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  • Die Gewalt aus dem Netz

    Die Gewalt aus dem Netz

    Im Einführungsartikel zum aktuellen Fokusthema «Medienkompetenz» (siehe Höngger vom 9. April) wurde aufgezeigt, wie und welche digitalen Medien von Jugendlichen genutzt werden. Eine kurze, nicht repräsentative Umfrage bei Schüler*innen der Oberstufe Lachenzelg ergab, dass die Jungen sich der Gefahren des Internets durchaus bewusst sind. Das Thema Mobbing, im virtuellen Raum Cybermobbing, Cyberbullying, Internet-, oder E-Mobbing genannt, ist allen bekannt. Was früher auf dem Pausenplatz passieren konnte, verlagert sich nun in die anonyme Welt des Internets: Eine Person wird über längere Zeit via WhatsApp, in Chatforen oder auf anderen Sozialen Medien wie Instagram oder Snapchat schikaniert. Die Beleidigungen, Bedrohungen und Blossstellungen können gravierende Folgen haben: In einer deutschen Studie gaben 21 Prozent der betroffenen Schüler*innen an, Suizidgedanken gehabt zu haben. Auch der Verlust von Selbstvertrauen, Angstzustände bis hin zu Depressionen können aus diesen bösartigen Attacken resultieren, auch lange Zeit später noch. Das Informationsportal zur Förderung von Medienkompetenzen Jugend und Medien hat es sich zur Aufgabe gemacht, über diese Art von Mobbing aufzuklären und Hilfestellungen für Opfer und Eltern zu geben. Gemäss Jugend und Medien wurde ein Fünftel der Schweizer Jugendlichen bereits einmal in Chats oder auf Facebook fertiggemacht. 30 Prozent der Jugendlichen gaben an, dass Fotos oder Videos von ihnen ohne Zustimmung ins Netz gestellt wurden.

    Schwer zu erreichen trotz ständiger Erreichbarkeit

    Von Mobbing wird erst gesprochen, wenn die Ereignisse wiederholt vorkommen. Anders als auf dem Pausenplatz hört das Schikanieren nicht auf, wenn das Opfer nach Hause geht: Via Smartphone und Computer treffen Beleidigungen und Bedrohungen potentiell 24 Stunden am Tag ein. Für Erwachsene kann es schwer sein, die Gedankengänge von Jugendlichen nachzuvollziehen. Während es älteren Menschen unverständlich ist, wieso ein*e Jugendliche*r beispielsweise nicht einfach die Person auf WhatsApp blockiert, wenn sie von ihr belästigt wird, oder sich nicht gleich aus Snapchat ausklinkt, wenn über sie hergezogen wird, sind solche Handlungen für viele Jugendlichen undenkbar. Das Phänomen, immer unterwegs sein zu müssen, um ja nichts zu verpassen, ist nicht neu. Es hat inzwischen einfach einen englischen Namen bekommen: «Fear Of Missing Out», oder kurz «FOMO». Und anstatt sich auf Partys und Bahnhofbänkli zu beschränken, hat sich diese Angst, nicht dazu zu gehören auf die digitalen Kanäle ausgeweitet. Dazu kommt der soziale Druck, keine Schwäche zeigen zu wollen und auf keinen Fall uncool zu wirken, auch das keine neuen «Probleme» der Jugend. Eine weitere Form von Gewaltverhalten ist das sogenannte «Happy Slapping». Auch dieses gab es schon vor der Digitalisierung der Welt: In einer Menschenmenge erhält man plötzlich einen Schlag ins Gesicht, der oder die Täterin verschwindet sofort wieder in der Masse. Heute machen sich gewisse Personen einen Spass daraus, mit dem Mobiltelefon Szenen aufzunehmen, in den andere verprügelt werden – real oder inszeniert – und diese Aufnahmen dann im Netz zu verbreiten. In der Schweizer JAMES-Studie aus dem Jahr 2018 gaben acht Prozent der Jugendlichen an, bereits eine gestellte Schlägerei gefilmt zu haben, sieben eine echte. Beide erwähnten Phänomene haben das Ziel, jemanden zu demütigen. Das Perfide daran ist, dass sich das Opfer meist noch schuldig fühlt oder sich schämt. Deshalb behalten viele solche Erfahrungen für sich. Die Eltern des 13-jährigen Mädchens, dass sich 2017 in Spreitenbach das Leben genommen hatte, nachdem sie massiv von zwei Jugendlichen bedroht und beleidigt worden war, sagten in einer Sendung der Rundschau des SRF, sie hätten immer über alles reden können, «aber das konnte sie mir nicht sagen, sie hat sich geschämt», sagt ihre Mutter. Obwohl die Jugendlichen permanent erreichbar sind – auf ihren elektronischen Geräten – sind sie nicht immer zugänglich.

    Die Plattform Jugend und Medien hat Ratschläge für Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen zusammengestellt (siehe Infobox). Diese fangen beim sorgsamen Umgang mit eigenen Daten an, Bilder und Daten im Netz sind prinzipiell für jeden aufzufinden – und weiterzuverbreiten. Um zu zeigen, dass sie einigermassen informiert sind, sollten sich Eltern hin und wieder mit ihren Kindern an den Computer setzen, rät die schweizerische Kriminalprävention. Das setzt jedoch voraus, dass sie sich selber eine gewisse Medienkompetenz aneignen, sonst wirkten Verbote und Ratschläge schnell unglaubwürdig, erfahren die Eltern in der Broschüre «My little Safebook». Den Kindern soll klargemacht werden, welche Folgen Mobbing haben kann, aus psychologischer, aber auch rechtlicher Sicht. Wenn es zu Cybermobbing kommt, sollte das Beweismaterial mittels Screenshot gesichert werden und die belästigende Person gesperrt werden. Dies bedingt jedoch, dass die betroffene Person die Eltern darüber informiert, was wie erwähnt schwierig sein kann. Dann sollte der Kontakt zu den Lehrpersonen, der oder dem Täter*in oder deren Eltern gesucht werden. Erstberatung bieten die kantonalen Opferberatung oder die Schweizerische Kriminalprävention.

    Kein Straftatbestand

    Ein Beispiel, entnommen aus dem Leitfaden «Cybermobbing – alles was Recht ist» (siehe Infobox): Ein Junge namens Leo wird von seiner neuen Klasse nicht akzeptiert, die Klassenkamerad*innen hänseln ihn wegen seines Dialekts. Soweit, so harmlos. Doch dann eröffnet jemand aus der Klasse ohne Leos Wissen auf Facebook eine Hassgruppe mit dem Namen «Leo, das Arschloch». Darin posten sie Fotos von dem Jungen und erfinden Geschichten über ihn, die sie dann bösartig kommentieren. Als ein Lehrer die Seite zufällig entdeckt und die Schulleitung sowie die Eltern informiert, ist der angerichtete Schaden schon zu gross. Vermittlungsversuche mit der Klasse scheitern, eine Aussöhnung ist nicht mehr möglich. Leo wechselt erneut die Schule, eine Anzeige erstattet er hingegen nicht. Ganz offensichtlich handelt es sich hier um Mobbing, denn die Handlungen fanden über einen längeren Zeitraum statt. Nun ist Cybermobbing als solches im Gesetz nicht explizit als Straftatbestand aufgeführt. Die involvierten Handlungen, wie in diesem Fall Beschimpfung, Verleumdung und üble Nachrede, aber auch andere wie Erpressung und Drohung, die oft Bestandteil von Cyberbullying sind, hingegen schon. Diese können belangt werden.

