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  • «Tiere öffnen das Herz»

    «Tiere öffnen das Herz»

    Die Beziehung zwischen Tieren und Menschen ist bereits Jahrtausende alt. Wurden Tiere zu früheren Zeiten insbesondere zur Unterstützung bei körperlichen Arbeiten sowie als Lieferanten für Nahrungsmittel verwendet, sind sie heute schon lange nicht mehr nur in dieser Rolle im Einsatz.

    Eine grosse Bedeutung kommt ihnen auch als Heimtiere zu, als Freunde und Begleiter, moralische Stützen und Familienmitglieder. Und im therapeutischen Kontext werden sie mittlerweile auf vielfältige Art und Weise eingesetzt: mit Kindern, psychisch erkrankten Menschen, bei körperlichen Gebrechen, sogar als Trostspender im Krankenhaus. In den Alters- und Pflegeinstitutionen hat sich der Einsatz von Tieren in den letzten Jahren ebenfalls etabliert.

    Während manche Institutionen eigene Tiere halten und im Zusammenhang mit der Aktivierung einsetzen, nutzen andere die Angebote privater Initiativen, die Tierbesuche für Heime anbieten.

    Zu Besuch in den Altersinstitutionen

    Zu den ersten Anbietern tiergestützter Interventionen im Raum Zürich gehört Barbara Schaerer. Seit rund 25 Jahren engagiert sie sich auf dem Gebiet und ist die Gründerin der Fachstelle «Leben mit Tieren im Heim». Begonnen hat sie ursprünglich damit, Altersheime bei der Anschaffung eigener Tiere zu beraten.

    Doch mit der Zeit erkannte sie, dass dieses Vorgehen nur unbefriedigend ablief: «Vieles von dem, was mit Enthusiasmus gestartet wurde, verlief schnell wieder im Sand», erklärt die Fachfrau für tiergestützte Intervention. «Der Aufwand für die Betreuung ist gross und erfordert viel Fachwissen, wenn das Tierwohl angemessen berücksichtigt werden soll», so Schaerer.

    Deswegen verlagerte sie im Jahr 2013 den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Organisation von Tierbesuchen. Mit ihren eigenen Tieren absolvierte sie mehrere Hundert Besuche in Altersheimen. Mittlerweile hat sie sich altershalber zurückgezogen, bietet aber nach wie vor Aus- und Weiterbildungen an.

    Bei den Besuchen konzentriert sich Schaerer auf Meerschweinchen und Hühner: Meerschweinchen lassen sich als aktive Gruppentiere besonders gut beobachten, Hühner sind äusserst robust und können sehr zutraulich werden. Bei den Besuchen werden die Tiere in einem speziellen Gehege platziert und können beobachtet und gefüttert, zuweilen auch gestreichelt werden.

    Die Tiere fungierten in diesem Kontext nicht als Therapeuten, es gehe bei den Besuchen nicht darum, Krankheiten zu heilen, so Schaerer. Das Anliegen sei vielmehr, mit sinnlichen Erlebnissen Freude und Abwechslung in den Alltag zu bringen. Insbesondere für an Demenz erkrankte Menschen seien die Begegnungen von grosser Bedeutung. Sie berührten die Menschen nicht nur emotional, sondern weckten auch Erinnerungen.

    Zudem förderten sie das Gespräch: «Tiere haben einen hohen Aufforderungscharakter zur Kommunikation», so Schaerer. Einerseits würden die Bewohnenden mit den Tieren zu reden beginnen, andererseits rege der Kontakt aber auch dazu an, sich mit anderen auszutauschen. «Selbst Menschen mit fortgeschrittener Demenz nehmen sehr intensiv war, was die Tiere tun und teilen sich darüber mit», ist ihre Beobachtung. Oft ermöglichten die Tiere so Zugang zu Menschen, die sonst kaum zu erreichen seien.

    Liebesbedürftige Tiere

    Auch die Höngger Altersinstitutionen sind sich der positiven Wirkung von Tieren bewusst und tragen diesem Umstand Rechnung. In der Hauserstiftung etwa befindet sich im Foyer ein Aquarium, welches grosse Anziehungskraft besitzt, wie Heimleiter Romano Consoli erklärt. Auch zwei Katzen leben im Heim und geniessen die Streicheleinheiten. «Bei manchen Bewohnenden schlafen sie sogar im Zimmer, sie spüren genau, wer sie besonders mag», so Consoli. Zuweilen nehme auch eine Mitarbeiterin ihren Hund mit zur Arbeit, welcher sehr beliebt sei.

    Ähnlich ist die Situation in der Tertianum Residenz Im Brühl. Auch hier befindet sich auf der Pflegestation ein Aquarium. Tiergestützte Aktivierung werde bis anhin noch nicht praktiziert, man könne sich aber durchaus vorstellen, davon Gebrauch zu machen, wie Heimleiter Beat Schmid erklärt. Dabei müsse man allerdings vorher abklären, wie die Bewohnenden dazu stehen. «Es gibt natürlich auch Menschen, die zum Beispiel vor Hunden Angst haben, darauf würden wir natürlich Rücksicht nehmen», erklärt er.

    Bewohnende werden kommunikativer

    Im Alters- und Pflegeheim Riedhof lebt bereits seit vielen Jahren eine Gruppe von Meerschweinchen. Regelmässig ermöglichen Freiwillige den Bewohnenden direkten Kontakt zu den Nagetieren.  «Das löst Ruhe und eine grosse Zufriedenheit aus. Berührung ist dabei ein wichtiger Faktor», erklärt Eva Rempfler, Teamleitung Aktivierung.

