Das nächste Fokus-Thema heisst «Denkmalschutz». Welche Gebäude in Höngg stehen im Inventar, welche unter Schutz oder welche und warum nicht?
Der «Höngger» sucht Hausbesitzer*innen, welche uns über ihre Erfahrungen mit der Denkmalschutzpflege der Stadt Zürich, zum Beispiel im Zusammenhang mit Renovierungs- oder Umbauarbeiten, Erfahrungen gemacht haben. Bitte wenden Sie sich an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.
Blog
-
Aufruf Denkmalschutz
-

«Ich bin voller Geschichten»
Der schwarze Kater miaut vorwurfsvoll, wer ist dieser ungebetene Gast, der sein Frauchen besucht? Das «Frauchen» heisst Serpentina Hagner und ist Comiczeichnerin. Sie sitzt am Küchentisch ihrer Zweizimmerwohnung im Rütihof und wirkt so, als könne sie selber nicht recht glauben, was gerade in ihrem Leben geschieht. Vor einigen Monaten erreichte die 63-jährige eine Mail, Absender war Andreas Kaernbach, Kurator des Bundestags in Berlin. Er fragte sie an, ob sie zu Ehren des 100-Jahre-Frauenwahlrecht-Jubiläums einen Comic zeichnen wolle. Ungewöhnlich ist dies vor allem, weil die Künstlerin erst vor zwei Jahren ihr allererstes Buch herausgegeben hat, und in der Szene eigentlich noch «neu» ist. «Ich dachte erst, da wolle sich jemand einen Scherz mit mir erlauben und habe ihn gegoogelt», sagt sie und lächelt beinahe verlegen. Als dann klar war, dass es ernst gemeint war, sagte sie natürlich zu, nicht ohne vorher einen befreundeten Autor um Hilfe zu bitten, denn sie wusste, alleine würde sie das Recherchieren, Texten und Zeichnen in der kurzen Zeit nicht stemmen können. Am Ende stand ein 20-Seiten starkes Buch, das die Frauenrechtsgeschichte seit 1849 erzählt. Gerade ist sie zurück von der Feier zum 100-Jahre-Frauenwahlrecht in Berlin, wo sie Persönlichkeiten wie Rita Süssmuth und Wolfgang Schäuble kennenlernen durfte. Doch wie kam es eigentlich, dass sich die Schweizerin gegen die vielen jungen – und talentierten, wie Hagner selber sagt – Zeichnerinnen durchsetzen konnte und nach Deutschland eingeladen wurde?
Von Märchen und anderen Geschichten
Erst 2017 hatte sie ihren ersten Comic «Der Märchenmaler von Zürich» veröffentlicht, den ersten Teil ihrer skurrilen Familiengeschichte, und die Geschichte über ihren Vater Emil Medardus Hagner, Märchenmaler, Künstler und Stadtoriginal. Im September 2018 folgte der zweite Band «Der Blechbauchmaier». Die Vorarbeiten für beide Bücher begannen vor zwanzig Jahren, doch Geschichten sammelt Hagner schon ein Leben lang. In eine Künstlerfamilie hineingeboren – Vater und Mutter malten beide, wenn auch sehr unterschiedlich – kannte sie schon mit fünf Jahren den Unterschied zwischen Expressionismus und Impressionismus und konnte alle grossen Maler auswendig aufzählen. Das Zeichnen war immer ein wichtiger Bestandteil des Familienlebens und prägte sie und ihre beiden Geschwister stark.
Die Kindheit war nicht einfach. Vater Emil oder Miggeli, wie man ihn nannte, kämpfte gegen innere Dämonen, war mal lieb und warmherzig, dann wieder eigenartig und depressiv. Als Älteste fand sich Hagner bald in der Vermittlerrolle zwischen den Eltern wieder und spielte auch für ihre Brüder und ihren Vater die Mutter. «Es geht nicht spurlos an einem vorbei, wenn man als Fünfjährige den eigenen Vater daran hindern muss, aus dem Fenster zu springen oder sich auf eine andere Art umzubringen», erzählt sie. Ohne Sicherheit ein Urvertrauen zu entwickeln ist fast unmöglich. Erst viel später lernte sie, dass man sich auf Menschen auch verlassen kann. Trotz aller Schwierigkeiten hatte Emil auch eine bezaubernde Seite, er zeichnete zum Beispiel das «Schlauraffenland», ein liebevoll gestaltetes Kindermärchen, in dem Zöpfe und Brötchen in Milchbächen schwimmen, die Fladen der Nilpferde aus Lebkuchen bestehen, Wiesel Kasperlitheater auf dem Rücken tragen und die Kinder auf dem Rücken der Libellen umherfliegen. «Er hat dieses Buch auch für sich gemacht, er hatte selbst das Gefühl, noch ein Kind zu sein», erinnert sich Hagner, während sie die Seiten umblättert. Die Welt sei ihm oft zu hart erschienen.
Während man in anderen Familien oft nichts über das frühere Leben der eigenen Eltern und Grosseltern erfährt, hatte das Geschichtenerzählen bei Hagners Tradition. Mit etwa vierzig Jahren begann Serpentina Hagner ihren Vater auf den Spaziergängen, die sie gemeinsam unternahmen, wenn es ihm gut ging, über sein Leben und auch das seiner Mutter und Urgrossmutter auszufragen. «Ich habe im Laufe der Jahre sicher 300 Seiten vollgeschrieben», sagt sie. Zum Beispiel – ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen – wie die Urgrossmutter Pauline, Tochter einer Fahrenden, 1899 mit einer Schiessbude ans erste Knabenschiessen nach Zürich kam, schwanger wurde und das Kind – das später der Kuckucksgrossvater von Serpentina Hagner wurde – bei der Familie des Vaters liess. Wie die Mutter von Emil Miggeli Hagner ebenfalls unehelich schwanger wurde, und sich ebendiesen Kuckucksgrossvater anlachte, ihm aber nie sagte, dass das Kind nicht von ihm war. Und wie schliesslich Serpentinas Vater mitten im Zürcher Milieu gross wurde. «Manchmal werde ich gefragt, wie viel davon erfunden sei, und die Wahrheit ist: Es ist alles so geschehen, so skurril es scheint. Und weil die Geschichten so aussergewöhnlich waren, sind sie mir wohl auch so gut im Gedächtnis geblieben». In ihren Comics hat die Zeichnerin die zu dunklen Episoden jedoch ausgelassen – «die wären höchstens für einen Psychiater interessant», meint sie mit einem Lachen. Das Zeichnen und Schreiben über ihre Familie habe ihr auch geholfen, das Erlebte zu verarbeiten und Distanz dazu zu gewinnen. In ihren Recherchen an den Orten, in denen sich die Szenen abspielten, lernte sie ihre Heimatstadt noch besser kennen. Die Zeichnungen zeigen Zürich zwischen und während der Weltkriege, frivol und dekadent zugleich, aber immer mit einem humorvollen Unterton.
Hartnäckigkeit zahlt sich aus
Wieso aber hat sie sich so viel Zeit gelassen mit ihrem ersten Comic? Als Jugendliche hatte sie erst ganz andere Pläne. Zwar zeichnete und malte sie immer nebenbei, aber ihr grosser Wunsch war es, Köchin zu werden. «Nach dem Vorkurs an der Kunstschule, einer abgebrochenen Ausbildung am Werkseminar und einer kurzen Zeit als Bohemien – im Nachhinein eine Spinnerei – versuchte ich, bei den grossen Köchen Zürichs eine Lehrstelle zu finden», erzählt sie. «Doch die Restaurants wollten damals keine Frauen in der Küche». Auch in einer Kulturbeiz, bei der sie anheuerte, sagte man ihr, sie hätte doch gar keine Erfahrung darin, grosse Gruppen zu bekochen. Was durchaus stimmte. Aufgeben wollte Hagner deswegen trotzdem nicht. Stattdessen brachte sie sich selber das Wursten bei und belieferte die Beiz fortan mit hausgemachten Würsten, an denen sie so gut wie nichts verdiente. Die Rechnung ging dennoch auf: Wenig später bot man ihr die Stelle in der Küche der Kulturbeiz an. «Und so begann meine Karriere als Köchin», erzählt sie, die Kochbücher liest, wie andere Krimis lesen. Zahlreiche Bänder im Regal zeugen von ihrer Leidenschaft, da steht die Pauli Kochbibel neben dem neuesten Ottolenghi-Wurf.
