Kategorie: Kunst

  • «Ich bin voller Geschichten»

    «Ich bin voller Geschichten»

    Der schwarze Kater miaut vorwurfsvoll, wer ist dieser ungebetene Gast, der sein Frauchen besucht? Das «Frauchen» heisst Serpentina Hagner und ist Comiczeichnerin. Sie sitzt am Küchentisch ihrer Zweizimmerwohnung im Rütihof und wirkt so, als könne sie selber nicht recht glauben, was gerade in ihrem Leben geschieht. Vor einigen Monaten erreichte die 63-jährige eine Mail, Absender war Andreas Kaernbach, Kurator des Bundestags in Berlin. Er fragte sie an, ob sie zu Ehren des 100-Jahre-Frauenwahlrecht-Jubiläums einen Comic zeichnen wolle. Ungewöhnlich ist dies vor allem, weil die Künstlerin erst vor zwei Jahren ihr allererstes Buch herausgegeben hat, und in der Szene eigentlich noch «neu» ist. «Ich dachte erst, da wolle sich jemand einen Scherz mit mir erlauben und habe ihn gegoogelt», sagt sie und lächelt beinahe verlegen. Als dann klar war, dass es ernst gemeint war, sagte sie natürlich zu, nicht ohne vorher einen befreundeten Autor um Hilfe zu bitten, denn sie wusste, alleine würde sie das Recherchieren, Texten und Zeichnen in der kurzen Zeit nicht stemmen können. Am Ende stand ein 20-Seiten starkes Buch, das die Frauenrechtsgeschichte seit 1849 erzählt. Gerade ist sie zurück von der Feier zum 100-Jahre-Frauenwahlrecht in Berlin, wo sie Persönlichkeiten wie Rita Süssmuth und Wolfgang Schäuble kennenlernen durfte. Doch wie kam es eigentlich, dass sich die Schweizerin gegen die vielen jungen – und talentierten, wie Hagner selber sagt – Zeichnerinnen durchsetzen konnte und nach Deutschland eingeladen wurde?

    Von Märchen und anderen Geschichten

    Erst 2017 hatte sie ihren ersten Comic «Der Märchenmaler von Zürich» veröffentlicht, den ersten Teil ihrer skurrilen Familiengeschichte, und die Geschichte über ihren Vater Emil Medardus Hagner, Märchenmaler, Künstler und Stadtoriginal. Im September 2018 folgte der zweite Band «Der Blechbauchmaier». Die Vorarbeiten für beide Bücher begannen vor zwanzig Jahren, doch Geschichten sammelt Hagner schon ein Leben lang. In eine Künstlerfamilie hineingeboren – Vater und Mutter malten beide, wenn auch sehr unterschiedlich – kannte sie schon mit fünf Jahren den Unterschied zwischen Expressionismus und Impressionismus und konnte alle grossen Maler auswendig aufzählen. Das Zeichnen war immer ein wichtiger Bestandteil des Familienlebens und prägte sie und ihre beiden Geschwister stark.

    Die Kindheit war nicht einfach. Vater Emil oder Miggeli, wie man ihn nannte, kämpfte gegen innere Dämonen, war mal lieb und warmherzig, dann wieder eigenartig und depressiv. Als Älteste fand sich Hagner bald in der Vermittlerrolle zwischen den Eltern wieder und spielte auch für ihre Brüder und ihren Vater die Mutter. «Es geht nicht spurlos an einem vorbei, wenn man als Fünfjährige den eigenen Vater daran hindern muss, aus dem Fenster zu springen oder sich auf eine andere Art umzubringen», erzählt sie. Ohne Sicherheit ein Urvertrauen zu entwickeln ist fast unmöglich. Erst viel später lernte sie, dass man sich auf Menschen auch verlassen kann. Trotz aller Schwierigkeiten hatte Emil auch eine bezaubernde Seite, er zeichnete zum Beispiel das «Schlauraffenland», ein liebevoll gestaltetes Kindermärchen, in dem Zöpfe und Brötchen in Milchbächen schwimmen, die Fladen der Nilpferde aus Lebkuchen bestehen, Wiesel Kasperlitheater auf dem Rücken tragen und die Kinder auf dem Rücken der Libellen umherfliegen. «Er hat dieses Buch auch für sich gemacht, er hatte selbst das Gefühl, noch ein Kind zu sein», erinnert sich Hagner, während sie die Seiten umblättert. Die Welt sei ihm oft zu hart erschienen.