    Zu den Mitbewohnern des Riedhofs gehören darüber hinaus neben den Fischen im Aquarium eine Gruppe von Ziegen im Park und der heimeigene Kater. Zudem gehen mehrere Hunde von Mitarbeitenden hier regelmässig ein und aus. Deren Anwesenheit habe einen deutlichen Effekt, so Rempfler: «Wenn unsere Pflegedienstleitende mit ihrem Rüden im Haus ist, merkt sie, wie hoch die Beachtung ist. Die Bewohnenden sind sofort kommunikativer, sie und ihr Hund werden angesprochen. Die Begegnungen öffnen das Herz, das Gemüt und wecken Erinnerungen», so Rempfler.

    Schliesslich macht der Riedhof auch von externen Tierbesuchen Gebrauch – seien es Events zur Unterhaltung wie ein Theaterzirkus oder eine Dackelshow oder Angebote tiergestützter Aktivierung wie der Besuch von Alpakas, der demnächst ansteht.

    Lichtblicke im Alltag schaffen

    Elena Hänzi ist die Verantwortliche für interne Veranstaltungen im Gesundheitszentrum für das Alter Bombach. Auch sie ist vom positiven Effekt des Tierkontakts überzeugt. Eigene Tiere hat das Heim zwar nicht, dafür bemüht sich Hänzi darum, so oft wie möglich den Kontakt zu Tieren zu ermöglichen. So sind regelmässig Alpakas zu Gast, welche gestreichelt und gefüttert werden können. Hühner und Meerschweinchen sind ebenfalls öfter vor Ort, in einem ganz ähnlichen Setting, wie es Schaerer anbietet. Zudem sorgt zweimal jährlich eine Dackelshow für Unterhaltung.

    Insgesamt organisiert Hänzi rund sieben bis neun Besuche pro Jahr. Und das wird geschätzt: Im Bewohnerrat, der zweimal jährlich stattfindet und bei dem die Bewohnenden ihre Bedürfnisse und Wünsche äussern können, würden die Tierbesuche immer wieder thematisiert, freut sich Hänzi. «Wir versuchen, kleine Glücksmomente zu schaffen, die Krankheiten und Schmerzen für einen Moment vergessen lassen. Und wenn die Bewohnenden auch noch Wochen später von dem Besuch der Alpakas schwärmen, dann haben wir unser Ziel erreicht.»

    Im Fokus: Wertvolle Jahre

    Der «Höngger» veröffentlicht in diesem Jahr verschiedene Artikel, die sich der Lebensrealität von Betagten und Menschen mit Behinderung widmen. Diese Reihe entsteht mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung, die sich für solche Menschen stark macht.

  • Gegen den Judenhass

    Gegen den Judenhass

    Seit dem abscheulichen Massaker der Hamas vom 7. Oktober im Süden Israels ist die jüdische Gemeinschaft in Zürich in grosser Sorge. Im Monat nach der beispiellosen Attacke gegen Jüdinnen und Juden wurden in der Schweiz mehr antisemitische Vorfälle gemeldet als normalerweise in einem ganzen Jahr.

    An einer Hauswand in Zürich war beispielsweise «Tot den Juden» (mit Rechtschreibfehler) zu lesen, Hakenkreuze und andere bedrohliche Slogans wurden an Wände gesprayt. Personen, die als jüdisch erkennbar sind, wurden angespuckt, mit «Free Palestine»-Rufen belästigt oder sogar physisch angegriffen. Jüdische Schulkinder erzählen von antisemitischem Mobbing und von Ausgrenzungen auf Pausenplätzen und Schulwegen.

    Aufruf zur Auslöschung Israels

    Um das Trauma, das hier ausgelöst wurde, zu verstehen, muss man die Geschichte des jüdischen Volkes kennen. Die Angst vor Verfolgung ist leider seit Langem Teil des Jüdischseins. Praktisch alle in Zürich lebenden Menschen mit jüdischem Glauben verloren Verwandte im Holocaust und haben Fluchtgeschichten in der Familie. Die Angst hat aber auch mit den vielen propalästinensischen Demonstrationen in Zürich zu tun. An diesen wird Israel mit üblen und absurden Verleumdungen dämonisiert.

    Dabei wird auch «Free Palestine!» und «From the River to the Sea, Palestine will be free!» skandiert. Die Teilnehmenden werden von radikalen Einpeitschern richtiggehend aufgehetzt. Beide dieser Slogans rufen zur Vernichtung des Staates Israel auf und fordern gleichzeitig die Ermordung und – im besten Fall – die Vertreibung der jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner aus dem gesamten Gebiet.

    Es sind also exakt dieselben Ziele, wie sie die Terrororganisation Hamas verfolgt. Eine Forderung nach einem friedlichen und demokratischen palästinensischen Rechtsstaat im Rahmen einer Zweistaatenlösung mit Israel sucht man an solchen Demonstrationen vergebens.

    Auch wenn an diesen Demos bisher keine gewalttätigen Übergriffe verzeichnet wurden, geht der Extremismusforscher Dirk Baier davon aus, dass sie weiteren Hass gegen Jüdinnen und Juden schüren. Dasselbe passiert auch in den sozialen Medien.

    Welches Grundrecht wird höher bewertet?

    Der Zürcher Regierungsrat und der Verband der Schweizer Polizeibeamten wollen diese Demonstrationen verbieten, so wie es in der Stadt Bern geschehen ist. Sie sehen ein öffentliches Interesse an einem Verbot für die Wahrung der Sicherheit als gegeben. Dazu gehört die persönliche Sicherheit der jüdischen Minderheit, aber auch diejenige der Gesamtbevölkerung.

    Der Zürcher Stadtrat hingegen bewertet die Meinungsäusserungs- und Demonstrationsfreiheit höher und sieht von einem Verbot ab. Inwiefern diese Demos einer demokratischen und politischen Meinungsbildung dienen, bleibt für mich jedoch völlig unklar.

    Was tun?

