Kategorie: Damals

  • Das verlorene Frauenstimmrecht

    Das verlorene Frauenstimmrecht

    Deutsche belehren oft und gerne, dass die Schweiz als letztes Land das Frauenstimmrecht eingeführt habe. Die Gegenfrage bleibt meist aus: Frauenstimmrecht in Deutschland? Hat die «Schwäbische Hausfrau» über den Euro abgestimmt? Konnten deutsche Frauen ein «Wir schaffen das»-Referendum ergreifen?

    Die Schweiz war 1971 nicht das letzte, sondern das erste Land, das ein Frauenstimmrecht per Volksabstimmung eingeführt hat. Bereits im Mittelalter gab es Frauenstimmrechte, welche allerdings die Zeit nicht überdauert haben.

    Die drei Dorfbrunnen

    Der Bau der Wasserversorgung war das letzte grosse Wipkinger Bauwerk vor der Eingemeindung 1893. Es kam dank dem Frauenstimmen zustande. Die Brunnengenossen, eine alte Korporation in Wipkingen, betrieben die drei Dorfbrunnen. Der Wipkinger Gemeinderat liess die Brunnengenossen prüfen, ob sich die Gemeinde dem städtischen Pumpwerk anschliessen oder eine eigene Wasserversorgung erstellen solle. Der Käferberg würde genügend Quellwasser liefern, behauptete eine geologische Untersuchung.

    Einige Grundeigentümer wollten ihr Wasser nicht hergeben. Eine Commission wurde eingesetzt, welche der Wasserversorgungs-Gesellschaft – die Nachfolgeorganisation der Brunnengenossen – Bericht und Antrag erstattete. An der Versammlung vom 16. September 1880 waren die Gegner in der Mehrheit. Präsident Wismer-Dietschi griff zu einer List. Er liess schriftlich unter Namensaufruf abstimmen, und «…die anwesenden Mitglieder, darunter Wittwen, welche berechtigt waren, Stellvertreter an die Versammlung zu schicken, halfen wesentlich bei, die Anträge der Commission, zur Verwunderung vieler, zum gültigen und unanfechtbaren Beschluss zu erheben», stand im Schlussbericht.

    Im April 1881 war das Bauwerk vollendet. Eine technische Meisterleistung: 153 Kochherde waren angeschlossen, nebst Feuerspritze und Zuleitungen zu Waschhäusern, Bäckereien, Metzgereien, Werkstätten und Ställen. Das Stimmrecht der «Wittwen» beruhte auf einem alten Recht der Brunnengenossen. Das Stimmrecht war nicht an die Person gekoppelt, sondern an die Mitgliedschaft. Diese wiederum beruhte auf dem Eigentumsverhältnis.

    Wichtiges Detail: Die Brunnengenossen zählten nicht die angeschlossenen Häuser, sondern Kochherde. Besass eine Frau einen Herd, ob selbst gekauft oder geerbt, besass sie auch das Stimmrecht bei den Brunnengenossen bezüglich Wasserkonsum. «Frauen an den Herd!» hat somit eine weitere Bedeutung: Frauen am Herd hatten Stimmrecht.

    Das mittelalterliche Frauenstimmrecht

    Die Abstimmung der Brunnengenossen zur Wasserversorgung ist das letzte ausgeübte Frauenstimmrecht früherer Zeit. Zuvor, insbesondere im Mittelalter, war das Frauenstimmrecht im Fraumünsterlehen Wipkingen weit verbreitet. In der Neuzeit hiess es «One man one vote» und etwas moderner, «Eine Person, eine Stimme». Das Stimmrecht ist an die Person gebunden. Sind die Bedingungen erfüllt (Schweizer Pass, über 18 Jahre alt, nicht entmündigt) besteht ein unveräusserlicher Rechtsanspruch auf Stimmabgabe. Gewählt werden Listen und Personen, abgestimmt wird über alles zwischen Kuhhörnern und Kampfflugzeugen.

    Das war im Mittelalter anders. Boden, Wald und Wasser gehörten dem Fraumünster. Es fand ein reger Handel mit Waren aller Art statt; Kernen, Holz, Stroh, Obst, Vieh, Milch, Käse, Honig, Eier. Ganze Höfe wurden gepachtet und auch vererbt. Die Frage, die oft zu kurz kommt, lautet: Wie konnten die Analphabeten damals Güter gegen Geld tauschen? Unsere geläufigen Einheiten wie Hektare, Kilogramm und Meter gab es nicht. Gehandelt wurde nicht Fläche und Gewicht, sondern der Ertrag, der sich aus einem Grundstück erlösen liess (siehe «Wipkinger» 3/25).

    Ein Hof umfasste nicht eine Anzahl Quadratmeter, sondern eine Anzahl «Mannwerk». Das Mannwerk umfasste die Fläche, die ein Mann an einem Tag bewirtschaften konnte. Das war nicht immer gleich, ein Mannwerk an einem Hang war kleiner als auf der Ebene.

    Der Wald im Käferberg war in Nutzungseinheiten eingeteilt. Geschlagen wurden Mütt, ein Volumenmass von etwa 83 Litern. Eine Hube umfasste 12 Mütt. Nicht alle Huben waren gleich gross. Die Holzgenossen befanden regelmässig über die Huben und passten sie auch an. Dazu waren nur die Holzgenossen berechtigt. Die Kontrolle erfolgte in der Zählung des geschlagenen Holzes. Analog erfolgte die Nutzung von Fläche in «Gült». Verkauft wurde nicht der Hof oder das Feld, das ja dem Münster gehörte, sondern der mögliche Erlös.

    Ein «Mannwerk Acker» ergab eine Anzahl «Mütt Kernen». Dieser Erlös hiess «Gült» und wurde gegen Zins veräussert. Die Zinszahler, meist Männer, konnten nun pflügen und säen. Die Ernte abzüglich dem Zehnten Steuer an das Fraumünster war dann Privateigentum, oft von Frauen. Beispielsweise berichtet eine Urkunde vom 1. März 1402: «Jakob Keller von Wipkingen verkauft an Elsbeth Heidelberg 1 Viertel Kernengeld.» Das Grundstück lag in den «Steinmuren», also den Steimeren bei der heutigen Wunderlistrasse.

    Die Urkunde aus dem Jahr 1402 verrät zwei Dinge: Erstens konnte eine Frau einen Kauf tätigen, sie war also mündig und vermögend. Zweitens kaufte Elsbeth Heidelberg nicht den Boden, sondern das «Kernengeld», also den Erlös. In moderner Finanzsprache ausgedrückt war das ein Handel mit einem Derivat. Wer spricht vom finsteren Mittelalter? Anfang des 15. Jahrhunderts kauften Wipkingerinnen nicht ein Asset, sondern die Option auf den Erlös und damit auch das Stimmrecht.

    Solche Urkunden sind einige erhalten: Im Jahr 1505 soll «Hans Appenzeller seiner Schwester Magdalena 100 Pfund Kapital verzinsen, 3 Mütt Holz im Käferberg». Magdalena Appenzeller hatte das Recht, Holz aus dem Käferbergwald zu gewinnen. Somit war sie als Eigentümerin Mitglied der Holzgenossen und stimmberechtigt. Mit ihrer Stimme beeinflusste sie die Ausgestaltung der Allmende: kollektive Verwaltung von kollektivem Eigentum – auch dies ist verblüffend modern.

    Wipkinger Wirtinnen

    Frauen im mittelalterlichen Wipkingen waren oft vermögend. Während der Klosteraufhebung beseitigte die letzte Äbtissin Katharina den «Lass und Fall», die mittelalterliche Erbschaftssteuer. In der Folge flossen grosse Vermögensteile an die Witwen und Kinder der verstorbenen Männer. Eine «Wirtin» war eine Frau mit Vermögen, ledig, verheiratet oder verwitwet. Bei ihr auf dem Hof (also «am Herd») wohnten Knechte und Angestellte.

    Eine verblüffende Urkunde diesbezüglich stammt aus dem Jahr 1301, der ersten Erwähnung eines «wingarten» im Weiler Wibichinga: «Wir, Elsebete Eptisschin des Gotzhus Zürich künden allen, das fro Juzzi verköffet hat fron Itun, Johannes des Löwen wirtinne, einen wingarten, lit ze Wipkingen,…» Frau Juzzi verkaufte einen Weingarten an Frau Itun, Johannes des Löwen Ehefrau. Der Weingarten lag in Wipkingen.

    Das Spektakuläre an der Urkunde von 1301 ist, dass nicht «Johannes der Löwe» den Weinberg kaufte, sondern seine Frau Itun kaufte ihn von Frau Juzzi. Die Frau besass Vermögen und handelte unabhängig vom Ehestatus. Unter der Obhut der Fraumünsterabtei herrschten im Dorf Unternehmergeist und Vermögens-Gleichberechtigung – und damit verbunden geschlechts-unabhängige Stimmrechte an der Nutzung der Güter, Felder, Quellen und Wälder.

    Einkauf ins Stimmrecht

    Heute ist der Verkauf eines Stimmrechts undenkbar und auch gesetzlich verboten. Da war nicht immer so. Im Mittelalter gab es abgestufte Stimmrechte. Fremde hatten keine Stimmrechte. Die Zuzüger mussten erst einen Einzugsbrief erwerben. Nach der Reformation erfuhr Wibichinga einen enormen Aufschwung.

    Ab den 1580er-Jahren zogen vermehrt Auswärtige nach Wipkingen. Sie bezahlten hohe Preise für das Niederlassungsrecht. Damit verbunden waren die Stimmrechte: die Haushofgerechtigkeit (Erlaubnis, einen Haushalt zu führen), Dorfgerechtigkeit (Stimm- und Wahlrecht) und das Recht auf «Holtz und Veld, Wunn und Weid» (Nutzungsrechte an den Allmende-Ressourcen). Zusätzlich erwerben mussten die Zuzüger den Beitritt zur Korporation mit Nutzungsrechten an Weide, Wasser und Wald.

    Zertrümmerte Institutionen

    Zurück zur Eingangsfrage: Wann und warum haben die «Wipkinger Wirtinnen» ihre Stimmrechte verloren? Die mittelalterlichen Stimmrechte waren veräusserlich. Unser modernes Stimmrecht kennt dies nicht. Exakter formuliert lautet die Frage: Wann und warum sind die Institutionen mit den nutzungsgebundenen, veräusserlichen Stimmrechten verschwunden? Eine mögliche Antwort lautet: Mit der Einführung des metrischen Systems.

    «Mütt» und «Mannwerk» sind an den Erlös gebunden, «Kilogramm» und «Quadratmeter» an den Boden. Napoleon brachte das metrische System in die Schweiz. Bei der Invasion 1799 und der Beseitigung des Ancien Régimes in Helvetien verschwanden auch die mittelalterlichen Institutionen.

    In der Folge waren die verbliebenen Stimmrechte nicht mehr an den Verbrauch gekoppelt, sondern an eine Person – also an den Mann. Napoleon zertrümmerte die wehrlose helvetische Armee, das morsche Ancien Régime und nebenbei auch die mittelalterlichen Institutionen. Die unveräusserlichen Menschenrechte («les droits de l`homme») brachten nebst vielen Vorteilen auch das Ende der handelbaren Stimmen und damit das Ende der alten Frauenstimmrechte.

    Quellen

    Conrad Escher und Rudolf Wachter, «Chronik der Gemeinde Wipkingen», Zürich 1917.

    Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Damals – Wipkingen, ein Bilderbogen», Wibichinga Verlag, 2023.

    Bericht des Vorstandes der Wasserversorgungs-Gesellschaft Wipkingen, 1883.

  • Von heute ins Damals und zurück: das Interview

    Von heute ins Damals und zurück: das Interview

    Martin Bürlimann und Kurt Gammeter, welchen Bezug zu Wipkingen habt ihr beide?

    Kurt Gammeter: In Wipkingen bin ich geboren, aufgewachsen, und ich lebe bis heute im Elternhaus. Mein Vater hatte hier einst eine Bäckerei, auch ich erlernte den Beruf. Später eröffneten wir die Goldstück Reinigung. Ich habe immer viel über das Quartier und seine Menschen mitbekommen, und so wuchs mein Interesse an Wipkingen stetig.

    Martin Bürlimann: Ich kam als Student von Wettingen nach Zürich. Zu Zeiten der offenen Drogenszene am Letten zog ich nach Wipkingen, weil die Miete günstig war. Ich begann, mich im damaligen Gewerbeverein Wipkingen zu engagieren, lernte viele Menschen kennen und habe das Quartier intensiv erlebt. Wipkingen hat eine hochinteressante Geschichte.

