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  • «Ich will ans Meer»

    «Ich will ans Meer»

    Der dunkle von farbigen Linien durchzogene Schal liegt gekonnt drapiert auf ihren Schultern, die Ohrringe sind in Gold gefasste dunkelblaue Saphire, eine runde schwarze Brille sitzt auf ihrer Nase und die Lippen glitzern unaufdringlich. «Ja, ich schmücke mich gerne», sagt Corinne Jeisy. Schmuck habe etwas Aufwertendes, gegenüber sich selbst Wertschätzendes. «Niemand <braucht> Schmuck. Und trotzdem wird er auf der ganzen Welt und von allen Kulturen getragen», sagt die Goldschmiedin. Sie sitzt in ihrem Laden, der gleichzeitig Werkstatt ist, und lächelt entspannt. Früher war ein Friseur in diesem kleinen Raum nahe der Nordbrücke eingemietet. Heute wird hier gefeilt, gelötet, gesägt, gebogen. Jeisy macht «Schmucke Stücke», und so heisst auch ihr Laden.

    «Einmal Goldschmiedin, immer Goldschmiedin»

    In der Familie spielten Sport und Basteln eine wichtige Rolle. «Wir machten ständig etwas mit den Händen, daher kommt wahrscheinlich auch meine handwerkliche Veranlagung», erzählt Jeisy und betrachtet ihre schmalen, aber starken Finger. Vom Naturell her ist sie eher der Typ Zappelphilipp, aber beim Arbeiten mit den edlen Materialien wird sie ganz ruhig. «Mein Vater hat schon früh gesagt, ich solle mich selbstständig machen», erzählt die Goldschmiedin. «Wer hätte damals gedacht, dass ich einmal mit Murmeln den Schritt
    wagen würde». Die Rede ist vom «Murmelring», den sie für einen Wettbewerb entworfen hatte und der grosse Beachtung fand. Ein Ring mit einer silbernen Fassung, in die man Glasmurmeln legen und so immer unterschiedliche Ringe kreieren kann. Der Erfolg beflügelte sie und gab ihr den Mut, 2007 in Wipkingen ihren eigenen Laden, damals direkt am Röschibachplatz, zu eröffnen. 15 Jahre später hat sie diese Entscheidungen nicht bereut. Im Gegenteil: «Einmal Goldschmiedin, immer Goldschmiedin», sagt sie. Eine Alternative habe es eigentlich nie gegeben. Nicht, dass sie nicht schon andere Dinge ausprobiert hätte.

    Die goldenen Wanderjahre

    An ihre Schulzeit in St. Gallen erinnert sich Jeisy nicht besonders gerne. Entsprechend kam es für sie nicht in Frage, nach der Sekundarschule noch weiter die Schulbank zu drücken. Maskenbildnerin oder Goldschmiedin, das waren Berufe, die sie interessierten. Da sie für die Maskenbildnerin jedoch erst zwei Jahre Ausbildung als Coiffeuse hätte machen müssen, strich sie diesen Wunsch schnell von der Liste und schnupperte stattdessen bei einem Goldschmied. Sein Fazit: «Fräulein Jeisy ist wohl noch nicht reif genug». Also machte sie erst ein Welschlandjahr und versuchte es danach erneut, diesmal mit Erfolg. «Die Lehre lief gut für mich, auch die Schule gefiel mir. Am Ende meiner Ausbildung meinte mein Ausbildner, ich sei die beste Lehrtochter gewesen, die er bisher gehabt hatte», erzählt Jeisy stolz und ihre Augen leuchten. Schon immer hatte es sie gereizt, zu studieren. Während eines Sommerkurses in Salzburg lernte sie eine Professorin der Hochschule Pforzheim kennen – Pforzheim gilt als die sogenannte sogenannte «Goldstadt». Wahrscheinlich ermutigte diese Begegnung sie einige Jahre später, nachdem Jeisy der Liebe wegen nach Strassburg gezogen war und dort arbeitete, sich für den Studiengang Schmuck- und Gerätedesign zu bewerben. Auf zwei Gastsemester folgten vier Jahre Studium. In dieser Zeit lernte sie während eines Praktikums in der Ostschweiz ihren Mann, einen Physiker, kennen. Mit ihm reiste sie später nach Wien, wo sie ein Austauschsemester belegen konnte. «Das war eine geniale Zeit», schwärmt die jugendlich wirkende Frau. 1999 schliesslich zog das Paar nach Wipkingen, wo wenig später ihre Tochter zur Welt kam.

