Autor: tka_admin

  • Das neue Preissystem in den städtischen Gesundheitszentren gibt zu reden

    Das neue Preissystem in den städtischen Gesundheitszentren gibt zu reden

    Die Gesundheitszentren für das Alter der Stadt Zürich haben im vergangenen Jahr ihr System der Pflegeeinstufung gewechselt. Wie der «K-Tipp» Ende November berichtete, läuft die Ermittlung der Pflegeleistungen seit dem 1. Juli 2025 neu über das Einstufungssystem «RAI», das alte, «Besa», hat ausgedient.

    Das klingt zunächst nach einer verwaltungstechnischen Lappalie und nicht besonders spektakulär, hat aber durchaus nennenswerte Folgen. Denn mit der Systemumstellung fallen rund 400 Bewohnende der Gesundheitszentren für das Alter neu in die Pflegestufe 1. Und das, obwohl sie gar keine pflegerischen Dienstleistungen beanspruchen. Bis anhin befanden sie sich in der Pflegestufe 0 und hatten dementsprechend auch keine pflegerischen Leistungen zu bezahlen.

    Fast zwanzig Franken täglich – wofür?

    Seit Juli aber werden ihnen pauschal 0 bis 20 Minuten Pflege pro Tag verrechnet – für den Preis von 17.20 Franken täglich. Vorerst, so erklärt die Stadt, werde lediglich der Anteil verrechnet, den die Krankenkassen zu berappen haben. Dieser beträgt täglich 9.60 Franken, was der Stadt jährliche Einnahmen von rund 1,4 Millionen Franken beschert.

    In zwei Jahren sollen dann auch die Bewohnenden selbst zur Kasse gebeten werden und ihren Anteil von 7.60 Franken täglich selbst bezahlen, was zusätzliche 2 Millionen Franken in die Stadtkasse spülen wird.

    Wie Renate Monego, die Direktorin der Gesundheitszentren für das Alter, in einem Interview mit dem «Tages Anzeiger» erklärt, habe diese Neueinstufung lediglich systembedingte Hintergründe. Das neue Erfassungssystem werde landesweit eingeführt, um die Abrechnungen schweizweit zu vereinheitlichen.

    Die Alters- und Pflegeheime seien verpflichtet, das neue System zu übernehmen. Und weil dieses keine Nullstufe kennen, hätten die Institutionen keine andere Wahl, als den Anforderungen des Systemanbieter zu folgen.  

    Betroffene wehren sich

    Doch die Neueinteilung empört die Betroffenen. Einzelne hätten laut «K-Tipp» mit ihrer Versicherung Kontakt aufgenommen und ihr mitgeteilt, dass sie keine Pflegeleistungen beanspruchten. Diese haben nun in mehreren Fällen Rückforderungen von den Pflegeinstitutionen eingeleitet.

    Weiter zitiert der «K-Tipp» eine von ihm kontaktierte Fachanwältin, welche erklärt, es sei «rechtlich unzulässig, eine Einstufung nicht gesundheitsbedingt vorzunehmen, sondern einzig wegen eines Systemwechsels zur Ermittlung des Pflegebedarfs». Es handle sich hierbei um Bereicherung.

    Gegen diesen Vorwurf wehrt sich Monego im Interview mit dem «Tages Anzeiger». Die Institutionen seien verpflichtet, für alle Bewohnenden eine Pflegedokumentation zu eröffnen, auch wenn diese (noch) keine Pflege benötigten. Und auch die Nachfrage des Personals, wie der Gesundheitszustand sei, ob es Nebenwirkungen von Medikamenten gebe oder ob ein Arztbesuch geplant seien, gälte als Pflegegespräch.

    Der Eindruck der Bewohnenden, sie nähmen keine Leistungen in Anspruch, stimme daher nicht so ganz. Den Widerstand der Versicherer gegen das neue System akzeptierten die Gesundheitszentren daher nicht. Verbände und Versicherer stünden deswegen in Verhandlungen.

  • Instandsetzung der Fenster in der Wohnsiedlung Nordstrasse in Wipkingen

    Instandsetzung der Fenster in der Wohnsiedlung Nordstrasse in Wipkingen

    Die Wohnsiedlung Nordstrasse aus dem Jahr 1918 befindet sich im Quartier Wipkingen und umfasst 146 Wohnungen. Nun müssen laut einer städtischen Medienmitteilung die Fenster der «Schindelhäuser» – unter diesem Namen ist die Siedlung bekannt – altershalber instand gesetzt werden.