Der Wunsch, ihre Familiengeschichte in einem Comic festzuhalten, wurde langsam stärker, aber erst traute sie sich das Projekt nicht richtig zu. «Ich verglich meine Malerei mit der meines Bruders, der die technische Präzision meiner Mutter geerbt hat, während meine eigenen Arbeiten eine gewisse Naivität besitzen, ähnlich wie die meines Vaters», sagt sie. Dennoch reichte sie schliesslich eine Zeichnung am Comicfestival in Lenzburg ein und holte unverhofft den ersten Preis. Vom eigenen Erfolg überrumpelt, sagte sie ein Radiointerview ab und wandte sich schnell wieder dem Kochen zu. «Heute würde ich das nicht mehr tun», meint die Künstlerin rückblickend. «Das ist der Vorteil des Alters: Man sieht die Dinge etwas gelassener und lässt sich nicht so sehr aus der Ruhe bringen».
«Alleine ist es nicht zu schaffen»
Als sie sich schliesslich an die Arbeit machte, den ersten Band zu verfassen und erstmal nur Absagen von den Verlagen erhielt, riet ihr eine gute Freundin, am Comicbuch-Wettbewerb der Berthold-Leibinger-Stiftung teilzunehmen. Prompt wurde sie als einzige Schweizerin mit einem Finalistinnenpreis prämiert. «Diese Auszeichnung war einer der Gründe dafür, dass mich Andreas Kaernbach für die Arbeit zum 100-Jahre-Frauenwahlrecht-Jubiläum anfragte». Aber irgendwie scheint sie immer noch überrascht zu sein über den unerwarteten Lauf der Dinge. «Es ist verrückt», sagt sie, «aber es stimmt wohl, wenn Menschen sagen, sie seien halt immer drangeblieben», überlegt sie. «Man muss sich stets einen kleinen Raum für seine Leidenschaft freihalten. Irgendwann klappt es – oder eben nicht, das Glück hat ja auch noch ein Wörtchen mitzureden». Was sie mit Sicherheit wisse, ist, dass es ohne die richtigen Menschen um sie herum nie so weit gekommen wäre. «Meine Freunde, die mich unterstützt haben, vielleicht andere Freunde hatten, die die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt kannten, das alles spielt eine grosse Rolle. Alleine ist es nicht zu schaffen».
Sie geniesse jetzt den Moment, es sei eine schöne Erfahrung, die ihr sehr gut tue. Wenn sich alles ein wenig gesetzt hat, will sie sich dem dritten Band ihrer Saga widmen, «denn ich bin noch voll von Geschichten, die mir in den Sinn kommen, wenn ich durch die Stadt spaziere».Die beiden Comic-Bände «Der Märchenmaler von Zürich» und «Der Blechbauchmaier» sind sowohl im Canto Verde am Meierhofplatz als auch im Infozentrum unserer Quartierzeitung für 29.80 Franken zu kaufen. Erschienen im Verlag Edition Moderne. www.editionmodern.ch. www.serpentina-hagner.ch
-

Wie aus Abwasser Wärme wird
Im Eingangsbereich des ERZ Klärwerk Werdhölzli hängt eine Luftaufnahme der gesamten Anlage, darauf sind prominent die vier riesigen Klärbecken zu sehen. Auf diesem Stück Land direkt an der Limmat wird das Abwasser der ganzen Stadt gereinigt. In einem im Verhältnis kleineren Gebäude wird der dabei zurückbleibende Klärschlamm verbrannt, aber nicht nur der der Stadt, sondern auch der des ganzen Kantons. Angesichts der Massen an Wasser, die hier durchfliessen – jeden Tag sind es zwischen 150’000 und 500’000 Kubikmeter – wirkt die Anlage schon fast wieder dezent. Wenn die Stadtzürcher Stimmberechtigten am 10. Februar ja zum Objektkredit für einen Energieverbund Altstetten sagen, wird auf diesem Areal neu auch Fernwärme produziert. Wie und wo das genau geschehen wird, erklärt Projektleiter Pascal Leumann auf einem Rundgang.
Selbst kaltes Wasser liefert Wärme
Der Weg führt vorbei am Parkplatz der Schausteller und an Schrebergärten bis ans westlichste Ende des Werdhölzli Areals. Hier wurde vor kurzem eine neue Verfahrensstufe zur Elimination von Mikroverunreinigungen in Betrieb genommen. Nachdem das Abwasser die ganze Kläranlage durchlaufen hat, werden in dieser Anlage in einem letzten Schritt beispielsweise Medikamentenrückstände entfernt, bevor das Wasser wieder in den Fluss gelangt. Gleich daneben hat das ewz das Abwärmenutzungsgebäude (AWN-Gebäude) in einer Vorinvestition erstellt. In der Halle hallt es wie in einem Wasserreservoir. «Selbst in der kältesten Jahreszeit beträgt die Temperatur des gereinigten Abwassers etwa zwölf Grad», sagt Leumann. «Im Wärmetauscher wird dem Wasser Energie in Form von Wärme entzogen, etwa zehn Grad Celcius. Ein Teil des gereinigten Abwassers wird vom Auslaufkanal zum AWN-Gebäude geleitet, dort wird dem gereinigten Abwasser über den Wärmetauscher Wärme entzogen und das gereinigte Abwasser wieder zurück in den Auslaufkanal des Klärwerks geleitet. Der Auslaufkanal wird dann in die Limmat geleitet. Die so gewonnene Energie gelangt nun über einen mit Wasser betriebenen Zwischenkreis, das sogenannte Anergieleitungsnetz, in die Energiezentrale, wo es mit einer Wärmepumpe auf 60 bis 70 Grad erhitzt wird. Dazu benötigt man Strom. Das Verhältnis von Strom zu gewonnener Energie liegt bei eins zu vier, das bedeutet, mit einem Teil Strom können vier Teile Nutzwärme produziert werden. In die Energiezentrale, die den Hönggerberg versorgen wird, wird ausserdem eine Leitung gelegt, die rund 70 Grad heisse Rest-Abwärme aus der Klärschlammverwertungsanlage sowie zusätzliche Abwärme mit rund 50 Grad aus der Abgaskondensation derselben Anlage zuführt.
Die so produzierte Wärme wird über ein ebenfalls geschlossenes Fernwärmenetz zu den Kund*innen gebracht. Diese heizen ihre Gebäude damit oder füllen wahlweise auch ihren Heisswasservorrat. Das abgekühlte Wasser fliesst wieder zurück in die Energiezentrale, wo es erneut aufgewärmt wird, und so weiter. Parallel dazu wird ein Fernkältenetz im Dienstleistungsgebiet zwischen der Bahnlinie und der Autobahn ausgebaut. Kunden, die ihre Büros kühlen wollen, können die Klimakälte beim ewz bestellen.
Von der Limmat hoch zum Rütihof
Vom Klärwerk führen die Fernwärmeleitungen unter der Limmat hindurch bis zum Pflegezentrum Bombach. Die Pläne sind noch nicht definitiv, aber es kann gesagt werden, dass die Leitungen, wenn immer möglich, den Strassen entlang gelegt werden. So führen die stark isolierten Rohre der Hauptleitung auf dem provisorischen Plan die Frankentalstrasse hinauf, unter einem Feld hindurch, der Riedhofstrasse entlang und links über einen Feldweg zum Rütihof hinauf. «Die Bauarbeiten werden in enger Koordination mit dem Tiefbauamt der Stadt Zürich (TAZ) durchgeführt», sagt Marie Oswald, Pressesprecherin des ewz. «Ziel ist, den Leitungsbau mit anderen Bauplänen zu koordinieren, um das Baustellenaufkommen einzugrenzen». Das werde nicht in 100 Prozent der Fälle möglich sein, aber man versuche sich, so gut wie möglich abzustimmen. Diese Koordination könnte in Höngg vergleichsweise einfach ablaufen, wohingegen in Altstetten mit der sich im Bau befindenden Limmattalbahn und anderen gleichzeitig zu realisierenden Projekten einige Herausforderungen auf die Ämter zukommen dürften.
Von den Hauptleitungen aus wird die Wärme in die Häuser verteilt. «Das Anschliessen der Häuser dauert voraussichtlich zwei bis drei Wochen», erklärt Leumann. Dies deshalb, weil einige aufwendige Arbeiten zu erledigen sind: Nach dem Ausheben des Grabens werden zwei Leitungen verlegt und verschweisst. Die Schweissnähte werden mit einer Muffe, einer Art Mantel, extra isoliert. In dieser befinden sich zwei Drähte, anhand derer man ein allfälliges Leck schnell lokalisieren kann. Dann wird ein Teil der Schweissnähte geröntgt und der gesamte Leitungsabschnitt mit Luft gefüllt, ähnlich wie bei einem Fahrradpneu, um zu sehen, ob irgendwo noch eine undichte Stelle ist. Erst dann wird der Graben wieder zugeschüttet. Über zwei Löcher in der Wand führen die Leitungen ins Haus, dort wird – immer noch durch das ewz – eine Wärmeübergabestation eingebaut. Es handelt sich um einen Wärmetauscher im Kleinformat. Dort wird das 70 Grad warme Wasser in das geschlossene Heizungssystem des Kunden angeliefert, das abgekühlte Wasser fliesst zurück.
