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  • Schöner wohnen im Alter

    Schöner wohnen im Alter

    Als anfangs des letzten Jahrhunderts immer mehr Menschen zum Leben in die Stadt kamen, wurde die Wohnsituation in Zürich prekär. Besonders die Arbeiterklasse und ältere Menschen hatten schon damals Schwierigkeiten, bezahlbaren Wohnraum zu finden. 1950 beschloss der Gemeinderat die Gründung der Stiftung Wohnführsorge für betagte Einwohnerinnen und Einwohner, die später zur heutigen SAW wurde. Der Ansturm war gross und in den ersten 30 Jahren entstanden 16 neue Siedlungen. Heute zählt die Stiftung über 2000 Wohnungen verteilt auf 34 Standorte. Einer davon liegt im Frankental. Hier sind 89 Menschen in 1 bis 3,5 Zimmer-Wohnungen Zuhause. Die Häuser aus den 60er Jahren weisen eine gute Bausubstanz auf und wurden 1993 saniert. Auf Anfrage sagte Isabel Baumberger, Verantwortliche Kommunikation SAW, dass im Moment für die Frankentaler Siedlung keine Planungsprojekte vorlägen. «Sollte sich das ändern, werden die Mieterinnen und Mieter in jedem Fall zwei Jahre vor Baubeginn informiert und können vorübergehend in einer anderen Siedlung untergebracht werden».

    Neben günstigen Wohnbedingungen bietet die SAW einen 24-Stunden Spitex-Pickett-Dienst, Wäscheservice, ein Pflegebad und Gemeinschaftsraum mit Küche, einen Aussensitzplatz und sogar Gästewohnungen an. Weitere Informationen: www.wohnenab60.ch

  • Höngg ist nicht gebaut

    Höngg ist nicht gebaut

    Wer sich den Katasterplan von Höngg anschaut sieht vor allem eines: Massenhaft kleine Parzellen, in denen sich heute noch mehrheitlich die ursprünglichen Rebbau- oder Landwirtschaftsflächen erkennen lassen: Sehr viele, aber kleine Grundstücke, die grösstenteils in Privatbesitz sind. Wie entwickelt sich ein solches Gebiet? Nach welchen Regeln wurde oder wird es erstmals bebaut? Wer gibt vor, was wo erlaubt ist? Gibt es so etwas wie einen Masterplan für ein Gebiet wie Höngg? Oder wird einfach nach den Bedürfnissen der Landbesitzenden oder des Marktes gebaut? Und nach welchen Kriterien werden alte Gebäude abgerissen und durch neue ersetzt? Offensichtlich ist, dass in Höngg seit geraumer Zeit eine rege Bautätigkeit eingesetzt hat. Da werden die letzten Parzellen oder Lücken überbaut, dort alte Gebäude und teils ganze Siedlungen abgerissen und, stark verdichtet, neu aufgebaut. Die Höngger «Skyline» ist im Umbruch.

    Hönggs Bevölkerung wird immer jünger

    Auch die Bevölkerungsstruktur verändert sich, wobei sich die Frage nach dem Huhn oder dem Ei stellen liesse. Ein Blick auf die Erhebungen von «Statistik Stadt Zürich» beweist jedenfalls: Höngg verjüngt sich (siehe Abbildung). Vergleicht man die Zahlen von 1995 mit jenen von 2015, so sieht man, dass die Altersgruppe 0 bis 9 Jahre gemessen an der Gesamtbevölkerung von 7,96 auf 10,34 Prozent zugelegt hat. Nur geburtenstarke Jahrgänge? Nein, denn im gleichen Zeitraum sind die Altersgruppen 10 bis 19 und 20 bis 29 ziemlich stabil geblieben, während die vermutlichen Eltern der Gruppe 0 bis 9 markant zugenommen hat: Bei den 30- bis 39-jährigen von 16,11 auf 18 Prozent und bei den 40- bis 49-jährigen von 13,89 auf 15,34 Prozent. Es zogen also in den diesen zwölf Jahren vermehrt Familien nach Höngg. Höngg sei überaltert, heisst es seit Jahren hartnäckig. Davon ist definitiv Abschied zu nehmen: Die Altersgruppen ab 50 nahmen kontinuierlich ab: die 50- bis 59-jährigen von 14,43 auf 12,3 Prozent, die 60- bis 69-jährigen von 13,03 auf 9,89 Prozent und die 70- bis 79-jährigen von 9,84 auf 8,85 Prozent. Erst die Generation 80-plus verzeichnete dank den gestiegenen Lebenserwartungen wieder einen Anstieg von 5,77 auf 6,81 Prozent. Die Bevölkerungsverjüngung und weil viele der Bauten aus den «Höngger Jahren des Baubooms» ein sanierungsbedürftiges Alter erreicht haben oder demnächst erreichen werden, führen dazu, dass Höngg «nicht gebaut ist» – und überdies wurde Ursula Kochs Aussage vom 16. März 1988 kaum je vollständig zitiert, denn im Originalmanuskript lautete es: «Die Stadt ist gebaut. Sie muss nicht neu- sondern umgebaut werden. Umgebaut zu einem lebenswerten Zürich, mit hohen urbanen Qualitäten». Zürich hat seither diesen Weg eingeschlagen und bereits sehr weit realisiert. Ganz Zürich? Nein, in Höngg macht man sich gerade erst an diesen Prozess. Ersetzt man «Zürich» in Ursula Kochs Satz durch «Höngg» und erlaubt sich aus ihrem «urbanen» noch ein «dörflich-urbanen» zu machen, dann sieht man schnell, dass Höngg tatsächlich nicht gebaut ist. Wohin die Reise wohl geht? Wer hat sie gebucht und wer leitet sie?

  • Alles spricht Bio

    Am Mittagstisch der Redaktion des «Hönggers» lassen sich die verschiedensten Essgewohnheiten beobachten: Es gibt den Resteverwerter, den Picknicker, die Gesundheitsbewusste und die, die das Tupperware immer zuhause liegen lässt und notfallmässig zur Fertigsuppe greift. Irgendwann stellte jemand die Gretchenfrage «Nun sag, wie hast du’s mit Bio?». Die Diskussion darüber führte uns zum Fokus-Thema der aktuellen Ausgabe. Wie immer stand am Anfang eine Unbekannte: «Wer sind die eigentlichen Nutzniesser der zunehmenden <Biologisierung> des Sortiments im Detailhandel»? Haben die Bauern am Ende auch etwas vom Aufpreis, den wir im Laden bezahlen? Wer bauert in Höngg überhaupt noch und wer davon führt einen Bio-Betrieb? Und wieso? Überhaupt: War Höngg nicht einmal ein Bauerndorf? Wo sind all die Landwirte hin? Ist Bio wirklich gesünder und was hat es mit all diesen Labels auf sich? Fredy Haffner und ich haben viel gelernt, einige Antworten gefunden und noch mehr Fragen entdeckt. Vielleicht kann der eine oder andere Artikel als Diskussionsöffner für Ihren Mittagstisch herhalten, denn es ist noch lange nicht alles gesagt. Uns würde das natürlich sehr freuen.

    Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!
    Patricia Senn, Redaktorin

  • Geht die Knospe auf?

    Geht die Knospe auf?

    Viele private Bauern gibt es in Höngg heute nicht mehr: Da ist Markus Willi-Bosshard auf dem Käferberg, Alfred Meier im Rütihof. Und der Wein- und Obstbau Wegmann im Frankental. Drei verschiedene Betriebe, drei verschiedene Geschichten.

