Kategorie: Wir sind Höngg

  • Der SVH läuft auch bei Regenwetter für seine Sponsoren

    Der SVH läuft auch bei Regenwetter für seine Sponsoren

    Ohne ein engagiertes Organisationskommitee wäre der Anlass nicht möglich: OK-Präsident Kilian Fanger ist seit rund 30 Jahren im Sportverein Höngg (SVH) und lief früher selbst regelmässig mit. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm, dass einst auch Matthias Hüppi teilnahm. Er schätzt bei diesem Anlass das Zusammensein und Aufeinandertreffen mit den anderen Mitgliedern.

    Fanger organisiert unter anderem die Anmeldung der Teilnehmenden. Eingeladen sind alle aktiven Mitglieder aus den 33 Gruppen des Vereins. Jedes Mitglied sucht im Vorfeld eigene Sponsoren. In diesem Jahr wurden rund 400 Teilnehmende gezählt.

    Der Sponsorenlauf ist für den Verein von grosser Bedeutung: Die Einnahmen fliessen in die Vereinskasse und tragen dazu bei, die Mitgliederbeiträge tief zu halten. Vor drei Jahren stellte das OK die Organisation um: Papierrechnungen und ein manuelles Eintragungssystem wurden durch eine digitale Lösung ersetzt. «Diese Form funktioniert sehr gut und bedeutet viel weniger Aufwand für alle», sagt Fanger. Nach wie vor habe es bei einigen Mitgliedern Zeit gebraucht, Sponsoren zu finden. «In den letzten zwei Wochen vor dem Lauf ging es dann aber richtig vorwärts.»


    Kilian Fanger ist der OK-Präsident des Anlasses. (Foto: Jasmine Osterwalder)

    Regen, Matsch und trotzdem volle Leistung

    Das Wetter zeigte sich einmal mehr von seiner rauen Seite bei nur 7 Grad. «Die Bedingungen sind wie jedes Jahr: garstig, regnerisch und windig. Das motiviert aber zusätzlich, um nicht zu frieren», so Fanger. Gelaufen wurde jeweils während 30 Minuten, mit dem Ziel, möglichst viele Runden zu absolvieren. Der schlammige Untergrund stellte dabei eine zusätzliche Herausforderung dar.

    Die Teilnehmenden liessen sich davon jedoch nicht bremsen. Im Gegenteil: Insgesamt wurden 10 880 Runden gelaufen. Joel Serrano (15) übertraf mit 21 Runden sein persönliches Ziel: «Die Bedingungen waren wegen des Schlamms nicht optimal. Aber einfach Schuhe putzen, dann passt das.»


    Joel (15) ist zufrieden mit seiner Leistung. (Foto: Jasmine Osterwalder)

    Auch Melina (10) zeigte vollen Einsatz und erreichte 30 Runden. «Es war wegen des Matschs sehr anstrengend, ich war schon nach vier Minuten müde», erzählt sie. Auf das Wetter angesprochen, bleibt sie gelassen: «Das war nicht so schlimm.» Zur Vorbereitung habe sie vor allem eines gemacht: «Ich bin früh ins Bett gegangen und habe viel geschlafen.» Die jüngsten Teilnehmenden gingen ebenfalls mit grossem Einsatz an den Start.


    Melina (10) hat als Vorbereitung viel geschlafen. (Foto: Jasmine Osterwalder)

    Dimitri und Noe (beide 6) liefen gemeinsam ihre Runden. Unterstützt als Sponsoren wurden sie von ihren Eltern, Grosseltern und Göttis. Entsprechend zufrieden zeigen sie sich nach dem Lauf – trotz Regen und kühlen Temperaturen.


    Dimitri und Noe (beide 6) posieren stolz nach ihrem Lauf. (Foto: Jasmine Osterwalder)
  • «Mir ist es wichtig, Brücken zu schlagen»

    «Mir ist es wichtig, Brücken zu schlagen»

    Ich bin vor 60 Jahren in Zürich geboren, doch die erste Hälfte meines Lebens habe ich kaum in Zürich verbracht. So richtig in der Schweiz wohnhaft bin ich erst seit etwas weniger als 30 Jahren. Aber von Anfang an: Mein Vater ist von Beruf Physiker und hatte vor meiner Geburt gerade sein Studium abgeschlossen. Nun standen für ihn Forschung und Stellensuche an, weswegen wir, als ich gerade anderthalb Jahre alt war, in die USA auswanderten, wo mein Vater seinen Postdoc absolvierte.

    Vier Jahre später ging es zurück nach Europa: Wir machten Station in Cassis in Südfrankreich, bevor wir ein Jahr später nach West-Berlin weiterzogen. Ich habe diese Kindheitsjahre sehr positiv in Erinnerung und weiss es zu schätzen, durch das viele Reisen die Möglichkeit gehabt zu haben, verschiedenste Sprachen zu lernen.

    Leider zerbrach unsere Familie in Berlin: Meine Mutter verliess die Hausgemeinschaft und zog mit ihrem neuen Partner zusammen. Mich belastete die mangelnde Kommunikation in der Familie sehr, ich sehnte mich danach, mit Menschen zusammenleben, die eine wirkliche Gemeinschaft bilden.

    Radikal denkend

    Im Berlin der frühen 1980er-Jahre herrschte Aufbruchsstimmung, die Hausbesetzerszene war sehr aktiv. Auch ich wollte etwas bewegen. Deshalb zog ich im Alter von nur 15 Jahren aus und besetzte gemeinsam mit Bekannten ein eigenes Haus. Meine Schulbildung brach ich einige Monate vor Abschluss der mittleren Reife ab – ich hatte damals das Gefühl, in der Schule nicht wirklich die wichtigen Dinge zu lernen. Meine Familie versuchte zwar, mich von einer abgeschlossenen Schulbildung zu überzeugen, doch ich war eine radikal denkende Jugendliche, die ohne Rücksicht auf eigene Verluste handelte.

    Die Zeit in Kommune und politischer Jugendbewegung war intensiv und eindrücklich, aber nach rund einem Jahr merkte ich, dass weder dieses Leben noch dieser Weg für mich ist. Mit Tagen ohne Rhythmus und ständiger Überreizung verlor ich das Gefühl für mich selbst und begann an mir zu zweifeln. Ich beschloss, die Stadt zu verlassen, um Boden unter den Füssen zu finden.

    Viel später fand ich schliesslich heraus, dass ich eine Person bin, die aus sich heraus kaum Routine entwickelt und gleichzeitig sehr sensibel auf Umgebungsreize reagiert. Die «Flucht» aus dem geteilten Zentrum der Grossstadt Berlin war ein wichtiger Schritt in meinem Leben. Auf der Suche nach Wald und Einfachheit sowie nach meinen Schweizer Wurzeln gelangte ich über einen Kontakt meiner Mutter an einen biodynamisch geführten Bauernhof im Unterengadin, wo ich arbeiten und leben konnte. Ein Jahr lang verbrachte ich täglich viele Stunden im Stall, was für mich sehr heilsam war.

    Heilen lernen

    Nach weiteren zwei Jahren auf Biobauernhöfen, ich war inzwischen 19 Jahre alt, wurde mir das Landleben aber zu einsam. So näherte ich mich doch wieder einer Stadt: In Zürich war ich in verschiedenen Jobs tätig, etwa als Verkäuferin im Bioladen oder als Köchin im Frauenzentrum. Gleichzeitig suchte ich nach einem Beruf, etwas Sozialem, mit dem ich auch meine Leidenschaft fürs Heilen kombinieren konnte. Die technische Herangehensweise der Schulmedizin war jedoch nicht meins, das merkte ich deutlich.

    Über die Selbstverteidigung, die ich in Wendo-Kursen für Frauen kennenlernte, begann ich mich mit asiatischer Kampfkunst zu beschäftigen und sie nach Erlangung des schwarzen Gurtes selbst zu unterrichten. Dabei entdeckte ich die östliche Philosophie, deren Ernährungslehre und Zugang zum Heilen. Allein die Ernährungslehre hat mir sehr geholfen: Seit meiner Jugend hatte ich Probleme mit der Ernährung gehabt und eine Magersucht überlebt, konnte jedoch erst mit der makrobiotischen und der «5-Elemente»-Lehre der Ernährung ein positives Verhältnis zum Essen wiederfinden.