    Während man in anderen Familien oft nichts über das frühere Leben der eigenen Eltern und Grosseltern erfährt, hatte das Geschichtenerzählen bei Hagners Tradition. Mit etwa vierzig Jahren begann Serpentina Hagner ihren Vater auf den Spaziergängen, die sie gemeinsam unternahmen, wenn es ihm gut ging, über sein Leben und auch das seiner Mutter und Urgrossmutter auszufragen. «Ich habe im Laufe der Jahre sicher 300 Seiten vollgeschrieben», sagt sie. Zum Beispiel – ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen – wie die Urgrossmutter Pauline, Tochter einer Fahrenden, 1899 mit einer Schiessbude ans erste Knabenschiessen nach Zürich kam, schwanger wurde und das Kind – das später der Kuckucksgrossvater von Serpentina Hagner wurde – bei der Familie des Vaters liess. Wie die Mutter von Emil Miggeli Hagner ebenfalls unehelich schwanger wurde, und sich ebendiesen Kuckucksgrossvater anlachte, ihm aber nie sagte, dass das Kind nicht von ihm war. Und wie schliesslich Serpentinas Vater mitten im Zürcher Milieu gross wurde. «Manchmal werde ich gefragt, wie viel davon erfunden sei, und die Wahrheit ist: Es ist alles so geschehen, so skurril es scheint. Und weil die Geschichten so aussergewöhnlich waren, sind sie mir wohl auch so gut im Gedächtnis geblieben». In ihren Comics hat die Zeichnerin die zu dunklen Episoden jedoch ausgelassen – «die wären höchstens für einen Psychiater interessant», meint sie mit einem Lachen. Das Zeichnen und Schreiben über ihre Familie habe ihr auch geholfen, das Erlebte zu verarbeiten und Distanz dazu zu gewinnen. In ihren Recherchen an den Orten, in denen sich die Szenen abspielten, lernte sie ihre Heimatstadt noch besser kennen. Die Zeichnungen zeigen Zürich zwischen und während der Weltkriege, frivol und dekadent zugleich, aber immer mit einem humorvollen Unterton.

    Hartnäckigkeit zahlt sich aus

    Wieso aber hat sie sich so viel Zeit gelassen mit ihrem ersten Comic? Als Jugendliche hatte sie erst ganz andere Pläne. Zwar zeichnete und malte sie immer nebenbei, aber ihr grosser Wunsch war es, Köchin zu werden. «Nach dem Vorkurs an der Kunstschule, einer abgebrochenen Ausbildung am Werkseminar und einer kurzen Zeit als Bohemien – im Nachhinein eine Spinnerei – versuchte ich, bei den grossen Köchen Zürichs eine Lehrstelle zu finden», erzählt sie. «Doch die Restaurants wollten damals keine Frauen in der Küche». Auch in einer Kulturbeiz, bei der sie anheuerte, sagte man ihr, sie hätte doch gar keine Erfahrung darin, grosse Gruppen zu bekochen. Was durchaus stimmte. Aufgeben wollte Hagner deswegen trotzdem nicht. Stattdessen brachte sie sich selber das Wursten bei und belieferte die Beiz fortan mit hausgemachten Würsten, an denen sie so gut wie nichts verdiente. Die Rechnung ging dennoch auf: Wenig später bot man ihr die Stelle in der Küche der Kulturbeiz an. «Und so begann meine Karriere als Köchin», erzählt sie, die Kochbücher liest, wie andere Krimis lesen. Zahlreiche Bänder im Regal zeugen von ihrer Leidenschaft, da steht die Pauli Kochbibel neben dem neuesten Ottolenghi-Wurf.

