Kategorie: Kunst

  • Nach 55 Jahren Kunst bleibt die Sehnsucht nach Harmonie

    Nach 55 Jahren Kunst bleibt die Sehnsucht nach Harmonie

    Eigentlich war es Zufall, dass Jürg Treichler überhaupt mit dem Malen begann. Der damalige Primarlehrer kritzelte während einer Sitzung vor sich hin. Ein Kollege schaute die Zeichnung an und kaufte sie ihm gleich ab. Kurz darauf malte Treichler eine Winterlandschaft und zeigte sie seinem Vater. Dieser hielt das Bild zuerst für ein Werk des bekannten Thurgauer Malers Adolf Dietrich.

    Vom Malen leben wollte und konnte Treichler nie. Neben seiner Arbeit als Lehrer und später bei einer Suchtpräventionsstelle reduzierte er sein Pensum bewusst, damit genügend Zeit fürs Zeichnen und Malen blieb. Sein Atelier befindet sich mitten in seiner Wohnung in Wipkingen. Lange arbeitete er dort vor allem mit Gouachefarben. «Ölfarben riechen in der Wohnung doch etwas intensiv», schmunzelt er.


    Treichler posiert vor seinem Lieblingsbild. Es zeigt eine Szene aus Hamburg und hing lange in seinem Wohnzimmer. (Foto: Jasmine Osterwalder)

    Die wohl letzte Vernissage

    Nun könnte die Ausstellung in der Kronengalerie an der Froschaugasse 3 seine letzte sein. Bereits zum dritten Mal stellt er dort aus. Gemeinsam mit dem Galeristen und weiteren Helfenden richtete er die Ausstellung ein. Dafür stand Treichler schon frühmorgens um fünf Uhr auf. «Ich merke, so eine Ausstellung ist ein grosser Stress», sagt der 83-Jährige und lacht. Altersbedingt werde es wohl die letzte Vernissage bleiben.


    Bereits zum dritten Mal stellt Jürg Treichler seine Werke in der Kronengalerie aus. (Foto: Jasmine Osterwalder)

    Der Titel der Ausstellung kommt nicht von ungefähr. «Noch bleibt die Sehn-Sucht nach Harmonie» sei auch ein Blick auf die heutige Weltlage. «Ich will das Gute bewahren. Es wäre schön, wenn es so bleibt», sagt Treichler. Das Malen helfe ihm, den Alltag zu verarbeiten. Gleichzeitig spricht er von seiner «Sucht» nach dem Malen. Kaum sei ein Bild fertig, beginne im Kopf schon das nächste.

    Wipkingen als Inspirationsquelle

    Inspiration findet Treichler immer wieder direkt vor der Haustüre. Das Wipkinger Viadukt oder das frühere Milchhüsli hat er schon mehrfach festgehalten. Auch an der Limmat oder im Zürcher Niederdörfli entdeckt er laufend neue Sujets. «Ich probiere Dinge festzuhalten, die es irgendwann nicht mehr gibt», erzählt er und nennt als Beispiel den früheren Saftladen im Niederdörfli.

    Doch nicht nur Zürich findet Platz auf seinen Bildern. Auch verschiedene Städte oder die Provence tauchen immer wieder auf. Ein Bild aus Hamburg liegt ihm besonders am Herzen, auch weil seine Frau aus Bremen stammt. Lange Zeit hing das Werk im eigenen Wohnzimmer.

    Der Stil wurde mit den Jahren schwungvoller

    Treichler malt Menschen, Landschaften und Alltagsszenen. Über die Jahre wurde sein Stil immer freier und schwungvoller. Besonders geprägt habe ihn der Zürcher Künstler Henri Schmid, dem er sich in einem Männer-Zeichenclub anschloss. Auch mit Tusche experimentierte Treichler viel in seinen Notizbüchern. «Früher hätte ich vieles zuerst mit Bleistift vorgezeichnet und wieder radiert», sagt er. Heute arbeite er direkter und spontaner. Sein Stil wurde von seinem Freund scherzhaft als «präexpressionistischer Treichler-Impressionismus» beschrieben.

    Ein treuer Bewunderer

    Dass Treichlers Bilder die Menschen berühren, zeigte auch die gut besuchte Vernissage. So viele Leute habe er nicht erwartet, sagte Treichler gerührt. An der Vernissage sprach Beat Thöny, ein Freund Treichlers Malerei. Aufgefallen seien ihm Treichlers Bilder zweier unterschiedlichen Ansichten der Spiegelgasse vor etwa 20 Jahren in einem Schaufenster. Weil er sich damals nicht entscheiden konnte, erwarb er kurzerhand beide.: «Ich wollte damals kein Werk von ihm kaufen, sondern zwei.» Mittlerweile besitzt er mehrere Bilder des Wipkinger Künstlers.

  • In Bildern versinken

    In Bildern versinken

    Der Blick schweift in die Ferne, in eine Landschaft irgendwo im Norden – vielleicht. Da ist ein See, ruhig und flach, ganz im Gegensatz zu den Hügeln und Bergen, die sich in Wellen zum Horizont ziehen. Es handelt sich um eines der Bilder des Höngger Malers Louis Lang, welches seit Mitte Juni in der Residenz im Brühl zu entdecken ist.

    Die Ausstellung erinnert an den Künstler, der im Dezember 2016 verstarb. Seine Ehefrau Franziska Lang-Schmid kümmert sich seither um das künstlerische Erbe, und sie war es auch, die an der Vernissage die zahlreichen Gäste begrüsste.

    Für die musikalische Unterhaltung sorgte der Jazz Circle Höngg – das kommt nicht von ungefähr: Louis Lang war ein grosser Musikliebhaber und amtete einst als Vorstandsmitglied im Höngger Jazzverein. Doch bevor sich die Kunstinteressierten den Werken bei einem Glas Wein widmen konnten, hielt Franziska Lang-Schmid eine kurze Ansprache und hob die Stille hervor, die manche der rund 30 Bilder ausstrahlen, welche noch bis Ende September die Wände im grosszügigen Eingangsbereich der Altersresidenz schmücken (die «Höngger Zeitung» berichtete). Weiter bedankte sie sich bei der Residenz Im Brühl und deren Leiter Beat Schmid für die Möglichkeit der Ausstellung.

