Autor: tka_admin

  • In Öl gebanntes, pures Licht

    In Öl gebanntes, pures Licht

    «Ich bin kein lauter Maler und kann mich selbst nicht gut verkaufen.» Das ist etwas vom Ersten, was Heiner Fierz sagt, als ihn der «Höngger» in seinem Atelier unterhalb der Hohenklingenallee besucht, wo er seit 20 Jahren zu Hause ist. Klein ist hier alles und wohl verstaut, doch Fierz malt ohnehin meistens draussen, vor Ort, mitten im Licht, das er so treffend einzufangen weiss. Vielleicht eine Reminiszenz an seine Jugend in Au-Wädenswil, wo er 1957 als Sohn einer Bauernfamilie zur Welt kam und aufwuchs? Das Zeichnen entdeckte er dort in der Sekundarschule und blieb ihm auch in der Mittelschule und später als Elektroingenieur ETH treu. Diese erste Berufswahl war jedoch ein Vernunftsentscheid, der ihn nie glücklich machte. Also entwickelte er sich weiter, fand in den grafischen Bereich und später über seine Liebe zur Sprache zur Arbeit als Korrektor, seinem heutigen «Brotjob», wie er es nennt, der ihm aber auch ein guter Ausgleich zur Malerei sei.
    Erste Gehversuche als Kunstmaler machte Fierz mit der Airbrush-Technik. Dann wechselte er zu Öl und Pinsel, was er viel persönlicher fand. Das liegt rund 30 Jahre zurück. Seither malt er in Öl. Immer mehr. Und intensiver. Landschaftsmotive prägen sein umfangreiches Werk, zwischendurch auch Porträts. Fierz malt in dezenten, nicht aufdringlichen Farben, mit denen er das Licht Südfrankreichs einfängt, sogar auf Motiven aus Zürich. Er schmunzelt über diese Beschreibung: «Ich bin tatsächlich oft in Südfrankreich, das Licht dort ist wirklich fantastisch. Wenn man mit Licht und Schatten in einem Bild etwas übertreibt und ‹in die Farben› geht, dann weicht auch in Zürich das Grau, alles wird hell und leicht.»

    Zürich liegt in Frankreich

    Das zeigt vielleicht am besten ein Bild, das im kleinen Atelier ins Auge sticht. Es zeigt eine Szene in einer französischen Stadt am Meer: Lichtdurchflutet leicht, imposante Gründerzeitbauten im Hintergrund, ein Strassencafé mit Sonnenschirmen, spielende Kinder, und im Vordergrund wiegen sich sanft angedeutete Wellen an einen flachen, warmen Sandstrand – bis Fierz nebenbei bemerkt, das sei der Sechseläutenplatz. Himmel, natürlich: Da ist tatsächlich das Opernhaus, und da, das ist der Pavillon des Parkhauslifts, und das ist kein Strand, sondern der freie Platz. Plötzlich liegt Zürich in Frankreich.
    Natürlich spricht man bald über den Impressionismus. Fierz sagt, «impressionistisch» sei ihm stets ein Kompliment gewesen, doch heute finde er seine Bilder in diesem Begriff nicht so richtig wieder. Ja, Fierz malt nicht naturalistisch, aber sehr wohl gegenständlich. Er vereinfacht Formen eher mit Flächen als mit Strichen, Verläufe fehlen völlig, alles ist zoniert, und so entstehen mit einfachsten Pinselstrichen Eindrücke von Räumen und Gegenständen.
    Eindrücke, die den Betrachtenden binden. Auch nach Jahren. «Manchmal kommen Leute an meine Ausstellungen, die früher schon ein Bild gekauft hatten», erzählt der Künstler, «sie erzählen mir, wie viel Freude sie noch immer daran haben.» Das sei ihm die schönste Anerkennung. Eine, die ihm sonst als «60-jähriges Jungtalent», wie er sich selbst nennt, bis heute versagt blieb. Doch Fierz weiss, dass Kunst und Kunstmarkt «zwei Paar Schuhe» sind. Doch er müsse ja nicht, sondern dürfe malen, sagt er zum Schluss bescheiden – und erwähnt ganz nebenbei, dass er auf der Liste der Porträtmaler für Regierungsratsmitglieder sei, bisher aber noch nicht von einem zurücktretenden Mitglied ausgewählt worden sei. Eine Anerkennung, die er bestimmt nicht ablehnen würde.

    Heiner Fierz, Ölbilder, «Stadtsichten – Stadtfluchten – Stadtleben»
    Donnerstag, 19. April, bis Donnerstag, 30. August, im Infozentrum und den Redaktionsräumen des «Hönggers» am Meierhofplatz 2. Öffnungszeiten Montag bis Freitag während Bürozeiten oder auf Anfrage.
    Vernissage: Donnerstag, 19. April, 17 bis 20 Uhr in Anwesenheit des Künstlers.

  • Einsprache im Rütihof

    Der «Quartierplan Nr. 458, Rütihof» wurde damals vom «Grundeigentümer-Verein Rütihof-Zürich» ausgearbeitet und am 11. Juni 1975 vom Zürcher Stadtrat, mit einem Vorbehalt bezüglich künftiger Bauordnungen, festgesetzt. Im diesem Quartierplan wurde auch die Bruttogeschossfläche des ganzen Bebauungsgebietes Rütihof, insgesamt 267’500 Quadratmeter, geregelt und die Ausnutzung auf die einzelnen Grundstücke verteilt.
    Nun, da die Überbauung des letzten grossen Areales (Kataster HG7471), dort, wo der «Ringling» hätte gebaut werden sollen, ansteht, klärte die Stadt «ergänzend zum Mitwirkungsverfahren» ab, wie es im Protokoll des Stadtrates vom 10. Januar heisst, inwiefern die 1975 im Quartierplan festgehaltenen Bruttogeschossflächen heute noch rechtswirksam seien. Sie sind es nicht mehr, kam die Stadt, die brisanterweise über eine der drei Bauträgerinnen des Projekts – die Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich – selbst am Bauprojekt beteiligt ist, zum Schluss. Die zulässige Ausnutzung einer Parzelle werde heute im Planungs- und Baugesetz (PBG) geregelt, das erst nach dem Quartierplan 458 in Kraft trat. Da das PBG dem Quartierplan rechtlich vorgehe, sei die im Quartierplan festgesetzte maximale Bruttogeschossfläche von maximal 22’738 Quadratmetern für das Areal HG7471 nicht mehr geltend. Das habe auch das Verwaltungsgericht 2014 festgehalten, nennt der Stadtratsbeschluss.
    Vor diesem Hintergrund beschloss der Stadtrat, die «öffentlich-rechtliche Eigentumsbeschränkung betreffend Ausnutzung», die er 1975 selbst festgesetzt hatte, ersatzlos aufzuheben. Der restliche Beschluss von damals bleibe aber gültig.
    Geht man davon aus, dass nun die bereits für «Ringling II» vorgesehene Bruttogeschossfläche realisiert werden dürfte, so wären das 36’155 Quadratmeter, also die Hälfte mehr als dem Areal im Quartierplan damals zugeteilt worden war.