    Der Wunsch, ihre Familiengeschichte in einem Comic festzuhalten, wurde langsam stärker, aber erst traute sie sich das Projekt nicht richtig zu. «Ich verglich meine Malerei mit der meines Bruders, der die technische Präzision meiner Mutter geerbt hat, während meine eigenen Arbeiten eine gewisse Naivität besitzen, ähnlich wie die meines Vaters», sagt sie. Dennoch reichte sie schliesslich eine Zeichnung am Comicfestival in Lenzburg ein und holte unverhofft den ersten Preis. Vom eigenen Erfolg überrumpelt, sagte sie ein Radiointerview ab und wandte sich schnell wieder dem Kochen zu. «Heute würde ich das nicht mehr tun», meint die Künstlerin rückblickend. «Das ist der Vorteil des Alters: Man sieht die Dinge etwas gelassener und lässt sich nicht so sehr aus der Ruhe bringen».

    «Alleine ist es nicht zu schaffen»

    Als sie sich schliesslich an die Arbeit machte, den ersten Band zu verfassen und erstmal nur Absagen von den Verlagen erhielt, riet ihr eine gute Freundin, am Comicbuch-Wettbewerb der Berthold-Leibinger-Stiftung teilzunehmen. Prompt wurde sie als einzige Schweizerin mit einem Finalistinnenpreis prämiert. «Diese Auszeichnung war einer der Gründe dafür, dass mich Andreas Kaernbach für die Arbeit zum 100-Jahre-Frauenwahlrecht-Jubiläum anfragte». Aber irgendwie scheint sie immer noch überrascht zu sein über den unerwarteten Lauf der Dinge. «Es ist verrückt», sagt sie, «aber es stimmt wohl, wenn Menschen sagen, sie seien halt immer drangeblieben», überlegt sie. «Man muss sich stets einen kleinen Raum für seine Leidenschaft freihalten. Irgendwann klappt es – oder eben nicht, das Glück hat ja auch noch ein Wörtchen mitzureden». Was sie mit Sicherheit wisse, ist, dass es ohne die richtigen Menschen um sie herum nie so weit gekommen wäre. «Meine Freunde, die mich unterstützt haben, vielleicht andere Freunde hatten, die die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt kannten, das alles spielt eine grosse Rolle. Alleine ist es nicht zu schaffen».
    Sie geniesse jetzt den Moment, es sei eine schöne Erfahrung, die ihr sehr gut tue. Wenn sich alles ein wenig gesetzt hat, will sie sich dem dritten Band ihrer Saga widmen, «denn ich bin noch voll von Geschichten, die mir in den Sinn kommen, wenn ich durch die Stadt spaziere».

    Die beiden Comic-Bände «Der Märchenmaler von Zürich» und «Der Blechbauchmaier» sind sowohl im Canto Verde am Meierhofplatz als auch im Infozentrum unserer Quartierzeitung für 29.80 Franken zu kaufen. Erschienen im Verlag Edition Moderne. www.editionmodern.ch. www.serpentina-hagner.ch

  • Corinna Polke in den Redaktionsräumen des «Hönggers»

    Corinna Polke wurde in Zürich geboren, wuchs in Höngg auf und wohnt noch immer auf dem Hönggerberg. Natur spielt für die Künstlerin eine wichtige Rolle, ihr Garten, der Wald und die Wiesen auf dem Hönggerberg liefern ihr die schönsten Fotosujets. In häufigen Spaziergängen und während sportlicher Aktivitäten auf dem Hausberg hat sie sich mit ihm vertraut gemacht. Besonders zu den Bäumen hat sie eine tiefe, fast persönliche Beziehung. Gerade im Winter zeigt sich deren Charakteristik wie Fingerabdrücke, sie werden zu Individuen, fast wie Menschen, jeder anders und einzigartig mit seinem Muster. So hat sie einige charakteristische Bäume festgehalten.