    Für den guten Zweck

    Die Bilder – sowie weitere, die in einem Katalog zu sehen sind – können auch erstanden werden: Die Preise sind fair und der Nettoerlös geht an «Médecins Sans Frontieres» (MSF). Die Hilfsorganisation leistet dort medizinische Hilfe, wo Menschenleben bedroht sind. Sei es durch Naturkatastrophen, bewaffnet Konflikte oder Epidemien.

    Nach einer Zugabe des Jazz Circles mit «When The Saints Go Marching In» strömten die Gäste aus, um die Werke von Louis Lang zu erleben. «Die Vielfalt seiner Sujets ist Ausdruck einer reichen, lebendigen Seele», schrieb Franziska Lang-Schmid bereits in der Einladung.

    Das eingangs erwähnte Bild, das träumerisch in die Ferne schweift, kontrastiert mit farbenfrohen Blumensujets. Ein weiteres Stillleben ist gänzlich in tiefdunklem Blau gehalten, während ein anderes Werk etwas kontrovers aufgenommen wurde: Es zeigt die Szene einer Bar, in deren Mitte sich eine Dame – das Vorbild dürfte Marilyn Monroe gewesen sein – in der Pose eines Models präsentiert. So oder so, die Betrachtenden versanken in den Bildern.

    Es war eine lebhafte Vernissage sowie ein Zusammentreffen von ehemaligen Weggefährt*innen, die sich liebevoll an Louis Lang erinnerten.

    Ausstellung: Erinnerungen an den Höngger Maler Louis Lang

    Bis 30. September, täglich, 10 – 20 Uhr in der Residenz Im Brühl,
    Kappenbühlweg 11.

    Verwandter Artikel: Ein Rendevous mit der Stille

  • Höngger Künstler zeigt «Life & Death»

    Höngger Künstler zeigt «Life & Death»

    Die Bezeichnung «Immersiv» leitet sich vom Wort «Immersion» ab, welches das Einbetten oder auch das Eintauchen in eine andere Welt bedeutet. Das verspricht die Rhyality Immersive Art Hall in Neuhausen beim Rheinfall. Auf 800 Quadratmetern ermöglicht dort ein Videosystem mit 28 Projektoren und 90 Lautsprechern das Eintauchen in eine andere Realität.

    Nun stellt der Höngger Künstler Martin Baumann dort bis im Herbst unter dem Motto «Life & Death» seine Bewegtbilder vor. Baumanns imposante Bilder, voller Farben und Formen, sind auf den ersten Blick nicht als das zu erkennen, was sie wirklich sind: Sie zeigen, wie sich diverse Tabletten im Wasser auflösen. Beim Zergehen entfalten sich die pharmazeutischen Produkte in einer kaum vorstellbaren Pracht.

    So entstehen Bilder von surrealer Schönheit – die niemals ganz vergessen lassen, wie eng das Leben und der Tod miteinander verwoben sind. Diese Impressionen in der schweizweit einzigartigen Installation in Neuhausen zu erleben, gleicht einem Abenteuer.

    Positive Emotionen  

    Der Anfang von Baumanns Videografie mit Tabletten beruht auf einem puren Zufall, als ihm eine Pille ins Glas fiel. Erst im Anschluss sah er im Internet, dass sich auch schon andere damit befassten. Der Vorgang hinterliess eine Faszination und positive Emotionen, sodass er seitdem ebenfalls mit Pillen arbeitet. Der Mensch bleibe in seinen Bildern trotz bahnbrechender Fortschritte in der Medizin stets im Mittelpunkt, das wolle er mit «Life & Death» zeigen.

    Life & Death bei Rhyality Immersive Art Hall

    «Mein Beitrag hilft, um unsere Kunst- und Kulturlandschaft mit einer weiteren eindrücklichen audiovisuellen Darbietung zu bereichern», schreibt Baumann auf seinem YouTube-Profil.

    In der Halle werden in Rotation mit dem Werk von Baumann noch weitere Filme gezeigt, in die sich ein Eintauchen lohnt, etwa  «Rheinfall in vier Jahreszeiten» und «Märchen Teil 1 & 2».

    Der Besuch in Neuhausen – mit der S-Bahn ab Zürich direkt zu erreichen – lohnt sich daher: Zuerst die Naturgewalt des mächtigen Rheinfalls erleben, dann in die fantastischen Bilderwelten der Rhyality Immersive Art Hall eintauchen.

    Rhyality Immersive Art Hall

    Industrieplatz 1, Halle 1, SIG Areal
    8212 Neuhausen am Rheinfall
    Details und Tickets: rhyality.com

  • «Spiegelungen» in Höngg

    «Spiegelungen» in Höngg

    Das Centro Cultural Hispanoamericano, das sich der Förderung und Verbreitung von Kunst und zeitgenössischer Literatur aus Lateinamerika widmet, konnte nach langer Zeit wieder eine Ausstellung auf die Beine stellen. Ziel ist es, jedes Jahr verschiedenen Künstlern und Schriftstellern eine Plattform zu bieten. Ende Juni lud die Leiterin Marta Elizondo das Künstlerpaar Sophia Keller und Manuel Girón in die Räumlichkeiten an der Riedhofstrasse ein. Alle drei präsentieren die Ausstellung «Spiegelungen». An der Vernissage hiess Elizondo ihre Gäste herzlich willkommen. Sie freute sich, die «eingefangenen Augenblicke» endlich präsentieren zu können.