    Schrittweises Vorgehen

    Bei der letzten umfassenden Instandsetzung der Wohnsiedlung in den Jahren 2009 bis 2012 wurden insbesondere Küchen und Bäder modernisiert sowie eine Zentralheizung eingebaut. Die Fenster blieben damals unangetastet, da sie sich noch in gutem Zustand befanden. Dieses gezielte Vorgehen trägt zur nachhaltigen Nutzung der bestehenden Bauteile bei und schont Ressourcen.

    Die Lebensdauer ist erreicht

    Mittlerweile haben die Holzfenster ihre technische Lebensdauer erreicht. Rund 2400 Fensterflügel und 2200 Fensterläden werden nun abgeschliffen, ausgebessert und neu gestrichen. Zudem wird der Fensterkitt vollständig erneuert. Der Stadtrat hat für diese Arbeiten gebundene Ausgaben von 3,84 Millionen Franken bewilligt. Die Investition hat keine Auswirkungen auf die Mietzinsen, die Mietverhältnisse bleiben unverändert bestehen.

    Die Instandsetzung erfolgt in drei Etappen in den Jahren 2026, 2027 und 2028, jeweils in der warmen Jahreszeit, um die Beeinträchtigungen für die Bewohnenden so gering wie möglich zu halten.

  • Der erste Aktivia-Vortrag des Jahres: «War früher alles besser?»

    Der erste Aktivia-Vortrag des Jahres: «War früher alles besser?»

    Der Spruch «Früher war alles besser» ist vor allem bei der älteren Generation oft zu hören und schnell zur Hand, wenn schlechte Nachrichten verkündet werden. Dass diese Aussage keineswegs pauschal zutrifft, zeigt die Referentin Deborah Kistler anhand von Zahlen und Fakten auf.

    Positive Veränderungen

    Die Welt hat sich in vielen Bereichen deutlich zum Besseren entwickelt: So sind beispielsweise Fortschritte bei der Bekämpfung der Kindersterblichkeit oder in der Bildung zu verzeichnen, auch wenn solche positiven Veränderungen häufig nicht im öffentlichen Fokus stehen. Einen wesentlichen Beitrag zu diesem globalen Fortschritt leistet zudem die weltweite Forschung.

    Deborah Kistler ist Geschäftsführerin des «Center for Economic Development» an der Universität Zürich und steht im Anschluss gerne für Fragen zur Verfügung. Alle Interessierten sind herzlich zu diesem spannenden Referat eingeladen. (e)

    Das Aktivia-Referat

    Donnerstag, 15. Januar, 14.30 Uhr
    Pfarreizentrum Heilig Geist
    Limmattalstrasse 146

    Weitere Informationen: Aktivia-Website

  • Reguläres Angebot ab 2027: Gratis STI-Tests

    Reguläres Angebot ab 2027: Gratis STI-Tests

    Der Verein Sexuelle Gesundheit Zürich SeGZ hat mit den beiden Testzentren Checkpoint Zürich und TEST-IN ab Juni 2023 das Pilotprojekt «Gratistests für sexuell übertragbare Infektionen für Menschen aus der Stadt Zürich bis 25 Jahre oder mit einer KulturLegi» der Stadt Zürich, umgesetzt.

    Wie einer Medienmitteilung von SeGZ zu entnehmen ist, geht diese kostenlose Beratung und Testung in ein reguläres Angebot über. Ab Juni 2027 können sich Menschen aus Zürich neu bis 30 Jahre oder mit einer KulturLegi kostenlos auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen testen lassen.