    Der Idealist

    Alfred Meier ist ein Anhänger der Biobewegung der ersten Stunde. In den frühen 80er Jahren begann er eine biologisch-dynamische Ausbildung auf einem Demeterhof, welche er nach einem Jahr abbrechen musste, weil sein Vater ihn auf dem Familienbetrieb im Rütihof brauchte. Den Hof führt der Bauer nun in der vierten Generation. Doch der Anfang war nicht leicht, der eigene Vater wirtschaftete noch konventionell, «auch nicht intensiv, eher traditionell, so wie die anderen Landwirte in der Gegend, die es auch noch von ihren Vätern so gelernt hatten», erzählt Meier. Für die biologischen Ideen seines Sohnes hatte er damals nicht viel Verständnis, es kam häufig zu Disputen. Der Widerstand gegen die biologische Landwirtschaft war damals noch gross, man wusste auch nicht viel darüber. Es brauchte viel Idealismus, man führte endlose Diskussionen, einige Male wäre das Projekt fast gescheitert. Als er zum ersten Mal mit vier, fünf Tonnen Getreide zur Annahmestelle in Niederhasli fuhr, gab es kein separates Silo für Bio-Weizen, also füllte er bis nachts um zwölf Uhr eigenhändig Säcke ab, um sicherzustellen, dass die Ware nicht mit der konventionell hergestellten vermischt wurde. Als biologisch-organischer Betrieb braucht es organischen Dünger, also schafften sie damals sogenannte Ammenkühe an, welche genug Milch für zwei bis drei Kälber hergaben. Schnell wurde daraus eine kleine Herde, die der Jungbauer noch von Hand melkte. Nach einem Jahr investierte man schliesslich in eine Melkmaschine. Ab den 90er-Jahren gründeten sich immer mehr Bio-Organisationen und die Gesellschaft wurde sensibilisierter auf das Thema. Lange arbeiteten Alfred Meier und seine Frau Helga ohne Label, aber als der nachbarschaftliche Gutsbetrieb Sonnenberg in Unterengstringen nach einem Pächterwechsel auf Bio umstellte, liessen sich die Meiers auch zertifizieren. Das erleichterte die Zusammenarbeit, zum Beispiel konnten allfällige Futterüberschüsse von den Betrieben übernommen werden. Weiter konnten die verschiedenen Arbeitsgeräte wie Traktoren, Maschinen und Anderes gegenseitig ausgeliehen werden. Denn Bio heisst ja nicht, dass man keine Maschinen oder andere Hilfsmittel verwenden darf. Es sind einfach andere Hilfsmittel, die zum Teil aber auch erst entwickelt werden mussten, erklärt Meier. Mittlerweile verfügt der letzte verbliebene Bauer im Rütihof über 14 Hektaren Grünland ─ seit 1988 hat er den Boden nicht mehr beackert und keinen Kunstdünger mehr verwendet ─ eine Schafherde, eine Hobbyhaltung mit Geissen und eine Herde von zwölf Mutterkühen der Rasse Angus. Diese haben jeweils ein Kalb, aktuell ist noch ein Stier zu Besuch. Mit zehn Monaten kommen die Kälber zum Nachbarn, der sie ausmästet, denn dafür hat es auf dem Hof der Meiers keinen Platz, wenn die neuen Kälber zur Welt kommen. Gefüttert werden die Tiere mit Gras, Heu und Silage. Zukaufen muss er biologische Mineralstoffe, Salz und Stroh. «Die schottischen Angus Rinder sind sehr robust, fleischlastig und hornlos und deshalb ideal für eine biologische Haltung». Besonders stolz ist das Ehepaar auf die grosse Hochstammanlage, welche 2007 in Zusammenarbeit mit Grün Stadt Zürich gepflanzt wurde und die teilweise bereits Früchte tragen. Im Jahr 2014 kamen auf Anfrage der Mosterei Brunner (Steinmaur) weitere 90 Exemplare, hauptsächlich Mostbirnensorten dazu, so dass ein stattlicher Obstgarten von insgesamt 160 Bäumen entstand. Alfred und Helga Meier sehen diesen als einen Beitrag an die Allgemeinheit, an künftige Generationen. In einem zusammenhängenden Hochstamm-Obstgarten können neue Ökosysteme entstehen, vielleicht gibt es in Zukunft einmal einen Steinkauz oder Wiedehopf. Auch die selbstgepflanzte Hecke, die das Land einrahmt, erfüllt eine Funktion der sogenannten ökologischen Vernetzung. «Die Direktzahlungen sind für Biobauern etwas höher, aber das sollte nicht allein Anreiz sein, um umzustellen», betont Meier nochmals, «es braucht viel Idealismus, der Aufwand ist einfach viel grösser und reich wird man davon ohnehin nicht».

    Der Pragmatiker

    Etwas anders verlief es für Landwirt Markus Willi. Um die Zukunft seines Betriebs längerfristig sichern zu können, nahm er 2008 die Chance wahr, den Nachbarbetrieb der Stadt Zürich zu pachten und damit seine bewirtschaftete Fläche auf 45 Hektare zu verdoppeln. Dies ermöglichte ihm, den Tierstand zu erhöhen ─ er ist Milchbauer. Doch ein Jahr später erhielt er die Auflage von Grün Stadt Zürich, seinen Hof nach den organisch-biologischen Richtlinien der Bio Suisse umzustellen. Damals traf ihn diese Entscheidung sehr, denn er war ein überzeugter Vertreter der Integrierten Produktion (IP Suisse) und hatte selber Kühe gezüchtet, die hohe Leistungen erbringen konnten, ohne es übertreiben zu wollen. Von der Stadt hätte er sich gewünscht, dass diese von Anfang an mit offenen Karten gespielt hätte. Sein Widerstand trug keine Früchte, die betriebliche Umstellung erfolgte 2009, zwei Jahre später erhielt er das Knospen-Zertifikat von Bio Suisse. Doch selbst der Dachverband der Schweizer Knospe-Betriebe hielt es nicht für richtig, dass man einen Bauern zum organisch-biologischen Anbau zwingt, erfuhr er an einem der Pflichtkurse des Verbandes. Schliesslich blieb ihm aber nichts anderes übrig, er musste auch im eigenen Kopf umstellen. Der Stall selber musste nicht einschneidend verändert werden, da die Richtlinien zum Tierwohl auch bei IP Suisse streng sind. Heute produziert Bauer Willi zum grössten Teil Gras, in den Konservierungsformen Silage und Heu, um die Versorgung seiner Tiere zu gewährleisten, welche von Frühling bis Herbst täglich auf der Weide stehen. Danach folgt Mais und Winterweizen, bevor schliesslich wieder Gras angesät wird. Diese Fruchtfolge einzuhalten ist wichtig, damit der Boden nicht einseitig ausgelaugt wird, es ist nicht erlaubt chemisch-synthetische Nährstoffe hinzuzufügen. Doch es gibt auch organische Zusätze wie Biogasgülle, die er vom Biogaswerk in Otelfingen bezieht. Das sei ein Kompromiss, denn auch bei dieser Gülle könne man nicht sagen, dass sie 100 Prozent rein sei, wie ohnehin nichts auf dieser Welt völlig frei von Schadstoffen sein könne, meint Willi. Aber man könne viele Sachen gut und vor allem bewusst machen. Man dürfe ihn nicht falsch verstehen: Er sei sehr gerne Bauer und je länger er biologisch wirtschafte, desto klarer würden auch die Vorteile. Nur gäbe es für ihn eben auch Grenzen. Wenn Vorschriften nur deshalb verschärft würden, damit sich ein Biolabel von den anderen Zertifizierern abheben, und bei den Konsumenten besser punkten könne, fehle ihm dafür das Verständnis. Ein solcher Fall ist für ihn die doppelte Absetzfrist, die vorgibt, dass ein Produkt eines mit Antibiotika behandelten Tieres anstatt fünf Tage zehn Tage lang nicht genutzt werden kann. Er macht ein Beispiel: Angenommen eine Kuh hat eine Euterentzündung: Erst behandelt man sie mit einer Salbe und mit Homöopathie. Wenn es gar nicht besser wird, muss man zur Schulmedizin greifen, sprich zu Antibiotika. In der Sperrfrist von fünf Tagen nach der Behandlung darf die Milch natürlich nicht verkauft werden. Die längere Absetzfrist bedeutet für den Bauer aber nun, dass er zehn Tage lang Milch wegschütten muss. «Das leuchtet mir einfach nicht ein. Ich denke, dass die Pharmaindustrie sich absichert, und mit den fünf Tagen bereits eine längere Frist vorgibt, als effektiv nötig wäre», meint der Landwirt. Etwas skeptisch stimmt ihn auch, dass die durch den biologischen Anbau entstehenden Ertragseinbussen oft mit billigen Importprodukten kompensiert würden. «Aber ich glaube auch nicht, dass man zum Beispiel den heutigen hohen Fleischkonsum nur mit Bioprodukten abdecken kann».