    Ansprechstellen bei Cybermobbing
    • Jugenddienste der Polizei: www.skppsc.ch/de/download/jugenddienste
    • Kantonale Opferberatungsstellen: www.opferhilfe-schweiz.ch
    • Hilfetelefon der Pro Juventute mit Link auf kantonale Beratungsstellen:
    www.147.ch
    Erste Hilfe bei Cybermobbing für Betroffene
    https://www.klicksafe.de/service/aktuelles/klicksafe-apps/
    Informationsbroschüren
    Broschüre «Cybermobbing – Alles was Recht ist» der Schweizerischen Kriminalprävention
    Broschüre «My little Safebook» der Schweizerischen Kriminalprävention

     

  • Bildschirmmedien und die Schule

    Bildschirmmedien und die Schule

    Die schnelle Entwicklung der verschiedenen Medien, Plattformen und Apps sowie die Selbstverständlichkeit der Bildschirmmedien im Alltag, stellt die Schule vor einen schwierigen Balanceakt: Wie kann ein sorgfältiger Umgang mit Bildschirmmedien vermittelt werden, ohne allzu rigorose Verbote, aber dennoch mit einer gewissen gesunden Begrenzung der Nutzung?

    Im Alltag der Schülerinnen und Schüler sind vor allem Mobiltelefone omnipräsent, sie dienen sowohl als Kommunikations- wie auch als Unterhaltungsmittel, können aber auch als schnelles Nachschlagewerk für schulische Belangen, mit gewissen Apps als Lernhilfe oder als Agenda für wichtige Termine verwendet werden. Unter diesem Blickwinkel ist die Schule bemüht, Medien nicht gänzlich aus dem Schulalltag zu verbannen, sondern konstruktiv einzubauen. Das ist auch ganz klar Auftrag der Schule, im neuen Lehrplan 21 nimmt die Medienbildung einen wichtigen Teil ein.

    Hohes Ablenkungspotenzial

    Einen verantwortungsbewussten Umgang, um zu lernen, ist aber eine grosse Herausforderung, da Bildschirmmedien eine grosse Anziehungskraft auf die Jugendlichen ausüben und neben den möglichen Hilfestellungen im Schulalltag auch eine grosse Ablenkung darstellen können. Es ist schwer, die Disziplin und Selbstregulation zu erbringen, um das Mobiltelefon nur dann zur Hand zu nehmen, wenn dafür Zeit zur Verfügung steht, und nicht dann, wenn die neueste Nachricht aufpoppt. Und neue Nachrichten kommen bei vielen Jugendlichen im Minuten-, wenn nicht sogar im Sekundentakt in die In-Box. Häufig sind die Nachrichten nur ein Wort oder eine Emoji, dennoch leuchtet der Bildschirm auf und sorgt für Ablenkung. In einer Gruppe von Jugendlichen, wie zum Beispiel in einer Schulklasse, potenziert sich so die Ablenkung natürlich, weshalb gewisse Regeln zum Handy-Gebrauch in der Schule unumgänglich sind. Eine externe Regulation wie klare Handyzeiten oder Verbote im Unterricht kann im optimalen Fall helfen, dass Jugendliche vermehrt Prozesse kennenlernen, um sich selbst zu regulieren. Viel wichtiger erscheint jedoch, den Gebrauch von Bildschirmmedien zu thematisieren, Vor- und Nachteile zu besprechen, Ablenkungspotenzial und mögliche Massnahmen zu diskutieren und Regeln auszuhandeln.

    Nulltoleranz bei Cybermobbing

    Natürlich spielt neben der Ablenkung auch noch die Thematik von Cybermobbing oder unangebrachten Fotos oder Videos in der Schule eine Rolle. Hier braucht die Schule eine klare Nulltoleranz-Haltung, jegliche Vorfälle müssen angegangen und intensiv bearbeitet werden. Bei klaren Gesetzesverstössen empfiehlt sich, eine Anzeige bei der Polizei zu machen. Gleichzeitig können Vorfälle im Bereich Cybermobbing auch als Lernanlässe gesehen werden und müssen mit den betroffenen Jugendlichen intensiv aufgearbeitet werden.

    Das Spannungsfeld zum «richtigen» Umgang mit Mobiltelefonen und anderen Bildschirmmedien zeigt sich in der Schule immer wieder – gerade auch in der aktuellen Situation des Fernunterrichts aufgrund der Corona-Pandemie. Einerseits sind hier Bildschirmmedien unumgänglich und wichtige Arbeits- und Kommunikationsmittel, anderseits kann die Benutzung weder von Seiten der Eltern noch von Seiten der Schule wirklich kontrolliert werden. Es gilt deshalb umso mehr, dass der Mediengebrauch immer wieder zum Thema gemacht wird und daneben auch «echte», direkte Kontakte und bewusst medienfreie Zeiten gepflegt werden sollen.

    Eingesandt von Thomas Flückiger, Co-Schulleiter Schule Lachenzelg

  • Rosengarten Flashback

    Das Thema meiner damals nicht veröffentlichten Rosengartenkolumne ist immer noch aktuell. Man muss und darf sich zwischendurch auch mit anderen Gedanken als dem Virus befassen. Deshalb will ich nun darauf zurückkommen. Die folgenden Abschnitte habe ich vor zwei Monaten geschrieben und bis auf ein paar kleine Anpassungen an die aktuellen Umstände unverändert gelassen.

    Die Würfel sind gefallen. Der Rosengartentunnel wird nicht gebaut. Grosser Jubel bei den Gegnern des Projekts, Frustration bei den Befürwortern. Doch die grosse, noch immer aktuelle Frage bleibt im Raum. Was jetzt?
    Bereits bei der Eröffnung der Westtangente 1973 war die Strasse vielen ein Dorn im Auge. Ursprünglich als Provisorium geplant, hat sich der Strassenmoloch als fester Bestandteil des Kreis 10 etabliert. Eine endlose Blechschneise im Herzen von Wipkingen. Mir persönlich war nach der Abstimmung nicht nach Jubeln zumute. Was wurde gefeiert, frage ich mich. Feiern sollte man, wenn man eine von allen Seiten tragbare Lösung für ein Problem gefunden hat. Hier aber wurde die Erhaltung eines Status quo gefeiert, der weder für Gegner*innen noch Befürworter*innen wünschenswert ist.
    Und die Blechlawine rollt weiter – wenn auch gemässigt zurzeit durch die vielen Menschen, welche im Homeoffice bleiben.