    Zukunft schmieden

    Im Mai macht sie einen Roadtrip und fährt zu ihrem Bruder nach Irland. «Ich brauche diese Auszeiten, um dem <Feilnagelblick> zu entkommen. Eine Art Tunnelblick. In diesen Wochen kann ich ausserhalb des Alltagstrotts kreativ werden, neue Produkte entwickeln.» Krisen kommen und gehen. Einschüchtern lässt sie sich davon nicht mehr so leicht. «Mit den Jahren kommt auch die Erfahrung und ich bin grundsätzlich eine optimistische Person.» Dennoch hat sie mit ihrem Mann abgemacht, dass sie aufhören würde, bevor sie sich verschulden müsse. «Dass ich nicht die Alleinversorgerin der Familie bin, hilft sicherlich auch, etwas gelassener zu bleiben», meint Jeisy. Immer wieder betont sie, wie privilegiert ihr Leben sei. So durfte sie in den vergangenen Jahren mit ihrer Familie mehrere Monate in Australien und Indonesien verbringen – die Reiselust hat sie nie verlassen. Nun, da ihre Tochter flügge geworden ist, juckt es sie wieder: «Ich möchte unbedingt einmal am Meer wohnen, ich liebe diese Weite, die Brandung, die unablässige Bewegung der Wellen.» Wer weiss, vielleicht zieht es sie nochmals für länger ins Ausland. Das braucht Mut, aber daran  mangelt es der quirligen Frau nicht.

  • Exklusive Führung «House of Natural Resources»

    Exklusive Führung «House of Natural Resources»

    Das «House of Natural Resources (HoNR)» steht am nördlichen Rand des Hochschulgeländes auf dem Hönggerberg. Es gehört zur Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie und beherbergt Forschungsabteilungen und Büroräumlichkeiten. Doch geforscht wird nicht nur im Inneren des Gebäudes, vielmehr ist das Haus selbst ein ganz eigenes Forschungsprojekt – allerdings nicht hydrologischer, sondern eher ingenieurstechnischer Natur. Der Holzbau stellt ein Pilotprojekt dar, mit dem das Ziel verfolgt werden soll, «innovative und effiziente Holzkonstruktionen aus Laubhölzern» zu entwickeln, wie es auf der Website des Gebäudes heisst. Sechs verschiedene Institute der Departemente Bau und Umwelt sowie Architektur waren am Bau beteiligt und konnten ihre Forschungsergebnisse direkt anwenden.
    Wer mehr zu diesem Gebäude erfahren möchte, ist herzlich eingeladen, an der von der ETH Zürich und dem «Höngger» gemeinsam organisierten Führung am 7. April teilzunehmen. Der in Höngg wohnende Bauingenieur Michael Klippel wird an diesem Abend vor Ort Interessierten Einblicke in die Entstehungsgeschichte, Konstruktion und Forschung am Bauwerk gewähren und allen Fragen Rede und Antwort stehen.

    Exklusive Führung «House of Natural Ressources» für «Höngger»-Leser*innen

    Organisiert von der ETH Zürich und der Höngger Zeitung
    Donnerstag, 7. April, 18 Uhr
    Führung zirka 1 Stunde, anschliessend Apéro
    Anmeldung per E-Mail an redaktion@hoengger.ch bis spätestens 1. April. Die Anzahl Plätze ist begrenzt.

  • Ein Holzbau der besonderen Art

    Ein Holzbau der besonderen Art

    Das «House of Natural Resources (HoNR)» steht am nördlichen Rand des Hochschulgeländes auf dem Hönggerberg. Es gehört zur Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie und beherbergt Forschungsabteilungen und Büroräumlichkeiten. Doch geforscht wird nicht nur im Inneren des Gebäudes, vielmehr ist das Haus selbst ein ganz eigenes Forschungsprojekt – allerdings nicht hydrologischer, sondern eher ingenieurstechnischer Natur. Der Holzbau stellt ein Pilotprojekt dar, mit dem das Ziel verfolgt werden soll, «innovative und effiziente Holzkonstruktionen aus Laubhölzern» zu entwickeln, wie es auf der Website des Gebäudes heisst. Sechs verschiedene Institute der Departemente Bau und Umwelt sowie Architektur waren am Bau beteiligt und konnten ihre Forschungsergebnisse direkt anwenden.

    Tragekonstruktion aus Holz

    Das 2015 erbaute Bauwerk besteht aus drei Stockwerken. Der Sockel des Hauses, das unterste Stockwerk, ist aus Beton gefertigt, die beiden darüberliegenden aus Holz. Damit ist das «House of Natural Resources» das erste Bürogebäude der ETH mit einer rein aus Holz bestehenden Trägerstruktur.
    Das «Skelett» des Hauses bildet eine neuartige Rahmenkonstruktion, welche in der Forschung der ETH entwickelt wurde. Diese besteht aus einem System von vorgefertigten Holzträgern und -stützen, welche vor Ort zusammengesteckt wurden. Stabilisiert und zentriert wird das Ganze durch Stahlseile, die sich in einem innen liegenden Loch des Trägers befinden und aussen am Gebäude verankert wurden. In den Rahmen wurden anschliessend die Decken der Stockwerke eingelassen. Materialmässig von der Konstruktion gänzlich unabhängig ist die Fassade des Gebäudes, welche überwiegend aus Glas besteht.