    IP aus Überzeugung

    Der dritte private landwirtschaftliche Betrieb gehört der Familie Wegmann im Frankental. Bereits in zweiter Generation führen sie ihren Hof nach den Richtlinien der IP-Suisse, Daniel Wegmanns Vater und Rebbauer war Ende der 60er Jahre einer der Pioniere gewesen, die anfingen mit Nützlingen und Schadschwellen zu arbeiten. Dennoch erlauben die Auflagen der IP-Suisse auch den Einsatz von Kunstdünger, wo es Sinn macht und begründet werden kann, nach dem Credo «so wenig wie möglich, so viel wie nötig». Eine der Hauptschwierigkeiten sei die Vielseitigkeit seines Betriebs, erklärt Daniel Wegmann: Wollte der Betrieb auf Bio umstellen, müsste man sich auf eine Kultur beschränken. Ausserdem fürchtet er, dass die Glaubwürdigkeit bei den Kunden leiden würde, weil er sein Obst mit biologischen Pflanzenschutzmitteln öfter behandeln müsste. Doch er ist dem biologisch-organischen Anbau gegenüber nicht verschlossen: Seit er im Jahr 2000 seine Meisterprüfung gemacht hat, beschäftigt er sich immer wieder mit der Thematik. Die Entscheidung, weiterhin bei IP-Suisse zu bleiben, war komplex, aber aufgrund der Machbarkeit für ihn die richtige. Was ihn stört, ist, dass die IP-Richtlinien in der Öffentlichkeit und den Medien heutzutage als Standard dargestellt werden, obwohl sie in Wirklichkeit bereits viel weitergehen als die konventionelle Landwirtschaftsverordnung.

    Komplexer als Gut und Böse

    Im Gespräch mit den Bauern wird schnell klar: Das Thema Bio ist vielschichtig und emotional aufgeladen. Biologischer Landbau ist aufwendig bei geringerem Ertrag, ohne viel Idealismus sind gewisse Rückschläge teilweise kaum zu ertragen. Aber selbst wenn der Wille da wäre, steht manchmal die Machbarkeit einer Umstellung im Wege. Auch gibt es neben der Art des Anbaus noch andere Kriterien, die man berücksichtigen könnte: So stellt sich zum Beispiel die Frage, ob Bio immer Vorrang hat oder ob Regionalität manchmal wichtiger ist. Allein an diesem Beispiel zeigt sich die Komplexität des Themas, welches hier sicherlich nicht abschliessend behandelt wurde. Aus diesem Grund betreiben die Höngger Bauern auch Öffentlichkeitsarbeit und laden die Quartiereinwohner zu verschiedenen Anlässen auf ihren Hof ein. Wer kann, sollte diese Einladung einmal annehmen und sich ein paar Minuten mit ihnen unterhalten. Es könnte lehrreich sein.

  • Bio boomt, doch kaum in Bauers Portemonnaie

    Bio boomt, doch kaum in Bauers Portemonnaie

    Der Verkauf von Bio-Produkten entwickelt sich in der Schweiz rasant und hat, seit das Thema «Nachhaltigkeit» die gesellschaftlichen und politischen Debatten prägt, noch zugenommen. Dazu beigetragen haben auch zahlreiche, wiederkehrende Lebensmittelskandale, auch wenn diese bei den Konsumentinnen und Konsumenten kaum nachhaltige Wirkung zeigen – wie schnell doch Rinderwahnsinn und schockierendes Filmmaterial aus Geflügelställen in Vergessenheit geraten, ist beunruhigend. 2015 wuchs der Bio-Markt trotz Frankenstärke und Einkaufstourismus, wie Bio Suisse, der Dachverband der Schweizer Knospe-Betriebe, an der Medienkonferenz 2016 bekannt gab: «Der Umsatz stieg um 5,2 Prozent auf 2,323 Milliarden Franken und erreicht mit 7,7 Prozent den bisher höchsten Marktanteil». Umgerechnet wurden also pro Kopf 280 Franken für Bio-Produkte ausgegeben. 6031 Produzenten bewirtschafteten total 137’000 Hektar Land biologisch, Tendenz weiter steigend – doch das sind noch immer lediglich 12.8 Prozent der gesamten Landwirtschaftlichen Nutzfläche.

    Der Umsatz steigt und steigt

    Dass Bio im Trend ist, zeigen auch die Zahlen der beiden Schweizer Grossshändler Coop und Migros, die zusammen drei Viertel des Bioumsatzes erzielen, gefolgt von Biofachgeschäften wie zum Beispiel «Canto Verde» oder «Terra Verde» in Höngg. Coop sagt von sich selbst, man habe «der Bio-Landwirtschaft in der Schweiz zum Durchbruch verholfen». Seit der Einführung der ersten Produkte1993 ist das Angebot auf rund 2000 Artikel in allen Sparten gewachsen. In den letzten zehn Jahren konnte Coop den Bio-Umsatz verdoppeln, 2015 lag er bei 1,1 Milliarden Franken. Doch das sind nur knapp über vier Prozent des Gesamtumsatzes der Coop-Gruppe von 26.9 Milliarden. Coop bleibt deshalb ehrgeizig: «Wir setzen weiterhin konsequent auf die Knospe und wollen den Bio-Umsatz bis 2025 verdoppeln», sagt Coop-Mediensprecherin Andrea Bergmann. Auch die Migros, mit Bioprodukten zwei Jahre nach Coop ins Rennen gestiegen, verzeichnet seit der Lancierung der ersten Produkte 1995 ein stetes Wachstum – von 35 Millionen 1996 auf 681 Millionen im 2015. «Wo die Grenzen von Bio liegen ist kaum abzuschätzen», teilt Mediensprecherin Monika Weibel mit.

    Die Partner geben sich zurückhaltend

    Doch wer verdient eigentlich an Bio? Bekommen die Bauern für die im Laden durchgängig teurer angebotenen Bio-Produkte auch mehr? Von den Bauern hört man hinter vorgehaltenen Händen, dass die Grossverteiler keine angemessenen Preise bezahlen würden, dies mit dem Hinweis, dass die Kunden zu grosse Preisunterschiede nicht akzeptieren würden. Also fragte der «Höngger» die Grosshändler nach Vergleichszahlen, zum Beispiel für ein Kilo Kartoffeln. Bei Coop hält man sich bedeckt: «Wir kommunizieren aus Konkurrenzgründen generell keine Einkaufszahlen», heisst es da schlicht. Auch die Migros will keine Zahlen nennen und schreibt: «Bei den Rohstoffpreisen halten wir und unsere Partner uns an die Richtpreise der Bio Suisse», und man möge doch bitte dort nachfragen.

    Die kleinen Unterschiede

    Stephan Jaun, Leiter Unternehmenskommunikation Bio Suisse, nennt die verfügbaren Zahlen. Wobei dies auch nur Richtpreise sind und im Markt starken Schwankungen unterliegen. In seiner Antwort weist er aber auch als Erstes darauf hin, dass man von den Produzentenpreisen nicht auf das Einkommen der Bauern schliessen könne, denn oft seien die Erträge im Biolandbau tiefer und die Produktionskosten höher als auf konventionellen Betrieben: «So muss zum Beispiel die Arbeit für die im Biolandbau aufwendigere Unkrautregulierung finanziert werden, insofern schafft die Bioproduktion meist die Möglichkeit zu mehr bezahlten Arbeitsstunden auf dem Betrieb, bringt aber nicht à priori höhere Arbeitsverdienste», so Jaun. Anhand der angefragten Vergleichsbeispiele ergeben sich folgende Zahlen: Für ein Kilo Rindfleisch, Schlachtgewicht, also das Gewicht eines ganzen geschlachteten Rindes ohne Innereien und Haut, bekommt der Bauer gemäss Bio Suisse 9.80 Franken, sein konventionell arbeitender Kollege 9.18 Franken. Das scheint sehr wenig, gemessen an den Mehrkosten und Mindererträgen, die dem Bauer entstehen. Bei den Kartoffeln sieht es zumindest auf den ersten Blick besser aus: Die beliebten «Charlotte» verkauft der Bio-Bauer für knapp einen Franken pro Kilo an den Handel, für konventionell angebaute gibt es rund 55 Rappen. Hier, so Jaun fast entschuldigend, gälte es zu beachten, dass die Erträge pro Hektare im Bio-Anbau um einiges tiefer lägen, der Bauer also nicht einfach das Doppelte verdiene. Selbiges gilt auch bei Weizen, dessen Richtpreis für das Verkaufte Korn pro Kilo bei 1.06 Franken für Bio-Qualität und 52 Rappen für konventionellen Anbau liegen.
    Bei der Milch ist es noch etwas komplizierter und wegen den vielen möglichen Abnehmern irgendwo zwischen Grossverarbeitern wie Emmi und einer kleinen Landkäserei auch unübersichtlich. Im November 2016, so zeigt eine Statistik, erhielt der Bauer für «Industriemilch» – als solche wird Milch bezeichnet, die nicht für die Käserei bestimmt ist – pro Kilo 55.56 Rappen und für Biomilch 80.37 Rappen.