    Was können wir unternehmen, dass sich die jüdische Bevölkerung in unserer Stadt in Zukunft wieder sicherer fühlt? Die Geschichte Israels, der Juden und des Holocausts muss einen höheren Stellenwert im Schulunterricht und bei der Integration von Zugewanderten erhalten. Ausserdem fehlt noch immer eine öffentliche Stelle zur Bekämpfung des Antisemitismus.

    Den Leserinnen und Lesern des «Hönggers» lege ich ans Herz, jüdische Freunde anzurufen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie werden erstaunt sein, wie viel Freude das allen bereitet. In diesen dunklen Zeiten sind Lichtblicke besonders wertvoll.

    Eingesandt von Ronny Siev, Gemeinderat und Vorstandsmitglied der GLP Kreis 6 & 10

    Meinungssache

    Die Rubrik «Die politische Kolum­ne» wird von Personen aus dem politischen Leben im Kreis 10 geschrieben. Alternierend wird jede Partei berücksichtigt.

    Die Kolumne widerspiegelt jeweils die Ansicht der Autorin oder des Autors.

  • Immer mehr Menschen hören zu

    Immer mehr Menschen hören zu

    Nachdem die Podcast-Agentur Audiokanzlei dieses Jahr zum ersten Mal die Suisse Podcast Awards veranstalteten, folgte nun das Suisse Podcast Festival. Das Motto: «The Future of Podcasting». In diesem Rahmen fanden Workshops, Paneldiskussionen und Live-Podcasts statt. Und natürlich stand auch Networking auf dem Programm.

    Das Zürcher Kraftwerk war gefüllt mit Menschen, darunter auch viele, die nichts mit dem Podcast-Festival am Hut hatten, sondern den beliebten Co-Working Space im gemütlichen Kaffee nutzten. In den oberen Räumen fanden die Workshops statt, die den Teilnehmenden diverse Themen, von finanziellen Fragen über Künstliche Intelligenz, bis hin zu Humor und Storytelling, näher brachten.

    Etwas für Alle

    Ob Podcast-Produzent*in oder begeisterte Hörer*in, das Festival war offen für alle Interessierten. Die Workshop-Plätze waren begrenzt und die Räume füllten sich schnell. Das Bedürfnis zum persönlichen Austausch mit erfolgreichen Podcast-Produzent*innen war spürbar. Zugleich fanden im grossen Saal Panels statt, bei denen diverse Akteure vor grösserem Publikum über aktuelle Podcast-Themen diskutierten.

    Die Atmosphäre war belebt und locker. Die Veranstaltenden und Teilnehmenden freuten sich deutlich, unter Gleichgesinnten zu sein und Kontakte zu knüpfen. Der Austausch war erfrischend: Viele der Anwesenden produzieren bereits einen Podcast, einige als Hobby in ihrer Freizeit, andere in Anstellung für ein Unternehmen. Nicht nur die Herangehensweisen, sondern auch die Themen waren ganz unterschiedlich: von Kinderwunsch über True Crime bis hin zu Tourismus.

    Marketing mit Podcasts

    Dieser Anlass zeigt: Podcasts werden immer relevanter, auch als Marketing-Massnahme. Das liegt unter anderem daran, dass es ein sehr persönliches Format ist. Zunehmend setzen grosse Unternehmen wie PostFinance oder Orell Füssli auf Podcasts, um andere, oft jüngere, Zielgruppen zu erreichen. Dennoch zögern viele Unternehmen, in dieses eher neue Format zu investieren, dessen Messbarkeit noch begrenzt ist.

    Hier sind sich alle einig: Je mehr Mut diesem Format entgegengebracht wird und sich die Schweizer Podcast Industrie untereinander vernetzt, umso eher kann das Potenzial von Podcasts voll ausgeschöpft werden. Uns in der Höngger Redaktion bereitet es Freude, mit dem «Höngger Podcast» auf innovative und persönliche Weise mit unserem Quartier in Verbindung zu sein. Gerade die neuste Folge «Der Stadtnatur auf der Spur» hat grossen Anklang gefunden, und so wollen wir weiter machen: Für das kommende Jahr sind bereits spannende Episoden geplant, in denen unsere Hörer*innen in neue Geschichten aus Höngg und der Welt eintauchen dürfen.

  • Laub bitte liegen lassen

    Laub bitte liegen lassen

    Nun ist es bereits ein Jahr her, seit der «Höngger Podcast» lanciert wurde. Das Thema der ersten Folge ist wiederum brandaktuell: Die Igel in unserer Stadt begeben sich langsam aber sicher in den Winterschlaf. Wer den kleinen Tieren in dieser Zeit Unterstützung leisten möchte, kann dies im eigenen Garten mit einfachen Massnahmen tun, wie der «Höngger» berichtete.

    Dieser Zeitungsartikel führte zur ersten, gleichnamigen Podcast Folge «Igel in Nöten», die das persönliche Gespräch mit einem Höngger suchte, der in seinem Garten einen Igel auswilderte. Diese Folge eignet sich perfekt, um mit einem heissen Getränk an einem regnerischen Herbsttag gemütlich zuzuhören und etwas Neues über unsere stachligen Wildtiere zu lernen – hier kann der Podcast angehört werden:

    Dieser Podcast ist auch auf folgenden Platformen zu hören: Spotify / Youtube / Amazon / Apple Podcasts

    Produziert von Jina Vracko für die Quartierzeitung Höngg.

  • Musicals sind seine Leidenschaft

    Musicals sind seine Leidenschaft

    Es war im Jahr 1997, als ich in New York das Disney-Musical «The Lion King» besuchte, welches in diesem Jahr seine Uraufführung feierte. Den Zeichentrickfilm und natürlich die Musik von Elton John und Tim Rice kannten alle, doch wie würde sich die Geschichte auf der Bühne machen? Schliesslich sind die Protagonist*innen ausschliesslich Tiere. Das Resultat hat mich begeistert. Die Regisseurin Julie Taymor hat viel gewagt – und alles gewonnen. Die Symbiose mit den gewaltigen Puppen und deren Darsteller*innen, die zu sehen waren, überzeugte. 25 Jahre später sollte «The Lion King» zu den erfolgreichsten Musicals der Welt gehören.