    Kunstschaffen liegt in der Familie

    Durch Polkes Grossmutter väterlicherseits kamen die Kunstgene in die Familie. Zwei der Söhne wurden bekannte Künstler, einer davon Sigmur Polke. So hatte die Kunst in Polkes Familie schon immer einen grossen Stellenwert: Vater Reinhard Polke betreibt in Zürich eine Galerie, genannt «Feldegg93». Selber zeichnete Corinna Polke schon als Kind viel und leidenschaftlich und erfüllte sich nach der Lehrerausbildung und einiger Jahre Lehrtätigkeit schliesslich einen Kindheitstraum: Sie schloss den Vorkurs an der HdKZ, heute ZHdK, mit anschliessender Fachklasse für Werken, Kunst und Gestaltung ab. Es folgten diverse Ausstellungen, während sie gleichzeitig im Teilpensum als Lehrerin arbeitete und Kurse für Erwachsene anbot. Seit rund 15 Jahren besucht sie ein Druckatelier «Dranbleiben» und setzt ihre Motive in die verschiedenen Tiefdruckverfahren um. Eine Auswahl dieser Druckgrafiken zum Thema «Winter» und «Bäume» sind nun in der Ausstellung in den Redaktionsräumen des «Hönggers» zu sehen. «Die Bäume sind zwar naturalistisch, aber durch Druck und Farbgebung verändert, zum Beispiel in die Nacht gesetzt, vom Mond beleuchtet, oder geheimnisvoll in schneiender Nacht glitzernd», erklärt sie ihre Werke. «Ich setzte um, was mir nahe ist, mich umgibt, halte Erlebnisse und Eindrücke fest», sagt Polke. Manchmal arbeite sie aber ganz gern auch experimentell abstrakt.

    Besonders angetan hat es Polke die Technik «Chine collé». «Sie ermöglicht es mir, meine gefertigten Platten mit meinen Fotos und anderen Bild- und Bunthintergründen frei zu kombinieren, was viele spannende Möglichkeiten eröffnet», erzählt Polke.

    Zu sehen sind Corinna Polkes Werke vom 17. Januar bis Mitte April, jeweils zwischen 9 und 17 Uhr, in den Redaktionsräumen der Quartierzeitung Höngg, Meierhofplatz 2. Die Vernissage findet am 17. Januar um 17 Uhr bis zirka 21 Uhr statt.

  • Hinter den Kulissen der Kunst

    Hinter den Kulissen der Kunst

    Schon beim Betreten des ehemaligen Bauernhofes konnte man viele der ausgestellten Skulpturen entdecken. Einige aus Stein, andere aus Stahl oder Eisen gefertigt. Alle in diversen Grössen, Formen und Farben, die Einzelstücke an sich jedoch schlicht gehalten, verliehen sie dem Platz eine kreative Energie. Seit vielen Jahren, genauer gesagt seit 1988, arbeiten der Bildhauer, Eisen- und Bronzeplastiker Willy Wimpfheimer und der Steinbildhauer Thomas Blumer, Seite an Seite im Atelier am Lebristweg. Am 24. November luden sie kunstinteressierte Menschen dazu ein, sich bei ihnen umzusehen, ihre Werke zu begutachten und es sich am Feuer, mit einem Bier oder einem Glas Wein, gemütlich zu machen. Auf den Tischen ausgelegt fand man neben kleinen und grossen Flaschen süsse Kuchen, Früchte und Salziges – für jede Tageszeit etwas Passendes. Die Türen des Ateliers standen nämlich vom frühen Nachmittag an für die Besucher*innen offen und wurden erst um Mitternacht wieder geschlossen. So viel Zeit musste sein, denn es gab auch wahrlich viel zu entdecken.

