Kategorie: Frank Frei

  • Egomonsterkids

    Ich mag Kinder. Solange sie ins Handschuhfach meines SUV passen. Oder auf den Rücksitz meines Stadtautos, einem Smart. Kleiner Scherz. Doch nun im Ernst: Ich mag Kinder wirklich. Ausser jene, welche zur Schande ihrer Eltern die elementarsten Dinge in Sachen Erziehung nie gelernt haben. Neulich kam mir ein ganzes Rudel dieser Sorte entgegen. Aufgefädelt wie Fleischklopse auf einem Grillstab kamen sie einen dieser engen Steilwege dieses Quartiers hinuntergerollt und füllten seine Breite restlos aus. Ihr Problem: Ich war auf dem Weg nach oben. Wobei sich das dann natürlich als mein Problem herausstellte, denn niemand – auch die beiden Mütter und der Alibi-Hausmann, die einige Meter hinter ihrer Brut gingen – hatte den Bälgern je gesagt, dass sie sich wie jeder anständige Verkehrsteilnehmer den Situationen anzupassen und Rücksicht zu nehmen hätten, speziell gegenüber dem aufwärtskommenden Gegenverkehr. In diesem Falle also gegenüber mir. Ich hatte die dreifache Wahl: Mich an den rostigen Gartenzaun verdrücken, wie ein Fels in der Brandung stehen bleiben (Augen zu und durch) oder im Stechschritt mein Territorium markieren und die Bande umrennen. Überrumpelt und im wahren Leben tendenziell mit wenig Zivilcourage ausgestattet wie ich bin, wählte ich den Gartenzaun. «Es» schrammte knapp an mir vorbei wie die Zombies in «World War Z» von Marc Forster die Wände hoch, während ich mich bemühte, die nachfolgenden Elterntiere abstrafend anzuschauen. Was mir gelang, jedoch keinerlei Beachtung fand. Verflucht, hätte ich doch bloss den Stechschritt gewählt! Dann wäre ich zwar garantiert von dem sechsbeinigen Elternmonster verbal abgestraft worden, weil ihre Klopse nun den Weg hinuntergepurzelt wären, doch ich hätte ihnen wenigstens die Meinung blasen können. Und zwar diese da: «Was meint ihr eigentlich, zu was für egomanischen kleinen und später grossen Monstern ihr eure Kinder erzieht? Schimpft mich von mir aus bünzlig, doch genau so, ohne jeden Grundbegriff von Anstand und mit ausgefahrenen Ellenbögen werden sich eure Kinder durch den Rest des Lebens und die Gesellschaft bewegen. Sie werden dabei sicher einiges erreichen, doch noch viel mehr zerstören und, Verzeihung, aber sie werden einfach nur Arschlöcher sein».
    Ja, das hätte ich ihnen gesagt – wahrscheinlich röchelnd im Würgegriff des doch überraschend kampferprobten Alibi-Hausmannes, der mich von zwei keifenden Müttern und einem Rudel heulender Egomonstern begleitet zum nächsten Polizeiposten geschleppt hätte.
    Aber so ist eben meine Wahrnehmung gewisser «Erziehungs»-Tendenzen, und die liesse sich noch auf einige andere solche Erlebnisse übertragen. Erst jetzt, beim Verfassen dieser Zeilen, kommt mir die einzig wirklich adäquate Reaktion auf dieses Erlebnis am Berg in den Sinn. Eine überdies herrlich paradoxe: Ich hätte mich «Nein-so-kommt-mir hier-keiner-durch»-schreiend quer auf den Weg legen sollen und dann, wenn die Kinder verdutzt stehengeblieben wären, ja dann wären sie bestimmt empfänglich gewesen für die Grundzüge einer der elementarsten Verhaltensregeln. Vergessen hätten sie diese danach garantiert nie mehr, weil ihre schnusigen kleinen Hirne sie zeitlebens mit dem schreienden Wesen jenes Sommertages auf jenem engen steilen Quartierweg verknüpft hätten.

    Es grüsst aus dem SUV
    Frank Frei

  • «Mundtot»? Ich? Vonwegen!