    Die chinesische Medizin habe ich dann bei einem Aufenthalt in San Francisco Ende der 1980er-Jahre kennengelernt. Dort hatte ich die Gelegenheit, bei einer niedergelassenen TCM-Ärztin mitzuhelfen. Es war die Hochphase von Aids. Sie behandelte und begleitete ihre zum Teil schwer erkrankten Patienten mit Akupunktur, Arzneipflanzenrezepturen und viel Zuwendung. Ich merkte, dass diese Methoden nicht alles heilen, aber viel Leiden lindern können. Deswegen suchte und fand ich, zurück in der Schweiz, eine Ausbildungsmöglichkeit in Traditioneller Chinesischer Medizin. Drei Jahre lang ging die Ausbildung, nach deren Abschluss unser Lehrer uns ein sechswöchiges Praktikum in China in Aussicht stellte.

    Im fernen Osten

    Und so geschah es: 1995 schloss ich die Schule ab und reiste mit der Transsibirischen Eisenbahn nach China. Eine Woche war ich unterwegs – und als der Zug nach der Durchquerung der mongolischen Steppe chinesisches Gebiet erreichte, mit den Bergen und der Terrassen-Agrarwirtschaft, hatte ich das Gefühl, nach Hause zu kommen.

    Nach sechs Wochen Ausbildung blieb ich in Chengdu. In den nächsten drei Jahren lebte ich hier, war im Spital tätig und lernte Chinesisch. Auch privat tat sich einiges: Ich lernte meinen Partner kennen, 1997 gebar ich unseren Sohn Manuel. Als kleine Familie kamen wir 1998 nach Zürich und fanden 1999 unsere erste Wohnung in Höngg.

    Seit meiner Rückkehr aus China betreibe ich in Zürich eine Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin. Ich verstehe meine Arbeit als integrative Medizin – mir ist es wichtig, Brücken zu schlagen zwischen der Schulmedizin und der chinesischen Herangehensweise. Das Studium der Sinologie, das ich hier in Zürich nach Abschluss der Erwachsenenmatur absolvierte, hilft mir dabei.


    Im Garten. (Foto: zvg.)

    Vor zehn Jahren erhielt ich die Gelegenheit, einen öffentlichen Kräutergarten der TCM an der ZHAW in Wädenswil mitaufzubauen. Dort wachsen inzwischen 130 der am meisten gebrauchten Arzneipflanzen. Ich liebe Pflanzen, gehe sprichwörtlich gerne bis an die Wurzeln. Für mich ist es wichtig, eine Beziehung zu den Pflanzen zu haben, die ich als Arzneikräuter verwende. So kann ich auch ihre Wirkung besser verstehen.


    Nina Zhao-Seiler organisiert Kräuterreisen nach China. (Foto: zvg.)

    Um die Arzneipflanzenkultur auch anderen zugänglich zu machen, habe ich 2003 begonnen, Kräuterreisen nach China zu organisieren. Die nächste Reise ist noch in diesem Jahr geplant.

    Aufgezeichnet von Dagmar Schräder

  • «Beim Skaten kann ich klarer denken»

    «Beim Skaten kann ich klarer denken»

    Das Skaten habe ich durch meinen Onkel entdeckt. Ich war noch im Kindergarten, fünf oder sechs Jahre alt, als er mir zum Geburtstag ein Skateboard schenkte. Das war ein sehr nachhaltiges Geschenk: Seither hat mich diese Sportart nicht mehr losgelassen.

    Die Faszination, die das Skaten auf mich ausübt, hat dabei nicht nur mit dem Spass und der Bewegung zu tun, sondern auch, weil es von Beginn an so etwas wie eine Art Coping-Mechanismus für mich dargestellt hat: Als Kind war ich zum Beispiel jähzornig und impulsiv. Auf dem Brett ist es mir gelungen, diesen Zorn aufzulösen. Ich hatte auch immer Mühe damit, mit Unehrlichkeit umzugehen, und habe es persönlich genommen, wenn mich jemand angelogen hat. Beim Skaten habe ich gemerkt, dass das eigentlich nichts mit mir zu tun hat.

    Mit dem Board den Hönggerberg runterzufahren, hilft mir bis heute, Dinge zu verarbeiten. Beim Fahren ist man voller Adrenalin, alles wird klar. Die Entscheidungen, die ich hier treffe, sind für mich immer die richtigen. Wenn andere sagen, sie müssen über eine Entscheidung nochmal schlafen, heisst das für mich deshalb, ich muss «drüber skaten».


    Skater und Künstler Sven Schiefer. (Foto: zvg)

    Mit eigenem Stil in die Competitions

    Nachdem ich zunächst mit dem uralten Board, das mein Onkel mir geschenkt hatte, zu skaten begonnen hatte, habe ich irgendwann das Longboard für mich entdeckt. Das ist deutlich länger als ein normales Skateboard. Es beschleunigt nicht so schnell wie ein «normales» Brett, ist aber auf lange Distanzen schneller. Auf dem Longboard habe ich meine ganz eigene Art entwickelt, mich zu bewegen.

    Lange habe ich nur für mich selber geskatet. 2014 aber habe ich auf Anregung von Kollegen erstmals an einem internationalen Wettbewerb, einer Weltmeisterschaft, teilgenommen. Zu meiner Überraschung bin ich in der Disziplin «Dance and Freestyle», bei der man auf und mit dem Longboard tanzt, gleich bis ins Finale vorgedrungen. Dabei habe ich auch festgestellt, dass sich mein Fahrstil ganz deutlich von denen meiner Konkurrenten unterscheidet. Ich bewege mich exakt im Takt der Musik, ähnlich wie ein Eiskunstläufer, und mir ist es wichtig, Bewegungen möglichst organisch auszuführen.

    Mein Stil hat bei Juroren und Mitbewerbern anfangs Skepsis ausgelöst. Mittlerweile ist er jedoch akzeptiert und ich darf sogar mit dem Longboard in den Freestyle-Disziplinen teilnehmen, wo eigentlich nur normale Skateboards zugelassen sind. Mit Erfolg: So konnte ich nicht nur 2022 im Longboard die Weltmeisterschaft für mich entscheiden, sondern unter anderem auch die WM 2024 in der Disziplin «Best 360 Spin» gewinnen. Seit 2023 bin ich zudem selbst als Juror tätig.

    Den Schlüssel zu den Jugendlichen

    Die Wettbewerbe sind für mich aber eigentlich nur Hobby und dienen quasi als Arbeitszeugnis für meine Fähigkeiten. Skateboardfahren ist immer noch eine Randsportart, von den Preisgeldern kann man nicht leben. Mein Geld verdiene ich daher vor allem mit Werbung und Social Media, aber auch mit Unterricht. Kurse zu geben, macht mir grossen Spass. So bin ich etwa im Dynamo oder in städtischen Ferienlagern in Fiesch als Skatelehrer tätig. «Do it yourself, mache dein eigenes Skateboard», heisst zum Beispiel einer der Kurse. Morgens arbeite ich mit den Jugendlichen daran, ihr eigenes Brett zu entwerfen und zu gestalten, nachmittags wird geskatet.

    Mich beeindruckt es unheimlich, mit welcher Motivation und Energie die Jugendlichen ihre Bretter entwerfen und Ideen umsetzen. Ich schätze es sehr, ihnen dabei behilflich sein zu können, ihre eigene Kreativität zu entdecken. Ich gebe ihnen lediglich ein paar Tipps, bestärke und bestätige sie in ihrem Vorhaben – und was sie daraus machen, ist wirklich toll.