Und wer kommt überhaupt in den Genuss der ökologischen Wärme? «Der von uns festgelegte Perimeter wurde möglichst nah an die Quelle gelegt, um den Energieverlust zu minimieren», sagt Leumann, «ausserdem sind Einfamilienhaus-Quartiere wirtschaftlich schwierig zu erschliessen». Entsprechend führen die Leitungen durch dichter bebaute Quartiere mit Mehrfamilienhäusern und grösseren Gebäuden. 2017 hatte das ewz damit begonnen, Kunden im Gebiet Altstetten Nord und Höngg anzuschreiben und über die Wärmelieferung zu informieren. Unter dem Vorbehalt, dass die Abstimmung auch angenommen wird, wurden erste Verträge abgeschlossen. Bereits im Frühjahr 2018 hatten sich genug potenzielle Kund*innen gefunden, um einen kostendeckenden Betrieb auf 30 Jahre zu gewährleisten. Bis zum 1. Oktober 2020 soll die erste Etappe soweit beendet sein, dass die ersten Gebäude angeschlossen werden können. Im Herbst 2021 sollen die Arbeiten schliesslich abgeschlossen sein, der genaue Zeitpunkt hängt jedoch von der Koordination mit dem Tiefbauamt ab. Weitere lokale Leitungsbauten werden schliesslich nötig sein, um weitere Kunden anzuschliessen.
75 Prozent CO2 neutrale Wärme soll der Energieverbund liefern können, die Spitzenlasten sollen mit fossilen Energieträgern abgedeckt werden. Wäre auch eine Abdeckung der Spitzenlast der Fernwärmeversorgung ohne fossile Energieträger, wie es ein Postulat im April 2018 forderte, denkbar? «Um 100 Prozent erneuerbar zu sein, könnte man theoretisch in diesem Fall nur das gereinigte Abwasser, Holzschnitzel oder Biogas nutzen», meint Leumann, «wirtschaftlich wäre es allerdings nicht und wir müssten auch für die Endkundinnen und -kunden einen viel höheren Preis für die Wärmelieferung verlangen».Wieso ewz und nicht ERZ?
ERZ, ewz, Energieverbund, Wärme Zürich: Wieso hat eigentlich das ewz den Lead für das Projekt, und nicht Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ), der das Klärwerk angehört und die bereits Fernwärme anbietet? «ERZ bietet über ihre Firma ‹Wärme Zürich› zwar bereits Fernwärme an, diese bezieht sie aber aus der überschüssigen Abwärme der Kehrichtverbrennungsanlagen Hagenholz und Josefstrasse und verteilt sie direkt über ihr Hochdrucknetz», erklärt Pascal Leumann. «Der Unterschied ist, dass der Energieverbund Altstetten auf der Nutzung von gereinigtem Abwasser gründet und mit Wärmepumpen arbeitet. Das ist schlicht nicht das Kerngebiet des ERZ, wohingegen das ewz in diesem Bereich auf rund 20 Jahre Erfahrung zurückgreifen kann». Unter anderem betreibt das ewz seit zehn Jahren den Energieverbund Schlieren. Da die Fernwärme-Anlagen aber auf dem Areal des Klärwerks stehen und auch von vorhandenen Produkten wie Abwärme aus der Klärschlammverwertungsanlage profitieren werden, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Stellen unabdingbar. Inwiefern die Stadt die verschiedenen Anbieter der Übersicht halber einmal unter ein gemeinsames Dach nimmt, ist Bestandteil der politischen Diskussion. Der Stadtrat berät zurzeit darüber, wie eine Dachstrategie aus Eigentümersicht zur Organisation der städtischen Energieversorger aussehen könnte.
-
Corinna Polke in den Redaktionsräumen des «Hönggers»
Corinna Polke wurde in Zürich geboren, wuchs in Höngg auf und wohnt noch immer auf dem Hönggerberg. Natur spielt für die Künstlerin eine wichtige Rolle, ihr Garten, der Wald und die Wiesen auf dem Hönggerberg liefern ihr die schönsten Fotosujets. In häufigen Spaziergängen und während sportlicher Aktivitäten auf dem Hausberg hat sie sich mit ihm vertraut gemacht. Besonders zu den Bäumen hat sie eine tiefe, fast persönliche Beziehung. Gerade im Winter zeigt sich deren Charakteristik wie Fingerabdrücke, sie werden zu Individuen, fast wie Menschen, jeder anders und einzigartig mit seinem Muster. So hat sie einige charakteristische Bäume festgehalten.
Kunstschaffen liegt in der Familie
Durch Polkes Grossmutter väterlicherseits kamen die Kunstgene in die Familie. Zwei der Söhne wurden bekannte Künstler, einer davon Sigmur Polke. So hatte die Kunst in Polkes Familie schon immer einen grossen Stellenwert: Vater Reinhard Polke betreibt in Zürich eine Galerie, genannt «Feldegg93». Selber zeichnete Corinna Polke schon als Kind viel und leidenschaftlich und erfüllte sich nach der Lehrerausbildung und einiger Jahre Lehrtätigkeit schliesslich einen Kindheitstraum: Sie schloss den Vorkurs an der HdKZ, heute ZHdK, mit anschliessender Fachklasse für Werken, Kunst und Gestaltung ab. Es folgten diverse Ausstellungen, während sie gleichzeitig im Teilpensum als Lehrerin arbeitete und Kurse für Erwachsene anbot. Seit rund 15 Jahren besucht sie ein Druckatelier «Dranbleiben» und setzt ihre Motive in die verschiedenen Tiefdruckverfahren um. Eine Auswahl dieser Druckgrafiken zum Thema «Winter» und «Bäume» sind nun in der Ausstellung in den Redaktionsräumen des «Hönggers» zu sehen. «Die Bäume sind zwar naturalistisch, aber durch Druck und Farbgebung verändert, zum Beispiel in die Nacht gesetzt, vom Mond beleuchtet, oder geheimnisvoll in schneiender Nacht glitzernd», erklärt sie ihre Werke. «Ich setzte um, was mir nahe ist, mich umgibt, halte Erlebnisse und Eindrücke fest», sagt Polke. Manchmal arbeite sie aber ganz gern auch experimentell abstrakt.
Besonders angetan hat es Polke die Technik «Chine collé». «Sie ermöglicht es mir, meine gefertigten Platten mit meinen Fotos und anderen Bild- und Bunthintergründen frei zu kombinieren, was viele spannende Möglichkeiten eröffnet», erzählt Polke.
Zu sehen sind Corinna Polkes Werke vom 17. Januar bis Mitte April, jeweils zwischen 9 und 17 Uhr, in den Redaktionsräumen der Quartierzeitung Höngg, Meierhofplatz 2. Die Vernissage findet am 17. Januar um 17 Uhr bis zirka 21 Uhr statt.
-

Fernwärme in greifbarer Nähe
2008 haben die Zürcher Stimmberechtigten der Verankerung der Nachhaltigkeit und der 2000-Watt-Gesellschaft mit 76,4 Prozent zugestimmt. Damit beauftragten sie die Stadt, sich insbesondere für die Reduktion des CO2-Ausstosses und die Förderung der Energieeffizienz und erneuerbarer Energiequellen einzusetzen. Der geplante «Energieverbund Altstetten», welcher Altstetten und Teile von Höngg umfasst, soll dazu beitragen, diese Ziele zu erreichen. Heute werden die beiden Quartiere weitgehend über das Gasnetz mit Wärme versorgt. Dieses soll mittel- bis langfristig durch Fernwärme ersetzt werden, welche aus dem gereinigten Abwasser des Klärwerks Werdhölzli gespiesen wird. Zusätzlich verbrennt ERZ im Werdhölzli den gesamten Klärschlamm aus Stadt und Kanton Zürich. Ein Teil der Abwärme kann vom Energieverbund als zusätzliche Energiequelle genutzt werden. Zurzeit werden erst rund 15 Prozent des Energiepotenzials des Klärwerks genutzt, die 70 angeschlossenen Liegenschaften sparen im Jahr 3,4 Millionen Liter Heizöl, was einer CO2-Reduktion von 8310 Tonnen entspricht. Angestrebt wird eine Fernwärmeerschliessung von 30’000 Haushalten und eine damit einhergehende CO2-Verminderung von 30’000 Tonnen.
2016 bewilligte die Stadt einen Objektkredit in der Höhe von 1,96 Millionen, um im Zuge eines Ausbaus im Klärwerk Werdhölzli die Infrastruktur für einen Energieverbund bereitzustellen. Ausserdem erstellte das ewz ein Gebäude zur Verwertung von Abwärme, um die «Synergien mit dem Erweiterungsbau der ERZ zu nutzen», wie es in der Abstimmungszeitung heisst.
