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  • Hotel Mama

    Ach, dieses Ausziehen, ein Thema, das wohl viele in meinem Alter beschäftigt. Und ich meine nicht Kleider ausziehen, sondern: Von zu Hause ausziehen. Hotel Mama und Papa verlassen, in die weite Welt hinausgehen, endlich unabhängig sein.
    Viele Aspekte locken einen dazu, auf ausreisserische Gedanken zu kommen. Rund um die Uhr sturmfrei! Einen ganzen Tag im Pijama auf dem Sofa faulenzen und Netflixen? Kein Problem! Das Zimmer ist nicht perfekt aufgeräumt? Niemand interessiert’s! Wann ich nach Hause komme und wo genau ich bin? Niemand muss es wissen!
    Leider ist das ganze Prozedere gar nicht einfach. Knackpunkt: Geld. Klar, ich habe nun auch ein wenig Gespartes, aber nach einer Monatsmiete wäre das schon fast wieder weg. Und dann auch noch diese Challenge, etwas zu finden, das nicht völlig abgelegen ist und auch nicht an einer extrem lauten Strasse, etwas, das nicht jedes Budget sprengt… Und die Wohnung ist noch lange nicht alles. Mir war nie bewusst, wie teuer Möbel wirklich sind! Ein Kissen alleine kostet sogar bei Ikea mindestens zwanzig Franken!
    Und überhaupt, eigentlich ist es schon verdammt gemütlich, zu Hause zu wohnen. Es heisst ja nicht ohne Grund «Hotel Mama»! Wenn ich nach Hause komme nach dem Sport und einen Bärenhunger habe, dann steht schon eine warme Mahlzeit auf dem Tisch (zumindest manchmal). Verstehen Sie mich nicht falsch, auch ich koche gerne mal etwas, aber manchmal habe ich einfach keine Zeit… oder keine Lust. Und gratis an einer so guten Lage zu wohnen, direkt an der Limmat und trotzdem nahe an der Stadt zu sein, das ist ein echter Luxus. Ein Bonus: Meine Mutter ist eine Suchmaschine im echten Leben: Wenn ich etwas nicht finde, frage ich sie, und innerhalb von wenigen Sekunden hat sie das Ladekabel, die Sporthose oder den Schlüssel in ihrer Hand.
    Und trotzdem werde ich wohl ausziehen. Wohin und wann ist zurzeit noch offen, etwas jedoch ist mir jetzt schon klar: Ich will definitiv nicht allein wohnen. Der Gedanke, jeden Abend nach Hause zu kommen und eine dunkle, leere Wohnung zu betreten, macht mir Angst. Es wird sicherlich Zeiten geben, in denen ich mir Hotel Mama sehnlichst zurückwünsche. Dann muss ich wohl einfach meine Mutter zu uns einladen, die meine Unordnung verurteilt, und schon bin ich wieder daran erinnert, wieso ein Leben in Unabhängigkeit das Richtige ist.

    Lina Gisler,
    Praktikantin

  • Mehr als einfach «Pflaster drauf»

    Mehr als einfach «Pflaster drauf»

    Dass Apotheken längst mehr sind als blosse Verkaufsstellen für Medikamente, daran hat man sich gerne gewöhnt. Aber mit einer frischen Wunde in die Apotheke anstatt zum Arzt oder in die Notfallaufnahme zu gehen – wird das wirklich gemacht? In der Zürigsund Apotheke Im Brühl an der Regensdorferstrasse schmunzelt Apothekerin Susanne Wolf ob dieser Frage: «Ja, wir sind oft die erste Anlaufstation, gerade auch wenn mit Kindern etwas passiert ist: Dann stellt man fest, dass man kein Verbandsmaterial mehr hat und das Desinfektionsmittel leer oder abgelaufen ist – dann sind wir, als auf Kinder spezialisierte Apotheke, gerne zur Stelle und können von Montag bis Samstag beraten und die Erstversorgung anbieten».

    Ohne Wartezeit ins Behandlungszimmer

    Seit dem Umbau vor drei Jahren hat die Apotheke ein kleines, Diskretion bietendes Sprechzimmer, in dem immer alles bereitsteht, was für eine erste Wundversorgung nötig ist, vom Reinigungsmittel bis zum passenden Wundverband. Dort sitzen dann kleine und grosse Patient*innen mit Schürfungen, Schnitten, Verbrennungen und was einem sonst noch so alles geschehen kann.

    «Die theoretischen Grundsätze der Wundversorgung», erklärt Wolf, «lernen Pharma-Assistentinnen in der Ausbildung: Zwei unserer Mitarbeiterinnen haben aber auch die Weiterbildung zur Wundexpertin absolviert, die auch einen Praxisteil und viel Wissen über die neuesten Wundmaterialien beinhaltet».
    Auch ohne, dass diese Dienstleistung gross beworben würde, ist der Service offenbar bekannt. So kommen, zum Beispiel direkt vom nahen Spielplatz oder nach kleineren Verkehrs- oder Haushaltsunfällen, wöchentlich öfters Leute direkt in die Apotheke Im Brühl und zeigen ihre Verletzungen.
    Das geschulte Personal nimmt zuerst eine Triage vor, entscheidet also, ob sie wirklich die richtige Anlaufstelle sind. Susanne Wolf betont, dass sie und ihr Team in bestimmten Situationen gleich zum Arztbesuch raten: «Kommt zum Beispiel jemand mit einem Umlauf zu uns, gibt es gar keine Fragen, damit muss man zum Arzt». Auch bei zu tiefen oder zu langen Schnittwunden sowie bei schwereren Verbrennungen, oder wenn eine Heilung, zum Beispiel bei Gesichtsverletzungen, kosmetisch heikel sein könnte, wird an den Arzt oder den Notfall verwiesen. Ebenso bei Bisswunden: Da ist zwar die Erstversorgung, also Reinigung, Stoppen der Blutung und ein Erstverband möglich, spätestens, wenn aber nicht klar ist, ob der Schutz vor Wundstarrkrampf noch aktuell oder eine Tetanusimpfung nötig ist, wird an den Arzt verwiesen.

    Sicherheitskontrolle und Anamnese

    Liegt die Wundversorgung jedoch in ihrer Kompetenz, so sitzt man umgehend im Sprechzimmer und die Wundreinigung beginnt. Falls nötig wird auch eine kurze Anamnese erfasst und ein Wundversorgungs-Protokoll erstellt: Welcher Art ist die Wunde, wo ist sie lokalisiert, bestehen andere Leiden, welche die Wundheilung beeinträchtigen könnten, ist der Impfschutz noch aktuell oder werden Medikamente eingenommen, welche zum Beispiel die Blutgerinnung hemmen? Das Protokoll zeigt – wie eine zweite Sicherheitskontrolle – deutlich an, in welchem Fall man an die Arztpraxis verweisen muss. Kann indes direkt versorgt werden, werden die verwendeten Materialien protokolliert und die Verletzten instruiert, wie und wie oft sie den Verband zu Hause selber wechseln sollen. Natürlich darf man auch jederzeit zur Nachkontrolle wieder in die Apotheke kommen. Bei kleineren Wundversorgungen wird übrigens nur das Material verrechnet, erst bei mittleren oder grösseren Wunden kommen 10 bis 15 Franken dazu. Von den Krankenkassen wird indes nichts vergütet.
    Nicht behandelt werden in der Apotheke chronische Wunden. Für solche seien die beiden Wundexpertinnen zwar ausgebildet, so Wolf, doch bislang wird diese Dienstleistung nicht angeboten.
    Das Wundambulatorium der Spitex Höngg – das übrigens als erstes solches Zentrum einer Spitexorganisation von der Schweizerischen Gesellschaft für Wundbehandlung anerkannt wurde – bietet die Kontinuität, welche eine fachgerechte Versorgung solcher Wunden erfordert: Nach Terminvereinbarung, an sieben Tagen die Woche, von 7 bis 19 Uhr. Im Erstversorgungsangebot der Apotheken sieht die Spitex keine Konkurrenz, sondern eine gute Ergänzung: «Die Spitex ist immer interessiert an einer guten Zusammenarbeit mit allen Anlaufstellen und Versorgern, dies dient den Quartierbewohnern», schreibt das Wundambulatorium auf Anfrage.