    Mit dieser Erfahrung gehen die Teenager jeweils gestärkt aus dem Lager nach Hause. Sie haben erfahren, dass sie etwas verwirklichen können, allein aus sich heraus. Bei der Arbeit mit den jungen Menschen sind mir meine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich durch den Sport gewinnen konnte, extrem hilfreich. Durch ihn bin ich von einem lauten, extrovertierten Menschen zu einer eher introvertierten Person geworden, die auch in Stresssituationen ruhig bleiben kann und ihre Triggerpunkte genau kennt. Ich glaube, ich kann den Jugendlichen gut zuhören und mich selbst dabei zurücknehmen, wodurch es mir oft gelingt, den richtigen Zugang zu ihnen zu finden.

    Wenn Rollen malen

    Eine weitere, persönliche Auseinandersetzung mit dem Skateboard habe ich im letzten Jahr für mich entdeckt: die Kunst. Mir wurde zuvor oft gesagt, dass ich mit meinem Longboard weniger Sport als Kunst betreibe. Zunächst hat mich das beleidigt, doch dann habe ich beschlossen, diesen Input aufzugreifen. Inspiriert wurde ich auch dadurch, dass ich irgendwann mal meine Tricks gefahren bin und sich auf dem staubigen Boden anschliessend eine Vielzahl an faszinierenden Mustern abzeichnete. Das wollte ich gerne verewigen. Also habe ich in der Wohnung Papier auf den Boden geklebt und das Board mit in Farbe getränkten Schwämmen ausstaffiert, die ich direkt neben die Rollen platziert habe.

    Ich bewege mich tänzerisch auf meinem Board, mache meine Tricks, und die Rollen bringen die Bewegung zu Papier. Mich fesselt das Wechselspiel zwischen Kontrolle und Kontrollverlust – und die Klarheit, welche die Bilder aufweisen. Meine Bewegungen, die ich selbst gar nicht sehe, diese flüchtigen, sehr abgerundeten Momente, werden festgehalten.

    Faszinierenderweise passen die Bilder immer genau zu der Stimmung oder der Situation, in der sie entstanden sind. Bis jetzt habe ich so 42 Bilder kreiert. So soll es weitergehen. Ich habe grosse Lust, meine «Art of Motion» mit anderen zu teilen, etwa in einer Ausstellung oder einer Liveperformance. Gerne möchte ich auch meine Bilder an ganz unterschiedlichen Orten entstehen lassen – etwa im Wald, oder als Kontrast am Bellevue. Und dann beobachten, welchen Einfluss die Umgebung auf das Bild hat, das mein Skateboard zeichnet.

    Aufgezeichnet von Dagmar Schräder

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  • Gedanken auf der Hohenklingenallee

    Gedanken auf der Hohenklingenallee

    Mein Name lautet Erzsébet Amalia Katalin Maria Mladonyiczki. Aber man kennt mich als Elisabeth Promonti. Erraten Sie meine Nationalität? Polnisch? Oder vielleicht italienisch? Nein, ich bin Ungarin und meine Geburtsstadt Budapest ist zweigeteilt von der Donau: links die flache Ebene namens Pest, rechts das hügelige Buda.

    Dort im Süden lag einmal ein Weinhügel, dessen Rebstöcke der Reblaus zum Opfer fielen. Aber der Hügel blieb und sein Name ist Promontor – heute Budafok-Tétény. Dort bin ich aufgewachsen, im Schatten von Mandel- und Aprikosenbäumen.

    Mütterlicherseits stamme ich aus der Familie des Unternehmers Sándor Hollo aus Südungarn. Er besass Weingüter und zog wegen der Heirat nach Leva, heute Levice, in die Slowakei. Sein Schwiegersohn war der Ingenieur Eugen Csorba, mein Grossvater.

    Er führte das Werk von Hollo weiter, baute für die Stadt ein Elektrizitäts- und ein Wasserkraftwerk, die beide bis heute in Betrieb sind. Bei meinem kürzlichen Besuch dort stellte ich fest, dass mein Grossvater bis heute als Wohltäter wahrgenommen wird, da er viel in die Stadtentwicklung investierte.

    Meine Mutter war die ungarische Malerin Katalin Csorba, und die schönen Künste spielten bei uns eine grosse Rolle. Ich erhielt ab meinem sechsten Lebensjahr Klavierunterricht. Nach dem Abitur studierte ich auf Empfehlung meines Mentors, Professor Dénes Bartha, Chorleitung und Schulmusik an der Franz-Liszt-Musikhochschule und schloss 1965 mit Diplom ab. Gleichzeitig liess ich mich privat im Sologesang von Zoltán Zavodszky unterrichten und lernte das Orgelspiel beim Franziskaner Organisten Ferenc Gergely.

    Ein neuer Name

    Im Herbst 1965 begab ich mich auf eine Reise nach Salzburg und sang am Mozarteum Salzburg vor. Mit Erfolg: Ich wurde in die Opernklasse – geleitet von KS Viorica Ursuleac, die erste «Arabella» von Richard Strauss – aufgenommen und erhielt ein Rotary-Stipendium. Das hatte jedoch Konsequenzen: Da dieses Vorsingen nicht über das Ministerium lief, konnte ich nicht mehr nach Ungarn zurückkehren. Das fiel mir sehr schwer, doch ich hatte ein klares Ziel vor Augen: Ich wollte auf die Bühne.

    Damals in Salzburg erhielt ich nach einem Konzert folgende Kritik: «Die Sängerin mit der schönen Stimme, aber mit dem unaussprechlichen Namen.» Nach reichlichen Überlegungen wählte ich den Namen Promonti – in Anlehnung an den Weinhügel Promontor, meiner Heimat.


    Elisabeth Promonti in jungen Jahren. (Foto: zvg)

    Zwei Jahre später schloss ich meine Bühnenausbildung mit Auszeichnung ab und wurde beim Stadttheater Bielefeld engagiert. Dort debütierte ich als «Aida», sogar in der italienischen Originalsprache. Wenig später sprang ich mit dieser Rolle auch in Bremen ein. Es folgten weitere Rollen: Elsa in «Lohengrin», Pamina und Erste Dame in «Die Zauberflöte», Frau Fluth in «Die lustigen Weiber von Windsor» und viele andere.

    Und so führte mich mein Weg im Jahr 1970 auch nach Zürich. Ich meldete mich beim Internationalen Opernstudio des Opernhauses Zürich, mit dem Ziel, den Wechsel ins Mezzofach zu vollbringen. Meine Stimme umfasste drei Oktaven, und besonders interessierte mich die szenische Rollengestaltung im tiefen Stimmbereich. Unterstützt wurde ich dabei vom Generalmusikdirektor und Dirigenten Ferdinand Leitner sowie von Maestro Nello Santi.

    Ein Zuhause in Höngg

    Das Engagement liess mir Raum für Privates: Ich heiratete und 1973 wurde mein Sohn Michael geboren. Unser Zuhause wurde Höngg. Ich erinnere mich an die gemeinsamen Spaziergänge auf der Hohenklingenallee. Aber das Leben hielt Veränderungen bereit: Meine Ehe ging auseinander, 1975 folgte die Scheidung.

    Im selben Jahr wechselte auch die Direktion am Opernhaus Zürich. Ein Vertragsangebot lehnte ich ab, da mir mit keiner der angebotenen Rollen künstlerische Perspektiven zugesichert wurden und ich mit dem aufkommenden Regietheater nicht übereinstimmte.

    Ich konzentrierte mich auf die Pädagogik und wechselte nach Luzern an die Kantonsschule. Mit dem Pianisten Gilbert de Greeve gab ich Liederabende in vielen Ländern von Europa, in den USA und in Kanada. Später gründete ich das Schweizerische Kodály Institut, basierend auf dem Konzept des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály.

    Unsere Ehrenpräsidenten waren Yehudi Menuhin und Sándor Veress. Ich schrieb nach diesem Konzept auch ein Lehrbuch, das auf deutschsprachigen Volksliedern beruhte. Wegen fehlender finanzieller Unterstützung musste das Institut nach zehn Jahren seine Arbeit einstellen.