Wird die Vorlage vom Stimmvolk angenommen, baut das ewz in einer ersten Etappe in Höngg und in Altstetten Nord, nördlich der Bahnlinie, einen Wärme- und Kälteverbund. Dafür konnten bereits genügend Eigentümer*innen von Gebäuden für einen Anschluss gewonnen werden, wie die Stadt bekannt gibt. Somit sei ein kostendeckender Betrieb gewährleistet. Die ersten Liegenschaften sollen ab 2020 über den Energieverbund mit Fernwärme versorgt werden. Der Kälteverbund wird in dieser Etappe nur in Altstetten Nord zwischen Autobahn und Bahngleisen gebaut. Auch die neue Eishockey- und Sportarena soll vom Energieverbund Altstetten versorgt werden.Verdichtung des Fernwärmenetzes und Ausbau der Anergieleitung*
In einer zweiten Etappe wird das Netz entsprechend der Nachfrage verdichtet. Der Anschluss ist freiwillig, die Preise sollen für das ganze Verbandsgebiet einheitlich gestaltet werden. In der dritten Etappe wird schliesslich die Anergieleitung vom Werdhölzli zum bestehenden ewz-Energieverbund Flurstrasse verlängert. Dies als Voraussetzung für künftige Etappen, in denen die Gebiete Altstetten-Mitte und -Süd erschlossen werden sollen. Diese sind von dieser Abstimmung nicht betroffen und werden separat durch die zuständigen städtischen Stellen bewilligt. Dies sind: das ewz, ERZ, das Tiefbauamt und die Energie 360° AG. Letztere versorgt heute einen Grossteil der Liegenschaften in Altstetten und Höngg über das Gasnetz mit Wärme, will sich aber zurückziehen, sobald die Versorgung über Fernwärme gewährleistet ist. Die Gasversorgung soll jedoch noch mindestens 15 Jahre sichergestellt sein.
Gemeinderat hat Vorlage klar angenommen
Am 14. November 2018 hat der Gemeinderat der Vorlage mit 101 zu 14 Stimmen zugestimmt. Einzig die SVP lehnt den Kredit «Energieverbund Altstetten» gänzlich ab. Sie fände die Nutzung von Abwasser zur Gewinnung von Heizwärme zwar grundsätzlich sinnvoll, sieht darin aber ein Hochrisikogeschäft. Sie bezweifelt, dass sich genügend interessierte Haushalte im Gebiet finden lassen, da Heizöl und Gas noch immer günstiger seien. Solche Risiken sollte ihrer Meinung nach nicht der Steuerzahler tragen, sondern eine private Betreibergesellschaft. Die Gründung einer Aktiengesellschaft als gemeinsames Unternehmen des ewz und der Energie 360° AG hatte der Gemeinderat in einer früheren Abstimmung jedoch abgelehnt. Während die übrigen Parteien das Projekt als Teil der Umsetzung der Energieplanung der Stadt Zürich anerkennen und auch die Nutzung von bereits vorhandenen und aktuell brachliegenden Energiequellen befürworten, schliessen auch sie, je nach politischer Färbung, potentielle Schwierigkeiten nicht aus. So sieht die FDP das mögliche Risiko, dass bei schlechter Kundenakquisition keine Amortisation der Kosten gelingt. Weiter kommen die generellen Risiken beim Bau von Grossprojekten hinzu, wie beispielsweise unvorhergesehene Probleme, welche zu zusätzlichen Kosten führen. Ausserdem müssten bei einer Ablehnung der Vorlage bereits getätigte Vorinvestitionen abgeschrieben werden. Die FDP stellt sich gegen einen Anschlusszwang und eine ökonomisch nicht sinnvolle Abdeckung der Spitzenlasten (rund 25 Prozent der Gesamtenergie) durch CO2-neutrale Quellen (Maximalforderungen). Beides ist jedoch gemäss Abstimmungsvorlage auch nicht vorgesehen. Für die Grünen ist offen, ob der «Energieverbund Altstetten und Höngg-West» in Zukunft nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben werden kann, da zurzeit unklar ist, wie sich die ganze Energiepreis-Thematik weiterentwickelt und welche Grundlagen zur Berechnung der Wirtschaftlichkeit beigezogen werden. Die Kosten von 130 Millionen werden von glp kritisch betrachtet. Das Verhältnis zwischen ewz und Energie 360° sei ausserdem weiterhin unklar, auch wenn die Koordination in diesem Projekt gewährleistet ist. Ausserdem könnten die mit dem Projekt verbundenen Bauarbeiten für die Anwohner zumindest zwischenzeitlich zu Unannehmlichkeiten führen. Auf Anfrage äusserte sich der Hauseigentümer Verband Zürich (HEV) grundsätzlich positiv gegenüber dem Projekt, weil eine bereits vorhandene Energie genutzt und das Heizen mit Öl oder Gas reduziert, wenn nicht sogar ersetzt werden könne. Wichtig seien dem HEV, dass kein Bezugszwang entstehe und über einen Ersatz von Gas durch Fernwärme rechtzeitig und umfassend informiert werde. Schliesslich sollen sich die Kosten für die Fernwärme im Rahmen der anderen Energieträger bewegen und allfällige Verluste nicht an den Steuerzahler übertragen werden.
*Anergie
Exergie bezeichnet den Anteil der Energie eines Systems, welcher Arbeit leisten kann. Anergie ist nun der Gegenbegriff hierzu – also Energie, die keine Arbeit leisten kann. (…) Wenn Wärme beispielsweise in Form heissen Wassers in einer Fernwärmeleitung geliefert wird, dann kann diese Energielieferung gedanklich in Exergie und Anergie aufgeteilt werden. Der Exergieanteil ist die Menge elektrischer Energie, die man theoretisch mit einer perfekten Wärmekraftmaschine gewinnen könnte – wobei als zweites Temperaturniveau zum Beispiel die Temperatur der Aussenluft verwendet wird. Die Menge von Anergie wäre dann die gesamte gelieferte Energiemenge abzüglich der Menge von Exergie.
Quelle: https://www.energie-lexikon.infoMehr zum Thema in der Ausgabe vom 24. Januar. Unter anderem besucht der «Höngger» die Kläranlage Werhölzli.
-

Vereinsleben im Hönggerwald
Im Hönggerwald tummeln sich allerlei Lebewesen. Über den Laubboden rascheln Mäuse, Kröten und Igel, auf den Bäumen turnen flinke Eichhörnchen und durch die Luft ziehen Vögel auf der Suche nach Insekten. Spaziergänger*innen zotteln hinter ihren Hunden her, Jogger*innen schlagen grazile Rehe in die Flucht. Auch Füchse und sogar Wildschweine gibt es hier. So weit, so gut, aber die Liste ist damit noch lange nicht erschöpft.
Waldpädagogik in Höngg
Dass man im Wald zur Schule gehen kann, mag wohl die eine oder andere Leser*in erstaunen, aber gerade hier ist das Angebot sehr breit. Schon ab zweieinhalb Jahren können Kinder in Höngg die Waldspielgruppe Wurzelstufe besuchen oder mit ihren Eltern in der Wildkräuter-Feuerküche im Freien kochen. Beim Freien Chindsgi Hönggerberg ist schon seit jeher der Mittwoch Waldtag. Die Kinder seien bei jedem Wetter draussen und bräteln am Mittag zusammen, erzählt Leiter Thomas Hümbeli. «Ziel ist, dass sich die Kinder in der Natur Kompetenzen aneignen, die sie sonst im Chindsgi eher nicht bekommen», sagt er. So gehe es etwa darum, Empathie mit Pflanzen und Tieren zu lernen, zum Beispiel dafür, wie Pilze und Bäume Symbiosen eingehen. Im Wald seien die Kinder auch freier, sie müssen nicht «stillhöckle», wie sonst im schulischen Umfeld.
Dass das Sein in der Natur sich positiv auf die Kindesentwicklung ausübt, ist auch der Grundgedanke bei den Waldchind Züri, wo Kinder ab vier Jahren und bis zur zweiten Primarschule im Wald lernen, bevor sie in eine reguläre Schule übertreten. Für jedes Kind wird auf Basis des kantonal festgelegten Kindergarten- und Schulstoffs ein Semesterförderplan ausgearbeitet, aber auch fürs freie Spiel und das Kennenlernen des Waldes bleibt viel Zeit. Gelernt wird an verschiedenen Plätzen, Znüni und Zmittag essen die Kinder alle gemeinsam. Unterrichtet wird generell im Wald, aber im Winter steht für den Fall der Fälle ein beheizter Raum zur Verfügung.