    Es geht auch um die Rechtsgleichheit

    Gegen den Beschluss des Stadtrates hat nun Ernst Geering, Grundeigentümer im Rütihof, Rekurs eingereicht. Vertreten wird er durch die Kanzlei Voser Rechtsanwälte, die seinerzeit den «Ringling» zu Fall gebracht hatte. Der Quartierplan sei, heisst es im Rekurs, auch heute noch rechtsgültig. Es gäbe «keine Änderung des übergeordneten Rechts, welche etwas an der Ausnützungsregelung verändern würde. Es ist auch heute noch zulässig, in einem Quartierplan die Ausnützung zu regeln», dass der Quartierplan Rütihof auf der Parzelle HG7471 eine kleinere Ausnützung festlege als die Bau- und Zonenordnung (BZO) heute erlaube, mache den Quartierplan nicht rechtswidrig. Es bestehe somit kein Grund, die Regelung abzuändern, auch wenn sich übergeordnetes Recht geändert hätte. Überdies gehe es auch um Rechtsgleichheit, denn der Quartierplan von 1975 sei von den Zürcher Baubehörden für die Bewilligung von Neubauten auch noch angewendet worden, nachdem das neue PBG längst in Kraft war. Im Rekurs werden dafür Beispiele genannt. Ferner sei zu bedenken, dass auch die Verteilung der Erschliessungskosten eines Baugebietes an die Bruttogeschossflächen gekoppelt sind: Je höher die Ausnutzung, desto höher der an die Erschliessungskosten zu leistende Betrag. Erschlossen ist das Baugebiet indes längst, abgerechnet anhand der alten, «tiefen» Bruttogeschossflächen – würden diese nun für die letzte Parzelle erhöht, müssten auch die Erschliessungskosten nachträglich angepasst werden.
    Der Stadt, so weiss der «Höngger» aus anderer Quelle, sei schon vor Jahren geraten worden, das im kantonalen Planungs- und Baugesetz festgelegte Verfahren für die Revision eines Quartierplans einzuleiten, sofern sie die Nutzungsbeschränkung auf dem Grünwaldareal aufheben wolle. Geschehen ist das nicht, was das Vertrauen der Grundeigentümer im Rütihof in die Behörden nicht gerade fördert. Dass der Quartierplan von damals, ein sehr umfassendes Vertragswerk, das zahlreiche, miteinander verbundene Regeln festlegte, nun einfach ausgehebelt werden soll, damit die Stadt auf ihrem Grundstück mehr bauen darf, stösst sauer auf: Die Vermutung steht im Raum, dass nur die anderen, grossen Grundstücke von der Möglichkeit der Arealüberbauungen profitieren könnten.

    Welchen Einfluss das nun eingeleitete Rekursverfahren auf die weitere Planung der Überbauung Grünwaldareal hat, insbesondere auch den zeitlichen Verlauf, ist unklar.

  • M.I.A. P3 – Albtraum im Doppelpack

    Miami 2013: Nach einem Bancomat-Bezug wird Monique auf offener Strasse von drei Schlägertypen brutal überfallen. Nur dank Hilfe eines Passanten überlebt sie und flüchtet von der Polizei nicht ernstgenommen schwer verletzt nach Hause. Ihre Freundin rät ihr, einen Anwalt aufzusuchen, um die Bank, welche es gesetzlich vorgeschrieben unterlassen hat, beim Bancomaten eine Überwachungskamera zu installieren, einzuklagen. Damit erst beginnt für Monique der Horrotrip. Im Miami Hospital, wo sie sich ein zweites Mal auf Ihre Nierenverletzungen untersuchen lassen soll, wird sie mit Verdacht auf Suizidgefahr in die Psychiatrie eingeliefert. Umgeben von Psychopathen, der Freiheit bis auf ein trauriges Nachthemd beraubt und wo nicht einmal Kakerlaken und Ratten sich wohl fühlen würden, kämpft sie mit einem enormen Überlebenswillen gegen Gehirnwäsche, Medikamentencocktails, Kältetod, Blutverlust und Nierenversagen, während «draussen», im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Weihnachten und Hanukkah gefeiert wird.

    Die Wipkinger Autorin, Monique Wegmüller, lebte zehn Jahre in Los Angeles, New York und Miami. Sie ist Autorin, VIP-Assistentin, Kunstmalerin und liebt die Unterwasserwelt. Ihr Erstlingswerk «Maholo Sunrise» (Schauplatz Hawaii) wurde mit dem internationalen Buchpreis 2011 in der Kategorie «wahre Geschichte» in Los Angeles ausgezeichnet. Mit «M.I.A. P3 – Albtraum im Doppelpack» erzählt sie ihr zweites Albtraumerlebnis, als sie in Miami auf offener Strasse brutal überfallen wird und schlussendlich in der Irrenanstalt landet.

    M.I.A. P3 – Albtraum im Doppelpack.
    Taschenbuch
    Erscheinungsdatum: 5.11.2017
    Preis: Fr. 38.90
    ISBN: 978-1-387-20608-7 (396 Seiten)
    Direktbestellung mit persönlicher Widmung bei: monique.wegmueller@bluewin.ch oder ohne Widmung in jeder Buchhandlung oder im Infozentrum des «Hönggers» am Meierhofplatz 2 erhältlich.

  • Doch noch nicht bewilligt

    Doch noch nicht bewilligt

    Am ersten Workshop «Mitwirkung Entwicklung Grünwaldareal» vom 29. Januar («Höngger» vom 8. Februar), wo es darum ging, was nun auf dem ehemaligen «Ringling»-Areal gebaut werden soll, wurde auf einer der Stellwände auch der Plan des vorgesehenen Verkehrskreisels an der Frankentalerstrasse, bei der Einmündung der Geeringstrasse, präsentiert. Das Rekursverfahren sei abgeschlossen und 2019 solle mit dem Bau begonnen werden, wurde dazu von einem Mitarbeiter des Tiefbauamtes erklärt. Jakob Maurer, Delegierter des Quartiervereins Höngg, schaute sich die ausgehängten Pläne genau an und bezweifelte daraufhin in einem Leserbrief im «Höngger» vehement, dass die Stadt überhaupt berechtigt sei, das Projekt ohne neue Ausschreibung zu realisieren, da die nun gezeigten Pläne, abgesehen von geringen Änderungen, jenen entsprächen, die bereits 2010 aufgelegt und vom Verwaltungsgericht 2012 an den Regierungsrat zurückgewiesen worden waren. Gleichzeitig interessierte es den «Höngger», ob im Zusammenhang mit diesem Bauprojekt, das auch an der Einmündung der Frankentaler- in die Regensdorferstrasse Veränderungen zeitigen würde, nicht auch das LEK konsultiert worden sei. Dort heisst es, dass in einem dieser Einmündung nahen Bereich, dem Waldabschnitt Richtung Regensdorf, langfristig eine teilweise Tieferlegung zu prüfen sei, um die Querung für das Wild sicherer zu gestalten. Angefragt, ob sich bei der Planung des aktuellen Bauvorhabens nicht die Gelegenheit geboten hätte, das Projekt im Sinne des LEK auszuweiten, antwortete Evelyne Richiger, Leiterin Kommunikation beim Tiefbauamt der Stadt Zürich: «Das Projekt Regensdorfer-/Frankentalerstrasse ist noch nicht abgeschlossen und weder vom Stadtrat festgesetzt noch vom Regierungsrat bewilligt». Und die eigentlich gestellte Frage? Eine teilweise Tieferlegung der Regensdorferstrasse wurde aktuell nicht geprüft, hingegen soll eine Baumallee in diesem Bereich der Regensdorferstrasse gemäss Alleenkonzept und LEK umgesetzt werden.

     

  • Höngg ist statistisch betrachtet multikulti

    Höngg ist statistisch betrachtet multikulti

    Als 2016 die letzte Volkszählung durchgeführt wurde, zeigten die Zahlen, dass von den total 23’423 in Höngg lebenden Personen 5’785 ausländischer Herkunft waren und diese aus 120 verschiedenen Nationen hierher gezogen sind. Das war knapp ein Viertel (24,7 %), während der Anteil über die ganze Stadt betrachtet knapp ein Drittel betrug (32,1 %). Die Zahlen dürften sich seither nur unwesentlich verändert haben.
    Anders sieht das aus, wenn man den Zeitraum 1993 bis 2016 betrachtet. In diesen 23 Jahren hat die Bevölkerung in Höngg um total 4305 Personen zugenommen. Die meisten Neuzuzüger waren deutscher Nationalität (1522 Personen), gefolgt von Schweizerinnen und Schweizern (1234) und, mit grossem Abstand, den österreichischen Staatsangehörigen (153). Auf Rang vier folgt bereits China mit 150 Personen, und erst dahinter tauchen «traditionelle» Einwanderungsländer wie Italien, Frankreich und Portugal auf (siehe Abbildung 1). Betrachtet man die elf Nationen mit den meisten Zunahmen in Höngg nach Prozenten, so staunt man im ersten Moment nicht schlecht: Obenauf schwingt mit einer Zunahme von 577% China, gefolgt von Deutschland (plus 310%) und Polen (plus 261%). Auf dem letzten der elf Plätze erst folgt die Schweiz mit einem Plus von 8 Prozent (Abbildung 2).
    In absoluten Zahlen betrachtet relativiert sich der Eindruck natürlich, dass Höngg – wie es in früheren Zeiten ja für die ganze Welt heraufbeschworen wurde – von Chinesischen Staatsbürgern überschwemmt werde: lebten 1993 noch 26 Personen aus China in Höngg, waren es 2016 auch erst deren 150. Für «die Dütsche» gelten die Zahlen 491 (1993) und 2’013 (siehe Abbildung 3 und 4) und die Schweizer selbst bleiben in der Mehrheit, 1993 mit 16’404 Personen und 2016 mit deren 17’638. Aus allen anderen Nationen fielen die Veränderungen moderat aus. Nicht miteinberechnet ist die Zunahme an Schweizerinnen und Schweizern durch Einbürgerung, doch diese fällt kaum ins Gewicht: Für das Jahr 2014 liegen Zahlen vor, die besagen, dass sich in Höngg nur 119 Personen einbürgern liessen.