    Was soll der Honig auf der Wunde?

    Doch nicht nur dort, sondern eben auch in der Apotheke weiss man, dass sich im breiten Feld der modernen Wundversorgung in den letzten Jahren viel geändert hat. Das beginnt bei der Desinfektion: Über die Klassiker wie Merfen ist man heute hinaus und verwendet zum Beispiel «Octenisept». Bei Bisswunden oder stark verunreinigten Wunden sind jedoch noch immer Mittel wie «Betadine» die erste Wahl. Nach der Reinigung, so war man früher überzeugt, müssten Wunden möglichst trocken gehalten werden – heute differenziert man mehr. So werden sehr nässende Wunden mit saugkräftigen Auflagen behandelt bis sie trockener sind und zu trockene werden mit Produkten wie «Varihesive» abgedeckt, einem wasserdichten hydrokolloid-Verband, der die Wunde feucht hält und mehrere Tage nicht gewechselt werden muss, sogar einer Dusche oder einem kurzen Bad hält er stand. Moderne Wundverbände sind sogar keimreduzierend: Solche Produkte enthalten Silberfäden, denn die antibakterielle des Edelmetalls ist erwiesen. Auch Wundgels hemmen Infektionen und unterstützen die Wundheilung. Die Palette der Wirkstoffe ist gross und beinhaltet zum Beispiel auch Produkte mit Honig: Die darin enthaltene Glucose fördert die Heilung – damit findet die moderne Wundversorgung übrigens wieder zurück zu altbekannten Mitteln.
    Was sie indes beim «Nähen» von Wunden nicht tut: Bei glatten Wundrändern, wie sie bei Schnitten entstehen, werden anstelle von Fäden oft sogenannte «Steristrips» verwendet, eigentliche Klebstreifen, welche die beiden Wundränder zusammenziehen, damit sie möglichst ohne Narben zu bilden zusammenfinden. Und wenn doch eine Narbe entsteht und man diese nicht als Erinnerung behalten will? Auch dafür weiss das Fachpersonal Rat, solange die Narbe noch einigermassen frisch ist. Es ist nicht von der Hand zu weisen – und das schreibt hier ein ehemaliger Krankenpfleger – moderne Wundversorgung ist tatsächlich mehr als einfach nur «Wunde reinigen, Pflaster drauf, fertig».

    Diese Serie wird finanziell, ohne redaktionell eingeschränkt zu sein, durch die vier Höngger Rotpunkt Apotheken und Drogerien unterstützt.
    Nächster Artikel: 13. Juli, «Medikamente auf Reisen»

  • Egomonsterkids

    Ich mag Kinder. Solange sie ins Handschuhfach meines SUV passen. Oder auf den Rücksitz meines Stadtautos, einem Smart. Kleiner Scherz. Doch nun im Ernst: Ich mag Kinder wirklich. Ausser jene, welche zur Schande ihrer Eltern die elementarsten Dinge in Sachen Erziehung nie gelernt haben. Neulich kam mir ein ganzes Rudel dieser Sorte entgegen. Aufgefädelt wie Fleischklopse auf einem Grillstab kamen sie einen dieser engen Steilwege dieses Quartiers hinuntergerollt und füllten seine Breite restlos aus. Ihr Problem: Ich war auf dem Weg nach oben. Wobei sich das dann natürlich als mein Problem herausstellte, denn niemand – auch die beiden Mütter und der Alibi-Hausmann, die einige Meter hinter ihrer Brut gingen – hatte den Bälgern je gesagt, dass sie sich wie jeder anständige Verkehrsteilnehmer den Situationen anzupassen und Rücksicht zu nehmen hätten, speziell gegenüber dem aufwärtskommenden Gegenverkehr. In diesem Falle also gegenüber mir. Ich hatte die dreifache Wahl: Mich an den rostigen Gartenzaun verdrücken, wie ein Fels in der Brandung stehen bleiben (Augen zu und durch) oder im Stechschritt mein Territorium markieren und die Bande umrennen. Überrumpelt und im wahren Leben tendenziell mit wenig Zivilcourage ausgestattet wie ich bin, wählte ich den Gartenzaun. «Es» schrammte knapp an mir vorbei wie die Zombies in «World War Z» von Marc Forster die Wände hoch, während ich mich bemühte, die nachfolgenden Elterntiere abstrafend anzuschauen. Was mir gelang, jedoch keinerlei Beachtung fand. Verflucht, hätte ich doch bloss den Stechschritt gewählt! Dann wäre ich zwar garantiert von dem sechsbeinigen Elternmonster verbal abgestraft worden, weil ihre Klopse nun den Weg hinuntergepurzelt wären, doch ich hätte ihnen wenigstens die Meinung blasen können. Und zwar diese da: «Was meint ihr eigentlich, zu was für egomanischen kleinen und später grossen Monstern ihr eure Kinder erzieht? Schimpft mich von mir aus bünzlig, doch genau so, ohne jeden Grundbegriff von Anstand und mit ausgefahrenen Ellenbögen werden sich eure Kinder durch den Rest des Lebens und die Gesellschaft bewegen. Sie werden dabei sicher einiges erreichen, doch noch viel mehr zerstören und, Verzeihung, aber sie werden einfach nur Arschlöcher sein».
    Ja, das hätte ich ihnen gesagt – wahrscheinlich röchelnd im Würgegriff des doch überraschend kampferprobten Alibi-Hausmannes, der mich von zwei keifenden Müttern und einem Rudel heulender Egomonstern begleitet zum nächsten Polizeiposten geschleppt hätte.
    Aber so ist eben meine Wahrnehmung gewisser «Erziehungs»-Tendenzen, und die liesse sich noch auf einige andere solche Erlebnisse übertragen. Erst jetzt, beim Verfassen dieser Zeilen, kommt mir die einzig wirklich adäquate Reaktion auf dieses Erlebnis am Berg in den Sinn. Eine überdies herrlich paradoxe: Ich hätte mich «Nein-so-kommt-mir hier-keiner-durch»-schreiend quer auf den Weg legen sollen und dann, wenn die Kinder verdutzt stehengeblieben wären, ja dann wären sie bestimmt empfänglich gewesen für die Grundzüge einer der elementarsten Verhaltensregeln. Vergessen hätten sie diese danach garantiert nie mehr, weil ihre schnusigen kleinen Hirne sie zeitlebens mit dem schreienden Wesen jenes Sommertages auf jenem engen steilen Quartierweg verknüpft hätten.