    Engagement mit meinem Sohn

    Auch das Leben meines Sohnes Michael Sauser prägte meinen Weg. Er studierte Jura an der Universität Zürich, das er 1998 erfolgreich mit Lic. iur. abschloss. Seine sonstigen Interessen galten dem Reisen, dem Gesang und dem Fussball. Dadurch lernte er die Nationalhymnen der Welt kennen. Zudem hatte er Kontakt mit dem damaligen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch.

    1998 trat er im Olympischen Museum Lausanne mit einem «Hymnen-Marathon» auf, bei dem er alle Nationalhymnen der Welt auswendig und in Originalsprache vortrug. Dafür erhielt er die Anerkennung eines Guinness-Rekords. Später nahm er fünf Alben mit sämtlichen Nationalhymnen in Originalsprache auf. Es folgten Auftritte in Fernsehsendungen wie «Wetten, dass..?» in Frankfurt, wo Michael zum Wettkönig gewählt wurde.


    Aus dem privaten Fotoalbum: Michael Sauser und seine Mutter Elisabeth Promonti nach einem Liederabend in Budapest. (Foto: zvg)

    In den 1990er-Jahren gründeten mein Sohn, der sieben Sprachen fliessend beherrschte, und ich das Concorde Opera Management. Unser Ziel war es, jungen Sängerinnen und Sängern sowie Dirigenten den Einstieg in das anspruchsvolle Berufsleben zu ermöglichen und wir standen im Kontakt zu grossen und kleinen Bühnen weltweit. Wir hatten noch vieles vor und waren ein gutes Team.

    Doch das Schicksal schlug erbarmungslos zu: Michael starb im Jahr 2016 mit nur 42 Jahren an den Folgen eines Unfalls in Berlin. Nach seinem Tod kam ich wieder nach Zürich, und das Schicksal führte mich nach Höngg zurück. Seither widme ich mich dank meines Orgelstudiums und meiner noch gut funktionierenden Stimme mehrheitlich der Kirchenmusik; dem Singen sowie dem Orgel- und Klavierspiel.

    Neben diesen Engagements bin ich viel auf Reisen, aber ich spaziere immer wieder die Hohenklingenallee entlang. Dabei denke ich an das, was war: an meine Familie und ihre lange Geschichte, an meine Gesangskarriere, an die vielen jungen Talente, auf die ich traf, und ganz besonders an Michael, den ich im Herzen immer bei mir trage. Aber ich geniesse auch das Hier und Jetzt und freue mich auf das, was noch kommen könnte.

    Aufgezeichnet von Daniel Diriwächter

  • «Wie ein Puzzle mit der Schwerkraft»

    «Wie ein Puzzle mit der Schwerkraft»

    Geboren und aufgewachsen bin ich fernab von Höngg, genauer gesagt in Winnipeg, Kanada. Dort habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht und nach dem Schulabschluss eine Ausbildung im Bereich «Adventure Tourism» absolviert. Zu meinen Jobs im Bereich des Abenteuertourismus gehörte unter anderem die Durchführung von Hundeschlittentouren mit Touristen. Zusatzgeld habe ich ausserdem dadurch verdient, dass ich Wohnungen gestrichen habe. Schon damals war die Musik ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben – zunächst als Hobby, dann aber auch als Nebenjob. Ich habe Schlagzeug gespielt und unterrichtet und immer wieder kleinere Musikevents und Jamsessions organisiert.

    Ohne Ausbildung geht nichts

    Im Jahr 2009 bin ich meiner Reiseliebe in die Schweiz gefolgt und habe eine Familie gegründet. Beruflich hatte ich eigentlich geplant, auch hier als Touristenguide oder Maler tätig zu werden, doch schnell merkte ich, dass ohne die passende Ausbildung nur wenig möglich ist. Deswegen habe ich zunächst einen Aushilfsjob in einer Möbelfabrik angenommen, bis mir eine Freundin eine Anstellung in einer Informatikfirma vermittelt hat. Ich hatte zwar wenig Ahnung davon, doch mit Learning by Doing bin ich ziemlich gut über die Runden gekommen. So gut, dass ich auch heute hauptberuflich in diesem Bereich tätig bin, mittlerweile bei der Helvetas.

    Gleichzeitig aber habe ich mich immer auch intensiv um meine Projekte gekümmert. Das erste davon startete ich, weil ich merkte, wie schwierig es ist, in Zürich neue Kontakte zu knüpfen. Also setzte ich mich mit einer Djembé an den See, begann zu musizieren und fragte alle, die mit einem Instrument vorbeikamen, ob sie Lust auf eine Jamsession hätten. Das funktionierte super – und daraus ist ein Projekt entstanden, das bis heute Bestand hat: der «Zurich Sun Jam». Aus der Facebook-Gruppe mit mir als einzigem Mitglied ist mittlerweile eine Community mit rund 3000 Teilnehmenden geworden.

    Nach Corona kam mir gemeinsam mit einem Bekannten eine neue Idee: «Drum and Dance Zurich». Während des Lockdowns hatten wir uns regelmässig in einem Proberaum getroffen, um zu jammen. Diese Musik und die Leidenschaft dahinter wollten wir nun, nach dem Ende des Lockdowns, raustragen in die Welt, um möglichst alle daran teilhaben zu lassen. Also begannen wir einfach damit, auf dem Sechseläutenplatz zu trommeln.

    Auch daraus ist eine grössere Bewegung geworden, eine Art «Guerilla Dance Event». Wir treffen uns alle ein, zwei Monate, auf dem Sechseläutenplatz oder auch mal auf dem Üetliberg, um gemeinsam zu musizieren und zu tanzen. Es ist berührend zu sehen, wie die Musik jeden mitreisst, ob jung oder alt, im Anzug oder eher alternativ. Auch die Leute, die eigentlich gar nicht tanzen wollen oder denken, dass sie es nicht können, werden von den Rhythmen mitgerissen und müssen sich einfach bewegen.


    Es sieht fast unmöglich aus – und steht doch: Greg Jagassar beim Balancieren am Zürichsee. (Foto: zvg)

    Ein «Hippiekram»?

    Zu meiner jüngsten Leidenschaft bin ich rein zufällig gekommen. Ich war damals mit meiner Familie in den Ferien, als meine Partnerin einen Wettbewerb startete: Wer es schaffte, mehr Steine aufeinanderzustapeln, durfte sich vom anderen das Mittagessen servieren lassen. Ich nahm die Herausforderung an, gewann den Wettbewerb – und war zu meiner eigenen Überraschung augenblicklich süchtig nach dieser Tätigkeit. Wenn ich früher mal Leuten begegnet bin, die Rock Balancing gemacht haben, hatte ich eigentlich kein grosses Verständnis dafür, sondern dachte mir vielmehr: «Was ist denn das für ein Hippiekram?»

    Doch als ich selbst anfing, Steine aufzuschichten, merkte ich, wie stark mich diese Tätigkeit in ihren Bann zog. Steine zu balancieren, das ist wie ein Puzzle mit der Schwerkraft. Jeder Stein muss an drei Punkten mit dem darunterliegenden verbunden sein, dann steht das Gebilde, auch wenn es noch so abenteuerlich aussieht. Das ist eine sehr vergängliche Kunst: Sobald ich einen Turm fertiggestellt habe, zerstöre ich ihn wieder.

    Mittlerweile kann ich sagen, dass mir dieses Hobby mehr gibt als die Musik. Denn Balancieren, das bedeutet für mich «peace, calmness and presence», das findet man in der Musik nicht immer. Um die Steine ins Gleichgewicht zu bringen, muss man sich voll fokussieren, für einmal das ewig rotierende Gehirn abschalten. Das ist wie ein meditativer Zustand. Ich kann bis zu acht Stunden an einem Kunstwerk arbeiten. Manchmal aber geht es gar nicht – dann merke ich, dass ich mit meinen Gedanken mal wieder ganz woanders bin. Anfangs war es schwierig für mich, den Kopf auszuschalten, mittlerweile bin ich ziemlich geübt darin. Mir hilft tiefes Durchatmen, so lange, bis der Kopf Ruhe gibt.