    Was glaubt die Redaktion dieser Zeitung eigentlich? Ein Frank Frei könne man einfach so zum Schweigen bringen, den Mund verbieten, wegzensurieren und schnöde einer Extra-Ausgabe opfern? Nicht mit mir – dachte ich, und versuchte, diese Zeilen doch noch in die Sonderausgabe letzter Woche zu drücken. Doch weder der Layouter noch die Druckerei liessen sich bestechen, um die Redaktion zu umgehen.
    Diese Woche aber habe ich wieder freie Hand. Und die setze ich ein, schliesslich geht es um meine Existenz! Nein, ich liege Ihnen nicht mit der öden Leier von der Arbeitsplatzsicherung in den Ohren, die jeweils bei Volksabstimmungen als peinlicher Argumentekiller dient, damit man sich nicht mit unbequemen Themen wie beispielsweise Waffenexporten beschäftigen muss. Mir geht es nicht ums Geld und auch nicht um Arbeit. Es geht um meine EXISTENZ!!!!! Nebenbei bemerkt: Diese Grossbuchstaben gehen hier nur durch, weil sie für die Sonderausgabe vorgesehen waren, in der alle Regeln über die Reling der stilistischen Vorgaben geworfen wurden. Im Normalfall lässt die Redaktion so viele GROSSBUCHSTABEN und Ausrufezeichen NIE und NIMMER durch!!!
    Wo war ich? Ach ja, bei der Existenz. Also DER (!) Existenz. Verstehen Sie? Wenn das so weitergeht im Lokalmedienmarkt, dann ist ein Wesen wie ich bald TOT. Weg vom Fenster, ausgelöscht, eingedampft, gebündelt am Strassenrand. Sowas wie mich gibt es nur hier, Schwarz auf Weiss und bildlich sogar in Farbe. Oder glauben Sie, ich solle mich einfach so ins digitale Netz der Einsen und Nullen verkrümeln, wo irgend so ein algorithmischer Guugel entscheidet, ob Sie mich finden oder nicht und wenn ja, wie lange noch? Ich bitte Sie, da kann ich mich ja gleich selbst wegzensurieren und ans virtuelle Seil der Web-Decke knüpfen. Nennen Sie es meinetwegen altmodisch, voll das Retro-Ding, aber ohne Zeitung kein Frank Frei. Sie hat mich zum Leben erweckt und hier bleibe ich. Und ich mache das weiterhin, der Unabhängigkeit und Anonymität zuliebe, GRATIS. Für diese Zeitung und Sie, meine treuen «Follower», meine «Likers», meine «Sternchenverteiler», meine «Haters» und «Lovers». Das ist meine Existenz.