    Es grüsst aus dem SUV
    Frank Frei

  • Wie wohnen?

    Menschen mit Behinderungen haben verschiedene Wohnmöglichkeiten. Menschen, die jederzeit umfassende Hilfe und Pflege brauchen, wohnen oftmals in einer Institution. Durch den vorgegebenen Heimalltag ist hierbei die Fremdbestimmung hoch, es gibt jedoch immer mehr Institutionen, die ihren Bewohner*innen dank neuer Wohnmodelle mehr Selbstbestimmung ermöglichen. Gewisse Institutionen führen beispielsweise Aussenwohngruppen, die mehr Privatsphäre bieten und in denen die Bewohner*innen selbstbestimmter leben können. Dabei ist die Unterstützung bei Pflege, Betreuung und im Haushalt auf die Person abgestimmt. Eine weitere Option ist eine betreute oder begleitete Wohngemeinschaft. Menschen, die nicht selbstständig leben können, werden dabei nach individuellen Bedürfnissen begleitet. Die Begleitung erfolgt in diesem Fall gewöhnlich in der eigenen Wohnung.
    Für junge Erwachsene mit kognitiven Beeinträchtigungen gibt es das Angebot einer Wohnschule, die eine zwei- bis vierjährige Ausbildung zum selbstständigen Wohnen beinhaltet. Dabei wird die Haushaltsführung, Administratives und soziales Zusammenleben gelehrt, die Auszubildenden arbeiten ausserhalb der Wohnschule Teilzeit. Sprungbrettwohnungen sind für selbstständige Menschen, die planen, in einer eigenen Wohnung zu leben. Dabei kann das selbstständige Wohnen für ein paar Monate in Ruhe ausprobiert werden. Für Personen, die den Alltag selber managen können und alleine wohnen wollen, bietet sich eine eigene Wohnung mit Assistenz an.
    Auch in Höngg gibt es verschiedene Angebote für Menschen mit einer Beeinträchtigung. Zum einen gibt es das Wohnzentrum Frankental, eine Institution, die auch Tagesaufenthalter aufnimmt. Zusätzlich gibt es die Wohngruppe «Daheim», in der betreutes Wohnen angeboten wird.

    Fremdbestimmt wohnen

    Obwohl also viele verschiedene Wohnformen vorhanden sind, gibt es für Menschen mit einer Behinderung viele Hindernisse für selbstbestimmtes Wohnen. Zum einen fehlt oftmals das Beratungsangebot, die Menschen kennen die verschiedenen Möglichkeiten also gar nicht. Zudem sind die nötigen Unterstützungsleistungen und finanziellen Absicherungen nicht immer vorhanden: Für viele Betroffene ist es finanziell kaum möglich, in einer eigenen Wohnung zu leben. Um dies zu verhindern, gibt es Assistenzleistungen: Finanzielle Leistungen für Versicherte, die Hilflosen-Entschädigung erhalten. Damit können sie für regelmässig benötigte Hilfeleistungen Assistenzpersonen einstellen, damit sie zu Hause leben können. Wegen der strengen Aufnahmebedingungen sind jedoch viele Menschen von diesem System ausgeschlossen. Auch wenn die finanziellen Mittel vorhanden sind, ist es teilweise schwierig, eine Wohnung zu finden, die hindernisfrei ist.
    Die Schweiz muss also noch viel tun, was die Selbstbestimmung von Menschen mit einer Behinderung angeht. Dass sie den Weg gehen will, wurde schon mit dem Unterzeichnen der UNO-Behindertenrechtskonvention entschieden. Diese verlangt, dass «Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben.» Diese Leitidee der Selbstbestimmung steht stark in Zusammenhang mit der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. Diese fordert, dass Menschen mit Behinderung das eigene Leben und Wohnen nach ihren Wünschen gestalten dürfen.

    Subjekte und nicht Objekte finanzieren

    Um diese Prinzipien der Selbstbestimmung anzugehen, wurde im Zürcher Kantonsrat im Juni 2018 eine Motion eingereicht. Diese sieht vor, das heutige System der Assistenzleistungen zu ändern: Von einer Objekt- soll zu einer Subjektfinanzierung gewechselt werden. Der Kanton finanziert demnach nicht mehr in erster Linie die Institutionen (Objekte), sondern jeder Mensch (Subjekt) erhält die Kosten für den persönlichen behinderungsbedingten Betreuungs- und Pflegebedarf vergütet. Damit sollen behinderte Menschen die Wahlfreiheit erhalten, wie sie ihre Betreuung organisieren wollen. Die Motion wurde von allen Fraktionen ausser der Fraktion der Schweizerischen Volkspartei angenommen, der Kantonsrat übergab damit den Auftrag an die Regierung, einen Gesetzesentwurf zu erarbeiten. Nun liegt es an ihr, behinderten Menschen selbstbestimmteres Wohnen zu ermöglichen.

    Diese Fokusreihe zum Thema «Menschen mit Behinderung» entstand mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung. Die Stiftung unterstützt vorwiegend in der Stadt Zürich domizilierte Institutionen, die sich für betagte oder behinderte Menschen einsetzen. Sie hat keinen Einfluss auf Inhalt und Form der Artikel genommen.

     

  • Selbstbestimmung fördern

    Selbstbestimmung fördern

    Frankental leben Frauen und Männer mit kognitiven Beeinträchtigungen und Menschen mit neurologischen Erkrankungen oder Hirnverletzungen. Zurzeit sind es 41 Bewohner*innen, die sich auf sieben unterschiedlich grosse Wohngruppen verteilen. Dazu kommen vier bis fünf Personen, die tageweise ins Frankental kommen und abends jeweils wieder nach Hause gehen. «Ab 18 Jahren kann man bei uns eintreten», erklärt Ueli Zolliker, Leiter des Wohnzentrums. Danach geniesst man lebenslanges Wohnrecht, vorausgesetzt man wird gegenüber den anderen Bewohner*innen und Angestellten nicht gewalttätig, denn da herrscht Nulltoleranz. «Aber auch bei sehr starker Alkohol- oder Drogenabhängigkeit sind wir nicht der richtige Ort», meint Zolliker. Bislang musste erst einmal ein Mitbewohner in eine psychiatrische Klinik umplatziert werden. «Wir stellen niemanden einfach auf die Strasse, sondern versuchen eine passende Lösung zu finden».