    Ziel des Projekts war es, die Zugangsbarrieren für diese wichtige Prävention zu minimieren, um Infektionsketten frühzeitig zu unterbrechen und Hürden beim Zugang zu Beratung und Tests abzubauen. Durch das Projekt soll das Bewusstsein für sexuelle Gesundheit gestärkt und die Testbereitschaft erhöht werden. Nach zwei Jahren wurde eine positive Zwischenbilanz des Pilotprojekts gezogen, über die Stadtrat Andreas Hauri an einer Medienkonferenz berichtete:

    Gratis Tests: Reguläres Angebot

    Der Gemeinderat der Stadt Zürich hat am 7. Januar 2026 beraten, dieses erfolgreiche Projekt als reguläres Angebot fortzuführen und die Zielgruppe zu erweitern. Gemäss Medienmitteilung sagt Marco Denoth, Präsident der SeGZ: «Die SeGZ hat das Pilotprojekt umgesetzt und durfte so einen wichtigen Beitrag zur Senkung von sexuell übertragbaren Infektionen leisten. Wir sind sehr froh, dass es nun als reguläres Angebot weitergeführt wird». Denoth hat vor fast 8 Jahren die Forderung nach Gratistests im Gemeinderat gestellt.

    Zudem freut sich die SeGZ über den Auftrag des Gemeinderates an den Stadtrat, ein weiterer Pilot für das kostenlose Test- und Beratungsangebot für Menschen ab 49 Jahren aus der Stadt Zürich auszudehnen. Sie unterstützt die Forderung, die Erstbehandlung der sexuell übertragbaren Infektionen kostenlos anzubieten und den Zugang der Impfung von Humanen Papillomaviren (HPV) zu vereinfachen.

    Francisca Boenders, Geschäftsführerin der SeGZ sagt dazu: «Ziel ist, den Zugang zu Beratung, Testung, Impfung und Behandlung, zu vereinfachen. Prävention ist nicht teuer, unterlassene Prävention wird teuer!» Die HPV-Impfung ist auch eine konsequente Investition in die Krebsprävention.

    Quelle: Medienmitteilung SeGZ

  • Gedenken in Höngg an die Opfer von Crans-Montana

    Gedenken in Höngg an die Opfer von Crans-Montana

    In der Neujahrsnacht vom 1. Januar 2026 brach in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana während einer Silvesterfeier ein Brand aus. Dabei kamen 40, meist junge Menschen ums Leben. 116 weitere wurden verletzt, viele davon schwer.

    Für Freitag, den 9. Januar 2026, rief der Bund einen nationalen Trauertag aus. Um 14 Uhr wurde im ganzen Land eine Schweigeminute gehalten, und die Schweizer Kirchen läuteten ihre Glocken für fünf Minuten als Zeichen des Gedenkens.

    Ein Kreis in Höngg

    In Höngg bot die reformierte Kirche die Möglichkeit, auch Kerzen zum Gedenken zu entzünden. Pfarrer Beat Gossauer war anwesend. Zu Beginn der Schweigeminute bildeten die Anwesenden um die Kerzen einen Kreis. Nach dem Ende des Glockengeläuts standen die Teilnehmenden noch einen Moment schweigend da.

    Das Kondolenzbuch

    Die Anteilnahme ist gross und der Bund richtete ein Kondolenzbuch ein. Wer der Opfer gedenken und sein Mitgefühl zum Ausdruck bringen möchte, kann das dort tun. Der erste Eintrag stammt von Bundespräsident Guy Parmelin.

    Er schrieb unter anderem: «Viele der Opfer waren jung, voller Pläne, Hoffnungen und Träume. Ihr Leben sollte nicht durch ihr tragisches Ende definiert werden. Sie sollten für das geehrt werden, was sie waren: ein Versprechen, eine Kraft, ein Teil unserer gemeinsamen Zukunft.

  • Besetzte Post: Festnahme von Aktivist in Wipkingen war rechtswidrig

    Im Zusammenhang mit der Besetzung der ehemaligen Post am Wipkingerplatz hat das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich die Festnahme und anschliessende Ausweisung eines pro-palästinensischen Aktivisten als rechtswidrig eingestuft, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.

    Den 53-jährigen jordanisch-amerikanischen Doppelbürger nahm die Polizei während der Besetzung des leerstehenden Postgebäudes in Wipkingen im Januar 2025 fest. Gemäss dem Zeitungsbericht hätte er dort auftreten sollen.

    Eine «Entführung»

    Die Aktion war Teil von Protesten gegen den Krieg im Gazastreifen. In der Folge wurde der Aktivist mehrere Tage festgehalten und anschliessend aus der Schweiz weggewiesen. Er bezeichnete die Massnahme laut dem «Tages-Anzeiger» als «Entführung».