    Mit der Lizenz zum Erröten

    Frank Frei

  • Sonnenklar

    Es war vor sieben Jahren, ich hatte drei Tage frei und absolut nichts vor. Das heisst was. Die Sonnenstrahlen des ersten richtigen Frühlingsmorgens des Jahres reckten sich gerade über das Dach des Nachbarhauses und ich sass am Frühstückstisch, den ersten Zeitungsbund neben mir. Absolute Idylle – nur eines störte: meine stumpfen Fensterscheiben. Vergeblich bemühte sich die Sonne, die beiden Dreckschichten zu durchdringen. Die CO2-schwarze aussen ebenso vergeblich wie die nikotingelbe innen. Was nützt mir ein knackiger Frühlingsmorgen, der nicht durch meine Fenster dringt? Also entschloss ich mich, zu Putzlappen und Fensterklar zu greifen und da ich, wie gesagt, nichts Wichtigeres vor hatte, putzte ich sie gleich alle, meine Fenster. Danach setzte ich mich wieder zu Kaffee und Frühstück, die Sonne schien nun hell und klar auf meinen zweiten Zeitungsbund. Und auf eine Staubschicht auf dem Küchenregal, die, ich hätte es beschwören können, vor einer Stunde noch nicht existierte. Also kurz den Staublappen geschwungen, aber vorsichtig, man will ja nichts aufwirbeln. Prima, wie das alte Holz wieder warm leuchtete – ungefähr so auffällig, wie der fettige Saucenstriemen an der Küchenwand. Ich mochte mich nicht erinnern, wann ich wem zuletzt eine derart fettige Sauce zugemutet hatte. Aber es gibt ja Scheuerpulver, was soll´s? Es soll jedenfalls nicht mit jenem Chromstahl in Berührung kommen, dessen Stumpfheit mir nun ebenfalls säuerlich anklagend ins Gesicht stach. Also nächster Griff in den Putzschrank. Den hätte ich unterdessen auch im Schlaf gefunden. Was erstaunt, denn noch vor knapp zwei Stunden hatte ich das Fensterklar im Keller gesucht.
    Nachdem auch sämtliche Pfannen, Geschirrschränke, Lampenschirme, Bilderrahmen und selbst die Lichtschalter von prähistorischem Schmutz befreit waren, unternahm ich noch eine Polarexpedition durch mein Eisfach und kratzte danach die kläglichen Überreste eines vergessenen Fertigmenüs aus dem Backofen. Das pelzige kleine Tier, das ich hinter dem Küchenschrank entdeckte, entpuppte sich nach vorsichtigem Anstupfen als Dörrpflaume, welche in vergessener Zeit einmal die lieblich bereitgelegte Beilage eines Kaninchenragouts hätte werden sollen. Dass der Übergang vom frisch gewienerten Küchenboden zum Wohnzimmer nun plötzlich wie die Grenze zwischen erster und dritter Welt daherkam, war natürlich nicht tolerierbar und eine UNO-Vollversammlung in meinem Hirn entschloss sich zu weiterem, entschlossenem Vorgehen.
    Und so ging dann meine Reise durch verschiedenste Ablagerungsschichten meines Lebens weiter. Dass ich dabei auf Zeitzeugen ganz sonderlicher Art stiess, liegt wohl in der Natur solcher Akte, und hätte ich Zeugen für meine Akribie gehabt, ich hätte mich problemlos um die Stelle als leitender Archäologe bewerben können. Eine solche war nämlich in der Zeitung inseriert, die ich in meinem Briefkasten – letzte Station meiner Putzwut – vorfand. Das Datum war um drei Tage gealtert. Um drei ursprünglich unverplante Freitage. Wen wundert´s, dass meine Fenster in den letzten sieben Jahren vergessen haben, wie sich Fensterklar anfühlt?

    Frank Frei

  • Löölizüügs

    Neulich in einem Open-Space-Workplace. Ich musste mich in so einen «trendy» Raum verziehen, weil ich anderswo keine Ruhe fand. Dort allerdings auch nicht, denn am Tisch gegenüber von mir arbeitete so ein Typ. Hoch konzentriert, und der hatte, im Gegensatz zu mir, sein Umfeld komplett ausgeblendet. Dies nicht wissend hatte ich begrüssend meinen Namen genannt und er mürrisch «Mike» geknurrt. Dann schwiegen wir. Bis er plötzlich laut «Jetzt haut’s mer dänn aber dä Nuggi use!» schnaubte. Ich schaute ihn an und fragte mich wo? Denn im Mund hatte er keinen. Dann war wieder Ruhe – bis zu diesem vorwurfsvollen «Warum machsch du das jetzt nöd?». Vorsichtig hob ich den Kopf, doch Mike schaute nicht mich an, sondern seinen Bildschirm, in den er nun ein «Woher söll ich DAS denn jetz wüsse?» murmelte. Er tippte irgend etwas ein und liess sein für ihn nicht existentes Umfeld dann wissen «Also da isch es nöd». Weiteres Getippe, stummes Warten und dann laut: «lies doch eifach mis Mail, du Lööli!». Das war aber glaub nicht das, was er dem Lööli gleich schrieb, denn einen Schluck Kaffee später kombinierte ich, dass Mike versucht hatte, etwas in eine Eingabemaske der Webseite des Löölis einzugeben. Und das klappte eben nicht. Klar, Löölis machen eben Lööliseiten. Worauf Mike dem Support-Lööli eben ein fragendes Mail gesandt hatte und nun eine Antwort las. «Guet dänn machemer das halt au no», murmelte er verzweifelnd, tippte, fluchte, zückte seine Kreditkarte und… «Was!? ‹Nöd korräkt oder abglaufe›, gaht’s no!». Ich duckte mich instinktiv, was hinter einem iPad-Mini gar nicht so einfach ist. «Blaas mer doch, du (hier wurden Adjektive zensuriert) Tubel, dänn gani ebe doch is Gschäft», manifestierte sich Mikes Nuggi-Rausgedönnere, er schlug seinen Laptop zu und stampfte aus dem Open-Space.
    Ich blieb geduldig sitzen und verschob meinen nächsten Termin, damit ich die nächste Stunde sicher nicht Tramfahren muss. Denn bei meinem Glück wäre ich dem Mike dort wieder begegnet. Man kennt sie ja, diese potent bedrohlichen Typen, die sich in leeren öffentlichen Verkehrsmitteln neben einem setzen und dann lautstark wirres Zeugs absondern, über «Tuble», den FCZ, die «Manager», die versteckten Medikamente in der Gassenküche und wir, ihre Sitznachbarn, seien bestimmt darin verwickelt und sollen uns doch weiss Gott was alles. Derweil wir uns mit Liftfahrerblick versuchen unsichtbar zu machen und sieben Haltestellen zu früh aussteigen. Nun aber würde irgend ein ahnungsloser öV-Fahrgast Mikes Gebrabbel mitanhören müssen, über diesen Internet-Lööli und seinen Vetter im Geschäft danach, der sich mit ihm verschworen hatte und die Kreditkarte auch nicht akzeptieren wollte. Steig sofort aus, lieber öV-Benutzer, denn ich kann dir nicht sagen, wie lange Mike sein Löölizüügs nur verbal durchzieht.