«Normale» Schulen nutzen den Wald ebenfalls, zum Beispiel für Ausflüge oder Projektwochen. Ausserdem bietet Grün Stadt Zürich einen Waldputztag an, für den Lehrer*innen ihre Klassen anmelden können – ein Angebot, das in Höngg seit Jahren regelmässig genutzt wird.Feuermachen und Radfahren
Auch Jugendliche sind oft im Wald unterwegs. Die Pfadi und die Cevi sind an vielen Samstagen dort anzutreffen und sie nutzen den Wald vielfältig, indem sie etwa mit Naturmaterialien basteln, Geländespiele durchführen, Kochwettbewerbe veranstalten, Verstecken spielen oder an Gruppenplätzen bauen. Dabei gilt das altbekannte Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Ausrüstung. Das einzige, was Pfadis und Cevis gleichermassen schwerfällt, ist das Feueranzünden im Platzregen. Aber wem das nicht so geht, werfe den ersten Stein – und klappen tut es am Schluss trotzdem immer.
Etwas weniger wetterfest – was man ihm freilich nicht vorwerfen kann – ist der Radfahrverein Höngg. Gegen 25 junge Radfahrer*innen zwischen sechs und 13 Jahren fahren montags im Velo-Lukas-Biketeam durch den Wald, zusammen mit über 40 Kindern aus Niederglatt. Das letzte Mal draussen waren sie kurz nach den Herbstferien. Gemeinsam mit den Eltern wurde zum Saisonausklang gebrätelt. Jetzt, wo der Winter kommt und es abends schnell dunkel und kalt wird, biken sie in der Turnhalle, bis der Frühling wiederkehrt.Mensch- und Tierwohl im Wald
Der Natur- und Vogelschutzverein nutzt den Wald vor allem fürs Beobachten. Darüber hinaus führt er dort immer wieder Veranstaltungen durch. Zuletzt konnten Interessierte auf einem Naturspaziergang die Pilzvielfalt kennenlernen, und erst vor ein paar Wochen fand die allherbstliche Kontrolle der rund 120 Nistkästen statt, die der Verein für die Waldvögel aufgestellt hat. Auch nachts sind die Vereinsmitglieder manchmal unterwegs, zuletzt im Sommer, als sie sich spätabends zum Granatweiher aufmachten, wo der nachtaktive Glögglifrosch lebt. Es naht auch schon die Waldweihnacht, die immer zusammen mit dem Quartierverein durchgeführt wird.
Und was wäre der Wald ohne die vielen roten Bänklein, die dort zum Ausruhen einladen? Regelmässig werden sie vom Verschönerungsverein gepflegt, von Graffitis gereinigt, mit neuem Kies umstreut, von Heckengewucher befreit. Dafür seien zwei Personen zuständig, erzählt Vereinspräsident Ruedi Zweifel. Wer möchte, kann übrigens selbst aktiv werden und den Wald mitverschönern. Zweimal im Jahr findet ein Arbeitstag statt; kürzlich wurde die Findlingsanlage vom Laub befreit, der nächste Tag steht im Juni an.
Die Wildschweine und Mäuse rascheln also nicht allein über den Blätterboden des Hönggerwalds. Aber wer hätte geahnt, dass dort derart viele Höngger*innen aktiv sind?Eingesandt von Anne-Christine Schindler
-

Hinter den Kulissen der Kunst
Schon beim Betreten des ehemaligen Bauernhofes konnte man viele der ausgestellten Skulpturen entdecken. Einige aus Stein, andere aus Stahl oder Eisen gefertigt. Alle in diversen Grössen, Formen und Farben, die Einzelstücke an sich jedoch schlicht gehalten, verliehen sie dem Platz eine kreative Energie. Seit vielen Jahren, genauer gesagt seit 1988, arbeiten der Bildhauer, Eisen- und Bronzeplastiker Willy Wimpfheimer und der Steinbildhauer Thomas Blumer, Seite an Seite im Atelier am Lebristweg. Am 24. November luden sie kunstinteressierte Menschen dazu ein, sich bei ihnen umzusehen, ihre Werke zu begutachten und es sich am Feuer, mit einem Bier oder einem Glas Wein, gemütlich zu machen. Auf den Tischen ausgelegt fand man neben kleinen und grossen Flaschen süsse Kuchen, Früchte und Salziges – für jede Tageszeit etwas Passendes. Die Türen des Ateliers standen nämlich vom frühen Nachmittag an für die Besucher*innen offen und wurden erst um Mitternacht wieder geschlossen. So viel Zeit musste sein, denn es gab auch wahrlich viel zu entdecken.
Im Künstlerchaos
Die Räume des Arbeitsplatzes der beiden Künstler liegen in ehemaligen Stallungen und erinnern teilweise noch an diese. Laut Thomas Blumer könne man heute manchmal noch die Tiere riechen, obwohl sein Partner, Willy Wimpfheimer, sich bereits vor 47 Jahren in den Räumen eingerichtet hat. Dessen ausgestellte Werke aus Eisen, liessen den Betrachter verblüfft über die Formbarkeit des sonst so unbiegsamen Werkstoffs zurück. Im Inneren der Werkstatt kam man dann aus dem Staunen nicht mehr heraus, die gesamte Tisch- und Regalfläche war übersät mit Werkzeug, unverarbeiteten Materialien, Sprühdosen und verirrten Weinflaschen. Das Gesamtbild lud dazu ein, sich selbst mit den Händen an einem noch ungeformten Rohmaterial zu versuchen und daraus etwas Einzigartiges zu schaffen. Man bekam Lust darauf, ebenfalls kreativ zu werden. Der «Höngger» bezeichnete das Atelier einst als «Künstlerkosmos», als das Universum von Willy Wimpfheimer und Thomas Blumer. Dies trifft es auch heute noch. In einem kleinen Ausstellungsraum, ganz in Weiss gehalten, fanden sich die Steinskulpturen von Thomas Blumer. Ein alter Holzofen und eine kleine Künstlerecke verliehen dem Raum einen persönlichen Charme.
Kunst, für Augen und Ohren
Im oberen Stock, anscheinend dem früheren Heuboden, betrat man einen Rückzugsort mit Bücherregal und Sitzgelegenheiten, in einer Ecke warteten ein Elektropiano und ein Kontrabass darauf, die Gäste mit Jazzklängen zu erfreuen. Gespielt wurden sie von einem Duo, bestehend aus Guolf Juvalta und Andreas Graf. So liess man den Abend ausklingen, Augen und Ohren «kunstgesättigt», der Geist inspiriert.
Einblicke in die Arbeit der beiden Künstler und Handwerker:
https://www.plastiker.ch/mitglieder/willy-wimpfheimer/
http://www.skulpt.ch/ -

Im Wald geht es immer auch um den Menschen
Erwin Nüesch hat einen Händedruck, den man nicht so leicht vergisst. Starke Finger umschliessen die Hand und ganz sicher könnten sie die Knochen darin ohne Anstrengung zersplittern lassen. Der Wildhüter braucht Kraft, schliesslich ist er manchmal auch Metzger. Doch dazu später.
Wildhüter ist eigentlich die falsche Bezeichnung. Richtig heisst es «Wildschonrevieraufseher» und der Weg zu diesem Titel ist kein Spaziergang: Fünf Jahre dauert die interkantonale Wildhüterausbildung, die mit der eidgenössischen Berufsprüfung endet. Wer die Ausbildung antreten will, muss bereits über fünf Jahre Berufserfahrung im Feld verfügen. Dass die Jagd- und Jagdaufseherprüfung Voraussetzung sind, ist selbstredend. In der ganzen Schweiz gibt es aktuell nur 72 vollamtlich angestellte Wildhüter – vier davon in der Stadt Zürich. «Die Bewirtschaftung und das Wildmanagement sind sehr anspruchsvolle Aufgaben», sagt Erwin Nüesch, seit 20 Jahren Aufseher des Wildschonreviers Nord. Wer nicht gut ausgebildet ist, kann grossen Schaden anrichten. Zum Beispiel, wenn er aus einer Kolonie Steinböcke oder Gämsen das falsche Tier rausnimmt. Oder einen gesunden Fuchs tötet, der lebend dafür sorgt, dass der Mäusebestand nicht zu gross wird.Ja, das Töten von Wildtieren ist ein Bestandteil der Arbeit eines Wildschonrevieraufsehers. Sei es, um verunfallte oder kranke Tiere von ihrem Leid zu erlösen, oder um die Überpopulation einer Art zu verhindern. «Die wenigsten Tiere in diesem Gebiet haben einen natürlichen Feind, da die Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette, wie Wolf, Bär oder Luchs, fehlen», erklärt Nüesch. Zürich ist die Stadt mit der grössten Fuchsdichte in Europa, «es gibt hier Füchse, die noch nie einen Wald gesehen haben». Eine wilde Jagd auf einem so dicht besiedelten Gebiet ist zu gefährlich, das hat man früh erkannt und die Stadt, bis auf drei Regionen an den Rändern, zum Wildschonrevier erklärt. Auf diesem Gebiet sind die Wildhüter die einzigen, die ein Tier erlegen dürfen. Nüesch spricht nicht davon, Tiere zu erschiessen, sondern nennt es «dem Tier einen Schuss antragen». Auch sonst sei die Sprache der Jagd eine blumige: Man schickt das Tier in die «ewigen Jagdgründe» und es gibt Jagdhornlieder, die er zu Hause spielt, er hat sie in «Für das Reh» oder «Für die Sau» umgetauft. Obwohl er von Gesetzes wegen die Erlaubnis hat, Nachtzielgerät und Wärmekamera einzusetzen, nutzt er diese Hilfsmittel wenn möglich nicht, «jedes Tier soll das Recht haben, flüchten zu können», meint er. Wenn er eines erlegt hat, zeichnet er es mit einem Zweiglein und auch er und sein Hund kriegen «den letztem Bruch», ein abgebrochenes Tannenzweiglein. «Das klingt für manche seltsam, ist für mich aber ein wichtiges Ritual», sagt der Wildhüter. «Die ursprüngliche Idee dahinter ist, dass der Jäger für 24 Stunden gekennzeichnet wird. Sollte er einen Fehler begangen haben, der den Zorn der Natur auf die Stadt zieht, wird er bestraft und nicht die ganze Bevölkerung», erklärt er. Zöge also ein Unwetter über Höngg, würde nicht das Quartier verwüstet, sondern lediglich der Jäger vom Blitz getroffen. Nüesch ist kein gläubiger Mensch, aber der Gedanke, auf diese Weise Verantwortung zu übernehmen, entspricht ihm.