    Laut dem Urteil fehlte den Behörden sowohl für die Festnahme als auch für die ausländerrechtlichen Massnahmen eine genügende gesetzliche Grundlage. Der Kanton Zürich wurde verpflichtet, die Verfahrenskosten zu übernehmen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

    Die Besetzung der ehemaligen Post steht seit längerem im Quartier im Fokus städtebaulicher und politischer Diskussionen, da das Gebäude seit 2023 besetzt ist und die Stadt Zürich kürzlich den Bau gekauft hat.

  • Nationaler Trauertag: Gedenken an die Opfer von Crans-Montana

    Nationaler Trauertag: Gedenken an die Opfer von Crans-Montana

    Das furchtbare Brandunglück in Crans-Montana mache den Stadtrat tief betroffen, wie er in einer Medienmitteilung schreibt. Seine Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen und Freund*innen sowie allen Menschen, die seit der Silvesternacht für Betroffene im Einsatz stehen. Seit dem 2. Januar 2026 sind die Flaggen auf dem Stadthaus und an anderen prominenten Stellen in der Stadt Zürich auf Halbmast gesetzt.

    Die Schweigeminute

    Der Bund hat für diesen Freitag, 9. Januar 2026, für 14 Uhr eine schweizweite Schweigeminute angekündigt. Stadtpräsidentin Corine Mauch und weitere Mitglieder des Stadtrats treffen sich zu diesem Zeitpunkt zum gemeinsamen stillen Gedenken auf dem Münsterhof. Sie laden die Bevölkerung ein, sich ihnen anzuschliessen. Anschliessend, ab 14.15 Uhr, findet in der Fraumünster-Kirche ein Gedenkanlass mit verschiedenen Religionsvertretenden statt.

    Glockengeläute

    Die reformierte Kirche Zürich informiert auf ihrer Website, dass nach dem Stundenschlag um 14 Uhr die Kirchenglocken für fünf Minuten läuten. Das Glockengeläut werde demnach aus allen Schweizer Kirchen zu hören sein. Die Menschen seien laut der reformierten Kirche landesweit zum stillen Gebet, zum Gedenken an die Verstorbenen, zur Verbundenheit mit den Verletzten und ihren Angehörigen eingeladen. 

    Der Bischof Joseph Maria Bonnemain bat gemäss Website von Katholisch Stadt Zürich alle Pfarreien, am Freitag, 9. Januar, nach dem Stundenschlag 14 Uhr um ein fünfminütiges Glockengeläut. So auch die katholische Kirche Heilig Geist in Höngg.

    In der Höngger Kirche

    Die Kirchen würden als Raum für Gebet, Stille und Trauer zur Verfügung stehen, heisst es weiter. So auch in Höngg und Oberengstringen: Die beiden reformiertes Kirchen seien am Freitag, 14 Uhr, geöffnet. Man erhalte die Möglichkeit, eine Kerze anzuzünden. In Höngg wird der Pfarrer Beat Gossauer zur Zeit des Geläutes in der Kirche bereit sein für Gespräche.

    Auch die katholische Pfarrei Heilig Geist in Höngg wird gemäss Anfrage zur stillen Einkehr geöffnet sein, so, wie jeden Tag.

    Auch ein Zeichen des Dankes

    Der Trauertag und das Glockengeläute seien auch ein Zeichen des Dankes an alle, die mit unermüdlichem Einsatz dafür sorgen, dass die Krise bewältigt werden kann, wie die Kirche schreibt. Dies gilt insbesondere für die Rettungskräfte, die Menschen im medizinischen, psychologischen, seelsorglichen Dienst, aber auch die politischen Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträger.

    Quelle: Reformierte Kirche Zürich, Katholisch Stadt Zürich, Medienmitteilung Stadt Zürich

  • Uferweg an der Limmat: Ein kleiner Etappensieg

    Uferweg an der Limmat: Ein kleiner Etappensieg

    Ein Beitrag vom Quartierverein Wipkingen

    Es stellt sich je länger je mehr heraus, dass sich die Umsetzung des Uferwegs entlang des südlichen Limmatufers von einem Langstreckenlauf zu einem Marathon entwickelt hat. Ein solcher Weg ist seit vielen Jahren ein Bedürfnis der Bevölkerung beidseits der Limmat, von den Behörden immer wieder versprochen, aber bis heute nicht umgesetzt.