    Beginnen wir von vorne. Aufgewachsen bin ich in Altstetten nahe der Limmat, ich sah also ständig von meinem Kinderzimmer auf den Hönggerberg. Dass mein Weg in die Entertainmentbranche führen sollte – oder gar nach Höngg –, war kein Plan. Zunächst war es mein Ziel, die kaufmännische Lehre in einem Reisebüro zu absolvieren, was damals sehr begehrt war. Ich fand eine ideale Lehrstelle in Oerlikon. Lustigerweise in der Nähe jenes Ortes, wo heute das Theater 11 steht, eine unserer Spielstätten. Ein Kreis schliesst sich.

    Freikarten für Konzerte

    Elf Jahre blieb ich im Reisebüro, wurde berufsbegleitend eidgenössisch diplomierter Verkaufsleiter und hatte auch die Möglichkeit, ein Jahr in New York zu verbringen. Die Stadt fasziniert mich seit je. Die Showbranche «schlich» sich derweil langsam, aber stetig in mein Leben. Meine Mutter erhielt arbeitsbedingt hin und wieder Freikarten für Konzerte, die keiner haben wollte. Ich nahm die Karten dankbar an und besuchte in der Folge unzählige Konzerte. Parallel dazu war ich ein treuer Zuschauer, wenn im Fernsehen die alten Musicalschinken wie «The Sound of Music» oder «Singing in the Rain» wiederholt wurden.

    Schliesslich arbeitete ich in der Versicherungsbranche und es bot sich in dieser Zeit die Möglichkeit an, Mitorganisator bei einem Open-Air-Konzert in Windisch zu sein. Unser ambitioniertes Ziel: Udo Jürgens für einen Auftritt zu gewinnen. Der plante glücklicherweise in diesem Sommer eine Open-Air-Tour und so führte eins zum anderen. Ich traf auf Freddy Burger, dem damaligen Manager von Udo Jürgens, der mir eine Aufgabe in seiner Firma FBM Entertainment anvertraute. Das war 1992.

    Auf der Landkarte der Musicals

    Unsere Abteilung war zu Anfangszeiten klein, ich arbeitete allein und organisierte diverse Veranstaltungen. Doch das Geschäft wuchs und wuchs. Heute zählen wir 30 Mitarbeitende und führen neben dem Theater 11 auch das Musical Theater in Basel und seit 2019 auch die Thunerseespiele. Als CEO trage ich eine grosse Verantwortung. Der Erfolg ist auch internationalen Gastspielen zu verdanken. Es gibt einen lustigen Spruch unter den englischen Produzenten, der lautet: Wer hätte gedacht, dass auf der Landkarte der englischen Produktionen je die Schweiz auftauchen würde? Denn englische Produktionen haben beispielsweise in Deutschland oder Frankreich keine Chance. Aber in der Schweiz sehr wohl.

    Vor sieben Jahren trat dann «The Lion King» wieder in mein Leben: Wir konnten die Grossproduktion nach Basel holen. Das waren zähe Verhandlungen mit Disney. Wir mussten viele Garantien leisten, aber die Rechnung ging auf: Das Gastspiel wurde ein riesiger Erfolg. Bald darauf klopften «Mary Poppins», «Miss Saigon» oder «Les Misérables» an die Tür. Ab Ende November wird «The Lion King» in englischer Sprache das erste Mal im Theater 11 Zürich aufgeführt, ein bisschen später als gedacht, das ist der Pandemie geschuldet, die wir als Firma glücklicherweise ohne grösseren Schaden überstanden haben. Wir sind gespannt, wie das Zürcher Publikum reagiert.

    Das Einkaufen einer Grossproduktion aus England oder den Vereinigten Staaten bedeutet weit mehr, als man denkt. Wir müssen einschätzen, wie lange wir die Produktion spielen lassen, denn nur schon eine Woche mit einem geringen Publikumsaufkommen kann den Gewinn zunichtemachen. Wir besorgen zudem die Wohnungen und Arbeitsbewilligungen für Cast und Crew, sind zudem für das Marketing, die PR und das Ticketing zuständig, es ist also ein ziemlicher Rattenschwanz.

    Hinter der Bühne

    Obwohl ich schon 30 Jahre in diesem Metier arbeite, ist meine Begeisterung für Musicals aller Art unverändert gross. Mein Team und ich stecken viel Herzblut in die Arbeit und freuen uns, wenn eine neue Truppe mit einer neuen Produktion die Zelte bei uns aufschlägt. Und ich versuche meine Nase im Wind zu behalten, schliesslich muss ich wissen, was in London oder am Broadway angesagt ist. Ich kaufe keine Produktion ein, die ich nicht gesehen habe.  

    Das Musical «Hamilton» von Lin-Manuel Miranda hat mich fasziniert, es geht einen mutigen Schritt mit all dem Hip-Hop und Rap. «Kinky Boots» von Cyndi Lauper und Harvey Fierstein wäre eine Herausforderung für die Schweiz, was die Vermarktung betrifft. «The Book of Mormon» von Trey Parker, Matt Stone und Robert Lopez hingegen hatten wir schon und es lief wie verrückt.

    Obwohl ich Musicals liebe, weiss ich wo mein Platz ist: hinter der Bühne. Sie werden mich also nie singen und tanzen sehen. Und wenn ich nicht gerade für Musicals im Einsatz bin, denn erhole ich mich zusammen mit meiner Partnerin in Höngg oder auf einem Golfplatz. Dort geniesse ich die Ruhe, das Showbusiness ist dann meilenweit weg.