    Wettkampf in Schottland

    Hauptsächlich mache ich das Steinbalancieren für mich selber, doch es gibt sogar Wettbewerbe in dieser Disziplin. In diesem Sommer hatte ich die einmalige Gelegenheit, die Schweiz bei «European Land Art Festival & Stone Stacking Championships» im schottischen Dunbar zu vertreten. Da sind Kunstschaffende aus ganz Europa in verschiedenen Disziplinen gegeneinander angetreten – so ging es etwa um das Bauen des grössten Turms, das Balancieren unter Zeitdruck oder auch besonders kunstvolle Skulpturen.

    Zum Sieg hat es leider nicht ganz gereicht, da war auch ein wenig Pech mit ihm Spiel. Aber der Event war eine enorm bereichernde Erfahrung für mich. Es war wunderbar, Gleichgesinnte zu treffen und sich inspirieren lassen zu können.

    Aufgezeichnet von Dagmar Schräder

  • Volle Kraft voraus

    Volle Kraft voraus

    m Kreuzspital in Chur geboren, verbrachte ich als dritte von vier Töchtern meine ersten Lebensjahre in den Bergen oberhalb von Chur. Meine Eltern führten dort eine kleine Beiz, wir lebten ganzjährig dort. Die Beiz lag so abgelegen, dass wir im Winter mit dem Schlitten zum Kindergarten fahren mussten. Nach der Trennung meiner Eltern sind wir Töchter mit der Mutter nach Höngg gekommen, wo wir auch aufgewachsen sind. Hier im Quartier habe ich die Primarschule und die Sekundarschule absolviert. Als Jugendliche habe ich die Pfadi St. Mauritius Nansen kennengelernt und mich dort aktiv beteiligt. Ich war als Leiterin, später auch als Stufenleiterin tätig. Die Verantwortung und die Arbeit mit den Kindern haben mir grossen Spass bereitet.

    Da wir als Familie oft auf dem Lago Maggiore gesegelt sind, schwebte mir damals der Lehrberuf als Bootsbauerin vor. Doch leider waren meine technischen und mathematischen Fähigkeiten für diese Tätigkeit nicht genug ausgeprägt. Deshalb habe ich alternativ das zehnte Schuljahr besucht und bin anschliessend Malerin geworden. Die Lehre hat mir zwar durchaus gefallen, danach habe ich allerdings nicht in diesem Job gearbeitet. Vielmehr bin ich wieder zurück zur Jugendarbeit: In der katholischen Kirchgemeinde Höngg wurde eine neue Stelle für «offene Jugendarbeit» geschaffen und ich hatte die Gelegenheit, aus der Pfadi quer einzusteigen.

    Neben einer berufsbegleitenden Ausbildung konnte ich hier verschiedene Projekte auf die Beine stellen, die teilweise heute noch in Höngg bestehen – so haben wir zum Beispiel regelmässig ein Musical einstudiert und aufgeführt. Aus dieser Idee ist später das Musicalprojekt Zürich 10 herangewachsen. Auch das Werdinsel-Open-Air ist zu jener Zeit entstanden.

    Während der Tätigkeit als Jugendarbeiterin sind wir zudem zum ersten Mal auf eine Segelreise nach Holland gefahren. Diese Form des Reisens hat es mir wirklich angetan – und ab da durfte ich alljährlich Jugendgruppen auf Segeltörns begleiten.

    Von der Malerin zur Beleuchterin

    Nach vielen Jahren bei der Pfarrei kam die Überlegung auf, ob ich eine soziale Ausbildung machen solle, um die Arbeit mit den Kindern professionalisieren zu können. Doch ich entschied mich gegen das Studium und begann stattdessen eine Weiterbildung als Farbgestalterin an der höheren Fachschule. Im Zusammenhang mit einem Projekt im Tanzhaus Zürich hatte ich die Möglichkeit, mit Licht und Beleuchtung zu arbeiten. Das hat mir so gut gefallen, dass ich beschlossen habe, Lichttechnikerin zu werden.

    Beim Theater Rigiblick und beim «Bogen F» im Viadukt konnte ich anschliessend arbeiten, bis ich mit meiner zweiten Tochter schwanger war. Zu dieser Zeit haben viele Veranstalter auf LED umgestellt, da wäre wieder eine Weiterbildung nötig gewesen, und da die Arbeitszeiten nicht eben familienfreundlich sind, habe ich mich als Tagesmutter selbstständig gemacht. Seit über zehn Jahren betreue ich neben meinen eigenen drei Kindern Babys und Kleinkinder bei mir zu Hause.

    Ein neuer Lebensabschnitt

    In Zukunft möchte ich gerne als Beleuchterin wieder Teilzeit einsteigen, denn mittlerweile sind meine eigenen Kinder auch schon grösser und älter geworden. Daneben bin ich auf der Suche nach einer ergänzenden Tätigkeit, die ich ausüben kann, wenn ich den Job als Tagesmutter an den Nagel hänge. Und da kommt wieder das Segelreisen ins Spiel, das sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht.

    Auch wenn ich keine Jugendgruppen mehr begleite, habe ich die Reisen ins holländische Wattenmeer fortgeführt und jedes Jahr privat einen Segeltörn mit Freund*innen und deren Familien organisiert. Doch damit nicht genug: Im letzten Sommer habe ich die Gelegenheit erhalten, das Plattboden-Schiff, mit dem wir oft verreisen, zu kaufen und mich mit der Organisation von Segelreisen selbstständig zu machen. Das ist eine grosse Aufgabe, ein solches Schiff kostet schliesslich einiges. Doch ich habe beschlossen, diese Herausforderung anzunehmen. In manchen Momenten überfallen mich auch Zweifel, doch dann fügt sich wieder so wunderbar eins zum anderen bei der Organisation, dass ich einfach weiss, dass ich das Richtige tue.

    Ferien auf der «Vrijheid»

    Ich habe nun damit begonnen, Geld für die Gründung einer Stiftung zu sammeln, die den Kauf des Schiffes finanzieren und die Organisation der Reisen übernehmen kann. Mit Sponsoren, Spenden und Fundraising werde ich, in Höngg beginnend und mit einem Helferteam im Rücken, den Betrag innerhalb von zwei bis drei Jahren auftreiben. Das Ziel ist, dass «die Vrijheid», so heisst das Schiff, weiterhin in den Niederlanden stationiert ist und wir von hier aus über die Stiftung regelmässig ökologische, nachhaltige Segelreisen für bis zu 30 Personen organisieren.

    Ferien auf der «Vrijheid» sollen prinzipiell für alle möglich sein. Ich träume davon, auf dem Schiff Begegnungen zwischen verschiedenen Menschen zu schaffen, ganz nach dem Motto unserer Stiftung: «Perpetuum Mobile Nautica». Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass verschiedene Konfirmations- oder Firmklassen gemeinsam segeln können. Weil das Schiff barrierefrei ausgebaut wird, werden zukünftig auch inklusive Reisen möglich sein.

    Und es gibt noch viele weitere Ideen, was sich mit dem Schiff alles anstellen lässt. In den Wintermonaten, wenn das Schiff im Heimathafen liegt, könnte es zum Beispiel für Theaterseminare genutzt werden. Oder in Form eines «Hotelschiffs» an Bord Zimmer anbieten. Es gibt unglaublich viele Perspektiven, ich bin voller Tatendrang und sehr glücklich, Menschen gefunden zu haben, die mich bei der Verwirklichung meiner Vision unterstützen.

    Aufgezeichnet von Dagmar Schräder

  • «Best in Town»

    «Best in Town»

    Wenn man es ganz genau nimmt, bin ich mittlerweile gar kein Höngger mehr. Ich lebe nämlich seit rund 20 Jahren in Geroldswil, vor allem, weil die Wohnungen für mich und meine Familie hier zu teuer waren. Aber im Herzen bin ich nach wie vor ein Höngger. Hier bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen, meine Mutter und meine Schwester leben nach wie vor hier.