    Vom Amuse-Bouche zum verbarrikadierten Steg

    Der Limmatuferweg Süd, vom Hauptbahnhof bis zum Wipkingerplatz, ist im regionalen und kommunalen Richtplan eingetragen. Ein Streckenabschnitt dieses südlichen Limmatuferwegs wurde der Bevölkerung im Abstimmungskampf zur Aufstockung des Swissmill-Turms quasi als Amuse-Bouche schmackhaft gemacht.

    Das heisst, der Streckenabschnitt wurde mit dem privaten Gestaltungsplan «Aufstockung Kornhaus Swissmill» (701.390, Art 12) konkretisiert, indem der Raum für «eine öffentliche Fusswegverbindung mit einer Breite von mindestens 1,5 Meter» entlang des Limmatufers gesichert wurde. Entlang des Turms und weiterer Gebäude erstreckt sich seither ein Steg, der aber für die Bevölkerung verbarrikadiert ist.

    Ende November hat der Quartierverein Wipkingen im Einsatz für die Umsetzung des südlichen Limmatuferwegs nun einen Etappensieg errungen. Geplant ist eine Begehung zusammen mit Vertreter*innen von Stadt, Kanton und den Quartiervereinen Wipkingen und Kreis 5. So können wir vor Ort aufzeigen, dass die Realisierung des Wegs machbar ist.

    Redaktionelle Beiträge von:

    Quartierverein Wipkingen
    Postfach, 8037 Wipkingen
    wipkingen.net, facebook.com/wipkingen
    instagram.com/quartiervereinwipkingen

  • Von heute ins Damals und zurück: das Interview

    Von heute ins Damals und zurück: das Interview

    Martin Bürlimann und Kurt Gammeter, welchen Bezug zu Wipkingen habt ihr beide?

    Kurt Gammeter: In Wipkingen bin ich geboren, aufgewachsen, und ich lebe bis heute im Elternhaus. Mein Vater hatte hier einst eine Bäckerei, auch ich erlernte den Beruf. Später eröffneten wir die Goldstück Reinigung. Ich habe immer viel über das Quartier und seine Menschen mitbekommen, und so wuchs mein Interesse an Wipkingen stetig.

    Martin Bürlimann: Ich kam als Student von Wettingen nach Zürich. Zu Zeiten der offenen Drogenszene am Letten zog ich nach Wipkingen, weil die Miete günstig war. Ich begann, mich im damaligen Gewerbeverein Wipkingen zu engagieren, lernte viele Menschen kennen und habe das Quartier intensiv erlebt. Wipkingen hat eine hochinteressante Geschichte.

    Wie begann eure Zusammenarbeit?

    Kurt Gammeter: Der Gewerbeverein gab damals die Broschüre «Euses Wipkingen» heraus – mit Reklame und Porträts, alles aus dem Quartier. Ein Wettbewerb mit einem alten Foto, dessen Standort man erraten musste, generierte viele Zuschriften. Das Interesse war so gross, dass wir beschlossen, die Wettbewerbsauflösung mit einem Anlass in Guthirt zu verbinden. Dabei stellten wir gemeinsam weitere Bilder vor – «Damals & heute». Das war der Startschuss.

    Martin Bürlimann: Selbst ich konnte den eigenen Wettbewerb damals nicht lösen (lacht). Das hat mich zusätzlich angespornt, mehr über Wipkingen zu erfahren.

    So entstand euer erstes Werk «Wipkingen – vom Dorf zum Quartier».

    Martin Bürlimann: Zunächst dachten wir an eine DVD, dann rückte aber ein Bildband in den Fokus. Da wir Zugang zu vielen Archiven hatten und uns immer wieder Material gebracht wurde, erarbeiteten wir das Buch mit Fotos sowie den entsprechenden Texten. Es erschien 2006. Bei der Arbeit gab es immer wieder Entdeckungen und Überraschungen. In der Recherche kamen Dinge zum Vorschein, die wahnsinnig spannend sind. Etwa die industrielle Entwicklung und der Erfolg Wipkingens.