    Wie begann eure Zusammenarbeit?

    Kurt Gammeter: Der Gewerbeverein gab damals die Broschüre «Euses Wipkingen» heraus – mit Reklame und Porträts, alles aus dem Quartier. Ein Wettbewerb mit einem alten Foto, dessen Standort man erraten musste, generierte viele Zuschriften. Das Interesse war so gross, dass wir beschlossen, die Wettbewerbsauflösung mit einem Anlass in Guthirt zu verbinden. Dabei stellten wir gemeinsam weitere Bilder vor – «Damals & heute». Das war der Startschuss.

    Martin Bürlimann: Selbst ich konnte den eigenen Wettbewerb damals nicht lösen (lacht). Das hat mich zusätzlich angespornt, mehr über Wipkingen zu erfahren.

    So entstand euer erstes Werk «Wipkingen – vom Dorf zum Quartier».

    Martin Bürlimann: Zunächst dachten wir an eine DVD, dann rückte aber ein Bildband in den Fokus. Da wir Zugang zu vielen Archiven hatten und uns immer wieder Material gebracht wurde, erarbeiteten wir das Buch mit Fotos sowie den entsprechenden Texten. Es erschien 2006. Bei der Arbeit gab es immer wieder Entdeckungen und Überraschungen. In der Recherche kamen Dinge zum Vorschein, die wahnsinnig spannend sind. Etwa die industrielle Entwicklung und der Erfolg Wipkingens.

    Wie seid ihr vorgegangen?

    Martin Bürlimann: Kurt machte die Bilder und lieferte Hintergrundinformationen, ich schrieb die Texte. Um das Buch zu veröffentlichen, gründeten wir den Wibichinga Verlag – und damit waren wir erfolgreich. «Wipkingen – vom Dorf zum Quartier» interessiert bis heute viele Menschen, besonders Neuzuzügerinnen und Neuzuzüger: Sie wollen wissen, wie das Quartier entstanden ist, wo seine Wurzeln liegen. Zudem: Archivarbeit kann ein Abenteuer sein. Weil wir mit der Zeit eine gewisse Bekanntheit erlangten, erhalten wir viel Material, bekommen Zugang zu Archiven und es werden uns Geschichten zugetragen.

    War das Buch auch die Grundlage für eure Rubrik «Damals»?

    Kurt Gammeter: Ja, in «Damals» konnten wir Themen vertiefen, die im Buch nur angerissen wurden. In den Artikeln konnten wir uns entfalten – und das bis heute. Unser erster Beitrag handelte vom Bau des neuen Schulhauses im Jahr 1824, das schlicht «Wipkingerschule» genannt wurde. Seit 2016 berichteten wir in dieser Zeitung über die Geschichte Wipkingens.

    Und es sollte nicht bei einem Buch bleiben.

    Kurt Gammeter: Ein Jahr später brachten wir «Lebensbilder – Begegnungen im Käferberg» heraus, ein Auftragswerk, geschrieben von Annabeth Schallenberg mit schönem Layout von Albert America. Sie hatte die Idee, die Lebensgeschichten von Bewohnerinnen und Bewohnern des Pflegezentrums – 40 an der Zahl – mit Fotos zu veröffentlichen. Da war ein Opernsänger dabei, ein weltweit tätiger Werber – persönliche Geschichten, die sonst oft hinter den Mauern eines Pflegeheims «verschwinden».

    Martin Bürlimann: Es folgte 2009 «Glockengeläut», ebenfalls eine Auftragsarbeit für die reformierte Kirche. Das Buch erzählt vom ersten Kirchlein im Mittelalter bis zur heutigen Kirche im Quartier. Danach kam «Café Letten – ein Lesebuch»: eine Bildercollage und Zeitreise durch das damalige Lettenquartier – ein Projekt für die Baugenossenschaft Letten.

    Kurt Gammeter: Unser aktuelles Werk ist «Damals: Wipkingen – ein Bilderbogen». Es vereint ausgewählte Bilder von damals und heute, ergänzt durch ausführliche Texte. Wir vertrauen also immer noch auf das Buch als Medium.

    Ihr seid viel in der Vergangenheit unterwegs – was haltet ihr vom heutigen Wipkingen?

    Martin Bürlimann: Wir urteilen nie und sagen nicht Dinge wie «früher war es schöner». Wir berücksichtigen immer auch die jeweilige Zeit und den Kontext. Bei der Recherche hilft es auch, sich emotional zurückzunehmen, das gelingt nicht immer (lacht). Und natürlich gibt es Bausünden, aber die gibt es überall.

    Habt ihr schon ein neues Projekt?

    Martin Bürlimann: Unser nächstes Buch handelt von Wipkingen in den 1940er-Jahren, den Kriegsjahren und dem Widerstand. Wir haben das Thema bereits in der Rubrik «Damals» aufgegriffen, aber es gibt viel mehr zu erzählen. Was passierte damals wirklich in Wipkingen? Wie gestaltete sich das Alltagsleben?

    Kurt Gammeter: Neben dem militärischen Widerstand existierte auch der zivile Widerstand und wir erinnern etwa an die Wipkingertagungen als Gegenbewegung zu den «Fröntlern». Und wir werden zeigen, dass wir hier in Wipkingen – und generell in der Schweiz – keineswegs völlig sicher waren. Bei der Operation Tannenbaum wäre ein Angriff über Waldshut erfolgt, der dann auch über Wipkingen geführt hätte.

    Vielen Dank für das Gespräch!

    Die Bücher im Wibichinga-Verlag

    «Damals: Wipkingen – ein Bilderbogen»
    ISBN: 978-3-75753-707-4

    «Wipkingen – vom Dorf zum Quartier»
    ISBN: 978-3-95231-490-6

    «Café Letten – Ein Lesebuch. Eine Zeitreise durch den Letten»
    ISBN: 978-3-95231-493-7

    wibichinga.ch

    Verwandter Artikel

    «Damals» erscheint als Buch

  • Schon vor elfhundert Jahren gab es Kleingedrucktes

    Schon vor elfhundert Jahren gab es Kleingedrucktes

    Einst lebten hier helvetische Kelten, dann blühte Turicum auf, derweil am lieblichen Hang vor den Toren eine Römervilla stand. Dreihundert Jahre später siedelte hier ein Alemanne namens Wipko, Wibicho oder ähnlich und benannte seinen Weiler nach ihm selbst. Mit dem Ende des Römischen Reiches endete auch die Pax Romana – und es blieb fünfhundert Jahre lang dunkel.

    Das 9. Jahrhundert war turbulent, aber Wohlstand und längere Perioden von Frieden kamen. Die Menschen waren einigermassen frei und hatten Rechte. Handwerk entwickelte sich, grosse Bauten entstanden, vor allem Kirchen. Ein Strassennetz wurde gebaut, es gab Kunst und Kultur. Turicum war in das karolingische Münzsystem einbezogen.

    Die geschriebene Geschichte Wipkingens beginnt 881 mit einem Urenkel Karls des Grossen, dem Kaiser Karl dem Dicken. Es wurden Klöster gegründet und ausgebaut. Karl der Grosse gilt auch als Begründer des Zürcher Grossmünsters. Vor den Toren der Stadt baute man Häuser aus Holz und Stroh, beackerte die Felder und pflegte Vieh, Wald und Wiesen.

    Die «civitas turegum» profitierte von den Karolingern. Ludwig der Deutsche, auch ein Karolinger Kaiser, gründete 853 das Fraumünsterkloster. Er schenkte seiner ältesten Tochter Hildegard ein kleineres Kloster, das an der Stelle des heutigen Fraumünsters stand. Das Kloster war den Stadtheiligen Felix und Regula geweiht. Die Schenkung war verbunden mit Ländereien im Urnerland, im Sihlwald, bei Cham und Horgen.

    Der dritte Sohn Ludwigs des Deutschen hiess Karl III., geboren 839. Er war ein Urenkel Karls des Grossen. Vermutlich besuchte er schon als Kind seine Verwandten im Fraumünster. Bei der Reichsteilung sprach ihm sein Vater das ostfränkische Reich zu, dessen Regentschaft er nach dem Tod des Vaters übernahm. Am 12. Februar 881 wurde Karl III., genannt Karl der Dicke, zum Kaiser gekrönt.

    Das Lehenssystem

    Unter Karl dem Grossen verbreitete sich die grundherrliche Betriebsform in den Kloster- und Königsgütern. Es war ein Lehens-
    wesen, welches Kriegern eine Landleihe gewährte, mit dessen Erträgen sie für Pferd und Waffen verantwortlich waren. Es gab den Ehrendienst der Ritter und den Knechtsdienst der Eigenen. Das Lehen hiess Beneficium oder Feudum. Ritter und Lehensgeber unterstanden der Fidelitas, dem Treueeid.

    Die Lehensform war effizient, Herrscher, Ritter und Bauern waren symbiotisch aneinander gebunden und gegenseitig abhängig. Alle hatten Interesse an langfristigem Erfolg. Der Ritter, der seine Leibeigenen anständig behandelte, war erfolgreicher als jener, der sie ausbeutete. Der Herrscher war interessiert daran, dass die Ritter zu ihren Gütern Sorge trugen; nur mit wirtschaftlichem Erfolg konnten sie die teuren Rüstungen und Pferde erhalten. Und die Bauern schliesslich profitierten vom Schutz durch Ritter und Herrscher.

    Karl der Dicke übernahm das Lehenssystem von Karl dem Grossen. Er wählte für den Weiler Wibichinga vor den Toren Turicums eine Form, bei der das Eigentum nach dem Tod des Lehensnehmers an die Kirche übergehen würde. Schon damals wusch eine Hand die andere: Ludwig der Deutsche, Vater von Karl dem Dicken, versah das Fraumünster im Jahr 853 mit Schenkungen. Zwei seiner Töchter, Hildegard und Bertha – also Schwestern von Karl dem Dicken –, waren Äbtissinnen am Fraumünster. Sie starben früh.

    Karl der Dicke setzte 878 seine Gemahlin Richarda als Nutzniesserin des Fraumünsters ein. Es lag also nahe, die Schenkung des Weilers Wibichinga als späteres Erbe dem Fraumünster zu vermachen.

    Im Jahr 881, kurz nach seiner Krönung zum Kaiser, schenkte Karl der Dicke seinem Getreuen Wolfgrim den Weiler Wibichinga. Vom Nutzniesser Wolfgrim wissen wir nichts; er war wohl ein Ritter in Karls Gefolge. Die Schenkung war eine Lehenschaft im Sinne Karls des Grossen.

    Die Urkunde

    Diese Urkunde ist erhalten geblieben. Sie misst 62×53 Zentimeter und wird im Zürcher Staatsarchiv aufbewahrt. Am «XI. kal Jun. im Jahr des Herrn DCCCLXXXI», nach heutigem Kalender am 22. Mai 881, setzte Karl der Dicke die Urkunde in Latein auf (gekürzt, Übersetzung von Jakob Frei):

    Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit. Karl, durch die göttliche Vorsehung erlauchter Kaiser.
    Es sei allen unsern Getreuen zur Kenntnis gebracht, dass wir unserm Getreuen Wolfgrim etliche Gegenstände unseres eigenen Rechtes und Besitzes geschenkt haben zu gesicherter lebenslänglicher Nutzniessung, nämlich den Weiler, der Wibichinga heisst, mit allem, das rechtmässig dazu gehört, das ist: mit hörigen Leuten, mit Ackerfeldern, Wiesen, Wäldern, mit Gewässern und deren Ableitungen, mit gebautem und ungebautem Land, mit Beweglichem und Unbeweglichem, oder was irgend genannt werden kann. Und wir haben befohlen, dass er fortan lebenslang die oben genannten Gegenstände zur Nutzniessung besitze und dass niemand die Befugnis habe, diese Verfügung aufzuheben oder etwas daran zu ändern, sondern ihm zustehe, die oben genannten Sachen sicher zu besitzen behufs Vermehrung unseres Lohnes, dass aber nach seinem Tode alles in unversehrter Vollständigkeit an das Kloster Turegum zugunsten der Schwestern übergehen soll zu ewigem Besitz. Wenn aber irgendeiner diese unsere Bestimmung teilweise oder ganz ändern sollte, so ist ihm, dem Rechtsbrecher, eine Strafe von 1000 Mark puren Goldes aufzuerlegen.
    Unterschrift des erlauchten Kaiser Karl III.
    In Gottes Namen. Amen.