    Im Künstlerchaos

    Die Räume des Arbeitsplatzes der beiden Künstler liegen in ehemaligen Stallungen und erinnern teilweise noch an diese. Laut Thomas Blumer könne man heute manchmal noch die Tiere riechen, obwohl sein Partner, Willy Wimpfheimer, sich bereits vor 47 Jahren in den Räumen eingerichtet hat. Dessen ausgestellte Werke aus Eisen, liessen den Betrachter verblüfft über die Formbarkeit des sonst so unbiegsamen Werkstoffs zurück. Im Inneren der Werkstatt kam man dann aus dem Staunen nicht mehr heraus, die gesamte Tisch- und Regalfläche war übersät mit Werkzeug, unverarbeiteten Materialien, Sprühdosen und verirrten Weinflaschen. Das Gesamtbild lud dazu ein, sich selbst mit den Händen an einem noch ungeformten Rohmaterial zu versuchen und daraus etwas Einzigartiges zu schaffen. Man bekam Lust darauf, ebenfalls kreativ zu werden. Der «Höngger» bezeichnete das Atelier einst als «Künstlerkosmos», als das Universum von Willy Wimpfheimer und Thomas Blumer. Dies trifft es auch heute noch. In einem kleinen Ausstellungsraum, ganz in Weiss gehalten, fanden sich die Steinskulpturen von Thomas Blumer. Ein alter Holzofen und eine kleine Künstlerecke verliehen dem Raum einen persönlichen Charme.

    Kunst, für Augen und Ohren

    Im oberen Stock, anscheinend dem früheren Heuboden, betrat man einen Rückzugsort mit Bücherregal und Sitzgelegenheiten, in einer Ecke warteten ein Elektropiano und ein Kontrabass darauf, die Gäste mit Jazzklängen zu erfreuen. Gespielt wurden sie von einem Duo, bestehend aus Guolf Juvalta und Andreas Graf. So liess man den Abend ausklingen, Augen und Ohren «kunstgesättigt», der Geist inspiriert.

    Einblicke in die Arbeit der beiden Künstler und Handwerker:
    https://www.plastiker.ch/mitglieder/willy-wimpfheimer/
    http://www.skulpt.ch/

  • «Ich male, was ich sehe»

    «Ich male, was ich sehe»

    In ihrer Wohnung reiht sich Mappe an Mappe, gefüllt mit Skizzen, Stillleben, Porträts, Landschaftsmalereien. Arbeiten aus über 30 Jahren. Nun will sie nach und nach reduzieren, loslassen. Wehmütig ist sie nicht, im Gegenteil, sie freut sich, wenn ihre Bilder auch später noch weiterleben, irgendwo. Gerade ist sie zurück von einer Ausstellung in Wien. Für Freunde und Bekannte aus den verschiedenen Gruppen, in denen sie sich engagiert, veranstaltet sie Dinners in ihrer Wohnung und legt die Werke auf. Zum Mitnehmen. «So ist schon einiges weggekommen», lächelt sie zufrieden.