    Die Suche nach Alternativlösungen hat unmittelbar anschliessend an das Nein zum Tunnel begonnen. Fakt ist: Das Projekt war definitiv keine tragbare Lösung. Zu gross, zu stark auf die Bedürfnisse der Autofahrer angepasst und zu teuer. Neue Lösungsansätze zielen stärker auf Schadensbegrenzung ab. Es wird über Tempo 30 gesprochen, über Schallschutzmauern, mehr Lichtsignale und zusätzliche Velospuren. Eigentlich scheint mir das sehr vernünftig. Doch wenn ich die Rosengartenstrasse heute betrachte, kann ich mir kaum eine Velospur darauf vorstellen. Ich kann mir mittlerweile auch kaum noch vorstellen, dass es überhaupt irgendwann zu einer Einigung kommen wird. Die Kompromissbereitschaft ist in beiden Lagern zu klein und der Blechstrom auf der Rosengartenstrasse zu gross.
    Für eine Lösung, die alle zufrieden stellen wird, sind die Aussichten düster. Und jetzt sorgt auch noch das Coronavirus dafür, dass alle politischen Debatten eingefroren sind. So stehen nun nach dem heftigen Abstimmungskampf wieder alle am gleichen Punkt. Und auch die wenigen Autos, die zurzeit auf der Rosengartenstrasse rauf- und runterfahren, scheinen wenig beeindruckt von der ganzen Debatte. Es bleibt zu hoffen, dass eines Tages eine Lösung gefunden wird. Zurzeit scheint jedoch sogar eine Lösung für das Coronaproblem weit wahrscheinlicher und greifbarer als eine Lösung für den ewigen Streit um die Rosengartenstrasse.

  • Ein Höngger-Mord erschütterte die Schweiz

    «È morta, è morta! Perché ha dovuto morire?» – Wieso nur musste sie sterben? Francescas Mutter ist aufgelöst, ihr Gesicht wie versteinert. Vater Antonio steht neben seiner weinenden Frau am Grab der toten Tochter. «Mia figlia, mia figlia», flüstert sie immer wieder. Ihr einziges Kind wurde von einem psychisch gestörten Rekruten brutal aus dem Leben gerissen. 800 Trauergäste sind zu Francescas Beerdigung auf den Friedhof Eichbühl in Altstetten erschienen. Kränze und Blumengebinde zieren ihre letzte Ruhestätte. Weisse Blumen, ein einfaches weisses Holzkreuz. Familie, Freunde, Bekannte – sie alle wollen Abschied nehmen von Francesca.

    Am 23. November 2007, um 22.20 Uhr nahm das kurze Leben der 16-Jährigen ein tragisches Ende. Die Lehrtochter mit italienischen Wurzeln wurde vom 21-jährigen Luis W. auf dem Hönggerberg erschossen. Francescas Freund Alex sass neben ihr auf der Bank, als sie von einer einzigen Kugel tödlich getroffen wurde. Jede Hilfe kam für sie zu spät, die Jugendliche starb noch am Tatort. Francesca absolvierte ihre Coiffeur-Lehre in Oerlikon, sie war im zweiten Lehrjahr. Die junge Frau wollte schon seit ihrer Kindheit Coiffeuse werden – sie liebte schöne Frisuren und Stylings. In ihrem Beruf war sie beliebt und erfolgreich, der Betrieb hielt grosse Stücke auf sie.

    Aggressiv und gewaltbereit

    Luis W.s Lebenslauf könnte nicht unterschiedlicher sein. Der gebürtige Chilene wurde von einem Schweizer Paar adoptiert und wuchs in einem gutbürgerlichen Elternhaus in der Gemeinde Islisberg im Kanton Aargau auf. Nachbarn beschrieben den jungen Mann als aggressiv und verhaltensauffällig. Er soll sich früher längere Zeit in der Zürcher Punkerszene am Stadelhoferplatz und am See aufgehalten haben. Er hatte keine Ausbildung absolviert und hielt sich mit Gelegenheitsjobs bei einer Sicherheitsfirma und in einem Callcenter über Wasser.

    Der 21-jährige hatte schon einiges auf dem Kerbholz – während des Weltwirtschaftsforums Ende Januar 2006 explodierte in Zürich ein Molotow-Cocktail im Eingangsbereich der Wirtschaftsförderung Osec an der Stampfenbachstrasse im Kreis 6. Luis W., ein militanter WEF-Gegner, war an dieser Aktion beteiligt. Nur durch Zufall kamen dabei keine Personen zu Schaden. In seiner Freizeit spielte der Soldat Computerspiele mit menschenverachtendem Inhalt. Die Polizei entdeckte in seiner Wohnung diverse Killer- und Kriegsspiele. Während der Rekrutenschule legte er eine Pause ein. Er war in der Artillerie- Rekrutenschule in Bière im Waadtland und die letzten fünf Wochen im Oberwallis. In der RS war der junge Mann jedoch nicht negativ aufgefallen.

    Zur falschen Zeit am falschen Ort

    Am 23. November 2007, jenem tragischen Tag, begann Francesca ihre Arbeit im Coiffeur-Salon morgens um neun. Sie füllte Shampoos und Conditioner auf, bereitete Handtücher vor, begrüsste Kunden, wusch Haare und schaute beim Schneiden und Föhnen zu. Mittags traf sie ihre Freunde, ass etwas Kleines, rauchte Zigaretten. Nach der Arbeit wollte Francesca eigentlich direkt nach Hause, doch ihr Freund Alex rief sie vorher noch an. Die beiden planten, noch auszugehen und verabredeten sich am kalten, regnerischen Novemberabend an der 80er-Haltestelle Hönggerberg und warteten auf den Bus.

    Luis W. befand sich an diesem Abend auf dem Rückweg vom Oberwallis nach Zürich. Gegen halb sieben stieg er in den Zug ein, die Reise nach Zürich dauerte zirka drei Stunden. Vom Hauptbahnhof aus nahm er das Tram Nummer 13 und stieg am Meierhofplatz auf den 80er-Bus Richtung Oerlikon um. Beim Hönggerberg stieg er aus und machte sich zu Fuss zu seinem Zimmer unweit der Bushaltestelle, wo er als Wochenendaufenthalter lebte. Dann geschah das Unfassbare. Er holte eine Gewehrpatrone, die er Wochen zuvor gestohlen hat, lud sein Sturmgewehr und ging zur 400 Meter entfernten grossen ETH-Hinweis-Tafel. Dort brachte er sich in Stellung und nahm sein Opfer ins Visier.

    Nur 80 Meter von Luis W. entfernt sassen Francesca und Alex an der Bushaltestelle. Die beiden waren glücklich, sie freuten sich auf die bevorstehende Geburtstagsparty von Francescas Vater. Dann drückte Luis W. ab. Ein einziger, präziser Schuss traf Francesca in den Oberkörper, sie starb nach wenigen Minuten. Ihr Freund schrie. Alles war voller Blut. Doch für das Mädchen kam jede Hilfe zu spät. Der Heckenschütze begab sich nach Hause, wo er die Waffe reinigte und seine Uniform auszog.