    Poesie im Bild

    Von Elizondo sind Fotografien mit Texten zu sehen – Poesie im Bild, wie sie es nennt. «Poesie kennt man meist aus Büchern, und ich versuche mittels Fotografien den Zugang zu meinen Texten zu vermitteln», sagt sie. Die Bilder sind in spanischer und deutscher Sprache zu erleben, mit Titeln wie «Mystische Gegenwart» oder «Mit Musik in der Seele».
    Dazu gesellen sich die Fotoarbeiten der Künstlerin Sophia Keller Girón. Sie stellt verschiedene Arten von Werken aus: Da sind ihre «Stoffe, die Geschichten erzählen», welche das textile Schaffen der Maya in Guatemala mit digitaler Fotografie verbinden, die «City Tattoos» mit perforierten Fotocollagen, «Vorhang auf», eine Hommage an das St. Galler-Textilschaffen, sowie «Organic» mit seinen vielfach gewaschenen Damast-Betttüchern, welche bestickt sind.
    Manuel Girón hingegen setzt bei der Ausstellung ganz auf Bilder und Aquarelle. Er bezeichnet sich als «multidisziplinärer Künstler», der in verschiedenen Kunstformen reüssierte. Für «Spiegelungen» zeigt er zarte Gemälde, die beim Betrachten zu Lichtquellen werden. Sie tragen Titel wie «Lavendelfeld», «Frühling» und «Abenddämmerung».
    Die Werke aller drei Kunstschaffenden bilden ein grosses Ganzes. Es sind «Spiegelungen», welche behutsam vereinnahmen können.

    Spiegelungen

    Centro Cultural Hispanoamericano
    Marta Elizondo – Sophia Keller
    Girón – Manuel Girón
    Bis Samstag, 9. Juli, Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr.
    Finissage: Samstag, 9. Juli, 16 Uhr.
    Riedhofstrasse 354

  • Vom Stoffmuster entwerfen zum Malen auf Jute

    Vom Stoffmuster entwerfen zum Malen auf Jute

    «Mein Sekundarlehrer meinte, ich solle studieren, an die Kunsthochschule würde ich es ohnehin nicht schaffen», erzählt Heidi Dürst, und ihre Augen blitzen spöttisch hinter den runden Brillengläsern. Unschwer zu erraten, wer danach die Aufnahmeprüfung für den Vorkurs bestand, und dies ohne Vorkenntnisse in perspektivischem Zeichnen, ein Fach, das damals den Jungen vorbehalten war. Geboren am 10. Januar 1938 und am Fusse des Uetlibergs aufgewachsen, waren ihr schon als Kind zwei Dinge klar: Erstens sollte ihr Beruf einmal mit Zeichnen zu tun haben und zweitens würde sie auf keinen Fall in einem Büro arbeiten. Von ihrem Vater, einem Feinmechaniker, hatte sie das gestalterische Talent geerbt und von der Mutter, die eine schwierige Kindheit durchlebt hatte, den starken Willen und die Wehrhaftigkeit. Gerne hätte Dürst die Kunstschule absolviert, doch das Geld der Familie reichte nur für den Vorkurs. Also bewarb sie sich erst als Grafikerin, wo man der damals noch schüchternen, jungen Frau nicht zutraute, sich gegen die Kunden durchsetzen zu können. Stattdessen fand sie eine Lehrstelle als Dessinatrice. Sie entwarf Muster für den Stoffdruck. «Eigentlich wäre ich gerne Modedesignerin geworden, aber dafür musste man erst die Damenschneiderausbildung machen – und die Handarbeitsschule war mir immer ein Gräuel», lacht die stets elegant gekleidete Dame. Nach der vierjährigen Lehre zog es sie nach Kent, England, wo sie auf einem Landgut arbeitete und Englisch lernte. Auf dem Hof gab es viele Tiere und einen grossen Klostergarten, wenig Freizeit, aber die Familie war sehr nett. Gerne wäre sie im Norden geblieben, doch zu dieser Zeit erhielten Ausländer*innen keine Arbeitsbewilligungen. Bevor sie wieder abreiste, durfte sie ein Tor für den Garten entwerfen – das schmideiserne Werk steht heute noch.

    Für den Textilhandel nach Asien

    Zurück in der Schweiz musste sich die mittlerweile fast 30-Jährige nach einer neuen Arbeit umsehen und kam dabei nicht umhin, sich kaufmännisch weiterzubilden. Das Büro, in das sie nie wollte, wurde schliesslich doch ihr Arbeitsort. Doch das Thema Textil blieb: Sie heuerte bei einer internationalen Handelsfirma an, welche damals unter dem Namen Sieber-Hegner mit allerlei Waren handelte, darunter auch mit textilen Rohstoffen wie Rohseide, Rohbaumwolle und Kunstfasern. Obwohl sie bereits in der Lehre, aber auch in späteren Anstellungen selbstständig hatte arbeiten dürfen, wurde sie in diesem hierarchischen Betrieb wieder zur Protokollschreiberin und Befehlsausführerin degradiert – wie die meisten Frauen zu dieser Zeit. «In der Probezeit hätte ich am liebsten gekündigt», erinnert sie sich. «Doch ich war nicht mehr das schüchterne Mädchen von früher, sondern wehrte mich und hatte das Glück, dass es einen Vorgesetzten gab, der mich förderte», so Dürst. Als er pensioniert wurde, wollte sie seine Aufgabe übernehmen – er war verantwortlicher Einkäufer von Seide in China und Japan. Doch das wurde ihr anfänglich verwehrt. Als sich kein Mann finden liess, der sowohl Textil- als auch kaufmännische Kenntnisse mitbrachte, kriegte sie den Job schliesslich doch. Von da ab reiste sie zweimal jährlich nach Asien. «Im kommunistischen China waren viele Führungspositionen auch von Frauen besetzt, das war sehr interessant und auch ungewöhnlich, wenn man aus der Schweiz kam». Anfänglich war es nicht möglich, mit den Stoffhändlerinnen über private Dinge zu sprechen, weil immer jemand von der Partei anwesend war. Mit den Jahren wurde jedoch eine leichte Öffnung spürbar und die Frauen gaben mehr von sich preis, erinnert sich Dürst. Tagsüber verhandelte sie mit den Produzentinnen, abends schickte sie die Verträge mit dem Fax in die Schweiz. Viel gelernt habe sie in diesen Jahren, und als man ihr endlich die Prokura ausstellte, konnte sie sich freier bewegen und Entscheidungen selbstständig treffen, so wie sie sich das gewünscht hatte. «Früher hiess es immer, dass Frauen keine Verantwortung übernehmen wollen», meint Dürst mit einem spöttischen Unterton, «Es war doch wohl eher so, dass man sie uns einfach nicht geben wollte». Nach einiger Zeit sollte sie auch den Markt in Indien für den Rohstoffhandel berücksichtigen. Ein Land, das sie zuvor nicht wirklich interessiert hatte und vor dem man sie gewarnt hatte – «viel zu gefährlich für eine Frau». Bei ihrem ersten Besuch verliebte sie sich in dieses «wunderbare Land» mit seinen gastfreundlichen Menschen, in die Farben, die Landschaften und das Essen. Sie kehrte später einige Male dahin zurück. «Diese Jahre im Textil-Einkauf waren die spannendste Zeit meines Lebens», meint Dürst mit leuchtenden Augen.