    Nachhaltige Materialien und Bauweise

    Für den Bau wurden verschiedene Holzarten verwendet: Während die Pfeiler der Tragekonstruktion vorwiegend aus Eschenholz bestehen, sind die Träger als Hybrid aus Fichten- und Eschenholz gefertigt. Die Decken des Gebäudes und der einzelnen Stockwerke wiederum bestehen aus einer Holz-Betonverbunddecke unter Verwendung von Buchen-Furnierschichtholz. Für die Wände wurden Fichten- und Eschenholz verwendet.
    Die Holzbauweise ist nicht nur optisch attraktiv, sondern habe auch weitere Vorteile, wie der am Projekt beteiligte Bauingenieur Michael Klippel erklärt: «Holz ist lokal vorhanden und wächst nach. Damit ist es bei richtigem Einsatz ein sehr nachhaltiges Material. Mit diesem lässt sich eine hohe Qualität erzielen.» Ausserdem könne man vergleichsweise schnell bauen, da sich vieles vorfabrizieren lasse. «Holz ist aus meiner Sicht ganz klar der Baustoff des 21. Jahrhunderts. In der Schweiz haben wir ausreichend Holz, das wir zum Bau von Gebäuden verwenden können. Damit leisten wir einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz. Wenn man Holz mit anderen Materialien kombiniert, die wie Lehm und nachwachsende Isolationsmaterialien in der Produktion sehr CO2-arm sind, könnte man heute in der Schweiz bis zu 30 Meter hohe Gebäude realisieren», so Klippel weiter.

    Ganzes Haus wird vermessen

    Um zu untersuchen, wie sich das Holz bei verschiedenen Belastungen über die Lebensdauer verhält, sind im ganzen Haus Sensoren angebracht. So kann etwa festgestellt werden, wie das Material auf Temperaturschwankungen reagiert, wie sich die Kräfte innerhalb des Holzskeletts verteilen, wie die Spannseile funktionieren oder wie sich eine Änderung der Feuchtigkeit auf die Konstruktion auswirkt.  
    Durch die kontinuierlichen Messungen erhalte man wichtige Daten zur Optimierung der angewendeten Bemessungsmodelle. Zum anderen könne man auch reagieren, falls die Messungen unerwartete Werte anzeigten, sagt Klippel.  

    Einladung zu einer exklusiven Führung

    Wer mehr zu diesem Gebäude erfahren möchte, ist herzlich eingeladen, an der von der ETH Zürich und dem «Höngger» gemeinsam organisierten Führung am 7. April teilzunehmen. Der in Höngg wohnende Bauingenieur Michael Klippel wird an diesem Abend vor Ort  Interessierten Einblicke in die Entstehungsgeschichte, Konstruktion und Forschung am Bauwerk gewähren und allen Fragen Rede und Antwort stehen.

    Exklusive Führung «House of Natural Ressources» für “Höngger”-Leser*innen

    Organisiert von der ETH Zürich und der Höngger Zeitung
    Donnerstag, 7. April
    18.00 Uhr
    Führung ca. 1 Stunde, anschliessend Apéro
    Anmeldung per Email an redaktion@hoengger.ch bis spätestens 1. April. Die Anzahl Plätze ist begrenzt.

  • Die Premiere muss warten

    Die Premiere muss warten

    Erneut muss die Zürcher Freizeit-Bühne ihre geplanten Aufführungen absagen. Ende März wollte sie im reformierten Kirchgemeindehaus mit einer neuen Komödie für Lachsalven sorgen. Doch die Premiere wurde auf das Frühjahr 2023 verschoben. «Die Pandemie machte uns einen Strich durch die Rechnung», sagt Vize-Präsident Lajos Lüscher. «Regelmässige Ausfälle haben die Proben massiv erschwert. Für eine Premiere waren wir nicht bereit.»

    Die Theatergruppe rund um Regisseur Heinz Jenni legt Wert auf eine professionelle Darbietung. Das neue Stück «Das hät mer grad no gfählt» von Erich A. Kleen ist eine turbulente Boulevard-Komödie in drei Akten, die besonders mit Wortwitz punktet. Jede Pointe muss sitzen.

    Die letzte Dernière mit einem abendfüllenden Stück fand im April 2019 statt. Im Januar 2020 konnte noch ein Einakter gespielt werden. Danach fanden keine Aufführungen mehr statt. «In der Vereinsgeschichte gab es noch nie eine so lange Pause», sagt Lüscher.

    Ohne Publikum geht es nicht

    Immerhin konnte der Verein zwei neue Mitglieder gewinnen, die bereits kleine Rollen innehaben. Ganz ohne Publikum will die Zürcher Freizeit-Bühne in diesem Jahr nicht auskommen. Das Ensemble arbeitet an einem einstündigen Schwank, der im Herbst auf Mini-Tournee gehen soll.