    Schon als Kind fiel den Lehrer*innen ihr musisches Talent auf, das Malen und Schreiben ging ihr ring von der Hand. «Damals träumte ich noch davon, Sängerin zu werden», erinnert sie sich. Dennoch wusste sie schon zu jener Zeit, dass sie einmal ganz und gar der Malerei verfallen würde, wenn sie sich darauf einlassen würde. Denn den inneren Drang zu zeichnen und malen verspürte sie schon damals. Doch erst kam die Familie. Daneben besuchte sie stets Handwerkskurse bei der Viventa, vom Wasserschöpfen bis zum Körbeflechten. «Ich wollte diese Zeit nutzen, um alles andere zu lernen, denn wenn ich einmal male, mache ich nichts mehr anderes, das war mir immer klar», meint sie. Es war 1984, als sie zusammen mit einer Freundin anfing, bei einer Grafikerin Malstunden zu nehmen. Vier Jahre später verstarb ihr Mann. Es war eine schwierige Zeit für die Witwe, «am schlimmsten waren die Sonntage, wenn alle anderen bei ihren Familien waren», erinnert sich Bolliger. Das Malen habe ihr sehr geholfen, auch um eine Tagesstruktur zu haben, einen Grund morgens aus dem Bett zu kommen. Sie fühlte sich noch zu jung, um einfach zu Hause Däumchen zu drehen. «Ein Sonntagsjob war schliesslich meine Rettung», meint sie rückblickend. Er ermöglichte ihr auch auf Reisen zu gehen, eine weitere ihrer vielen Leidenschaften. «Ich musste zwar erst lernen, alles alleine zu machen, fand aber mit der Zeit auch Gefallen daran, weil man alleine einfach viel mehr erlebt».

    Malen im Zoo

    Bald füllten sich die Wochen mit verschiedenen Veranstaltungen, freiwilligen Einsätzen, Chorstunden, regelmässig organisierte sie Gesellschaften. Schliesslich entschloss sie sich bei der «Kunsti» vorzusprechen und wurde für die Wochenkurse zugelassen. 16 Jahre lang hat sie einmal in der Woche einen Kurs belegt und sich eine solide Ausbildung angeeignet. «Es fing mit einem Semester Farbenlehre an, danach zeichneten wir ein halbes Jahr lang Skelette, bevor wir ein Semester lang die Tiere im Zoo malten», erzählt die lebhafte Frau. «Ich ging zu den Menschenaffen. Nach einer Weile kannten sie uns, immerhin verbrachten wir einen ganzen Tag pro Woche vor ihrem Gehege. Einer der Orang-Utans zeigte sogar einen Anflug von Eitelkeit, denn er kämmte sich immer mit den Fingern die Haare, wenn er uns kommen sah». Nach den Tieren folgten endlich die Menschen, sie lernte das Aktzeichnen, überwiegend an weiblichen Modellen. Nach einigen Jahren beschloss sie, dass sie sich den Bäumen zuwenden wolle und verbrachte viel Zeit auf dem Platzspitz.

    PinUps für Frauen

    Mittlerweile blickt sie auf 34 Einzelausstellungen zurück, hauptsächlich in Paris, Wien und Salzburg, darunter eine im Zentrum Klus zum Thema «Rundes, Rundungen und rund um die Welt». «Auf meinen Reisen skizzierte ich immer wieder, was um mich herum geschah, so wie andere fotografieren», erzählt sie. «Das verbindet mich mit dem Maler Édouard Manet, der meinte <Je fais ce que je vois> – auch ich malte, was ich sah». Während einer Gruppenreise nach Indien wurde sie von einem Mann angesprochen, als sie gerade dabei war, etwas zu skizzieren. «Er fragte mich, ob ich ihn zeichnen würde. Und zwar nackt. Ich dachte mir, wieso nicht, versuchen kann ich es ja. Seine Frau, die ihn begleitete, meinte nur: «Er wäre sehr stolz ein Bild von sich zu haben». Er war sehr gutaussehend, ein Ebenbild der Figur David von Michelangelo. «Damals sah man selten Männerakte und ich fand: So einen schönen Körper darf man den Frauen doch nicht vorenthalten!», erzählt die Künstlerin lachend. Der Adonis wurde ihr erstes Modell und blieb es über lange Jahre hinweg. An ihren Ausstellungen erhielt sie immer öfter Anfragen von Männern, die sich zeichnen lassen wollten. Für einen fuhr sie sogar regelmässig nach Paris, um ihn zu porträtieren. Als der Galerist einer Ausstellung in Männedorf auf der Homepage verkündete, sie würde gratis Akt-Porträts zeichnen, reisten sechs Männer aus der ganzen Schweiz an. Es sei unglaublich gewesen, erzählt Bolliger und scheint noch immer leicht erstaunt darüber. Das Live-Porträtieren ist eine Marktlücke, davon ist die Malerin überzeugt. Sie erhielt auch Aufträge von Frauen, die zwar nicht den Mann vorbeischicken wollten, aber immerhin eine Fotografie einsandten, die sie zeichnen sollte. Damit liesse sich sicherlich ein Geschäft machen, aber da wolle sie jetzt nicht mehr einsteigen. «Ich habe es eine Zeit lang gemacht und war erfolgreich, wurde fast ein wenig berühmt damit». Heute seien die Menschen durch die Werbung aber schon recht an die männlichen Körper gewohnt, meint sie.