Danach folgt das Ausnehmen und Zerlegen oder Zerwirken des Kadavers, wofür er das Metzger-Handwerk beherrschen muss. Meist bringt er die Stücke ins Restaurant Grünwald, Wirt und Gäste schätzten es jeweils sehr, wenn es Wild vom Hönggerberg gäbe, meint Nüesch. Wie viele Tiere in einem Jahr erlegt werden müssen, hängt von den Unfall- und Verbisszahlen des Gebietes ab. Der Abschussplan, der auf den Wildzählungen im Frühling basiert, wird von der kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung geprüft, wenn nötig korrigiert und dann bewilligt. Die Zahlen sind für die Wildhüter verpflichtend. Würde man nun die Rehe sich selbst überlassen, wären die Bäume durch den Verbiss noch mehr unter Druck als sie es heute schon sind. Gleichzeitig soll es möglich bleiben, auf einem Spaziergang auch einmal ein Wildtier zu entdecken. Diese Balance zu finden und zu halten, ist eine der grossen Herausforderungen seiner Gilde.
Als Wildschonrevieraufseher begleitet Nüesch auch grosse Projekte, wie den Ausbau der Autobahn. Er berät die Stadt, damit Wildkorridore und Übergänge angelegt werden können und der Wildwechsel nicht unterbrochen wird. Die Tiere legen teilweise grosse Strecken zurück und ziehen über den Gubrist Richtung Bachsertal und weiter über die Lägern bis in den Jura.Anwalt der Tiere
Dass sein Job so vielseitig sein würde, hätte sich der frühere Berufsfeuerwehrmann selbst nicht ausgemalt: «Ich bin Metzger, Seelsorger, Wildhüter, Lehrer und manchmal ein bisschen Polizist», meint er. Die Menschen hätten vergessen, wie man mit Wildtieren umgeht, sie romantisierten sie. Besonders im Winter gäbe es immer wieder Leute, die das Gefühl hätten, man müsse die armen Füchse und Rehe füttern. Dabei gibt es in der Natur genügend Futter und die Tiere wissen, wie sie sich in dieser Jahreszeit verhalten müssen. Durch das Anfüttern gewöhnen sich die Tiere jedoch an die Menschen, Füchse werden handzahm, Wildsäue verirren sich bis in die Siedlungen, und irgendwann kommt es zu einer unangenehmen Situation. Wie kürzlich, als sich die Anwohner*innen nicht mehr zu ihrem Haus trauten, weil eine Rotte Wildsäue im Garten auf sie wartete. Sie hatten Essen aus dem Fenster geworfen und die Tiere damit angelockt. So wendet sich die falsch verstandene Tierliebe schnell in ihr Gegenteil, weil Tiere, wenn sie ihre natürliche Scheu verlieren und aufdringlich werden, erlegt werden müssen. Oft komme es auch vor, dass sogenannte Tierfreunde Rehe mit Esswaren füttern, an denen sie dann verenden. Er sehe sich als Anwalt der Tiere, meint Nüesch. Wenn jemand dumm genug sei, einer Wildsau mit dem Handy nachzurennen, um ein Selfie zu machen, dann sei es nicht die Schuld der Sau, wenn er am Ende verletzt werde. Natürlich liebt er Tiere auch und selbst wenn er pragmatisch ist, aus Stein ist er nicht. Obwohl er überzeugt ist, dass man keine Beziehung zum Wild aufbauen sollte, ist es ihm auch schon einmal passiert, dass er eine Art Freundschaft mit einem Rehbock geschlossen hat, der ihn täglich an derselben Stelle im Käferberg begrüsste. «Eines Tages habe ich bemerkt, dass er hinkt», erinnert sich Nüesch. «Ich wusste, ich musste ihn von seinen Schmerzen erlösen, aber ich konnte es nicht. Ein anderer Wildhüter musste die Aufgabe übernehmen».
Im Wald lebt die 24 Stunden Gesellschaft
Von der Dämmerung bis Sonnenuntergang, das seien seine Arbeitszeiten, nachts herrscht Hahn in Ruh. Sehr oft passieren aber die Unfälle nachts, dann rückt er natürlich auch aus, wenn er von der Polizei oder direkt vom Verunfallten kontaktiert wird. Obwohl er sich als Anwalt der Tiere sieht: Sein häufigster «Klient» ist mit Abstand der Mensch. Der Hönggerwald, so nah an der Autobahn und an der Stadt, beherbge eine 24-Stunden-Gesellschaft. Nachts verkehren hier Leute, denen man lieber nicht im Dunkeln begegnen will. In seiner Anfangszeit verging keine Woche, in der er nicht einen aufgebrochenen Tresor fand. «Der grösste wog über vier Tonnen, den müssen sie mit einem Lastwagen und einem Kranen dort deponiert haben», meint Nüesch. Es seien wohl Anfänger gewesen: Überall im Umkreis von 20 Metern lagen Münzen und Papierfetzen, meint er lachend. Der Wald ist aber auch Zufluchtsort für Menschen in schwierigen Situationen. In den vergangenen zwanzig Jahren sind ihm viele traurige, verrückte, aber auch interessante Schicksale begegnet. Eine suizidale Frau bat ihn einmal, sie doch mit seinem Gewehr zu erschiessen, einen anderen überredete er, sich nicht in einem Teich zu ertränkten. «Man muss erst mal zuhören, gar nicht viel sagen», sagt der grosse Mann. «In diesen Momenten konnte ich Schlimmeres verhindern, aber was später geschieht, liegt nicht mehr in meiner Hand. Solche Geschichten gehen mir lange nach, auch wenn ich in meinem Berufsleben schon viel gesehen habe», meint der Wildhüter nachdenklich.
Aufklärung ist die Lösung
Sorgen macht dem Wildschonrevieraufseher mit welcher Geschwindigkeit der Mensch die Natur verändert. «Der Lebensraum für die Wildtiere wird immer enger», beobachtet er. Das Reh lebte früher auf dem Feld und suchte sich nur die guten Gräser. Durch die dichte Besiedlung wird es aber in den Wald gedrängt, wo es junge Bäume frisst, was wiederum ein Problem für die Förster darstellt. «Wenn die Schäden überhandnehmen, müssen wir den Bestand reduzieren, was wiederum bei der Bevölkerung auf Unverständnis stösst. Mit Führungen und Schulkursen versuchen wir deshalb, die Leute aufzuklären, wie man der Natur Sorge trägt. Dieses Verständnis zu fördern, sehe ich als eine meiner Hauptaufgaben». Wenn Schulklassen zu ihm kommen, erklärt er ihnen, dass der Wald für die Tiere wie eine Wohnung sei, das können sie gut nachvollziehen. «Am Schönsten ist es für mich, wenn ich sehe, wie sie sich über das Gelernte austauschen und sich gegenseitig darauf aufmerksam machen, wenn sich jemand nicht richtig verhält. Dann weiss ich: Ich habe meine Arbeit gut gemacht».