    Jede zehnte Person zieht in die Stadt Zürich

    Dass Zürich, und somit auch Höngg, für ausländische Zuwandernde besonders attraktiv ist, zeigt auch das «Factsheet Zuwanderung» des Präsidialdepartements, dem die Stadtentwicklung und auch die Integrationsförderung unterstellt ist: «Knapp jede fünfte ausländische Person, die aus dem Ausland in die Schweiz migriert, zieht in den Kanton Zürich – mehr als die Hälfte davon in die Stadt Zürich. Jede zehnte ausländische Person, die in die Schweiz einwandert, kommt damit in die Stadt Zürich», heisst es dort. In Zahlen für das Jahr 2016 ausgedrückt: Von den total 244’859 Personen (ständige und nichtständige Wohnbevölkerung), die in die Schweiz zogen, zogen 9,37 % in den Kanton Zürich und 10,01% in die Stadt. «Die Bedeutung der Stadt Zürich als Eintrittsportal ist seit Jahren ein Fakt – und damit auch die Bedeutung der Stadtzürcher Willkommenskultur in der schweizerischen Integrationslandschaft», konstatiert das Factsheet. Zu dieser «Willkommenskultur» gehört eine Vielzahl an integrationsfördernden Massnahmen.

    Der Ausländerbeirat des Stadtrates

    Eine davon ist der Ausländerinnen- und Ausländerbeirat der Stadt Zürich (ABR), mit dem seit 2010 ein Gremium aus aktuell 23 Personen mit Migrationshintergrund, derzeit aus 17 Ländern, besteht, das den Stadtrat beraten soll. Der ABR nimmt für die ausländische Bevölkerung eine «Sprachrohrfunktion» wahr, damit diese ihre Bedürfnisse gegenüber Politik und Verwaltung formulieren kann. Der ABR kann gegenüber der Stadt Empfehlungen abgeben und direkt bei der Stadtpräsidentin – oder dem Stadtpräsidenten – Anträge einreichen sowie eigene Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Im Jahresbericht 2017, der bereits eine Bilanz der Legislatur 2015 bis 2018 zieht, ist zum Beispiel erwähnt, dass Zürich dank dem ABR der Städtekoalition gegen Rassismus beigetreten ist und dass Rassismus zumindest unterschwellig noch immer ein Thema sei. In diesem Zusammenhang stand auch die Polizei im Fokus, der vorgeworfen worden war, Personenkontrollen nach rassistischen Kriterien, einem «Racial Profiling», vorzunehmen. Der ABR lobt jedoch die Polizei dafür, unterdessen reagiert zu haben. Die Arbeitsgruppen des ABR engagieren sich ferner zu den Themen «Sans-Papiers», «Gesundheit und Alter», und vehement für ein Mitbestimmungs- beziehungsweise Stimmrecht für Ausländerinnen und Ausländer auf Gemeindeebene.

    Das ausgezeichnete Vorzeigeprojekt

    Das Vorzeigeprojekt des ABR heisst jedoch «Gemeinsam ausbilden». 2009 als Projekt «Migration = Chance» lanciert und 2011 umbenannt, hat es zum Ziel, Ressourcen, die sich aus einem Migrationshintergrund ergeben, nutzbar zu machen und bisher nicht genutzte Arbeits- und Ausbildungsoptionen für Jugendliche bei Unternehmern zu schaffen, die selbst einen Migrationshintergrund mitbringen. So sollen vom Kurzpraktikum bis zu normalen Lehrstellen dort neue Angebote geschaffen werden, wo ein Migrationshintergrund auf besonders viel Verständnis stösst. Seit 2012 arbeitet man dafür mit der «Stiftung Berufslehr-Verbund Zürich» (bvz) zusammen. Diese tritt für die Lehrlinge in 22 Berufen (Stand Juni 2017) als verantwortlicher Lehrbetrieb auf, schickt seine 180 Lernenden für die praktische Ausbildung aber in einer der 150 Partnerbetriebe, für die er die ganze Administration übernimmt, die Verantwortlichen im Betrieb schult und sie und die Lernenden gleichermassen begleitet. 840 Lernende haben so bis Mitte 2017 erfolgreich eine Berufslehre abgeschlossen – der Arbeitsweg steht offen, wohl einer der besten Wege zur Integration. Das fand auch die Menschenrechtskommission des Europarates, welche das Projekt als «Good practice example» auszeichnete.

    Der Ausländerinnen- und Ausländerbeirat der Stadt Zürich wird per 1. September 2018 neu gewählt. Die Ausschreibung für die Amtsperiode 2018 bis 2022 läuft noch bis zum 31. März 2018. Als Mitglied bewerben können sich in der Stadt Zürich wohnende Ausländerinnen und Ausländer.
    Weitere Informationen und Bewerbungsformulare unter: www.stadt-zuerich.ch/auslaenderbeirat
    Telefon 044 412 37 73

    Infobox zu Abb. 3
    Weitere Nationalitäten 2016 in Höngg:
    51 bis 100 Personen: Brasilien, Indien, Kosovo, Niederlande, Russland, Schweden, Serbien, Ungarn, USA.
    21 bis 50 Personen: Belgien, Bosnien und Herzegowina, Dominikanische Republik, Eritrea, Finnland, Iran, Japan, Kolumbien, Liechtenstein, Luxemburg, Mazedonien, Rumänien, Slowakei, Slovenien, Sri Lanka, Thailand, Tschechische Republik.
    11 bis 20 Personen: Afghanistan, Algerien, Australien, Chinesisch Taipei, Dänemark, Indonesien, Irland, Kamerun, Kanada, Marokko, Mexiko, Peru, Philippinen, Somalia, Südkorea, Tunesien, Ukraine.
    1 bis 10 Personen: Ägypten, Albanien, Angola, Argentinien, Armenien, Aserbaidschan, Bangladesch, Belarus, Chile, Costa Rica, Côte d’Ivoire, Ecuador, Estland, Gambia, Georgien, Ghana, Guatemala, Guinea, Haiti, Honduras, Irak, Island, Israel, Jamaika, Kambodscha, Kenia, Kirgisistan, Kongo (Brazzaville), Kongo (Kinshasa), Kuba, Lettland, Litauen, Malawi, Malaysia, Moldova, Montenegro, Mosambik, Myanmar, Nepal, Neuseeland, Nigeria, Norwegen, Pakistan, Paraguay, Ruanda, San Marino, Senegal, Seychellen, Simbabwe, Singapur, Staat unbekannt, staatenlos, Südafrika, Sudan, Syrien, Tansania, Togo, Turkmenistan, Uganda, Usbekistan, Venezuela, Vietnam, Zypern.

