podcast Industrie untereinander vernetzt, umso eher kann das Potenzial von Podcasts voll ausgeschöpft werden. Uns in der Höngger Redaktion bereitet es Freude, mit dem «Höngger Podcast» auf innovative und persönliche Weise mit unserem Quartier in Verbindung zu sein. Gerade die neuste Folge «Der Stadtnatur auf der Spur» hat grossen Anklang gefunden, und so wollen wir weiter machen: Für das kommende Jahr sind bereits spannende Episoden geplant, in denen unsere Hörer*innen in neue Geschichten aus Höngg und der Welt eintauchen dürfen.

  • Laub bitte liegen lassen

    Laub bitte liegen lassen

    Nun ist es bereits ein Jahr her, seit der «Höngger Podcast» lanciert wurde. Das Thema der ersten Folge ist wiederum brandaktuell: Die Igel in unserer Stadt begeben sich langsam aber sicher in den Winterschlaf. Wer den kleinen Tieren in dieser Zeit Unterstützung leisten möchte, kann dies im eigenen Garten mit einfachen Massnahmen tun, wie der «Höngger» berichtete.

    Dieser Zeitungsartikel führte zur ersten, gleichnamigen Podcast Folge «Igel in Nöten», die das persönliche Gespräch mit einem Höngger suchte, der in seinem Garten einen Igel auswilderte. Diese Folge eignet sich perfekt, um mit einem heissen Getränk an einem regnerischen Herbsttag gemütlich zuzuhören und etwas Neues über unsere stachligen Wildtiere zu lernen – hier kann der Podcast angehört werden:

    Dieser Podcast ist auch auf folgenden Platformen zu hören: Spotify / Youtube / Amazon / Apple Podcasts

    Produziert von Jina Vracko für die Quartierzeitung Höngg.

  • Musicals sind seine Leidenschaft

    Musicals sind seine Leidenschaft

    Es war im Jahr 1997, als ich in New York das Disney-Musical «The Lion King» besuchte, welches in diesem Jahr seine Uraufführung feierte. Den Zeichentrickfilm und natürlich die Musik von Elton John und Tim Rice kannten alle, doch wie würde sich die Geschichte auf der Bühne machen? Schliesslich sind die Protagonist*innen ausschliesslich Tiere. Das Resultat hat mich begeistert. Die Regisseurin Julie Taymor hat viel gewagt – und alles gewonnen. Die Symbiose mit den gewaltigen Puppen und deren Darsteller*innen, die zu sehen waren, überzeugte. 25 Jahre später sollte «The Lion King» zu den erfolgreichsten Musicals der Welt gehören.

    Beginnen wir von vorne. Aufgewachsen bin ich in Altstetten nahe der Limmat, ich sah also ständig von meinem Kinderzimmer auf den Hönggerberg. Dass mein Weg in die Entertainmentbranche führen sollte – oder gar nach Höngg –, war kein Plan. Zunächst war es mein Ziel, die kaufmännische Lehre in einem Reisebüro zu absolvieren, was damals sehr begehrt war. Ich fand eine ideale Lehrstelle in Oerlikon. Lustigerweise in der Nähe jenes Ortes, wo heute das Theater 11 steht, eine unserer Spielstätten. Ein Kreis schliesst sich.

    Freikarten für Konzerte

    Elf Jahre blieb ich im Reisebüro, wurde berufsbegleitend eidgenössisch diplomierter Verkaufsleiter und hatte auch die Möglichkeit, ein Jahr in New York zu verbringen. Die Stadt fasziniert mich seit je. Die Showbranche «schlich» sich derweil langsam, aber stetig in mein Leben. Meine Mutter erhielt arbeitsbedingt hin und wieder Freikarten für Konzerte, die keiner haben wollte. Ich nahm die Karten dankbar an und besuchte in der Folge unzählige Konzerte. Parallel dazu war ich ein treuer Zuschauer, wenn im Fernsehen die alten Musicalschinken wie «The Sound of Music» oder «Singing in the Rain» wiederholt wurden.