    Wie seid ihr vorgegangen?

    Martin Bürlimann: Kurt machte die Bilder und lieferte Hintergrundinformationen, ich schrieb die Texte. Um das Buch zu veröffentlichen, gründeten wir den Wibichinga Verlag – und damit waren wir erfolgreich. «Wipkingen – vom Dorf zum Quartier» interessiert bis heute viele Menschen, besonders Neuzuzügerinnen und Neuzuzüger: Sie wollen wissen, wie das Quartier entstanden ist, wo seine Wurzeln liegen. Zudem: Archivarbeit kann ein Abenteuer sein. Weil wir mit der Zeit eine gewisse Bekanntheit erlangten, erhalten wir viel Material, bekommen Zugang zu Archiven und es werden uns Geschichten zugetragen.

    War das Buch auch die Grundlage für eure Rubrik «Damals»?

    Kurt Gammeter: Ja, in «Damals» konnten wir Themen vertiefen, die im Buch nur angerissen wurden. In den Artikeln konnten wir uns entfalten – und das bis heute. Unser erster Beitrag handelte vom Bau des neuen Schulhauses im Jahr 1824, das schlicht «Wipkingerschule» genannt wurde. Seit 2016 berichteten wir in dieser Zeitung über die Geschichte Wipkingens.

    Und es sollte nicht bei einem Buch bleiben.

    Kurt Gammeter: Ein Jahr später brachten wir «Lebensbilder – Begegnungen im Käferberg» heraus, ein Auftragswerk, geschrieben von Annabeth Schallenberg mit schönem Layout von Albert America. Sie hatte die Idee, die Lebensgeschichten von Bewohnerinnen und Bewohnern des Pflegezentrums – 40 an der Zahl – mit Fotos zu veröffentlichen. Da war ein Opernsänger dabei, ein weltweit tätiger Werber – persönliche Geschichten, die sonst oft hinter den Mauern eines Pflegeheims «verschwinden».

    Martin Bürlimann: Es folgte 2009 «Glockengeläut», ebenfalls eine Auftragsarbeit für die reformierte Kirche. Das Buch erzählt vom ersten Kirchlein im Mittelalter bis zur heutigen Kirche im Quartier. Danach kam «Café Letten – ein Lesebuch»: eine Bildercollage und Zeitreise durch das damalige Lettenquartier – ein Projekt für die Baugenossenschaft Letten.

    Kurt Gammeter: Unser aktuelles Werk ist «Damals: Wipkingen – ein Bilderbogen». Es vereint ausgewählte Bilder von damals und heute, ergänzt durch ausführliche Texte. Wir vertrauen also immer noch auf das Buch als Medium.

    Ihr seid viel in der Vergangenheit unterwegs – was haltet ihr vom heutigen Wipkingen?

    Martin Bürlimann: Wir urteilen nie und sagen nicht Dinge wie «früher war es schöner». Wir berücksichtigen immer auch die jeweilige Zeit und den Kontext. Bei der Recherche hilft es auch, sich emotional zurückzunehmen, das gelingt nicht immer (lacht). Und natürlich gibt es Bausünden, aber die gibt es überall.

    Habt ihr schon ein neues Projekt?

    Martin Bürlimann: Unser nächstes Buch handelt von Wipkingen in den 1940er-Jahren, den Kriegsjahren und dem Widerstand. Wir haben das Thema bereits in der Rubrik «Damals» aufgegriffen, aber es gibt viel mehr zu erzählen. Was passierte damals wirklich in Wipkingen? Wie gestaltete sich das Alltagsleben?

    Kurt Gammeter: Neben dem militärischen Widerstand existierte auch der zivile Widerstand und wir erinnern etwa an die Wipkingertagungen als Gegenbewegung zu den «Fröntlern». Und wir werden zeigen, dass wir hier in Wipkingen – und generell in der Schweiz – keineswegs völlig sicher waren. Bei der Operation Tannenbaum wäre ein Angriff über Waldshut erfolgt, der dann auch über Wipkingen geführt hätte.

    Vielen Dank für das Gespräch!