    Der Bauer verdient kaum mehr

    Die Zahlen zeigen, dass ein Grossteil des Mehrpreises, die Konsumentinnen und Konsumenten im Laden für Bio-Produkte bezahlen, wohl beim Zwischenhandel hängen bleibt, obwohl dort nicht ersichtlich ist, dass gegenüber konventionell angebauten Produkten irgendwelche Mehrkosten für Vertrieb oder Lagerung anfallen würden. Hier mangelt es der Branche an Transparenz. Während die Hinweise von Bio Suisse auf die Mehrarbeit und die Mindererträge der Bio-Bauern, mit denen die nicht übermässig höheren Produzentenpreise gerechtfertigt werden, fast übertrieben entschuldigend wirken. Aus Konsumentensicht müsste man deshalb, wenn immer möglich direkt beim Bauern einkaufen – doch das ist der Allgemeinheit dann doch wieder ungefähr so zu aufwendig, wie sich den letzten Lebensmittelskandal in Erinnerung zu rufen.

    Unter www.knospehof.ch finden Konsumenten Direktvermarkter und Wochenmärkte in ihrer Nähe.

  • Im Label-Dschungel

    Die Umsatzzahlen im Biosegment der Detailhändler haben in den letzten Jahren sichtbar zugelegt. Es scheint, dass ein stetig wachsender Teil der Bevölkerung nach ökologisch verträglich und sozial gerecht hergestellten Produkten verlangt. Pestizideinsatz, nicht artgerechte Tierhaltung, Futtermittelimporte in die Schweiz, die Vernichtung von Tropenwald oder die Ausbeutung von Arbeitskräften in südlichen Ländern führen bei der Herstellung von Nahrungsmitteln zu Herausforderungen und Problemen. Die Thematik ist komplex, kaum jemand kann oder will sich die Zeit nehmen, jedem Produkt auf den Zahn zu fühlen, stattdessen orientiert man sich beim Einkauf an den Lebensmittellabels, die auf dem Markt zu finden sind. Mittlerweile gibt es über 65 solcher Zertifikate, und bereits wird es wieder etwas undurchsichtig. Wie gut halten diese Produkte eigentlich, was ihre Labels versprechen? Im Jahr 2015 haben die Stiftung Praktischer Umweltschutz (Pusch), WWF Schweiz, Helvetas und die Stiftung für Konsumentenschutz SKS die 31 wichtigsten Labels bezüglich ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit analysiert. Das Rating zeigt: Die Hälfte der bewerteten Labels verdient das Prädikat «ausgezeichnet» oder «sehr empfehlenswert». Nachholbedarf besteht durchgehend im Bereich «Klima und Energie»: Dort wurde nur ein Drittel der möglichen Punktezahl erreicht.

    EU-Bio-Verordnung deutlich weniger streng

    Unter den Labels mit den Bestnoten rangieren unter anderen das Weinlabel Delinat, Natura-Beef Bio, Knospe Bio Suisse, Migros Bio, Demeter, sowie die Fair Trade Labels Claro und Max Havelaar. Naturafarm und das Label für Fische und Meeresfrüchte aus verantwortungsvoller Zucht ASC (Aquaculture Stewardship Council) erzielten zwar in einzelnen Bereichen sehr hohe Werte, in anderen aber nur durchschnittliche bis keine Punkte, weil ihre Richtlinien diese gar nicht abdecken. Dennoch erreichten sie immerhin das Prädikat «empfehlenswert». Labels, die sich nur an die EU-Bio-Verordnung halten, erhielten durchgehend die Bewertung «bedingt empfehlenswert». Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Europäische Verordnung ─ und auch die Schweizer Bio Verordnung ─ deutlich weniger streng ist als die Anforderungen von privaten Bio-Verbandslabeln wie etwas Bio Suisse oder gar Demeter. Aus der untenstehenden Auflistung ist ersichtlich, wie welches Label abgeschnitten hat.

    Hier finden Sie eine detailliertere Auflistung der bewerteten Labels.

     

    Die verschiedenen Richtlinien für Bauern in der Schweiz
    Ökologischer Leistungsnachweis (ÖLN): Mindestanforderung an Bauern, die Direktzahlungen (Subventionen) erhalten wollen. Anforderungen entsprechen denen der Integrierten Produktion von 1996 und umfassen unter anderem Tiergerechte Haltung von Nutztieren, ausgeglichene Düngerbilanz und eine geregelte Fruchtfolge.

    IP-Suisse: Als Grundanforderung gilt der Ökologische Leistungsnachweis. Für die einzelnen Produktionszweige sind aber strengere Auflagen zu erfüllen, welche immer den gesamten Betrieb umfassen. Sie haben unter anderem strenge Bestimmungen zur Fruchtfolge im Ackerbau und führen die Unkrautregulierung in der Regel mechanisch durch. Das IP-Suisse Label hat in Sachen Biodiversität die Nase vorn.

    Bio Suisse Knospe: Die Knospe erlaubt weniger Zusatzstoffe und Verarbeitungshilfsstoffe als die EU- oder die Schweizer Bio-Verordnung. Vorschriften für Verfahren (schonende Verarbeitung), für Verpackungsmaterial und für Schädlingsbekämpfungsmassnahmen gibt es bei der Knospe, bei CH-Bio nicht.

    Demeter: Demeter hat noch strengere Vorschriften als die Knospe im Anbau wie in der Verarbeitung. Milch darf beispielsweise nicht homogenisiert werden, und bei der Herstellung von Fleischwaren ist kein Nitrit erlaubt.

    Quelle: www.bio-suisse.ch

  • Ist mit Bio alles besser?

    Ist mit Bio alles besser?

    Im Jahr 2012 publizierten Forscher der Universität Standford eine umfangreiche Meta-Analyse, in der sie 223 Untersuchungen berücksichtigten. Sie fanden keinen signifikanten Nachweis dafür, dass biologische Nahrungsmittel nährstoffreicher seien. Was man allerdings sagen könne, sei, dass das Risiko, Pflanzenschutzmittel zu sich zu nehmen, bei diesen Lebensmitteln tiefer sei. Zwei Jahre später wurden in einer Analyse der Newcastle University über 300 Studien zu den Inhaltsstoffen von biologisch und konventionell angebauten Feldfrüchten ausgewertet. Die Forscher fanden bei biologisch erzeugten Pflanzen 18 bis 69 Prozent höhere Konzentrationen diverser Antioxidantien. Diesen wird zugeschrieben, dass sie das Risiko für bestimmte Krebsarten und chronische Krankheiten senken. Auch die Anteile an Nitrat und Nitrin seien bedeutend kleiner, und die Konzentration des giftigen Schwermetalls Kadmium liege bei den ökologischen Feldfrüchten im Durchschnitt 48 Prozent tiefer. Bei allen Studien muss wohl auch berücksichtigt werden, von wem sie jeweils finanziert wurden. Da können Skeptiker auf beiden Seiten Einwände finden. Vielleicht ist es aber tatsächlich die falsche Frage, wie Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (Fibl) in Frick AG, einmal gegenüber der Frankfurter Allgemeinen sagte. Man könne nämlich nur von gesunder und ungesunder Ernährung reden, nicht davon, ob einzelne Produkte gesund seien. Mit der Frage, ob Bio gesünder sei, lenke man von der eigentlichen Problematik ab, nämlich davon, dass sich zu viele Menschen allgemein zu einseitig ernähren. Marcel Anderegg von der Stiftung biovision ist überzeugt, dass natürlich, also ohne Zugabe von synthetischen Substanzen hergestellte Nahrung, die in einem gesunden vielfältigen Anbausystem produziert wird, für den menschlichen Organismus vorteilhafter ist. Er schreibt: «Wenn sich diese grösstenteils pflanzliche Nahrung aus möglichst unverarbeiteten, saisonalen und regional hergestellten Lebensmitteln zusammensetzt, schont sie nachweislich das Klima und die Umwelt und wirkt sich bestimmt auch positiv auf Körper und Geist aus». Er gibt aber auch zu bedenken, dass in der Schweiz Richtlinien gelten, die klar festlegen, wie viele Tage vor der Ernte nicht mehr gespritzt werden darf. Darum sollten auch konventionell produzierte Nahrungsmittel nur ganz geringe Mengen an Rückständen aufweisen, die gemäss heutigem Wissensstand unschädlich sind.