    Disney The Lion King I Theater 11 Zürich 2023 I Trailer

    «The Lion King»

    23.11.23-10.3.24

    Im Theater 11, Thurgauerstrasse 7, 8050 Zürich

    Weitere Informationen: www.thelionking.ch

    Tickets: Ticketcorner

  • Tempo 30 auf der Rosengartenstrasse: Stadt gegen Kanton

    Tempo 30 auf der Rosengartenstrasse: Stadt gegen Kanton

    Die Kantonspolizei Zürich wird die Höchstgeschwindigkeit für den Verkehr auf der Rosengarten- und Bucheggstrasse nicht herabsetzen. Das teilte die Kantonspolizei heute in einer Medienmitteilung mit. Sie stellt sich damit gegen die Stadt Zürich: Diese beabsichtigt, die heute 50 Kilometer pro Stunde auf 30 Kilometer pro Stunde herabzusetzen.

    Solche Verkehrsanordnungen bedürfen aber einer Zustimmung der Kantonspolizei, weil die Verkehrsanordnungen den Verkehr auf den Durchgangsstrassen ausserhalb des Stadtgebiets beeinflussen können.

    Die Kantonspolizei habe die geplanten Verkehrsanordnungen und die eingereichten Unterlagen sowie die andern Projekte im Zusammenhang mit der betroffenen Achse sorgfältig geprüft, wie sie schreibt. Dabei sei sie zum Schluss gekommen, dass es nicht möglich sei, eine Bewilligung zu erteilen.

    Gegen eine Zustimmung sprechen insbesondere «die mangelhaften Ausführungen, die widersprüchlichen Angaben und die fehlende Koordination mit anderen Lärmsanierungsmassnahmen und Projekten im betreffenden Strassenabschnitt».

    Zudem wurden laut der Kantonspolizei die Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der betroffenen Strassen und auf den öffentlichen Verkehr nur mangelhaft beurteilt. Und weiter: Auch die Verhältnismässigkeit der beabsichtigten Massnahme sei mangelhaft dargelegt worden.

    Stadt Zürich legt Rekurs ein

    Die Stadt Zürich reagierte umgehend: Sie werde gegen diese Verfügung Rekurs einlegen, wie der entsprechenden Medienmitteilung zu entnehmen ist. Die Rosengarten- und Bucheggstrasse führe mitten durch das dicht besiedelte Wohngebiet von Wipkingen und schneide das Quartier in zwei Teile. Die Lärmbelastung sei ausserordentlich hoch, die vom Bundesrecht festgelegten Grenzwerte seien selbst in der dritten Häuserreihe noch überschritten.

    Die Stadt Zürich betont, dass entlang der Achse rund 3000 Personen über dem Lärm-Immissionsgrenzwert, 1000 Menschen sogar über dem Alarmwert leben. Kanton und Stadt seien daher verpflichtet, Sanierungen vorzunehmen, wo die Immissionsgrenzwerte gemäss eidgenössischer Lärmschutzverordnung überschritten werden. Dabei haben Massnahmen an der Quelle Priorität, also bei der Entstehung des Lärms auf der Strasse.  

    Quelle: Medienmitteilungen Stadt Zürich und Kantonspolizei Zürich

  • Edelkastanien aus Höngg

    Edelkastanien aus Höngg

    Im Waldlabor Zürich auf dem Hönggerberg wird die Waldbewirtschaftung in verschiedensten Facetten gezeigt. Dort ist derzeit der erste Edelkastanienhain in der Stadt Zürich im Entstehen.

    Gemeinsam mit dem Staatswald des Kantons Zürich und dem Waldalbor Zürich hat der Verein Sirkku – Stadtfruchtbäume im Frühjahr 30 Jungbäume unterschiedlicher Kastaniensorten gepflanzt (die «Höngger Zeitung» berichtete).

    Alle Bäume sind gut angewachsen und haben die erste Vegetationsperiode überstanden. Zur Einweihung findet am Samstag, 7. Oktober, ein Eröffnungsanlass statt.

    Bei der Begehung der Fläche geben die verschiedenen involvierten Akteur*innen Inputs über das Waldlabor, das Projekt Stadtzürcher Maroni, den Wald im Klimawandel oder zur Bewirtschaftung des Kastanienhains. (e)

    Einweihung Kastanienhain

    Samstag, 7. Oktober, von 14 bis 16 Uhr
    Mit Begrüssung, Begehung und Apéro.
    Waldlabor Zürich, Hönggerberg, Sonderistrasse, direkt beim Kastanienhain  
    Anmeldung bis 5. Oktober unter www.waldlabor.ch

  • Ethische und nachhaltige Mode aus Wipkingen

    Ethische und nachhaltige Mode aus Wipkingen

    Sanaz Wasser, geboren im Iran, ist mit Stoffen und Geweben aller Art aufgewachsen. Mehrere ihrer Familienmitglieder waren in der Textil- und Teppichherstellung tätig, für die der Iran bekannt ist. «Das Pflegen der Materialien und die Langlebigkeit stand dabei im Fokus», sagt Wasser. Auch, dass man seine hochwertige Kleidung selbst nähe und Kleidungsstücke über Jahre trägt, sei etwas, mit dem sie gross geworden sei.

    Diese Mentalität spiegelt sich heute in ihrem Label «sanikai» wider. «Das Label habe ich vor elf Jahren als Abschlussprojekt für mein Studium in Fashion-Design gewählt», erzählt sie. Der Titel ist eine Kombination aus Sanaz und dem Vornamen ihres damaligen Partners und jetzigen Ehemannes Kai, der sie bei der Gründung des Unternehmens im Jahr 2015 stark unterstützt hat.

    Seither setzt Wasser ganz auf ethische und vegane Mode aus der Schweiz, die Stil und Qualität repräsentieren soll. Sie benutzt natürliche biologische und recycelte Materialien, etwa organische Baumwolle, Leinen und Hanf, recycelter Kaschmir, aber auch PET-Materialien.