    Die Bücher im Wibichinga-Verlag

    «Damals: Wipkingen – ein Bilderbogen»
    ISBN: 978-3-75753-707-4

    «Wipkingen – vom Dorf zum Quartier»
    ISBN: 978-3-95231-490-6

    «Café Letten – Ein Lesebuch. Eine Zeitreise durch den Letten»
    ISBN: 978-3-95231-493-7

    wibichinga.ch

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    «Damals» erscheint als Buch

  • Dagmar schreibt: Hinterm Horizont

    Dagmar schreibt: Hinterm Horizont

    Ich lese gerade ein Buch. «Geflochtenes Süssgras», heisst es. Ich bin noch gar nicht weit: Von den 400 Seiten habe ich gerade 100 geschafft, und dennoch bin ich schon sehr beeindruckt. Die Autorin ist Robin Wall Kimmerer, eine amerikanische Biologin. Sie berichtet darin über die «Weisheit der Pflanzen». Klingt gar nicht so unbedingt nach einem Thema, das mich packen würde.

    Klar, ich liebe die Natur, aber esoterisch angehaucht bin ich eher weniger. Aber es geht Wall Kimmerer nicht um Esoterik. Sondern um eine andere Sicht auf die Welt. Denn die Autorin ist nicht nur Wissenschaftlerin und Professorin, sondern auch Mitglied der Citizen Potawatomi Nation und Direktorin des «Center for Native Peoples and the Environment». Sie erzählt, wie sie irgendwann begonnen hat, die ihr fremde Sprache Potawatomi, die ihren Grosseltern einst zu sprechen verboten wurde, zu lernen.

    Und vor welch grosse Probleme sie dieses Projekt gestellt hat. Weil das System der Sprache so ganz anders ist als das der englischen – und das der Wissenschaft. Das Englische, so erklärt sie, besteht zu einem Grossteil aus Nomen. Dinge und Gegenstände sind unheimlich wichtig in dieser sprachlichen Realität. Verben dagegen machen nur 30 Prozent der Wörter aus. In Potawatomi ist es umgekehrt: Es besteht zu 70 Prozent aus Verben. Die Welt wird unterschieden in das Belebte und das Unbelebte.

    Die Kategorisierung und Definition der Welt

    In dieser Sprache ist «eine Bucht sein» ein Verb, genauso wie «ein Wasserfall sein». Das Wasser ist nicht einfach tote Materie, es lebt. Natürlich sind auch Tiere und Pflanzen nicht einfach Dinge, sondern tragen die gleichen Pronomen wie Menschen. Sie gehören schliesslich alle zur gleichen Familie. Es gibt sogar ein Wort für die Kraft, die bewirkt, dass über Nacht Pilze aus dem Boden schiessen.

    So weit, so gut. Mit meiner westlich-europäisch geprägten Sicht auf die Welt finde ich das vielleicht rührend und schön und würde mir wünschen, die Welt auch so sehen zu können. Gleichzeitig muss ich aber erkennen, dass mir das unglaublich schwerfällt. Weil die Sprache, die Kategorisierung und Definition der Welt, die ich mit meiner Sozialisierung übernommen habe, auch mein Denken geformt haben. Das war mir bisher auch schon klar, zumindest in Ansätzen. Schliesslich diskutieren wir hier momentan viel über Sprache und einen respektvollen Umgang mit ihr.

    Aber wie weit meine Beschränktheit reicht, das ist mir tatsächlich erst jetzt aufgefallen. Beim Lesen muss ich deshalb immer wieder innehalten und mir Gedanken machen – und bedauern, dass ich ausgerechnet in diesem sprachlichen Konstrukt gefangen bin. Ist es nicht ein dummer und folgenschwerer Zufall, dass sich dieses hier so durchgesetzt hat? Wie würde die Welt aussehen, wenn sich eine ganz andere Sprache durchgesetzt hätte? Würden wir uns dann vielleicht selbstverständlich als Teil einer magischen, belebten Welt aus Tieren und Pflanzen verstehen? Und nicht als ihr Gegenspieler?

    Ja klar, ich weiss, das klingt vielleicht naiv. Ich will auch nicht sagen, dass unsere Sicht falsch ist oder die Wissenschaft irrt. Aber unser Verhältnis zu der uns umgebenden Umwelt, die ist äusserst problematisch. Und es ist unheimlich schön, sich vorzustellen, dass es auch ganz anders sein könnte.