    Immer mehr Hirnverletzte

    Unter welchen Umständen ziehen die Betroffenen in eine Institution wie das Wohnzentrum? Kognitiv beeinträchtigte Menschen leben oft sehr lange bei den Eltern. Die Familien versuchen, die Betreuung so lange wie möglich selber oder mit punktueller Unterstützung zum Beispiel der Spitex zu bewältigen. «Wenn die Eltern langsam selber pflegebedürftig werden oder die Belastung zu hoch wird, denken sie über Alternativen nach und das ist dann meistens der Moment, in dem wir eine Anfrage erhalten», erzählt Zolliker. «Das kann auch im Rahmen eines Tagesaufenthalts sein, zwei drei Tage in der Woche, einfach um die Familie zu entlasten». Anders ist es bei den Hirnverletzten. Manche kommen aus der Neurorehabilitation, wie in Bellikon oder Zurzach, wenn festgestellt wird, dass die Ressourcen ausgeschöpft sind. Diese Menschen standen zuvor mitten im Leben, hatten einen Beruf, Partner*innen und Kinder und wurden durch einen Unfall oder eine Krankheit aus ihrem sozialen Umfeld gerissen. «Für diese Menschen ist es besonders schwierig, ihre neue Situation zu akzeptieren», sagt Valeska Graul, Leiterin Betreuung und Stellvertreterin von Ueli Zolliker. Sie befänden sich in einem Zustand zwischen Hoffnung und Resignation, und durchlebten alle möglichen Krisen von Wut, Auflehnung, Trauer bis zum Aufgeben. Das bedeute für alle Beteiligten eine grosse emotionale Belastung. Manchmal verändere sich durch eine Hirnverletzung auch die Persönlichkeit, die Angehörigen erkennen den Menschen fast nicht wieder, das seien dann sehr schwierige Situationen. Während es zu Gründungszeiten des Wohnzentrums vor 35 Jahren in erster Linie Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen waren, die ins Frankental zogen, nimmt die Zahl der Menschen mit Hirnverletzungen seit 2009 stetig zu, so dass diese heute den grössten Teil der Bewohner*innen stellen. Als Endstation sieht die ausgebildete Pflegefachfrau und Sozialarbeiterin das Frankental jedoch nicht: «Wenn jemand wirklich alles daransetzt, selbstständig zu wohnen und auch körperlich und psychisch dazu in der Lage ist, trainieren wir mit ihm die alltäglichen Dinge, wie die Nutzung des öV oder auch selbstständig einzukaufen». Gerade gibt es einen Bewohner, der nach zwei Jahren in seine Wohnung zurückziehen kann. «Er hat gute Ressourcen, seine Tochter unterstützt ihn in administrativen Belangen, die Wohnung ist rollstuhlgängig und mit Hilfe einer Assistenz wird er seinen Alltag bewältigen können». Ehrlicherweise müsse man aber sagen, dass dies eher die Ausnahme sei, denn es brauche – abgesehen von den körperlichen und psychischen Ressourcen – schon sehr viel Engagement und Motivation der betroffenen Person. In den letzten zehn Jahren waren es drei Personen, die den Schritt ins selbstständige Wohnen geschafft haben.

    Unsichtbare Behinderung

    Manche neurologischen Verletzungen sind nicht auf den ersten Blick erkennbar. Sie zeigen sich aber in einem schlechten Erinnerungsvermögen, Konzentrations- und Informationsverarbeitungsstörungen oder starker Müdigkeit, meist einhergehend mit einer tiefen Frustrationstoleranz. «Oft klagen Hirnverletzte darüber, dass diese <unsichtbaren Behinderungen> für sie subjektiv schlimmer seien, weil sie von der Umwelt oft falsch eingeschätzt würden». Wenn jemand im Rollstuhl sitze, könnten die Mitmenschen das besser einordnen, als wenn jemand im Gespräch plötzlich aufbrausend oder ungeduldig würde. Das führe dazu, dass sich diese Menschen in der Öffentlichkeit oft abgelehnt fühlten. «Ein grosser Teil unserer Arbeit ist deshalb auch die Reflexion: Wir spiegeln ihnen im Alltag, wenn sie sich verletzend verhalten und versuchen sie daran zu erinnern, dass es in der Gesellschaft gewisse Abmachungen gibt, wie man miteinander umgeht», erklärt Graul. Es ist kein schneller Prozess, aber nach ein, zwei Jahren können die meisten von sich aus formulieren, dass sie etwas nicht so beabsichtigt haben, wenn es aus ihnen herausbricht. Noch etwas später können sie das vielleicht sogar kontrollieren und stattdessen etwas anderes oder gar nichts sagen. So schützen sie sich selber vor Ablehnung.

    Selbstbestimmung vor Fremdbestimmung

    Im Frankental werden verschiedene Aktivitäten angeboten, es gibt gemeinsame Kinoabende, Disco, zahlreiche Feste, die auch der Öffentlichkeit zugänglich sind. Die Bewohner*innen haben Anrecht auf eine Woche Ferien mit Eins-zu-eins-Betreuung, man erledigt gemeinsam den Einkauf und besucht Veranstaltungen. Inklusion wird angestrebt, man will der einzelnen Person gerecht werden. Dies bedeutet einen grossen Aufwand, finanziell und personell, doch Zolliker ist von diesem Weg überzeugt. Das Selbstbestimmungsrecht hat das Credo der Institution, den Bewohner*innen auf Augenhöhe zu begegnen, noch bestärkt. Anstatt einfach Regeln aufzustellen, treffe man zusammen mit der betroffenen Person Vereinbarungen. «Wir setzen keine theoretischen, sozialpädagogischen Ziele, sondern versuchen herauszufinden, welche Bestrebungen die Menschen selber haben». Diese Strategie funktioniere sehr gut. Ein Bewohner sei beispielsweise regelmässig betrunken von seinem Ausflug zurück gekommen und habe mit seinem Rollstuhl eine Türe beschädigt, beim Versuch ins Haus zu gelangen. «Wir wollen ihm nicht verbieten, auszugehen und verstehen auch, dass er etwas trinken möchte», so Zolliker, «gleichzeitig ist es nicht ungefährlich, betrunken Rollstuhl zu fahren». Also habe man gemeinsam abgemacht, dass er ein Gerät bei sich trage, mit dem er den Alkoholgehalt in seinem Blut messen könne. Ab einem gewissen Wert fahre er nicht mehr selber nach Hause, sondern rufe im Heim an, damit man ihn abholt. «Seit er diese Vereinbarung unterzeichnet hat, ist es nie mehr zu einem Zwischenfall gekommen». Früher habe man «zum Schutz» der Bewohner*innen diese fremdbestimmt, ihnen Dinge verboten oder sie anderweitig ohne Zustimmung eingeschränkt. Heute setze man im Wohnzentrum alles daran, die Mitarbeiter*innen für diese Thematik zu sensibilisieren. Es gibt umfassende betriebliche Schulungen zu verschiedenen Themen wie Sexualität und Behinderung, Nähe/Distanz und Respekt, aber auch externe Weiterbildungsangebote und Supervisionen. In der Betreuung sind es 49,9 Stellen, verteilt auf ungefähr 70 Personen, dazu kommen nochmals über 30 Personen im technischen Dienst, Küche, Administration und Aktivierung. «In Situationen, wo die Selbstbestimmtheit der einen Person andere Menschen einschränkt, müssen wir allerdings trotzdem eingreifen», meint Graul. Das kann der Fall sein, wenn jemand früh morgens laut Musik hören will, beim Essen andere grob stört oder sein Zimmer komplett zustellt. «Da gelten bei uns gesellschaftliche Gepflogenheiten und Hausregeln wie überall sonst auch».

    Gespannt darauf, was die Zukunft bringt

    Zurzeit findet das Pilotprojekt in Bern zum Thema Subjektfinanzierung starke Beachtung (Siehe Artikel Lebensformen). Für Institutionen bedeutet das, dass sie ihre Dienstleistungen besser vermarkten müssen, da die betroffenen Personen diese einzeln einkaufen. Die Subjektfinanzierung findet Zolliker grundsätzlich einen guten Ansatz: «Konkurrenz kann gute Entwicklungen mit sich bringen». Das Wohnzentrum Frankental geniesst einen guten Ruf und könnte sich wohl auch im Wettbewerb behaupten. Die neue Situation würde aber auch bedeuten, dass mehr Zeit und Geld in Werbung und Administration investiert werden müsste. Aus einem marktwirtschaftlichen Gedanken heraus müssten wohl auch die Austritte beschleunigt und die Aufenthalte zeitlich beschränkt werden. Ab 65 Jahren zahlt die IV nicht mehr, dann müsste man die Bewohner*innen in ein Alters- und Pflegeheim geben. Zolliker ist skeptisch, ob dies zielführend ist. Die Inklusionsvision findet er erstrebenswert, sofern immer das Individuum betrachtet werde. «Wenn sich jemand unter seinesgleichen und in einer Institution wie der unseren wohler fühlt, gilt es, das auch zu respektieren».