    Genug ist genug

    Inzwischen hatten die Webereien und Spinnereien in der Schweiz ihre Produktion jedoch längst ins Ausland verlagert und ihre Fabriken in der Schweiz geschlossen. Die einst so erfolgreiche Textilindustrie war untergegangen. Den Beruf, den sie ursprünglich gelernt hatte, gab es gar nicht mehr. Mit 56 Jahren sagte man ihr, es gäbe keine Arbeit mehr für sie, ein Mitarbeiter aus Mailand werde künftig die Einkäufe in Asien erledigen. Stattdessen bot man ihre eine Stelle in der Abteilung für Hundefutter, «die Promotionen selber waren nichts für mich, dieses offensive Verkaufen-Müssen», sagt die zierliche Künstlerin, «aber ich konnte auch die Promotionsbroschüren und -Blätter gestalten, da war ich wieder in meinem Element». Dennoch hiess es nach einer Weile – es war gerade Weihnachten – die Angestellte sei zu teuer, es gäbe keine Anstellung mehr für sie. Als allerletzte Möglichkeit wurde sie noch in eine Abteilung für Nahrungsmittel und Chemie verschoben. Nach einem schwierigen Jahr mit sehr schlechten Erfahrungen sagte sich die wehrhafte Frau: «Nein, das tue ich mir nicht länger an» und liess sich ein Jahr vorzeitig pensionieren.

    Das Malen auf Jute für sich entdeckt

    «Während der Berufstätigkeit war das Zeichnen etwas in den Hintergrund geraten, ich hatte einfach weder Zeit noch Musse dazu, und wahrscheinlich fehlte mir auch etwas der Mumm». Doch nach der Pensionierung konnte sie ohne Schwierigkeiten wieder dort anknüpfen, wo sie als junge Frau aufgehört hatte. Die Grundlagen hatte sie an der Kunstgewerbeschule gelernt, nun wollte sie alles noch einmal ausprobieren und herausfinden, was ihr am besten behagt. Sie besuchte Malkurse und -Ferien und sog alle Eindrücke auf wie ein Schwamm. «In diesen Kursen lernt man so vieles, von Leiter*innen und anderen Teilnehmer*innen», sagt sie und strahlt. Vor etwas mehr als einem Jahr konnte die Künstlerin einen Raum im Haus, in dem sie wohnt, dazu mieten. Mit Hilfe ihrer Patentochter hat sie dort ihr Atelier eingerichtet und ein Regal aufgebaut, in dem ihre vielen Bilder Platz finden. Nun ist das Malen wieder in den Mittelpunkt ihres Lebens gerückt. Wenn sie reisen, sich mit anderen Menschen austauschen und Neues dazu lernen kann, ist Heidi Dürst glücklich. Eine persönliche Offenbarung war das Malen auf Jute, welches sie an einem Malkurs in einem Kunstatelier an der Langstrasse zum ersten Mal ausprobierte. Das Arbeiten mit dem Spachtel auf dem groben Stoff entspricht Dürst sehr, auch wenn sie daneben auch durchaus feine Bilder aus Aquarell und Acryl malt, die in der Ausstellung zu sehen sind. Als junges Mädchen entwarf sie Muster für grosse Webereien, heute malt sie wieder auf Textil. So könnte sich der Kreis schliessen, aber ein Ende ist glücklicherweise noch lange nicht in Sicht.

    Die Bilder von Heidi Dürst sind noch bis zu den Sommerferien in den Redaktionsräumen der Höngger Quartierzeitung am Meierhofplatz 2 zu sehen. Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr.