    Und auch ich verbringe wöchentlich noch mehrere Stunden im Quartier, genauer, auf dem Fussballplatz: Ich trainiere seit rund 16 Jahren verschiedene Juniorenmannschaften beim SV Höngg und bin zudem seit drei Jahren als Juniorenobmann für die Mannschaften D-G zuständig.

    Diese Tätigkeit macht mir riesig Spass und ist mir ein wichtiges Anliegen. Auch beruflich habe ich heute viel mit jungen Menschen zu tun. Ich bin Inhaber einer eigenen Fahrschule in Geroldswil und habe es mir zur Aufgabe gemacht, Anfängerinnen das Autofahren beizubringen.

    Vom Automechaniker in die Selbstständigkeit

    Gelernt habe ich ursprünglich den Beruf des Automechanikers. Meine Lehre habe ich bei der hauseigenen Garage des Schweizer Fernsehens gemacht, welche für die rund 100 firmeneigenen Autos, die Übertragungs- und Kamerawagen zuständig ist. Nach der Lehre habe ich dann zunächst drei Jahre lang in verschiedenen anderen Garagen Erfahrungen gesammelt, bis ich zu meinem Lehrbetrieb zurückgekehrt bin und während 15 Jahren dort tätig war.

    Nachdem ich nach der Geburt meines ersten Sohnes einen sechsmonatigen unbezahlten Vaterschaftsurlaub genommen hatte, um mich um das Baby zu kümmern, während meine Frau arbeitete, konnte ich anschliessend leider nicht mehr in dem Pensum arbeiten, das mir ursprünglich zugesagt worden war. Deswegen nahm ich schweren Herzens Abschied vom Fernsehen und musste mich erstmal neu orientieren.

    Meine Frau half mir in dieser Situation weiter und erinnerte mich daran, dass ich gerne mit jungen Menschen arbeite, diese motiviere und fördere. In Kombination mit meiner Leidenschaft für Autos schlug sie mir vor, doch die Ausbildung zum Fahrlehrer zu machen. Keine schlechte Idee, fand ich – und absolvierte in den darauffolgenden anderthalb Jahren die Ausbildung mit eidgenössisch diplomiertem Fachausweis.

    Danach habe ich mich mit meiner eigenen Fahrschule selbstständig gemacht. Gleichzeitig war es mir aber immer auch sehr wichtig, viel Zeit für meine Familie zu haben und die Betreuungsaufgaben gerecht aufzuteilen. Weil meine Frau Primarlehrerin ist, konnten wir uns da ganz gut arrangieren – sie ist tagsüber in der Schule und ich habe – zumindest als die Kinder noch kleiner waren, oft abends gearbeitet.

    Ein schwieriger Stand

    In jüngster Zeit ist meine Arbeit als Fahrlehrer aber schwieriger geworden. Seit den Gesetzesänderungen in Bezug auf den Führerscheinerwerb ist die Nachfrage nach Fahrstunden deutlich eingebrochen. Zum einen erlaubt das Gesetz es nun, Fahrstunden und Führerscheinprüfung auf einem Automatik-Getriebe zu machen und dennoch auch mit geschalteten Wagen zu fahren.

    Zum anderen wurde die Regelung eingeführt, dass Jugendliche zwischen 17 und 20 Jahren ein Jahr nach der theoretischen Fahrprüfung warten müssen, bis sie die praktische Prüfung ablegen dürfen. Die meisten der Jugendlichen nutzen diese Zeit, um mit ihren Eltern, Verwandten und Bekannten zu fahren und kommen erst anschliessend, für die letzten paar Fahrstunden, in die Fahrschule.

    Das hat zur Folge, dass ich heute im Schnitt nur noch so fünf bis sechs Schülerinnen habe, ganz im Gegensatz zu früher, als ich ungefähr dreissig Personen parallel betreut habe. Deshalb muss ich mir nun überlegen, wie ich mit meinem Betrieb weitermachen soll. Wenn sich die Situation bis April nicht entscheidend verändert, werde ich wohl umsatteln müssen.

    Eine Auszeichnung und ein Lied

    Das ist äusserst bedauerlich, denn ich mag meinen Beruf sehr. Und gerade jetzt, im Januar, bin ich beim nationalen Fahrlehrervergleich «Superfahrlehrer» zum «Top Fahrlehrer, Bester der Region, 2025» ausgezeichnet worden. Im gesamtschweizerischen Ranking habe ich auf Platz 13 abgeschnitten.

    Diese Bewertung wird aufgrund der Kundenbewertungen und der Bestehensquote der absolvierten Führerscheinprüfungen ermittelt. Ich denke, ich bin ganz gut darin, meine Schüler*innen zu motivieren und zu bestärken – eine Stärke, die ich mir auch beim Fussballtraining sehr zunutze machen kann.

    Mittlerweile gibt es sogar einen Song und ein Video zu meiner Auszeichnung: In «Best in Town, Züri» singt der Sänger vom besten Fahrlehrer von Zürich, und da ich dieser jetzt offiziell bin, möchte ich den Song einem Menschen widmen, der leider verstorben ist: Jürg Minelli. Ich habe ihn während meiner Zeit beim Schweizer Fernsehen kennengelernt, Jürg war dort bei vielen Sendungen für den Ton verantwortlich. Er kannte zahlreiche Prominente und hat mich mit vielen Geschichten zum Lachen gebracht. Bei meinem jahrelangen Vorhaben, einmal einen Song und ein Video zu drehen, hat er mich unterstützt. Darum ist das Lied für ihn.

    Aufgezeichnet von Dagmar Schräder.

  • «Die Kunst ist, das zu visualisieren, was man vertritt»

    «Die Kunst ist, das zu visualisieren, was man vertritt»

    Ich bin eine Hönggerin durch und durch. Hier bin ich geboren, aufgewachsen und in die Schule gegangen. Und hier in Höngg spielt sich auch der grösste Teil meines Lebens ab. Die Musik ist ein wichtiges Element davon. Das war schon früh so. In der Familie haben wir viel miteinander gesungen, wir haben zusammen Musik gehört und auch Instrumente gespielt.

    Meines ist das Piano, bereits mit elf Jahren erhielt ich Klavierunterricht. Die Musik gehörte ganz selbstverständlich zum Familienleben dazu. So erwachte früh mein Wunsch, Sängerin und Songwriterin zu werden. Wie das zu erreichen ist, wusste ich damals nicht.

    Nadeen Lavie – Run Away (Audio)

    Meine Pläne stiessen auf Widerstand. In der Schule wurde mir gesagt, ich solle doch einer «normalen» Ausbildung nachgehen. Es waren Ratschläge, die mich sehr verunsicherten. Warum sollte ich keine Musik machen dürfen? Aber ich war jung, ich hörte auf die Erwachsenen.

    Es war auch eine andere Zeit, damals, in den 1990er-Jahren. Viele Möglichkeiten gab es nicht, um sich beruflich der Musik zu widmen. Oder ich kannte diese Möglichkeiten jedenfalls nicht.

    Also schlug ich zunächst den herkömmlichen Weg ein: Nach der Diplommittelschule entschied ich mich, Primarlehrerin zu werden. Eine Aufgabe, die auch gewisse Freiheiten und Kreativität mit sich brachte. Als Klassenlehrerin stellte ich aber nach und nach fest, dass ich die Musik «verliere». Es war ein innerer Kampf, den ich nicht mehr führen wollte.

    Schliesslich stand ich für mich selbst und meinen Wunsch ein, Musikerin zu werden, und habe gekündigt. Im Anschluss widmete ich mich der Musik und absolvierte den Master in Popmusik an der Hochschule der Künste in Bern. Auch hatte ich grosses Glück, eine Aufgabe als Fachlehrerin mit musikalischer Grundausbildung an einer Primarschule zu finden – das mache ich bis heute.

    Es war doch nicht so falsch, als Kind auf die Erwachsenen zu hören. Die Stelle gab mir den Atem, mich auf die Musik und meine Karriere zu konzentrieren. Die Tür war offen: Ich wurde Sängerin und Songwriterin.