-

Privatwald, ein Generationenprojekt
220,6 Hektaren Wald verteilen sich auf Höngger «Gemeindegebiet» auf dem Höngger- und dem Käferberg. Davon gehören auf dem Hönggerberg 23,7 ha und auf dem Käferberg 17,2 ha privaten Eigentümern oder Kooperationen. Der «Höngger» begab sich mit Schaggi Heusser IV., Höngger Landwirt und einer der grössten Privatwaldbesitzer des Quartiers, auf einen Rundgang durch den Käferberg-Wald. Mit dabei Hans Nikles, pensionierter Revierförster und bis vor einem Jahr vom Privatwaldverein Höngg/Affoltern als Förster angestellt. Heute hat Förster Emil Rhyner dieses Amt inne.
Ausgangspunkt des Rundgangs ist eine Stelle, die für eine Durchforstung vorbereitet wurde, wie sie alle rund acht Jahre stattfindet. Entlang des Weges und im Wald sind Bäume zur Fällung markiert. Die Parzellen der Privaten sind zum Teil sehr klein. Nur wer den Wald kennt, findet die Grenzmarkierungen. Doch manchmal müssen auch Heusser und Nikles genau hinschauen, damit das geschlagene Holz später auch dem richtigen Besitzer zugerechnet wird. Das kann, wenn auch selten, kompliziert sein: «Ich mag mich nur an einmal erinnern, da stand ein mächtiger Baum tatsächlich genau auf einer Grenze und musste unter den beiden Besitzern aufgeteilt werden», bei Neubepflanzungen werde deshalb ein Grenzabstand von einem Meter eingehalten, erzählt Nikles, der Schaggi Heusser IV. auch heute noch gerne zur Hand geht.Wald gehörte zum Hof
Zusammen betreuen sie die meisten der rund 48 Privatwaldbesitzer, die im Privatwaldverein Höngg/Affoltern zusammengeschlossen sind. Viele der Besitzer entstammen den alten Höngger Bauerngeschlechtern. «Früher hat Wald einfach zu einem Hof dazugehört», erzählt Nikles: «Im Winter, wenn die Arbeit der Bauern eher ruhte, begann die Arbeit im Wald, um Bau- und Brennholz zu gewinnen». Heute indes sind nur noch ganz wenige aktive Landwirte unter den Besitzern, die meisten anderen wollen oder können ihren Wald gar nicht mehr selber bewirtschaften. Aktiv betreut Heusser mit Unterstützung von Forstwart Felix Rutz und anderen Helfern viele Waldbesitzer, die ihren Wald nicht selber bewirtschaften können. Nur grössere Arbeiten werden an externe Unternehmen vergeben. Nikles: «Der Private ist sehr nahe beim Wald, es ist sein Wald – beim Staat oder in Kooperationen ist diese Nähe naturgemäss weniger vorhanden». Dieses Jahr ist es vor allem Käferholz, das geschlagen werden muss, denn der trockene Sommer hat dem Wald drei Generationen Borkenkäfer beschert. Die Schäden sind unübersehbar und das Holz muss so schnell wie möglich aus dem Wald, um eine weitere Ausbreitung des Schädlings zumindest einzuschränken.
Kaum kostendeckende Erträge
Das Holz, das nach dem Käferbefall von einem bläulichen Pilz befallen wird, dient noch als Bau-, manchmal auch nur noch als Brennholz. Bescheidene 50 Franken löst man aktuell für den Kubikmeter transportbereites Käferholz bei Sägereien oder Holzhändlern, mit denen man seit Jahren kooperiert. In den 1980er-Jahren waren die Preise fast doppelt so hoch.
Der Ertrag geht an die Besitzer, doch seit einigen Jahren ist die Bewirtschaftung des Waldes kaum noch kostendeckend. Nur durch Rationalisierung und den Einsatz von Vollerntern – Maschinen, die einen Baum festhalten, umsägen, entasten und gleich in Stücke sägen – liesse sich noch etwas herausholen, doch dafür sind die in den Privatwäldern zu schlagenden Mengen oft zu klein. Die Öffentlichkeit begegnet den Vollerntern mit Skepsis, doch die Fachleute verteidigen sie: «Man muss ihnen zwar etwas breitere Wege in den Wald freihalten als für Arbeiten mit dem Traktor, sogenannte Rückegassen, doch die sind innert wenigen Jahren durch den Jungwuchs kaum mehr zu erkennen», so Heusser, und Nikles fügt an, dass Vollernter insgesamt beim Holzschlag schonender seien, da die von ihnen gefällten Bäume im umliegenden Wald gezielter fallen.
Wer sich achtet, entdeckt im Wald tatsächlich rund alle 30 Meter solche Rückegassen in unterschiedlichen Bewachsungsstadien. Nur auf ihnen darf überhaupt mit Maschinen aller Art in den Wald gefahren werden, auch die privaten Waldbesitzer sind diesem Standard verpflichtet.Doch zurück zu dem für eine Durchforstung vorbereiteten Waldteil. Nikles’ geübtes Auge entdeckt schnell noch einige weitere Rottannen, die vom Borkenkäfer befallen sind und noch nicht markiert wurden. Heusser merkt sie sich für die Arbeiten am folgenden Samstag vor. Dann werden auch andere schlecht gewachsene oder kranke Bäume gefällt. So wird der Wald aufgelichtet, die guten Bäume und der Jungwuchs erhalten mehr Licht – und so entsteht auch ein Dauerwald mit einer erkennbaren Stufung, vom Jungwuchs in den unteren und mittleren Schichten bis zu den hohen Bäumen, in deren Schatten zum Beispiel Weisstannen und Buchen von selbst gut wachsen. Der Blick auf den Boden zeigt, dass die kleinen Tannen keimen wie wild – vorausgesetzt, der Boden ist nicht von Brombeeren überwachsen, was auf nährstoffreichem Boden unter zu viel Sonneneinstrahlung geschieht. Auch deshalb braucht das Fällen grosser Bäume Augenmass. Natürlich nachwachsen soll indes vor allem Laubholz und Weisstannen. Diese werden nicht vom Borkenkäfer befallen und sind weniger sturmanfällig als Rottannen. Die Zeiten der grossflächigen Monokulturen mit Rottannen, wie sie bis in die 1970er noch angepflanzt wurden, sind vorbei. Was davon heute noch steht, wird über die nächsten Jahrzehnte langsam aber sicher verschwinden und zu gut durchmischten Dauerwäldern werden.
Junge in Konkurrenz mit dem Wild
Bei Aufforstungen setzt man aber nicht nur auf den Jungwuchs, sondern setzt auch gezielt Bäume. Darunter Douglasie, eine Tannenart aus Nordamerika, die sich besser für das auch hier wärmer werdende Klima eignet. Doch bis sie gross genug sind, müssen die Schösslinge vor dem Verbiss durch Rehe geschützt werden. Die Stadtförster machen dies meistens mit Gattern, die man allenthalben auf dem Hönggerberg sieht. Die Privaten schützen die einzelnen Bäume eher mit Gitternetzen, bis sie der Frasshöhe des Wildes sicher entwachsen sind.
Man habe, so Heusser, speziell im Käferberg ein Problem mit dem Wild, der Frass-Druck sei gross. Weisstannen kämen ohne guten Schutz kaum hoch im hiesigen Wildschongebiet. An der Stadtgrenze beim Rütihof gehe es noch, doch je weiter in Richtung Käferberg, desto mehr Rehe habe es offenbar. Dass die Rehe mehr an Bäume gehen, hat auch damit zu tun, dass sie durch die vielen Menschen und Hunde im Wald immer mehr gestört werden und sich auf schnell verfügbare Nahrung «stürzen», anstatt irgendwo gemütlich Gras zu äsen. Baumschösslinge, Triebe und sogar die Rinde, die sie mit ihren Geweihen «fegen», also aufreissen und dann abfressen, bieten sich da geradezu an.Nachhaltigkeit als Generationenprojekt
Wie die Überführung von früheren Monokulturen in einen gesunden, dauerhaften Mischwald ein Generationenprojekt ist, so ist auch der private Waldbesitz eine Familientradition. Heusser war schon als Kind, damals noch mit dem Pferdefuhrwerk, fast jeden Samstag mit seinem Vater im Wald. Nicht immer zu seiner Freude, wie er gesteht. Als er später aber den Holzerkurs besuchte, fand er den Zugang. Der Wald fasziniert ihn bis heute, es sei eine andere Welt hier draussen in der Natur: Das Resultat der Arbeit zu sehen und über die Jahre zu beobachten, wie sich der Wald entwickelt. Und sich bewusst zu sein, dass er selbst von den meisten Bäumen, die er gross werden lässt, keinen Nutzen haben wird, sondern erst die nächsten Generationen – so wie er heute die Früchte der Arbeit seiner Vorfahren erntet. Ein langes Band der Verbundenheit spannt sich da durch den privaten Wald, von dem kaum je eine Parzelle auf den Markt gelangt. Auch Nikles bestätigt, dass die heutigen Waldbesitzer oft gerade an den Wäldern festhalten, weil schon ihre Grossväter diese bewirtschafteten. Damals sei Wald auch eine Art Notreserve gewesen: Stand auf dem Hof eine Investition an, trug der eine oder andere gute Baum aus dem eigenen Wald zur Finanzierung bei. So blieb Nachhaltigkeit, zum Schlagwort der Wirtschaft verkommen, im Wald noch konkret erlebbar. Heusser zeigt auf einen Waldabschnitt, wo an Rottannen die unteren Äste abgesägt werden. «Wertasten» heisst diese mit Leitern bis hoch hinauf ausgeführte Arbeit, weil so die Astlöcher minimiert werden und der Stamm als Furnierholz dienen kann, der wertvollsten Verarbeitungsmethode – doch auch diese Ernte wird nicht Schaggi Heusser der IV., sondern erst seine Nachkommen einfahren. Vorausgesetzt der Borkenkäfer oder ein Sturm kommen ihnen nicht zuvor.