    Zwei Tage nach seiner Tat wurde Luis W. von der Polizei gefasst. Er war aufgefallen, weil er als Schaulustiger kurz nach der Tat zurück an den Tatort kam. Ein Motiv konnte der junge Mann weder in der Untersuchung noch vor Gericht nennen: «Ich weiss es nicht, ich kann es nicht erklären», antwortete er auf die Frage des Richters, warum er die grausame Tat begangen hatte. Das Obergericht verurteilte ihn im August 2009 wegen Mordes zu einer Freiheitsstrafe von 17 Jahren, aufgeschoben zugunsten einer stationären Massnahme in einer geschlossenen Einrichtung. Das psychiatrische Gutachten attestierte dem Angeklagten eine schwere dissoziale und narzisstische Persönlichkeitsstörung. Luis W. muss eine langjährige Therapie machen. Der Gerichtspsychiater schätzte ihre Dauer auf acht bis zwölf Jahre.

    Politische Konsequenzen

    Der tragische Fall zog weitreichende politische Folgen nach sich. Er entfachte die Diskussionen über Waffengewalt und darüber, ob die Sicherheit im Militär ungenügend sei. Der tödliche Schuss gab der jahrelangen Diskussion um die Abgabe der Ordonnanzwaffe an Armeeangehörige und des Aufbewahrens zu Hause wieder Aufwind. Die Initiative «Für den Schutz vor Waffengewalt» der damaligen SP-Nationalräte Chantal Galladé und Daniel Jositsch, welche die Aufbewahrung der Militärwaffe im Zeughaus zum Ziel hatte, bekam dadurch neuen Zuspruch. 2011 wurde sie jedoch mit einer knappen Mehrheit von 56.3 Prozent abgelehnt. Während linke Parteien wie die SP oder die Grünen die Initiative unterstützten, waren die bürgerlichen Parteien dagegen.

    Im Weiteren führte das Militär seit 2011 flächendeckende Sicherheitsprüfungen für alle angehenden Rekruten ein, so genannte Personensicherheitsprüfungen. Junge Schweizer, die wegen eines Verbrechens verurteilt wurden, sollen künftig keine Rekrutenschule mehr absolvieren. So wurden im Jahr 2018 knapp 400 Stellungspflichtige als zu gefährlich erachtet und vom Militärdienst ausgeschlossen.

    Die Serie «Tatort Kreis 10» befasst sich mit Verbrechen oder Unfällen, die sich in Wipkingen und Höngg ereignet haben. Die Redaktion ist offen für Hinweise auf weitere Fälle im Kreis 10 aus der Bevölkerung auf redaktion@hoengger.ch

  • Die Jugend und das Internet, der Umgang mit der digitalen Realität

    Die Jugend und das Internet, der Umgang mit der digitalen Realität

    97 Prozent aller 12- bis 13-jährigen Jugendlichen in der Schweiz besitzen gemäss einer schweizweiten Erhebung zu Jugend, Aktivitäten und Medien (JAMES-Studie, 2018) ein Smartphone. Ab 14 Jahren sind es gar 99 Prozent. Smartphones haben in aller Regel Zugang zum Internet. Diese flächendeckende Verbreitung von Smartphones unter Jugendlichen stellt unsere Gesellschaft vor viele Herausforderungen in verschiedensten Bereichen. Die Jugend muss früh lernen, mit dieser Technologie und den daraus resultierenden Möglichkeiten verantwortungsbewusst und konstruktiv umzugehen. Der kompetente Umgang mit den digitalen Medien ist nun bereits in den Lehrplänen für Primarschulen in Fächern wie Informatik, Medienerziehung und Medienkompetenz integriert.

    Wie werden digitale Medien genutzt?

    Die JAMES-Studie beschäftigt sich intensiv mit dem Verhalten von Jugendlichen und ihren medialen und nonmedialen Freizeitbeschäftigungen. Die beliebteste Freizeitaktivität von Jugendlichen, wenn sie alleine sind, ist die Konsumation von audiovisuellen Medien wie Filmen, Serien, Fernsehen oder Streamingportalen wie zum Beispiel Netflix. Insbesondere die Nutzung von Streamingdiensten hat im Vergleich zu der letzten Studie von 2016 massiv zugelegt. Bei Freizeitaktivitäten gemeinsam mit Freund*innen werden sportliche Aktivitäten noch häufiger angegeben als digitale Medien.
    In Bezug auf die Internetnutzung wird unterschieden zwischen der Nutzung zur Informationsbeschaffung und der Nutzung zur Unterhaltung. Generell verbringen Jugendliche an Wochentagen satte zweieinhalb Stunden pro Tag im Internet. Am Wochenende sind es sogar vier Stunden. Dies sind jedoch nur die Medianwerte mit grosser Streuung, was bedeutet, dass viele Jugendliche entweder weniger oder sogar noch mehr Zeit im Internet verbringen. Zu Unterhaltungszwecken sind soziale Medien der klare Spitzenreiter. Während jedoch die Nutzung von Facebook unter Jugendlichen drastisch abgenommen hat, sind es vor allem Instagram und Snapchat, welche sich grosser Beliebtheit erfreuen.

    Was ist Medienkompetenz?

    Der Überbegriff dieses Fokusthemas ist Medienkompetenz, also der kompetente Umgang von Kindern und Jugendlichen mit digitalen Medien. Das Schulamt der Stadt Zürich hat im Zuge der Anpassung der Lehrpläne an die digitale Herausforderung ein über 50-seitiges Dossier zum Thema Medienkompetenz herausgegeben. Darin wird genau beschrieben, in welcher Form der Umgang mit Medien in das Schulsystem integriert werden sollte. Gemäss dem Dossier setzt sich Medienkompetenz aus drei Teilgebieten zusammen, welche eng miteinander verbunden sind: Medienwissen, Mediennutzung und Medienreflexion.
    Die Grundlage für den Umgang mit Medien bildet das Medienwissen. Hier geht es primär darum, Kindern und Jugendlichen erste Grundkenntnisse zur Medienwelt zu liefern sowie die richtige Handhabung von Geräten.
    Bei der Mediennutzung und Medienreflexion geht es einen Schritt weiter. Bei der Flut an Informationen, die uns täglich überströmt, kann man schnell den Überblick verlieren. Kinder lernen durch die Mediennutzung, dieses riesige Angebot angemessen zu verarbeiten und einzuordnen. Inhalte sollen auf ihren Wahrheitsgehalt oder Nutzen geprüft, verglichen und beurteilt werden. Es geht bei der Nutzung aber auch darum, den individuellen Umgang mit Medien zu erlernen. Genau wie Lesen, Schreiben und Rechnen, sollen Kinder in der Schule auch lernen, mit verschiedensten Medien umgehen zu können.
    Der letzte Bereich der Medienkompetenz ist die Reflexion. Hier geht es vor allem darum, dass reflektiert wird, welche Bedeutung und Auswirkung das Erstellen und Konsumieren von Medien auf das Individuum und die Gesellschaft haben kann. Kinder und Jugendliche sollen also beispielsweise lernen, was ein negativer Kommentar oder eine Beleidigung im Internet auslösen kann. Die Reflexion ist sehr wichtig für den kompetenten Umgang mit Medien, da man sich immer auch bewusst sein muss, was Medien auslösen können.