    Im Musikgeschäft

    Es ist wichtig zu verstehen, dass Songs aufzunehmen, zu produzieren und zu veröffentlichen eine kostspielige Angelegenheit ist. Hinzu kommt, dass in der Schweiz nur wenige Künstler*innen von der Musik leben können. Früher, vor der Digitalisierung, brachten immerhin noch die Plattenverkäufe etwas ein, aber das Streaming hat alles verändert.

    Das hat mich aber nicht vom Ziel weggebracht, im Gegenteil. Um die Vorteile des Streamings zu nutzen, habe ich das Musikmachen auch vom geschäftlichen Standpunkt aus betrachtet. Es ist ein Business, wie vieles im Leben.

    Heutzutage landen täglich Tausende neue Songs im Netz. Es benötigt daher ein Konzept, um aus der Masse herauszustechen. Eine gute Produktion ist nur einer der Faktoren, es geht auch um die Persönlichkeit, die Stimme, das Visuelle, kurzum: das Gesamtpaket. Und du musst präsent sein, Konzerte geben, Videos im Netz veröffentlichen. Das ist intensiv und braucht eine dicke Haut.

    Nadeen Lavie – Playing with Your Ego (Official Musicvideo)

    Aber wenn du deinen Weg gehst, diesen ausarbeitest, gestaltest, dann kann das funktionieren. Die Kunst ist, das zu visualisieren, was man vertritt. Dazu gehört auch ein Künstlername: Nadeen Lavie. In Amerika sprachen sie Nadine aus wie «Nadeen», und Lavie, französisch für das Leben, fand ich passend.

    Internationale Chancen

    Meine Songs entstehen seit 2019 in meinem Studio in Höngg. Als kurz darauf die Pandemie begann, verbrachte ich viel Zeit darin. Dort stehen Keyboards, ein Piano, ein Schlagzeug, Verstärker und viel digitales Equipment, um einen Song zu erschaffen. Die Arbeit während des Lockdowns war für mich persönlich eine tolle Erfahrung. Ich durfte mich zurückziehen, mich völlig der Musik widmen. Und Lieder veröffentlichen: «Liar», «Like a Fire» oder «Dimelo» entstanden in diesen Monaten.

    Marlou X Nadeen Lavie – LIAR

    Meinen Stil ordne ich der Popmusik zu, auch wenn dieses Genre breit ist. Und ich singe in Englisch, so habe ich auch international Chancen. Ich veröffentliche aktuell einzelne Singles alle vier bis acht Wochen. Das nennt sich «Waterfall Strategy».

    Bei einem Album ist es nur ein Song, der Aufmerksamkeit erhält, mit einzelnen Singles baust du dir über längere Zeit eine Hörerschaft auf. Meine letzte Single, die im März herauskam, hiess «Playing with Your Ego», die neue Single mit dem Titel «Run Away» kommt in diesen Tagen heraus.

    Song-Ideen kommen mir überall in den Kopf. Dann summe ich die Melodie ins Sprachmemo und nehme sie später mit dem Keyboard im Studio auf. Später folgt der Text, dann die Produktion. Die Lieder heutzutage sind kürzer, noch immer gibt es die Strophen und den Refrain, eine Bridge ist jedoch nicht mehr Voraussetzung.

    Ich füge heute auch mehr elektronische Elemente ein als früher. Dennoch sind meine Songs «zurückgenommen». Das entspricht mir sehr. Der Gesang aber bleibt mehrheitlich natürlich. Ich würde meine Stimme niemals für einen ganzen Song durch den Vocoder jagen.

    Vielleicht analysiere ich die Musik heute zu oft, das ist quasi eine Berufskrankheit. Berühren mich Lieder, dann sind es meist simple Kompositionen oder Elemente, die bei einer Jam-Session entstehen. Das ist auch der Fall, wenn ich als Gesangslehrerin arbeite. Ich mag das Singen mit den verschiedensten Menschen.

    Egal, ob sie Erfahrung haben oder nicht. Jede Stunde ist individuell. Erstaunlich ist, dass vielen gar nicht klar ist, dass die Atemtechnik für das Singen sehr wichtig ist. Der Stimmmuskel ist ein Muskel, der trainiert werden kann.

    So bestimmt heute die Musik mein Leben. Grossen Wert lege ich darauf, die Zügel selbst in der Hand zu halten. Ich bin meine eigene Chefin, ich entscheide selbst über meine Karriere.

    News von Nadeen Lavie

    www.nadeenlavie.com

    Die neue Single «Run Away» erscheint am Freitag, 21. Juni.

  • Die Nixe aus Höngg

    Die Nixe aus Höngg

    Das Sonnenlicht bricht sich in Gemmas strahlenden Augen, während sie von ihrer ersten Erinnerung ans Synchronschwimmen erzählt: «Vor zwei Jahren hat mich meine Kollegin in den Schulferien zum Synchronschwimmen mitgenommen. Mir hat es sofort gefallen.» Daraufhin hat sie ihre Mutter bei den Limmat-Nixen angemeldet. Heute trainiert das Mädchen dreimal pro Woche, jedes Mal mehrere Stunden am Stück. Ob sie das zusammen mit der Schule alles unter einen Hut kriegt?

    «Alles in allem ist es sehr streng, besonders am Montagabend. Da müssen wir schnell duschen, weil es dann draussen dunkel ist», sagt Gemma. Zum Training nimmt sie einen schweren, schwarzen Rucksack mit, der fast grösser ist als sie. Darin sind Flossen, Paddels, Yogamatte und Yogablöcke verstaut, die vor allem fürs Aufwärmen gedacht sind.

    Wie Ballett, einfach im Wasser

    Gemma hat vor dem Synchronschwimmen Ballett gemacht. Das hilft ihr beim neuen Sport sehr viel. «Synchronschwimmen ist wie Ballett und Gymnastik, einfach im Wasser. Man muss wie im Ballett sehr viel Beinarbeit leisten und starke Arme haben», sagt sie. Denn im Synchronschwimmen gilt: bloss nicht den Boden berühren!

    Die Schwimmerinnen müssen die Bewegungen aus eigener Kraft vollziehen, man darf sich also keine Hilfe vom Boden holen, um sich etwa abzustossen. Daneben sollen die Sportlerinnen beweglich sein und Skills wie den Spagat beherrschen. «Um die Choreografie synchron auszuführen, müssen wir uns an unseren Mitschwimmerinnen orientieren und schauen, was sie machen», erklärt Gemma.

    Im Synchronschwimmen nennt man diese Choreografien Kür. Momentan übt Gemmas Gruppe eine Abfolge zu einem Lied von Michael Jackson. Bis das Team diesen Wassertanz vollständig beherrscht, dauert es mehrere Monate. Zuerst werden die Bewegungen an Land geübt, bevor es ins Wasser geht. Vor dem Wasser hat Gemma keine Angst. «Besonders im Sommer mag ich es, im Wasser zu sein. Da dienen mir meine nassen Haare gut zur Abkühlung», sagt sie.

    Ausserdem trifft sie sich gerne mit den Mitschwimmerinnen. Hie und da passiert es, dass man beim Üben einen Bein- oder Armschlag abbekommt. «Manchmal sind meine Beine ganz blau davon. Aber das gehört dazu», sagt Gemma. Heute ist das Synchronschwimmen übrigens auch unter dem Namen «Artistic Swimming» bekannt.

    Ihr geht es nicht ums Gewinnen

    Und welchen Tipp würde Gemma einer Anfängerin, einem Anfänger geben? «Zuerst sollte man die Figuren an der Wand üben. Und ganz wichtig ist auch das Wasserstampfen», sagt sie. Für das Training unabdingbar ist ausserdem die «Nasi», die Nasenklemme. Die muss fest sitzen, ansonsten kommen gewaltige Wassermassen die Nasengänge hinauf.

    Für die Trainings benutzen die Limmat-Nixen Zürich verschiedene Schwimmanlagen. An Wettkämpfen nehmen sie etwa acht Mal im Jahr teil. Diese finden unter anderem auch im Hallenbad Bläsi statt. Gemma partizipiert auch an Figuren-Wettkämpfen. «Aber mir ist es egal, ob ich eine Medaille gewinne oder nicht», sagt Gemma dazu.