    Der gute Wolfgrim wird sich gefreut haben über das tolle Geschenk. Ein ganzer Weiler mit Hörigen und schönen Töchtern.
    Karl der Dicke wird in Geschichtsbüchern stets als etwas beschränkt hingestellt. Es steht im lateinischen Text allerdings einiges zwischen den Zeilen. Man lese also die Urkunde über den Weiler Wibichinga nochmals genau durch:

    «…geschenkt haben zu (…) lebenslänglicher Nutzniessung…»

    Das heisst: Der gute Wolfgrim kommt hier nicht mehr weg. Der Weiler Wibichinga wird sein Grab.

    «…nämlich den Weiler, der Wibichinga heisst, mit allem, das rechtmässig dazu gehört, …»

    Der Weiler gehört nicht Wolfgrim, sondern alles gehört zum Weiler. Das ist nicht das Gleiche.

    «… Und wir haben befohlen…»

    Klartext: Das ist kein Geschenk, das ist ein Befehl.

    « … dass er fortan (…) zur Nutzniessung besitze …»

    Es ist nicht sein Eigentum, er darf nur nutzniessen. Verkauft wird nichts, die Sachen bleiben hier.

    « …wir (…) befehlen, dass (…) niemand die Befugnis habe, (…) daran zu ändern …»

    Die Meinung Wolfgrims ist nicht gefragt. Er tut, was man ihm sagt.

    « …dass er (…) besitze (…) behufs Vermehrung unseres Lohnes… »

    Zinserträge gehen ans Kloster, die sind nicht Teil des Geschenks.

    « …dass aber nach seinem Tode alles in unversehrter Vollständigkeit (…) an das Kloster (…) übergehen soll …»

    Die Werterhaltung wird nicht vom Zinsertrag finanziert. Investitionen in Realersatz sind sein Problem.

    « …mit Gewässern und deren Ableitungen… »

    Das sind die Bäche und der Abfluss in die Limmat, aber ohne Limmat. Der Fluss gehört zum See, nicht zum Weiler. Vom Flussübergang und von der Fähre steht nichts im Text. Der Fischertrag ist also nicht Teil des Geschenks. Das Kloster kann die Fischrechte sonst jemandem verkaufen oder verpachten. Und der Fährertrag fällt auf der anderen Seite des Flusses an.

    «Wenn aber irgendeiner diese (…) Bestimmung (…) ändern sollte, so ist ihm (…) eine Strafe (…) aufzuerlegen.»

    Wolfgrim haftet solidarisch für den Zinsertrag des Gutes. Bleibt der Zins aus, ist die Busse fällig und anschliessend wird er geköpft.

    Nach dem Lehensnehmer Wolfgrim ist heute der lauschige Bach benannt. Wir wissen nicht, wo er begraben ist. Seine Hörigen haben den Vertrag vielleicht besser verstanden als er selbst. Sie wussten: Der Weiler geht am Schluss unversehrt in die Hände des Klosters über. Die Hörigen pflegen ihre Höfe nur, wenn die schönen Töchter unbehelligt bleiben. Jedenfalls gab es keine Klagen des Fraumünsters über ausgebliebene Zinserträge, und der Weiler Wibichinga war bei Wolfgrims Ableben offenbar in gutem Zustand.

    Zu allem Elend war Wolfgrim nun auch noch Diener dreier Herren. Dem Kaiser verpflichtet, dem Fraumünster verdingt und dem Grossmünster zu Dank. Der Kaiser verliess sich auf seinen Vertrag, das Fraumünster erfreute sich des Zinses und das Grossmünster wusste, dass Wolfgrim in seinem goldenen Käfig gefangen blieb. Der Weiler Wibichinga blühte unter Wolfgrim im 9. Jahrhundert auf. Kirche und Kaiser konnten zufrieden sein. Vielleicht war Karl der Dicke doch nicht so beschränkt.

    Quellen

    Diverse Geschichtsbücher,
    Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Damals», Wibichinga Verlag, 2023.

    Verwandter Artikel

    «Damals» erscheint als Buch

  • Bildergalerie: Wolfgrim und sein Bach

    Bildergalerie: Wolfgrim und sein Bach

    Der Wolfgrimbach ist der offen gelegte Bach beim Wolfgrimweg, der parallel zur Waidstrasse fliesst. Er entspringt dem Weiher im Käferbergwald und ist heute zusammen mit dem Oerisbach wieder sichtbar. Der Wolfgrimbach ist künstlich angelegt. Er entstand als Überlauf des Reservoirs der Brunnenversorgung von 1881; damals hatte er noch keinen Namen.

    Das städtische Forstamt renaturierte 1988 den Waldweiher im Käferbergwald, den Wolfgrim­bach und den Teich beim Reservoir hinter dem Jägerhaus in Höngg. Man wollte im Wald das Naturerlebnis wieder stärken.

    Im Jahr 2000 befreite das Forstamt den Wolfgrimbach auch im unteren Teil aus seiner Röhre. An den Ufern pflanzte man ein­heimische Sträucher, die mit ihrem Wurzelwerk das Bachbett festigen. Der Bach plätschert mun­ter zu Tale, und die Bänklein am Ufer laden zur Erholung.

    Das Bächlein lädt ein zum Spaziergang vom Über­laufbecken an der Waidstrasse zur Limmat – nur findet sich nirgends ein Abfluss. Das letzte Stück beim Gemeinschaftszentrum ist baulich vorbereitet, bloss – wo ist der Bach?

    Beim Bau des Wipkingerparks bereitete man den Abfluss für den Wolfgrimbach in die Lim­mat vor. Der Bach hätte dann unterirdisch bei den neuen Häusern zwischen Breitensteinstrasse und Im Sydefädeli der Baugenossenschaft Denz­lerstrasse durchfliessen sollen. Es gab technische Schwierigkeiten bei der Bachführung und uner­wartet hohe Kosten, weshalb die Genossenschaft und die Stadt auf das Bach-Projekt verzichteten. Das Wasser des Wolfgrimbaches wird nun un­terirdisch gefasst und abgeleitet.

    Bildergalerie: Wolfgrim und sein Bach


    Die älteste schriftliche Nennung des Weilers Wibichinga stammt aus dem Jahr 820.

    In den Zeilen 19 und 20 steht: … ex curtibus terre sallice ad mensam fratibus destinavit; id est de Stadilhove, de Wibichinga, de Ousta, de Illinga, de Fenichlanda, de Mure, de Hovistete, de Meilana … – was übersetzt heisst: (…) so von Stadelhofen, Wipkingen, Aeugst in Affoltern, Illnau, Fällanden, Maur, Hofstetten, Meilen.

    Kaiser Karl der Dicke gibt im Jahr 881 den Weiler Wibichinga seinem Getreuen Wolfgrim zu lebenslänglicher Nutzniessung. Der Text klingt reichlich pathetisch, ist aber sorgfältig und weitsichtig formuliert. Das Aussergewöhnliche hinter der schwülstigen Sprache ist, dass die Interessen der Hörigen mit berücksichtigt sind. Diese Urkunde legte das Fundament für eine jahrhundertelange, gedeihliche Entwicklung des Fraumünsterlehens Wibichinga.

    Mit dieser Urkunde beginnt die geschriebene Geschichte Wipkingens. Ausschnitt aus der Schenkungsurkunde von 881, zweite kleingeschriebene Zeile ganz links, in Latein: «id est wilarem unum, qui dicitur Wibichinga»; zu Deutsch «nämlich den Weiler, der Wibichinga heisst».

    Der heu¬tige Wolfgrimbach ist nach dem mittelalterlichen Lehensherr benannt: «…dass wir auf Ansuchen einiger unserer Getreuen unserm Getreuen, Wolfgrim mit Namen, etliche Gegenstände unseres eigenen Rechtes und Besitzes geschenkt haben…». (Ausschnitt aus der Schenkungsurkunde von 881).


    Mit dieser Urkunde beginnt die geschriebene Geschichte Wipkingens. Ausschnitt aus der Schenkungsurkunde von 881, zweite kleingeschriebene Zeile ganz links, in Latein: «id est wilarem unum, qui dicitur Wibichinga»; zu Deutsch «nämlich den Weiler, der Wibichinga heisst».

    Der heu¬tige Wolfgrimbach ist nach dem mittelalterlichen Lehensherr benannt: «…dass wir auf Ansuchen einiger unserer Getreuen unserm Getreuen, Wolfgrim mit Namen, etliche Gegenstände unseres eigenen Rechtes und Besitzes geschenkt haben…». (Ausschnitt aus der Schenkungsurkunde von 881).


    Einer der vielen versteckten lauschigen Orte Wipkingens: Der freigelegte Wolfgrimbach am gleichnamigen Weg im oberen Teil Wipkingens. (Foto: Martin Bürlimann, Kurt Gammeter)

    Beim Bruggerweg fliesst der Wolfgrimbach in ein Überlaufbecken. Leider dauernd verschmiert. (Foto: Martin Bürlimann, Kurt Gammeter)


    Ein Abfluss ohne Wasser: Hier sollte eigentlich der Wolfgrimbach in die Limmat fliessen – aber das Wasser kommt nicht bis hierher. (Foto: Martin Bürlimann, Kurt Gammeter)

    Das absurde Ende des Wolfgrimbachs passt durchaus zum Namensgeber, von dem nur der Anfang seiner Geschichte bekannt ist. Wolfgrim verschwand aus den Geschichtsbüchern, wie sein Bach.

    Quellen: Diverse Geschichtsbücher
    Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Damals», Wibichinga Verlag, 2023.

  • Käferberg: «Eine Pertinenz von sieben Huben»

    Käferberg: «Eine Pertinenz von sieben Huben»

    Wie berechnete ein Bauer im Mittelalter, der nicht rechnen konnte, die Fläche seines Ackers? Wie wusste der Knecht, wie viel Holz er schlagen muss, wenn er weder schreiben noch lesen kann? Im angeblich finsteren Mittelalter gab es ein raffiniertes System, wie Analphabeten Äcker, Weiden, Wälder, Allmenden und ganze Höfe samt ihrem Ertrag messen konnten.

    Unsere heutigen Einheiten wie Meter und Kilogramm sind uns so geläufig, dass wir uns ein komplett anders Mess-System gar nicht mehr vorstellen können. Alte Urkunden geben preis, wie das System im Mittelalter funktionierte. Das Besondere dabei war, dass nicht die berechnete Fläche zum Zug kam, sondern der Ertrag, den sich aus einer Fläche erlösen liess. Eine Urkunde vom 3. April 1418 berichtet: «Johannes Dietschy und seine Frau Elsbetha Koufleibin verkaufen die Gült ihrer Wiese Buechholtz in Wippkingen. Sie stösst an den Kefferberg.»

    Offenbar gab es Anfang des 15. Jahrhunderts am Waldrand beim Käferberg eine Wiese namens Buchholz. Was sagt uns die Urkunde sonst noch? Frau Koufleib war mit Herrn Dietschy verheiratet, aber sie musste nicht den Namen des Mannes annehmen. Eigentumsrechtlich war sie ihm nicht unterworfen, die beiden besassen die Wiese zu gleichen Teilen und wollten sie gemeinsam verkaufen. Das heisst – was genau wollten sie verkaufen? «…verkaufen die Gült ihrer Wiese …» steht auf dem Pergament. Sie wollten eine Gült verkaufen, nicht eine Wiese.

    In Wipkingen verkaufte man nicht den Boden, sondern handelte mit dem Erlös der Fläche. Bekanntlich war Wibichinga ein Fraumünsterlehen. Das heisst, der Boden der ganzen Gemeinde gehörte dem Kloster. Regen Handel gab es aber mit allem, was der Boden hergab, mit Kernen, Holz, Äpfeln, Ziegen, Milch und Käse.

    Das Wort blieb erhalten, die Gült nicht. Etwas «gilt» oder «gilt nicht», oder etwas ist «ungültig». Die Begriffe gehen auf die mittelalterliche Gült zurück. Die Gült bezeichnet die Abgabe, die ein Pächter oder Lehensnehmer dem Eigentümer eines Grundstücks, einer Weide oder eines ganzen Hofes zahlen musste. Es konnte auch ein Pfand oder eine Rente sein. Es gab Geldgülte (Zahlung in klingender Münze) und Fruchtgült (in Naturalien). Im Gültbuch war die Eigentümerschaft der Güter, ihre jeweilige Gült und die Abgabenpflichtigen erfasst. Als Grundpfand für die Gült haftete das Grundstück, nicht der Schuldner persönlich.