    Unterschiede von aussen unsichtbar

    Von aussen ist es oft schwierig zu beurteilen, ob ein Lebensmittel biologisch oder konventionell produziert wurde. Einen interessanten Befund machte in diesem Bereich der Zürcher Lebensmittelforscher Daniel Dänzer, als er Flüssigkeit von verschiedenen Lebensmitteln auskristallisierte und mikroskopische Fotoaufnahmen davon machte. Auf den Bildern der Biolebensmittel liessen sich filigrane, komplexe Kristallstrukturen erkennen, während die der konventionell angebauten Feldfrüchte verkümmert und teilweise nicht mehr vorhanden waren.

    Weiterführende Informationen: Forschungsinstitut für Biologischen Landbau: www.fibl.ch. www.biovision.ch. Zum Buch «Die unsichtbare Kraft in Lebensmitteln. BIO und NICHTBIO im Vergleich» von A.W. Dänzer, ISBN 978-3-905158-15-1. www.bio-nichtbio.info.

  • Es gab in Höngg mehr als «nur» Weinbauern

    Es gab in Höngg mehr als «nur» Weinbauern

    Der Ruf von Höngg als Rebbaugemeinde mit der gegen Ende des 19. Jahrhunderts drittgrössten Anbaufläche des ganzen Kantons scheint so übermächtig zu sein, dass man die anderen Landwirte in Aufzeichnungen kaum je erwähnte. So heisst es bereits in den Mitteilungen Nr. 7 der Ortsgeschichtlichen Kommission (siehe Quellenangaben) lediglich, dass anno 1634 nebst Pfarrer und Lehrer nur noch ein Metzger, Schmied, Müller und drei nicht näher bezeichnete als Meister erwähnt worden seien und «die ganze übrige Einwohnerschaft gehörte wohl ausschliesslich der Landwirtschaft an und dürfte sich hauptsächlich dem damals schon ausgedehnten Weinbau gewidmet haben, neben dem Ackerbau und Viehhaltung nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben». Untergeordnet? Wikipedia nennt für 1860 noch 95 Landwirte auf Höngger Gemeindegebiet. Doch hier wurden einfach alle Kleinbauern mitgezählt, die kleine Rebparzellen besassen oder sich als Taglöhner in den Rebbergen verdingten. Um das eigene kleine Heimwesen pflanzte man an, was man zur Selbstversorgung brauchte, und im Stall hielt man allenfalls eine Sau und ein paar Geissen, welchen das zwischen den Reben geschnittene Gras und das ausgebrochene Laub verfüttert wurde. Im Höngg des 19. Jahrhunderts wurden so viele Ziegen gehalten, dass «Geissen» gar zum Übernahmen der Höngger wurde. Auch Heinrich Rusterholz bestätigt 1963 in den Mitteilungen Nr. 21 bezugnehmend auf das Jahr 1860, dass es sich bei den bäuerlichen Heimwesen um mittlere bis kleinere Betriebe gehandelt habe. Die grösseren Betriebe hätten sich in der Peripherie der Gemeinde befunden (zu der 1963 noch der Berg, Talchern, Bombach, Frankental, Riedhof und Rütihof zählten. Anm. d. Red.), «aber auch sie waren nicht auf Rosen gebettet», so Rusterholz. Detaillierter zeichnete Rudolf Grossmann-Steffen 1942 in den Mitteilungen Nr. 28 die Jahre 1880 bis 1900 nach. Persönlich erinnerte er sich: «Es war eine harte Arbeit. Nur wer Wiesen und Äcker zwischen dem Neuhaus (heute Singlistrasse) und dem Riedhof besass, hatte es etwas einfacher. Die meisten Wiesen und Äcker aber lagen am Berghang oder auf dem Berg». Die ganze Bewirtschaftung geschah mit Pferden- und Ochsenfuhrwerken. Gras, Heu, Weizen, Gerste und Hafer wurde mit der Sense geschnitten. «Für uns Buben waren die Sensen zu gross», schreibt Grossmann, «und beim Heuen ging es vor der Taghelle hinauf auf den Berg. Bis sechs Uhr musste ausgehalten werden, dann durften wir heim zum Morgenessen und danach in die Schule». Dort habe dann der Sohn von Heinrich Appenzeller, dem Halter des Höngger Ziegenbockes, viel zu leiden gehabt, «denn er trug den Geruch des Bockes ständig mit sich». Doch auch die Erwachsenen hatten es nicht immer einfach und mussten auch andere Arbeiten annehmen. Zum Beispiel zog der «Metzger-Heiri», Heinrich Grossmann, im Herbst und Winter als Bauernmetzger «von Hofstatt zu Hofstatt, um die offenen Kamine wieder mit Schinken, Speckseiten, Würsten und Gnagi zu füllen».

    Von der Stadt über die Hard nach Höngg

    Es war in dieser Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts, als die Familie Gugolz nach Höngg übersiedelte. Heiri Gugolz, geboren 1932, sitzt in seiner Wohnung mit Blick auf den stattlichen Bauernhof an der Singlistrasse und erzählt, wie es dazu kam. Von 1809 bis 1837 bewirtschaftete die Familie, auf dem Grund des heutigen Hauptbahnhofs, das grosse städtische «Spitalachergut». Als die Stadt Zürich das Gut verkaufte, zog man westwärts in die Hard auf den Betrieb «Eichbühl» und blieb dort bis 1894 – noch heute erinnert die Gugolzstrasse im Kreis 4 daran. Doch auch dort wurde man durch das Wachstum der Stadt und den Ausbau der Eisenbahn verdrängt. Ein Vorgang, der sich bis in die heutige Zeit weitererzählen liesse. Damals aber zogen Gugolzens nach Höngg und kauften den Hof «Im Neuhaus», der heutigen Singlistrasse. Die Brüder Heinrich und Arnold Gugolz zogen mit ihren Familien, Knechten und Mägden ein. 1886 begann für die Höngger Weinbauern eine schlimme Zeit: Der falsche Mehltau und vor allem die Reblaus rafften die Reben grossflächig dahin. Der Schädling befiel die Wurzeln, liess die Reben absterben und zerstörte die Lebensgrundlage vieler kleiner Winzer. Überschuldetes Land kam auf den Markt, und die Höngger Landwirte konnten Stück um Stück Land hinzukaufen. Heiri Gugolz zählt die damals erworbenen Grundstücke mit Flurnamen und Verkäufern auf – Namen, die längst in Vergessenheit geraten sind oder allenfalls noch als Strassennamen bekannt sind. 15 Hektaren bewirtschafteten die beiden Brüder schlussendlich. Trotzdem reichte es nicht immer, um alle zu ernähren. Und so kam es, dass man – nachdem ein Verwandter, für den man gebürgt hatte und der in finanzielle Schwierigkeiten geraten war – in Höngg die Kehrichtabfuhr übernahm. «Damals wurde noch aller Abfall dem Müll übergeben, mit Pferdefuhrwerken auf den Hönggerberg gebracht und hinter dem Schützenwall* in der Grube versenkt, bis sie voll war», erzählt Gugolz, während er im Fotoalbum blättert.

    Die Bauern waren gut vernetzt

    Noch bevor die Brüder Gugolz nach Höngg gezogen waren, wurde am 26. Januar 1882 von 27 Personen der «Landwirtschaftliche Verein Höngg und Umgebung» gegründet. Der Verein bezweckte, «die Landwirtschaft in der hiesigen Gemeinde zu fördern, den Landwirten Gelegenheit zur Ausbildung, Belehrung und vorteilhafter Anschaffung von Artikeln» zu bieten. Bereits im Gründungsjahr wurde gemeinsam Kunstdünger eingekauft. Ab 1886 war der Verein dann für die Beschaffung und den Vertrieb des Spritzmittels Kupfervitriol zuständig, das obligatorisch gegen den falschen Mehltau eingesetzt werden musste. 1901, als der Mehltau besonders schlimm wütete, musste man 70 Zentner davon beziehen. Das Vitriol wurde mit Kalk zu sogenanntem «Bordeaux-Pulver» gemischt, in Wasser aufgelöst und in den Reben ausgebracht.Der gemeinsame Warenbezug liess den Verein bis 1917 auf 118 Mitglieder anwachsen. Doch die Besucherzahlen der Mitgliederversammlungen liessen – wie heute bei vielen Vereinen auch – zu wünschen übrig, worauf der Verein eine Weile lang jedem Anwesenden einen halben Liter Wein gratis ausschenkte. Zur Geselligkeit zählten Ausflüge durch die ganze Schweiz, meistens um dabei etwas zu lernen. Wie 1893, als 67 Mitglieder nach Wädenswil zur dortigen Obst- und Weinbauschule reisten. Andere Aktivitäten brachten wiederum Höngg viel Besuch: Im Herbst 1905 stellten 50 Vereinsmitglieder ihre Produkte in der Wartau aus, 1500 Besucher liessen sich das nicht entgehen. Der Verein wurde erst 2011 aufgelöst.

