Kategorie: Frank Frei

  • Die etwas andere Klimafrage

    Die etwas andere Klimafrage

    Kann ein Schneemann in einem schneearmen Winter trotzdem Schneearme haben? Diese Frage beschäftigt mich, seit sich abzeichnet, dass es im Unterland diesen Winter wohl keinen Schnee mehr geben wird. Ich bin hin und her gerissen zwischen dem Argument, dass es in schneearmen Winter gar keine Schneemänner gebe, also auch keine mit Armen – und dem Einwand, dass schneearm ja nicht schneelos bedeute, und wenn man den Schnee genug zusammenkratze wie Schuppen aus den Haaren, dann gebe das schon noch einen Mann, vielleicht sogar mit Armen, wenn man den Bauch etwas weniger ausformt. Doch egal, denn ob nun mit oder ohne Arme: ein Schneemann allein macht noch keinen Winter. Alleine macht so ein Schneemann naturgemäss schnell die Schwalbe. Ganz im Gegensatz zur Klimabewegung. Da reichte eine einzige sitzende Greta, und sie stand. «Klar, dass dieses Frank auch noch über die Klimadebatte faseln muss», höre ich Sie bereits aufstöhnen, die Klimaerwärmungsleugner, direkt hinter den Brettern, die sie vor den Köpfen haben. Leider sind das ja keine Schneebretter (nicht mal dafür reichte der Schnee!), sonst wären sie von der Hitze, welche die TV-Bilder aus Australien ausstrahlen, längst weggeschmolzen. Ne-ne, es sind ganz währschafte Bretter, ganz traditionell aus Arvenholz geschnitzt und vom nie untergehenden SVP-Sünneli getrocknet. Das altert so heimelig: zuerst wird es grau und später fast weiss. Vor Köpfe genagelt wird es mit den Jahren sogar dicker, ehrlich! «Boomer», stöhnt die Klimajugend reflexartig, «seid gewappnet, denn dass die Menschheit bei den letzten vier Artensterben nicht umkam, liegt im Fall nur daran, dass sie damals noch gar nicht auf der Bildfläche erschienen war!»
    Doch wo ist die Uhr mit meinen Gedanken schon wieder hingesprungen? Lassen wir die Arvenholzvernagelten und die Grünschnäbel doch alleine weiterkeifen und kehren zur Ursprungsfrage zurück: «Kann ein Schneemann in einem schneearmen Winter trotzdem Schneearme haben?»
    Ich befragte Regenass. René Regenass, den Schriftsteller. Doch er meinte bloss, dass wenn er sein einziges Ass ausspielen würde, dann bliebe da nur der Regen. Und wenn er das rege tun würde, wäre er dauernd nur nass, und von beidem hätten wir diesen Winter ja alle genug. Also antworte er mir besser nicht, sondern blättere lieber gedankenverloren in seinen alten «Nebelspalter»-Texten. Und mit der Erwähnung dieses genialen Heftes hat er mich wohl für den Rest des mittelländlichen Nichtwinters von der Schneemannarm-Thematik abgelenkt. «Nebelspalter»! Noch so ein Wort, das Fragen aufwirft wie Dauerwellen hinter meinem Haarföhnsturm. Sollte sich im Nebelspalt eine Antwort auf alle Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest abzeichnen, die anders lautet als 42, dann werde – werd’ ichs Sies wissen lassen.