  • Editorial

    Gut, vielleicht lehnt man sich mit dieser Aussage etwas aus dem Fenster, immerhin basiert sie nicht auf einer quantitativen Studie oder sonstigen Statistiken. Ausserdem ist Höngg nicht repräsentativ für jedes Quartier der Stadt. Aber ist es letztendlich nicht so, dass hinter Kategorien, die Gruppen beschreiben sollen, Menschen stehen, Individuen mit unterschiedliche Geschichten, Motivationen und Zielen? Die Personen, die sich für ein Gespräch angeboten haben, meinten selber, sie seien vielleicht kein gutes Beispiel für einen richtigen «Expat». Aber was ist das überhaupt? Das Klischee zeigt einen jungen Anzugträger, vorzugsweise aus der Banken- oder IT-Branche, der in einer teuren, vom Arbeitgeber bezahlten, Wohnung im Seefeld wohnt, dessen Frau die Kinder mit dem SUV in die Privatschule am Zürichberg fährt und sich danach mit ihren Freundinnen, ebenfalls Expats, zum Lunch trifft. Nach drei Jahren zieht das Ehepaar mit den Kindern weiter, wahrscheinlich nach Singapur oder Hongkong. Soweit das Vorurteil. Ob es stimmt? Wir wissen es nicht. Tatsache ist: In Höngg und Wipkingen haben wir keine Person getroffen, die diesem Bild entspricht. Stattdessen haben wir Menschen kennengelernt, die aus unterschiedlichen Gründen in die Schweiz gekommen sind: Ein neuer Job, eine bessere Zukunft oder einfach aus Zufall. Manche lernen das Quartier erst kennen, andere haben hier Wurzeln geschlagen, wieder andere nannten Höngg bereits nach wenigen Monaten ihre «Heimat». Wie erleben sie das Leben unter uns? Was gefällt ihnen hier, worüber ärgern sie sich? Und wieso sind viele von ihnen länger geblieben, als sie anfänglich dachten? Wagen Sie einen Wechsel der Perspektive, vielleicht gibt es Neues zu entdecken.

    Viel Lesevergnügen wünscht

    Patricia Senn
    Redaktionsleiterin

  • Nur wegen des Geldes hier?

    Die HSBC London publiziert jährlich eine Studie mit dem Namen «Expats Explorer», die erfasst, wo und wieso sich die sogenannten «Expatriates», also die Auswanderer, am wohlsten fühlen. Die Gründe, die eigene Heimat zu verlassen, um in der Fremde eine neue Existenz aufzubauen, sind verschieden, genauso wie die Wahl des Landes, in das man geht. Für den «Expats Explorer 2017»-Bericht liess die HSBC 27’587 Expats aus 159 Ländern ihre Zieldestinationen nach drei Kategorien beurteilen: Wirtschaftliche Möglichkeiten, allgemeine Erfahrungen, Familienfreundlichkeit. Die Schweiz kam auf Platz 11 von 46 zu stehen, in erster Linie verdankt sie dieses gute Resultat der wirtschaftlichen Attraktivität: Laut HSBC verdienen Expats im Alpenland jährlich 193’006 US-Dollar – das weltweite Durchschnittseinkommen liegt bei 99’903 US-Dollar. Damit führt die Schweiz die Rangliste in der Kategorie «Wirtschaftliche Möglichkeiten» an. Obwohl die finanziellen Anreize durchaus entscheidend sind für die Expats, zieht nur rund ein Fünftel von ihnen aus wirtschaftlichen Gründen ins Ausland. Fast doppelt so viele sagen, dass sie auf der Suche nach einer neuen Herausforderung seien oder ihre Lebensqualität verbessern wollten. Die besten Erfahrungen im Kontakt mit Einheimischen, bei der Suche nach einer Wohnung sowie mit dem allgemeinen Wohlbefinden machen Expats in Neuseeland. Bereits zum dritten Mal in Folge belegt die Insel den ersten Platz, gefolgt von Spanien und Portugal. Die Schweiz erreicht in dieser Kategorie nur Rang 28, sogar die Türkei, Bahrain und Oman sind beliebter. Würde der allgemein als gut befundene Lifestyle den Schnitt nicht nach oben drücken, rückte die Schweiz sogar noch weiter nach hinten, da der Kontakt zu den Einheimischen als schwierig empfunden wird. In der dritten Kategorie «Familienfreundlichkeit» schnitt die Schweiz im «Expats Explorer» sogar noch schlechter ab: Sie rangierte nach Russland und gleich hinter den USA auf Platz 35, während Schweden, Norwegen und die Niederlande erwartungsgemäss unter den zehn beliebtesten Zielländern gelistet sind. Was bedeutet dies denn nun? Ist das Geld der einzige Grund, weshalb man in die Schweiz kommt? Sind die Schweizer wirklich so unnahbar und unfreundlich? Wieso bleibt dann eine nicht unbeträchtliche Anzahl der Expatriates hier hängen? Auf der Suche nach Antworten in Höngg stellte sich schnell heraus, dass es den Stereotypen «Expat» hier so fast nicht gibt. Es ist wie immer ein wenig komplizierter. 

  • Mit den Augen der Anderen

    Mit den Augen der Anderen

    Als Christine M. Grimm vor etwas mehr als zwei Jahren nach Zürich zog, wusste sie gleich, dass sie «angekommen» war. Die Deutschamerikanerin hatte ihr Leben zwischen Süddeutschland und Kalifornien verbracht, konnte aber weder da noch dort richtig Wurzeln schlagen. In München gründete sie schliesslich eine Familie, ihr Sohn ist mittlerweile Post-Doktorand an der Harvard University in den USA. Vor drei Jahren lernte die lebhafte Klangtherapeutin, Musikerin und Übersetzerin die Schweizer Jodlerin Nadja Räss kennen, damals noch die Leiterin der «Klangwelt Toggenburg». «Die Schweiz hat eine lange Tradition mit Klang und Stimme, das war ein Zeichen für mich, dass ich hier am richtigen Ort bin», erzählt Grimm. Durch die Bekanntschaft mit Räss wurde sie selbst ein Teil der «Klangwelt Toggenburg». «Die Türen haben sich geöffnet», erzählt Grimm. Heute arbeitet sie als Klangtherapeutin in der Gemeinschaftspraxis «Silent Power» in Altstetten, über eine Klientin fand sie schliesslich eine Wohnung in Höngg. Dass sie selber sehr offen ist und auf die Menschen zugeht, hat ihr bestimmt geholfen. Doch vor allem die Sprache, davon ist sie überzeugt, spielt eine wichtige Rolle, um Anschluss an die hiesige Bevölkerung zu finden. Ausserdem hat sie auf der Plattform «Meet-up.com» eine Gruppe «English in Höngg» eröffnet, wo Gleichgesinnte ihrer Anglophilie frönen können – auch eine Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen. «Ich habe mich in der kurzen Zeit schon sehr angepasst, meine Schweizer Freunde nerven sich fast, weil ich oft überpünktlich bin», sagt Grimm mit einem Augenzwinkern. Sie möchte in der Schweiz bleiben. Hat man die Welt einmal gesehen, sei es ein wenig wie in der Janosch-Geschichte «Oh wie schön ist Panama», wo die Tiere am Ende bei einer Hütte ankommen, die so schön ist, dass es das lang ersehnte Panama sein muss. Und dann merken, dass es in Wirklichkeit ihr altes Zuhause ist.

    «Wie fühlt es sich an, Schweizerin zu sein?»