    So von Löu zu Löu
    Frank Frei

  • Verhältnisloser Sex

    Liebe Drehbuchautoren, Regisseure und Produzenten, ihr müsst mir da mal was erklären. Ja, ihr Männer der Filmbranche, denn es sind wohl vorwiegend ihr, die das regelmässig verbockt. Also die Frage: Warum gewichtet ihr die täglichen Bedürfnisse der Menschen in euren Filmen und Serien dermassen abseits jeglicher Realität? Also mal unter uns: Warum sind eure Protagonist*innen häufiger beim Sex zu sehen als beim Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen oder auf dem Klo sitzend? In Spitalserien schläft sich die ganze Ärzteschaft durch alle Wäschekammern, doch aufs Klo müssen die nie und selbst im langweiligsten Krimi werden stundenlang Körpersäfte ausgetauscht, aber für kleine Jungs muss nie einer. Warum eigentlich nicht? Weil er Angst davor hat, sich der unangenehmen Wahrheit einer leeren Klopapierrolle zu stellen? Vielleicht müssen die ja echt nie aufs Klo, da mit Kathetern und künstlichen Darmausgängen ausgestattet. Doch auch die müssten ja mal geleert werden. Sorry, falsch, denn getrunken oder gegessen wird in euren Filmen ja auch kaum je. Das reale Leben ist nicht so. Vielleicht früher mal, in Harvey Weinsteins Welt, aber wie man weiss, auch dort nicht allseits freiwillig. Jede Galaxus-Werbung ist mit «Du hast das Leben, wir die Produkte» realistischer als eure Filme – ihr könntet werben mit «Du hast die Realität, wir keine Ahnung davon» (© Frank Frei).
    Natürlich, ich bin ja nicht doof. Und prüde übrigens auch nicht. «Sex sells», das war schon immer so, sonst wären wir ausgestorben. Und es ist mir auch völlig klar, dass die grosse Filmindustrie die Realität auch nicht abbilden muss, weil die grosse Masse der Konsument*innen die gar nicht auf der Leinwand sehen will, denn dreidimensional im täglichen Leben ist sie deprimierend genug. Realität überlässt man lieber diesen Freaks, diesen Dokumentarfilmern und ihrem Publikum, diesen Arthouse-Kinogängern in ihren Birkenstock-Latschen.
    Trotzdem bleibe ich dabei: Wenn ich Sexszenen sehen will, zieh ich mir notfalls einen Porno rein. In allen anderen Filmen aber wünsche ich mir, wenn schon Sex, dann in einem realistischen Verhältnis zum Rest, der das Leben einen Menschen ausmacht. Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen oder auf dem Klo sitzen…

    Es grüsst, via Handy, ja von wo wohl?
    Frank Frei