    Organisierte Milchwirtschaft

    Zusammengeschlossen waren die Bauern auch in Milchwirtschaftsorganisationen, aber erst ab 1916. Früher hatte jeder Höngger Bauer seinen eigenen Kundenkreis, den er täglich mit Milch und anderen Produkten belieferte. Doch die Milchrationierung im 1. Weltkrieg machte es zur Pflicht, alle Milch dem Konsum zuzuführen, statt Überschüsse selber zu verarbeiten oder zu verfüttern. So gründeten Jakob Bosshard, Arnold Gugolz und Jakob Hausheer 1916 die «Milchproduzenten-Genossenschaft Höngg», deren Aufgabe es war, die Milch an eine Sammelstelle zu leiten und dort an die Konsumenten abzugeben. «Immerhin», so heisst es in den Mitteilungen 14, «behielten sich einige Bauern an der Peripherie das Recht vor, ihre Milch weiterhin direkt an die Kunden zu verteilen». So wurde die Milch an der Regensdorferstrasse und der Imbisbühlstrasse der Kundschaft direkt in die Milchkessel ausgeschenkt. Auf der Ausmessliste von damals, die Heiri Gugolz dem «Höngger» zeigt, sind feinsäuberlich Namen und Mengen der Haushalte aufgeführt. Mit der Rationierung im 2. Weltkrieg war es damit dann aber endgültig vorbei: «Der Staat konnte die Bauern nicht kontrollieren und verbot ihnen deshalb das eigene Abmessen, also das Ausschenken der Milch», erzählt er. Also wurde 1943 als Untersektion der Milchproduzenten-Genossenschaft Höngg die «Milchproduzenten-Vereinigung Höngg» gegründet, die dem Staat gegenüber Rechenschaft schuldig war. An viele Mitglieder dieser Vereinigung erinnert sich Gugolz gut und die Namen, die er aufzählt und wo diese Bauern ihre Höfe hatten, ist lang. Heusser, Schäfer, Hasler, Wüest, Bosshard, Beerli, Grossmann, Brunner, Rapold und Matthys, sie alle waren in der Vereinigung. Doch es gab noch eine zweite, die «Milchgenossenschaft Rütihof», in der sich die Geschlechter Wegmann, Hubacher, Geering, Meier, Schellenberg, Elliker, Rieder und Huggenberger zusammengetan hatten. Sie lieferten an die Milchhändler Häusler und Schöni. Häusler betrieb die Molkerei im Riegelhaus an der Ecke Gsteig- und Regensdorferstrasse. Mit dem imaginären Rundgang durch das damalige Höngg tauchen weitere Namen auf, Spielmann, Deon, Schütz, Marolf, Brunnschwiler und so fort – geblieben sind deren drei.

    Von allen blieben noch drei

    «Bauern sind der Stadtentwicklung doch im Weg», sagt Heiri Gugolz auf die naive Frage nach dem Grund. Das habe schon damals begonnen, als man Land für neun Franken den Quadratmeter für den Bau des 1953 eingeweihten Schulhauses Lachenzelg abtreten musste. Natürlich, fügt er an, seien neben den Bautätigkeiten oftmals auch fehlende Nachfolger oder Erbteilungen Gründe gewesen. Bei einer Erbteilung war das als Bauland eingezonte Land kaum bezahlbar und als Landwirtschaftsfläche genutzt nicht mehr rentabel. Zudem musste an jede Strasse, an die das Land grenzte, Baukosten bezahlt werde. So verkaufte man Stück um Stück bis die Fläche letztlich zu klein war. Bauern wird oft vorgeworfen, sie seien durch die Einzonungen reich geworden, hätten ihre Arbeit aufgegeben und dafür Wohnhäuser gebaut. Das mag stimmen, aber ob es nicht manchem Bauer lieber gewesen wäre, weiter sein Feld zu bestellen, anstatt Häuser zu verwalten, ist eine andere Frage. Heiri Gugolz jedenfalls verkaufte 2002 die letzten Kühe. Die Sanierung des Stalls nach neuen Vorschriften lohnte sich nicht mehr, eine Erbteilung stand an und, was nicht zu unterschätzen ist, das Bauern mitten im Wohnquartier wurde immer schwieriger: Obstplantagen, die gespritzt werden müssen, sowie Kühe und Misthaufen wurden und werden immer weniger toleriert. An der Peripherie ist das heute noch eher möglich: Bei den drei letzten Höngger Bauern, Markus Willi auf dem Hönggerberg, Alfred Meier im Rütihof und Daniel Wegmann im Frankental – solange ihre Höfe noch als «in der Peripherie gelegen» gelten.

    * Gemeint ist der 1900 erstellte 400-Meter-Schützenwall. Er lag am heutigen Waldrand, dort wo heute Sitzbänke stehen, hundert Meter hinter dem noch bestehenden Wall. Als die Anlage nicht mehr gebraucht wurde, trug man den oberen Teil des Walls ab und bedeckte damit die seit 1927 hinter ihm betriebene Kehricht-Deponie.

     

    Quellen:
    «Ortsgeschichte Höngg», Georg Sibler 1998
    Mitteilungen der Ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg:
    Nr. 14, «Geschichte der Vereine Höngg», R. Stahel 1950, vergriffen
    Nr. 28, «Erinnerungen aus dem alten Höngg», Rudolf Grossmann-Steffen 1942 / Georg Sibler 1980
    Nr. 49, «Der Rütihof bei Höngg», Georg Sibler 2009
    Nr. 52, «Höngger Geissen und Häusergruppe Orsini», Georg Sibler 2014
    Alle nicht vergriffenen Bände erhältlich im Infozentrum des «Hönggers» am Meierhofplatz 2.

  • Was meint Höngg zu «Ensemble»?

    Was meint Höngg zu «Ensemble»?

    Der Quartierverein Höngg hat es geschafft, am Dienstag, 17. Januar ein repräsentativ besetztes Podium aller am aktuellen Hardturmstadion-Projekt Beteiligten zu organisieren. In den Saal der Pfarrei Heilig Geist kamen rund 90 Interessierte, um sich aus erster Hand informieren zu lassen.
    Nach einer kurzen Begrüssung durch Vereinspräsident Alexander Jäger wurde zuerst die Vorgeschichte rekapituliert: Von dem Projekt «Pentagon», an dem sich die Stadt Zürich damals mit 48 Millionen Franken hätte beteiligen sollen, das 2003 in einer Volksabstimmung zuerst angenommen, später aber durch Rekurse der IG Hardturm verzögert und letztlich verhindert wurde, und weiter zur 2013 abgelehnten Vorlage eines städtischen Projekts und dem 2015 lancierten Architekturwettbewerb, aus dem dann 2016 das Projekt «Ensemble», von der Jury einstimmig gewählt, als Sieger hervorging. Realisiert wird das Bauvorhaben von der HRS Real Estate AG und der Credit Suisse.

    Mit «Ensemble» unterwegs zur Skyline?

    Mit «Ensemble», dem aus dem Französischen für «Gesamtheit» oder «Einheit» entlehnten Begriff, werden in der Architektur mehrere Bauwerke bezeichnet, die als Gruppe wahrgenommen werden. Einer der am Projekt beteiligten Architekten, Michael Schneider, erläuterte, warum das in drei Einheiten – Genossenschaftsbau, Fussballstadion und Hochhäuser – gegliederte Projekt städtebaulich betrachtet eben ein «Ensemble» sei: Das von drei Architekturbüros entwickelte Projekt lehne sich «stark an die industriellen Strukturen des Kreis 5 an». Doch der Hardturm sei für sie nicht nur das Ende gegen Westen, sondern ein «vermittelndes Element» Richtung Limmattal West – zu all den Hochhäusern oder zumindest mehrgeschossigen Bauten, die dort im Bau oder geplant sind. Von 15 solchen, wenn auch weniger hohen, wisse er in Altstetten, erwähnte Schneider. Was als Skyline-Foto von New York wohl auch in manchem Höngger Wohnzimmer an der Wand hängt, dürfte also über kurz oder lang, wenn auch etwas niedriger, gleich durch das Fenster zu betrachten sein.

    Wer baut was?