  • «Ich konzentriere mich auf das, was ich kann»

    «Ich konzentriere mich auf das, was ich kann»

    Als ich vor vier Jahren ins Wohnzentrum Frankental kam, dachte ich, nein, hier bin ich nicht daheim. Mein Zuhause war die Fabrikstrasse in Altstetten, wo ich 19 Jahre lang gelebt habe. Ich dachte, ich gehöre einfach nicht dazu. Ich war fast der einzige ohne Rollstuhl. Irgendwie hatte ich das Gefühl, die anderen akzeptieren mich nicht. Ich verbrachte viel Zeit für mich alleine im Zimmer. Eines Abends, das war etwa nach drei Jahren, kam ich verspätet zum Abendessen und hörte, wie der Betreuer sagte: «Lasst noch etwas übrig, der Delio kommt auch noch!». Da hat es bei mir «Klick» gemacht: Ich bin ihnen nicht egal. Sie nehmen mich wahr. Das ist nicht so einfach zu erklären, aber seither bin ich hier angekommen.
    Mit zehn Jahren hatte ich einen Unfall. Ich rutschte zum Spass das Treppengeländer hinunter und landete unglücklich auf dem Kopf. Hirnschädeltrauma, ich war linksseitig gelähmt. Sechs Jahre lang musste ich einen Sturzhelm tragen. Diese Zeit verbrachte ich im Kinderspital Affoltern am Albis, wo ich auch eine Spezialschule besuchen konnte. Später haben sie mir einen Rippenknochen als Schädeldecke implantiert. Die erste und zweite Sekundarschule besuchte ich in einer gewöhnlichen Schule in Poschiavo. Danach konnte ich in Basel in einem Zentrum für Behinderte verschiedene Berufe ausprobieren. Die Handweberei hätte mich sehr interessiert, aber nur mit einer funktionierenden Hand ist das sehr anstrengend. Mit 18 versuchte ich es an der Kunsthochschule, aber da hatte ich keine Chance. Erst viel später klappte es schliesslich an der F+F Schule für Kunst und Design. Da war ich fast 30 Jahre alt. Die haben mich nicht trotz meiner Behinderung genommen, sondern wegen. Das war ein grosses Glück, ich habe sehr davon profitiert. Auch heute male und zeichne ich noch, wenn sich eine Möglichkeit ergibt. Ein Atelier habe ich hier natürlich keines mehr, das Frankental ist ja nicht für einen Kunstbetrieb eingerichtet.
    Bevor ich hierherkam, lebte ich acht Jahre lang mit meiner Freundin zusammen, aber irgendwann ging das nicht mehr. Ich weiss nicht, vielleicht haben wir uns auseinandergelebt. Nach der Trennung war ich am Boden zerstört, verbrachte vier Monate in der Psychiatrischen Klinik. Danach lebte ich eine Zeitlang in einer Zweier-WG im Kreis 3. Ich bin ein sozialer Typ, ich könnte nicht alleine leben, nicht nur, weil ich auf Hilfe angewiesen bin, sondern vor allem, weil ich den Austausch mit anderen Menschen brauche. Mein Mitbewohner war aber ständig unterwegs, wir haben nie zusammen gekocht und uns auch nicht oft unterhalten. Das war keine gute Zeit.
    Aber nun bin ich hier und versuche, das Beste daraus zu machen. Meine Erinnerung ist nicht so gut und das Rechnen fällt mir schwer. Vielleicht gefällt mir deshalb das neurologische Training so gut. Wir lösen zum Beispiel gemeinsam Kreuzworträtsel. Da geht es nicht darum, wer der Beste ist, sondern darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Das sind teilweise schwierige Fragen, nach einem Training hat man wirklich das Gefühl, wow, heute habe ich gearbeitet! Klar, jeder hat so seine Schwierigkeiten. Aber ich konzentriere mich auf das, was ich kann. Meine Devise ist: «Ich gehe so weit wie möglich». Ich versuche positiv zu bleiben, auch wenn ich mittlerweile auf den Rollstuhl angewiesen bin, wenn wir Ausflüge machen. Dank einer Hirnoperation sind meine epileptischen Anfälle schwächer und seltener geworden, ich stürze nicht mehr so oft, das ist eine grosse Verbesserung. Auch die Spaziergänge, die wir gemeinsam im Quartier unternehmen, sind wertvoll. Man sieht neue Dinge, hat Bewegung und frischen Gesprächsstoff. Nur rumzusitzen tut niemandem gut. Früher war ich noch im St. Jakobs Chor, Singen ist gut für das Gemüt, aber man muss natürlich auch üben. Zurzeit bin ich in keinem Chor mehr. Mittlerweile habe ich auch wieder Kontakt mit meiner Ex-Freundin, erst dachte ich, ich müsste sie einfach vergessen. Doch heute unternehmen wir gemeinsam Sachen, gehen in die Stadt. Ich bin jetzt 57 Jahre alt. Aber, was ist schon Alter? Es gibt junge Menschen, die uralt aussehen, und alte Menschen, die noch völlig jung wirken. Es ist alles eine Frage der Einstellung und der Ausstrahlung. Manchmal fragen sie mich, ob ich nicht wieder eine Freundin haben möchte, und es gab schon Verkupplungsversuche. Wenn ich so weit bin, suche ich mir schon selber eine. Sex, die schnelle Liebe, das ist mir heute nicht mehr so wichtig. Viel lieber habe ich gute Gespräche und dass man voneinander lernen kann. Heute muss alles so schnell lebbar sein, das gibt mir schon zu denken. Auch die Filme sind viel hektischer geworden, da ziehe ich die alten Fellini oder Hitchcock Filme vor.

    Vor Kurzem hatten wir einen Begegnungstag im Wohnzentrum Frankental und bekamen Besuch von Jugendlichen. Die wussten gar nicht, wie wir hier leben. Es war richtig toll, sie kennenzulernen, sie waren sehr offen und haben uns später auch noch Briefe geschrieben und sich bedankt. Ich denke, es ist wichtig, dass man schon in jungen Jahren mit Menschen wie uns in Kontakt kommt. Früher hat man die Behinderten versteckt, es war ein Tabu, man sprach nicht darüber. Aber wenn die Kinder schon wissen, dass es auch andere Menschen gibt, dann wird es etwas Natürliches, sie verlieren die Scheu im Umgang mit ihnen. Das kommt am Ende allen zugute.

  • Stop der Benachteiligung von Männern!