  • Der Kunst begegnen

    Der Kunst begegnen

    Heute ist das nur schwer vorstellbar, aber in den 70er- und 80er-Jahre gab es in Höngg eine lebendige Kunstszene, die ihr Zentrum direkt am Meierhofplatz hatte. Dort wo heute der Hönggermarkt steht, boten früher alte Häuser Platz für Ateliers und günstiges Wohnen. Mit deren Abbruch verschwanden auch die Künstler*innen aus dem Ortsbild. Seither fehlen dem Quartier die Schnittstellen und Begegnungsorte, um Kunst hautnah zu erleben. Dies, obwohl nicht wenige Kunstschaffende im Quartier tätig sind. Wie Rita Maya Kaufmann. Sie ist visuelle Künstlerin und arbeitet in einem der drei Ateliers an der Limmattalstrasse im Frankental, gleich gegenüber des Max-Bill-Hauses. Dieser Abschnitt der Strasse ist beinahe eine Kunstmeile: Gleich nebenan hat Anna Vögtli ihr Atelier, Manù Hophan arbeitet im Haus von Sasha und Ernst Morgenthaler schräg gegenüber und in den übernächsten Räumlichkeiten liegt der Nachlass des verstorbenen Malers Klaus Däniker. Lange trug Kaufmann die Idee eines Ortes für Kunst in sich. Die Zusammenarbeit mit anderen Kunstschaffenden sei immer inspirierend und spannend. Als erste Co-Ausstellerin hat sie Beatrice Vogler angefragt, welche ihre Skulpturen zeigen wird. Geplant ist eine viertägige Ausstellung, ohne Vernissage, aber offen für alle. Vielleicht eine erste von vielen Begegnungen mit und für die Kunst in Höngg. Das Atelier bleibt jedoch Arbeitsplatz und soll auf keinen Fall zur Galerie werden, betont Kaufmann.

    Kunst braucht Zeit und Raum – Eine Begegnung

    Mit Rita Maya Kaufmann, Malerei und Beatrice Vogler, Skulpturen

    Donnerstag, 31. März bis Sonntag, 3. April. Jeweils 16 bis 20 Uhr. Limmattalstrasse 386.

  • Genossenschaftliches Wohnen im Rütihof

    Genossenschaftliches Wohnen im Rütihof

    Bis in die 70er-Jahre war der Rütihof nicht viel mehr als ein paar Bauernhöfe, bestehend aus einer Handvoll Gebäude, direkt an der Stadtgrenze gelegen, vom Zentrum Hönggs weit entfernt. 1979 aber beschloss der Gemeinderat die Umzonung des Landwirtschaftslandes in Bauland, die grosse Bauphase begann. Diverse Baugenossenschaften liessen sich hier nieder und bilden heute einen grossen Komplex von Siedlungen im gemeinnützigen Wohnungsbau. 

    Vom Bauernhof zur Siedlung

    Zu den ersten, die im Rütihof zu bauen begannen, gehörte die «Allgemeine Baugenossenschaft Zürich» (ABZ). Wie die Präsidentin der Genossenschaft, Nathanea Elte, berichtet, erhielt die ABZ «das Bauland zu Beginn der 80er-Jahre von der Firma Siemens im Tausch gegen zwölf Einfamilienhäuser in Albisrieden.» 1983/84 erstellten die Architekten Schwarzenbach und Maurer das charakteristische hufeisenförmige Gebäude zwischen Rütihof- und Geeringstrasse. Auf sechs Stockwerken beinhaltet es 111 Wohnungen, ein Restaurant, ein Lebensmittelgeschäft sowie einen Coiffeursalon. 1990 konnte auch die Siedlung «Rütihof 2» bezogen werden, bestehend aus einer Häuserzeile mit weiteren 46 Wohnungen, zusätzlichen Gewerberäumen und einem Kindergarten.

    Das Konzept: Wohnen für alle

    Der Name «Allgemeine Baugenossenschaft» beinhaltet bereits das Konzept der 1916 in Zeiten schwerer Wohnungsnot gegründeten Genossenschaft: hier soll jede*r Mitglied werden können. Die Strategie der ABZ, so erklärt es Elte, sei es bis heute, «vor allem denjenigen Wohnungen zu vermitteln, die es sonst schwer haben auf dem Wohnungsmarkt.» Daher finden sich bei der Genossenschaft verhältnismässig viele Mitglieder im niedrigeren Einkommensspektrum.
    Die Wohnungen der Siedlung im Rütihof sind für alle Altersklassen und Familiengrössen konzipiert – von 1.5 bis zu 5.5-Zimmerwohnungen. Bei der Gestaltung der Wohnungen achte die Genossenschaft darauf, «diese möglichst zu optimieren, das heisst, wenig Verkehrsfläche und nicht nutzbaren Raum zu schaffen. Auf aufwändige Details wird zugunsten einer günstigeren Miete verzichtet.»

    Sonnengarten: mehr als 200 Wohnungen

    Eine weitere grosse Genossenschaft, die bereits in den frühen 80er-Jahren im Rütihof Fuss fasste, ist die «Baugenossenschaft Sonnengarten». Diese wurde 1944 mit dem Ziel gegründet, nach dem Krieg in der Stadt für günstigen Wohnraum zu sorgen. 1981 erwarb sie im Rütihof mehrere Parzellen im Baurecht. Die Architekten Guhl, Lechner und Partner entwarfen drei dreistöckige Häuserzeilen, die sich um einen Hof gruppieren.
    In insgesamt drei Etappen wuchs die Sonnengarten-Siedlung mit der Erweiterung um drei lange Häuserzeilen sowie einen würfelförmigen Bau bis Ende der 90er-Jahre schliesslich zu ihrer jetzigen Grösse heran und beherbergt nun neben mehr als 200 Wohnungen auch ein Café, einen Hort, Alters- bzw. Jugendwohnungen sowie eine Töpferwerkstatt.
    Die Wohnungen stellen primär kostengünstigen Wohnraum für junge Familien zur Verfügung. Es befinden sich nur wenige kleinere Wohnungen in der Siedlung, das Gros sind Wohnungen mit einer Grösse von 3.5 bis 5.5 Zimmern. Wichtig sei der Genossenschaft, so Silvia Hochrein, Leiterin Immobilien bei der Baugenossenschaft, dass es «für alle etwas dabei hat. Wir sind primär für Geringverdienende da, achten aber auch auf eine gute Durchmischung. Dies ist uns sehr wichtig.»