  • Mit Leidenschaft die Welt verändern

    Mit Leidenschaft die Welt verändern

    Aufgewachsen bin ich in Mexiko, mitten in Mexiko-City. Die Familie meiner Mutter stammte ursprünglich aus dem Libanon, mein Vater war Mexikaner, wir sind eine ziemlich multikulturelle Familie. Ich kann jedoch nicht behaupten, dass ich mich wirklich als Mexikanerin fühle, auch wenn ich das Land, das Essen, die Menschen und die Natur dort liebe. Doch generell halte ich es für seltsam, wenn man sich über eine Nationalität definiert – ich bin einfach ich, ein Individuum mit seiner eigenen Geschichte, das irgendwo auf der Welt geboren ist.
    In Mexiko habe ich meine Kindheit und Schulzeit verbracht und anschliessend ein Studium in Bildender Kunst abgeschlossen. Vor 18 Jahren, damals war ich 22, starb mein Bruder und ich hielt es zu Hause nicht mehr aus, wollte weg, möglichst weit weg, um den Verlust verarbeiten zu können. Weil er selbst an einer Behinderung gelitten hatte, war es mir sehr wichtig, ein Kind zu betreuen, das auch eine Behinderung aufwies. In Paris erhielt ich die Chance, als Au-pair in einer Familie leben und arbeiten zu können. Das war sehr lehrreich und intensiv, gleichzeitig aber auch eine äusserst traurige Zeit. Nach einem Jahr kehrte ich zurück nach Mexiko, weil ich Heimweh hatte, doch schon bald zog es mich wieder nach Paris, diesmal an das renommierte Gymnasium Henry IV als Spanischlehrerin.
    Während dieser Zeit lernte ich nicht nur Carlos, meinen Partner, sondern auch die Schweiz kennen. Und bei Carlos wie auch bei Zürich, war es für mich Liebe auf den ersten Blick: ich wusste, dieser Mann wird meine Familie sein, sobald ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Keine Ahnung, ob er das auch sofort wusste, aber auf jeden Fall sind wir seither zusammen. Und als ich ihn dann einmal in Zürich besuchte, war mir klar, dass ich hier leben möchte. Ich sagte zu ihm: «Sorg dafür, dass Du in Zürich ein Doktorat finden kannst». Gesagt, getan, er fand eine Stelle an der ETH und seit acht Jahren leben wir nun hier in Höngg.
    Es gibt neben der Wahl des Wohnorts und des Partners noch eine dritte richtungsweisende Entscheidung in meinem Leben, die ich sehr spontan getroffen habe: der Entschluss, mich vegan zu ernähren. Vegetarierin bin ich eigentlich schon den Grossteil meines Lebens; meine Mutter erzählt sogar, dass ich bereits als Baby Fleisch immer ausgespuckt habe. Doch in Mexiko war der gesellschaftliche Druck, Fleisch zu essen, so gross, dass ich erst nach meinen Aufenthalten in Paris dazu bereit war, mich zum Vegetarismus zu «bekennen». Der Schritt zum Veganismus geschah dann erst einige Jahre später, nachdem ich in einer Kunstinstallation ein Video gesehen hatte, in dem ein Schaf geschächtet wurde. Dieser Film hat mich dermassen bewegt und verstört, dass mich ein Freund fragte, warum ich eigentlich keine Veganerin sei. Offen gesagt wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, was das bedeutet – doch schon am gleichen Abend war für mich klar, dass dies mein Weg sein wird. Das ist nun sechs Jahre her, seither sind Carlos und ich Antispeziesisten und verzichten komplett auf den Konsum von Tierprodukten. Und weil es mich beschäftigte, dass ich so wenig über die Nahrungsmittelproduktion und das damit verbundene Tierleid gewusst hatte, begann ich, mich weiterzubilden und aktiv zu werden. Ich kündigte meinen Job in einem Kinderhort, obwohl ich die Arbeit mit Kindern sehr schätze, um mich für meine Ideale einsetzen zu können.
    Wir begannen, an Demonstrationen teilzunehmen, Flugblätter zu verteilen, Leute zu informieren. Einmal wöchentlich stellten wir uns mit Freunden vor den Schlachthof in Zürich, um gegen das Unrecht, das den Tieren dort angetan wird, friedlich zu demonstrieren und uns von den Tieren zu verabschieden. In diesem Zusammenhang lernte ich auch Michele kennen, die zu einer sehr guten Freundin wurde. Gemeinsam wollten wir mehr erreichen und noch intensiver daran arbeiten, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen. Also gründeten wir «Fairändern». Wir sammeln Secondhand-Kleider, bedrucken sie mit politischen Statements und verkaufen sie – oder animieren die Leute, ihre ausgedienten Kleider mitzubringen und sie bedrucken zu lassen. Auch vegane Kosmetik und nachhaltige Schuhe gehören zu unserem Angebot. Nach einer Startphase ohne festen Laden haben wir vor einem Jahr ein Atelier im «Fogo» in Altstetten gemietet und verkaufen hier unsere Produkte.
    Doch nach diesem ersten intensiven Jahr muss ich nun erkennen, dass das Projekt meine Kapazitäten übersteigt. Weil ich mich immer zu 100 Prozent der Sache widme, die mir wichtig ist, habe ich in den vergangenen Monaten – neben meinem «normalen» Job – mehr als 40 Stunden pro Woche in das Projekt investiert und dabei andere Bereiche meines Lebens vernachlässigt. Ich habe kaum mehr Zeit für meine Partnerschaft und meine Kunst, die ich als Ausgleich brauche, und auch meine Gesundheit leidet unter der Belastung. Deshalb habe ich nun schweren Herzens entschieden, den Laden wieder aufzugeben und das Projekt in einem kleineren Rahmen weiterzuführen. Das ist einerseits traurig, weil ich spüre, dass wir etwas erreichen können, andererseits bin ich davon überzeugt, dass sich immer dann, wenn sich irgendwo eine Türe schliesst, an einem anderen Ort eine Türe öffnet. Und tatsächlich, schon jetzt öffnen sich wieder neue Türen: So habe ich die Möglichkeit erhalten, gemeinsam mit einer Kuratorin eine Kunstausstellung zum Thema «Klimawandel» zu gestalten. Damit kann ich endlich wieder im Bereich «Museologie» arbeiten, ein weiterer Schwerpunkt in meinem Leben, der bis anhin zu kurz gekommen ist. Und mit dieser Ausstellung habe ich die Möglichkeit, noch mehr Leute mit dem zu erreichen, was mir am Herzen liegt.

    In diesen monatlichen Beiträgen werden ganz normale Menschen aus Höngg porträtiert: Man braucht nicht der Lokalprominenz anzugehören und muss auch nicht irgendwelche herausragenden Leistungen vollbracht haben, nein, denn das Spezielle steckt oft im scheinbar Un-scheinbaren, in Menschen «wie du und ich».
    So funktioniert’s: Die zuletzt porträtierte Person macht drei Vorschläge, an wen der Stab der Porträt-Stafette weitergereicht werden soll. Die Redaktion fragt die Personen der Reihe nach an und hofft auf deren Bereitschaft. Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögliche Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.