    1991 fand in der Schweiz der letzte Frauenstreik statt. Vieles hat sich geändert seitdem – und doch zu wenig. Deshalb findet am 14. Juni erneut ein Frauenstreik statt. Stimmen aus mehreren Richtungen beklagen sich nun, ein solcher Streik sei doch heutzutage nicht nötig. Ich zitiere aus der Online-Kommentarspalte des Tages-Anzeigers, wo ein gewisser Marco W. schreibt: «Ich sehe keinen Grund, wieso die Frauen streiken sollten. Sie werden nämlich in vielen Bereichen bevorzugt – aber das wird immer totgeschwiegen.» Oder ein Jürg B. findet: «Die Frauen meinen einfach, weil sie Frauen sind, hätten sie zusätzliche Rechte.» Und nein, diese Kommentare sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
    Eigentlich haben sie doch recht. Diese Frauen, die wollen doch nur zusätzliche Rechte. Sie sind schon so ständig bevorzugt, die armen Männer hingegen kommen immer zu kurz. Dass man bei Politikerinnen über die Kleidung diskutiert, bei Männern hingegen über ihre Meinungen, das ist eigentlich ganz nett, denn die Frauen haben sich ja nicht umsonst chic angezogen. Unfair finde ich hingegen, dass Männer immer nur aufgrund ihrer Meinungen beurteilt werden, das ist doch eine fiese Reduktion auf ihre Gehirnwindungen! Dass ich im Gymnasium im Deutsch-Unterricht kein einziges Buch und keinen einzigen Text von einer Frau gelesen habe, das hat natürlich auch seine positiven Seiten: Es wird klargemacht, dass Deutsch doch nicht einfach ein «Mädchen-Fach» ist! Dass grösstenteils Männer in der Chefetage sitzen, das ist doch grosszügig und selbstlos, sonst wären Frauen schon wieder so überfordert und müssten auch noch lernen, eine Führungsposition einzunehmen. Dass Frauen viel mehr unbezahlte Care-Arbeit verrichten, wie schön für sie. Sie haben es gut, sie dürfen früher nach Hause zu den Kindern! Und dieses Mensplaining, das ist auch sehr angenehm, denn wenn Männer Frauen die Welt nicht erklären würden, wer bitte sollte das dann sonst machen? Wenn Frauen gegen ihren Willen im Ausgang angesprochen und belästigt werden, handelt es sich doch bloss um Komplimente! Dass der Anteil der Frauen im Ständerat bei 13 Prozent liegt, ja, auch das zeigt wieder, welche Privilegien Frauen geniessen, denn es sind Männer, die sich opfern, diesen harten, anstrengenden Job zu machen. Weniger Lohn zu verdienen für die gleiche Arbeit, auch das ist ein Vorteil für Frauen, denn das motiviert extrem und bringt sie dazu, noch fleissiger zu sein. Wenn Frauen vorgeworfen wird, sie würden zu wenig lächeln, ist das in Wirklichkeit ein Hinweis, dass man sich um den psychischen Zustand der Frau sorgt, denn lächeln macht glücklich.
    Ja, alle diese Fakten zeigen, dass die Frauen in dieser Gesellschaft deutlich bevorzugt werden. Und jetzt wollen die ernsthaft noch zusätzliche Rechte einholen! Wieso wirft sich niemand für die armen Männer in die Bresche? Eigentlich sind es doch sie, die armen, hart-arbeitenden, benachteiligten Männer, die immer zu kurz kommen. Doch das wird totgeschwiegen. Es muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Männer in Tat und Wahrheit die wahren Opfer sind!

    Lina Gisler, Praktikantin

  • «Bei der Inklusion darf nicht gespart werden»

    Wie stehen Sie zu den Inklusionsbestrebungen an den Schulen?

    Den Grundgedanken finde ich sehr gut. Allerdings empfinde ich es als wichtig, sorgfältig zu prüfen, welche Kinder für das integrative Setting geeignet sind. Bei autistischen Kindern zum Beispiel kann eine Sonderschulung sinnvoller sein, da in kleineren Gruppen gearbeitet wird.
    Der Erfolg der Inklusion hängt aber nicht nur alleine davon ab, sondern auch von der Haltung der Lehrperson, der Zusammenarbeit zwischen Eltern, Lehr- und Fachpersonen, Schulbehörde und den zur Verfügung gestellten Ressourcen. Finanziell darf bei der Inklusion nicht gespart werden, denn sie ist aufwändig.

    Welche Erfahrungen haben Sie persönlich damit gemacht?

    Ich selber habe während mehrerer Jahre inklusive Schulklassen unterrichtet. Ich war Klassenlehrerin und übte gleichzeitig die Tätigkeit einer Heilpädagogin aus. Diese Arbeit war einerseits sehr herausfordernd und zeitintensiv, andererseits auch sehr bereichernd. Sie erweiterte meinen Horizont, lehrte mich beispielsweise, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, anzugehen und ausserhalb der gewohnten «Norm» zu denken. Das Zusammenleben in der Klasse und der liebevolle Umgang der Kinder miteinander beeinflussten mein Bild von Inklusion ebenfalls positiv.
    Als Herausforderung empfand ich die Aufgabe, meinen Unterricht möglichst inklusiv zu gestalten, das Kind mit Behinderung möglichst immer einzubinden. Manchmal war dies aber schlicht nicht machbar, was bei mir ein ungutes Gefühl hinterliess. Ausserdem waren die zur Verfügung gestellten Ressourcen zu knapp berechnet, was häufig frustrierte. Wenn Schwierigkeiten auftauchten, brauchte es relativ lange, bis mich die notwendige Unterstützung erreichte.

    Was sollte am aktuellen System geändert werden?

    Es werden zu wenig Ressourcen für die Inklusion gesprochen. Wenn zum Beispiel für ein Kind mit Behinderung nur sechs bis acht heilpädagogische Stunden zur Verfügung stehen und die Klassenlehrperson während der restlichen Lektionen ohne zusätzliche Betreuung oder Unterstützung auskommen muss, ist dies schlicht zu wenig. Es ist ein sehr grosser Aufwand, eine sinnvolle Inklusion in einer Schulklasse gewährleisten zu können. Schliesslich geht es ja nicht darum, das zu integrierende Kind einfach zu beschäftigen, sondern auf seinem Niveau zu fördern und ins Klassengeschehen einzubinden. Dafür braucht es Geld und Zeit.

    Welche Vor- oder Nachteile ergeben sich Ihrer Meinung nach für die Kinder ohne Behinderung in der Klasse?

    Für Kinder ohne Behinderung hat die Inklusion in meinen Augen viele Vorteile. Sie werden im Umgang mit behinderten Menschen sensibilisiert; durch die Inklusion nehmen sie schon als junge Kinder Menschen mit Behinderung als Teil der Klasse, als Teil der Gesellschaft wahr. Sie werden früher mit Anderssein konfrontiert, werden diesbezüglich toleranter, lernen eigene Bedürfnisse zurückzustecken und zu helfen. Stigmata wird entgegengewirkt. Für die Entwicklung der sozialen Kompetenzen ist die Inklusion sehr wertvoll.
    Inklusion kann aber manchmal auch bremsen. Je nach Tagesform oder Behinderungsart kann es sein, dass sich die Lehrperson so sehr auf das behinderte Kind konzentrieren muss, dass die anderen Kinder warten müssen und nicht sofort die optimale Förderung erhalten. Dies kann für Kinder ohne Behinderung als mühsam oder störend empfunden werden.

    Und wie reagieren die Kinder mit Behinderung selber?