    Ausblick

    In diesem Fokusthema untersucht der «Höngger» Fragestellungen rund um den Umgang, den Herausforderungen und Problemen, aber auch Chancen für Kinder und Jugendliche im Umgang mit der digitalen Welt. Ein spezielles Augenmerk wird auf das Schulhaus Lachenzelg gelegt. Auch dort ist der digitale Wandel in verschiedenen Formen präsent. Besonders in Schulen wird der Kontrast zwischen den Gefahren digitaler Medien und deren Chancen für das Bildungssystem sehr deutlich. Der Schulleiter des Schulhaus Lachenzelg liefert uns Einblicke in dieses interessante Spannungsfeld.
    Ein weiterer Fokus wird auf das Thema Cybermobbing gelegt. Cybermobbing ist eine der Schattenseiten der digitalen Medien und ist besonders bei Jugendlichen weit verbreitet. Gemäss der JAMES-Studie geben rund 23 Prozent aller Jugendlichen der Schweiz an, bereits erlebt zu haben, dass jemand sie im Internet «fertigmachen» wollte. Der «Höngger» hat sich mit Fachpersonen und Betroffenen gesprochen und das Thema unter die Lupe genommen.

  • Das menschliche Virus

    In einem Zitat der legendären Science-Fiction-Trilogie Matrix heisst es über die Natur des Menschen: «Ihr seid im eigentlichen Sinne keine richtigen Säugetiere. Jedwede Art von Säuger auf diesem Planeten entwickelt instinktiv ein natürliches Gleichgewicht mit ihrer Umgebung. Ihr Menschen aber tut dies nicht. Ihr zieht in ein bestimmtes Gebiet und vermehrt euch und vermehrt euch, bis alle natürlichen Ressourcen erschöpft sind und der einzige Weg zu überleben ist die Ausbreitung auf ein anderes Gebiet. Es gibt noch einen Organismus auf diesem Planeten, der genauso verfährt. Wissen sie welcher? Das Virus.»
    Das Zitat und der Film sind aus dem Jahre 1999. Heute passt es aber leider mehr denn je. Der Schock über das Coronavirus ist vor allem deshalb so gross, weil sämtliche Aspekte unserer Zivilisation davon betroffen sind und uns auf schmerzliche Weise unsere gnadenlose Verwundbarkeit aufgezeigt wird.
    Die grösste und beinahe einzige menschliche Überlegenheit gegenüber allen anderen Spezies ist unser Gehirn. Evolutionstechnisch haben sich alle unseren anderen körperlichen Fähigkeiten stetig zurückentwickelt, da diese durch die «Macht» unseres Gehirns trivial wurden. Körperlich sind wir Menschen aber schwach, und in der Nahrungskette würde man uns ziemlich weit unten auffinden. Wir haben keine Klauen, scharfen Zähne, Fell oder sonst irgendetwas, was uns in der Wildnis beschützen würde. Und ohne unsere Medizin würden wir auch an fast jedem Virus zu Grunde gehen. Wir wären verloren ohne unser Gehirn und die dadurch entwickelten «Werkzeuge», mit denen wir sämtliche anderen Spezies dominieren und verdrängen. Die grösste Gefahr für Menschen sind prinzipiell andere Menschen. Und nun kommt aus dem Nichts ein Organismus, der nicht mal als Lebewesen klassifiziert ist, tausendmal kleiner als ein Staubkorn, und erobert die Welt im Sturm.
    Der Verlust dieses unverwundbaren, gottesähnlichen Gefühls löst in vielen Menschen Panik aus. Besonders deutlich ist diese Panik hier in der privilegierten westlichen Welt zu spüren. Und am stärksten war die Panik in unseren Breitengraden in den Supermärkten zu spüren, wo die Angstbürger sich ein Gemüse-, Dosen- und Toilettenpapierlager für die nächsten fünf Jahre angelegt haben. Wie ein Virus ergreifen viele Menschen alles, was sie in die Finger bekommen. Die Corona-Situation ist sehr kritisch, aber genau in einer solchen Zeit könnte unsere westliche Gesellschaft dies als Chance sehen, daran zu wachsen und etwas mehr Würde und Anstand zu beweisen.
    Vielleicht ist es langsam auch an der Zeit, dass wir uns daran gewöhnen, dass Luxus und Wohlstand nicht selbstverständlich sind und man sich längerfristig darauf vorbereiten sollte, dass es so nicht immer weitergehen wird. Das würde vieles einfacher machen.

  • Schuss aus dem Hinterhalt

    Schuss aus dem Hinterhalt

    Am Abend des 15.November 1996 kurz nach 21 Uhr fährt ein 34-jähriger Autofahrer mit seinem blauen Chrysler Neon von der Tièchestrasse in Wipkingen zum Bucheggplatz. Als er im Kreisel in die Hofwiesenstrasse stadteinwärts abbiegen will, fällt ein Schuss. Die Kugel durchschlägt Heckscheibe und Nackenstütze des Wagens und trifft den Lenker in den Hinterkopf. Der junge Mann sackt zusammen, sein Wagen prallt führerlos in einen Kandelaber. Sofort bringt die Ambulanz den Schwerverletzten ins Spital, wo er am nächsten Tag seinen schweren Hirnverletzungen erliegt.

    Beim Opfer handelte es sich um einen Informatiker. Der Mann lebte zusammen mit seiner Freundin in Hottingen. Der Schweizer arbeitete bei einer Grossbank und befand sich auf dem Heimweg. Er fuhr mit seinem Wagen von Neuaffoltern kommend durch die Emil-Klöti- und die Tièchestrasse Richtung Bucheggplatz.

    Die Spurensicherung ergab, dass der Täter aus der Tièchestrasse bei der Einmündung in den Verkehrskreisel geschossen haben muss. Als Tatwaffe wurde eine Faustfeuerwaffe vermutet, sie wurde nie gefunden. Der Schuss wurde etwa auf Achselhöhe einer stehenden Person abgegeben. Die Polizei konnte ausschliessen, dass aus einem der angrenzenden Häuser geschossen wurde.