  • Kunstwerk vor Raiffeisen wird entfernt

    Kunstwerk vor Raiffeisen wird entfernt

    Seit der Eröffnung der Raiffeisenbank Zürich-Höngg im Jahr 2014 wurde der Notwasserbrunnen mit einem Kunstwerk ergänzt und aufgewertet. Das Kunstwerk beinhaltet den in die Höhe gerichteten, rosafarbenen Quader in unmittelbarer Nähe der Sitzskulptur. Infolge anhaltender Beschädigungen des Quaders, mehrmaliger Schmierereien und wegen witterungsbedingter Flecken hat sich die Raiffeisenbank Zürich entschieden, das Kunstwerk abzubauen.

    Selbstverständlich möchte die Raiffeisenbank der Höngger Bevölkerung den Platz mit einer Alternative wieder präsentieren. Verschiedene Diskussionen bezüglich der Umgestaltung des Platzes sind im Gange. Die definitive Lösung sollte bis im ersten Quartal 2020 realisiert sein.

    Anmerkung der Redaktion: Vielleicht könnte die Raiffeisenbank die goldene Zwingli-Statue ersteigern, die doch einigen gefallen zu haben scheint.

  • Mit viel Fingerspitzengefühl provozieren

    Mit viel Fingerspitzengefühl provozieren

    Cindy war im achten Monat schwanger, mit ihrem Mann Leo sass sie inmitten einer Geburtstagsgesellschaft in einem grossen Garten. Es war Hochsommer und sie schwitzte in ihrer dicken weissen Strumpfhose, die sowieso nicht recht zu ihrem schönen Seidenrock und den hohen silbernen Schuhen passen wollte. Aber als sie sie ausziehen wollte, brüllte Leo sie an: «So bekommst du bloss wieder eine Blasenentzündung!». Manche der anderen Gäste fingen an, sich einzumischen – da wurde Leo noch wütender. Das stinke ihm alles sowieso, rief er aus, «jetzt kommt dieser Goof zur Welt und ich muss meinen Porsche verkaufen!» Viele der Gäste waren schockiert, aber manche von ihnen gaben Leo Stützhilfe.
    Das war der erste Anlass, an dem ich unsichtbares Theater spielte, vor 30 Jahren. Ich bin Schauspielerin, und damals hatte mich ein Schauspielkollege angefragt, ob ich mit ihm unsichtbares Theater spielen würde. Zwar war ich an jenem Fest tatsächlich schwanger mit meinem ersten Kind, aber die Charaktere von Cindy und Leo hatten wir komplett erfunden.
    Unsichtbares Theater geht auf einen brasilianischen Theaterautor zurück. Man wird an Geburtstagen, Hochzeiten oder ähnlichen Anlässen engagiert, um zu spielen, wobei meist nur der oder die Gastgeber*in weiss, wer man wirklich ist. Von den ungefähr 2 000 Auftritten, die mein Schauspielpartner und ich seit jenem ersten gehabt haben, war jeder anders, aber es war immer fantastisch.
    Ich habe nebst Cindy mehrere Figuren und in welche Rolle ich schlüpfe, kommt sehr auf den Anlass an. Aber ob mein Kollege und ich nun ein verschrobenes Ehepaar oder komische Kellner spielen, es geht immer darum, Dinge zu tun, die man sonst nicht tut. Im unsichtbaren Theater provoziert man, diskutiert mit den Gästen, baut so langsam eine Geschichte auf, experimentiert mit sozialen Regeln. Spiele ich eine Serviertochter, dann probiere ich vielleicht den Wein, oder lege den Gästen eine Serviette um den Hals und putze ihnen manchmal den Mund, oder ich sauge mit einem kleinen Handstaubsauger den Tisch. Das braucht viel Fingerspitzengefühl, denn die Leute dürfen einen ja nicht durchschauen, und es stellt sich immer die Frage, was Platz hat und was zu weit geht. Oft deckt man so die Schattenseiten der Gäste auf.
    Nach zwei Stunden platzt dann üblicherweise die Bombe, der Gastgeber klopft mit einem Löffel gegen ein Glas und klärt die versammelte Gesellschaft auf. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich, manche reagieren erschreckt oder verschämt, aber meistens ist die Situation sehr lustig.
    Schon als kleines Kind träumte ich davon, Schauspielerin zu werden. Vielleicht, weil ich in einer Künstlerfamilie aufgewachsen bin. Ich bin eine Urhönggerin, meine Eltern sind vor meiner Geburt ins Quartier gezogen. Meine Mutter gab in den umliegenden Schulhäusern Blockflötenunterricht. Ausserdem war sie Bildhauerin und schrieb Theaterstücke, die jedes Jahr vom Höngger Kirchenchor aufgeführt wurden. Mein Vater führte jeweils Regie. Er war Organist, Dirigent, Kunst- und Orgelbaulehrer. Die schöne Orgel in der Reformierten Kirche hat er konstruiert, als ich noch ganz klein war.
    Meine Kindheit und Jugend im Quartier habe ich in sehr guter Erinnerung. Wir Jungen hatten den Wald und das Werdinseli, und später wurde uns das «Jufo» wie ein zweites Zuhause. Mir scheint, wir waren freier, als man es heute ist. Dabei war Höngg wirklich ein Dorf. Ich erlebte es, als das Frankental noch eine Wiese war und es die alte Mülihalde noch gab, eine verrauchte «Chnelle», in der sich Jung und Alt mischten. Und es gab damals noch richtige Dorforiginale, auch ein paar tolle Künstler, die mich immer sehr fasziniert und inspiriert haben.
    Heute wohne ich nicht mehr im Quartier, bin aber immer noch fest damit verbunden. Vor 25 Jahren gründete ich hier nämlich das Kindertheater «Märlibühne», das ich bis heute in der Lila Villa leite. Meine Mutter hatte mich auf die Idee gebracht, eine Kindertheater-Ausbildung zu machen, als meine eigenen noch klein waren. Sie waren alle vier dann auch bei der «Märlibühne» dabei.
    Die Kinder, die mitmachen, sind alle zwischen 6 und 12 Jahre alt. Jeden Herbst und Winter spielen wir Theaterspiele und improvisieren viel. Ich habe einen Koffer mit alten Kleidern, und sie überlegen sich damit aus dem Stegreif ein Theater. Wir Erwachsenen können so etwas gar nicht mehr – bei Kindern sprudelt es einfach! Zwischen den Weihnachts- und den Frühlingsferien festigt sich dann aber langsam ein Stück, das wir im Sommer schliesslich aufführen. Letztes Mal war es die Goldene Gans. Die Kinder haben so viele Fäden daraus gesponnen… Nach der Aufführung kam ein alter Schauspieler aus dem Publikum auf mich zu und sagte, das sei Bernhard Theater-würdig gewesen.
    Das Bernhard Theater oder das Schauspielhaus haben mich als Schauspielerin früher übrigens sehr gereizt. Aber mit dem unsichtbaren Theater war ich immer meine eigene Herrin und konnte meine eigenen Figuren schaffen. Wobei es lange auch eine sehr intensive Zeit war; samstagabends nach den Auftritten war ich früher meist todmüde und habe sonntags dann gerne ausgeschlafen – das heisst, bis 9 Uhr, ich hatte ja kleine Kinder. Jetzt, wo sie gross sind, nähe ich meiner Freizeit, bastle Schmuck, male oder spiele auf meinem geliebten Cello, das ich habe, seit ich ein Kind bin. Claude Starck, der weltberühmte Höngger Cellist, hat es damals für mich ausgewählt, worauf ich sehr stolz bin. Im Moment schreibe ich ausserdem an einem sozialkritischen Film und einem Kabarettprogramm. So ist das Schauspielerische auch Teil meiner Freizeit. Theater, finde ich übrigens, ist etwas für alle – auch für Erwachsene!