    Und es sind nicht nur die Stoffe: Auch bei den Knöpfen und Zutaten legt Wasser Wert darauf, dass diese beispielsweise aus Kokosnussschalen oder Holz sind. Die Fäden werden aus recycelten Materialien hergestellt oder sind aus Bio-Baumwolle. Selbst die Farbstoffe sind vegan und wassersparend, wie Wasser erklärt.

    Die Auswahl an Kleidungsstücken ist vielfältig: Da sind der Anzug-Blazer aus Bio-Cord, das schwarze Kleid aus veganer Seide oder die Hose aus Bio-Baumwolle. Alle Kleider werden mit viel Herzblut von Hand in Zürich genäht, sind einzigartig und passen kompromisslos.

    Mode on demand

    «Dass man Kleidung aus recycelten Materialien produziert, war damals kurz nach Start des Brands sehr neu in der Schweiz», sagt Wasser im Rückblick auf ihre Gründungsstunde. Heute habe sich dafür ein viel grösseres Bewusstsein entwickelt. «Die Menschen haben das Bedürfnis nach Individualität und Einzigartigkeit», weiss die Modeschöpferin. Genau das biete Sanikai, so Wasser.

    Anstatt Massenware zu produzieren, würden die Kleidungsstücke einzeln und mehrheitlich auch nach Mass angefertigt, sprich: Mode on demand. «Ich nehme mir für jede einzelne Person sehr viel Zeit», sagt sie. Dies sei ihre Art, um ihrer Kundschaft Wertschätzung entgegenzubringen. Wer beispielsweise ein Kleid anfertigen lassen möchte, könne bei ihr im Showroom einen Termin vereinbaren.

    Dabei ist ihr Label nicht die einzige Aufgabe, die sie innehat: Die Mutter zweier fünfjähriger Zwillingsmädchen arbeitet neben der selbstständigen Tätigkeit auch als Head of Marketing and Communications bei einem High-End Seconhand-Laden in Zürich, doziert an der Schweizerischen Textilfachschule und ist Vorstandsmitglied bei Fashionrevolution Switzerland.

    So kann Wasser ihre berufliche Tätigkeit ganz der Leidenschaft für Mode widmen und gleichzeitig ihr Bestreben nach Nachhaltigkeit verfolgen.

    sanikai

    Design-Studio & Showroom auf Termin:
    Kornhausstrasse 43, 8037 Zürich
    www.sanikai.com

  • Erste Hilfe im Betrieb: Sicherheit und Ausbildung

    Erste Hilfe im Betrieb: Sicherheit und Ausbildung

    Ratgeber des Samaritervereins Höngg

    Das Arbeitsgesetz verpflichtet Arbeitgeber*innen zur Gewährleistung der Sicherheit und Gesundheit ihrer Mitarbeitenden, einschliesslich der Erste-Hilfe-Schulung. Das bedeutet, dass in jedem Betrieb ausreichend qualifiziertes Personal vorhanden sein muss, um im Notfall adäquate Hilfe zu leisten.

    Das SECO hat die folgenden zehn häufigsten medizinischen Notfälle in seiner gesetzlichen Verordnung aufgeführt:

    Herz-/Kreislaufstillstand: Wiederbelebung und Defibrillator nutzen.

    Herzinfarkt: Rettungsdienst rufen, Patient*in und Symptome überwachen.

    Schlaganfall: Rettungsdienst alarmieren, Patient*in beruhigen und flach lagern.

    Verletzung der Wirbelsäule: Patient*in nicht bewegen und Kopf/Nacken stabilisieren.

    Starke innere/äussere Blutung: Blutung stoppen (Druckverband).

    Krampfanfall: Patient*in vorsichtig ablegen und Umgebung sichern.

    Verlegung der Atemwege/Atemnot: Rettungsdienst rufen und wenn möglich Fremdkörper entfernen.

    Gravierende Kreislauf-/Bewusstseinsstörung: Rettungsdienst alarmieren und Bewusstlose in die stabile Seitenlage bringen.

    Schwerwiegende Verletzung der Haut/Schleimhäute: Verbrennung kühlen, Verätzung spülen. Keine Salben oder Cremes auftragen.

    Psychische Notfallsituation: Ruhe bewahren, Patient*in beruhigen. Bei Bedarf professionelle Hilfe hinzuziehen.

    Regelmässige Schulungen gewährleisten, dass Ersthelfende Unfälle möglichst verhindern und im Notfall Leben retten.

    Eingesandt vom Samariterverein Zürich-Höngg

  • Die Bilderstürmer von Wipkingen

    Die Bilderstürmer von Wipkingen

    Die Geschichte des mittelalterlichen Weilers Wibichinga ist eng verknüpft mit dem Fraumünster. Die geschriebene Geschichte des Weilers beginnt im Jahr 881, als der deutsche Kaiser Karl der Dicke seinem Getreuen Wolfgrim den Weiler Wibichinga als Fraumünsterlehen zur Nutzniessung schenkte. Der Weiler selbst ist viel älter; bereits zur Römerzeit lebten hier Menschen. Bei der heutigen Lehenstrasse stand einst ein stolzer römischer Gutshof (siehe «Wipkinger Zeitung» Juni/2021).

    Der Name Wibichinga geht auf alemannische Siedler zurück, die im 3. Jahrhundert einwanderten. Siedler mit einem Anführer namens Wipko, Wibeko oder ähnlich, liessen sich hier nieder und gaben dem Dorf seinen Namen.

    Das Fraumünster wurde im Jahr 853 von Ludwig dem Deutschen, einem Enkel Karls des Grossen, gegründet und mit Schenkungen versehen. Der Getreue Wolfgrim, der Wibichinga als Lehen zur Nutzniessung erhielt, sollte es bei seinem Ableben wieder der Äbtissin im Fraumünster zurückgeben.

