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  • Editorial

    Gut, vielleicht lehnt man sich mit dieser Aussage etwas aus dem Fenster, immerhin basiert sie nicht auf einer quantitativen Studie oder sonstigen Statistiken. Ausserdem ist Höngg nicht repräsentativ für jedes Quartier der Stadt. Aber ist es letztendlich nicht so, dass hinter Kategorien, die Gruppen beschreiben sollen, Menschen stehen, Individuen mit unterschiedliche Geschichten, Motivationen und Zielen? Die Personen, die sich für ein Gespräch angeboten haben, meinten selber, sie seien vielleicht kein gutes Beispiel für einen richtigen «Expat». Aber was ist das überhaupt? Das Klischee zeigt einen jungen Anzugträger, vorzugsweise aus der Banken- oder IT-Branche, der in einer teuren, vom Arbeitgeber bezahlten, Wohnung im Seefeld wohnt, dessen Frau die Kinder mit dem SUV in die Privatschule am Zürichberg fährt und sich danach mit ihren Freundinnen, ebenfalls Expats, zum Lunch trifft. Nach drei Jahren zieht das Ehepaar mit den Kindern weiter, wahrscheinlich nach Singapur oder Hongkong. Soweit das Vorurteil. Ob es stimmt? Wir wissen es nicht. Tatsache ist: In Höngg und Wipkingen haben wir keine Person getroffen, die diesem Bild entspricht. Stattdessen haben wir Menschen kennengelernt, die aus unterschiedlichen Gründen in die Schweiz gekommen sind: Ein neuer Job, eine bessere Zukunft oder einfach aus Zufall. Manche lernen das Quartier erst kennen, andere haben hier Wurzeln geschlagen, wieder andere nannten Höngg bereits nach wenigen Monaten ihre «Heimat». Wie erleben sie das Leben unter uns? Was gefällt ihnen hier, worüber ärgern sie sich? Und wieso sind viele von ihnen länger geblieben, als sie anfänglich dachten? Wagen Sie einen Wechsel der Perspektive, vielleicht gibt es Neues zu entdecken.

    Viel Lesevergnügen wünscht

    Patricia Senn
    Redaktionsleiterin

  • Nur wegen des Geldes hier?

    Die HSBC London publiziert jährlich eine Studie mit dem Namen «Expats Explorer», die erfasst, wo und wieso sich die sogenannten «Expatriates», also die Auswanderer, am wohlsten fühlen. Die Gründe, die eigene Heimat zu verlassen, um in der Fremde eine neue Existenz aufzubauen, sind verschieden, genauso wie die Wahl des Landes, in das man geht. Für den «Expats Explorer 2017»-Bericht liess die HSBC 27’587 Expats aus 159 Ländern ihre Zieldestinationen nach drei Kategorien beurteilen: Wirtschaftliche Möglichkeiten, allgemeine Erfahrungen, Familienfreundlichkeit. Die Schweiz kam auf Platz 11 von 46 zu stehen, in erster Linie verdankt sie dieses gute Resultat der wirtschaftlichen Attraktivität: Laut HSBC verdienen Expats im Alpenland jährlich 193’006 US-Dollar – das weltweite Durchschnittseinkommen liegt bei 99’903 US-Dollar. Damit führt die Schweiz die Rangliste in der Kategorie «Wirtschaftliche Möglichkeiten» an. Obwohl die finanziellen Anreize durchaus entscheidend sind für die Expats, zieht nur rund ein Fünftel von ihnen aus wirtschaftlichen Gründen ins Ausland. Fast doppelt so viele sagen, dass sie auf der Suche nach einer neuen Herausforderung seien oder ihre Lebensqualität verbessern wollten. Die besten Erfahrungen im Kontakt mit Einheimischen, bei der Suche nach einer Wohnung sowie mit dem allgemeinen Wohlbefinden machen Expats in Neuseeland. Bereits zum dritten Mal in Folge belegt die Insel den ersten Platz, gefolgt von Spanien und Portugal. Die Schweiz erreicht in dieser Kategorie nur Rang 28, sogar die Türkei, Bahrain und Oman sind beliebter. Würde der allgemein als gut befundene Lifestyle den Schnitt nicht nach oben drücken, rückte die Schweiz sogar noch weiter nach hinten, da der Kontakt zu den Einheimischen als schwierig empfunden wird. In der dritten Kategorie «Familienfreundlichkeit» schnitt die Schweiz im «Expats Explorer» sogar noch schlechter ab: Sie rangierte nach Russland und gleich hinter den USA auf Platz 35, während Schweden, Norwegen und die Niederlande erwartungsgemäss unter den zehn beliebtesten Zielländern gelistet sind. Was bedeutet dies denn nun? Ist das Geld der einzige Grund, weshalb man in die Schweiz kommt? Sind die Schweizer wirklich so unnahbar und unfreundlich? Wieso bleibt dann eine nicht unbeträchtliche Anzahl der Expatriates hier hängen? Auf der Suche nach Antworten in Höngg stellte sich schnell heraus, dass es den Stereotypen «Expat» hier so fast nicht gibt. Es ist wie immer ein wenig komplizierter. 

  • Mit den Augen der Anderen

    Mit den Augen der Anderen

    Als Christine M. Grimm vor etwas mehr als zwei Jahren nach Zürich zog, wusste sie gleich, dass sie «angekommen» war. Die Deutschamerikanerin hatte ihr Leben zwischen Süddeutschland und Kalifornien verbracht, konnte aber weder da noch dort richtig Wurzeln schlagen. In München gründete sie schliesslich eine Familie, ihr Sohn ist mittlerweile Post-Doktorand an der Harvard University in den USA. Vor drei Jahren lernte die lebhafte Klangtherapeutin, Musikerin und Übersetzerin die Schweizer Jodlerin Nadja Räss kennen, damals noch die Leiterin der «Klangwelt Toggenburg». «Die Schweiz hat eine lange Tradition mit Klang und Stimme, das war ein Zeichen für mich, dass ich hier am richtigen Ort bin», erzählt Grimm. Durch die Bekanntschaft mit Räss wurde sie selbst ein Teil der «Klangwelt Toggenburg». «Die Türen haben sich geöffnet», erzählt Grimm. Heute arbeitet sie als Klangtherapeutin in der Gemeinschaftspraxis «Silent Power» in Altstetten, über eine Klientin fand sie schliesslich eine Wohnung in Höngg. Dass sie selber sehr offen ist und auf die Menschen zugeht, hat ihr bestimmt geholfen. Doch vor allem die Sprache, davon ist sie überzeugt, spielt eine wichtige Rolle, um Anschluss an die hiesige Bevölkerung zu finden. Ausserdem hat sie auf der Plattform «Meet-up.com» eine Gruppe «English in Höngg» eröffnet, wo Gleichgesinnte ihrer Anglophilie frönen können – auch eine Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen. «Ich habe mich in der kurzen Zeit schon sehr angepasst, meine Schweizer Freunde nerven sich fast, weil ich oft überpünktlich bin», sagt Grimm mit einem Augenzwinkern. Sie möchte in der Schweiz bleiben. Hat man die Welt einmal gesehen, sei es ein wenig wie in der Janosch-Geschichte «Oh wie schön ist Panama», wo die Tiere am Ende bei einer Hütte ankommen, die so schön ist, dass es das lang ersehnte Panama sein muss. Und dann merken, dass es in Wirklichkeit ihr altes Zuhause ist.

    «Wie fühlt es sich an, Schweizerin zu sein?»