    Amélie* wuchs in der Gegend von Paris auf und besass schon immer eine grosse Leidenschaft für die deutsche Sprache und andere Kulturen. Wenn Autos mit ausländischen Kennzeichen durch ihr Dorf fuhren, wünschte sie sich, sie würden anhalten und sie nach dem Weg fragen. Kaum hatte sie ihr Abitur in der Tasche, ging sie zum Studium nach Wien, in dieser Zeit lernte sie auch ihren Mann, einen Deutschen, kennen. Nach sechs Jahren in Österreich und einem kurzen Aufenthalt in Deutschland, ergab sich für ihn die Gelegenheit, in der Schweiz zu arbeiten. Drei Jahre, so hatten sie abgemacht, danach würden sie wieder nach Wien zurückkehren. Das ist nun 16 Jahre her und sie sind immer noch hier – seit 14 Jahren in Höngg. Dabei war der Anfang schwierig für die junge Lehrerin: «Ich arbeitete die ersten zwei Jahre an der Rudolf-Steiner-Schule im Zürcher Oberland», erzählt sie in schnellem Deutsch. «Meine Lehrerkolleginnen und -kollegen waren alle schon älter und hatten bereits einen festen Freundeskreis, sie brauchten keine neue Freundin». Was sich ebenfalls als schwierig herausstellte, waren die vielen Regeln, vor allem beim Autofahren. «Ich wollte alles richtig machen, aber wie auch immer ich es anstellte, regelmässig erhielt ich diese Strafzettel», immerhin, mittlerweile kann sie darüber lachen. Und fühlt sich heute sogar freier, trotz, oder vielleicht gerade wegen der vielen Regeln. Es gäbe keine bösen Überraschungen und die Sicherheit sei nirgends so hoch wie hier, findet sie. Einmal in Höngg und mit einer neuen Anstellung an einer Bezirksschule im angrenzenden Aargau, fand sie schnell Anschluss, denn einerseits war das Kollegium ihrer neuen Schule grösser und jünger, andererseits leben in Zürich viel mehr Ausländer, die alle auch auf der Suche nach neuen Bekannten sind. Höngg ist in ihren Worten «genial»: «Man hat die Vorteile der Stadt und des Dorfes. Man kennt sich, kann alles zu Fuss machen», erzählt sie begeistert. «Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt wie hier, und wir haben doch schon einiges von der Welt gesehen». Inzwischen hat sie einen grossen Freundeskreis, der sowohl aus Schweizerinnen als auch aus anderen Ausländern besteht. «Letztendlich geht es immer um die gemeinsamen Interessen, nicht um die Nationalität», davon ist Amélie überzeugt. Als Französischsprachige werde sie nicht oft mit Vorurteilen konfrontiert – die meisten Leute hören nicht, ob sie aus der Romandie oder Frankreich stammt. «Da haben es die Deutschen schon schwerer, die müssen sich viel öfter irgendwelche Sprüche anhören», weiss sie. Sie selber hatte keine wirkliche Vorstellung davon, wie es sein würde, in der Schweiz zu leben. Einmal hier, überlegte sie sich, wie es sich wohl anfühlt, Schweizer zu sein. «Welche Sprache sprechen sie in der Fussball-Nationalmannschaft? Welche Identität hat ein Schweizer in einem Land mit vier Sprachen?», solche Fragen interessieren sie. Mittlerweile hat sie eine Ahnung, was die Antwort sein könnte: «Man ist hier in erster Linie sich selber. Und dann ist man noch Schweizer». Seit letztem Sommer haben auch Amélie und ihre Familie den roten Pass. «Wir finden es wichtig, am politischen Leben teilzunehmen. Meiner Meinung nach ist es eine riesige Chance, dass die Bevölkerung hier so oft mitreden kann. Ausserdem sind unsere Kinder hier aufgewachsen, sie gehören hierher. Die Vorstellung, dass sie plötzlich in ein Land ausgewiesen werden könnten, zu dem sie gar keinen Bezug haben, finde ich beängstigend», gesteht die lebhafte Persönlichkeit.
    *Name der Redaktion bekannt

    «Wir sind alle gleich»

    Überhaupt keine Probleme mit den «gesesetzestreuen» Schweizern hatte hingegen Adriana, als sie mit ihrem Mann vor acht Jahren in die Schweiz kam. Im Gegenteil, die gebürtige Rumänin sieht viele Gemeinsamkeiten mit ihrer eigenen Mentalität. Eine Gesellschaft funktioniere ja erst, wenn sich ihre Mitglieder an gemeinsame Regeln hielten. Als junge Frau ging sie als Au-pair nach Chicago und merkte dort zum ersten Mal, was es bedeutet, wenn die eigenen Zeugnisse und Diplome – sie hatte Pädagogik studiert – nicht anerkannt werden. Also drückte sie noch einmal die Schulbank, um sich im Bereich Kinderbetreuung weiterzubilden. Sie lernte aber auch, dass alleine ihre Fähigkeiten wichtig waren, nicht ihre Herkunft: «Wir sind alle gleich, selbst wenn sich unsere Kulturen unterscheiden, die Liebe zu den Kindern verbindet uns», davon ist sie überzeugt. Als ihr Mann schliesslich für sein Studium nach St. Gallen gehen wollte, sah sie den Zeitpunkt gekommen, ihren langjährigen Traum einer eigenen Kinderkrippe zu verwirklichen. Vor 3,5 Jahren war es schliesslich so weit: Das KiddieLand in Wipkingen eröffnete, viele Expats – aber auch Schweizer Paare – nutzen die familiäre Einrichtung. «Oftmals leben die Grosseltern weit von den Enkeln entfernt und können deshalb nicht auf sie aufpassen, wenn die Eltern zur Arbeit müssen. Sie brauchen deshalb einen Ort, der diese Aufgabe übernimmt und auf den sie sich verlassen können. », erklärt Adriana. Vielleicht liegt auch hier ein Grund dafür, dass sie nichts gegen Regeln hat: Ohne einen strikten Plan herrschte bei so vielen verschiedenen involvierten Menschen und Ansprüchen das Chaos. Auch, dass man das Vertrauen der Zürcher erst gewinnen muss, entspricht ihren eigenen Einstellungen: «Alles basiert auf Vertrauen, auch meine Arbeit». Sie sagt von sich selber, dass sie die Menschen liebt, und stellt auch öfter fest, dass die Leute sich über ein kurzes Gespräch sehr wohl freuen, wenn man sie erst einmal angesprochen hat. Sie muss schon sehr lange nachdenken, bis ihr etwas einfällt, dass man kritisieren könnte: «Manchmal sind die Schweizer etwas unflexibel, sie können sich nicht so gut an neue Situationen anpassen», meint sie, und fügt sogleich an: «das hat mich aber selber dazu motiviert, strukturierter zu werden und besser zu planen. Das scheint mir eine gute Ergänzung zu dem dynamisch-spontanen Zugang zu sein, den ich aus Rumänien und den USA gewöhnt bin».

    «Die Schweiz hat mich gewählt»

    Bei Adriana im KiddieLand arbeitet Hara. Nach ihrem Master in «Intercultural Education» für Kinder im Kindergartenalter zog es die Griechin ins Ausland, sie wollte andere Kulturen und Lehrmethoden kennenlernen. Also schrieb sie Dutzende von Bewerbungen, davon alleine 80 nach Deutschland, weitere 20 nach Schweden. «Nur drei davon gingen an die Schweiz, und alle drei Arbeitgeber haben mich zu einem Probetag eingeladen», erzählt die lebhafte junge Frau, «deshalb sage ich immer: Die Schweiz hat mich ausgewählt, nicht umgekehrt». Doch die erste Zeit im neuen Land war hart für sie: «Es war dunkel, wenn ich zur Arbeit fuhr, und dunkel, wenn ich wieder zu Hause ankam. Die Leute sind sehr arbeitsfokussiert, abends gingen alle meist gleich nach Hause. In Griechenland sind nach Feierabend alle auf der Strasse, man trifft sich, hat eine gute Zeit». Dazu kam der Deutschunterricht, der für viele so frustrierend ist, weil er ihnen beim Schweizerdeutschen nicht weiterhilft. Aber so gehe es wahrscheinlich allen, die ins Ausland gehen: «Man muss viel arbeiten, alles geben und auch Aufgaben übernehmen, die man zu Hause vielleicht nicht akzeptieren würde. In den ersten Jahren fühlte ich mich wie im Militär», erzählt Hara. Rückblickend findet sie aber, es sei auch eine gute Lektion gewesen. «Ich habe das Gefühl, ich wurde erst hier richtig erwachsen. Ich bin unabhängig, habe einen Job, bin für alles selber verantwortlich». Wie die meisten Expats hat auch sie einen multikulturellen Freundeskreis. «Es ist wahr, ich habe viele griechischen Freunde. Das hat nichts damit zu tun, dass ich die Schweizer nicht mögen würde oder sie nicht nett wären. Dadurch, dass Griechisch meine Muttersprache ist und mir auch die Mentalität und den Humor der Griechen näher ist, fühle ich mich in deren Anwesenheit einfach besser, vor allem wenn es mal nicht so gut geht». Auch wenn es zwei anstrengende Jahre waren, fühlt sie sich inzwischen sehr wohl in Zürich und schätzt es auch, dass alles so reibungslos funktioniert. «Die Menschen hier denken eher quadratisch: Es muss alles in diese Schubladen passen, dann läuft es gut. Wir Griechen sind eher «Rund-Menschen», es ist chaotischer. In Griechenland war es oft von der Laune des Angestellten abhängig, ob und wie schnell man an einem Schalter bedient wurde. Vielleicht sind wir dafür etwas fröhlicher. Eine Mischung aus beidem wäre vielleicht das Beste», sinniert Hara.