    Die Nachbarsgemeinde Höngg hatte seit Jahrhunderten eine eigene Kirche, aber diese gehörte nicht zum Grossmünster und Höngg war kein Lehen des Fraumünsters. Deshalb gingen die Wipkinger im frühen Mittelalter nicht in die Höngger Kirche zum Gottesdienst. In einer Urkunde aus dem Jahr 1270 ist erstmals ein Kirchlein in Wibichinga erwähnt.

    In der Urkunde wird die kleine Kapelle zu Wibichinga zusammen mit jenen in Albisrieden, Oerlikon, Schwamendingen und Zollikon genannt. Die Mutterkirche war das Grossmünster, da Wibichinga zum Pfarrsprengel des Grossmünsters gehörte. Einen Friedhof gab es nicht, die Toten wurden in der Stadt Zürich auf dem Totenacker neben dem Grossmünster bestattet. Zur Kirche gehörte ein «Widumgut», also ein Pfrundgut, das jährlich «vier Mütt Kernen Zins» abwarf, mit denen der Leutpriester bezahlt werden sollte.

    Wohlstand dank dem Fraumünster

    Aus dem 14. und 15. Jahrhundert existiert eine Vielzahl von Urkunden, die in Wipkingen Handel mit Weingärten und ganzen Höfen bezeugen. Unter der Obhut der Fraumünsterabtei herrschte im Dorf ein Unternehmergeist, der reiche Bürger anzog und Landleute zu Gutsbesitzern werden liess. Wipkingen entwickelte sich vom armen Bauerndorf zur reichen Vorortsgemeinde Zürichs.

    Die Äbtissinnen förderten Arbeit und Fleiss. Die kirchliche Seelsorge, stets vom Grossmünster besorgt, legte den geistigen Nährboden für den Wohlstand, der sich mit der Zeit ausbreitete. Im Zentrum des Dorfes lag die schlichte, kleine Kirche, von den Menschen geliebt und gepflegt. Sie taten sich zusammen und kauften eine Glocke für ihre Kirche.

    Im Jahr 1500 ertönte die Marienglocke im Dorf und rief weit ins Land hinaus. Ein lateinischer Spruch zierte das Marienglöcklein: «Ave.Maria.gracia.dominus.tecum.MCCCCC.» Unter Schirm und Schutz des Fraumünsters entwickelte sich der Weiler Wibichinga gedeihlich. Die Äbtissinnen sorgten sich um die Menschen in den Weilern, und unter benediktinischer Obhut blühten die Obstgärten, wurden Felder und Weiden gepflegt, Tiere gezüchtet und Wälder genutzt.

    Nie in der elfhundertjährigen Geschichte des Fraumünsters wurden die Höfe geplündert oder die Leibeigenen versklavt. Zinsen und Zehnten waren zwar hoch, aber immer zahlbar für die Leibeigenen, ohne dass sie wegen der Zinslast verarmten. Das Fraumünster selbst bot immer Schutz für die kleine Gemeinde und die Äbtissinnen missbrauchten ihre Macht nie.

    Die Reformation

    In den 1520er-Jahren nahmen die Wirrnisse ihren Lauf, die wir heute als Reformation bezeichnen. Die Reformation im Jahr 1524 trennte Kirche und Staat. Die göttlichen Gesetze und die weltlichen Gesetze galten nun als Zweierlei. Gesang und Orgel verschwanden, man entfernte alle Bilder in der Kirche und übertünchte die Wandmalereien. Dies galt im Grossmünster und bald auch in allen Kirchen der nahen Umgebung. Die Leutpriester verkündeten dies den Kirchgängern.

    Inmitten der Umwälzungen blühte Wipkingen, trotz der Unbill jener Zeit. So beurkundete die Äbtissin vom Fraumünster im Jahr 1522 den Verkauf eines Hofes an Hans Lavater, Bürger von Zürich für 547 Pfund und 9 Schillinge. Das Herrschaftsgut umfasste Hof, Schürtrotte und Reben am Käferberg, Weide mit Scheune sowie Holz und Holzrechte im Wald. Die Urkunde beweist, dass es damals prächtige Wipkinger Gehöfte gab, für welche reiche Bürger ganze Vermögen bezahlten. Auffallend häufig waren es Frauen, die mit Lehen oder Rebgütern handelten. Die Gemeinde zeigte sich erstarkt und selbstbewusst.

    Der Wipkinger Bildersturm

    Die Zürcher Chorherren wählten 1518 Ulrich Zwingli zum Leutpriester. Die Leutpriester besuchten die umliegenden Dörfer und predigten in den Kirchen. Auf seinen Wanderungen durch die Zürcher Landschaft kam Zwingli auch nach Wipkingen, wo er die Messe las und Kranke besuchte.

    Er zog die Kirchgänger in den Bann: Sehr wohl hörten sie seine Zweifel an der rechten Umsetzung der Lehre Jesu Christi durch die hohen Herren im Grossmünster. Zwingli sprach zu den Leuten, er wählte einen Psalm oder ein Gleichnis aus der Bibel und predigte in Mundart, damit die Kirchgänger darüber nachdenken sollten.

    In Höngg stahlen Unbekannte die Bilder aus der Kirche, und in der Kirche Stadelhofen sei ein Kruzifix am heiterhellen Tag umgeworfen worden, erzählte man im Dorf. Der Kirchenstreit wurde immer schärfer und handgreiflicher geführt. Im September 1523 taten sich drei Wipkinger, Grosshans Ruotsch, Thomann Scherer und Lienhart Baumgartner, zusammen, schlichen nächtens in das Kirchlein, rissen die Heiligenbilder von der Wand und warfen sie in den Fluss. Sie wollten die «Götzen zu Wipkingen aus dem Kilchli tuen».