Nutzen mit Verständnis
Wie aller Wald ist auch der Privatwald öffentlich zugänglich. Jederzeit, und das wird heute auch von teilweise kommerziellen Waldschulen genutzt. Eigentlich müssten die Waldbesitzer dafür um Bewilligungen angegangen werden, doch so lange – was meistens der Fall ist – die Nutzung schonend geschieht, sind die Besitzer gar nicht besonders interessiert, Bewilligungen erteilen zu müssen oder sogar Geld für die Nutzung zu erhalten, denn das würde sie möglicherweise in Haftungspflicht nehmen. Der Besitzer könnte zum Beispiel für Verletzungen und Schäden durch herunterfallende Äste haftbar gemacht werden. Mit der freien Nutzung ist der Benutzende selber haftbar und so lässt man die Waldschulen allgemein lieber machen.
Heusser fällt in den letzten Jahren aber etwas ganz anderes vermehrt auf: Mangelndes Verständnis der Leute für die Arbeiten im Wald. «Oft werden Warnschilder für Holzschlag missachtet, oder man wird sogar angefeindet. Man mache den Wald doch nur kaputt, anstatt ihn sich selbst zu überlassen», erzählt er. So wird er oft in Gespräche verwickelt, in denen er geduldig Auskunft gibt und erklärt, wie wichtig die Arbeit im Wald für alle ist, die ihn, den gesunden und ungefährlichen Wald, nutzen wollen. -

Die ETH im Wald
«Der Wald ist grundsätzlich für alle öffentlich zugänglich. Jeder kann also im Wald etwas beobachten.» Andreas Rudow, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Projektleiter und Dozent am Departement Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich, sitzt im Bistro des ETH-Campus Hönggerberg und nippt an seinem Kaffee. Eine Stunde hat er Zeit für das Gespräch. Dann geht es für ihn bereits auf in den Wald, wo er zusammen mit Unterrichtsassistenten die Übungen für die Studierenden vorbereitet.
Welchen Wald nutzt denn die ETH Zürich effektiv für ihre Forschungszwecke oder den Unterricht? Lange Zeit besass sie einen Lehrwald am Üetliberg, welchen sie selbst verwaltete. «Mein Studium fand noch zu etwa einem Drittel auf dem Üetliberg statt. Es gab auf der Waldegg auch Seminarräume, man lernte die praktischen Aspekte in den Bereichen Waldwachstum, Waldökologie, Waldbau und Vermessung kennen», erzählt Rudow. Nach dem Verkauf des Waldgebietes an die Stadt, findet dort weiterhin ein Teil des praktischen Unterrichts statt. Wegen der nahen Lage wurde auch der Hönggerbergwald schon immer für den Unterricht genutzt, Rudow gibt hier schon seit knapp zehn Jahren Gehölzkunde-Unterricht für Studierende der Umweltnaturwissenschaften und verwandter Studiengänge. Ausserdem wird die Umgebung des Campus Hönggerberg für den Unterricht in Pflanzenökologie genutzt. Seit zwei Jahren finden hier auch Biodiversitäts-Exkursionen zu den Organismengruppen Singvögel, Blütenpflanzen und Gräser statt.Versuche der ETH Zürich
Obwohl der Hönggerbergwald bisher eher geringfügig für die Forschung der ETH genutzt wurde, durfte er bereits Zeuge von Versuchen werden. In den 1980er-Jahren lancierte die damalige Professur Waldbau den sogenannten «Mittelwald-Versuch». Der früher bestehende Mittelwald im Hönggerbergwald wuchs mit der Zeit in einen Hochwald über, ein Bewirtschaftungsmodell mit Bäumen, die alle etwa gleich hoch sind. Das Ziel dieses Versuches war es, diesen wieder in einen Mittelwald zu überführen, als Mittelwald-Betrieb zu bewirtschaften und waldbauliche Zusammenhänge zu untersuchen. Dafür liess man einige der ehemaligen Mittelwald-Eichen stehen und legte dazwischen die Hauschicht frei. Eine der Versuchsfragen, welche bis heute noch nicht vollständig beantwortet werden konnte lautet: Wie hoch darf der mittlere Vorrat in der Hauschicht sein, das heisst, in welchen Abständen muss man diese schlagen, damit sich darin die Bäume der zukünftigen Oberschicht optimal entwickeln und aufwachsen können. Das Projekt wurde der Stadt übergeben und von dieser bis heute weitergeführt.
Wer hält dem Klimawandel stand?
Der Hönggerberg beherbergt auch einen alten Lärchen-Provenienzversuch. Dieser wurde 1947 als Teil eines internationalen Verbundprojekts von Forschern der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und der ETH Zürich angelegt. Der Grundgedanke dieses Versuches war es, herauszufinden, wie sich verschiedene Herkünfte der Gebirgsbaumart Lärche beim Anbau in Tieflagen verhalten. Um ihre Überlebenschancen zu erhöhen, muss eine Art genetisch divers sein und sich an verschiedene Situationen anpassen können. Um also die Reaktion der Lärche in Tieflagen zu erforschen, hat man Absaaten verschiedener Lärchen-Provenienzen aus ganz Europa genommen, aus den Karpaten, den Sudeten, den Alpen etc., und diese dann nebeneinander angepflanzt. Früher hatten solche Provenienzversuche primär das Ziel, den Anbau interessanter Wirtschaftsbaumarten für die Holzproduktion zu finden und zu optimieren. Im Zusammenhang mit dem Klimawandel dienen solche Provenienzversuche heute dazu, die Anpassungsfähigkeit der Baumarten und ihrer verschiedenen Provenienzen an prognostizierte wärmere und trockenere Bedingungen zu untersuchen.
Die Langfristigkeit als Normalfall
Wer mit dem Wald arbeitet, wird vielleicht nie das Ergebnis seiner Arbeit begutachten oder langfristig angelegte Forschungsfragen beantworten können. Doch Andreas Rudow sieht diese Langfristigkeit überall, auch in der Gesellschaft. «Menschheit an sich ist ein Generationenprojekt. Denken wir an unsere Kinder oder dereinstigen Enkel und Urenkel». Die heutige Welt sei stark durch die Ökonomisierung aller Lebensbereiche getrieben und auf kurzfristige Rendite ausgerichtet. Dabei vergesse man leicht, dass eigentlich diese Langfristigkeit den Normalfall darstellt. Die aktuelle Ökonomie sei so durch die Betriebswirtschaft getrieben, jedes Jahr müsse die Rendite der Investition vorliegen. Es fällt dann schwer, in Dinge zu investieren, bei denen das Ergebnis erst in zwanzig, fünfzig oder hundert Jahren sichtbar wird. Förster hingegen rutschen in ihrer Ausbildung schon relativ früh in diese Langfristperspektive hinein, diese gehöre zum Berufsethos. «In dieser Langfristperspektive ist es nicht der einzelne Baum, der so viel zählt, sondern das Gesamtbild, die Nachhaltigkeit in der Zeit.» Das sei das Entscheidende, erklärt Rudow.
Eine grosse Chance
Die Zukunft mag einige spannende Projekte und Überraschungen mit sich bringen, doch ein Projekt wird vielleicht schon sehr bald realisiert werden: Das ab 2019 auf dem Hönggerberg geplante «Waldlabor Zürich». Zu seinem 100-Jahr-Jubiläum möchte WaldZürich, der Verband der Waldeigentümer zusammen mit der Stadt Zürich, dem Kanton Zürich, mit der ETH Zürich, der WSL und dem Verband Zürcher Forstpersonal das Projekt «Waldlabor Zürich» realisieren. Das Waldlabor soll ein Erlebnis-, Lern- und Forschungsort für die Bevölkerung, Fachleute und kommende Generationen werden. Die genannten Institutionen sind zurzeit daran, eine Trägerorganisation aufzubauen.