    «Vieles fiel mir in den Schoss»

    Das Reisen, das Malen, die vielen Begegnungen: Sie hat in den letzten 30 Jahren viele schöne Erinnerungen gesammelt. Einmal hing ein Bild von ihr im Kunsthaus, dass sie bei Rosina Kuhn für eine Caran-d’Ache-Ausstellung gefertigt hatte. Ihr persönliches Highlight, bei dem sie heute noch ins Schwärmen gerät, war eine Ausstellung im Pariser Viertel Montmartre. Gleich gegenüber der «Moulin de la Galette» durfte ich meine Werke präsentieren. Man stelle sich vor: Im renommiertesten Künstlerviertel überhaupt!» Immer wieder sagt sie, sie habe Glück gehabt, vieles sei ihr im richtigen Moment in den Schoss gefallen. Natürlich sei sie auch sehr offen dafür gewesen, neue Dinge auszuprobieren. Ob sie denn keine Berührungsängste gehabt habe, nackte Menschen zu malen? «Ach», meint sie lachend, und winkt ab, «in der Schule haben wir so viele Nackte gesehen. Es ist vielleicht unanständig, das zu sagen, aber man sieht sie nicht mehr als Menschen, sondern als Objekt. Man spricht über die Proportionen der Figur, nicht über die Person. Das muss so sein.
    Im Leben einer Malerin gäbe es verschiedene Phasen, sagt Heidi Bolliger zum Schluss. Erst habe sie Häuser gemalt, dann Bäume, Gläser, Landschaften und irgendwann schliesslich menschliche Figuren. Heute aber habe der Drang, alles zeichnerisch festzuhalten, nachgelassen. Auch diese Phase scheint jetzt ein Ende zu haben. Jedoch nicht, ohne durch etwas Neues ersetzt zu werden: Gerade entdeckt sie das Tanzen für sich.

    Heidi Bolliger stellt ihre «Menschenbilder» im Tertianum Im Brühl aus. Vernissage: Samstag, 13. Oktober, 14 bis 16 Uhr. Danach jeden Tag von 10 bis 20 Uhr. Tertianum Im Brühl, Kappenbühlweg 11.

  • In Öl gebanntes, pures Licht

    In Öl gebanntes, pures Licht

    «Ich bin kein lauter Maler und kann mich selbst nicht gut verkaufen.» Das ist etwas vom Ersten, was Heiner Fierz sagt, als ihn der «Höngger» in seinem Atelier unterhalb der Hohenklingenallee besucht, wo er seit 20 Jahren zu Hause ist. Klein ist hier alles und wohl verstaut, doch Fierz malt ohnehin meistens draussen, vor Ort, mitten im Licht, das er so treffend einzufangen weiss. Vielleicht eine Reminiszenz an seine Jugend in Au-Wädenswil, wo er 1957 als Sohn einer Bauernfamilie zur Welt kam und aufwuchs? Das Zeichnen entdeckte er dort in der Sekundarschule und blieb ihm auch in der Mittelschule und später als Elektroingenieur ETH treu. Diese erste Berufswahl war jedoch ein Vernunftsentscheid, der ihn nie glücklich machte. Also entwickelte er sich weiter, fand in den grafischen Bereich und später über seine Liebe zur Sprache zur Arbeit als Korrektor, seinem heutigen «Brotjob», wie er es nennt, der ihm aber auch ein guter Ausgleich zur Malerei sei.
    Erste Gehversuche als Kunstmaler machte Fierz mit der Airbrush-Technik. Dann wechselte er zu Öl und Pinsel, was er viel persönlicher fand. Das liegt rund 30 Jahre zurück. Seither malt er in Öl. Immer mehr. Und intensiver. Landschaftsmotive prägen sein umfangreiches Werk, zwischendurch auch Porträts. Fierz malt in dezenten, nicht aufdringlichen Farben, mit denen er das Licht Südfrankreichs einfängt, sogar auf Motiven aus Zürich. Er schmunzelt über diese Beschreibung: «Ich bin tatsächlich oft in Südfrankreich, das Licht dort ist wirklich fantastisch. Wenn man mit Licht und Schatten in einem Bild etwas übertreibt und ‹in die Farben› geht, dann weicht auch in Zürich das Grau, alles wird hell und leicht.»

    Zürich liegt in Frankreich

    Das zeigt vielleicht am besten ein Bild, das im kleinen Atelier ins Auge sticht. Es zeigt eine Szene in einer französischen Stadt am Meer: Lichtdurchflutet leicht, imposante Gründerzeitbauten im Hintergrund, ein Strassencafé mit Sonnenschirmen, spielende Kinder, und im Vordergrund wiegen sich sanft angedeutete Wellen an einen flachen, warmen Sandstrand – bis Fierz nebenbei bemerkt, das sei der Sechseläutenplatz. Himmel, natürlich: Da ist tatsächlich das Opernhaus, und da, das ist der Pavillon des Parkhauslifts, und das ist kein Strand, sondern der freie Platz. Plötzlich liegt Zürich in Frankreich.
    Natürlich spricht man bald über den Impressionismus. Fierz sagt, «impressionistisch» sei ihm stets ein Kompliment gewesen, doch heute finde er seine Bilder in diesem Begriff nicht so richtig wieder. Ja, Fierz malt nicht naturalistisch, aber sehr wohl gegenständlich. Er vereinfacht Formen eher mit Flächen als mit Strichen, Verläufe fehlen völlig, alles ist zoniert, und so entstehen mit einfachsten Pinselstrichen Eindrücke von Räumen und Gegenständen.
    Eindrücke, die den Betrachtenden binden. Auch nach Jahren. «Manchmal kommen Leute an meine Ausstellungen, die früher schon ein Bild gekauft hatten», erzählt der Künstler, «sie erzählen mir, wie viel Freude sie noch immer daran haben.» Das sei ihm die schönste Anerkennung. Eine, die ihm sonst als «60-jähriges Jungtalent», wie er sich selbst nennt, bis heute versagt blieb. Doch Fierz weiss, dass Kunst und Kunstmarkt «zwei Paar Schuhe» sind. Doch er müsse ja nicht, sondern dürfe malen, sagt er zum Schluss bescheiden – und erwähnt ganz nebenbei, dass er auf der Liste der Porträtmaler für Regierungsratsmitglieder sei, bisher aber noch nicht von einem zurücktretenden Mitglied ausgewählt worden sei. Eine Anerkennung, die er bestimmt nicht ablehnen würde.

    Heiner Fierz, Ölbilder, «Stadtsichten – Stadtfluchten – Stadtleben»
    Donnerstag, 19. April, bis Donnerstag, 30. August, im Infozentrum und den Redaktionsräumen des «Hönggers» am Meierhofplatz 2. Öffnungszeiten Montag bis Freitag während Bürozeiten oder auf Anfrage.
    Vernissage: Donnerstag, 19. April, 17 bis 20 Uhr in Anwesenheit des Künstlers.