    Es ist ein gegenseitiges Lernen. Als ich Inklusionsklassen unterrichtete, beobachtete ich beide Male, wie das Kind mit Behinderung lernte, sich im Klassenverband zu bewegen. Es lernte gesellschaftliche Gepflogenheiten, sah, wie sich die anderen Kinder in bestimmten Situationen verhielten, und war teilweise in der Lage, sein Verhalten anzupassen.
    Ich erlebte es allerdings teilweise auch als Stress für das betroffene Kind. Je nach Behinderungsgrad spüren behinderte Kinder den Unterschied zur restlichen Klasse und leiden unter der offensichtlichen Schere, die es zwischen ihnen gibt. In meinem letzten Klassenzug war es für das behinderte Kind beispielsweise extrem schwierig, sich mit dem Übertritt in die Oberstufe zu befassen. Ständig verglich es sich mit den Klassenkamerad*innen und fragte sich, was wohl aus ihm werden würde.

    Wie ist der Umgang unter den Kindern?

    Der sorgsame Umgang der Kinder ohne Behinderung mit den Kindern mit Behinderung rührte mich jeweils sehr. So zeigten sie sich äusserst hilfsbereit, setzten sich in der Pause für das Kind ein und legten ihm den Arm zur Beruhigung um die Schulter. Dies taten sie jeweils mit viel Ruhe und Geduld.
    In meinem letzten Klassenzug war es der grösste Wunsch des behinderten Kindes, viele beste Freunde in der Klasse zu haben und den anderen zu gefallen. Teilweise suchte es den Kontakt auf ungestüme Art und manchmal mit viel sanfter körperlicher Nähe.

    Inwiefern verändert Inklusion Ihrer Meinung nach das Bild, das die Gesellschaft von Menschen mit Behinderung hat?

    Wenn der Kontakt mit behinderten Menschen positiv ausfällt und das Zusammensein ebenso erlebt wird, hat dies bestimmt einen grossen Einfluss auf die Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderungen. Je früher dieser positive Kontakt stattfindet, desto wirksamer sind wahrscheinlich dessen Folgen. Inklusion kann als wichtiger Schritt in die «richtige» Richtung angesehen werden. Es fördert möglicherweise das Selbstverständnis, Menschen mit Behinderungen als ganz normalen Teil unserer diversen Gesellschaft zu betrachten und eine möglichst barrierefreie Umwelt zu schaffen.

  • «Ich wünsche mir mehr Akzeptanz»

    «Ich wünsche mir mehr Akzeptanz»

    A.B. kommt ursprünglich aus Indien, sie wurde als Baby adoptiert und wuchs im Aargau auf. Auch heute wohnt sie noch dort. Sie ging in den öffentlichen Kindergarten und wechselte aufgrund der linksseitigen Lähmung, die sie seit der Geburt hat, zu den Zentren Körperbehinderte Aargau (zeka). Dort werden unter anderem ärztlich verordnete Therapien in den Stundenplan integriert und dank den intensiven Physio- und Ergotherapien machte A.B. enorme Fortschritte. Obwohl der Arzt ihren Eltern in der Schweiz damals gesagt hat, sie werde wohl nie gehen können, kann sie dies heute gut und die halbseitige Lähmung ist kaum mehr sichtbar. Die Lähmung selber ist für sie nicht das Problem, sondern vielmehr die zusätzlichen Beeinträchtigungen: Die Gleichgewichtsprobleme, die öfters auftretenden starken Gelenkschmerzen, die Sehnenscheidenentzündungen oder Rückenverspannungen. Und seit einem Treppensturz wegen ihrer Gleichgewichtsstörungen nimmt sie lieber den Lift, sofern einer vorhanden ist.

    Eine Aargauer Patriotin

    Nachdem zeka ein Bürozentrum eröffnet hatte, entschied sich A.B., dort die praktische Ausbildung als Büroassistentin zu machen. Nach der Ausbildung blieb Sie zeka treu, bis sie anfangs 2018 beschloss, die Stelle zu wechseln. Sie fühlte sich einfach nicht mehr wohl und zu stark an ihre Beeinträchtigung erinnert. «Das hat mich mit der Zeit runtergezogen, ich habe gemerkt, dass ich da irgendwie nicht mehr reinpasse», erläutert Sie. A.B. wurde auf ESPAS aufmerksam und bewarb sich dort. Seither arbeitet Sie in der Administrationsabteilung von ESPAS. Ihre Aufgabe besteht hauptsächlich darin, Kundenbestellungen zu erfassen. Die Arbeit gefällt ihr gut. Im alten Job sei sie unterfordert gewesen, sie hatte oftmals zu wenig zu tun. A.B. lebt mit ihrem Partner, ist aber selbstständig, und auch bei der Arbeit braucht sie wenig Unterstützung. Da sie immer noch im Aargau lebt nimmt sie den Arbeitsweg von über einer Stunde in Kauf, am Mittag sogar eineinhalb. Das führe manchmal auch dazu, dass ihr Privatleben zu kurz käme. Ihr Partner arbeitet in der Nacht, sodass die Zeit, in der sie sich sehen, begrenzt ist. Aber im Aargau gäbe es einfach nicht die passende Institution für Sie. Nach Höngg ziehen will sie auch nicht, sie findet: «Ich bin im Aargau aufgewachsen und hier will ich auch bleiben».

    Bessere Integration im Arbeitsmarkt

    Auch im freien Arbeitsmarkt hat A.B. schon gearbeitet: Sie hat mehrere Praktika gemacht, bei einer Rückversicherung, bei einem Bauunternehmen und beim Empfang bei der Spitex. Die Praktika beschreibt sie als schöne Erfahrung. Auf die Frage, ob sie lieber im ersten Arbeitsmarkt arbeiten würde, zögert sie. Sie hat im Bereich Büroassistenz noch keine Erfahrungen im ersten Arbeitsmarkt sammeln können, weshalb sie es nicht vergleichen kann. Gerne würde Sie aber ein Praktikum im Bürobereich im ersten Arbeitsmarkt absolvieren.
    Es ist ihr ein Anliegen, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung besser in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Die dafür zur Verfügung gestellten Arbeitsplätze sind leider schwer bis kaum zu finden. Darum ist sie froh, gibt es Institutionen wie ESPAS mit angepassten Arbeitsplätzen, denn keine Arbeit zu haben kann sich A.B. nicht vorstellen.
    Nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, auch im Alltag wünscht sich A.B. mehr Akzeptanz gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen. Trotz, oder vielmehr auch wegen der nicht vorhandenen Sichtbarkeit ihrer Beeinträchtigung, muss sie sich immer wieder «blöde Sprüche» anhören. Am Morgen hat sie aufgrund ihrer Müdigkeit stärkere Gleichgewichtsprobleme, und so hörte sie am Bahnhof schon Bemerkungen wie «um sechs Uhr morgens schon besoffen?». Oder als sie im Zug einmal fragte, ob sie sich setzen dürfe, antwortete ein Passagier «Nein, sie sind jung, sie können stehen». A.B. ist es leid, sich immer und immer wieder für ihre Beeinträchtigung rechtfertigen zu müssen. «Das tönt jetzt etwas blöd, aber ich denke manchmal: Am liebsten wäre es mir, man würde mir ansehen, dass ich eine Beeinträchtigung habe», sagt sie.