    Obwohl die Polizei einen Zeugenaufruf machte, Dutzende von Wohnungen in der Umgebung aufsuchte und Flugblätter rund um den Bucheggplatz verteilte, erhielt sie keinen entscheidenden Tipp. Niemand hatte den Schützen oder eine verdächtige Person gesehen. Der Lenker, der dicht hinter dem Opfer auf der Tièchestrasse gefahren war und sich später als Zeuge meldete, hatte nichts Auffälliges bemerkt. Auf die Frage, ob jemand beobachtet hatte, dass aus einem anderen Fahrzeug auf den Chrysler geschossen wurde oder ob der Wagen schon zuvor bedrängt oder bedroht worden sei, erhielt die Polizei keine Antwort. Lediglich eine Person in der Nachbarschaft will zwei laute Knallgeräusche gehört haben, ob es sich dabei aber um den tödlichen Schuss handelte, ist ungewiss.

    Auch die hohe Belohnung führte zu keiner heissen Spur. Insgesamt wurden für die Aufklärung des Falles 40 000 Franken ausgesetzt. Neben der offiziellen Belohnung von 5 000 Franken hatten die Eltern des Opfers 30 000 Franken und der Arbeitgeber 5 000 Franken in Aussicht gestellt.

    Der Mord am Bucheggplatz ist einer der mysteriösesten Fälle der jüngeren Schweizer Kriminalgeschichte – wenn es denn ein Mord gewesen ist. Denn dass ein Schütze mit einem Revolver oder einer Pistole aus dieser Distanz und von hinten durch die Heckscheibe und Nackenstütze gezielt jemanden erschiessen kann, ist laut Experten fast nicht möglich. Der Täter hätte ein «Superschütze» sein müssen, sagte damals der Sachbearbeiter der Polizei zu den Medien.

    Warten auf «Kommissar Zufall»?

    Auch die Abklärungen im Umfeld des Opfers brachten nichts Verdächtiges zutage. Weder im privaten noch im beruflichen Umfeld des Mannes fanden die Ermittler Hinweise auf ein absichtliches Tötungsdelikt. Das Opfer hatte sich weder in dubiosen Kreisen aufgehalten, noch gab es Hinweise auf kriminelle Geschäfte wie Geldwäscherei oder Drogenhandel. Der Ort, der stark befahrene Bucheggplatz, sprach ebenfalls nicht für eine gezielte Tat. Deshalb tauchte die Vermutung auf, dass es ein Zufallsschuss gewesen sein könnte. Hatte ein Heckenschütze wahllos auf ein Auto geschossen oder hatte ein Unbekannter aus Übermut eine Kugel abgefeuert?

    2005 überprüfte die Polizei nach einem Hinweis eine Person – das Resultat war negativ. Die Person wurde nach der Befragung wieder entlassen. Zwei Jahre später geriet der Mord wieder in die Schlagzeilen, nachdem ein Unbekannter ein 16-jähriges Mädchen an der Bushaltestelle Hönggerberg erschossen hatte. Die Medien spekulierten, es könnte sich um den gleichen Heckenschützen gehandelt haben. Doch Fehlalarm. Einige Tage später konnte die Polizei den Schützen vom Hönggerberg verhaften. Es war ein 21-jähriger Rekrut, der mit seinem Sturmgewehr die junge Frau erschossen hatte.

    Auch heute, über 23 Jahre nach der Tat, gibt es keinen Hinweis auf ein Motiv. Vermutlich kann nur noch «Kommissar Zufall» das Verbrechen lösen. Der Fall gilt als sogenannter «cold case», als ungelöster Kriminalfall. Er wird als Mordfall behandelt, der Täter hatte besonders skrupellos und kaltblütig gehandelt. Weil alle Möglichkeiten bei der Fahndung ausgeschöpft wurden, landete der Fall im Fahndungsarchiv, das heisst die Polizei ermittelt nicht mehr aktiv.

    Verjährung in 30 Jahren

    Dass das Tötungsdelikt als Mordfall behandelt wird, ist wichtig wegen der Verjährungsfrist. Mord, der mit lebenslänglicher Freiheitsstrafe geahndet wird, verjährt erst nach 30 Jahren. Bei vorsätzlicher Tötung dagegen beträgt die Verjährungsfrist 15 Jahre, was beim tödlichen Schuss am Bucheggplatz bereits am 15. November 2011 der Fall gewesen wäre.

    Dass ein Mordfall überhaupt verjährt, sorgt immer wieder für Diskussionen. Im Ständerat wurde momentan über eine Standesinitiative aus dem Kanton St. Gallen entschieden, mit der die Verjährungsfrist für Kapitalverbrechen wie Mord aufgehoben werden soll. Der Rat lehnte die Initiative jedoch knapp mit 20 zu 18 Stimmen ab – die Fronten verliefen quer durch die Parteien. Jetzt geht die Vorlage an den Nationalrat. Initiiert hat den Vorstoss der damalige St.Galler SVP-Kantonsrat Mike Egger, der für seine Partei seit März 2019 im Nationalrat sitzt. Für ihn ist unverständlich, dass es selbst bei schwersten Verbrechen ein «Recht auf Vergebung und Vergessen» geben soll.

    Die neue Serie «Tatort Kreis 10» befasst sich mit Verbrechen oder Unfällen, die sich in Wipkingen und Höngg ereignet haben. Die Redaktion ist offen für Hinweise auf weitere Fälle im Kreis 10 aus der Bevölkerung auf redaktion@hoengger.ch