    In diesen monatlichen Beiträgen werden ganz normale Menschen aus Höngg porträtiert: Man braucht nicht der Lokalprominenz anzugehören und muss auch nicht irgendwelche herausragenden Leistungen vollbracht haben, nein, denn das Spezielle steckt oft im scheinbar Unscheinbaren, in Menschen «wie du und ich».
    So funktioniert’s: Die zuletzt porträtierte Person macht drei Vorschläge, an wen der Stab der Porträt-Stafette weitergereicht werden soll. Die Redaktion fragt die Personen der Reihe nach an und hofft auf deren Bereitschaft.
    Sollte die Stafette abreissen, sind wir froh, wenn auch Sie uns mögliche Kandidat*innen melden. Kontaktangaben bitte per Mail an redaktion@hoengger.ch oder Telefon 044 340 17 05.

  • Malen zwischen zwei Welten

    Malen zwischen zwei Welten

    Marta Elizondo, die Leiterin des Kulturzentrums, begrüsste die Gäste mit einer kurzen Rede. Elizondo war es, die vor 20 Jahren das Zentrum gründete. «In dieser Zeit sind verschiedene künstlerische Kreationen entstanden», erklärt sie. Nicht nur Ausstellungen, auch Theateraufführungen, Videopräsentationen, Konferenzen, Debatten, Lesungen und Buchpräsentationen fanden schon statt. Damit soll lateinamerikanische Kunst verbreitet und der Kunstaustausch gefördert werden. Die Künstlerin wurde sodann mit einer Laudatio von Cynthia Ringgerberg geehrt.

    Kulturkontrast

    Zum 20 Jahre Jubiläum stellte die in Mexiko geborene Künstlerin Fabiola Quezada ihre Bilder aus. Farbenfroh, naturverbunden und wild kommt die Ausstellung «Ewiges Abenteuer» daher. Im Zentrum der gezeigten Arbeiten stehen meist Pflanzen: Sonnenblumen, Lilien oder Kakteen zum Beispiel. Eine wichtige Inspiration für sie, erklärte Quezada im Gespräch, sei der Kontrast der Kulturen, den sie erlebe. «Die zweite Hälfte meines Lebens verbrachte ich in der Schweiz, aber trotzdem hat Mexico noch eine grosse Bedeutung für mich», sagt sie. Diesen Kontrast zwischen den Welten will sie auch in ihren Bildern vermitteln, und die kulturellen Einflüsse der Schweiz und Mexikos vermischen. Die Werke für die Ausstellung entstanden jedoch grösstenteils in Mailand, wo sie ein Atelier hat. Einige dieser Gemälde konnte sie leider nicht in die Schweiz transportieren, weil sie schlichtweg zu gross waren. Quezada malt gerne auf riesigen Leinwänden – aber auch sehr kleine Bilder sind in der Ausstellung zu finden.

    Menschliche und pflanzliche Körper

    Neben Pflanzen spezialisierte sich die Künstlerin auch auf den menschlichen Körper. Für diesen Anlass beschloss sie zusammen mit Marta Elizondo, sich auf Pflanzenmotive zu beschränken. Doch für Quezada sind die Grenzen zwischen menschlichen und pflanzlichen Körpern oft gar nicht so klar: «Wenn ich eine Blume male, dann sehe ich immer auch einen Körper darin.» Für Quezada hat die Malerei immer zwei Ziele. Zum einen ist es die Botschaft, die übermittelt werden soll: «Bei der Kunst geht es nicht nur ums Machen, es geht auch ums Denken.» Der zweite wichtige Aspekt sei die Ästhetik, ohne diese sei ein Werk nicht Kunst, sondern Philosophie, findet Quezada. Bevor die Künstlerin jeweils zu malen beginnt, sieht sie nie die weisse Leinwand, sondern sie stellt sich immer schon die Farben vor. Trotzdem komme es am Schluss meist nicht genau so heraus, wie sie es sich anfänglich vorstellt: «Das Endprodukt ist für mich immer eine völlige Überraschung.»