    Schliesslich arbeitete ich in der Versicherungsbranche und es bot sich in dieser Zeit die Möglichkeit an, Mitorganisator bei einem Open-Air-Konzert in Windisch zu sein. Unser ambitioniertes Ziel: Udo Jürgens für einen Auftritt zu gewinnen. Der plante glücklicherweise in diesem Sommer eine Open-Air-Tour und so führte eins zum anderen. Ich traf auf Freddy Burger, dem damaligen Manager von Udo Jürgens, der mir eine Aufgabe in seiner Firma FBM Entertainment anvertraute. Das war 1992.

    Auf der Landkarte der Musicals

    Unsere Abteilung war zu Anfangszeiten klein, ich arbeitete allein und organisierte diverse Veranstaltungen. Doch das Geschäft wuchs und wuchs. Heute zählen wir 30 Mitarbeitende und führen neben dem Theater 11 auch das Musical Theater in Basel und seit 2019 auch die Thunerseespiele. Als CEO trage ich eine grosse Verantwortung. Der Erfolg ist auch internationalen Gastspielen zu verdanken. Es gibt einen lustigen Spruch unter den englischen Produzenten, der lautet: Wer hätte gedacht, dass auf der Landkarte der englischen Produktionen je die Schweiz auftauchen würde? Denn englische Produktionen haben beispielsweise in Deutschland oder Frankreich keine Chance. Aber in der Schweiz sehr wohl.

    Vor sieben Jahren trat dann «The Lion King» wieder in mein Leben: Wir konnten die Grossproduktion nach Basel holen. Das waren zähe Verhandlungen mit Disney. Wir mussten viele Garantien leisten, aber die Rechnung ging auf: Das Gastspiel wurde ein riesiger Erfolg. Bald darauf klopften «Mary Poppins», «Miss Saigon» oder «Les Misérables» an die Tür. Ab Ende November wird «The Lion King» in englischer Sprache das erste Mal im Theater 11 Zürich aufgeführt, ein bisschen später als gedacht, das ist der Pandemie geschuldet, die wir als Firma glücklicherweise ohne grösseren Schaden überstanden haben. Wir sind gespannt, wie das Zürcher Publikum reagiert.

    Das Einkaufen einer Grossproduktion aus England oder den Vereinigten Staaten bedeutet weit mehr, als man denkt. Wir müssen einschätzen, wie lange wir die Produktion spielen lassen, denn nur schon eine Woche mit einem geringen Publikumsaufkommen kann den Gewinn zunichtemachen. Wir besorgen zudem die Wohnungen und Arbeitsbewilligungen für Cast und Crew, sind zudem für das Marketing, die PR und das Ticketing zuständig, es ist also ein ziemlicher Rattenschwanz.

    Hinter der Bühne

    Obwohl ich schon 30 Jahre in diesem Metier arbeite, ist meine Begeisterung für Musicals aller Art unverändert gross. Mein Team und ich stecken viel Herzblut in die Arbeit und freuen uns, wenn eine neue Truppe mit einer neuen Produktion die Zelte bei uns aufschlägt. Und ich versuche meine Nase im Wind zu behalten, schliesslich muss ich wissen, was in London oder am Broadway angesagt ist. Ich kaufe keine Produktion ein, die ich nicht gesehen habe.  

    Das Musical «Hamilton» von Lin-Manuel Miranda hat mich fasziniert, es geht einen mutigen Schritt mit all dem Hip-Hop und Rap. «Kinky Boots» von Cyndi Lauper und Harvey Fierstein wäre eine Herausforderung für die Schweiz, was die Vermarktung betrifft. «The Book of Mormon» von Trey Parker, Matt Stone und Robert Lopez hingegen hatten wir schon und es lief wie verrückt.

    Obwohl ich Musicals liebe, weiss ich wo mein Platz ist: hinter der Bühne. Sie werden mich also nie singen und tanzen sehen. Und wenn ich nicht gerade für Musicals im Einsatz bin, denn erhole ich mich zusammen mit meiner Partnerin in Höngg oder auf einem Golfplatz. Dort geniesse ich die Ruhe, das Showbusiness ist dann meilenweit weg.

    Disney The Lion King I Theater 11 Zürich 2023 I Trailer

    «The Lion King»

    23.11.23-10.3.24

    Im Theater 11, Thurgauerstrasse 7, 8050 Zürich

    Weitere Informationen: www.thelionking.ch

    Tickets: Ticketcorner