    Reiche, stimmberechtigte Wipkingerinnen

    Eine weitere Urkunde aus dem Jahr 1551 verkündet: «Hans Appenzeller soll seiner Schwester Magdalena 100 Pfund Kapital verzinsen, von und ab 2 ½ Juchart Reben, 3 Mütt Holz im Käferberg, 1 Stück Wiesen hinter dem Käferberg, 2 Ditto Haus und Hofstatt am Käferberg.»

    Hans Appenzeller, aus einem alten Wipkinger Geschlecht stammend, war verpflichtet, seiner Schwester Zins zu zahlen. Das bedeutet, dass seine Schwester Eigentümerin der Güter war. Die Frauen im mittelalterlichen Wipkingen hatten eigenes Einkommen, besassen Eigentum, waren selbstständig, waren erb- und stimmberechtigt. Besassen sie einen Hof, hatten sie auch das Stimmrecht an den Nutzungsrechten.

    Im Todesfall erbten die Witwen zusätzlich zum Besitz auch das Stimmrecht in der Korporation, also der Eigentümerversammlung der Allmende. Das Stimmrecht in der Korporation war pro Anzahl Mütt und nicht pro Kopf vergeben. Es ist weniger kompliziert als es tönt: Ein Mütt ist ein Volumenmass für Kernen (Getreide) oder Holz. 12 Mütt sind 1 Hube, 4 Mütt sind 1 Malter, umgerechnet in heutige Einheiten 333 Liter. Also entspricht 1 Mütt 83 Liter. So viel Volumen Holz durfte man als Eigentümer des Nutzungsrechts holzen. Was man im Wald schlagen durfte, hiess «Holzgerechtigkeit». Diese wurde in Mütt gerechnet. Der Zins für ein Stück Weideland betrug zum Beispiel 4 Mütt Holzgerechtigkeit. Es war ein Mass für Holznutzung und eine Abgabe an geschlagenem Brennholz.

    Anmerkung am Rande: Die Schweiz war nicht das letzte Land, welches das Frauenstimmrecht eingeführt hat, es war das erste. Es kannte im Mittelalter Frauenstimmrechte, insbesondere Stimmrechte an Ressourcennutzung. Die Frage lautet nicht, warum hat die Schweiz das Frauenstimmrecht so spät eingeführt, sie lautet, wann und weshalb haben die Schweizerinnen ihr Stimmrecht verloren?


    Das mittelalterliche Wibichinga entwickelte sich auch nach der Reformation prächtig und zog neue Bürger an, die sehr hohe Preise für die Niederlassung bezahlten. In diesem Einzugsbrief von 1590 betrug der Preis für das Wipkinger Bürgerrecht 9 Gulden. Damit verbunden war auch das Recht auf «Holtz und Veld, Wunn und Weid», Holzrecht, Weiderecht und Ernterecht. Die Urkunde wird im Stadtarchiv aufbewahrt. (Bild: zvg)

    Waldnutzung im mittelalterlichen Wipkingen

    Der Wald in Wipkingen ist in der Gründungsurkunde aus dem Jahr 881 ausdrücklich vermerkt, als Kaiser Karl der Dritte seinem Getreuen Wolfgrim den Weiler zu lebenslänglicher Nutzniessung überliess. Wesentlich ist, dass der Weiler nach dem Ableben des Lehensnehmers an das Fraumünsterkloster zurück ging. Von daher stammt die Eigentumsordnung, die fast 700 Jahre Bestand hatte. Der Boden gehörte dem Fraumünster, gehandelt wurden Rechte an der Nutzung und den Erlösen.

    Seit dem frühen Mittelalter wird unser Wald intensiv genutzt. Wie gelang es, dass trotz der Nutzung der Wald stehen blieb und nicht ratzekahl gerodet wurde? Eine Antwort lautet, dass es dem Fraumünster im Mittelalter gelang, «nachhaltige Institutionen» zu schaffen, also Eigentumsrechte und Nutzungsformen, die nicht auf kurzfristigen Gewinn zielen. Das «Mütt» in der Urkunde von Hans Appenzeller ist ein eindrückliches Beispiel.

    Mütt, Pertinenz und Huben

    Im Mittelalter hiess die Einheit für das Holz-Volumen Mütt und für die Nutzung Hube. Der «Huber» entrichtet den Hubzins, daher der Familienname Huber. Die Hube bezeichnet das Eigentumsrecht und die Nutzungsrechte, die einem Mitglied der Allmende zustanden. Die Hube bezog sich auf die bewirtschaftete Fläche.

    Der Käferbergwald war im 16. Jahrhundert in Nutzungseinheiten aufgeteilt. Die Grösse des Käferbergwaldes betrug die «Pertinenz von 7 Huben». Jede Hube umfasst 12 Mütt Wald. Diese 84 Mütt verteilten sich auf 19 Wipkinger Holzgenossen (58 Mütt), den Kehlhof des Münsters (12 Mütt), den Lehensmann des Münsters, das Ötenbachamt, das Spital und das Siechenhaus St. Jakob, (je 2 Mütt) sowie das Obmannamt (6 Mütt). Zur Nutzung waren nur die Eigentümer der Mütt zugelassen. Sie waren Mitglied der Wald-Verwaltung, der «Holzgenossen».

    Diese Zahlen zeigen, dass die Berechnung der Waldfläche im Mittelalter sich auf die Nutzung bezog und nicht auf die effektive geografische Fläche. Die Flächenangabe in Pertinenz und Anzahl Huben zeigt, dass der Holzschlag nachhaltig erfolgte. In vielen Urkunden im Mittelalter ist die Rede von Holzgerechtigkeit, also dem Recht auf Waldnutzung.

    Die «Pertinenz von sieben Huben» entspricht somit der wirtschaftlichen Gesamtnutzung des Waldes. Die Nutzung muss nachhaltig erfolgen, man darf nur so viel Holz schlagen, wie nachwächst. Die Holzgenossen legten periodisch die maximale Nutzungsmenge des Käferbergwaldes fest. Die Gemeinde musste dafür sorgen, dass niemand ohne Berechtigung Bäume fällt.

    Die Waldbewirtschaftung oblag damals einer korporativen Nutzungsgemeinde. Anfänglich hiessen sie Holzgenossen, ab 1671 taucht in den Urkunden eine «Korporation Käferberg» auf. Waldeigentümerin war seit dem Frühmittelalter das Fraumünster. Bis zur Reformation und der Klosterschliessung um 1524 leitete die Abtei als Vertreterin der niederen Gerichtsbarkeit die rechtliche Aufsicht, danach die Stadt. Holzfrevel wurde bestraft.

    Nobelpreis 2024

    Der letztjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoglu beschreibt in seinem lesenswerten Buch «Warum Nationen scheitern» wie es mancherorts gelang, die Ressourcen schonend und nachhaltig zu nutzen und vielerorts eben nicht. Im mittelalterlichen Weiler Wibichinga gelang dies vorbildlich. Auf den ersten Blick wirken die Organisation mit den Eigentumsrechten, den Nutzungsformen und der Berechnung des Ertrages verworren und kompliziert. Es lohnt sich, sich damit zu befassen. Die spektakulär erfolgreichen alten Methoden der Ressourcennutzung sind uns heute noch ein Vorbild.

    Quellen

    Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Damals», Wibichinga Verlag, 2023
    Daron Acemoglu (Nobelpreis 2024), Warum Nationen scheitern, Fischer Taschenbuch 2024

  • Widerstand in allen Formen

    Widerstand in allen Formen

    Einen Tag nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen erliess der Bundesrat die Kriegsmobilmachung und einen Monat später folgte der «Operationsbefehl 2»: General Guisan befahl die Armee im Oktober 1939 an die «Linie Nord» die Limmat entlang, eine Verteidigungslinie von der Festung Sargans zum Walensee, Linth, Zürichsee, Limmat, Bözberg, Hauenstein, mit der Artillerie auf dem Gempenplateau und Befestigungen bis Basel. Die Stellung richtete sich einseitig gegen Nazi-Deutschland, mit der französischen Armee schloss der General eine geheime Vereinbarung, von der nicht einmal der Bundesrat etwas wusste.

    Die Limmatstellungen

    In Zürich stand die 6. Division, für die Stadt wurde eine eigene Heereseinheit geschaffen, das Stadtkommando Zürich. General Guisan bezeichnete die Limmatbrücken als «Obstacle absolu». Ein Übertritt der Wehrmacht über die Limmat wäre das sichere Ende der Schweiz gewesen. Einige Spuren der Limmatstellungen sind in Wipkingen noch sichtbar. Die Soldaten mussten das linke Limmatufer halten und sämtliche Flussübergänge zur Sprengung vorbereiten.


    Die militärische Tarnung in Wipkingen ist nicht einfach zu durchschauen. Vier Infanteriebunker mit Maschinengewehren und drei vorbereitete Brückensprengungen sind versteckt. Die Verteidigungslinie lag am linken Flussufer. (Foto: BAZ, 1940) –
    1 (blau) Infanteriestand Sihlquai / 2 (blau) Kampfstand Sihlquai / 3 (blau) LMG-Stand Lettenviadukt / 4 (blau) Bunker im SBB-Viadukt. 1 (rot) Sprengkammer Letten-Viadukt mit Schlaufkasten / 2 (rot) Sprengkammer SBB-Viadukt mit Zünder im Bunker / 3 (rot) Vorbereitete Sprengung Dammsteg mit Schlaufkasten.

    Das Territorialkommando 6 war zuständig für eine Evakuierung der Stadt. Die Zivilbevölkerung wurde im Januar 1940 vorbereitet, was bei einem Angriff zu tun wäre. Vom 15. bis 22. Mai 1940 waren die Schulen in Wipkingen wie überall in der Stadt geschlossen. 170 000 Zivilpersonen hätten gehen müssen. Alle Türen mussten offengelassen werden, Patrouillen sollten Plünderungen verhindern.

    Eine durchgehende Serie von MG-Ständen und Infanteriebunkern lag an der linken Limmatseite. Vorbereitet waren die Sprengungen der Kornhausbrücke, des Lettenviadukts, des SBB-Viadukts, des Dammstegs und der Wipkingerbrücke.


    Der Dammsteg mit Blick Richtung Sihlquai: Diese Leitung seitlich ist keine Wasserleitung, sondern ein Relikt der Verteidigungsstellung von 1940: Das Rohr war damals mit Sprengstoff gefüllt. In den Schlaufkästen (die beiden senkrecht stehenden Kästen rechts und links im Bild) lag die Sprengvorrichtung mit dem Zünder. (Foto: Kurt Gammeter, 2002).

    Reste der militärischen Verteidigungsbauten sind heute noch sichtbar. Was am Dammsteg aussieht wie eine Wasserleitung, ist ein Sprengrohr: Den Kasten in der Mitte nennt man «Schlaufkasten», in ihm befand sich die Sprengvorrichtung. Der Dammsteg mag klein erscheinen, wäre aber gefährlich gewesen. Ein Zug SS-Fallschirmjäger konnte hier innert Minuten einen Brückenkopf bilden, den man nicht mehr zurückerobern kann. Deshalb musste die Sprengung funktionieren. Sie wäre sofort bei einem Übertritt der Wehrmacht über den Rhein erfolgt.

    Gleich daneben lag der Infanteriebunker, eingebaut im Brückenpfeiler der SBB-Linie Hauptbahnhof-Oerlikon. Erbaut wurde er zwischen Februar und Juli 1940 von der Firma Ed. Züblin & Cie AG, Zürich 10 im Auftrag des Stadtkommandos. Im zweistöckigen Bunker war ein MG-Stand eingebaut. Die beiden Scharten waren bis 1993 mit dem Bretterverschlag verdeckt und getarnt. Die vorbereitete Sprengung der Eisenbahnbrücke befand sich über dem Bunker. Die Sprengkammern wurden im März 2002 deklassiert und zurückgebaut.

    Der Bunker unter dem Park

    Bereits 1934 schuf ein Bundesbeschluss die Rechtsgrundlage für einen landesweiten Luftschutz. Eine der vielen Anlagen in der Schweiz baute die Stadt Zürich als Sanitätshilfsstelle im Landenbergpark. Die GGW (Gemeinnützige Gesellschaft Wipkingen, heutiger Quartierverein) schrieb 1938, ein Jahr vor dem Kriegsausbruch, in ihrem Jahresbericht zum Landenbergpark: «Die Anlage ist in einem sehr argen Zustande. Es kommt vorläufig keine Instandstellung in Frage, da unter der Anlage voraussichtlich ein grosser Luftschutzkeller erstellt wird.» Auch der Promenadenweg die Limmat entlang musste warten, da der Bau «durch die gewaltigen Ansprüche der Luftschutzbauten zurückgestellt» werden musste.

    An der Soldatenweihnacht 1939 führte die GGW im Auftrag des Generals am 9. und 10. Dezember unter der Devise «Das Schweizervolk beschenkt seine Soldaten» den Plakettenverkauf durch. Die Vorstandsmitglieder Lehrer Jakob Frei und Diakon Otto Schmid organisierten den Verkauf, und bereits am Samstagnachmittag waren alle 1000 Plaketten abgesetzt. 956 Franken konnten abgeliefert werden. Es gab noch keinen Erwerbsersatz; die Spenden gingen an Soldaten.


    Luftschutzbunker Landenbergpark: Der Eingang an der Habsburgstrasse im Jahr 2025. Heute ist der ehemalige Rundbunker als Zivilschutz-Museum öffentlich zugängig. (Foto: Kurt Gammeter)

    «Die Stadt hat mit dem Bau eines Luftschutzraumes begonnen», vermerkt der Jahresbericht 1939. Der Landenbergpark mutierte gemäss dem Plan Wahlen zum Kartoffelacker. 1941 berichtete der GGW-Jahresbericht, dass die unter der Landenberganlage vorgesehene Luftschutzbaute fertiggestellt wurde. Der Rundbunker bezweckte den Betrieb einer geschützten Sanitätshilfsstelle zugunsten der Zivilbevölkerung. Auf drei Etagen lagen Behandlungs-, Pflege- und Mannschaftsräume. Die Belüftung erfolgte hinter Kampfstofffiltern. Mit dem Notstromaggregat, einem Öltank und Wasser- und Lebensmittelvorräten war ein mehrwöchiger autarker Betrieb möglich.

    Das Problem der Sanitätshilfsstelle war, dass sie auf der «falschen» Flussseite lag. Geplant wurde sie vor dem Kriegsausbruch. Für den Fall Nord, den Einmarsch der Wehrmacht über den Rhein, wäre sie nicht verteidigt worden. Bei einem Versuch deutscher Truppen über die Limmat zu gelangen, wäre sie unter Artillerieschuss gelegen. Daher ist die Frage berechtigt: Hätten die Soldaten die Befehle ausgeführt?

    Im Feuerraum der Artillerie

    Für den vorgeschobenen Widerstand war die Grenzbrigade 6 zuständig. Ihr Auftrag im «Verzögerungsraum» lautete: den Vormarsch stören mit Verminungen, Brückensprengungen und Beschuss der Fallschirmjäger mit vorrückenden Panzern.

    Gegenangriffe auf Nachschubkolonnen waren ebenfalls Teil der vorgeschobenen Verteidigung. Die Wehrmachtsdivisionen aufhalten war nicht möglich, so die realistische Einschätzung von General Guisan. «Verzögern und stören» lautete die Devise. Dies betraf auch Wipkingen: Beim Durchmarsch der Wehrmacht zur Limmat wäre Artillerie zum Zug gekommen.


    Wipkingen im Krieg: Die Spitze der Verteidigung der «Linie Nord» von 1940 lag bei der reformierten Kirche. Das linke Limmatufer war unter dem Stadtkommando Zürich vom See bis zur Wipkingerbrücke befestigt (dicke schwarze Linie), verlief zur Hohlstrasse nach Altstetten und Albisrieden zur 6. Division. Die Artillerie der Feldhaubitzen-Abteilung 44 (violetter Kreis) mit dem Zielraum Wipkingen und Höngg lag hinter dem Üetliberg bei der Reppisch. (Karte: Walter Lüem)

    Der Abschnitt Wipkingen war der Korps-Artillerie des 1. Armeekorps zugeteilt. Die Feldhaubitzen-Abteilung 44 bestand aus den Batterien 160, 159 und 158 mit je vier Geschützen Feldhaubitze 12. Ein älteres, aber funktionsfähiges Modell. Die zwölf Kanonen lagen gut getarnt an der Reppisch hinter dem Üetliberg, ausserhalb der Reichweite der deutschen Artillerie und für Stukas schwer zu treffen. Die Feuerkraft betrug 3 bis 4 Schuss pro Minute, also insgesamt 36 bis 48 Artilleriegranaten pro Minute. Sie wären am nördlichen Limmatufer eingeschlagen, mitten in Wipkingen.

    Die Wipkingertagungen

    In Höngg stand an der heutigen Regensdorferstrasse 176 das «Fröntlerhaus». Das Besitzer-Ehepaar wurde verdächtigt, der Frontenbewegung nahezustehen. Die «Fronten», deutschfreundliche Gruppierungen, sympathisierten mit dem nationalsozialistischen Deutschland und wollten, dass sich die Schweiz im «Neuen Europa» einordne. Im November 1940 verbot der Bundesrat die frontistische «Nationale Bewegung der Schweiz». Sie war laut und präsent, hatten aber im Volk sehr wenig Unterstützung. Die Fröntler hatten nur 1 Prozent Wahlanteil.

    Ihre Propaganda war überall, es gibt viele Aufnahmen von Hakenkreuz-Veranstaltungen in Zürich, von Fackelmärschen oder Kampfschriften. Im Zürcher Gemeinderat hatten die Fröntler nur einen Sitz; dieser gehörte auch dem einzigen frontistischen Nationalrat. Dieser wurde bei den Gemeinderatswahlen 1938 und den Kantonsratswahlen 1939 abgewählt.

    Die Gegenbewegung gegen die Fröntler oder die «Fünfte Kolonne», wie sie hiessen, war stark und in Wipkingen sehr aktiv. Der Wipkinger Pfarrer Fritz Bäumle war entschiedener Gegner der Diktatur. 1937 wurde er als Pfarrer gewählt. Zusammen mit Pfarrer Paul Vogt aus Seebach organisierte er Sitzungen und Tagungen. Sie kritisierten den bundesrätlichen Umgang mit Nazi-Propaganda in der Schweiz und die Zensur der freien Presse. Sie setzten sich für Flüchtlinge ein und verlangten von der evangelischen Kirche klare Bekenntnisse gegen die Tyrannei. Häufiger Tagungsteilnehmer im reformierten Kirchgemeindehaus war Karl Barth, Professor für Theologie aus Göttingen. Karl Barth verlor wegen seiner Schriften die Professur und musste 1935 in die Schweiz ziehen. Er rief bereits 1938 zum bewaffneten Widerstand gegen die braune Diktatur auf. Seine Versammlungen, Gesprächsrunden, Vortragsreihen und Arbeitsgruppen von Theologen, kirchlichen Vertretern, Referenten und Gästen fanden starke Beachtung.


    Im reformierten Kirchgemeindehaus fanden während des Zweiten Weltkriegs die Wipkingertagungen statt. Pfarrer Bäumle hatte diese ins Leben gerufen. An den Tagungen nahmen bis zu 500 Personen teil. Man kritisierte die Zensur, setzte sich für Flüchtlinge ein und verlangte von der evangelischen Kirche klare Bekenntnisse gegen die Tyrannei. Das Kirchgemeindehaus war in den Kriegsjahren ein Hort der geistigen Landesverteidigung. (Foto: BAZ, 1944).

    Ein wichtiger Teil dieser Tätigkeiten fand im Kirchgemeindehaus Wipkingen statt. Diese hatten eine so starke Ausstrahlung, dass sie weithin «Wipkingertagungen» genannt wurden. Die Wipkingertagungen begannen kurz vor dem Krieg und hatten in den ausgehenden 1940er-Jahren ihren Höhepunkt. Tatsächlich war das Kirchgemeindehaus in den Kriegsjahren ein Hort der geistigen Landesverteidigung. Diese war ebenso wichtig wie die militärische Verteidigung.

    Landi-Geist in Wipkingen

    «Als Wipkinger unter Wipkingern» begrüsste die GGW den freisinnigen Stadtrat Stirnemann auf der Waid. Erwin Stirnemann, Oberst und Geniechef des Stadtkommandos Zürich, sprach 1937 in seiner 1.-August-Rede auf der Wiese neben der Waid vom Wehrwillen, von der «Landi», der geplanten Landessausstellung im Sommer 1939, und von den grossen Konflikten, die in der Luft lagen. Die Schweiz werde nur so lange respektiert, wie sie in der Lage sei, ihre Unabhängigkeit wirksam zu verteidigen – wenn nötig bis zum Äussersten.

    Fünf Jahre später, 1942, mitten im Krieg, trat er erneut an der Wipkinger 1.-August-Feier als Redner auf. Er erinnerte an die Landi, sprach vom Roten Kreuz, rief zur Hilfe für kriegsgeschädigte Kinder und Flüchtlinge auf und erwähnte die «Anbauschlacht». Die zahlreichen Vorträge und Referate von Oberst Stirnemann waren Teil der landesweiten Kampagne «Heer und Haus», bei der Persönlichkeiten den Wehrwillen stärkten und gegen den Defätismus und die Mutlosigkeit antraten.

    Ein Mikrokosmos

    Ein Blick zurück in die schwierige Epoche zeigt in unserem Quartier alle Elemente des schweizerischen Widerstandes gegen Nazideutschland und auch den Umgang mit der entscheidenden Frage: Anpassung oder Widerstand? Entweder Unterwerfung unter die Militärmaschinerie einer schrecklichen Diktatur oder suizidaler Kampf, der militärisch nicht zu gewinnen war.

    Wipkingen als Abbild im Kleinen des eidgenössischen Widerstandes: Es gab Anpassung, Defätismus, Mutlosigkeit, aber eben auch militärischer Widerstand, Widerstand gegen die Zensur und eine Art Volksaufstand, der geistige Landesverteidigung genannt wurde.

    Grosse Bildergalerie

    Eine Auflistung der militärischen Objekte im Abschnitt Wipkingen und die Spuren, die heute noch sichtbar sind: 

    www.wipkinger-zeitung.ch/grosse-bildergalerie-widerstand-in-allen-formen

    Quellen

    Nachlass Erwin Stirnemann, Geniechef Stadtkommando Zürich, Stadtarchiv, Signatur VII. 76.
    Walter Lüem, «Hütet Euch an der Limmat!», Baden Verlag, 1997.
    Matthias Dürst, Felix Köfer, Die Verteidigungswerke der Stadt Zürich, «Der Zürcher Bunkerwanderführer», Eigenverlag, Zürich, 2014.
    Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Damals», Wibichinga Verlag, 2023.

  • Grosse Bildergalerie: Widerstand in allen Formen

    Grosse Bildergalerie: Widerstand in allen Formen


    Originaldokument des Befehls von Korpskommandant Miescher vom 12. Mai 1940 an das Stadtkommando. (Bild: Aus dem Nachlass von Oberst Stirnemann, FDP-Stadtrat und Geniechef Stadtkommando Zürich 1939-1945.)

    Am 1. September 1939 begann der militärisch geführte Krieg. Am Tag nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen erliess der Bundesrat die Kriegsmobilmachung. Der «Operationsbefehl 2» von General Guisan legte eine Verteidigungslinie fest. Die «Linie Nord» führte von der Festung Sargans zum Walensee, Linth, Zürichsee, Limmat, Bözberg, Hauenstein, mit der Artillerie auf dem Gempenplateau und Befestigungen bis Basel. Die Verteidigungslinie führte also genau durch Wipkingen. Das «Stadtkommando Zürich» als Teil der 6. Division erhielt im Mai 1940 den Befehl, Verteidigungsstände an der Limmat zu bauen.

    Die Limmatstellungen

    Ein Übergang von Wehrmachtssoldaten über die Brücken in Wipkingen wäre das sichere Ende der Schweiz gewesen. Deshalb gab General Guisan den Befehl, an der Limmat sämtliche Objekte zur Sprengung vorzubereiten und mit getarnten Bunkern durch Maschinengewehrfeuer zu sichern.


    (Foto: BAZ, 1940)

    Blaue Markierung Nr 1: Infanteriestand Sihlquai
    Blaue Markierung Nr 2: Kampfstand Sihlquai
    Blaue Markierung Nr 3: LMg Stand Lettenviadukt
    Blaue Markierung Nr 4: Bunker im SBB-Viadukt

    Rote Markierung Nr 1: Vorbereitete Sprengung Letten-Viadukt
    Rote Markierung Nr 2: Vorbereitete Sprengung SBB-Viadukt
    Rote Markierung Nr 3: Vorbereitete Sprengung Dammsteg

    Blaue Markierung Nr 1: Infanteriestand Sihlquai (Signatur Z 717)


    Infanteriestand Sihlquai (Signatur Z 717). (Foto: Bunkerwanderführer, 2014)

    Im Sockel des ehemaligen Transmissionsriemen von 1875 befand sich ein doppelter Leicht-Maschinengewehrstand (LMg). Die eine Schiessscharte flussabwärts überwachte das Ufer entlang des Sihlquai in Richtung Lettenviadukt und jene flussaufwärts Lettensteg und Kornhausbrücke. Die militärischen Anlagen wurden nach dem Krieg entfernt und die einstigen Scharten verschlossen.

    Blaue Markierung Nr 2: Kampfstand Sihlquai (Signatur A 4855)


    Kampfstand Sihlquai (Signatur A 4855). (Foto: Kurt Gammeter, 2025)

    Blick von der Lettenbadi Richtung Sihlquai 240: Im Sockel befand sich ein betonierter, einstöckiger Maschinengewehrstand des Stadtkommandos. Erbaut wurde er im Mai 1940. Der Zugang erfolgte von der Seite Sihlquai her über einen kleinen Steigschacht. Zielraum war die Lettenbrücke und beide Ufer. Der Bunker wurde im 1982 zurückgebaut.

    Blaue Markierung Nr 3: LMg Stand Lettenviadukt (Signatur A 4856)


    LMg Stand Lettenviadukt (Signatur A 4856). (Foto: Kurt Gammeter, 2025)

    LMg Stand Lettenviadukt (Signatur A 4856). (Foto: Kurt Gammeter, 2025)

    Was aussieht wie eine Holzbaracke am Fuss des Brückenpfeilers war ein betonierter LMg-Stand, erbaut im Mai 1940 als Teil der Limmatstellungen. Zielraum des leichten Maschinengewehrs war flussaufwärts/Lettenbrücke, die damalige Eisenbahnlinie Stadelhofen-Letten-Hauptbahnhof. Rechts am Fuss des Brückenpfeilers war ebenfalls ein betonierter LMg-Stand angebaut mit Zielraum flussabwärts/SBB-Viadukt.

    Blaue Markierung Nr 4 mit Katasterplan: Bunker im SBB-Viadukt (Signatur A 4858, ältere Bezeichnung Z 753)


    Katasterplan vom Technischen Büro Stadtkommando Zürich vom 20. September 1940, aufbewahrt im Stadtarchiv.

    Bunker im SBB-Viadukt (Signatur A 4858, ältere Bezeichnung Z 753). (Foto: Kurt Gammeter, 2002)

    Der am stärksten befestigte Bunker der Limmatstellungen im Abschnitt Wipkingen war im Pfeiler der SBB-Brücke eingebaut. Im zweistöckigen Bunker waren 2 leichte Maschinengewehre in zwei Scharten mit Zielräumen flussaufwärts, abwärts und an das gegenüberliegende Ufer.

    Dieser Bunker wurde bereits im Dezember 1939 geplant, Baubeginn war im Februar 1940, fertig gestellt wurde er im Juli 1940. Als die Schweiz nach der Kapitulation der französischen Armee umzingelt war, wurden die Limmatstellungen aufgegeben und die Armee bezog das «Réduit Nationale». Im Oktober 1941 erliess der Generalstabschef die Anordnung, das gesamte Werk im Viadukt zu räumen, inklusive der Waffen und aller übrigen Installationen.

    Tarnung blaue Markierung Nr 4:


    Bunker Viadukt Holzverkleidung. (Bild: Pläne vom Technischen Büro Stadtkommando Zürich, aufbewahrt im Stadtarchiv)

    Bunker Viadukt Holzverkleidung. (Bild: Pläne vom Technischen Büro Stadtkommando Zürich, aufbewahrt im Stadtarchiv)

    Der Bunker beim SBB-Viadukt war mit einer Holzverschalung getarnt. Diese wurde erst 1993 entfernt. Das Stadtkommando war zuständig für die Tarnung. Rechts die Ansicht der Holzverschalung flussaufwärts. Ein «Deckel zum wegnehmen» verbarg die Schiessscharte.

    Rote Markierung Nr 1: Vorbereitete Sprengung Letten-Viadukt (Objekt-Nr M 2315)


    Vorbereitete Sprengung Letten-Viadukt (Objekt-Nr M 2315). (Fotos: Bunkerwanderführer, 2014)

    Sämtliche Flussübergänge waren nach Ausbruch des Krieges zur Sprengung vorbereitet. Jene an der Lettenbrücke war im zweiten Pfeiler versteckt. Der Schlaufkasten lag hinter der Stahltüre im mittleren Pfeiler (Foto rechts). Die Sprengladung selbst war im Pfeiler eingemauert.

    Der Bundesrat kam dem Naziregime weit entgegen mit Verhandlungen und der Zulassung von Materialtransporten durch die Schweiz. Die vorbereiteten Sprengungen – insbesondere alle Alpenquerungen – dienten der Abschreckung. Bei einem Einmarsch der Wehrmacht wäre keine Brücke stehen geblieben. Diese Strategie half mit, dass die Schweiz verschont blieb.

    Im Kalten Krieg wurden die Sprengobjekte in den Brücken gelassen und verbessert. Ab 1970 erfolgte der Zugang zur Sprengkammer durch einen fingierten Dolendeckel am Fussweg bei der Lettenbadi. Die Sprengkammern sind nicht mehr sichtbar, sie wurden 2012 bei der Brückensanierung entfernt.

    Rote Markierung Nr 3: Vorbereitete Sprengung Dammsteg (Objekt-Nr M 2313)


    Vorbereitete Sprengung Dammsteg (Objekt-Nr M 2313). (Foto: Kurt Gammeter, 2025)

    Vorbereitete Sprengung Dammsteg (Objekt-Nr M 2313). (Foto: Kurt Gammeter, 2025)

    Dammsteg, Blick Richtung Sihlquai: Diese Leitung seitlich unter dem Dammsteg ist keine Wasserleitung, sondern ein Relikt der Verteidigungsstellung von 1940: Das Rohr war damals mit Sprengstoff gefüllt. In den Schlaufkästen (die kleinen vertikalen Stahlkästen) lag die Sprengvorrichtung mit dem Zünder. Links der Infanteriebunker im SBB-Viadukt. Die Sprengvorrichtung der Eisenbahnbrücke befand sich in diesem Bunker (Objekt-Nr M 2313).

    Im Feuerraum der Artillerie


    Wipkingen im Krieg: Die Spitze der Verteidigung der «Linie Nord» von 1940 lag bei der reformierten Kirche. Das linke Limmatufer war unter dem Stadtkommando Zürich vom See bis zur Wipkingerbrücke befestigt (dicke schwarze Linie), verlief zur Hohlstrasse nach Altstetten und Albisrieden zur 6. Division. Die Artillerie der Feldhaubitzen-Abteilung 44 (violetter Kreis) mit dem Zielraum Wipkingen und Höngg lag hinter dem Üetliberg bei der Reppisch. (Karte: Walter Lüem)

    Die Limmat war am südlichen Ufer stark befestigt mit getarnten Bunkern und vorbereiteten Brückensprengungen. Beim Durchbruch der Wehrmacht zur Limmat wäre Artillerie zum Zug gekommen. Den Batterien waren klare Feuerräume zugeordnet. Die Feldhaubitzen-Abteilung 44 hatte Wipkingen als Zielraum zugeteilt. Sie bestand aus 3 Batterien mit je 4 Geschützen vom Typ Feldhaubitze 12 (Jahrgang 1912). Die Kanonen waren alt, aber funktionsfähig. Die Kanonen lagen gut getarnt an der Reppisch hinter dem Üetliberg. Ihre Feuerkraft betrug 3-4 Schuss pro Minute, also insgesamt 36 bis 48 Artilleriegranaten pro Minute.

    Violett eingezeichnet ist die Stellung der 3 Batterien hinter dem Üetliberg und ihr Feuerraum, der Wipkingen und Höngg abdeckte.


    (Bild: Sammlung Gammeter)

    Die Kanonen wären bei einem Durchbruch der Wehrmacht vom Rhein nach Zürich zum Schuss gekommen. Wohlgemerkt: Die Kanonen waren im Bogenschuss nicht sehr genau. Die 12-cm-Granaten wären in ganz Wipkingen und Höngg als Bombenteppich eingeschlagen, um einen Brückenbau zu verhindern.

    Der Bunker unter dem Park


    Luftschutzbunker Landenbergpark: Der Eingang an der Habsburgstrasse im Jahr 2025. Heute ist der ehemalige Rundbunker als Zivilschutz-Museum öffentlich zugängig. (Foto: Kurt Gammeter)

    Unter dem Landenbergpark baute die Stadt einen Luftschutzbunker zum Schutz der Zivilbevölkerung. Der Park wurde gemäss «Plan Wahlen» als Kartoffelacker genutzt. 1941 war der Luftschutzbau fertiggestellt. Die geschützte Sanitätshilfsstelle zugunsten der Zivilbevölkerung beherbergte auf drei Etagen Behandlungs-, Pflege- und Mannschaftsräume. Im Bild der Eingang an der Habsburgstrasse. Heute ist der ehemalige Rundbunker als Zivilschutz-Museum öffentlich zugängig.

    Landi-Geist in Wipkingen


    Originaldokument der Erstaugustrede von 1937 aus dem Nachlass von Geniechef Erwin Stirnemann, aufbewahrt im Stadtarchiv.

    Stadtrat Erwin Stirnemann, Oberst und Geniechef des Stadtkommandos Zürich, hielt 1937 eine Erstaugustrede auf der Wiese neben der Waid. Er sprach von der «Landi», der geplanten Landessausstellung im Sommer 1939, vom Wehrwillen und von den grossen Konflikten, die in der Luft lagen. Drei Jahre später, 1942, mitten im Krieg, trat er erneut an der Wipkinger Erstaugustfeier auf. Er erinnerte an die Landi, sprach auch vom Roten Kreuz, Hilfe für kriegsgeschädigte Kinder und Flüchtlinge, von der «Anbauschlacht» und vom Wiederaufleben des Landigeistes.


    Originaldokument der Erstaugustrede von 1942 aus dem Nachlass von Geniechef Erwin Stirnemann, aufbewahrt im Stadtarchiv.

    Stirnemann hielt hunderte Vorträge und Referate im Verlauf des Krieges. Sie waren Teil der landesweiten Kampagne «Heer und Haus», bei welcher Persönlichkeiten den Wehrwillen stärken und gegen den Defätismus und die Mutlosigkeit antraten.


    Das Restaurant Waid in Wipkingen ist einer der wenigen erhaltenen Bauten im Landi-Stil. (Foto: BAZ, 1939)

    Die «Landi» im Sommer 1939 enthielt auch eine Kulturbotschaft des Bundesrates unter dem Titel «Sinn und Sendung der Schweiz». Sie hatte einen politischen Hintergrund und war Teil der so genannten «Geistigen Landesverteidigung».

    Die Wipkingertagungen


    Pfarrer Bäumle an einer Feier im Kirchgemeindehaus Wipkingen. (Foto: ref. Kirche Wipkingen)

    Fritz Bäumle wurde 1937 Pfarrer in Wipkingen. Er organisierte Sitzungen und Tagungen im reformierten Kirchgemeindehaus. Kirchenvertreter stellten sich gegen die bundesrätliche Zensur und kritisierten den Umgang der Behörden mit Nazi-Propaganda. Sie setzten sich für Flüchtlinge ein und verlangten von der evangelischen Kirche klare Bekenntnisse gegen die Tyrannei.


    Im reformierten Kirchgemeindehaus fanden während des Zweiten Weltkriegs die Wipkingertagungen statt. Pfarrer Bäumle hatte diese ins Leben gerufen. An den Tagungen nahmen bis zu 500 Personen teil. Man kritisierte die Zensur, setzte sich für Flüchtlinge ein und verlangte von der evangelischen Kirche klare Bekenntnisse gegen die Tyrannei. Das Kirchgemeindehaus war in den Kriegsjahren ein Hort der geistigen Landesverteidigung. (Foto: BAZ, 1944).

    Häufiger Tagungsteilnehmer im reformierten Kirchgemeindehaus war Karl Barth. Die Versammlungen fanden starke Beachtung und wurden «Wipkingertagungen» genannt. Tatsächlich war das Kirchgemeindehaus in den Kriegsjahren ein Hort der «Geistigen Landesverteidigung». Diese war ebenso wichtig wie die militärische Verteidigung. Pfarrer Bäumle amtierte bis 1963 als Pfarrer in Wipkingen.

    Wipkingen in der Kriegszeit


    Die Vorbereitung zur Vereidigung eines Bataillons auf der Turnwiese vor dem Waidhaldeschulhaus. (Foto: BAZ, 1939)

    Die Schweizer Armee war 1939 mangelhaft ausgerüstet, aber einsatzfähig und gut organisiert. Die neue Truppenordnung (TO) war sehr modern und auf den schnellen Bewegungskrieg der Wehrmacht ausgerichtet. Im Verlaufe des Krieges gab es mehrere Mobilmachungen.


    Die «Rationierungskarten-Ausgabe» an der Hönggerstrasse. (Foto: BAZ, 1944)

    Im Neuhof an der Hönggerstrasse war die «Rationierungskarten-Ausgabe» einquartiert. Lebensmittel gab es gegen Marken; Zucker, Milch, Brot waren rationiert. «Lebensmittelabteilung der Zentralstelle für Kriegswirtschaft» steht an der Türe (Foto BAZ 1944).

    Hauptartikel

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    www.wipkinger-zeitung.ch/widerstand-in-allen-formen

    Quellen

    Nachlass Erwin Stirnemann, Geniechef Stadtkommando Zürich, Stadtarchiv, Signatur VII. 76.
    Walter Lüem, «Hütet Euch an der Limmat!», Baden Verlag, 1997.
    Matthias Dürst, Felix Köfer, Die Verteidigungswerke der Stadt Zürich, «Der Zürcher Bunkerwanderführer», Eigenverlag, Zürich, 2014.
    Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Damals», Wibichinga Verlag, 2023.

  • Höngg und Wipkingen im Zweiten Weltkrieg

    Höngg und Wipkingen im Zweiten Weltkrieg

    Die nächste Kolumne «Damals» in der März-Ausgabe 2025 der «Wipkinger Zeitung» handelt aus der Zeit im Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945. Wir zeigen, wo die Verteidigungsstellung der Schweizer Armee lag, die so genannten Limmatstellungen. Die Linien liefen quer durch Wipkingen. Einige wenige bauliche Überreste sind noch zu sehen.

    Dazu suchen wir persönliche Unterlagen aus dieser Zeit. Haben Sie einen Grossvater oder einen Bekannten, der damals Dienst tat oder in Wipkingen lebte? Oder jemanden, der bei der Vereidigung beim Waidhaldeschulhaus 1939 dabei war? Oder erinnern Sie sich selbst noch daran?

    Wir suchen Dienstbüchlein, Tagebücher, Feldpostbriefe oder privat geschossene Fotografien aus dieser Zeit. Wir würden die Dokumente einscannen und auswerten. Die Originale erhalten Sie selbstverständlich wieder zurück. Die Veröffentlichung wäre mit Ihrem Einverständnis und auf Wunsch anonymisiert.

    Sie erreichen uns unter: wibichinga.ch, 078 640 84 18 (Kurt Gammeter)

    Vielen Dank für Ihre Mithilfe!

    Zur Serie «Damals»

  • Hightech im Letten

    Hightech im Letten

    Ausserhalb der Stadt durften die Bürger im 18. Jahrhundert keine Manufakturen errichten. Handwerk, Handel und Fabriken waren dem Stadtzürcher Kaufmannspatriziat vorbehalten, das mit komplizierten Zunftvorrechten und Monopolen die Wirtschaft kontrollierte. Mit dem technischen Fortschritt, namentlich der mechanischen Kraftübertragung durch Wasserturbinen, liess sich das Verbot nicht mehr aufrecht halten und 1770 fiel es auch formell. Es entstand eine blühende Industrie am Limmatlauf. Das Herz der Wasserkraft lag im Letten.

    Es dauerte nicht lange, bis die Limmat mit ihrem geraden Lauf und idealen Gefälle zur Kraftnutzung erkoren wurde. Das Industriezeitalter begann im Letten 1782. Damals veräusserte die Wipkingerin Anna Maria Hausheer, geborene Fürst, ein Anwesen an Johann Jakob Hofmeister «für 7000 Pfund samt 12 Louisdor Trinkgeld», wie es im Kaufbrief hiess. Das Areal umfasste nebst dem Hauptgebäude Scheune mit Stall und Wiesen, dazu gehörte auch ein Fassungs- und Wässerungsrecht. Die Textilindustrie, in den ländlichen Gebieten der Ostschweiz als Heimwerk etabliert, fand mit der Wasserkraft einen Aufschwung.

    Ein Zierbrunnen als Überdruckventil

    1783 erhielt Jakob Hofmeister die Bewilligung, den Unterlauf des Kanals 60 Fuss in die Laubiwiese flussaufwärts zu verlegen. In diesem Kanal nutzten seine Ingenieure die mechanische Wasserkraft. Sie bauten einen Kanal zur Wasserentnahme und zur Erzeugung mechanischer Energie. Ein Aquarell von 1790 zeigt eine stolze, mit Wasserkraft betriebene Fabrik und herrschaftliche Fabrikgebäude. Hölzerne Wasserschaufeln und Zahnräder trieben gewaltige Pleuel an, die mannshohe Walken drehten. Am Ufer standen Trockentürme, und auf der Limmat schaukelten die Wasch-Schiffchen. Die Kattunindustrie war damals sehr verbreitet, nicht nur in Wipkingen. Es waren Mischformen zwischen Gerbereien, Färbereien und Tuchdruckereien.

    Vor der Kattundruckerei stand im Hofmeisterschen Landpark ein Springbrunnen. 1790 erweiterte Hofmeister seine Tuchdruckerei. Der geschickte Geschäftsmann investierte eine hohe Summe in eine Neuerung: vor dem Fabrikgebäude baute er einen frühklassizistischen Brunnen. Dieser diente nicht nur zur Zier, sondern war Teil der Wasserkraftanlage. Er stand in einem zehn Meter breiten Becken und spie eine fünf Meter hohe Fontäne. Die Düse war direkt an den Kanal angeschlossen. Dem Maschinenmeister zeigte die Höhe der Fontäne den Wasserdruck im Kanal an. Zugleich war der Brunnen das Überdruckventil der Wasserschaufeln im Kanal. Mit einem raffinierten System aus Schiebern und Absperr-planken regulierte der Wassermeister je nach Pegelstand der Limmat den Druck im Kanal. So blieb auch bei Strömungsschwankungen die Drehzahl der Walken konstant.

    Mit der Erfindung der Dampfkraft war die mechanische Wasserkraftanlage im Letten nicht mehr konkurrenzfähig. 1867 schlossen die Fabriktore. Der Kanal blieb, aber der Brunnen musste Anfang der 1890er-Jahre beim Bau der Letten-Bahnlinie weichen, weil die Schienen durch den alten Park führten. Den imposanten Brunnen zügelte man zum Landesmuseum.

    Pumpwerk Letten: Wasser, Kraft, Strom

    Die Wipkinger Brunnengenossen gründeten um 1875 die Wasserversorgungs-Gesellschaft. Sie klärten ab, ob die wachsende Gemeinde vom Käferberg her versorgt werden könne und bauten ein gut funktionierendes Trinkwasser-Versorgungssystem. Es gab einigen Druck auf die damals noch selbstständige Gemeinde Wipkingen. Im Jahr zuvor hatte Zürich den Stadtingenieur Bürkli mit der Ausarbeitung des Projektes für eine zentrale Wasserversorgung beauftragt. Er kam zum Schluss, dass die städtischen Quellen nicht ausreichen. Die Stadt benötigte Wasser und Wasserkraft. Sie kaufte in der Folge sämtliche Wasserrechte vom Bahnhof an Limmatabwärts bis zur Stadtmühle mitsamt den Liegenschaften.

    Das wichtigste Zürcher Kraft- und Wasserwerk war im Letten vorgesehen. Das nutzbare Gefälle betrug 3 Meter. Es war von Beginn an bewusst überdimensioniert geplant. Die Stadt Zürich baute ab 1874 das Pump- & Elektrizitätswerk Letten. Es hatte gleich drei Aufgaben: Wasserversorgung, mechanische Energie- und Stromerzeugung.

    Die erste Aufgabe war die Trinkwasserversorgung nach dem Plan von Stadtingenieur Bürkli. Das Limmatwasser floss durch eine Filterschicht von 40 bis 50 Zentimeter feinem Sand in die Sammelröhren und den Sammelschacht. Von diesem aus führte eine 60 Zentimeter weite, im Flussbett eingegrabene Betonröhre bis zum neuen Pumpwerk im Letten. Das gereinigte Wasser wurde dann in die Trinkwasser-Reservoire auf dem Zürichberg gepumpt. Der Resiweiher ist heute noch ein beschauliches Plätzchen auf dem Zürichberg. Die nutzbare Wassermenge betrug im Schnitt zwischen 30 und 60 Kubik. Für Sommertage, an denen die Flussmenge auf unter 20 Kubik sank, stand eine Dampfturbine bereit. Auf alten Fotos sieht man die beiden Kamine der Notstrom-Aggregate.

    Das Nadelwehr beim Drahtschmidli leitete das Wasser in den Zulaufkanal direkt zum Maschinenhaus. Hier setzten Turbinen die Pumpen in Bewegung. Die Turbinen im Letten erzeugten den nötigen Druck, um das Wasser in die Druckleitungen und in die Reservoire hinauf zu befördern. Neun Pumpensysteme lieferten Druck für 51 000 Kubik Wasser pro Tag. Die benötigte Menge Wasser für die Wasserversorgung belief sich lediglich auf 25 000 Kubik. Die Überkapazität war gewollt, um mechanische Energie zu erzeugen – was zu einer weiteren spektakulären Technologie im Letten führte.

    Drahtseil-Transmission: Kraft für den Sihlquai

    Die Nutzung der Wasserkraft im Letten blieb erhalten. Mit der überschüssigen Energie kam ein weiteres technisches Meisterstück dazu: die Erzeugung mechanischer Energie. Ab 1876 baute die Stadt ihr wichtigstes Kraftwerk im Letten auf 1900 PS aus. In der Schweiz gab es nur zwei grössere Werke, das der Spinnerei Windisch mit 2500 PS und das Karbidwerk Flums mit 2875 PS. Die Ausnutzung der Wasserkraft erfolgte mit zehn Jonval-Turbinen, die waagrecht im Wasser lagen. Ein Zahnrad-Getriebe übertrug die Kraft auf eine Welle.

    Die Transmissionsriemen liefen über den Fluss. Ein gewaltiger Drahtseilzug über die Limmat führte die überschüssige Kraft aus den Turbinen über Limmat und Sihl hinweg. Die 1,2 Kilometer lange Drahtseil-Transmission für das Industriequartier stand am Sihlquai. Eine Reihe von Fabrikationsstätten im Industriegebiet bezog mechanische Energie aus dem Lettenwerk. Es lieferte bis in die 1890er-Jahre mechanische Kraft aus dem Pumpwerk. Die Steinklötze auf der linken Flussseite sind ein Relikt dieser Drahtzüge.

    Stromwerk Letten: Bandenergie und Spitzenlast

    1892 gründete die Stadt Zürich das Elektrizitätswerk. Die überschüssige Energie im Letten sollte nicht mehr mit der mittlerweile abgenutzten Drahtseil-Transmission genutzt, sondern direkt in Strom umgewandelt werden. Man installierte vier Wechselstrom-Dynamos mit je 200 kW Leistung und 2000 Volt Spannung. Sie wurden durch Zahnradgetriebe an die Hauptwelle des Pumpwerks angeschlossen. Das Staubecken mit 10 000 Kubik Inhalt auf dem Zürichberg diente als Reservoir für Spitzenzeiten-Strom. Mit der Bandenergie in der Nacht wurde das Reservoir gefüllt und in Spitzenzeiten genutzt und ins Netz gespiesen.

    Das Kraftwerk Letten war weltweit eines der ersten, das mit Hochdruckturbinen Spitzenstrom herstellte. Mit der Bandenergie in der Nacht füllte das EWZ den Speichersee und über Mittag produzierte die Hochdruckturbine Strom, den man zu gesonderten Tarifen verkaufte. Das Lettenwerk war also bereits 1894 eine Niederdruck-Laufanlage kombiniert mit einem Hochdruck-Stauwerk.

    Im Gebäude unterhalb der Seidenwebschule, im heutigen Tanzhaus, war der Beleuchtungsumformer eingerichtet. Die Umformer wandelten den Strom von Dreiphasen- auf Einphasenstrom um. Zwei Tram-Umformer zu 5000 PS versorgten das Hönggertram mit Strom und drei Umformer zu 2‘000 PS wurden für Beleuchtung und Weiteres gebraucht. Als Reserve für Störungen war eine Akku-Batterie mit 3000 Ampèrestunden vorhanden.

    Elektrische Transformatorenstation Guggach

    Im Guggach, damals zu Wipkingen gehörend, stand ab Ende des 19. Jahrhunderts eine Transformatorenanlage. Die Trafostation wandelte den Strom um aus dem Lettenwerk und von den Albula-Werken, an denen das städtische Elektrizitätswerk beteiligt war. Der Wandler reduzierte die Spannung von 40 000 auf 6000 Volt.

    Quellen

    H. Bertschi, Das Limmatwerk Letten, in: «Schweizerische Bauzeitung», Band 71, Heft 9, 1953.

    Urs Landolf, Die Drahtseil-Transmission des Lettenwerks Zürich, in: «Schweizer Mühlen-Kalender», 2023.

    Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Damals», Wibichinga Verlag, 2024.

  • Die katholischen Vereine in Wipkingen

    Die katholischen Vereine in Wipkingen

    Die katholische Kirche hatte sich zum Ziel gesetzt, die vielen neu zugezogenen Schweizer und Ausländer, insbesondere Italiener, im reformierten Zürich vermehrt heimisch werden zu lassen. 1823 zählte man in Wipkingen 25 Katholiken, 1870 waren es 93. Danach stieg ihre Zahl rasant, bei der Eingemeindung 1893 lebten hier rund 500 «Katholische». Sie besuchten den Gottesdienst in der Liebfrauenkirche. Der Wunsch nach einer eigenen Kirche regte sich, dies war aber undenkbar und auch nicht opportun. Man wusste sich zu helfen: Basilius Vogt, Pfarrer von Liebfrauen, begründete einen Religionsunterricht für katholische Kinder, der im Hinterzimmer der «Rose» stattfand, an der heutigen Hönggerstrasse 25.

    In den 1920er-Jahren traten die Wipkinger Katholiken offener in Erscheinung. Sie wurden stets etwas geschnitten; die Reformierten blieben unter sich und hielten sachte Distanz. Lisbeth America-Kistler erinnert sich: «Als ich 1928/29 in die 5. Klasse kam, erhielten wir einen neuen Lehrer, und damit hatte ich viel Kummer. Denn zu der Zeit war die Stadt Zürich protestantisch, der Lehrer gegen die Katholiken. Und ausser mir war in der Klasse nur noch Mary Herber von der Glaserei an der Breitensteinstrasse katholisch.» Man wusste eben, welcher Bäcker katholisch war; und die Hausfrauen kauften ihre Brote entsprechend ein.

    Der Verein, der in den 1920er-Jahren am meisten zu reden gab, war der katholische Fussball-Sportclub Rapid. Er ging hervor aus dem Jünglings-, Männer-, Gesellen- und Arbeiterverein Guthirt, mit tatkräftiger Unterstützung des ersten katholischen Pfarrer Josef Rupf als Präsidenten. Hartnäckig hielt sich im Quartier das Gerücht, der Pfarrer «tschutte» in den Auswärtsspielen selber mit, was Stirnrunzeln auslöste. Der Fussballclub schlug sich wacker und erfocht einige respektable Siege in ausländischen Turnieren.

    Josef Rupf war die treibende Kraft hinter den neuen Vereinen. Gesellschaftliche und musische Vereine lagen ihm am Herzen. In den 1920er-Jahren entstanden in rascher Folge der Mütter- und Frauenverein, das Männerapostolat, die Jungfrauenkongregation und die Bruderschaft der Skapulier. Den Gesang in der Kirche pflegte der Cäcilienverein, der katholische Kirchenchor. 1926 folgte der Arbeiterinnen- und Dienstbotenverein.

    Angetan war Rupf auch von der körperlichen Ertüchtigung. Die katholischen Jünglinge turnten in der Männerriege, es gab einen katholischen Turnverein, und die Buben marschierten jeden Samstag zur städtischen Pfadfinderabteilung Werner Stauffacher. Mit Hilfe eines Feldmeisters des katholischen Pfadfinderkorps gründete Josef Rupf den Wipkinger Pfadfinderzug Morgarten, später folgte dann die Mädchenvereinigung Blauring Guthirt.

    Bereits vor der Kirchenweihe bestanden der Oblatenverein des heiligen Benedikt, die Abstinenzliga und ein Jugendbund. Kirchenpolitisch relevant war die Korporation des Pfarramt Guthirt, bestehend aus der Katholischen Kirchenpflege, dem Katholischen Männerverein, dem Elisabethenverein und dem Vinzenzverein. Mit diesen Vereinen nahmen die katholischen Wipkinger Anteil am gesellschaftlichen Leben im Quartier, und das taten sie wirksam.

    Zäher Beginn

    Das Verhältnis zwischen den Religionen war in Wipkingen schwierig geworden, nachdem Pfarrer Rupf den «Neuhof» gekauft hatte. Die beiden gewichtigsten katholischen Vereine waren der Piusverein und der Kirchenbauverein. Der Piusverein leitete den Religionsunterricht in der «Rose». Basilius Vogt kaufte im Namen des Piusvereins den «Neuhof» (heute Ecke Höngger/Rosengartenstrasse), in dessen hinterem Teil eine Notkapelle als provisorische Kirche eingerichtet werden sollte.
    Im Neuhof gegenüber dem alten Kirchlein vergnügte sich das Dorfvolk in der Bierhalle, im hinteren Teil lagen Stallungen mit Futterkrippen für Pferde der durchziehenden Postkutsche, und im Seitengebäude befand sich der einzige Saal der Gemeinde, in dem der Männerchor übte, Vereine ihre Versammlungen abhielten und wo Musik und Tanz angesagt war.

    Das Dorfvolk hatte der katholischen Finanzkraft nichts entgegenzusetzen, und so ging der «Neuhof» 1898 für 131 500 Franken an den Piusverein. Pfarrer Basilius Vogt richtete die Notkapelle ein, und ab 1910 fanden regelmässig Messen statt. Es wurde nicht goutiert, dass die Katholiken den einzigen Tanzsaal der Gemeinde in Beschlag nahmen. Zumal Basilius Vogt mit dem Kirchenbauverein bereits 1912 ein Areal für die ersehnte Guthirt-Kirche gefunden hatte: Neben dem Schulhaus Nordstrasse erstand der Verein für 100 000 Franken Wiesland mit Obstbäumen just auf der «Spöndliwiese», wo die jährliche Wipkinger Chilbi stattfand.

    Die vielen Vereine waren kein Selbstzweck, sondern man wollte die Integration der Zugezogenen selber fördern und vor allem eine eigene Kirche bauen – den späteren Guthirt. Mit der Ernennung von Josef Rupf zum Vikar im Oktober 1919 nahm der Kirchenbau rasch Formen an. Rupf sammelte mit viel Geschick und Überzeugungskraft Geld für die neue Kirche, und mit städtischer und kirchlicher Hilfe nahm die Guthirt-Kirche Gestalt an; am 25. Juni 1922 legte Pfarrer Basilius Vogt den Grundstein, und bereits am Rosenkranzfest am 7. Oktober 1923 eröffnete der Bischof von Chur, Georgius Schmid von Grüneck, die neue, schöne Guthirt-Kirche.

    Der reibungslose Verlauf von Bau und Einweihung des Guthirt ebnete auch den Weg für die Ökumene in der Gemeinde. Vier Jahre nach dem Bau schlossen sich die reformierte Gemeindekrankenpflege und die katholischen Krankenpflege zum ersten ökumenischen Werk in Wipkingen zusammen.

    Ein Verein mit Frauenstimmrecht

    Als einer der wenigen Vereine aus dieser Zeit hat der Katholische Frauen- und Mütterverein Guthirt überdauert. Die alten Protokolle und Jahresberichte zeigen, wie solidarisch, initiativ und fleissig die Frauen damals schon waren. Um die Jahrhundertwende gab es den Mütterverein Liebfrauen. Der Katholische Frauen- und Mütterverein bildete zusammen mit der Pfarrei Guthirt die Volksmission.

    Der Mütterverein Liebfrauen führte eine Flugblattaktion im Quartier durch und lud alle katholischen Mütter und Frauen zu einer Veranstaltung ein. Eine «grössere Anzahl Mütter» fand sich zur Gründungsversammlung ein, berichtet das Protokoll. Der Bischof von Chur, Georgius Schmid von Grüneck, nahm am 2. August 1924 die kanonische Einrichtung vor. Zuvor fanden zwei Versammlungen statt, an der ein Vorstand samt Präsidium gewählt wurde. Erste Präsidentin war Frau Häfeli. Es war Usus, dass man den Vornamen nicht im Protokoll erwähnte.

    Im Juni 1924 hatte nach der Flugblattaktion die erste Versammlung stattgefunden, an der 67 Frauen teilnahmen. Als Kirchenvertreter war Pfarrer Rupf als Präses anwesend, eine damals gängige Benennung der Sitzungsleitung. Ein Jahr später waren es bereits 122 Mitglieder. Anstelle eines Jahresbeitrags wurde eine Hauskollekte erhoben. Erst 1958 führte der Verein einen Mitgliederbeitrag von vier Franken ein.

    Ausser in der Politik hatten Frauen vor hundert Jahren an vielen Orten Stimm- und Wahlrecht, so in Vereinen, in Korporationen und einigen Genossenschaften. Auch bestand vielerorts ein Vertretungsrecht. In der Brunnengenossen-
    schaft Wipkingen beispielsweise erbten Witwen das Stimmrecht der verstorbenen Ehemänner. Auch im Katholischen Frauenverein Guthirt hatten die Frauen Stimm- und Wahlrecht.

    Die Wipkingerinnen nahmen ihre Verantwortung ernst. An den ersten zwei Versammlungen in der Unterkirche wurde beschlossen, an jedem 3. Sonntag im Monat eine Vortragsveranstaltung durchzuführen. Die Mitglieder warben für mehr Präsenz an den Monatskommunionen und für die Kinder sollten Weihnachtsbescherungen wie Strümpfe, Hemden oder Spielsachen angefertigt werden.

    Am Berchtoldstags-Gottesdienst am 2. Januar übergab der Frauenverein feierlich die Geschenke. Am 26. Dezember, dem Stephanstag, gab es eine Kinder-Feier im Kasino Unterstrass. 1925 wurden Einkäufe für 407 Franken getätigt und 420 Weggen à 20 Rappen ausgegeben. Im Protokoll der Vorstandssitzung ist festgehalten, dass der Präses diese Einkäufe als zu teuer taxierte. Die Frauen kümmerte dies offenbar wenig, denn in den Folgejahren stieg der Betrag für Geschenke weiter an.

    Kirchliche und weltliche Tätigkeiten

    Im Jahresbericht von 1926 der Krankenkasse von Liebfrauen, St. Anton und Guthirt findet sich der Eintrag: «Keine Frau sollte der Krankenkasse fern bleiben. Der Monatsbeitrag beträgt Fr. 1.50.» Von den 207 Mitgliedern gehörten 43 Frauen zu Guthirt. 24 Frauen erhielten Krankengeld von 1451 Franken für 738 Krankheitstage. Frauen von kinderreichen Familien konnten den Monatsbeitrag oft nicht aufbringen und verloren so den Leistungsanspruch. Ihnen wurde vom Frauenverein Guthirt geholfen. «Der Frauenverein ist der wichtigste Verein der Pfarrei», gab Präses Rupf zu Protokoll.

    Die Präsidentinnen des Frauenvereins Guthirt

    1924 – 1928 Frau Haefeli
    1928 – 1933 Frau Weber
    1933 – 1939 Frau Kurz
    1939 – 1970 Frau Zehnder
    1970 – 1990 Josy Huber
    1990 – 1997 Marianne Tschanz
    1997 – 1998 Marianne Birri und Emmy Schönbächler
    1998 – 2003 Emmy Schönbächler
    2003 – heute Marianne Federer

    Quellen

    Wipkingen – Seine Kirchen im Laufe der Zeit, Franz Bösch, 1983.
    Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: «Damals», Wibichinga Verlag, 2024.
    Archiv Pfarreizentrum Guthirt, Wipkingen