    «Ich gehe an die Wettkämpfe, um zu lernen.» Um den Limmat-Nixen beizutreten, benötigt es kein Aufnahmeverfahren. Wichtig ist, dass man Wasser liebt. Gemma ist die Zweitjüngste in ihrem Team, das aus sieben Mädchen besteht. Die Girls kommen aus dem Raum Zürich und haben viele unterschiedliche Nationalitäten. Ihre Trainerin ist streng, doch das
    mag Gemma: «Es ist besser, wenn man ein hartes Training hat, statt einfach nur rumzuträumen. Dann bringt es ja nichts.»

    Von Madrid nach Höngg

    Gemma wurde ursprünglich in Madrid geboren und spricht mit ihren Eltern fliessend Spanisch sowie Italienisch. Von Spanien ist die Familie dann zuerst in die Region Zürichberg gezogen, bevor sie vor zwei Jahren nach Höngg kam. Neben Synchronschwimmen spielt die Achtjährige Klavier und trifft sich gerne mit ihren Freundinnen zum gemeinsamen Spielen.

    In der Schule ist eines ihrer Lieblingsfächer Handarbeit, in Deutsch schreibt sie gerne Diktate. Geschwister hat sie keine, vermisst diese aber auch nicht. «Ich muss schon genug mit meinem Vater teilen, da will ich nicht noch mehr abgeben müssen», meint sie schmunzelnd. Was sie später werden möchte, steht für sie noch in den Sternen, wichtig ist für sie das Hier und Jetzt.

  • «Bei den Schaumweinen waren wir gut drauf»

    «Bei den Schaumweinen waren wir gut drauf»

    Die Prüfung des dritten Moduls für das Weinakademiker Diploma war für mich persönlich die herausforderndste: Vier Gläser mit verschiedenem Wein standen vor mir, insgesamt sollten es zwölf werden. Nicht zum Trinken, sondern um die edlen Tropfen einzuordnen. Also schrieb ich jeweils 21 Punkte auf, die mein mittlerweile geschulter Geschmack herausfilterte. Dabei geht es unter anderem um den Geruch, die Qualität, die Optik. Aber auch darum, ob der Wein Lagerpotenzial hat und in welchem Stadium er sich befindet. Gleich beim ersten Durchlauf bestand ich die Prüfung und mein Fazit ist: Der erste Gedanke ist meistens der richtige.

    Geboren und aufgewachsen bin ich in St. Gallen, dort absolvierte ich die Lehre als Koch im Gourmetbereich (es gibt hierbei keine weibliche Person, das ist die korrekte Bezeichnung). Schliesslich nahm ich die Hotelfachschule in Angriff und eines der Praktika führte mich ins Mandarin Oriental Palace Lucerne, eine angesehene Adresse mit einem beachtlichen Weinkeller. Dieser Reichtum an Genuss faszinierte mich. Da mich zudem auch Eventmarketing interessierte, bildete ich mich weiter aus und fand schliesslich meine ideale Aufgabe in Höngg als Leiterin Gastronomie und Events sowie der Weinwerkstatt mit Genusserlebnissen bei Zweifel 1898.

    Seit rund vier Jahren ist Höngg mein Lebensmittelpunkt. Doch mein Weg zum eingangs erwähnten «Bachelor in Wein», wie ich meine Weiterbildung gerne bezeichne, begann schon vorher.

    Von der Pandemie profitiert

    Das Weinakademiker Diploma wird hierzulande in Wädenswil angeboten, meines Wissens gibt es heute nicht mehr als 250 Personen in der Schweiz, die dieses in der Tasche haben. Ich entschied mich schliesslich für die Partnerschule: die Weinakademie Österreich. Die Ausbildung baut auf fünf Modulen auf, unterrichtet wurde am Seminarzentrum Rust, das in der Nähe zur ungarischen Grenze am Neusiedlersee liegt. Den «österreichischen» Weg wählte ich, weil dieser vollständig in deutscher Sprache gehalten wird, während in der Schweiz das vierte Modul in London geplant wird und auf Englisch ist. 

    Der Löwenanteil der Ausbildung machte das Selbststudium aus und bei mir kam damals Corona «dazwischen». Der Lockdown bot mir die Möglichkeit, mich gleich zu Beginn der Ausbildung intensiv in die Materie einzulesen. Arbeit gab es wenig, bekanntlich wurden wir im Dienstleistungssektor für Monate ausgebremst. Diese Zeit verschaffte mir den idealen Grundstein, um später, als wieder Normalität einkehrte, die Balance zwischen Arbeit und Lernen zu wahren.

    Spuckbecher wurde zum besten Freund

    Es gab aber auch Tage, an denen wir vor Ort die praktischen Teile, sprich das Degustieren, erlernen konnten. Ich erinnere mich an drei Seminarwochen, in denen wir täglich um 9 Uhr mit dem Degustieren begannen. Die Weine wurden nach Sorte oder nach Ländern erklärt und dargeboten. Der Spuckbecher wurde in dieser Zeit zu meinem besten Freund. Dennoch nimmt man einen Rest Alkohol im Körper auf. Anstrengend waren besonders die Tage mit schweren Weinen aus Südfrankreich, da waren wir alle schon mittags ziemlich müde. Anders bei den Schaumweinen: Abends waren wir immer gut drauf.

    Das Studium vereint vieles: So kenne ich heute die Technik des Kelterns und bin mit dem Weinbau vertraut. Wobei ich keine Önologin bin, das ist ein Studium, das sich auf die Lehre und Wissenschaft der Weinwelt fokussiert. Auch bin ich keine Sommelière. Beim «Bachelor in Wein» sind es drei Aspekte, die zählen: die Produktion, die Kundschaft und der Verkauf. Ich nenne das auch «Wissen exportieren». Darum geht es mir: Den Wein verständlich der Kundschaft vermitteln.

    Die Fachsprache muss ich im Restaurant etwas in den Hintergrund stellen. Zum Beispiel, wenn es um die Auswahl geht. Mögen die Gäste lieber säurereiche oder -arme Weine? Dann beschreibe ich das mit dem Trinkfluss. Viel Säure bedeutet ein guter Trinkfluss und das Wasser läuft im Mund zusammen. Das ist ein guter Essensbegleiter. Mittlerweile bemerke ich gut, wenn jemand blufft und den Wein kommentiert. Ich habe einige Ideen, wie ich die Weinsprache noch verständlicher im Restaurant umsetzen könnte, wobei der Genuss nicht zu kurz kommt.

    Zeit für Privates

    Im letzten Herbst habe ich schliesslich mein Diplom erhalten. Ihm voraus ging das fünfte Modul, die Diplomarbeit: Ich schrieb über 30 Seiten zum Thema «Die Weinauswahl im Fokus – Wie finde ich den passenden Wein?», darauf bin ich sehr stolz. Die Graduierungsfeier, notabene die 30. Ausgabe der Akademie, fand in Österreich im Schloss Esterházy in Eisenstadt statt, nahe Rust. Das war ein fantastischer Moment. Wir waren 32 Personen aus 11 Nationen. Auch hier bei Zweifel 1898 haben wir mein Diplom gefeiert.

    Mittlerweile werde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, die nächste Stufe anzugehen, den «Master of Wine». Aktuell gibt es in der Schweiz gerade einmal fünf Personen, die diesen Titel erwarben. Vier Männer und eine Frau. Aktuell hege ich keine Ambition, mich als zweite Frau in dieser Domäne durchzusetzen. Die Phase wird kommen, in der ich wieder etwas Neues lernen möchte. Das liegt in meiner Natur.

    Aber nach der langen Zeit des Lernens ist wieder Zeit für Privates angesagt, denn geheiratet habe ich Ende letzten Jahres auch noch. Meinen Mann lasse ich übrigens in einem Restaurant getrost den Wein aussuchen, das geniesse ich sehr.

    Aufgezeichnet von Daniel Diriwächter