    «Das Wichtigste ist, sich mit den richtigen Menschen zu umgeben»

    Auch Clara erlitt einen kleinen «Schock», als sie mit ihrem Mann in die Schweiz kam, wie die Argentinierin lachend erzählt. «Es war Winter und die Leute waren so anders als in Südamerika», erinnert sie sich. Die Ingenieurin hatte das Gefühl, sie müsse sich zurücknehmen, um die Leute mit ihrer offenen Art nicht zu «überfallen», wie sie es nennt. Doch im Deutschkurs lerne sie Menschen in ähnlichen Situationen kennen und dadurch veränderte sich auch ihr Blick. «Ausserdem ist mein Mann Schweizer, so hatte ich von Anfang an Kontakt mit der hiesigen Bevölkerung. Heute setzt sich mein Freundeskreis aus einem bunten Mix verschiedener Nationalitäten zusammen». Als sie noch keine Kinder hatten, fehlte ihr in Höngg manchmal das soziale Umfeld, doch sobald der erste Sohn da war und sie die verschiedenen Angebote des GZ und anderen Organisationen nutzen konnte, änderte sich dieser Umstand sofort, «mit Kindern ist es automatisch leichter, den Anschluss zu finden», ist Clara heute überzeugt. Aber: Die Menschen hier öffnen sich nicht so schnell, das habe sie rasch gemerkt. Erst habe sie gedacht, dass die Schweizer grundsätzlich keine neuen Leute kennenlernen wollen, «heute weiss ich: Sie brauchen einfach mehr Zeit. Das akzeptiere ich und nehme es nicht mehr persönlich. Aber es war nicht immer einfach», erzählt Clara. Sie mag die Stabilität und Sicherheit im Land – im Zentrum von Buenos Aires könne man die Kinder nicht einfach bedenkenlos unbeobachtet lassen. Auch, dass sie kein Auto benötigt, um zum Beispiel zur Arbeit zu fahren, schätzt sie sehr. «Ich bin ein Fan des Öffentlichen Verkehrs, und hier funktioniert er auch», schwärmt sie. Dennoch, manchmal vermisst sie das Chaos ihres Herkunftslandes, das auch lustig sein kann. «Es lehrt einen, über sich selber zu lachen. Das fehlt den Schweizern ein bisschen. Etwas allgemein gesagt, führt der Hang zur Perfektion kombiniert mit dem fehlenden Selbst-Humor vielleicht dazu, dass die Leute hier weniger entspannt sind», formuliert sie vorsichtig. Die wichtigste Voraussetzung, um glücklich zu sein, sei ohnehin, sich mit den richtigen Menschen zu umgeben. Das sei auch ein Rat, den sie anderen Expats mitgeben würde: «Findet die guten Leute und lasst Euch nicht so schnell entmutigen. Auch wenn es frustrierend ist, nach einem Jahr Deutschunterricht an der Coop-Kasse zu stehen und völlig hilflos zu sein, wenn die Kassiererin fragt: <händsieessäckliwelle?>», sagt sie und lacht herzlich.

    «Wie im Flughafen-Terminal»

    Fast schon in den Genen hat Shanti* das Leben als Expat. Ihre Eltern stammen aus Indien, zogen aber nach Deutschland, und so wuchs Shanti in Köln auf, studierte Architektur an der RWTA Aachen und zog, nach ersten Berufserfahrungen, für eine deutsche Firma zuerst für drei Jahre nach Dubai und später nach Brüssel. Sie habe ein klassisches Expat-Leben geführt, sagt sie, und es sei durchaus aufregend gewesen in den Metropolen dieser Welt. Irgendwie aber auch wie in einem Flughafen-Terminal: «Das Leben ist geprägt von einer gewissen Hektik, es ist ein schnelllebiges Kommen und Gehen». So habe sie sich irgendwann nach Ruhe gesehnt, nach Entspannung und mehr Nähe zur Natur und den Bergen, nach einem Ort, der mehr ein Zuhause werden könnte, auch für eine Familie. Da ihr Partner bereits in Zürich lebte und arbeitete, beschloss man vor zwei Jahren, hier zusammenzuziehen. Vorausgesetzt, auch Shanti würde hier eine Stelle auf ihrem Beruf finden. Dabei half ihr ein Kontakt aus ihrer Zeit in Dubai: Ihren heutigen Chef hatte sie dort beruflich kennengelernt und so kam sie an die Stelle als Project Director Design Services bei einem internationalen Hotel-Konzern, der seinen Hauptsitz in Zürich hat. Als sie dann nach Zürich zog, war sie positiv überrascht, wie schnell sie, verglichen mit anderen Städten, bei der Anmeldung im Kreisbüro bedient wurde. Komplizierter werde es erst, wenn man sich hier beruflich selbstständig machen wolle. Die nötigen Zulassungen zu bekommen, sei sehr schwierig, das höre sie auch immer wieder aus ihrem Freundeskreis. Fast so schwierig sei es, trotz dem sehr guten Gesundheitssystem, einen Hausarzt zu finden. Als sie mal einen gebraucht hätte, habe es überall geheissen, man nehme im Moment keine neuen Patienten auf. Nur mit Glück habe sie einen Termin bekommen. Glück brauchte es auch bei der Wohnungssuche, und dass das Paar heute in Höngg wohnt, ist eher ein Zufall: Aus dem Freundeskreis kamen vor allem Empfehlungen für das Seefeld und Umgebung, «doch dann sind wir der Limmat entlang spaziert und haben Wipkingen und Höngg entdeckt», erinnert sie sich. Als eine passende Wohnung ausgeschrieben war, war sie bei der Besichtigung die einzige Deutschsprachige unter lauter Englischsprachigen. Seit dem Einzug schätzt Shanti die Ruhe hier, den Dorfcharakter mit allem Nötigen für den täglichen Bedarf in nächster Umgebung, die Nähe zur Natur und gleichermassen zur Stadt. Von Höngg wegziehen würde sie höchstens noch nach Wipkingen, weil das noch eine Spur lebendiger sei, denn bei aller Sehnsucht nach einem beschaulichen Leben, eine gewisse Betriebsamkeit, den 24-Stunden-Betrieb anderer Städte vermisst sie dann und wann doch, selbst an den Hotspots des Zürcher Nachtlebens: «Dubai zum Beispiel schläft nie, man trifft dort sieben Tage die Woche, auch nachts um drei noch überall Menschen». Und diese seien, so merkt sie kritisch an, schon generell aufgeschlossener als hier. Woran das liegt, darüber rätselt sie selbst. Vielleicht sei man sich in der Schweiz den Umgang mit Expats einfach noch nicht so gewohnt, wobei das für Zürich mit seinen vielen internationalen Konzernen eigentlich erstaunlich sei. Doch generell habe sie sich hier willkommen gefühlt, und beispielsweise beim Einkaufen werde man schnell wiedererkannt und nett gegrüsst. Bis man allerdings Kontakte zu Einheimischen habe, das brauche Zeit und sei ihr, selbst ein aufgeschlossener, positiver denkender Mensch, bis heute nicht gelungen. Selbstkritisch genug, hinterfragt sie auch ihren Anteil: Was könnte sie ihrerseits beitragen, um mehr Schweizerinnen und Schweizer kennenzulernen? Was müsste sie am eigenen Verhalten ändern? So überlegt sich die Sportbegeisterte zum Beispiel, einem Tennisverein beizutreten. Auch im Quartier würde sie sich gerne mehr engagieren, weiss aber nicht recht bei welcher Gelegenheit. Dass ihr berufliches Umfeld und der private Freundeskreis auch international ausgerichtet sind, ist natürlich auch nicht förderlich. Shanti ist Mitglied bei «InterNations», der weltweit grössten Expat-Gemeinschaft mit Vertretungen in 390 Städten, die alleine in Zürich rund 8000 Mitglieder zählt. Man tauscht sich aus, kann von wöchentlichen Aktivitäten profitieren, vernetzt sich – und bleibt trotzdem irgendwie unter sich, das ist ihr bewusst.

    * Nachname der Redaktion bekannt

    Anmerkung zur Personenauswahl
    Auch Flüchtlinge und Sans-Papiers sind «Auswanderer» und durchaus ein Fokusthema wert. Sie wurden in diesen Artikeln jedoch nicht berücksichtigt, denn die Umstände und auch die betroffenen Akteure und Ämter sind unterschiedlich, die Thematik komplex. Die Personen, die sich in dieser Ausgabe für ein Porträt zur Verfügung gestellt haben, gehören zu der sogenannten «Neuen Migration», die vor einigen Jahren viele gut ausgebildete Arbeitskräfte nach Zürich und in die Schweiz brachte. Die «Alte Migration» betrifft die Einwanderer aus Spanien und Italien der 60er und 70er Jahre.

  • Die Zürcher Willkommenskultur

    Man soll sich in Zürich zu Hause fühlen und sich aktiv am wirtschaftlichen und sozialen Leben beteiligen. Das ist das Ziel der städtischen Integrationsförderung (IF) und entsprechend hatte der Stadtrat der nun ablaufenden Legislatur dafür 16 Ziele formuliert und den Stossrichtungen «Chancengleichheit erhöhen», «Gutes Zusammenleben fördern», «Eigenverantwortung ermöglichen», «Herausforderungen angehen», «Willkommenskultur pflegen» und «Aktive integrationspolitische Positionierung» zugeordnet. Angesiedelt ist die IF der Stadtentwicklung Zürich (STEZ), einer Abteilung des Präsidialdepartementes, die auch noch die Bereiche Stadt- und Quartierentwicklung, Wirtschaftsförderung sowie Aussenbeziehungen abdeckt. Man präsentiert sich als Kompetenzzentrum für nachhaltige Stadtentwicklung und als Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft, Bevölkerung und Verwaltung.

    Die Arbeit der Integrationsförderung

    Die IF legte im Januar den Jahresbericht 2017 vor, in dem Aktivitäten und Projekte aufgezeigt werden. Gemäss diesem sind letztes Jahr rund 22‘220 Personen mit einer mehr als vier Monate gültigen Aufenthaltsbewilligung nach Zürich gezogen, geschätzte 70 Prozent davon direkt aus dem Ausland. Ihre erste Station war, um sich anzumelden, das Kreisbüro, und dort erhielten sie von der IF bereits ein Begrüssungscouvert. Darin wurde auch auf sieben Begrüssungsveranstaltungen hingewiesen – 1535 Personen aus 90 verschiedenen Nationen machten davon Gebrauch. Auch die 66 speziell angebotenen Stadtführungen in sechs Sprachen wurden gut besucht. Ebenso der «Welcome Desk» im Stadthaus, der von 1351 Personen aus 111 Nationen genutzt wurde. Zwei Drittel jener, die dort Auskünfte verlangten, wohnten erst weniger als ein Jahr in Zürich, doch immerhin zehn Prozent auch bereits mehr als acht Jahre. Ihre Hauptanliegen betrafen Fragen nach Deutschkursen, Stellensuche, Aufenthaltsrecht und Wohnen. Auch telefonisch oder per Mail erteilte die IF Auskünfte oder informierte auf Einladung auch vor Ort, zum Beispiel bei Gruppen von Müttern mit Migrationshintergrund. Alleine die sprachgruppenspezifischen Informationsangebote wurden letztes Jahr von 2376 Personen genutzt. Zum Beispiel «In Zürich leben», der Integrationskurs für Frauen: 17 Kurse in neun Sprachen fanden statt, 227 Frauen besuchten die jeweils 16 Module, 162 davon erhielten ein Zertifikat.

    Die IF wirkt auch politisch

    Auch politische Entscheide beruhen auf der Vorarbeit der IF. Zum Beispiel wurde eine neue Grundlage für die Sprachförderung erarbeitet, der Stadtrat genehmigte das Konzept und der Gemeinderat sprach die nötigen Kredite. In vier Förderbereiche werden somit ab 2019 durch die IF selbst oder durch externe Anbieter Sprachschulungen angeboten. Ebenfalls beschlossen wurde, dass ab 2019 einkommensschwachen Kursteilnehmenden aus der Stadt Zürich die Kurse kostenlos angeboten werden. Ferner wurden Kredite gesprochen für Projekte, die das Zusammenleben in der Stadt fördern, und mit dem Kanton wurden für drei weitere Jahre Leistungsvereinbarung getroffen, welche die Umsetzung des kantonalen Integrationsprogramms in der Stadt Zürich, koordiniert durch die IF, bis 2021 sichern. Zudem, und dies nur als Beispiele, genehmigte der Stadtrat für die nächsten vier Jahre Beiträge an ein Kompetenzzentrum, eine Beratungsstelle und das Zürcher Forum der Religionen. Ferner wurden letztes Jahr 45 Finanzierungsgesuche für Projekte im Bereich «Begegnung, Mitwirkung und Engagement» von privaten Organisationen eingereicht. 35 davon wurden ganz oder teilweise genehmigt und der Kredit von 200‘000 Franken wurde ausgeschöpft. Voraussichtlich 2019 sollen erstmals «interkulturelle Programmwochen» durchgeführt werden.
    Auch auf «Vernetzung und Zusammenarbeit» wird Wert gelegt und unter diesem Titel Arbeitstreffen veranstaltet, Kontakte mit Vereinen und Migrationsorganisationen und religiösen Organisationen gepflegt. Die IF war an der Organisation der Zürcher Migrationskonferenz beteiligt, informiert auf seiner Website in 14 Sprachen – alleine die Deutschkursdatenbank verzeichnete über 18‘000 Zugriffe –, sammelt Facebook-Likes und versandte 2017 sieben Mal einen elektronischen Newsletter an 1140 Adressen. Die Hälfte der Adressaten las ihn auch. Der IF zeigte sich überdies an Fachreferaten, Workshops und Podien, wurde 2017 aber auch selbst besucht: unter anderem vom Menschenrechtskommissär des Europarats und von zwei Delegationen aus Südkorea. Die Liste, was der IF alles tut, liesse sich fast endlos erweitern, nachzulesen im Jahresbericht der IF.

    Jahresbericht 2017 der Integrationsförderung der Stadt Zürich (IF), abrufbar unter https://www.stadt-zuerich.ch/prd/de/index/stadtentwicklung/integrationsfoerderung.html

  • Neubeginn nach 29 Jahren

    Neubeginn nach 29 Jahren

    29 Jahre, nachdem sich «ganz Rütihof» zum ersten Mal versammelt hatte, um die Bedürfnisse und Wünsche zu bündeln, die bei der Überbauung der letzten grossen Bauparzelle im Rütihof berücksichtigt werden sollten, versammelte man sich nun wieder, um bei Null zu beginnen. Was damals in der «offenen Planung Rütihof» ausgearbeitet wurde, floss später in den Architekturwettbewerb ein, der das Projekt «Ringling» hervorbrachte, das nach langem Kampf 2016 vor Bundesgericht scheiterte. Nun soll es ein neues richten, denn dass die Parzelle in der Ecke Frankentaler-, Regensdorferstrasse und Im oberen Boden überbaut wird, das ist so ziemlich das einzige, worin sich alle Betroffenen und Beteiligten einig sind. Mit dieser stillschweigenden Grundsatzeinigung versammelten sich am Montag, 29. Januar, rund 120 Personen in der Turnhalle des Schulhauses Rütihof und sassen an 21 Tischen zusammen. «Wohl einige tausend Jahre Rütihof-Erfahrung» seien hier zusammengekommen, würdigte die Moderatorin des Abends das Engagement der Gekommenen. Mit an den Tischen sassen Vertreter der drei Bauträgerinnen – die Baugenossenschaft Sonnengarten (BGS), die Gemeinnützige Bau- und Mietergenossenschaft Zürich (GBMZ) und die Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich (SAW) – die Liegenschaftenverwaltung Stadt Zürich als Eigentümerin und zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der beteiligten Ämter. Und, was bislang nicht üblich war: Auch die Planer waren anwesend. Auch sie sollen von Beginn weg mitbekommen, was sich die Bevölkerung wünscht, damit dies dann auch besser in die Planung miteinfliesst.