    Die Ausstellung von Fabiola Quezada ist noch bis am 28. September zu sehen. Finissage: Samstag, 28. September, 18 Uhr, mit Lyrikabend. Centro Cultural Hispanoamericano, Riedhofstrasse 354. Die Ausstellung ist geöffnet von Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung.

  • Peter Ruggle stellt aus

    Peter Ruggle stellt aus

    Das Bild leuchtet von Weitem. Es zeigt das alte Höngger Gesellenhaus am Meierhofplatz mit dem Restaurant Rebstock und der Metzgerei mit angrenzendem Schlachthaus, wie es anno 1950 einmal ausgesehen haben muss. Es ist Nacht oder Abend, denn aus den Fenstern und Türen scheint warmes Licht. Vor dem Gebäude hat sich eine grosse Pfütze gebildet und darin spiegelt sich die Zukunft: Die Fassade der Apotheke und des Kiosks, wie man sie heute am Meierhofplatz findet. Das alte Gebäude wurde 1959 abgerissen, just in dem Jahr, als der Urheber des Bildes geboren wurde: Peter Ruggle. Das «Rebstockbild – Die Geburt und der Tod» bildet das Ende seiner «Höngger Bilder»-Serie, welche ab dem 21. Mai im Rahmen von «Kunst beim Höngger» in den Redaktionsräumen des «Hönggers» zu sehen sein wird.

    Hommage an die Kunst und an Höngg

    Am 22. Mai 1979, pünktlich zu seinem 20. Geburtstag, durfte Peter Ruggle sein erstes Atelier im Dorfkern von Höngg beziehen. Damals hatte sich in den rund 22 alten Häusern ein Künstlerviertel etabliert. Musiker*innen, Maler*innen, Bildhauer*innen, sie alle konnten hier dank günstigem Wohnraum ihrem Werk nachgehen. Im Zuge der Festlegung der ersten Kernzone des Kantons Zürich wurden die Gebäude 1986 abgerissen, die Künstlerkommune verschwand. Die Geschichte und bauliche Entwicklung des Quartierzentrums begann Ruggle vermehrt zu interessieren, so dass er beschloss, das alte Höngg in den unterschiedlichen Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts zu malen. Entstanden sind expressionistische, impressionistische, kubistische und naturrealistische Bilder mit Szenen aus dem «Dorf». Darin verarbeitete Ruggle, der mittlerweile in ein Atelier auf der Werdinsel gezogen ist, auch seine Erinnerungen an diese Zeit. In fast allen Bildern finden sich surrealistische Elemente. «Der Geist und die Fantasie lassen sich nicht einsperren. Diese Freiheit brauche ich und nehme ich mir».

    Verstehen, was ist

    Ruggle arbeitet akribisch. Der Autodidakt will verstehen, wie ein Bild funktioniert. Technisch, aber auch in der Wirkung. «Beim Betrachten eines Bildes wird etwas ausgelöst», meint er. Ob es einem gefällt oder nicht, es gibt immer eine Resonanz. Je nach Standort kann sich die Sichtweise verändern. «Das fasziniert mich, denn ich sehe es als Parallele zum Leben überhaupt», sagt Ruggle. Um besser zu werden, müsse er sich stets auch selber hinterfragen, sehen, was verändert werden muss, um weiterzukommen. Wenn es ihn packt, dann vertieft er sich völlig in sein Schaffen. «Es ist wie ein Rausch, aufgeben liegt nicht drin, auch wenn es immer Rückschläge gibt». Am Rebstock-Bild hat er 800 Stunden gearbeitet, Modelle gebaut, um den Lichteinfall richtig zu bestimmen, fotografiert und vieles ausprobiert, um die richtige Atmosphäre hinzukriegen. In seinen Bildern spiegeln sich die grossen Fragen, die Gedanken zur Welt und zum Menschsein, die den neugierigen Künstler auch im Leben umtreiben. Auf dem Bild «Zerfallende Erinnerung» zerbröckelt hinter dem davonfahrenden Tram die Strasse, «man kann nicht in die Vergangenheit zurück, es geht immer nur vorwärts, es bleibt einem eigentlich nur die Gegenwart», erklärt der Kunstmaler seine Idee.

    Musik als Ausgleich

    Was gibt es Gegenwärtigeres als die Musik? Sie ist Ruggles zweite Leidenschaft. In seinem Atelier gibt es unzählige Instrumente zu entdecken. Vor einem grossen Gong steht ein Monochord, ein Saiteninstrument, das aussieht wie eine Art Zither und unheimlich beruhigende Klänge produziert. Nicht zu übersehen ist die grosse «Perkussionsanlage», wobei der Name «Schlagzeug» nicht erfasst, welche Instrumente dort zu sehen sind: Indische Elefantenglöcklein in verschiedenen Grössen, etwas das aussieht wie der Panzer eines Gürteltiers, Guiro genannt, verschiedene Trommeln und Hi-hats. Auch das Musizieren hat sich Ruggle selber beigebracht. «Die Malerei ist manchmal ein einsames Handwerk», sagt Ruggle. «Das Musikmachen ist geselliger, manchmal veranstalten wir mit den anderen Musikern, die ebenfalls hier eingemietet sind, richtige Jam-Sessions». Mit der Vernissage am 21. Mai schliesst sich fast auf den Tag genau ein Kreis für Peter Ruggle: Vor 40 Jahren betrat er am 22. Mai sein erstes Atelier, und dieses Jahr feiert er an diesem Tag seinen 60. Geburtstag. Inzwischen ist er in der glücklichen Lage, als selbstständig erwerbender Allrounder und von seiner Kunst leben zu können.

    «Eine Bilderzeitreise durch das alte Höngg»
    Vernissage am Dienstag, 21. Mai, 17 bis 21 Uhr in Anwesenheit des Künstlers. Die Ausstellung des Höngger Künstlers Peter Ruggle dauert bis Mitte Oktober. Redaktionsräume des «Hönggers», Meierhofplatz 2, Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr.