Kategorie: Wir sind Höngg

  • «Ich lese ‹Ulysses› seit 40 Jahren»

    «Ich lese ‹Ulysses› seit 40 Jahren»

    Aufgezeichnet von Dagmar Schräder

    Ich lebe bereits seit über 90 Jahren in Zürich. Geboren bin ich 1928 zwar in Basel, doch als ich fünf Jahre alt war, ist meine Familie nach Zürich übergesiedelt. Aufgewachsen bin ich in Unterstrass, anschliessend lebte ich in Unterengstringen und bin 2006 nach Höngg gekommen, wo auch meine Tochter wohnt.

    Die Leidenschaft zum Beruf gemacht

    Meine schulische Ausbildung habe ich an der Oberrealschule Zürich, dem heutigen Realgymnasium, abgeschlossen. Anschliessend studierte ich an der Universität Germanistik und Anglistik, konnte mein Studium aber leider nicht abschliessen, weil das tägliche Leben zum Zug kommen musste. Daraufhin war ich lange Jahre als Korrektor in einer Druckerei und anschliessend als Lektor beim Diogenes-Verlag tätig.

    Schon während meines Studiums versuchte ich mich an James Joyce; er galt als schwierig, und ich wollte ausprobieren, ob ich mich zurechtfinden konnte. Das Werk faszinierte mich und liess mich nicht mehr los, es war eine willkommene Ablenkung. In der Auseinandersetzung mit den Texten lernte ich andere Leute kennen, denen es ähnlich ging und die wie ich kaum mehr loslassen konnten – und schon bald gehörte ich zum weiten Kreis von «Joyceanern».

    Den weltbekannten irischen Autor verband einiges mit der Stadt Zürich: Er lebte während des Ersten Weltkriegs einige Jahre hier und verfasste mehrere Kapitel seines monumentalen Werks «Ulysses» im Seefeld und an der Universitätsstrasse 38 und 29. Anschliessend an seinen Aufenthalt in Zürich verbrachte er zwanzig Jahre in Paris, bevor er während des Zweiten Weltkriegs hierher zurückkam – allerdings für sehr kurze Zeit: Nur wenige Wochen nach seiner Ankunft verstarb er an den Folgen eines Darmdurchbruchs. Er ist auf dem Friedhof in Fluntern begraben, genau wie seine Frau Nora und sein Sohn Giorgio.

    1985 wurde in Zürich die James-Joyce-Stiftung mit ihrer umfangreichen Bibliothek gegründet, deren Leitung ich übernahm. Damit wurde mein Hobby zum Beruf, und so sollte es noch eine Weile bleiben. Ich bin also Tag für Tag hier in den Räumlichkeiten am Strauhof anzutreffen. Anhaltendes Interesse lässt das Alter (beinahe) vergessen.

    Das Rätsel entschlüsseln

    Unsere Stiftung besitzt eine umfangreiche Joyce-Sammlung, dazu Übersetzungen in viele Sprachen, Interpretationen und Sekundärliteratur. Daneben findet sich hier eine Fülle an persönlichen Gegenständen und Erinnerungsstücken aus seinem privaten Leben, so dass wir uns als «Joyce-Museum» bezeichnen könnten. Wir empfangen hier nicht nur Gäste und organisieren Lesungen, Vorträge und Ausstellungen, wir treffen uns auch regelmässig jeden Donnerstag zur gemeinsamen Lektüre.

    Nachmittags lesen wir uns durch den nicht so unlesbaren Roman «Ulysses», abends beschäftigen wir uns mit «Finnegans Wake». Es fasziniert, diese Werke gemeinsam zu lesen und immer wieder Neues zu entdecken. Denn einfach zu verstehen sind Joyces Werke nicht. Auch nach einer so intensiven Beschäftigung mit dem Werk, nach über 40 Jahren Lektüre, kann ich immer noch nicht alles erklären. Vor allem «Finnegans Wake» ist sehr kryptisch angelegt, mit literarischen Exkursionen in alle möglichen Sprachen, Wortneuschöpfungen und Bedeutungsüberlagerungen.

    Oft versteht man nicht, ob es sich beim Geschilderten um einen Traum, eine Gedankensequenz oder ein reales Erlebnis handelt. Da hilft es, sich untereinander auszutauschen. Jede Leserin hat einen anderen Hintergrund, anderes Wissen und eine ganz eigene Herangehensweise und so können wir uns gut ergänzen.

    Und wenn die anderen das Werk genau so wenig verstehen wie ich selber, weiss ich wenigstens, dass ich nicht der einzige Dumme bin. Genau gesehen, geht es uns doch mit vielen Dingen im Leben so – wir merken es nur nicht, weil wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben, dass wir keine Erklärung für sie finden.

    Hohe Ehren in Irland

    Mit der Arbeit unserer Stiftung stellen wir einen irischen Aussenposten in Zürich dar, was erst vor zwei Wochen mit einem Preis der irischen Regierung belohnt wurde, dem «Presidential Distinguished Service Award». Das führte zu einer Reise in Begleitung meiner Tochter nach Dublin, wo ich den Preis übernehmen durfte. Auch sonst war ich bereits viel in Sachen Joyce unterwegs, mit Vorlesungen und gelegentlichen Gastprofessuren. Diese Woche reise ich nach Rom zu einer weiteren Veranstaltung, doch allmählich werde ich mit dem doch mühsamen Reisen etwas zurückstecken.

  • Musicals sind seine Leidenschaft

    Musicals sind seine Leidenschaft

    Es war im Jahr 1997, als ich in New York das Disney-Musical «The Lion King» besuchte, welches in diesem Jahr seine Uraufführung feierte. Den Zeichentrickfilm und natürlich die Musik von Elton John und Tim Rice kannten alle, doch wie würde sich die Geschichte auf der Bühne machen? Schliesslich sind die Protagonist*innen ausschliesslich Tiere. Das Resultat hat mich begeistert. Die Regisseurin Julie Taymor hat viel gewagt – und alles gewonnen. Die Symbiose mit den gewaltigen Puppen und deren Darsteller*innen, die zu sehen waren, überzeugte. 25 Jahre später sollte «The Lion King» zu den erfolgreichsten Musicals der Welt gehören.

    Beginnen wir von vorne. Aufgewachsen bin ich in Altstetten nahe der Limmat, ich sah also ständig von meinem Kinderzimmer auf den Hönggerberg. Dass mein Weg in die Entertainmentbranche führen sollte – oder gar nach Höngg –, war kein Plan. Zunächst war es mein Ziel, die kaufmännische Lehre in einem Reisebüro zu absolvieren, was damals sehr begehrt war. Ich fand eine ideale Lehrstelle in Oerlikon. Lustigerweise in der Nähe jenes Ortes, wo heute das Theater 11 steht, eine unserer Spielstätten. Ein Kreis schliesst sich.

    Freikarten für Konzerte

    Elf Jahre blieb ich im Reisebüro, wurde berufsbegleitend eidgenössisch diplomierter Verkaufsleiter und hatte auch die Möglichkeit, ein Jahr in New York zu verbringen. Die Stadt fasziniert mich seit je. Die Showbranche «schlich» sich derweil langsam, aber stetig in mein Leben. Meine Mutter erhielt arbeitsbedingt hin und wieder Freikarten für Konzerte, die keiner haben wollte. Ich nahm die Karten dankbar an und besuchte in der Folge unzählige Konzerte. Parallel dazu war ich ein treuer Zuschauer, wenn im Fernsehen die alten Musicalschinken wie «The Sound of Music» oder «Singing in the Rain» wiederholt wurden.

    Schliesslich arbeitete ich in der Versicherungsbranche und es bot sich in dieser Zeit die Möglichkeit an, Mitorganisator bei einem Open-Air-Konzert in Windisch zu sein. Unser ambitioniertes Ziel: Udo Jürgens für einen Auftritt zu gewinnen. Der plante glücklicherweise in diesem Sommer eine Open-Air-Tour und so führte eins zum anderen. Ich traf auf Freddy Burger, dem damaligen Manager von Udo Jürgens, der mir eine Aufgabe in seiner Firma FBM Entertainment anvertraute. Das war 1992.

    Auf der Landkarte der Musicals

    Unsere Abteilung war zu Anfangszeiten klein, ich arbeitete allein und organisierte diverse Veranstaltungen. Doch das Geschäft wuchs und wuchs. Heute zählen wir 30 Mitarbeitende und führen neben dem Theater 11 auch das Musical Theater in Basel und seit 2019 auch die Thunerseespiele. Als CEO trage ich eine grosse Verantwortung. Der Erfolg ist auch internationalen Gastspielen zu verdanken. Es gibt einen lustigen Spruch unter den englischen Produzenten, der lautet: Wer hätte gedacht, dass auf der Landkarte der englischen Produktionen je die Schweiz auftauchen würde? Denn englische Produktionen haben beispielsweise in Deutschland oder Frankreich keine Chance. Aber in der Schweiz sehr wohl.

    Vor sieben Jahren trat dann «The Lion King» wieder in mein Leben: Wir konnten die Grossproduktion nach Basel holen. Das waren zähe Verhandlungen mit Disney. Wir mussten viele Garantien leisten, aber die Rechnung ging auf: Das Gastspiel wurde ein riesiger Erfolg. Bald darauf klopften «Mary Poppins», «Miss Saigon» oder «Les Misérables» an die Tür. Ab Ende November wird «The Lion King» in englischer Sprache das erste Mal im Theater 11 Zürich aufgeführt, ein bisschen später als gedacht, das ist der Pandemie geschuldet, die wir als Firma glücklicherweise ohne grösseren Schaden überstanden haben. Wir sind gespannt, wie das Zürcher Publikum reagiert.

    Das Einkaufen einer Grossproduktion aus England oder den Vereinigten Staaten bedeutet weit mehr, als man denkt. Wir müssen einschätzen, wie lange wir die Produktion spielen lassen, denn nur schon eine Woche mit einem geringen Publikumsaufkommen kann den Gewinn zunichtemachen. Wir besorgen zudem die Wohnungen und Arbeitsbewilligungen für Cast und Crew, sind zudem für das Marketing, die PR und das Ticketing zuständig, es ist also ein ziemlicher Rattenschwanz.

    Hinter der Bühne

    Obwohl ich schon 30 Jahre in diesem Metier arbeite, ist meine Begeisterung für Musicals aller Art unverändert gross. Mein Team und ich stecken viel Herzblut in die Arbeit und freuen uns, wenn eine neue Truppe mit einer neuen Produktion die Zelte bei uns aufschlägt. Und ich versuche meine Nase im Wind zu behalten, schliesslich muss ich wissen, was in London oder am Broadway angesagt ist. Ich kaufe keine Produktion ein, die ich nicht gesehen habe.  

    Das Musical «Hamilton» von Lin-Manuel Miranda hat mich fasziniert, es geht einen mutigen Schritt mit all dem Hip-Hop und Rap. «Kinky Boots» von Cyndi Lauper und Harvey Fierstein wäre eine Herausforderung für die Schweiz, was die Vermarktung betrifft. «The Book of Mormon» von Trey Parker, Matt Stone und Robert Lopez hingegen hatten wir schon und es lief wie verrückt.

    Obwohl ich Musicals liebe, weiss ich wo mein Platz ist: hinter der Bühne. Sie werden mich also nie singen und tanzen sehen. Und wenn ich nicht gerade für Musicals im Einsatz bin, denn erhole ich mich zusammen mit meiner Partnerin in Höngg oder auf einem Golfplatz. Dort geniesse ich die Ruhe, das Showbusiness ist dann meilenweit weg.

    Disney The Lion King I Theater 11 Zürich 2023 I Trailer

    «The Lion King»

    23.11.23-10.3.24

    Im Theater 11, Thurgauerstrasse 7, 8050 Zürich

    Weitere Informationen: www.thelionking.ch

    Tickets: Ticketcorner

  • Er macht aus Tabletten Kunst

    Er macht aus Tabletten Kunst

    Es geschah vor zwei Jahren und war purer Zufall: Eine Tablette fiel mir ins Wasserglas, die sich darin völlig entfaltete. Ich sah staunend zu, dieses Fliessende, das ich nicht steuern konnte, diese Farben und Formen. Es waren genau solche Bilder, die ich einfangen wollte. Also beschloss ich, weitere Tabletten aufzulösen und den Prozess zu filmen. Konkret sagt man dazu «Fluid Art». Die Bilder und Videos des französischen Künstlers Thomas Blanchard dienten mir als Inspiration.

    Was sich simpel anhört, ist überaus aufwendig. Zunächst das Material: Seither habe ich über 2500 Pillen verbraucht. Die schönsten Aufnahmen entstanden definitiv aus Gelatinekapseln, häufig sind es auch Schmerzmittel. Zunächst plünderte ich meine Hausapotheke, später hatte ich die Gelegenheit, auf legalem Weg abgelaufene Tabletten zu erhalten. Die Zusammensetzung der Wirkstoffe spielt eine wesentliche Rolle, deswegen suchte ich den Kontakt zu Pharmafirmen. So konnte ich mir viel chemisches Wissen aneignen.

    Für den eigentlichen Film baute ich mir ein kleines Studio mit einer Reprokamera. Die meisten Aufnahmen habe ich von oben her gemacht, die Tabletten lagen dann in einer quadratischen Box auf schwarzem Grund. Bei horizontalen Aufnahmen benutzte ich ein Aquarium. Auch eine Unterwasserkamera kam zum Einsatz. 

    Beim Abfilmen lernte ich zudem, dass das Wasser warm oder sogar heiss sein muss, um einen erwünschten Effekt zu erzielen – sollte er denn auftreten, nicht alle Tabletten tun das. Die fachgerechte Entsorgung des Wassers war ebenfalls zwingend. Mit der Zeit kamen schliesslich viele Aufnahmen zusammen.

    Leben und Tod

    Es sind Bilder, die seit dem Frühjahr in Neuhausen am Rheinfall in der «Rhyality Immersive Art Hall» zu sehen sind. In diesem immersiven Kino, in dem ein Film mit 360 Grad und sowohl auf dem Boden wie an der Decke gezeigt wird, sah ich die ideale Plattform, um meine Kunst zu zeigen. Dieses Kino ist in der Schweiz einzigartig. Also habe ich dort angefragt und es hat funktioniert: «Life and Death», so der Titel meines Films, nahm Gestalt an.

    Wie ging ich vor: Ich hatte acht Wände, die Decke und den Boden zu bespielen, also habe ich einen langen Streifen mit Videos angelegt, was eine riesige Rechenkapazität benötigt. Dank 25 Beamern und rund 100 Lautsprecher werden die Szenen alle gezeigt. Der Film ist etwa zehn Minuten lang und in drei Akte aufgeteilt – im dritten Akt platzen die Pillen im extremen Zeitraffer und es ist wie ein gewaltiges Feuerwerk, dazu wird Musik gespielt. Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis.

    «Life & Death» hat mich aber einiges gekostet, nicht nur Zeit und Mühe. Die gesamten Ausgaben trug ich selbst. Subventionen oder Sponsoring habe ich bisher trotz unendlichen Anfragen und Bitten an Stiftungen und Firmen nicht erhalten.

    Das hat mich aber nicht aufgehalten und die positiven Reaktionen haben mich bestärkt. Ich denke, die Bilder verbinden. Selbst Menschen, die der modernen Medizin gegenüber skeptisch eingestellt sind, können sich den Aufnahmen nicht entziehen. Die heilsarme Wirkung von Kunst mag umstritten sein, aber ich bemerke, dass meine Bilder den Menschen guttun.

    Von Luzern nach Zürich

    Ursprünglich stamme ich aus einem kleinen luzernischen Dorf, später absolvierte ich eine vierjährige Lehre als Typograf beim Ringier-Verlag. Es zog mich beruflich früh nach Zürich. In Höngg wohne ich erst seit rund fünf Jahren, aber das Quartier kannte ich bereits, da meine Partnerin hier lebt. Mein Werdegang brachte mich zu den grossen Werbeagenturen, aber ich war auch in einer Buchdruckerei in Oerlikon engagiert. Dort, in der Druckvorstufe, war ich ein Allrounder. Das war ungemein kreativ und ich konnte mich mit den nötigen IT-Kenntnissen vertraut machen.

    Mein erstes Filmprojekt realisierte ich Ende der 1990er-Jahre, der Titel war «Geschichtsscherben aus 2000 Jahren». Teil davon war ein Interview mit H.R. Giger, jenem leider verstorbenen Künstler, der das Alien-Monster erschuf. Ausserdem war Giger sehr kamerascheu. Eine spannende Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

    Auch ausgestellt habe ich schon: Vor zwei Jahren zeigte ich einen Film im Kunsthaus Interlaken, das Thema war «Schneemanns Garn». Es gab Malereien, Skulpturen und eben auch Videos. Ich zeigte, wie sich Knetmasse zu einem Schneemann formt, die «Berner Schneemann-Suppe».

    Aktuell habe ich keinen Job, sondern absolviere ein Studium an einer Zürcher Filmschule. Dort lernen wir alles rund um den Film – Idee, Konzeption, Drehbücher schreiben, technische Grundlagen usw. Ich erhalte so die Möglichkeit, mit verschiedenen Kameras von hoher Qualität zu experimentieren. Zwei Tage die Woche drücke ich also die Schulbank, dazu kommen rund drei Tage für das Selbststudium. Kinofilme haben mich aber nie sonderlich interessiert, eher Dokumentarfilme, das reizt mich, dort sehe ich meine Stärken.  

    Doch nach einem Jahr wird es jetzt finanziell eng, ich muss wieder Geld verdienen. Das Studium werde ich wohl unterbrechen, um es später wieder aufzunehmen. Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher. Und bald werde ich 50, vielleicht sollte ich mich doch langsam um die Altersvorsorge kümmern. Soll ich meinem Verstand folgen oder dem Herzen? Ich zerbreche mir den Kopf darüber. Wir werden sehen. Vielleicht kann ich «Life & Death» einmal in einem anderen immersiven Kino zeigen. In Asien soll es grosse Anlagen geben, das würde mir gefallen.

    Aufgezeichnet von Daniel Diriwächter

  • «Die Berge geben Kraft»

    «Die Berge geben Kraft»

    Rosalia Schönbächler ist quasi eine Neuzuzügerin in Höngg: Sie lebt erst seit rund zwei Jahren hier im Quartier. Im stolzen Alter von 98 Jahren ist sie in die Hauserstiftung eingezogen. Eigentlich wollte sie noch länger zu Hause wohnen bleiben, doch die Rückenbeschwerden wurden zu gross.

    Und weil der jüngste Sohn Mitglied in der Höngger Zunft ist und die grosse Alterssiedlung an ihrem vorherigen Wohnort, in Oberstrass, gerade renoviert wird, organisierte er für sie ein Zimmer in der Altersresidenz. Der neue Wohnort und das Quartier behagen der Hundertjährigen: «Hier gefällt es mir sehr gut», erklärt sie im Gespräch mit dem «Höngger».

    Kindheit auf luzernischem Bauernbetrieb

    Geboren ist sie am 29. April 1923 im Kanton Luzern, bei Hitzkirch. Die Eltern hatten einen Bauernbetrieb, auf dem sie mit ihren vier Geschwistern aufwuchs. Die Kindheit war einfach, aber schön: «Wir haben sehr viel Zeit draussen in der Natur verbracht», erinnert sich Schönbächler zurück.

    «Verwöhnt wurden wir nicht, aber wir hatten ein gutes Leben.» Als sie zwanzig war, starb der Vater, die Mutter war nun alleine mit drei minderjährigen Kindern. Unfallversicherungen und Krankenkassen waren damals noch nicht obligatorisch, die Familie war nicht versichert. Die Mutter musste selber schauen, wie sie mit ihren Kindern über die Runden kam.

    Mit der «Madame» nach Zürich ins Glück

    Um ihr eigenes Geld zu verdienen, begann Schönbächler deshalb, bei einer «Madame» in Luzern als Haushaltshilfe zu arbeiten. Diese hatte sich in Zürich ein Haus gekauft, an der Dolderstrasse, und bat Schönbächler, mit ihr mitzukommen. «Ich wollte eigentlich überhaupt nicht nach Zürich, bin dann aber doch mitgegangen – nicht zuletzt, weil die Dame mir versprach, die Gotte meiner Kinder zu werden», erinnert sich Schönbächler.

    Also zogen sie im Jahr 1943 gemeinsam nach Zürich. Die Dame hatte ihren Mann verloren und war ganz alleine, Schönbächler half ihr nicht nur im Haushalt, sondern begleitete sie auch ins Theater und überall hin, wo sie wollte. «Der Umzug nach Zürich war schliesslich mein Glück», so Schönbächler weiter, «denn hier lernte ich meinen Mann kennen.» Dieser war Kommissar bei der Stadtpolizei, mit ihm gründete sie eine Familie, aus der drei gemeinsame Kinder und mittlerweile 6 Enkelinnen sowie drei Urenkelinnen hervorgingen.

    Lieber Berge als Meer

    Das Ehepaar teilte eine gemeinsame Leidenschaft: die Berge. «Mein Mann war ein grosser Alpinist, ich glaube, er hat alle 4000er bestiegen», schwärmt Schönbächler. Er war auf vielen Tourenwanderungen unterwegs – damals allerdings noch unter ganz anderen Bedingungen als heute: «Auf die Wanderungen hat man damals noch keine Helme mitgenommen, Stirnlampen gab es auch noch nicht. Mein Mann hat seine Touren und unsere Ferien oft nach dem Vollmond gerichtet, damit er auch nachts genug Licht zum Wandern hatte», erinnert sie sich schmunzelnd.

    Sie selber sei auch gerne mitgegangen auf die Hüttenwanderungen – nur auf die hochalpinen Touren, da habe sie ihren Mann alleine gehen lassen. Jemand habe ja schliesslich auch bei den drei gemeinsamen Kindern bleiben müssen.

    Bis ins Alter hätten sie viel Zeit zusammen in den Bergen, vor allem in Zermatt, verbracht. Und bis heute hat das Gebirge für sie seine Faszination nicht verloren: «Die Berge geben mir Kraft», sagt sie. «Natürlich ist das Meer auch schön, aber nur so am Strand liegen, das wäre nicht so mein Ding.»

    Ihr Mann verstarb leider 2014, im Alter von 92 Jahren. Er war bis zum Schluss zu Hause, Rosalia pflegte ihn mit Unterstützung der Spitex. Sie selber ist noch ausserordentlich fit, nur das Gehör macht ihr zu schaffen. «Im letzten Jahr habe ich mich mit Corona infiziert, seither höre ich leider noch schlechter», berichtet sie.

    Aber spazieren gehen, das kann sie immer noch. «Ich gehe gerne in der Allee an der Hohenklingenstrasse spazieren, da kann ich von einem Bänkli zum nächsten laufen», freut sie sich. Und bei gutem Wetter reicht die Sicht sogar bis zu ihren geliebten Bergen.

  • «Ich habe nie mit meinem Schicksal gehadert»

    «Ich habe nie mit meinem Schicksal gehadert»

    Seit ich ein Jahr alt bin, lebt meine Familie hier in Höngg, unten an der Limmat. Ich habe zuerst die Primarschule Am Wasser besucht und war dann für zwei Jahre in der Sekundarschule Lachenzelg. Nach der zweiten Sek habe ich die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium bestanden. Nun besuche ich das Kurzzeitgymnasium Stadelhofen.

    Was ich beruflich später einmal machen werde, weiss ich noch nicht so genau. Gerne würde ich mich zum Beispiel in Richtung Biologie orientieren und mich dann auf Verhaltensforschung konzentrieren. Es fasziniert mich sehr, wie Tiere miteinander kommunizieren und ich würde gerne mehr darüber erfahren. Ich könnte mir auch gut vorstellen, später mal viel zu reisen oder in einer anderen Stadt oder einem anderen Land zu leben.

    Da meine Muttersprache Französisch ist, liegt mir der französische Sprachraum sehr nahe. Ich spreche aber nicht nur französisch, sondern singe auch gern in dieser Sprache. Deshalb habe ich vor Kurzem angefangen, Gesangsstunden zu nehmen.