    Grundeigentümerin des 55’000 m2 grossen Bauareals ist die Stadt Zürich. Sie gibt das Baurecht an drei Baurechtsnehmerinnen ab, die ihr dafür jährlich über eine Million Baurechtszins entrichten werden. In der Genossenschaftssiedlung, die von der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) finanziert und gebaut wird, werden 173 Wohnungen für 500 Menschen erstellt. Baurechtsnehmerin des Fussballstadions wird die Stadion Züri AG sein, hinter der die HRS Real Estate AG steht. Die HRS baut das Stadion, das für nationale Fussballspiele 18’500 und für internationale 16’000 Plätze anbieten wird und bleibt auch Besitzerin, gedenkt jedoch, wie man dies in St. Gallen getan hat, Volksaktien abzugeben.
    Die HRS vermietet dann das Stadion an die Stadion Betriebs AG, die zu je 50 Prozent im Besitz der beiden Vereine GC und FCZ sein wird. Sie wird sich über die Einnahmen der Spiele, die Vermietung der kommerziell nutzbaren Fläche und die Drittnutzung der Innenräume finanzieren. Und die beiden Vereine hoffen, von der Stadt die für sie wichtigen Vermarktungsrechte, zum Beispiel für die Namensgebung des Stadions, zu erhalten und gehen heute davon aus, dass Stadion profitabel führen zu können.
    Dritte Baurechtsnehmerin und verantwortlich für die beiden Hochhäuser mit 636 Wohnungen plus Geschäftsflächen ist die Credit Suisse Real Estate Investment Management AG.

    Zeitplan mit Fragezeichen

    Der an diesem Abend aufgezeigte Zeitplan sieht bereits kommenden Februar die Eingabe des Gestaltungsplanes vor. Danach sollen – abhängig von dem im Stadtrat und den gemeinderätlichen Kommissionen angeschlagenen Tempo – bereits im Juli 2017 die Baurechtsverträge beurkundet und ab Oktober im Stadt- und Gemeinderat behandelt werden, damit sie im November 2018 zur Volksabstimmung kommen könnten. Käme dies hin, so rechnet man mit einer Baubewilligung im April 2019 und dem Baubeginn kurz darauf. Im Juli 2021 sollte dann das Stadion bereitstehen und zwischen Mai und November 2022 auch die anderen Gebäude.

    Ausgewogene Fragerunde

    Martin Kull, Inhaber und CEO der HRS, mass dem Projektnamen «Ensemble» abschliessend eine Bedeutung weit über das Architektonische hinaus zu als er betonte, dass ABZ-Siedlung, Stadion und Hochhäuser nur als Einheit funktionieren und finanzierbar seien: «Es geht nur alles zusammen – oder nichts». Die drei Bauten seien von der Planung bis hin zur Finanzierung austariert, und da könne man nun nicht an einzelnen Bereichen etwas reduzieren, ohne alles aus dem Gleichgewicht zu bringen.
    Was da unterschwellig an «Drohung» zu hören war, fand in einigen der Fragen und Voten aus dem Publikum sein Echo. Als Erster kritisierte Marcel Knörr, Höngger Architekt und Alt-Quartiervereinspräsident, die Zwillingtürme, die seiner Ansicht nach weder der geltenden Bau- und Zonenordnung (BZO) entsprechen noch quartierverträglich seien. «Hochhäuser gehören wohl in die Stadt, aber am richtigen Ort – was man in den 1960-Jahren gebaut hat, war falsch». Genauso falsch wie die beiden Hochhäuser oberhalb der Riedhofstrasse in Höngg seien nun diese Zwillingstürme.
    Die geplanten Bauten sind mit 137 Metern die zweithöchsten der Schweiz und die Höchsten Zürichs. Knörr rechnete vor, dass sie, gemessen ab ihrem Standort, den Kirchturm Hönggs um 47 Meter und sogar den Friedhof Hönggerberg noch um 13 Meter überragen werden. Das heisst, dass man von allen Häusern Hönggs aus zu den Dächern der Zwillingstürme hochschauen würde. «Und das ist nicht der Prime-Tower», so Knörr, «der weiter weg steht, diese Häuser stehen nahe bei Höngg und versperren den Blick auf die Stadt». Es sei wichtig, so Knörr, sich jetzt zu wehren, wo man vielleicht noch Einfluss nehmen könne und nicht erst in der Abstimmung – und erntete dafür viel Applaus. Urs Spinner, Departementssekretär des Hochbauamtes, entgegnete ihm, dass der Hardturm als Hochhausgebiet klassifiziert sei und bereits in den Rahmenbedingungen des Wettbewerbs die maximale Höhe vorgegeben worden sei. Aus dem Publikum wurde Marcel Knörr in einem späteren Votum mangelnder Weitblick vorgeworfen: «Wenn er vom Blick auf die Stadt spricht und diesen Blick genau auf die beiden Hochhäuser richtet, dann sind das für mich, mit Weitblick, nichts als Streichhölzer, und an solchen kann man vorbeischauen – nach wie vor Richtung See und Berge, und nicht ins Limmattal», meinte ein Zuhörer. Ein weiterer meinte, man solle doch nicht weiter nach «Ausreden» suchen, um kein Stadion zu bauen. Wenn man diese Chance jetzt nicht packe, werde es am Sankt-Nimmerleinstag noch kein Stadium geben. Auch diese Voten erhielten viel Applaus.

    Wann darf das Volk mitreden?

    Auch der Wipkinger Quartiervereinspräsident, Beni Weder, meldete sich – nach negativen Erfahrungen mit dem Swissmill-Tower direkt vor Wipkingen – kritisch zu Wort und fragte, wo denn bei der Projektentwicklung die Bevölkerung miteinbezogen worden sei. «Meines Wissens nicht», gestand Urs Spinner offen ein, doch er glaube, dass Stadt- und Gemeinderat aus früheren Diskussionen und Abstimmungen zum Hardturmareal gelernt und sehr viele der Bevölkerungsanliegen in die Wettbewerbsvorgaben eingebracht hätten. Rebekka Hofmann aus dem Finanzdepartement betonte aber, dass man mit der IG Hardturm immer im Gespräch gewesen sei und Monika Spring, Vorständin der IG, auch Mitglied der Wettbewerbsjury gewesen sei und man dort sehr auf sie gehört habe. Und, so fügte Spinner an, spätestens bei öffentlicher Auflage des Gestaltungsplans könne man sich im Rahmen des Mitwirkungsverfahrens einbringen.

    Der baurechtliche Schatten ist kurz

    Was natürlich immer wieder Fragen aufwirft, ist der Schattenwurf solcher Gebäude. Und da begehen Bauherren und Architekten regelmässig einen groben Kommunikationsfehler: Sie zeigen in Plänen nämlich nur, was ihnen das Baugesetz als sogenannt «baurechtlicher Schatten» vorgibt. Und das umfasst nur, was an einem Punkt auf einem benachbarten Grundstück länger als zwei Stunden im Schatten liegt. Und zwar an zwei gesetzlich festgelegten Daten und Zeiten im Frühjahr und Herbst.
    Dass der reale Schatten etwas komplett Anderes ist, gab Architekt Schneider offen zu, und Höngg werde wohl davon betroffen sein. Aber eben, das wird gegenüber der Öffentlichkeit nie in einer Simulation gezeigt, was heute bestimmt kein Problem wäre. Der Quartierverein Wipkingen jedenfalls hat dies auf seiner Homepage (siehe Infobox) getan, und das ist ebenso interessant anzusehen wie es eine Visualisierung der Hochhäuser aus Höngger Perspektive wäre. Was der zweite gängige Kommunikationsfehler ist: Man zeigt Projekte immer aus möglichst unverfänglichen Perspektiven. Zumindest das will man hier nun, so wurde zugesagt, anders machen und publizieren.

    Wie «fruchtbar» sind die Türme?

    Nicht überraschend war auch eine sichere Folge der vielen neuen Bewohner ein Thema: Wo gehen all ihre Kinder zur Schule? Das Schulhaus am Wasser platzt heute schon aus allen Nähten, und das Schulhaus Pfingstweid, über dessen Kredit am 12. Februar abgestimmt und das ab 2019 in Betrieb sein soll, sei auch bereits vollgeplant. Urs Spinner bekräftigte, dass man die Neubauten bei der Schulhausplanung berücksichtigt habe, weil dies bereits damals beim städtischen Stadion-Projekt durchgerechnet worden seien. Das Pfingstweid könne notfalls sogar aufgestockt werden, «je nach dem, wie fruchtbar die beiden Hochhäuser sind», wie er mit einem Schmunzeln anfügte, «Kinder dieser Neubauten werden nicht über die Limmat zur Schule gehen müssen». Dies bestätigte auch Ueli Stahel als Mitglied der Kreisschulpflege Waidberg.