    Ein Mehrgenerationen-Projekt

    Ein Generationenprojekt sei das, sagte Stadtrat André Odermatt in seiner Begrüssungsrede. Damit untertrieb er eher noch, denn von 1989 bis zum frühestmöglichen Start der Realisierung ab 2023 gerechnet wären es dann bereits zwei Generationen, die für die Zukunft planen und bauen. Ja, es brauche manchmal Umwege, um zur besten Lösung zu kommen, doch ab jetzt solle man nicht zurückschauen, sondern alles neu denken, motivierte der Magistrat, denn anders als damals beim ersten Mitwirkungsverfahren gehe es heute nicht nur um Wünsche, sondern auch darum, wie das neue Projekt aussehen und sich einfügen solle. Mit den drei anberaumten Workshops werde nun die Grundlage für den Architekturwettbewerb geschaffen. Beim Wettbewerb selbst soll das Quartier dann miteinbezogen werden. Wie das genau geschehen soll, ist noch offen. Finanzvorsteher Stadtrat Daniel Leupi war in seiner Funktion als Eigentümervertreter der Stadt Zürich anwesend. Er erläuterte einführend kurz, warum die Stadt die Parzelle als ideal zur Überbauung betrachtet – was ja grundsätzlich auch von niemandem bezweifelt wird. Und er skizierte auch den noch langen Weg und somit indirekt auch mögliche Stolpersteine: So liegen zwar der Projektierungskredit und der Architekturwettbewerb in der Finanzkompetenz des Stadtrates, über Kredite für das Vorprojekt oder den Projektierungskredit wird dann aber der Gemeinderat zu entscheiden haben, und auch Baurechtsverträge sowie ein allfälliger Gestaltungsplan müssen vom Parlament abgesegnet werden. Als Abschluss der einstündigen Einführung stellte die Direktorin des Amtes für Städtebau, Katrin Gügler, noch den Gesamtprozess vor (Zeitplan siehe Infobox). Bereits vorgängig war eine Spurgruppe am Werk, die Empfehlungen definiert hatte. So sei etwa eine hohe städtebauliche und freiraumgestalterische Qualität anzustreben, um eine gute Einbindung in das bestehende Quartier zu erreichen. Ein feinmaschiges Fusswegnetz, eine schonende Erschliessung durch den Autoverkehr, die Sicherung der Quartierversorgung und ein Kindergarten gehöre ebenso dazu wie die Offenlegung des Steinwiesbächleins, wurde weiter empfohlen. Nach dieser Vorarbeit sollten nun noch die Anliegen und Bedürfnisse aus dem Quartier direkt abgeholt und wichtige Themen für die Arealentwicklung und Empfehlungen für den Prozess definiert werden. Daraus erstellt das Planerteam erste Konzeptskizzen, welche am Vertiefungsworkshop vom 9. April präsentiert, von den Teilnehmenden bewertet und daraus abzuleitende Themenschwerpunkte und Fragestellungen erarbeitet werden. Worauf es gilt, städtebauliche Grundsätze abzuleiten, welche ihrerseits am Ergebnisworkshop vom 14. Juni vorgestellt, bewertet und als Empfehlungen an die Verantwortlichen weitergeleitet werden, die sich dann an die Auswertung des Mitwirkungsverfahrens machen. Die im Mitwirkungsverfahren gemeinsam erarbeiteten Grundsätze sollen ins Programm des anschliessenden Architekturwettbewerbs einfliessen.

    Diskutieren, skizzieren, schreiben, bewegen

    Das Moderatorenteam vom Beratungsunternehmen «frischer wind» – ein zufälligerweise sinniger Name für das, was im Rütihof gesucht wird – führte gekonnt durch den Abend. An jedem der 21 Tische sass ein «Gastgeber», jemand aus dem Planungsteam, der Bauherrschaft oder einem der involvierten Ämter. Sie blieben jeweils am Tisch sitzen, während alle anderen nach jeder Themenrunde den Platz neu frei wählen mussten. In der ersten der je 30 Minuten dauernden Runden wurden Klärungsfragen gestellt und festgehalten, was am geplanten Prozess gefällt und was weniger. Schon da wurden die auf den Tischen liegenden Papiere bunt mit vielen Stichwörtern beschrieben. Dann ging es auf in die zweite Runde, und auf dem Weg zum neuen Tisch konnte man sich an einem der Buffets am Turnhallenrand mit Sandwiches und Getränken versorgen. Am neuen Tisch wurde man vom Gasgebenden empfangen und informiert, was die Runde vorher festgehalten hatte. Nun hiess es, dies mit konkreten Anliegen und Wünschen zur geplanten Arealentwicklung Grünwald zu ergänzen. Erneut ging es lebhaft zu und her und auf dem Papier wurde es bunter und bunter. Schon wieder waren 30 Minuten vorbei und der letzte Gruppenwechsel mischte alle Anwesenden wieder neu. Diese hatten nun die Aufgabe, Empfehlungen zu formulieren, die dann abschliessend von jeweils einer die Tischrunde vertretenden Person vorgestellt und auf Zetteln festgehalten an die grosse Präsentationswand gepinnt wurden. Das Moderatorenteam sortierte sie thematisch und so war letztlich leicht ersichtlich, was man sich anhand dieses Abends im Rütihof wünscht:
    Eine offene, durchlässige Bebauung, verschiedene Wohnformen, öffentlich nutzbare Erdgeschosse, Grüne Aussenräume, mehrere Treffpunkte für verschiedene Bedürfnisse, Versammlungslokale, Kleingewerbe und Läden, ein Restaurant, Spielplätze, eine vernünftige Verkehrserschliessung und vor allem möge man die heutige Dichte und Struktur beibehalten, das Neue mit dem bestehenden gut vernetzen und: die Resultate des Mitwirkungsprozesses auch wirklich berücksichtigen. Der Workshop-Abend hatte viel erreicht – am greifbarsten war, als er kurz nach 22 Uhr pünktlich beendet wurde, dass man miteinander gesprochen hatte, auch mit Menschen, die man zuvor vielleicht nur flüchtig oder gar nicht gekannt hatte. Durchlässig eben, wie das, was man sich vom neuen Grünwaldareal erhofft. Und bis dann eines Tages die Baumaschinen auffahren, wird der Raum genutzt wie bisher: durch den Kindergarten, den «Kasten», die Landwirtschaft und die Recyclingstelle von erz.

    Weitere Workshops sind für Montag, 9. April und Donnerstag, 14. Juni, jeweils von 19 bis 22 Uhr, geplant. Eine Anmeldung wird erforderlich sein an: brigitte.bolliger.hbd@zuerich.ch oder telefonisch 044 412 29 28. Info unter www.stadt-zuerich.ch/gruenwald

    Voraussichtliche Zeitachse
    Mitwirkungsprozess bis Mitte 2018
    Wettbewerb abgeschlossen Mitte 2019
    Projektierung bis Mitte 2021
    Baubewilligung und Ausführungsplanung bis Ende 2022
    Realisierung 2023 bis 2024

    Info zum Strassenbauprojekt
    Das Rekursverfahren zum Strassenprojekt Frankentaler/Regensdorferstrasse ist abgeschlossen und das Bauprojekt wird voraussichtlich ab 2019 vom Tiefbauamt realisiert werden: Auf der Frankentalerstrasse wird eingangs Geeringstrasse ein grosser Kreisel realisiert, und die Spurführung in die Regensdorferstrasse wird entflechtet. Die Bushaltestelle in der Geeringstrasse wird in die Rütihofstrasse verlegt, und an der Frankentalerstrasse entsteht eine zusätzliche Bushaltestelle, die das Gebiet Naglerwiesenstrasse besser mit dem ÖV erschliesst.