    Am nächsten Morgen war der Schrecken im Dorf gross. Viele waren mit der Tat wohl einverstanden, auch wenn niemand dies zu sagen wagte. Büttel verhafteten die Frevler und sie kamen vor den Rat der Stadt. Die Kirchgenossen im Dorf stellten sich mutig auf ihre Seite.

    Eine eigens einberufene Gemeindeversammlung schützte die drei Bilderstürmer und man beauftragte einen Untervogt und einen zweiten Bürger, beim Rat in Zürich vorstellig zu werden. Im Namen der Kirchgemeinde bat der gesandte Wipkinger Untervogt um Verzeihung, mit der Begründung: «hätte vorher eine Gemeindeversammlung stattgefunden, so hätte man vielleicht beschlossen, die Bilder in ordentlicher Weise hinauszutun; denn man hätte es nicht ungern vollzogen, sofern es M. Herren vom Rat nicht widrig sein möchte», zitiert die Escher-Chronik die Fürbitte des Untervogts.

    Der Rat in Zürich erhörte die Fürbitte, zumal Ruotsch, Scherer und Baumgartner «weder ärgerliche Reden noch Schwüre geführt, ihr Unternehmen niemand zu Trotz oder Verachtung ausgeführt, sondern seien der besten Meinung gewesen, recht zu handeln». Sie schworen auch beim Verhör, dass sie die Bilder nicht zerschlagen hatten. Die Wipkinger Kirche war leer und die Reformation vollstreckt, gut ein halbes Jahr vor dem Bildersturm im Grossmünster.

    Das Kirchlein wird geschlossen

    Die letzte Fraumünster-Äbtissin, Katharina von Zimmern, hob im Zuge der Reformation 1524 den Konvent auf und übergab alle Rechte und Besitzungen dem Rat von Zürich. Dieser verfügte im selben Jahr, dass das kleine Kirchlein in Wipkingen geschlossen werden sollte. Es diente lediglich der Messe, und die Leutpriester konnten weder Predigt noch das neu eingeführte Abendmahl abhalten.

    Erst 1601, bei Anbeginn des neuen Jahrhunderts, wagten es die Wipkinger Gläubigen, mit untertänigster Bitte an die gnädigen Herren des Rats zu gelangen. Es möge der Gemeinde erlaubt werden, die alte Kapelle als neue Kirche herzustellen. Weiter möge die Obrigkeit einen Gemeindegottesdienst einrichten und einen Pfarrer bestellen. Der Rat bewilligte diesen Wunsch und die Chorherren im Grossmünster gaben ihren Segen für den Umbau.

    Im Zuge der Reformation erhielt der Pfarrsprengel auch die Erlaubnis für einen eigenen Friedhof. Bis 1541 bestatteten die Wipkinger ihre Verstorbenen in der Stadt Zürich auf dem Totenacker neben dem Grossmünster. Danach beerdigten sie die Verstorbenen beim «Spitalergarten», einem Platz neben der Predigerkirche. In Wipkingen lag der neue, eigene Friedhof von 1601 hinter dem Kirchlein, der dem Dorf abgewandten Seite. Er war mit einem Mäuerchen umfriedet. Der erste Wipkinger Pfarrer der Neuzeit, Hans Rudolf Leemann, hielt die Abdankungen und leitete die Begräbnisse.

    Superreiche in Wipkingen

    Einige Zeit nach der Reformation erlebten die Zürcher Vorortsgemeinden einen wirtschaftlichen Aufschwung. Wipkingen wurde begehrtes Ziel wohlhabender Bürger, die der Enge und dem Gestank der mittelalterlichen Stadt entfliehen wollten. Ab den 1580er-Jahren zogen vermehrt Auswärtige nach Wipkingen, was sich mit den Einzugsbriefen belegen lässt.

    Im Einzugsbrief stand, wie viel ein Bürger für die Niederlassung in Wipkingen zahlen musste. Damit verbunden war die Haushofgerechtigkeit, also Erlaubnis, einen Haushalt zu führen, die Dorfgerechtigkeit, also Stimmrecht, und das Recht auf «Holtz und Veld, Wunn und Weid», Weiderecht und Ernterecht. Der Einzugsbrief galt auch als Beitritt zur Korporation mit Nutzungsrechten an Allmend, Wasser und Wald.

    1590 betrug der Preis für den Einzugsbrief neun Gulden, was sehr teuer war: ein Pferd kostete drei Gulden. Die Stadt erhöhte den Preis für den Einzugsbrief bald auf 12 Gulden, für Auswärtige zusätzlich 24 Gulden. Bereits 1610 stieg der Preis auf 30 Gulden und für jene, die von ausserhalb der Eidgenossenschaft zuzogen auf 60 Gulden und nochmals 60 Gulden Schirmgeld. Dies zeigt, dass Wipkingen damals blühte. Hier liessen sich die Superreichen nieder.

    1634 fand in Wipkingen die erste Volkszählung statt. Pfarrer Hans Caspar Waser besuchte jedes Haus im Dorf und erfasste Vater, Mutter und ihre Kinder mit Namen und Alter. Die Zählung ergab 230 Seelen in der Gemeinde. Um diese Zeit tauchten auch neue Namen auf; nebst den Rütschis, Syfrigs, Okenfies oder Dietschis findet man in Urkunden Namen neuer Geschlechter, zum Beispiel den Besitzer der Weid, den Junker Blarer.

    Die ältesten Landsitze, die namentlich bekannt sind, entstanden in dieser Zeit, so der «Grenzstein» oder das «Sydefädeli». Wipkingen war ein Jahrhundert nach der Reformation eine stolze, reiche, freie Gemeinde.

    Quellen

    Conrad Escher, Rudolf Wachter: Chronik der Gemeinde Wipkingen, Orell Füssli, 1917.
    Archiv Jakob Frei (Stadtarchiv Zürich).
    Handschrift: Johann Jakob Wick: Sammlung von Nachrichten zur Zeitgeschichte aus den Jahren 1560 bis 1587.