    Amélie* wuchs in der Gegend von Paris auf und besass schon immer eine grosse Leidenschaft für die deutsche Sprache und andere Kulturen. Wenn Autos mit ausländischen Kennzeichen durch ihr Dorf fuhren, wünschte sie sich, sie würden anhalten und sie nach dem Weg fragen. Kaum hatte sie ihr Abitur in der Tasche, ging sie zum Studium nach Wien, in dieser Zeit lernte sie auch ihren Mann, einen Deutschen, kennen. Nach sechs Jahren in Österreich und einem kurzen Aufenthalt in Deutschland, ergab sich für ihn die Gelegenheit, in der Schweiz zu arbeiten. Drei Jahre, so hatten sie abgemacht, danach würden sie wieder nach Wien zurückkehren. Das ist nun 16 Jahre her und sie sind immer noch hier – seit 14 Jahren in Höngg. Dabei war der Anfang schwierig für die junge Lehrerin: «Ich arbeitete die ersten zwei Jahre an der Rudolf-Steiner-Schule im Zürcher Oberland», erzählt sie in schnellem Deutsch. «Meine Lehrerkolleginnen und -kollegen waren alle schon älter und hatten bereits einen festen Freundeskreis, sie brauchten keine neue Freundin». Was sich ebenfalls als schwierig herausstellte, waren die vielen Regeln, vor allem beim Autofahren. «Ich wollte alles richtig machen, aber wie auch immer ich es anstellte, regelmässig erhielt ich diese Strafzettel», immerhin, mittlerweile kann sie darüber lachen. Und fühlt sich heute sogar freier, trotz, oder vielleicht gerade wegen der vielen Regeln. Es gäbe keine bösen Überraschungen und die Sicherheit sei nirgends so hoch wie hier, findet sie. Einmal in Höngg und mit einer neuen Anstellung an einer Bezirksschule im angrenzenden Aargau, fand sie schnell Anschluss, denn einerseits war das Kollegium ihrer neuen Schule grösser und jünger, andererseits leben in Zürich viel mehr Ausländer, die alle auch auf der Suche nach neuen Bekannten sind. Höngg ist in ihren Worten «genial»: «Man hat die Vorteile der Stadt und des Dorfes. Man kennt sich, kann alles zu Fuss machen», erzählt sie begeistert. «Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt wie hier, und wir haben doch schon einiges von der Welt gesehen». Inzwischen hat sie einen grossen Freundeskreis, der sowohl aus Schweizerinnen als auch aus anderen Ausländern besteht. «Letztendlich geht es immer um die gemeinsamen Interessen, nicht um die Nationalität», davon ist Amélie überzeugt. Als Französischsprachige werde sie nicht oft mit Vorurteilen konfrontiert – die meisten Leute hören nicht, ob sie aus der Romandie oder Frankreich stammt. «Da haben es die Deutschen schon schwerer, die müssen sich viel öfter irgendwelche Sprüche anhören», weiss sie. Sie selber hatte keine wirkliche Vorstellung davon, wie es sein würde, in der Schweiz zu leben. Einmal hier, überlegte sie sich, wie es sich wohl anfühlt, Schweizer zu sein. «Welche Sprache sprechen sie in der Fussball-Nationalmannschaft? Welche Identität hat ein Schweizer in einem Land mit vier Sprachen?», solche Fragen interessieren sie. Mittlerweile hat sie eine Ahnung, was die Antwort sein könnte: «Man ist hier in erster Linie sich selber. Und dann ist man noch Schweizer». Seit letztem Sommer haben auch Amélie und ihre Familie den roten Pass. «Wir finden es wichtig, am politischen Leben teilzunehmen. Meiner Meinung nach ist es eine riesige Chance, dass die Bevölkerung hier so oft mitreden kann. Ausserdem sind unsere Kinder hier aufgewachsen, sie gehören hierher. Die Vorstellung, dass sie plötzlich in ein Land ausgewiesen werden könnten, zu dem sie gar keinen Bezug haben, finde ich beängstigend», gesteht die lebhafte Persönlichkeit.
    *Name der Redaktion bekannt

    «Wir sind alle gleich»

    Überhaupt keine Probleme mit den «gesesetzestreuen» Schweizern hatte hingegen Adriana, als sie mit ihrem Mann vor acht Jahren in die Schweiz kam. Im Gegenteil, die gebürtige Rumänin sieht viele Gemeinsamkeiten mit ihrer eigenen Mentalität. Eine Gesellschaft funktioniere ja erst, wenn sich ihre Mitglieder an gemeinsame Regeln hielten. Als junge Frau ging sie als Au-pair nach Chicago und merkte dort zum ersten Mal, was es bedeutet, wenn die eigenen Zeugnisse und Diplome – sie hatte Pädagogik studiert – nicht anerkannt werden. Also drückte sie noch einmal die Schulbank, um sich im Bereich Kinderbetreuung weiterzubilden. Sie lernte aber auch, dass alleine ihre Fähigkeiten wichtig waren, nicht ihre Herkunft: «Wir sind alle gleich, selbst wenn sich unsere Kulturen unterscheiden, die Liebe zu den Kindern verbindet uns», davon ist sie überzeugt. Als ihr Mann schliesslich für sein Studium nach St. Gallen gehen wollte, sah sie den Zeitpunkt gekommen, ihren langjährigen Traum einer eigenen Kinderkrippe zu verwirklichen. Vor 3,5 Jahren war es schliesslich so weit: Das KiddieLand in Wipkingen eröffnete, viele Expats – aber auch Schweizer Paare – nutzen die familiäre Einrichtung. «Oftmals leben die Grosseltern weit von den Enkeln entfernt und können deshalb nicht auf sie aufpassen, wenn die Eltern zur Arbeit müssen. Sie brauchen deshalb einen Ort, der diese Aufgabe übernimmt und auf den sie sich verlassen können. », erklärt Adriana. Vielleicht liegt auch hier ein Grund dafür, dass sie nichts gegen Regeln hat: Ohne einen strikten Plan herrschte bei so vielen verschiedenen involvierten Menschen und Ansprüchen das Chaos. Auch, dass man das Vertrauen der Zürcher erst gewinnen muss, entspricht ihren eigenen Einstellungen: «Alles basiert auf Vertrauen, auch meine Arbeit». Sie sagt von sich selber, dass sie die Menschen liebt, und stellt auch öfter fest, dass die Leute sich über ein kurzes Gespräch sehr wohl freuen, wenn man sie erst einmal angesprochen hat. Sie muss schon sehr lange nachdenken, bis ihr etwas einfällt, dass man kritisieren könnte: «Manchmal sind die Schweizer etwas unflexibel, sie können sich nicht so gut an neue Situationen anpassen», meint sie, und fügt sogleich an: «das hat mich aber selber dazu motiviert, strukturierter zu werden und besser zu planen. Das scheint mir eine gute Ergänzung zu dem dynamisch-spontanen Zugang zu sein, den ich aus Rumänien und den USA gewöhnt bin».

    «Die Schweiz hat mich gewählt»

    Bei Adriana im KiddieLand arbeitet Hara. Nach ihrem Master in «Intercultural Education» für Kinder im Kindergartenalter zog es die Griechin ins Ausland, sie wollte andere Kulturen und Lehrmethoden kennenlernen. Also schrieb sie Dutzende von Bewerbungen, davon alleine 80 nach Deutschland, weitere 20 nach Schweden. «Nur drei davon gingen an die Schweiz, und alle drei Arbeitgeber haben mich zu einem Probetag eingeladen», erzählt die lebhafte junge Frau, «deshalb sage ich immer: Die Schweiz hat mich ausgewählt, nicht umgekehrt». Doch die erste Zeit im neuen Land war hart für sie: «Es war dunkel, wenn ich zur Arbeit fuhr, und dunkel, wenn ich wieder zu Hause ankam. Die Leute sind sehr arbeitsfokussiert, abends gingen alle meist gleich nach Hause. In Griechenland sind nach Feierabend alle auf der Strasse, man trifft sich, hat eine gute Zeit». Dazu kam der Deutschunterricht, der für viele so frustrierend ist, weil er ihnen beim Schweizerdeutschen nicht weiterhilft. Aber so gehe es wahrscheinlich allen, die ins Ausland gehen: «Man muss viel arbeiten, alles geben und auch Aufgaben übernehmen, die man zu Hause vielleicht nicht akzeptieren würde. In den ersten Jahren fühlte ich mich wie im Militär», erzählt Hara. Rückblickend findet sie aber, es sei auch eine gute Lektion gewesen. «Ich habe das Gefühl, ich wurde erst hier richtig erwachsen. Ich bin unabhängig, habe einen Job, bin für alles selber verantwortlich». Wie die meisten Expats hat auch sie einen multikulturellen Freundeskreis. «Es ist wahr, ich habe viele griechischen Freunde. Das hat nichts damit zu tun, dass ich die Schweizer nicht mögen würde oder sie nicht nett wären. Dadurch, dass Griechisch meine Muttersprache ist und mir auch die Mentalität und den Humor der Griechen näher ist, fühle ich mich in deren Anwesenheit einfach besser, vor allem wenn es mal nicht so gut geht». Auch wenn es zwei anstrengende Jahre waren, fühlt sie sich inzwischen sehr wohl in Zürich und schätzt es auch, dass alles so reibungslos funktioniert. «Die Menschen hier denken eher quadratisch: Es muss alles in diese Schubladen passen, dann läuft es gut. Wir Griechen sind eher «Rund-Menschen», es ist chaotischer. In Griechenland war es oft von der Laune des Angestellten abhängig, ob und wie schnell man an einem Schalter bedient wurde. Vielleicht sind wir dafür etwas fröhlicher. Eine Mischung aus beidem wäre vielleicht das Beste», sinniert Hara.

    «Das Wichtigste ist, sich mit den richtigen Menschen zu umgeben»

    Auch Clara erlitt einen kleinen «Schock», als sie mit ihrem Mann in die Schweiz kam, wie die Argentinierin lachend erzählt. «Es war Winter und die Leute waren so anders als in Südamerika», erinnert sie sich. Die Ingenieurin hatte das Gefühl, sie müsse sich zurücknehmen, um die Leute mit ihrer offenen Art nicht zu «überfallen», wie sie es nennt. Doch im Deutschkurs lerne sie Menschen in ähnlichen Situationen kennen und dadurch veränderte sich auch ihr Blick. «Ausserdem ist mein Mann Schweizer, so hatte ich von Anfang an Kontakt mit der hiesigen Bevölkerung. Heute setzt sich mein Freundeskreis aus einem bunten Mix verschiedener Nationalitäten zusammen». Als sie noch keine Kinder hatten, fehlte ihr in Höngg manchmal das soziale Umfeld, doch sobald der erste Sohn da war und sie die verschiedenen Angebote des GZ und anderen Organisationen nutzen konnte, änderte sich dieser Umstand sofort, «mit Kindern ist es automatisch leichter, den Anschluss zu finden», ist Clara heute überzeugt. Aber: Die Menschen hier öffnen sich nicht so schnell, das habe sie rasch gemerkt. Erst habe sie gedacht, dass die Schweizer grundsätzlich keine neuen Leute kennenlernen wollen, «heute weiss ich: Sie brauchen einfach mehr Zeit. Das akzeptiere ich und nehme es nicht mehr persönlich. Aber es war nicht immer einfach», erzählt Clara. Sie mag die Stabilität und Sicherheit im Land – im Zentrum von Buenos Aires könne man die Kinder nicht einfach bedenkenlos unbeobachtet lassen. Auch, dass sie kein Auto benötigt, um zum Beispiel zur Arbeit zu fahren, schätzt sie sehr. «Ich bin ein Fan des Öffentlichen Verkehrs, und hier funktioniert er auch», schwärmt sie. Dennoch, manchmal vermisst sie das Chaos ihres Herkunftslandes, das auch lustig sein kann. «Es lehrt einen, über sich selber zu lachen. Das fehlt den Schweizern ein bisschen. Etwas allgemein gesagt, führt der Hang zur Perfektion kombiniert mit dem fehlenden Selbst-Humor vielleicht dazu, dass die Leute hier weniger entspannt sind», formuliert sie vorsichtig. Die wichtigste Voraussetzung, um glücklich zu sein, sei ohnehin, sich mit den richtigen Menschen zu umgeben. Das sei auch ein Rat, den sie anderen Expats mitgeben würde: «Findet die guten Leute und lasst Euch nicht so schnell entmutigen. Auch wenn es frustrierend ist, nach einem Jahr Deutschunterricht an der Coop-Kasse zu stehen und völlig hilflos zu sein, wenn die Kassiererin fragt: <händsieessäckliwelle?>», sagt sie und lacht herzlich.

    «Wie im Flughafen-Terminal»

    Fast schon in den Genen hat Shanti* das Leben als Expat. Ihre Eltern stammen aus Indien, zogen aber nach Deutschland, und so wuchs Shanti in Köln auf, studierte Architektur an der RWTA Aachen und zog, nach ersten Berufserfahrungen, für eine deutsche Firma zuerst für drei Jahre nach Dubai und später nach Brüssel. Sie habe ein klassisches Expat-Leben geführt, sagt sie, und es sei durchaus aufregend gewesen in den Metropolen dieser Welt. Irgendwie aber auch wie in einem Flughafen-Terminal: «Das Leben ist geprägt von einer gewissen Hektik, es ist ein schnelllebiges Kommen und Gehen». So habe sie sich irgendwann nach Ruhe gesehnt, nach Entspannung und mehr Nähe zur Natur und den Bergen, nach einem Ort, der mehr ein Zuhause werden könnte, auch für eine Familie. Da ihr Partner bereits in Zürich lebte und arbeitete, beschloss man vor zwei Jahren, hier zusammenzuziehen. Vorausgesetzt, auch Shanti würde hier eine Stelle auf ihrem Beruf finden. Dabei half ihr ein Kontakt aus ihrer Zeit in Dubai: Ihren heutigen Chef hatte sie dort beruflich kennengelernt und so kam sie an die Stelle als Project Director Design Services bei einem internationalen Hotel-Konzern, der seinen Hauptsitz in Zürich hat. Als sie dann nach Zürich zog, war sie positiv überrascht, wie schnell sie, verglichen mit anderen Städten, bei der Anmeldung im Kreisbüro bedient wurde. Komplizierter werde es erst, wenn man sich hier beruflich selbstständig machen wolle. Die nötigen Zulassungen zu bekommen, sei sehr schwierig, das höre sie auch immer wieder aus ihrem Freundeskreis. Fast so schwierig sei es, trotz dem sehr guten Gesundheitssystem, einen Hausarzt zu finden. Als sie mal einen gebraucht hätte, habe es überall geheissen, man nehme im Moment keine neuen Patienten auf. Nur mit Glück habe sie einen Termin bekommen. Glück brauchte es auch bei der Wohnungssuche, und dass das Paar heute in Höngg wohnt, ist eher ein Zufall: Aus dem Freundeskreis kamen vor allem Empfehlungen für das Seefeld und Umgebung, «doch dann sind wir der Limmat entlang spaziert und haben Wipkingen und Höngg entdeckt», erinnert sie sich. Als eine passende Wohnung ausgeschrieben war, war sie bei der Besichtigung die einzige Deutschsprachige unter lauter Englischsprachigen. Seit dem Einzug schätzt Shanti die Ruhe hier, den Dorfcharakter mit allem Nötigen für den täglichen Bedarf in nächster Umgebung, die Nähe zur Natur und gleichermassen zur Stadt. Von Höngg wegziehen würde sie höchstens noch nach Wipkingen, weil das noch eine Spur lebendiger sei, denn bei aller Sehnsucht nach einem beschaulichen Leben, eine gewisse Betriebsamkeit, den 24-Stunden-Betrieb anderer Städte vermisst sie dann und wann doch, selbst an den Hotspots des Zürcher Nachtlebens: «Dubai zum Beispiel schläft nie, man trifft dort sieben Tage die Woche, auch nachts um drei noch überall Menschen». Und diese seien, so merkt sie kritisch an, schon generell aufgeschlossener als hier. Woran das liegt, darüber rätselt sie selbst. Vielleicht sei man sich in der Schweiz den Umgang mit Expats einfach noch nicht so gewohnt, wobei das für Zürich mit seinen vielen internationalen Konzernen eigentlich erstaunlich sei. Doch generell habe sie sich hier willkommen gefühlt, und beispielsweise beim Einkaufen werde man schnell wiedererkannt und nett gegrüsst. Bis man allerdings Kontakte zu Einheimischen habe, das brauche Zeit und sei ihr, selbst ein aufgeschlossener, positiver denkender Mensch, bis heute nicht gelungen. Selbstkritisch genug, hinterfragt sie auch ihren Anteil: Was könnte sie ihrerseits beitragen, um mehr Schweizerinnen und Schweizer kennenzulernen? Was müsste sie am eigenen Verhalten ändern? So überlegt sich die Sportbegeisterte zum Beispiel, einem Tennisverein beizutreten. Auch im Quartier würde sie sich gerne mehr engagieren, weiss aber nicht recht bei welcher Gelegenheit. Dass ihr berufliches Umfeld und der private Freundeskreis auch international ausgerichtet sind, ist natürlich auch nicht förderlich. Shanti ist Mitglied bei «InterNations», der weltweit grössten Expat-Gemeinschaft mit Vertretungen in 390 Städten, die alleine in Zürich rund 8000 Mitglieder zählt. Man tauscht sich aus, kann von wöchentlichen Aktivitäten profitieren, vernetzt sich – und bleibt trotzdem irgendwie unter sich, das ist ihr bewusst.

    * Nachname der Redaktion bekannt

    Anmerkung zur Personenauswahl
    Auch Flüchtlinge und Sans-Papiers sind «Auswanderer» und durchaus ein Fokusthema wert. Sie wurden in diesen Artikeln jedoch nicht berücksichtigt, denn die Umstände und auch die betroffenen Akteure und Ämter sind unterschiedlich, die Thematik komplex. Die Personen, die sich in dieser Ausgabe für ein Porträt zur Verfügung gestellt haben, gehören zu der sogenannten «Neuen Migration», die vor einigen Jahren viele gut ausgebildete Arbeitskräfte nach Zürich und in die Schweiz brachte. Die «Alte Migration» betrifft die Einwanderer aus Spanien und Italien der 60er und 70er Jahre.

  • Die Zürcher Willkommenskultur

    Man soll sich in Zürich zu Hause fühlen und sich aktiv am wirtschaftlichen und sozialen Leben beteiligen. Das ist das Ziel der städtischen Integrationsförderung (IF) und entsprechend hatte der Stadtrat der nun ablaufenden Legislatur dafür 16 Ziele formuliert und den Stossrichtungen «Chancengleichheit erhöhen», «Gutes Zusammenleben fördern», «Eigenverantwortung ermöglichen», «Herausforderungen angehen», «Willkommenskultur pflegen» und «Aktive integrationspolitische Positionierung» zugeordnet. Angesiedelt ist die IF der Stadtentwicklung Zürich (STEZ), einer Abteilung des Präsidialdepartementes, die auch noch die Bereiche Stadt- und Quartierentwicklung, Wirtschaftsförderung sowie Aussenbeziehungen abdeckt. Man präsentiert sich als Kompetenzzentrum für nachhaltige Stadtentwicklung und als Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft, Bevölkerung und Verwaltung.

    Die Arbeit der Integrationsförderung

    Die IF legte im Januar den Jahresbericht 2017 vor, in dem Aktivitäten und Projekte aufgezeigt werden. Gemäss diesem sind letztes Jahr rund 22‘220 Personen mit einer mehr als vier Monate gültigen Aufenthaltsbewilligung nach Zürich gezogen, geschätzte 70 Prozent davon direkt aus dem Ausland. Ihre erste Station war, um sich anzumelden, das Kreisbüro, und dort erhielten sie von der IF bereits ein Begrüssungscouvert. Darin wurde auch auf sieben Begrüssungsveranstaltungen hingewiesen – 1535 Personen aus 90 verschiedenen Nationen machten davon Gebrauch. Auch die 66 speziell angebotenen Stadtführungen in sechs Sprachen wurden gut besucht. Ebenso der «Welcome Desk» im Stadthaus, der von 1351 Personen aus 111 Nationen genutzt wurde. Zwei Drittel jener, die dort Auskünfte verlangten, wohnten erst weniger als ein Jahr in Zürich, doch immerhin zehn Prozent auch bereits mehr als acht Jahre. Ihre Hauptanliegen betrafen Fragen nach Deutschkursen, Stellensuche, Aufenthaltsrecht und Wohnen. Auch telefonisch oder per Mail erteilte die IF Auskünfte oder informierte auf Einladung auch vor Ort, zum Beispiel bei Gruppen von Müttern mit Migrationshintergrund. Alleine die sprachgruppenspezifischen Informationsangebote wurden letztes Jahr von 2376 Personen genutzt. Zum Beispiel «In Zürich leben», der Integrationskurs für Frauen: 17 Kurse in neun Sprachen fanden statt, 227 Frauen besuchten die jeweils 16 Module, 162 davon erhielten ein Zertifikat.

    Die IF wirkt auch politisch

    Auch politische Entscheide beruhen auf der Vorarbeit der IF. Zum Beispiel wurde eine neue Grundlage für die Sprachförderung erarbeitet, der Stadtrat genehmigte das Konzept und der Gemeinderat sprach die nötigen Kredite. In vier Förderbereiche werden somit ab 2019 durch die IF selbst oder durch externe Anbieter Sprachschulungen angeboten. Ebenfalls beschlossen wurde, dass ab 2019 einkommensschwachen Kursteilnehmenden aus der Stadt Zürich die Kurse kostenlos angeboten werden. Ferner wurden Kredite gesprochen für Projekte, die das Zusammenleben in der Stadt fördern, und mit dem Kanton wurden für drei weitere Jahre Leistungsvereinbarung getroffen, welche die Umsetzung des kantonalen Integrationsprogramms in der Stadt Zürich, koordiniert durch die IF, bis 2021 sichern. Zudem, und dies nur als Beispiele, genehmigte der Stadtrat für die nächsten vier Jahre Beiträge an ein Kompetenzzentrum, eine Beratungsstelle und das Zürcher Forum der Religionen. Ferner wurden letztes Jahr 45 Finanzierungsgesuche für Projekte im Bereich «Begegnung, Mitwirkung und Engagement» von privaten Organisationen eingereicht. 35 davon wurden ganz oder teilweise genehmigt und der Kredit von 200‘000 Franken wurde ausgeschöpft. Voraussichtlich 2019 sollen erstmals «interkulturelle Programmwochen» durchgeführt werden.
    Auch auf «Vernetzung und Zusammenarbeit» wird Wert gelegt und unter diesem Titel Arbeitstreffen veranstaltet, Kontakte mit Vereinen und Migrationsorganisationen und religiösen Organisationen gepflegt. Die IF war an der Organisation der Zürcher Migrationskonferenz beteiligt, informiert auf seiner Website in 14 Sprachen – alleine die Deutschkursdatenbank verzeichnete über 18‘000 Zugriffe –, sammelt Facebook-Likes und versandte 2017 sieben Mal einen elektronischen Newsletter an 1140 Adressen. Die Hälfte der Adressaten las ihn auch. Der IF zeigte sich überdies an Fachreferaten, Workshops und Podien, wurde 2017 aber auch selbst besucht: unter anderem vom Menschenrechtskommissär des Europarats und von zwei Delegationen aus Südkorea. Die Liste, was der IF alles tut, liesse sich fast endlos erweitern, nachzulesen im Jahresbericht der IF.

    Jahresbericht 2017 der Integrationsförderung der Stadt Zürich (IF), abrufbar unter https://www.stadt-zuerich.ch/prd/de/index/stadtentwicklung/integrationsfoerderung.html

  • Neubeginn nach 29 Jahren

    Neubeginn nach 29 Jahren

    29 Jahre, nachdem sich «ganz Rütihof» zum ersten Mal versammelt hatte, um die Bedürfnisse und Wünsche zu bündeln, die bei der Überbauung der letzten grossen Bauparzelle im Rütihof berücksichtigt werden sollten, versammelte man sich nun wieder, um bei Null zu beginnen. Was damals in der «offenen Planung Rütihof» ausgearbeitet wurde, floss später in den Architekturwettbewerb ein, der das Projekt «Ringling» hervorbrachte, das nach langem Kampf 2016 vor Bundesgericht scheiterte. Nun soll es ein neues richten, denn dass die Parzelle in der Ecke Frankentaler-, Regensdorferstrasse und Im oberen Boden überbaut wird, das ist so ziemlich das einzige, worin sich alle Betroffenen und Beteiligten einig sind. Mit dieser stillschweigenden Grundsatzeinigung versammelten sich am Montag, 29. Januar, rund 120 Personen in der Turnhalle des Schulhauses Rütihof und sassen an 21 Tischen zusammen. «Wohl einige tausend Jahre Rütihof-Erfahrung» seien hier zusammengekommen, würdigte die Moderatorin des Abends das Engagement der Gekommenen. Mit an den Tischen sassen Vertreter der drei Bauträgerinnen – die Baugenossenschaft Sonnengarten (BGS), die Gemeinnützige Bau- und Mietergenossenschaft Zürich (GBMZ) und die Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich (SAW) – die Liegenschaftenverwaltung Stadt Zürich als Eigentümerin und zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der beteiligten Ämter. Und, was bislang nicht üblich war: Auch die Planer waren anwesend. Auch sie sollen von Beginn weg mitbekommen, was sich die Bevölkerung wünscht, damit dies dann auch besser in die Planung miteinfliesst.

    Ein Mehrgenerationen-Projekt

    Ein Generationenprojekt sei das, sagte Stadtrat André Odermatt in seiner Begrüssungsrede. Damit untertrieb er eher noch, denn von 1989 bis zum frühestmöglichen Start der Realisierung ab 2023 gerechnet wären es dann bereits zwei Generationen, die für die Zukunft planen und bauen. Ja, es brauche manchmal Umwege, um zur besten Lösung zu kommen, doch ab jetzt solle man nicht zurückschauen, sondern alles neu denken, motivierte der Magistrat, denn anders als damals beim ersten Mitwirkungsverfahren gehe es heute nicht nur um Wünsche, sondern auch darum, wie das neue Projekt aussehen und sich einfügen solle. Mit den drei anberaumten Workshops werde nun die Grundlage für den Architekturwettbewerb geschaffen. Beim Wettbewerb selbst soll das Quartier dann miteinbezogen werden. Wie das genau geschehen soll, ist noch offen. Finanzvorsteher Stadtrat Daniel Leupi war in seiner Funktion als Eigentümervertreter der Stadt Zürich anwesend. Er erläuterte einführend kurz, warum die Stadt die Parzelle als ideal zur Überbauung betrachtet – was ja grundsätzlich auch von niemandem bezweifelt wird. Und er skizierte auch den noch langen Weg und somit indirekt auch mögliche Stolpersteine: So liegen zwar der Projektierungskredit und der Architekturwettbewerb in der Finanzkompetenz des Stadtrates, über Kredite für das Vorprojekt oder den Projektierungskredit wird dann aber der Gemeinderat zu entscheiden haben, und auch Baurechtsverträge sowie ein allfälliger Gestaltungsplan müssen vom Parlament abgesegnet werden. Als Abschluss der einstündigen Einführung stellte die Direktorin des Amtes für Städtebau, Katrin Gügler, noch den Gesamtprozess vor (Zeitplan siehe Infobox). Bereits vorgängig war eine Spurgruppe am Werk, die Empfehlungen definiert hatte. So sei etwa eine hohe städtebauliche und freiraumgestalterische Qualität anzustreben, um eine gute Einbindung in das bestehende Quartier zu erreichen. Ein feinmaschiges Fusswegnetz, eine schonende Erschliessung durch den Autoverkehr, die Sicherung der Quartierversorgung und ein Kindergarten gehöre ebenso dazu wie die Offenlegung des Steinwiesbächleins, wurde weiter empfohlen. Nach dieser Vorarbeit sollten nun noch die Anliegen und Bedürfnisse aus dem Quartier direkt abgeholt und wichtige Themen für die Arealentwicklung und Empfehlungen für den Prozess definiert werden. Daraus erstellt das Planerteam erste Konzeptskizzen, welche am Vertiefungsworkshop vom 9. April präsentiert, von den Teilnehmenden bewertet und daraus abzuleitende Themenschwerpunkte und Fragestellungen erarbeitet werden. Worauf es gilt, städtebauliche Grundsätze abzuleiten, welche ihrerseits am Ergebnisworkshop vom 14. Juni vorgestellt, bewertet und als Empfehlungen an die Verantwortlichen weitergeleitet werden, die sich dann an die Auswertung des Mitwirkungsverfahrens machen. Die im Mitwirkungsverfahren gemeinsam erarbeiteten Grundsätze sollen ins Programm des anschliessenden Architekturwettbewerbs einfliessen.

    Diskutieren, skizzieren, schreiben, bewegen

    Das Moderatorenteam vom Beratungsunternehmen «frischer wind» – ein zufälligerweise sinniger Name für das, was im Rütihof gesucht wird – führte gekonnt durch den Abend. An jedem der 21 Tische sass ein «Gastgeber», jemand aus dem Planungsteam, der Bauherrschaft oder einem der involvierten Ämter. Sie blieben jeweils am Tisch sitzen, während alle anderen nach jeder Themenrunde den Platz neu frei wählen mussten. In der ersten der je 30 Minuten dauernden Runden wurden Klärungsfragen gestellt und festgehalten, was am geplanten Prozess gefällt und was weniger. Schon da wurden die auf den Tischen liegenden Papiere bunt mit vielen Stichwörtern beschrieben. Dann ging es auf in die zweite Runde, und auf dem Weg zum neuen Tisch konnte man sich an einem der Buffets am Turnhallenrand mit Sandwiches und Getränken versorgen. Am neuen Tisch wurde man vom Gasgebenden empfangen und informiert, was die Runde vorher festgehalten hatte. Nun hiess es, dies mit konkreten Anliegen und Wünschen zur geplanten Arealentwicklung Grünwald zu ergänzen. Erneut ging es lebhaft zu und her und auf dem Papier wurde es bunter und bunter. Schon wieder waren 30 Minuten vorbei und der letzte Gruppenwechsel mischte alle Anwesenden wieder neu. Diese hatten nun die Aufgabe, Empfehlungen zu formulieren, die dann abschliessend von jeweils einer die Tischrunde vertretenden Person vorgestellt und auf Zetteln festgehalten an die grosse Präsentationswand gepinnt wurden. Das Moderatorenteam sortierte sie thematisch und so war letztlich leicht ersichtlich, was man sich anhand dieses Abends im Rütihof wünscht:
    Eine offene, durchlässige Bebauung, verschiedene Wohnformen, öffentlich nutzbare Erdgeschosse, Grüne Aussenräume, mehrere Treffpunkte für verschiedene Bedürfnisse, Versammlungslokale, Kleingewerbe und Läden, ein Restaurant, Spielplätze, eine vernünftige Verkehrserschliessung und vor allem möge man die heutige Dichte und Struktur beibehalten, das Neue mit dem bestehenden gut vernetzen und: die Resultate des Mitwirkungsprozesses auch wirklich berücksichtigen. Der Workshop-Abend hatte viel erreicht – am greifbarsten war, als er kurz nach 22 Uhr pünktlich beendet wurde, dass man miteinander gesprochen hatte, auch mit Menschen, die man zuvor vielleicht nur flüchtig oder gar nicht gekannt hatte. Durchlässig eben, wie das, was man sich vom neuen Grünwaldareal erhofft. Und bis dann eines Tages die Baumaschinen auffahren, wird der Raum genutzt wie bisher: durch den Kindergarten, den «Kasten», die Landwirtschaft und die Recyclingstelle von erz.

    Weitere Workshops sind für Montag, 9. April und Donnerstag, 14. Juni, jeweils von 19 bis 22 Uhr, geplant. Eine Anmeldung wird erforderlich sein an: brigitte.bolliger.hbd@zuerich.ch oder telefonisch 044 412 29 28. Info unter www.stadt-zuerich.ch/gruenwald

    Voraussichtliche Zeitachse
    Mitwirkungsprozess bis Mitte 2018
    Wettbewerb abgeschlossen Mitte 2019
    Projektierung bis Mitte 2021
    Baubewilligung und Ausführungsplanung bis Ende 2022
    Realisierung 2023 bis 2024

    Info zum Strassenbauprojekt
    Das Rekursverfahren zum Strassenprojekt Frankentaler/Regensdorferstrasse ist abgeschlossen und das Bauprojekt wird voraussichtlich ab 2019 vom Tiefbauamt realisiert werden: Auf der Frankentalerstrasse wird eingangs Geeringstrasse ein grosser Kreisel realisiert, und die Spurführung in die Regensdorferstrasse wird entflechtet. Die Bushaltestelle in der Geeringstrasse wird in die Rütihofstrasse verlegt, und an der Frankentalerstrasse entsteht eine zusätzliche Bushaltestelle, die das Gebiet Naglerwiesenstrasse besser mit dem ÖV erschliesst.

  • Aufruf der Redaktion

    Thema «Armut in Höngg»: Wir suchen Personen, welche als Einzelperson oder als Familie mit sehr knappem Budget durchkommen müssen. Was bedeutet dies im Alltag? Wo spürt man die Einschränkungen besonders? Wie geht man als Erwachsene mit der Situation um? Und Kinder? Wo spüren sie es, wenn Geld nicht einfach vorhanden ist und wie reagieren sie?

    Thema «Expats in Höngg»: Wer ist bereit, über seine Zeit und seine Erlebnisse als Expat, also als von einem ausländischen Unternehmen in die Schweiz entsandte Fachkraft, in Höngg zu erzählen? Wie ist das, wenn man nur für eine begrenzte Zeit hier lebt? Integriert man sich in Höngg trotzdem oder ist man daran gar nicht interessiert? Wie wird man von Hönggerinnen und Hönggern im näheren Umfeld aufgenommen? Wie ist es, hier zu leben im Wissen, dass man in einiger Zeit wieder an den nächsten Ort zieht?
    Wenn Sie sich selbst von einem dieser Themen angesprochen fühlen, oder wenn Sie jemanden kennen, auf den oder die diese Fragen passen, so melden Sie sich bitte möglichst umgehend für beide Themen bei Patricia Senn oder Fredy Haffner unter Telefon 044 340 17 05 oder per Mail unter redaktion@hoengger.ch

  • Ist in Höngg der KITA-Bedarf gestillt?

    Ist in Höngg der KITA-Bedarf gestillt?

    Auch in Höngg ist von blossem Auge sichtbar, dass es heute mehr Kindertagesstätten gibt als früher. Seit der Frauenverein Höngg 1947 die erste eröffnete, hat sich einiges getan. 1992 gesellte sich die Krippe Heizenholz, als ergänzendes Angebot des Wohn- und Tagesheimes Heizenholz dazu. 1995 folgte an der Regensdorferstrasse das Montessori-Kinderhaus Quelle, keine eigentliche KITA, aber ein Tageskindergarten für Kinder ab zweieinhalb Jahren. 1996 folgte die erste von heute zwei KITAS für Studierende und Mitarbeitende der ETH Hönggerberg. Unter dem Namen «Tabaluga», heute «Minido», eröffnete im Jahr 2000 die KITA im Rütihof, 2006 und 2007 je ein «Chrabelschloss», 2011 die erste «Schiguna», 2013 «Wallaby» im Heizenholz und 2016 die zweite «Schiguna».
    Die letzten zwei Jahre ging es dann Schlag auf Schlag. Alleine 2017 eröffneten drei KITAs: Im Obergeschoss der ZKB-Filiale die KITA «Fugu» und dann, dort wo vorher nahe beim Zwielplatz die Büros einer Baufirma waren, zog «Kiddi4nature» ein und im ehemaligen Lebensmittelgeschäft direkt am Zwielplatz eine «Globegarden»-KITA. Und kommenden April wird im Neubau der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Höngg im Frankental die Kinderkrippe «Bambi» weitere 44 Plätze anbieten.

    Mehr Kinder, mehr KITAS – aber auch genug?

    Natürlich hat sich die Anzahl Krippenplätze in Höngg entsprechend mitentwickelt: von rund 77 im Jahr 1992 auf 443 im 2018 – sofern nicht noch weitere hinzukommen (Abb. 2).
    Diese Entwicklung spiegelt nicht nur das gesellschaftliche Bedürfnis nach mehr Betreuungsplätzen, sondern auch die generelle Zunahme von Kindern in Höngg: Lebten gemäss Statistik der Stadt Zürich 1993 nur 836 Kinder der Altersgruppe 0 bis 4 in Höngg, waren es 2016 bereits 1324 – ein Plus von fast 60 Prozent.
    Das heisst, dass heute für gegen 1400 Kinder rund 440 Kita-Plätze zur Verfügung stehen. Oder mit anderen Worten: Fast 63 Prozent aller Höngger Kinder im Vorschulalter könnten an zwei Tagen pro Woche im Quartier eine KITA besuchen. Nur noch knapp 32 Prozent sind es, wäre jeder KITA-Platz jeweils die ganze Woche von nur einem Kind belegt. Die Stadt Zürich weist in ihrem «Report Kinderbetreuung 2016» für Höngg noch 388 KITA-Plätze für 1364 Kinder und damit eine Versorgungsquote von 50 Prozent auf. Ab 70 Prozent Versorgungsquote betrachtet die Stadt Zürich den Bedarf als gedeckt (siehe Artikel auf Seite XY). Ist Höngg also trotz dem deutlich gestiegenen Angebot noch unterversorgt? Schwer zu sagen, denn die Stadt erhebt ihren 70-Prozent-Anspruch über das ganze Stadtgebiet betrachtet und nicht auf einzelne Quartiere. So gleicht es sich aus, wenn zum Beispiel eben in Höngg statistisch nur eine viel tiefere Quote erreicht wird, denn in der Innenstatt ist bezogen auf die dort tatsächlich lebenden Kinder ein Überangebot vorhanden: 2016 zum Beispiel im Gebiet Hochschule mit 804 Prozent und in der City mit sogar 1079 Prozent. Und die dortigen KITAs werden von jenen Eltern – darunter sicher auch aus Höngg – genutzt, welche ihre Kinder nahe dem eigenen Arbeitsort betreuen lassen wollen.

    Wie sehen das die Höngger KITA-Betreiber?

    Trotz statistisch tiefer Versorgungsquote ist man sich bei den Höngger KITA-Betreibern mehrheitlich einig, wie eine Umfrage dieser Zeitung zeigte: Ja, der Bedarf scheint gedeckt, wenn auch nicht in allen Regionen von Höngg gleichermassen. Jedenfalls werden kaum mehr Wartelisten geführt und die meisten KITAs haben für einzelne Wochentage je nach Altersgruppe noch Plätze frei. Gerade jene KITAs, die erst eröffnet haben, spüren, dass der Markt momentan gesättigter ist als auch schon. Brigitte Mutter, Inhaberin und Krippenleiterin der Kinderkrippen Schiguna, die 2011 nach Höngg gezogen sind, findet die Zunahme in den letzten Jahren markant und sagt, sie merke dies entsprechend: «Die Plätze an allen Tagen voll zu besetzen ist heute schwieriger geworden». Gerade Neugründungen von grossen KITA-Ketten sieht sie mit gemischten Gefühlen zu, denn diese haben, wenn es eng wird im Markt, den längeren finanziellen Atem. Doch mit höheren Ansprüchen der Eltern aufgrund der grösseren Auswahlmöglichkeiten sei sie nicht konfrontiert, sagt Brigitte Mutter: «Das Wichtigste für die Eltern ist und bleibt, dass ihre Kinder liebevoll betreut werden. Die grösste Angst aller Eltern ist es, dass ihr Kind in einer KITA auf Unverständnis für seine Bedürfnisse trifft oder man lieblos an ihm vorbei arbeitet».
    Eine Beziehung zu jedem einzelnen Kind aufzubauen sei denn auch das «A» und «O», das eine Krippe zu leisten hat, sagt sie: «und Kinder sollen Kinder sein dürfen, sie müssen nicht auf Biegen und Brechen nach Plan gefördert werden, sondern die Betreuenden müssen mit ihnen bedürfnisorientiert umgehen und sie dort fördern, wo Bedarf besteht». Das brauche eben auch eine Liebe zum Beruf, die ein Verständnis für die Kinder miteinschliesse und das habe für Eltern noch immer den viel höheren Wert als zum Beispiel, dass eine KITA zweisprachig nach Stundenplan arbeite, fügt die erfahrene Krippenleiterin und Mutter an.
    Auch Alessandra Di Roma, Leiterin der Kinderkrippe «Wallaby» im Heizenholz, sagt, sie spüre eine Sättigung im Markt, der Bedarf an KITA-Plätzen sei in Höngg derzeit gestillt: «Früher führten wir eher noch Wartelisten, was sich nun merklich reduziert hat und sich auf einzelne Tage beschränkt». Auch bei ihr macht sich bislang nicht bemerkbar, dass Eltern vermehrt die Wahl haben, von gestiegenen Ansprüchen merke sie nichts: «Welche Krippe Eltern wählen, hat auch viel mit Sympathie zu tun: Die einen finden es hier, in diesem Häuschen mit vielen Räumen und der Treppe ˂heimelig˃, andere haben gerade wegen den Treppen Bedenken. Eltern achten natürlich auch auf das Personal, wie das Haus eingerichtet ist und wie das Konzept aussieht, alles ganz individuelle Kriterien». Für Alessandra Di Roma selbst ist es am wichtigsten, dass es in ihrer Krippe genug Personal hat und die Stimmung im Team gut ist, denn: «das sehen und merken auch die Eltern – und vor allem die Kinder».

    Gemäss Erhebung des «Hönggers» sind die Höngger KITAs auch gewichtige Arbeitgeber: Rund 130 Personen arbeiten allein in der direkten Kinderbetreuung, davon 70 Ausgebildete, 35 in Ausbildung und 25 in einem Praktikum. Weitere, vom «Höngger» nicht erfasste Stellen sind in Küchen, Verwaltung usw. entstanden.

  • Alle in die KITA?

    Früher, da wurden Kinder bis zur «Gvätterlischuel» zu Hause betreut. Mutter hatte ja Zeit, schliesslich arbeitet sie ja nicht – und das, was Frau im Haushalt leistete, wurde nicht wirklich als «Arbeit» betrachtet. Stimmt so natürlich alles nicht! Schon früher wurden Kleinkinder extern betreut und über die Betrachtungsweise, was Haushaltsarbeit bedeutet, denkt heute auch kein normaler Mensch mehr im Diminutiv nach. Doch dass es sich Familien leisten konnten, von nur einem Erwerbseinkommen zu leben, ist noch gar nicht so lange her – und wer es sich heute noch leisten kann, ist bereits wieder privilegiert. Überdies ist es doch längst selbstverständlich, dass auch Frauen trotz Kindern ihren Beruf nicht aufgeben und ihn, wenn auch oft nur teilzeitlich, weiter ausüben wollen. Ganz abgesehen von all den alleinerziehenden Frauen, die schlicht und einfach auf das eigene Erwerbseinkommen angewiesen sind.
    So sind die Gründe, weshalb Kinder im Vorschulalter fremdbetreut werden, heute gar nicht so anders als damals, in der «guten alten Zeit». Einzig von einer «Verwahrlosung der Jugend», was in besagter alten Zeit zur Gründung der ersten Kinderbetreuungsangebote führte, wird heute kaum noch jemand reden. Zumindest nicht öffentlich. Wenn schon, dann geht es allenfalls darum, Kinder bereits im Vorschulalter pädagogisch betreut zu wissen oder ihr Sozialverhalten positiv zu beeinflussen.
    Kinderkrippen, ursprünglich hauptsächlich auf die Initiative von Privaten oder Fabrikbesitzern hin gegründet, sind heute vom Staat weitgehend reglementiert, werden gefördert und kontrolliert. Zürich strebt «einen Krippenplatz für jedes Kind» an, das einen braucht. In Höngg ist die Dichte an Kindertagesstätten und -plätzen in den letzten Jahren stark gewachsen. Warum dem so ist und anderen Aspekten rund um das Thema Kindertagesstätten widmet sich der «Höngger» im Fokus dieser Ausgabe, denn wie sich die Anzahl Kinder nach oben entwickelt, ist quartierrelevant.

    Fredy Haffner, Verlagsleiter «Höngger»

  • Als die Verwahrlosung der Jugend überhandnahm

    Als die Verwahrlosung der Jugend überhandnahm

    Das, worunter man heute eine Kindertagesstätte (KITA) versteht, lässt sich in seiner historischen Entwicklung nicht von Beginn weg als Begriff klar definieren. «Kinderhort» und «Kindergarten» vermischen sich dort leicht. Klar ist, dass beide Bereiche einen gemeinsamen Ursprung hatten: Das Ansinnen, die im Zuge der Industrialisierung öfters tagsüber sich selbst überlassenen Kinder zu betreuen. In Höngg, so ist in der Mitteilung Nummer 14 der ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg nachzulesen, bot die Gemeinde auch deshalb Hand zur Eröffnung eines Kindergartens, weil «die Verwahrlosung der Jugend, auch der vorschulpflichtigen, infolge der Fabrikarbeit der Mütter seit 1874 in der Seidenstoffweberei immer mehr überhand» genommen habe.
    Fast 100 Jahre früher, 1780, hatte Johann Heinrich Pestalozzi die Idee aufgebracht, ein Kinderhaus mit einem einfachen Bildungsangebot für bedürftige Kinder einzurichten. Doch erst 1826 wurde in Genf eine Betreuungseinrichtung für Kinder eröffnet, deren Eltern, um die Familie ernähren zu können, beide einer Arbeit ausser Haus nachgehen mussten. Es stand dort also vielmehr der Gedanke der Armenpflege als Pestalozzis Bildungsanspruch im Vordergrund. Auch das historische Lexikon der Schweiz schreibt, dass diese und andere danach gegründete Institutionen «eher Bewahranstalten gegen schädliche Einflüsse als kindgerechte Bildungseinrichtungen waren». Zumal es eine eigentliche Ausbildung für Lehrerinnen noch gar nicht gab. Der deutsche Pädagoge Friedrich Fröbel (1782 – 1852), ein Schüler Pestalozzis, war es dann, der die Idee eines «Gartens für Kinder» erstmals formulierte. Der erste nach diesem Konzept errichtete Kindergarten der Schweiz öffnete 1845 in Zürich-Riesbach seine Tore, doch erst mit der 1873 in St. Gallen gegründeten Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen gelang den Kindergärten in der Deutschschweiz allmählich der Durchbruch.
    Auch bei der Entwicklung der Kinderhorte bildeten soziale Anliegen die treibende Kraft. In der Hoffnung, damit Probleme der Eltern wie lange Arbeitszeiten und Armut begegnen zu können, von denen anfangs des 19. Jahrhunderts grosse Bevölkerungsteile betroffen waren. Zwar begann sich die Schulpflicht allmählich durchzusetzen, doch ausserhalb der Unterrichtszeiten blieben die Kinder oft sich selbst überlassen. Im Zuge der Industrialisierung entstanden in Zürich bereits ab 1800 sogenannte «Kleinkindaufbewahrungsanstalten»: Da die tiefen Löhne auch Mütter und ältere Geschwister vermehrt zur Erwerbsarbeit ausser Hause, eben in den Industrien, zwangen, war niemand mehr zu Hause, der sich um die Kleinsten kümmerte. So waren es denn auch oftmals Fabriken – wohl nicht zuletzt aus Eigeninteresse – welche in Zürich erste Kinderhorte realisierten. Und während die Mütter und Väter in den Fabriken arbeiteten, wurde im Kinderhort «Volkserziehung» gelebt: Eine «nützliche Beschäftigung, Handfertigkeit, Verstand und Gemüt anregende Unterhaltung sowie Bildung» standen im Vordergrund. Der Gemeinnützige Frauenverein Zürich (GFZ) gründete 1895 an der Hallwylstrasse seine erste Krippe, der dann weitere Krippen folgten.

    Vom Kindergarten- zum Frauenverein Höngg

    1887 zog man in Höngg nach: Eröffnet wurde aber nicht eine Kinderkrippe im Sinne einer heutigen Kindertagesstätte, sondern eine «Gvätterlischuel», wie man damals dem Kindergarten sagte – ein wunderbarer, heute fast vergessener Mundartbegriff, abgeleitet von «Gvätterle», womit sowohl das Spielen von Kindern als auch «etwas ohne Ernst zu betreiben» gemeint war. Und einen passenden Verein gab es natürlich auch: 1887 wurde von 90 Frauen und acht Männern der Kindergartenverein gegründet, der ab dem 8. Mai desselben Jahres im alten Schulhaus am Wettingertobel, wo die Gemeinde dafür einen Raum plus Heizung bewilligt hatte, den ersten Kindergarten von Höngg eröffnete. Kindergärtnerinnen nannte man damals noch «Gvätterlitante» oder einfach nur «Tante». Die erste Kindergärtnerin war selbst fast noch ein Kind: Gerade mal 16,5 Jahre alt war «Tante» Anna Frei, als sie die Stelle antrat, an der sie zwölf Jahre blieb, bis sie 1899 an den Kindergarten Wipkingen gewählt wurde. Sie habe die «zappelige Kinderschar, deren Zahl weit über das gewöhnliche Mass anstieg, energisch und doch liebevoll betreut», heisst es. Per 1. November 1913 wurde der Kindergarten der Primarschulgemeinde übergeben. Somit hatte auch der Kindergartenverein seine Zweckbestimmung erfüllt und nannte sich in «Frauenverein Höngg» um.

    Vom sozialen Engagement zum Geschäftsmodell

    In der Kinderbetreuung blieb man aber aktiv. 1939 war der Hauserstiftung Altersheim Höngg aus dem Erbe ihres ersten Präsidenten Martin Haug das Haus an der Limmattalstrasse 157 vermacht worden, das man dann im Herbst 1946 an den Frauenverein Höngg verkaufte. Bereits am 1. April 1947 eröffnete der Frauenverein dort die erste Kinderkrippe, wo die Kindertagesstätte heute noch, allerdings unter der Leitung des gemeinnützigen Frauenvereins Zürich (GFZ), betrieben wird. Bis 1992 war dies die einzige Kindertagesstätte in Höngg – dann ging es kontinuierlich aufwärts und demnächst wird die 15. KITA eröffnet (siehe Artikel auf Seite XY). Was einst als soziales Engagement, oft auch von bessergestellten Frauen initiiert, begonnen hatte, ist unterdessen ein Geschäftsmodell und eine gesellschaftlich breit akzeptierte Notwendigkeit, vom Staat gefördert, kontrolliert und mitfinanziert. Der Frauenverein Höngg ist, was Kinderbetreuung anbelangt, heute nur noch als Betreiber der Mittagstische im Rütihof, dem Altersheim Riedhof und dem «Sonnegg» aktiv.

    Quellen:
    Schweizerisches Sozialarchiv
    Historisches Lexikon der Schweiz
    Ortsgeschichte Höngg und Mitteilungen 14 der ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg.

  • Stadt setzt auf subventionierte Betreuungsplätze

    Stadt setzt auf subventionierte Betreuungsplätze

    Gemäss dem «Report Kinderbetreuung» standen in der Stadt Zürich im Jahr 2016 9600 Betreuungsplätze für Kinder im Vorschulalter zur Verfügung, angeboten wurden sie von rund 300 privaten Kitas, die Stadt selber stellte zwölf zusätzliche Kindertagestätten. Erstmals seit Beginn der Datenerhebungen im Jahr 1991 schaffte die Versorgungsquote, also die Anzahl der Betreuungsplätze im Verhältnis zur Anzahl Kinder im Vorschulalter, die 70-Prozent-Hürde und erreichte 72.8 Prozent. Damit gilt die Nachfrage als gestillt, die Stadt war ihrem Ziel, mehr Menschen Zutritt zum Arbeitsmarkt zu verschaffen, einen Schritt näher gekommen. Es gab allerdings noch ein Problem: Die Kontingentierung der subventionierten Krippenplätze führte dazu, dass nicht alle Eltern mit Anspruch auf Vergünstigungen auch in deren Genuss kamen. Die Lösung: Die Aufhebung der Kontingente.

    Subventionierte Plätze für alle

    2016 wurden 3600 Plätze und damit 40 Prozent aller Betreuungsplätze in Kindertagesstätten von der Stadt Zürich subventioniert, bei den Tagesfamilien waren es sogar 90 Prozent aller Betreuungsstunden. Die Unterstützung der Eltern ist der Stadt rund 70 Millionen Franken wert. «Unsere Überzeugung ist es, dass es sich lohnen soll, arbeiten zu gehen», sagt Heike Isselhorst vom Sozialdepartement der Stadt Zürich. «Längerfristig zahlt es sich aus, wenn Menschen erwerbstätig bleiben und ihre Arbeitsmarktfähigkeit so erhalten». Für einkommensschwache Familien macht es oft keinen Sinn, dass beide arbeiten, weil die Kosten für die Kinderbetreuung das zusätzliche Einkommen übersteigen. Diesem Missverhältnis will die Stadt mit dem Strategieschwerpunkt «Lücken in der Kinderbetreuung schliessen» nun entgegenwirken. Mit der Aufhebung der bisher geltenden Kontingente sollen bis im Jahr 2020 620 zusätzliche subventionierte Kita-Plätze geschaffen werden. 2017 bewilligte der Gemeinderat dazu die Teilrevision der Verordnung über die familienergänzende Kinderbetreuung und gewährte zuvor bereits den Zusatzkredit, damit künftig allen anspruchsberechtigten Familien ein subventionierter Krippenplatz zur Verfügung steht.

    Kritik vom Verband

    Der vom Verband Kinderbetreuung Schweiz «kibesuisse» eingereichten und von 25 Krippen mitunterzeichneten Empfehlung zur Überarbeitung der Teilrevision wurde nicht Folge geleistet. Der Verband hatte unter anderem kritisiert, dass der neue Tagessatz von 120 Franken zwar höher sei, aber für weniger Tage pro Jahr und eine begrenzte Tagesöffnungszeit von 11.5 Stunden entrichtet werde. Isselhorst weist darauf hin, dass mit dieser maximalen Stundenzahl dem Angebot von rund 75 Prozent der Krippen in der Stadt Zürich entsprochen werde. Auf den Vorwurf, dass die städtischen Kitas rund 30 Prozent höhere Vollkosten generieren können und deshalb in der Lage seien, höhere Löhne zu zahlen, entgegnet sie, dass die Kitas der Stadt Zürich zwar tatsächlich im Schnitt 14 Prozent teurer seien, dies aber nicht in erster Linie auf höhere Löhne zurückzuführen sei. Vielmehr hätten die städtischen Kitas aufgrund des Mangels an qualifiziertem Personal in der Kinderbetreuung seit dem Jahr 2013 durchgängig Praktikums- durch Ausbildungsstellen ersetzt, was zu höheren Personalkosten führt. Ausserdem seien die Mietkosten der städtischen Kitas wegen teilweise alter Raumstrukturen um einiges höher als die in den Richtlinien festgelegten 25 Franken pro Quadratmeter. Letzteres trifft wohl auch auf die meisten privaten Kitas der Stadt zu. Ausserdem könnte man durchaus umgekehrt argumentieren, und sagen, dass die Krippen auf Praktikanten zurückgreifen müssen, weil die bezahlten Tarife nicht für mehr reichen.
    Die revidierte Verordnung trat per 1. Januar 2018 in Kraft, und das Sozialdepartement vermeldete bereits im November erste positive Auswirkungen: Die Anzahl der subventionierten Kita-Plätze habe sich erhöht, und auch der administrative Aufwand habe sich durch die elektronischen Vertragsabwicklungen reduzieren lassen. Etwas mehr als 80 Prozent der Kitas habe einen Subventionskontrakt mit der Stadt. Das Ziel, die Lücke in der Kinderbetreuung zu schliessen, soll bereits Ende 2018 realisiert sein.