    Musik und Sport

    Viel Zeit verbringe ich zudem beim Landhockey-Training. Viermal wöchentlich trainiere ich bei GC auf dem Hardhof, am Wochenende kommen manchmal noch Spiele dazu. Zu der Sportart bin ich durch einen Freund gekommen, ich hatte ursprünglich mal mit Fussball angefangen, aber die Atmosphäre im Fussballclub hat mir nicht so behagt.

    Beim Landhockey war das anders, das hat mir von Anfang an grossen Spass gemacht. Ich war elf Jahre alt, als ich damit angefangen habe und hatte gerade ein halbes Jahr lang trainiert, als der Unfall passiert ist.

    Unter den Zug geraten

    Damals war ich auf der Geburtstagsparty eines Freundes im Technorama in Winterthur. Auf dem Heimweg mussten wir am Bahnhof in Oberwinterthur relativ lange auf die S-Bahn warten. Was danach genau passiert ist, weiss ich nicht mehr, ich kann die Ereignisse nur noch aus den Erzählungen der anderen wiedergeben.

    Ich stand auf dem Bahnsteig wohl zu nahe an den Gleisen. Dabei bin ich vom heranfahrenden Zug erfasst worden, gegen die Lokomotive geprallt und unter den Zug geraten. Ich erinnere mich daran, dass ich auf den Schienen lag und ein Arzt mich nach meinem Namen und meiner Adresse gefragt hat. Schmerzen hatte ich in diesem Moment keine – im Gegenteil, ich habe eine angenehme Wärme im Arm verspürt. Danach wurde ich bewusstlos und fiel ins Koma.

    Sofort wieder zurück ins Leben

    Während drei Tagen war nicht klar, ob ich den Unfall überlebe. Ich hatte zahlreiche Knochenbrüche sowie einen mehrfachen Schädelbruch erlitten. Die gravierendste Verletzung aber betraf meinen rechten Arm: Er konnte nicht mehr gerettet werden und musste mit dem Schultergelenk amputiert werden.

    Als ich schliesslich aus dem Koma erwachte, habe ich keinen Moment gezögert oder mit dem Schicksal gehadert. Ich hatte direkt die Motivation weiterzumachen: weiter zu trainieren, wieder in die Schule zurückzukehren. Nach vier Wochen Spitalaufenthalt habe ich deshalb darauf verzichtet, noch eine Reha zu besuchen und bin stattdessen nach Hause zurückgekehrt.

    Nicht nur meine Familie, auch meine Trainer sowie meine Mannschaft haben mich bei der Genesung sehr unterstützt. Das Team hat mir Briefe geschrieben, mich besucht und mich ermutigt, das Training wieder aufzunehmen. Beim Landhockey braucht man für die Schlägerführung hauptsächlich den linken Arm, das war mein Glück.

    Mit einer positiven Einstellung durchs Leben

    Insgesamt muss ich sagen, dass ich das Positive an dieser ganzen Geschichte sehen kann. Vor dem Unfall habe ich nicht sehr bewusst gelebt, war irgendwie unzufrieden, schlecht in der Schule, hatte keine grossen Pläne für die Zukunft. Doch mit diesem Unfall bin ich so nahe am Tod vorbeigeschrammt, dass ich gelernt habe, mein Leben zu lieben. Ich habe es als Challenge angesehen, mit einem Arm zu leben und alles meistern zu können.

    Es war zwar anstrengend und die Schmerzen waren gross, doch die Herausforderung habe ich gemeistert. Mittlerweile habe ich nicht mehr das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Zu Beginn haben die Menschen manchmal komisch gekuckt, wenn sie mich gesehen haben. Das passiert mir heute eigentlich nicht mehr – und wenn mal jemand fragt, was passiert ist, erkläre ich den Sachverhalt.

    Seit ungefähr zwei Monaten trainiere ich nun im Landhockey bei der U18-Nationalmannschaft mit. Bei Länderspielen konnte ich bis anhin allerdings noch nicht mitmachen, da ich nicht lange genug dabei bin. Doch das kommt hoffentlich noch. Mein Ziel ist es ausserdem, es im Verein in die erste Herrenmannschaft zu schaffen. Ich denke, ich habe gute Chancen, dort aufgenommen zu werden.

    Aufgezeichnet von Dagmar Schräder