    Siedlung Rütihof 1 der Baugenossenschaft Sonnengarten. Die Häuser im Hintergrund gehören zur Baugenossenschaft des Kaufmännischen Verbands Zürich. (Foto: Dagmar Schräder)

    Bauen für den Mittelstand

    Eine sehr lokale Genossenschaft mit einem etwas anderen Background ist die liberale Baugenossenschaft, LBG. Diese wurde 1981 auf Initiative bürgerlicher Politiker*innen aus Höngg und Wipkingen sowie kleiner Gewerbetreibender gegründet. Der gemeinnützige Genossenschaftsbau zu jener Zeit, so erklärt Hans Ueli Affolter, Präsident der Genossenschaft, «war damals eher von biederer Struktur und primär kostengünstig. Dem wollte die LBG etwas Grosszügigeres gegenüberstellen und auch dem Mittelstand erschwingliche Wohnungen zur Verfügung stellen».
    1982 erhielt die LBG eine Parzelle im Rütihof im Baurecht und realisierte 1986 ihr Projekt mit 61 Wohnungen in vier Liegenschaften. Die Siedlung besteht aus einem Rundhaus und drei Reihenhäusern mit Maisonettewohnungen in einem terrassierten Bau, etwas aufwendiger und in den Grundrissen grösser als die Wohnungen der anderen Genossenschaften, dafür aber auch in einem etwas höheren Preissegment. Rund 120 Menschen bewohnen die kleine Siedlung. Während in den Reihenhäusern vorwiegend Familienwohnungen zu finden sind, beinhaltet das Rundhaus kleinere Wohnungen und ist mit einem Lift ausgestattet. 


    In den Hang gebaute Maisonettewohnungen mit grosszügigen Terrassen: die Siedlung der LBG im Rütihof (Foto: Ilias Islam)

    Gemeinschaft gestalten

    Was Genossenschaftssiedlungen ausmacht, ist aber nicht nur der erschwingliche Wohnraum auf Basis von Kostenmieten, sondern auch das Zusammenleben innerhalb der Überbauung. «Wichtig für uns ist das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Siedlung, neben der <Hardware> sozusagen die <Software> der Genossenschaft», erklärt etwa Elte. Schliesslich sind die Bewohner*innen bei ABZ und Sonnengarten nicht nur Mieter*innen, sondern auch Mitglieder und damit Anteilshaber*innen, welche über die Geschicke «ihrer» Genossenschaft mitentscheiden und diese mitgestalten können und sollen.
    Architektonisch versuchen die Genossenschaften mit verschiedenen Mitteln, Gemeinschaft zu fördern und gestalten – etwa über die im Halbkreis angeordneten Eingänge der ABZ-Siedlung, welche in einem Arkadengang rund um den Innenhof liegen und so mehr Begegnungen ermöglichen als Reihenhäuser. Oder die vom Grafiker Hansruedi Scheller mit verschiedenen Farben gestalteten Eingänge, die Identität schaffen und der Orientierung dienen sollen. Sehr wichtig sind auch die von den Bewohner*innen für verschiedenste Anlässe nutzbaren Gemeinschaftsräume sowie flexible Atelier- und Hobbyräume, welche individuell gemietet werden können.
    Ein ganz entscheidender Faktor sind zudem die für alle zugänglichen Aussenräume mit Spielplätzen und Grünanlagen. Hier haben sich die Ansprüche in den letzten vierzig Jahren gewandelt, so dass die Aussenräume bei allen drei Genossenschaften erneuert und neu gestaltet wurden. Bei der BG Sonnengarten wurden etwa die neuen Spielplätze im Mitwirkungsverfahren und unter Beteiligung der hier lebenden Kinder erstellt. Unter dem Motto «Gartenstadt» wird heute versucht, die «Stärken des Standortes mit den Bedürfnissen der Bewohner*innen zu verknüpfen», wie Hochrein erklärt. Auch bei der LGB wurden die Aussenräume aufgewertet. Eine funktionierende Biodiversität steht hier im Fokus, zudem haben sich Bewohner*innen zu einer «Urban Gardening»-Gruppe zusammengetan.