    Über sieben Schatten musst du gehen…

    Die Stimmung an diesem Abend unter den rund 90 Anwesenden und die Voten Pro oder Kontra der Hochhäuser hielten sich die Waage. Man kann den Zwillingstürmen ablehnend oder positiv gegenüberstehen und sich dabei ebenso im Schatten wie im Licht wähnen. Bis das Projekt «Ensemble» gebaut werden kann, muss es zumindest eine städtische Abstimmung überstehen, und man wird da und dort auf allen Seiten noch über reale oder subjektive Schatten springen müssen – oder wird allenfalls darüber gestossen, wie dies die Stimmbürger mit den Wipkingern beim Swissmill-Tower gemacht haben. Bloss, dort gab es zum Schatten weder Wohnungen, geschweige denn ein Fussballstadion für die beiden Stadtclubs dazu.

    Weitere Informationen
    www.stadt-zuerich.ch, Auf der Seite des Finanzdepartementes, Medienmitteilungen.
    Auf der Homepage des Quartiervereins Wipkingen, www.wipkingen.net, sind Animationen zum Schattenwurf aufgeschaltet.

  • Aus den Augen, in den Sinn

    Aus den Augen, in den Sinn

    Seit 1993 und der Einführung der Kehrichtsackgebühr nimmt Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) an seinen Wertstoff-Sammelstellen flächendeckend nebst Glas und Altöl auch Kleinmetalle entgegen. Sieben solche Sammelstellen gibt es in Höngg, alle mit den charakteristischen, dunkelblauen Containern. Wobei jene an der Riedhofstrasse, Ecke Wieslergasse gemäss Bauausschreibung durch Unterflur-Behältnisse ersetzt werden sollen, wogegen wohl kaum jemand aus der Anwohnerschaft Einsprache erheben wird. Gesamtschweizerisch gibt es über 30‘000 Sammelbehälter für Aluminium, in praktisch jeder Gemeinde zumindest einen. So sammelt die Schweizer Bevölkerung jedes Jahr 13‘000 Tonnen Aluverpackungen, nebst Dosen auch Tierfutterschalen, Tuben, Joghurtdeckel und was sonst noch alles in einem Haushalt an Aluverpackungen anfällt. Rund 1,6 Kilogramm pro Person. 2007 wurde in der Stadt Zürich an allen aktuell 162 Sammelstellen total 931 und 2015 bereits 1019 Tonnen Altmetall gesammelt, von der Blechbüchse über Pfannen bis zum Aluminium in jeglicher Form. Der Anstieg ist wohl eher auf die wachsende Bevölkerung denn auf erhöhte Sammelleidenschaft zurückzuführen. Eingeworfen werden darf übrigens alles, die Senftube zum Beispiel ebenfalls, auch wenn sie noch Reste enthält und den Deckel obenauf hat (siehe Infobox). Natürlich wäre es besser ohne, doch mal ehrlich: Wer lagert gerne offene Senftuben und macht sich dann beim Recyceln, auf dem Weg zum Einkaufen, gerne die Finger schmutzig? Die Verschmutzung ist jedenfalls kein Thema. Das bestätigte auch der Fahrer des Entsorgungslastwagens des ERZ, als der «Höngger» ihn beim Leeren eines Containers fotografierte und staunte, was da noch alles an Fremdmaterial im Einwurfschlitz für Metall gelandet war, vom PET bis zu Robidog-Säcklein einfach alles. «Erstaunlich, nicht wahr?», meinte er, «doch das gilt bei der Annahmestelle noch als sehr sauber, die jubeln dort immer, wenn wir vorfahren». Wie hoch der Aluminiumanteil an der Gesamtsammelmenge ist, kann das ERZ, wie dessen Sprecherin Leta Filli sagt, nicht beziffern. Was man jedoch weiss ist, dass alleine 2016 weitere 750 Tonnen Aluminium in den normalen Kehricht gelangten und der thermischen Verwertung zugeführt wurden, wie der Vorgang in einer Kehrichtverbrennungsanlage benannt wird. Hier mitgerechnet ist nicht nur der Hauskehricht, sondern alles, was auf öffentlichem Grund in Abfalleimern landet oder von Strassenkehrmaschinen zusammengewischt wird, denn all dieser Abfall wird nirgends nachsortiert, sondern eben «thermisch verwertet», sprich einfach verbrannt. Danach übrig bleibt Rohschlacke. Und noch immer bestehen rund 3.5 Prozent der Stadtzürcher Schlacke aus Aluminium – ein Wert, der das Herz jeder Bergbaufirma höherschlagen lässt. Nicht von Ungefähr wird deshalb zum Beispiel in der Deponie Riet in Winterthur, wo jährlich rund 15’000 Tonnen Schlacke der Winterhurer gelagert wird, von einer privaten Recyclingfirma das Altmetall aus der Schlacke gefiltert. 1’200 Tonnen Altmetall allein im Jahr 2012. Seit Herbst 2016 werden auch praktisch alle Metalle aus der Schlacke der Zürcher zurückgewonnen, die dafür nach Hinwil in die ZAV Recycling AG transportiert wird. Was danach noch übrig bleibt, wird auf der Deponie Chrüzlen in Oetwil am See endgelagert.

    Mehr als kostendeckend

    Wie und wem die Kosten der Sammlung verrechnet werden ist in der Verordnung für die Abfallbewirtschaftung in der Stadt Zürich (VAZ) geregelt. Wie hoch die Kostenfolge pro Sammelstelle und Bewohner in Zürich ist, konnte das ERZ auf Anfrage nicht beziffern. Doch dem Bericht «Kostenstruktur in der kommunalen Abfallwirtschaft 2014» des kantonalen Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) ist zu entnehmen, dass der Siedlungsabfall 2014 bei – wie allen hier folgenden Werten durchschnittlich gerechneten 366 Kilogramm pro Person lag und für die Gemeinden 90 Franken pro Einwohner an Kosten verursachte. Davon entfallen 52 Franken auf «Logistik und Sammelstellen» und nur ein einziger Franken auf das Sammeln von Aluminium und Stahlblech. Davon eine Tonne zu verarbeiten kostete laut Bericht 69 Franken. Gemeindeeigene Sammelstellen kosten zwölf Franken pro Jahr und Einwohner. Der Erlös aus der Alu- und Stahlblech-Sammlung hingegen betrug im 2014 pro Tonne 100 Franken. Dieser Betrag ist seit Juli 2007 mit den Recyclingbetrieben als pauschale Entschädigung und als Anteil aus dem vorgezogenen Recyclingbeitrag vereinbart. Der Absatzmarkt für Recycling-Metall ist etabliert aber schwankend: Die Preise variieren je nach Marktlage stark, gemäss dem Bericht des AWEL erhielten die Gemeinden 2014 zwischen 29 und 165 Franken pro Tonne.
    Alle Ausgaben und Einnahmen zusammengerechnet, erzielten die Gemeinden so durchschnittlich einen Kostendeckungsgrad von 104 Prozent, sie verdienten mit dem Abfall also gutes Geld. Nur vier Gemeinden verfehlten die volle Kostendeckung. «Die Reserven wachsen bei vielen Gemeinden jährlich weiter», schreibt das AWEL und kritisiert im Bericht offen, dass «Tarifsenkungen kaum vorgenommen werden».

    Was gehört in die Metall-Sammelcontainer?
    Kleinmetall aller Sorten, Getränkedosen, Alufolie, Konservendosen, Draht, Tuben aus Aluminium. Dosen zusammendrücken, das spart Transportkosten. Hingegen spielt die Verschmutzung keine wesentliche Rolle: Zum Beispiel Tuben müssen nicht ausgewaschen sein und dürfen sogar noch den Deckel draufhaben.

    Was gehört nicht hinein?
    Batterien und Akkus, alle Arten von Glühbirnen und Leuchtstoffröhren, Elektronikgeräte. Und vor allem keine Gasflaschen oder auch Spraydosen jeglicher Art: Sie enthalten Restgase, die bei der Pressung im Werk zu Explosionen führen können. Auch Kaffeekapseln gehören nicht in die Container, sondern in das Recycling der Hersteller oder in den normalen Abfall.

    Übrigens…
    Manche Privatpersonen bringen leere Aludosen auch direkt in einen der 170 schweizerischen Recyclingbetriebe, wo sie pro Kilo rund 1.30 Franken erhalten.