    Leidenschaft für Tattoos

    Die Arbeit ist für A.B. ein grosser Motivator. «Wenn ich Tiefs habe, dann gehe ich trotzdem arbeiten, das hilft», meint sie. Natürlich besteht ihr Leben aber nicht nur aus Arbeit. Ein weiterer wichtiger Teil in ihrem Leben ist die Musik. Musik hilft ihr, abzuschalten und sich von negativen Gedanken zu befreien, wie sie erklärt. Neben Freunden und ihrem Partner verbringt sie sehr gerne auch Zeit mit ihrem Hund, einer französischen Bulldogge. Eine weitere Leidenschaft ist für sie die Kunst der Tattoos, sie selber hat gleich mehrere. Das Tattoo, welches ihr am meisten bedeutet, zeigt sie auch stolz: Es ziert ihren Unterarm und besteht aus zwei Blumen, darüber ein grosser Tiger. Der Tiger ist nicht nur ihr Lieblingstier, sondern er repräsentiert für sie Stärke. «Ich versuche, nicht aufzugeben, auch wenn es manchmal schwierig ist», erklärt sie. «Wenn es mir schlecht geht, sehe ich mir den Tiger an und denke mir: Hey, für irgendwas hast du das ja gemacht!»

  • Arbeitsintegration – keine Beschäftigungstherapie

    Arbeitsintegration – keine Beschäftigungstherapie

    Die Invalidenversicherung (IV) hat den Grundsatz «Eingliederung vor Rente» definiert. Dies bezieht sich auf Menschen, die krankheitsbedingt nicht mehr voll arbeiten können. Die Eingliederungsmassnahmen der IV haben das Ziel, die Versicherten für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen. Ist diese Eingliederung dennoch nicht möglich, «können Ausbildungen und Arbeitsplätze in einem geschützten Bereich vermittelt werden». Auch Verfechter des Inklusionsgedankens fordern, dass alle in den freien Arbeitsmarkt integriert werden sollten, ob mit Handicap oder ohne. In der Konsequenz würde dies bedeuten, dass Einrichtungen für Menschen mit Behinderung obsolet würden.

    Ist eine Lösung für alle zielführend?

    Die ESPAS in Höngg ist eine solche Sozialunternehmung. Zweck der Stiftung ist der Einsatz für die soziale und berufliche Integration von Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr voll leistungsfähig sind. So steht es auf der Webseite. Wäre die Vision «Inklusion» umgesetzt, müsste die Firma ihren Zweck überdenken. Ist es also kein Wunder, dass sie dem Inklusionsgedanken kritisch gegenübersteht? Rita Durschei ist Geschäftsführerin der ESPAS und sieht die Thematik etwas differenzierter. Wenn jemand arbeiten könne, sei es mit Sicherheit die beste Lösung, ihn in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Es gäbe jedoch viele Menschen, die gerne arbeiten möchten, aber durch eine krankheitsbedingte Beeinträchtigung nicht voll einsatzfähig seien. Dafür gäbe es Arbeitsplätze, die den individuellen Möglichkeiten und den Fähigkeiten dieser Menschen Rechnung tragen. «Was für den einen stimmt, muss für den anderen nicht zwingend das Richtige sein», meint sie. Das müsse man individuell anschauen, begleiten – jeder Mensch entwickelt sich – und dabei vor allem auch den Willen der betroffenen Person respektieren. «Manche sagen von sich aus, dass sie es gerne probieren wollen, andere, bei denen wir das Potenzial sehen, schlagen wir vor, ob sie den Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt versuchen möchten. Wenn jemand lieber im zweiten Arbeitsmarkt bleiben will, ist das auch völlig in Ordnung». Durschei will nicht, dass sich jemand minderwertig fühlt, nur, weil sie oder er in einer Institution wie der ESPAS arbeitet. «Wir machen hier keine Beschäftigungstherapie und fordern unsere Mitarbeiter*innen. Sie leisten vollwertige Arbeit, in einem für sie möglichen Rahmen». Es sei auch für Menschen mit Behinderung wichtig zu wissen, dass ihre Arbeit zählt, real ist und bezahlt wird, denn sie zögen genauso viel Bestätigung aus ihren Leistungen, wie andere Menschen auch. Jeder will gerne sinnvolle Arbeit leisten. «Wir wollen von unseren Kunden nicht aus <Goodwill> berücksichtigt werden, sondern weil wir gute Arbeit liefern».

    Menschen mit Behinderung kennen ihre Rechte

    Bei der ESPAS arbeiten Menschen mit einer IV-Rente, welche sie aufgrund einer psychischen oder körperlichen Erkrankung erhalten. Das Spektrum reicht von Depressionen über Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenien und Suchterkrankungen bis hin zu Sehbeeinträchtigungen oder körperlichen Einschränkungen. Die Anstellung entspricht einem gewöhnlichen Arbeitsverhältnis nach OR, mit dem Unterschied, dass die Arbeitnehmer*innen eine IV-Rente und zusätzlich einen Stundenlohn für ihre Leistung erhalten. Diese kann je nach Tagesform unterschiedlich sein, darauf muss die ESPAS mit anderen Mitarbeiter*innen reagieren können, wenn sie ihre Aufträge termingerecht erledigen will. «Wenn wir sehen, dass eine Person immer schwächer wird, suchen wir das Gespräch und überlegen, welche andere Aufgaben sie noch übernehmen könnte», erklärt Durschei. Man will sich auf das konzentrieren, was noch geht, und diese Fähigkeiten so lange wie möglich erhalten. Manchmal reicht die Leistungsfähigkeit nicht mehr aus für die geforderten Tätigkeiten oder es benötigt gesundheitliche unterstützende Massnahmen, die ESPAS nicht leisten kann. Dann kann es zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses von Seiten der ESPAS kommen. Es kommt durchaus auch vor, dass die Angestellten von sich aus kündigen, weil sie etwas anderes machen wollen. «Das Selbstwertgefühl und die Kenntnisse über ihre Rechte haben sich in den letzten Jahren enorm verbessert, und das ist gut so», sagt Durschei, die schon seit vielen Jahren bei der ESPAS arbeitet. «Die Menschen mit einer IV-Rente bewerben sich bei uns und wir wollen eine attraktive Arbeitgeberin sein». Auch die Aufgaben in einer «geschützten Werkstatt» habe sich weiterentwickelt. Die Dienstleistungen reichen von einfachen Arbeiten, wie dem Erfassen oder Einpacken von Briefen, bis hin zu komplexen Bestellabwicklungen. Die Digitalisierung, von manchen als Gefahr wahrgenommen, generiert ganz neue Aufträge von der Datenerfassung bis zur Verwaltung von E-Shops. «Die jüngere Generation ist technologieaffiner und hat weniger Probleme, da mitzuziehen». Obwohl die Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen abgenommen habe, sei noch viel Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft nötig, findet Durschei. Integration sei für sie unter diversen Gesichtspunkten möglich: Dass in der freien Marktwirtschaft Stellen angeboten werden, die von Menschen mit Behinderung ausgefüllt werden können und die Unternehmungen diese Menschen als vollwertige Mitglieder des Teams aufnehmen. Daneben braucht es ihrer Meinung nach einen ebenbürtigen Arbeitsmarkt, auf dem Menschen unter angepassten Umständen arbeiten können. «Dann gibt es noch zahlreiche Mischvarianten, zum Beispiel eine, in der die Arbeitnehmer*innen tageweise an einem externen Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft arbeiten», sagt Durschei. «Wenn alle Beteiligten flexibel sind, dann funktioniert das.».