    Der «Raketenspielplatz» in der Siedlung der BG Sonnengarten wurde mit Hilfe der hier wohnenden Kinder entworfen. (Foto: Dagmar Schräder)

    Kleinstadt ohne grosse Infrastruktur

    Doch nicht nur die einzelne Genossenschaft ist für das Gemeinschaftsgefühl entscheidend, sondern auch das Gesamtgefüge des Wohnquartiers. Dieses ist seit den 80er-Jahren stark gewachsen – rund 4000 Menschen leben mittlerweile im Rütihof, Tendenz steigend. Weitere Genossenschaften wie die ASIG sind hinzugekommen, aber auch andere Institutionen sowie zahlreiche private Bauherren. Architektonisch resultiert daraus ein buntes Mischmasch an Stilrichtungen, wie der Architekturführer Zürich feststellt: «Auf die strengen Bauten der ersten Phase folgten die gemütlichen 1980er- und die verspielten 1990er-Jahre – alles in allem ein ziemliches Durcheinander an Stilen».
    Aus städteplanerischer Sicht und nach Ansicht vieler Quartieranwohner*innen ist in diesem «Durcheinander» trotz aller vorhandener Wohnqualität und der grossen Beliebtheit der Wohnlage noch Luft nach oben – vor allem in Bezug auf die Infrastruktur, welche nicht mit dem Quartier mitgewachsen ist. Gleichzeitig erweist sich die Lage für Gewerbe gerade wegen seiner Abgeschiedenheit als nicht ganz einfach – wie etwa das Beispiel des mittlerweile geschlossenen Restaurants Rütihof zeigt. Für die Zukunft und in Hinblick auf weitere geplante Bauprojekte besteht hier noch Optimierungspotenzial – um das Gemeinschafts- und Lebensgefühl innerhalb der «Kleinstadt» noch weiter verbessern zu können.


    Bild aus dem Jahr 1982: das grosse Bauen hat begonnen. (Foto: Archiv Höngger)
  • «Wir brauchen mehr Wertschätzung»

    «Wir brauchen mehr Wertschätzung»

    Er ist bereits seit einigen Wochen Thema im «Höngger»: der Tag der «random acts of kindness» am 17. Februar. Doch was bedeutet eigentlich der Begriff «Freundlichkeit»? Höchste Zeit für eine etwas theoretischere Auseinandersetzung mit dem Thema.
    Die ehemalige Primarlehrerin, Theologin sowie Dozentin für Religion, Kultur & Ethik an der pädagogischen Hochschule, die mit ihrer Reaktion auf den «Höngger»-Leitartikel zum Jahreswechsel («Mehr Äpfel für Höngg») die Auseinandersetzung mit dem Thema überhaupt erst ins Rollen brachte, hat sich mit dem «Höngger» zu einer leicht philosophischen Gesprächsrunde getroffen.

    Frau Bauer, was bedeutet «Freundlichkeit»?

    Ich beschäftige mich gerne mit der Etymologie der Wörter, um zu verstehen, was sie genau bedeuten. Das Wort «freundlich» ist interessanterweise mit dem Wort «frei» verwandt. Freiheit hat etwas mit der Beziehung zu den Nahestehenden zu tun und beinhaltet die Begriffe «schützen und schonen». Frei zu sein bedeutet unter anderem, im «Schutzbereich» derer zu stehen, die einem nahestehen, von diesen geschont und geliebt zu werden. Daraus leitet sich ab, dass auch Freundlichkeit gewissermassen denjenigen zusteht, die einem nahestehen.

    Nett ist man also nur zu denjenigen, die zur eigenen Gemeinschaft gehören?

    Ja, das kann man so ableiten. Und genau hier knüpft mein Anliegen an: eine Kultur der Freundlichkeit zu schaffen, die sich nicht nur auf die eigene Gruppe bezieht, sondern generell gültig ist. Ich würde mir wünschen, dass wir freundlich sein können, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten

    Also vermissen Sie Freundlichkeit hierzulande?

    Ja, ich denke, es mangelt schon ein wenig an Wertschätzung – gegenüber den Mitmenschen ebenso wie gegenüber der Natur. Da könnte sich noch einiges verändern. Gerade zu Beginn der Pandemie hatte ich den Eindruck, es passiere etwas, es gebe eine positive Änderung. Die Leute achteten mehr aufeinander, halfen sich gegenseitig – doch mittlerweile hat sich das eher wieder ins Gegenteil verkehrt.

    Woher kommt dieser Mangel an Wertschätzung?

    Das ist eine grosse Frage. Eigentlich lässt sich das bis zur Renaissance zurückführen. Das «Ich» hat in unserer westlichen Kultur eine sehr grosse Bedeutung. Renaissance und Aufklärung haben das Individuum gestärkt, was für uns sehr viele Vorteile hat – doch das Gemeinwohl ist mit der Zeit ein wenig vergessen gegangen. Dagegen gibt es andere Kulturen und Sprachgemeinschaften, in denen es gar kein Wort für «Ich» gibt.

    Sie sind Theologin. Hat Freundlichkeit etwas mit «Nächstenliebe» zu tun? Oder anders gefragt: brauchen wir mehr Religiosität, um wieder netter zueinander zu sein?

    Für mich ist Freundlichkeit tatsächlich ein Ausdruck von Religiosität. Sprich: wer daran glaubt, dass die Menschen das Abbild Gottes sind, kann eigentlich kein Menschenfeind sein und sollte auch der Schöpfung Achtung entgegenbringen.
    Umgekehrt ist es aber überhaupt keine Bedingung, einer Religion anzugehören, um den Mitmenschen Wertschätzung entgegenbringen zu können. Auch ein Atheist kann natürlich freundlich zu anderen sein.

    Wie schaffen wir es denn konkret, das Gemeinwohl wieder zu stärken?

    Ganz salopp ausgedrückt würde es unserer Gesellschaft meiner Meinung nach helfen, wenn wir etwas ärmer wären. Das würde dafür sorgen, etwas weniger egoistisch zu sein. Nur schon am Beispiel Nahrungsmittel sieht man das: heute können wir uns einen extrem verschwenderischen Umgang mit dem Essen leisten – und schätzen überhaupt nicht, wo es herkommt und was es alles braucht, um die Nahrungsmittel zu produzieren. Unser Umgang mit den Ressourcen ist äusserst egoistisch.

    Was unternehmen Sie persönlich?

    In Bezug auf den Umgang mit unseren Ressourcen versuche ich, möglichst nachhaltig zu leben. Ich bemühe mich darum, möglichst keine Lebensmittel zu verschwenden, sondern alles zu verwenden, was ich im Haus habe. Auch ab und zu mal draussen den Müll aufnehmen, der so rumliegt, ist eine gute Massnahme, um dafür zu sorgen, dass es in der näheren Umgebung etwas schöner ist.
    Gegenüber den Menschen bemühe ich mich um eine zugewandte Haltung – selbst gegenüber denjenigen, die zu mir unfreundlich sind. Auch der Faktor Zeit ist wichtig: sich Zeit nehmen für kleine Begegnungen, Anteil nehmen am Leben der Anderen. Das sind oft ganz kleine Momente, die aber dafür sorgen, dass man sich mit den Mitmenschen viel mehr verbunden fühlt. Das Grossartige an den «acts of kindness» ist, dass sie viral sind. Wenn ich etwas Positives erlebe, bin ich viel mehr bereit, selbst etwas Nettes weiterzugeben. So vermehrt sich die Freundlichkeit. Früher hat man sich mit guten Taten den Einzug in den Himmel verdient. Heute würde ich sagen: mit guten Taten lässt sich zum Himmel auf Erden beitragen.
    Und noch was: mir ist ein bewusster Umgang mit der Sprache sehr wichtig. Mit Worten kann man so viel ausrichten – verletzen oder heilen. Ich habe es in meiner Tätigkeit als Seelsorgerin des Öfteren erlebt, welch positiven Auswirkungen das richtige Wort zur richtigen Zeit haben kann. Gleichzeitig kann man aber auch mit herablassenden, beleidigenden Äusserungen ganz viel zerstören.

    Können Sie uns zum Abschluss noch ein kleines Beispiel für einen «act of kindness» geben? Etwas, das sie besonders beeindruckt hat?

    Vor kurzem habe ich etwas Schönes erlebt. Eine meiner Nachbarinnen, eine ältere Dame, hatte gesundheitliche Probleme und musste ins Krankenhaus. Ich habe sie vor ihrem Haus getroffen, wo sie offensichtlich etwas aufgeregt und verwirrt war und nicht wusste, wie sie dorthin kommt. Ich war leider gerade sehr im Stress und habe mir überlegt, wie ich es zeitlich schaffe, sie ins Spital zu begleiten. Da kamen ein paar Männer vom ERZ vorbei, die gerade auf Entsorgungstour waren. Sie boten dieser für sie wildfremden Frau an, sie mit ihrem Wagen ins Spital zu bringen. Auch wenn sich die Dame schlussendlich doch lieber selbst auf den Weg machen wollte, hat mich diese Geste sehr beeindruckt. Ein selbstloser Akt von Hilfsbereitschaft.

  • Ausmal-Wettbewerb

    Ausmal-Wettbewerb

    Malen tut gut und erfreut sich gerade wieder grosser Beliebtheit. Nicht nur Kinder lieben die Beschäftigung, auch Erwachsene greifen immer öfter zum Farbstift. Dank vorgezeichneten Ausmalbildern hält sich der Frust in Grenzen. Einfach losmalen, abschalten, glücklich sein. Dies ist ein weiterer Teil der Aktion «Mehr Freundlichkeit für Höngg» vom «Höngger».

    Alle dürfen mitmachen

    Einfach Vorlage unten runterladen, ausdrucken und losmalen. Kunstwerk bis zum 17. Februar an Quartierzeitung Höngg, Meierhofplatz 2, 8049 Zürich einsenden. Zu gewinnen gibt es fünf Gutscheine im Wert von je 20 Franken, die in der Buchhandlung Kapitel 10, Limmattalstrasse 197, für ein Buch oder auch für eine Konsumation einzulösen sind.

  • Gesammelte Freundlichkeiten

    Gesammelte Freundlichkeiten

    «Das Glück Deines Lebens hängt von der Beschaffenheit Deiner Gedanken ab», sagte mein Jahreskalender den ganzen Monat Dezember zu mir. Wie wahr, dachte ich oft. Gerade in der kalten und dunklen Jahreszeit, mit Pandemie und sonstigem Stress rundherum, verliert man sich so leicht in negativen Gedanken. Irgendwas läuft schief – und das tut es ja eigentlich immer – und schnell ist alles ganz doof, traurig, schlecht. Murphy’s Law. Alles hat sich gegen mich verschworen. Mein Selbstmitleid ist das einzige, das noch bedingungslos zu mir hält. Wie langweilig.

    Aufs Positive konzentrieren

    Warum nicht also mal gegensteuern? Irgendwas läuft ja auch immer gut, jeden Tag. Jeden Tag begegne ich netten Menschen, erlebe positive Dinge. «Random acts of kindness», «zufällige Freundlichkeitstaten»,  passieren ständig, man muss sie nur sehen. Deswegen also hier ein Protokoll der gesammelten Freundlichkeiten, die mir so im Alltag begegnen – um die Beschaffenheit der Gedanken mal umzupolen.

    Tiere tun gut

    Frühmorgens aus dem Bett schälen. Etwas schwierig im Dunkeln und dann ist es noch so kalt. Egal, da muss ich durch. Die Kinder machen sich für Schule und Job bereit, ich muss erst einmal die Tiere versorgen. Die Reaktion der Tiere auf meinen Besuch ist selbst eigentlich schon ein «act of kindness». Wie sich die beiden Katzen darüber freuen, von mir gefüttert und gestreichelt zu werden, wie fröhlich die Gänse den neuen Tag begrüssen – wer will da Trübsal blasen? Eine erste Spaziergängerin schlendert vorbei, die Katzen eilen zu ihr, um sie zu begrüssen und um ihre Beine zu streichen. Sie freut sich – und äussert die erste positive Bemerkung des Tages: «Es tut mir immer so gut, hier vorbeizukommen und die Tiere zu sehen.»

    Kleine Gesten zählen

    Jetzt aber schnell zurück zu den Kindern. Auf dem Heimweg fährt bei der Bushaltestelle gerade der 46er Richtung Bahnhof ab. Verzweifelt versucht eine ältere Dame, den Bus noch zu erreichen, sprintet und winkt, doch es ist zu spät. Der Bus ist abgefahren. Sie will sich schon ärgern, da hält der Chauffeur in der Kehrschlaufe an und fordert sie auf, einzusteigen. Kleine Geste, grosse Wirkung. Etwas später am Vormittag der Einkauf. In der Schlange ganz vorne an der Kasse ein Kind, das offensichtlich sein Taschengeld in Süssigkeiten investiert. Lauter 10-Rappen-Münzen auf dem Förderband der Kasse, die Kassiererin zählt. Es fehlen 20 Rappen, um die sauren Zungen zu bezahlen. Die Frau hinter dem Kind greift ohne zu zögern in ihr Portemonnaie und bezahlt die fehlenden 20 Rappen aus der eigenen Tasche. Ist ja nix dabei. Doch das Kind strahlt. Überhaupt, das Personal hier im Denner am Meierhofplatz. Das gehört auch zu den positiven Meldungen. Wie freundlich sie ihre Kund*innen bedienen. Da fühlt man sich gleich sehr willkommen. Und genauso freundlich wird man auch von der «Taxi»-Verkäuferin begrüsst, die vor dem grossen Coop ihre Zeitschrift verkauft. Schlechtes Wetter und gestresste Passant*innen scheinen ihr nichts auszumachen – ihre gute Laune ist jedenfalls ansteckend.

    Hilfsbereitschaft im ÖV

    Im Bus das nächste positive Erlebnis:  Eine Frau betritt den Bus, sie hält sich den Schal vor das Gesicht, hat offensichtlich keine Maske und es ist ihr unangenehm. Ein Mitreisender nimmt eine eingepackte Einwegmaske aus dem Rucksack und bietet sie ihr an. Erleichtert nimmt sie sie an, kann aber im Stress die Verpackung nicht aufreissen. Verzweifelt reisst sie am Plastik. Ihre Nachbarin nimmt ihr die Maske aus der Hand und befreit sie aus der Verpackung.

    Beeindruckende Grosszügigkeit

    Abends steht ein Essen mit einer guten Freundin in einem thailändischen Restaurant in der Umgebung auf dem Programm. Gut gespiesen und sogar für die Kinder noch etwas im Take-away mitgenommen. Beim Bezahlen zähle ich auf, was ich alles konsumiert habe. Der Wirt unterbricht und sagt: «Also, dieses Getränk kann ich hier beim besten Willen auf der Rechnung nirgends finden. Das ist wohl vergessen gegangen», ergänzt er augenzwinkernd, verrechnet den geringeren Betrag und weigert sich zudem noch, die Höhe meines Trinkgelds zu akzeptieren.

    Nettigkeit ist ansteckend

    Auch wenn die oben geschilderten Beispiele zugegebenermassen nicht wirklich alle am selben Tag passiert sind, sondern der Dramaturgie willen etwas zusammengerafft erzählt wurden – sie sind alle wahr. Und sicher könnte ich noch unzählige weitere solcher kleinen netten Geschichten erzählen, wenn ich sie nicht vergessen hätte, weil ich zuweilen zu sehr damit beschäftigt war, mich auf das Negative zu konzentrieren. Dabei wäre es doch so einfach. Ich nehme das Erlebte als Anstoss. Werde mich gleich morgen mit einer kleinen Geste revanchieren – völlig egal, bei wem. Hauptsache nett sein. Kostet nix, tut gut und wirkt ansteckend.

  • Komplimente-Zentrale

    Komplimente-Zentrale

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