  • Mit Leidenschaft die Welt verändern

    Mit Leidenschaft die Welt verändern

    Aufgewachsen bin ich in Mexiko, mitten in Mexiko-City. Die Familie meiner Mutter stammte ursprünglich aus dem Libanon, mein Vater war Mexikaner, wir sind eine ziemlich multikulturelle Familie. Ich kann jedoch nicht behaupten, dass ich mich wirklich als Mexikanerin fühle, auch wenn ich das Land, das Essen, die Menschen und die Natur dort liebe. Doch generell halte ich es für seltsam, wenn man sich über eine Nationalität definiert – ich bin einfach ich, ein Individuum mit seiner eigenen Geschichte, das irgendwo auf der Welt geboren ist.
    In Mexiko habe ich meine Kindheit und Schulzeit verbracht und anschliessend ein Studium in Bildender Kunst abgeschlossen. Vor 18 Jahren, damals war ich 22, starb mein Bruder und ich hielt es zu Hause nicht mehr aus, wollte weg, möglichst weit weg, um den Verlust verarbeiten zu können. Weil er selbst an einer Behinderung gelitten hatte, war es mir sehr wichtig, ein Kind zu betreuen, das auch eine Behinderung aufwies. In Paris erhielt ich die Chance, als Au-pair in einer Familie leben und arbeiten zu können. Das war sehr lehrreich und intensiv, gleichzeitig aber auch eine äusserst traurige Zeit. Nach einem Jahr kehrte ich zurück nach Mexiko, weil ich Heimweh hatte, doch schon bald zog es mich wieder nach Paris, diesmal an das renommierte Gymnasium Henry IV als Spanischlehrerin.
    Während dieser Zeit lernte ich nicht nur Carlos, meinen Partner, sondern auch die Schweiz kennen. Und bei Carlos wie auch bei Zürich, war es für mich Liebe auf den ersten Blick: ich wusste, dieser Mann wird meine Familie sein, sobald ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Keine Ahnung, ob er das auch sofort wusste, aber auf jeden Fall sind wir seither zusammen. Und als ich ihn dann einmal in Zürich besuchte, war mir klar, dass ich hier leben möchte. Ich sagte zu ihm: «Sorg dafür, dass Du in Zürich ein Doktorat finden kannst». Gesagt, getan, er fand eine Stelle an der ETH und seit acht Jahren leben wir nun hier in Höngg.
    Es gibt neben der Wahl des Wohnorts und des Partners noch eine dritte richtungsweisende Entscheidung in meinem Leben, die ich sehr spontan getroffen habe: der Entschluss, mich vegan zu ernähren. Vegetarierin bin ich eigentlich schon den Grossteil meines Lebens; meine Mutter erzählt sogar, dass ich bereits als Baby Fleisch immer ausgespuckt habe. Doch in Mexiko war der gesellschaftliche Druck, Fleisch zu essen, so gross, dass ich erst nach meinen Aufenthalten in Paris dazu bereit war, mich zum Vegetarismus zu «bekennen». Der Schritt zum Veganismus geschah dann erst einige Jahre später, nachdem ich in einer Kunstinstallation ein Video gesehen hatte, in dem ein Schaf geschächtet wurde. Dieser Film hat mich dermassen bewegt und verstört, dass mich ein Freund fragte, warum ich eigentlich keine Veganerin sei. Offen gesagt wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, was das bedeutet – doch schon am gleichen Abend war für mich klar, dass dies mein Weg sein wird. Das ist nun sechs Jahre her, seither sind Carlos und ich Antispeziesisten und verzichten komplett auf den Konsum von Tierprodukten. Und weil es mich beschäftigte, dass ich so wenig über die Nahrungsmittelproduktion und das damit verbundene Tierleid gewusst hatte, begann ich, mich weiterzubilden und aktiv zu werden. Ich kündigte meinen Job in einem Kinderhort, obwohl ich die Arbeit mit Kindern sehr schätze, um mich für meine Ideale einsetzen zu können.
    Wir begannen, an Demonstrationen teilzunehmen, Flugblätter zu verteilen, Leute zu informieren. Einmal wöchentlich stellten wir uns mit Freunden vor den Schlachthof in Zürich, um gegen das Unrecht, das den Tieren dort angetan wird, friedlich zu demonstrieren und uns von den Tieren zu verabschieden. In diesem Zusammenhang lernte ich auch Michele kennen, die zu einer sehr guten Freundin wurde. Gemeinsam wollten wir mehr erreichen und noch intensiver daran arbeiten, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen. Also gründeten wir «Fairändern». Wir sammeln Secondhand-Kleider, bedrucken sie mit politischen Statements und verkaufen sie – oder animieren die Leute, ihre ausgedienten Kleider mitzubringen und sie bedrucken zu lassen. Auch vegane Kosmetik und nachhaltige Schuhe gehören zu unserem Angebot. Nach einer Startphase ohne festen Laden haben wir vor einem Jahr ein Atelier im «Fogo» in Altstetten gemietet und verkaufen hier unsere Produkte.
    Doch nach diesem ersten intensiven Jahr muss ich nun erkennen, dass das Projekt meine Kapazitäten übersteigt. Weil ich mich immer zu 100 Prozent der Sache widme, die mir wichtig ist, habe ich in den vergangenen Monaten – neben meinem «normalen» Job – mehr als 40 Stunden pro Woche in das Projekt investiert und dabei andere Bereiche meines Lebens vernachlässigt. Ich habe kaum mehr Zeit für meine Partnerschaft und meine Kunst, die ich als Ausgleich brauche, und auch meine Gesundheit leidet unter der Belastung. Deshalb habe ich nun schweren Herzens entschieden, den Laden wieder aufzugeben und das Projekt in einem kleineren Rahmen weiterzuführen. Das ist einerseits traurig, weil ich spüre, dass wir etwas erreichen können, andererseits bin ich davon überzeugt, dass sich immer dann, wenn sich irgendwo eine Türe schliesst, an einem anderen Ort eine Türe öffnet. Und tatsächlich, schon jetzt öffnen sich wieder neue Türen: So habe ich die Möglichkeit erhalten, gemeinsam mit einer Kuratorin eine Kunstausstellung zum Thema «Klimawandel» zu gestalten. Damit kann ich endlich wieder im Bereich «Museologie» arbeiten, ein weiterer Schwerpunkt in meinem Leben, der bis anhin zu kurz gekommen ist. Und mit dieser Ausstellung habe ich die Möglichkeit, noch mehr Leute mit dem zu erreichen, was mir am Herzen liegt.

    In diesen monatlichen Beiträgen werden ganz normale Menschen aus Höngg porträtiert: Man braucht nicht der Lokalprominenz anzugehören und muss auch nicht irgendwelche herausragenden Leistungen vollbracht haben, nein, denn das Spezielle steckt oft im scheinbar Un-scheinbaren, in Menschen «wie du und ich».
    So funktioniert’s: Die zuletzt porträtierte Person macht drei Vorschläge, an wen der Stab der Porträt-Stafette weitergereicht werden soll. Die Redaktion fragt die Personen der Reihe nach an und hofft auf deren Bereitschaft. Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögliche Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.

  • Die Corona-Lehre

    Corona hier, Corona dort. Man könnte meinen, die einzige Sorge der Menschheit bestehe darin, dass dieser neue Feind uns alle zugrunde richtet. Natürlich ist die schnelle Ausbreitung des Virus unheimlich. Und ja, es kann vor allem für ältere Menschen gefährlich, sogar tödlich sein. Noch gefährlicher ist aber, wenn man sich durch dieses Virus dazu verleiten lässt, den ganzen Rest des Weltgeschehens ausser Acht zu lassen.
    Das kurze Gedicht zum Coronavirus von Thomas Gsella, einem deutschen Schriftsteller und Satiriker, ist kürzlich in den Sozialen Medien kursiert und hat mich sehr beeindruckt. In nur zwölf Zeilen bringt das Gedicht auf den Punkt, was mich bereits eine Weile beschäftigt. Gsella zeigt darin zwei fundamentale «Lehren» zum Corona auf. Einerseits geht er darauf ein, dass die Welt bewiesen hat, dass sie bei einem wichtigen Problem wie diesem Virus alles daran setzen kann, dieses lösen zu wollen. Im zweiten Teil kritisiert er dann aber die Welt für ihre Untätigkeit und Unfähigkeit, dieselben Ressourcen und dieselbe Energie auch in die Beilegung von Kriegen und die Lösung der Flüchtlingskrise zu investieren.
    Tausende Menschen harren tagelang an der türkisch-griechischen Grenze aus. Weiter nach Europa kommen sie nicht, zurück können sie nicht. Der türkisch-syrische Krieg hat dafür gesorgt, dass diese Flüchtlinge unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt sind und kaum Hoffnung haben auf eine Lösung ihrer prekären Situation. Und trotzdem: Neben dem Coronavirus ist dies nur ein Nebenschauplatz in der medialen Landschaft. Angesichts der Dimensionen dieses Flüchtlingsdramas, das auch Europa selbst schon bald zu spüren bekommen wird, wirkt das unangebracht und unverhältnismässig.
    Es ist die Aufgabe von uns allen, uns mit den Problemen, aber auch mit den schönen Dingen dieser Welt auseinanderzusetzen. Zurzeit interessieren sich viele Menschen aber weder für die Probleme noch für das Gute im Leben und haben nur noch diesen Virus im Kopf. Ich glaube, die Panik vor diesem Virus ist ansteckender als der Virus selbst. Ich hoffe, dass wir alle bald unsere Coronabrille absetzen und den Fokus auch auf andere Dinge richten können. Denn es gibt so viel mehr als Corona auf dieser Welt.

  • Steuern im Quartier

    Steuern im Quartier

    Steuern zahlen bereitet wenig Freude. Das Ausfüllen der Steuererklärung noch weniger. Dennoch erfüllen die Steuern einen wichtigen Zweck in der Gesellschaft. Die Finanzierung von Infrastruktur und vielen öffentlichen Gütern wäre ohne die Steuerbeiträge nicht möglich. Gemäss Patrick Pons, Leiter Kommunikation Finanzdepartement, verfügt die Stadt Zürich aktuell über ein Budget von rund neun Milliarden Franken, wovon rund ein Drittel durch Steuereinnahmen von juristischen und natürlichen Personen sowie aus Grundstückgewinnen generiert werden. Wie wird dieses Geld auf die Stadt verteilt und wieviel davon erreicht schlussendlich das Quartier Höngg?

    Aufteilung nach Bedarf, nicht nach Quartier

    Braucht es einen Brunnen am Meierhofplatz oder eine neue Sitzbank auf dem Werdinseli? Entscheidungen wie diese und deren Finanzierung fallen in die Kompetenz der zuständigen Departemente. Es gibt keine genauen Richtlinien, welcher Anteil der Steuergelder jeweils in die verschiedenen Quartiere fliesst. Denn das Budget ist nach Bedarf und Dienstabteilungen aufgeteilt, nicht nach Quartieren oder Stadtteilen. Das Finanzdepartement der Stadt Zürich erstellt jedes Jahr basierend auf den Bedürfnissen der verschiedenen Departemente eine Budgetierung und einen Finanz- und Aufgabenplan (FAP), welcher vom Stadtrat abgesegnet wird. Dieser ist öffentlich zugänglich und kann in den Publikationen des Finanzdepartements abgerufen werden (siehe Infobox am Ende des Artikels). Der FAP ist jeweils eine Vorplanung für das aktuelle Jahr sowie die drei folgenden Jahre. Der FAP 2020 enthält also auch eine Planung für die Jahre 2021 bis 2023.

    Aufwand und Investitionen

    Die Ausgaben der Stadt Zürich werden in verschiedene Bereiche gegliedert. Einerseits sind darin Investitionsvorhaben enthalten, andererseits aber auch der allgemeine Aufwand. Letzterer setzt sich in erster Linie aus Personalkosten sowie Transfer- und Sachaufwänden zusammen. In der Investitionsrechnung liegt der Fokus auf Bauprojekten, Sanierungen und Instandhaltungen.
    Im Budget 2020 sind auf der Investitionsseite Nettoinvestitionen von 1,141 Milliarden Franken vorgesehen. Für die Planjahre 2021 bis 2023 sind jährliche Nettoinvestitionen in der Grössenordnung von 1,2 bis 1,4 Milliarden Franken geplant. Dies ist etwas mehr als in den Jahren 2017 bis 2020, da einige grössere Investitionen erwartet werden. In der aufgeführten Infografik ist dargestellt, für welche Projekte und Institutionen bis zum Planjahr 2023 die grössten Investitionskosten zu erwarten sind.
    Es wird ersichtlich, dass der Erwerb und die Erstellung von Liegenschaften mit 1,09 Milliarden Franken besonders stark ins Gewicht fällt. Eine für das Jahr 2022 geplante, gross angelegte Trambeschaffung der VBZ über 431 Millionen Franken ist der zweitgrösste investitionstechnisch geplante Kostenpunkt.

    Departementsverteilung

    Betrachtet man die gesamte Erfolgsrechnung inklusive der Aufwände, zeigt sich ein anderes Bild. In einer Aufgliederung auf die verschiedenen Departemente fällt als erstes auf, dass besonders das Schul- und Sportdepartement sowie das Sozialdepartement, welche in der zuvor gezeigten Investitionsgraphik kaum ins Gewicht fallen, einen Grossteil des Budgets ausmachen. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass der Bildungs- und Sozialbereich mit grossen Personal- und Sachkosten verbunden ist, jedoch aber mit verhältnismässig geringen Investitionskosten – es sei denn, dass grossflächige Schulhaussanierungen oder Ähnliches bevorstehen. Das Budget 2020 der Stadt Zürich weist bei einem Ertrag von 9,002 Milliarden Franken und einem Aufwand von 8,97 Milliarden Franken eine knapp positive Bilanz, mit einem Ertragsüberschuss von 32,2 Millionen Franken, aus.
    Bei der Aufgliederung auf die Departemente ist zu beachten, dass negative Zahlen die Einnahmen darstellen und positive Zahlen die Ausgaben. Deshalb hat auch das Finanzdepartement, welches die Steuereinnahmen generiert, eine derart hohe negative Zahl.

    Höngger Projekte

    Im Finanz und Aufgabenplan der Stadt sind auch Projekte für Höngg enthalten. Ein sehr grosses Projekt aus dem Bereich des Schul- und Sportdepartements ist der erweiterte Ersatzneubau des Garderoben- und Clubgebäudes Hönggerberg für den SV Höngg. Die geschätzten Kosten für das Projekt auf dem «Hönggi» betragen rund 9,5 Millionen Franken.
    Ein weiteres Beispiel für ein Projekt in Höngg, das durch Steuergelder und die Stadt Zürich finanziert wird, ist die Sanierung des beliebten QuarTierhofs. Wie der Höngger im April letzten Jahres berichtete, soll der Umbau noch in diesem Jahr starten und zirka 2,8 Millionen Franken kosten. Geplant ist der Beginn der Bauarbeiten für den April.
    Alles in allem sei die aktuelle, finanzielle Situation der Stadt Zürich gemäss dem städtischen Finanz- und Aufgabenplan ziemlich sicher und stabil. Und damit dies auch in Zukunft so bleibt und auch im Quartier Höngg neue Projekte, Sanierungen und andere öffentliche Güter entstehen und zur Verfügung gestellt werden können, füllen alle pflichtbewusst und zuverlässig die Steuererklärung aus und tragen so einen Teil zum Ganzen bei.

    Finanz- und Aufgabenplan 2020-2023
    https://www.stadt-zuerich.ch/fd/de/index/finanzen/fap/fap-2020-2023.html