    Es grüsst, arm dran oder nicht,
    Frank Frei

  • Kloklinkenputzer

    Kloklinkenputzer

    Nun ist er also weg, der Typ, der immer meine Kolumnen redigierte. Naja, sei’s drum, schlimmer als er kann seine Nachfolge meine Texte nicht behandeln (oder doch?). Aber etwas muss ich ihm doch noch nachrufen: Das mit den Türen, die sich einen Spalt weit öffnen, und durch die man nur hindurchzugehen braucht, wie er in seinem Abschiedstext schrieb, das hat mich sinnieren lassen.
    Wie war das in meinem Leben, das mit diesen «Türen»? Wenn ich in einem leeren, in weisses Licht getauchten Flur stand – man kennt diesen Flur, er endet dort, wo die Parallelen sich doch kreuzen und das Licht nur noch fahl ist – also wenn ich in so einem Vakuum stand und sich mir eine Tür leise auftat, dann war das meisten jene zum Klo. Oder die zu einer Küche, in der ich dann den Abwasch der letzten Fete von jemand anderem machen durfte. Gelegentlich war es auch die Besenkammer. Nein, nicht die von Boris. Aber hey, nie war es die Tür zum Partykeller! Oder zum Schlafzimmer, in dem eine nymphomanische Penélope oder ein schwuler Javier warteten. Oder gleich beide. Nein, bei mir war es die Klotüre. Und zwar eine hartnäckige. «Hä-hä, reingelegt, ich war wieder nur die Klinke zum Klo, ätsch-bätsch». Na und? Geh ich eben zur nächsten Tür. «Hallo, ich bin’s wieder, diesmal mit Closomat». Ach nein?! Aber wissen Sie was? Einmal kam mir das sogar gelegen, denn ich hatte gerade mächtig Scheisse gebaut in meinem Leben. Aber das ist ’ne andere Geschichte. Meistens jedenfalls hätte ich mir eine andere Tür als jene zum Klo gewünscht. Macht mein Ex-Redaktor wahrscheinlich auch gerade. Das Problem ist: Hat man die Türe, irgendeine, erstmal aufgestossen, ist reingegangen und hat den Lichtschalter gedrückt, dann kommt man nicht einfach so wieder raus. Also ungefähr auf dem dreiundzwanzigsten Klo habe ich mich dann tatsächlich ohne jedes Bedürfnis hingesetzt und mir überlegt, was es mir wohl sagen will, dieses Klo, dass es ausgerechnet mir immer wieder die Türe öffnet. Als der Handyakku leer war und es sich noch immer wie Verstopfung anfühlte, begann ich zaghaft, entsprechend zu handeln. Sie wissen schon: Luft anhalten, Kopf rot einfärben, Luft ablassen, entspannen – und das Ganze von vorn. Und tatsächlich, irgendwann kam die grosse Erleichterung, also eine Erkenntnis, über mich. Hätte die Voyeur-Cam in diesem Moment auf mein Gesicht gezoomt, der Ausdruck wäre oscarreif. Wenn das Wort «Ausdruck» nach der ganzen Aktion überhaupt angebracht ist, naja, so quasi am falschen Ende des Körpers. Jedenfalls, und das wollte ich eigentlich meinem Ex-Redaktor sagen: Hey, Mann, auch wenn sich dir eine Klotüre öffnet, geh durch! Es wird, auf dem Grund der Schüssel, schon einen Grund haben. Auch wenn du ihn nicht erahnen kannst, weil darüber – wenn du wenigstens etwas Glück hast – noch zu viel WC-Enten-Blau schwimmt. Man braucht ihn nur auszusitzen, den Grund, sozusagen. Ich hoffe, du verstehst meine Metapher. Ach ja, und noch was: Lausch doch bitte zuerst an der Tür. Falls du dahinter Penélope und Javier hörst: Hände weg von dieser Klinke, das ist meine nächste Tür, geh sonst wo putzen!

    In diesem Sinne grüsst zum Abschied vom Ende des Korridors,
    dein Frank Frei

  • Mensch, bin ich depriviert!

    Ja, ich kann es nicht mehr hören. Diese endlose Leier über diese …………, die neulich waren. Und warum man nun in Hogwarts die Zauberformel anpassen müsse und warum man sich in Mordor dagegen wehrt. Oder dieses Hashtag-…………-Dings (ja, ohne «c» zwischen «s» und «h») und warum ich mir nun gewisse Filme nicht mehr ansehen und meine CD-Sammlung auslichten soll. Und das über den neuen …………, von dem niemand weiss, welche Rolle er wo – und überhaupt wer braucht den schon (?) – einnehmen soll. Also darf, vielleicht, wobei: wenn man es genau betrachtet, warum eigentlich? Ach ja, das mit dieser ………… geht mir auch schon lange auf den Sack. Oh, Verzeihung, das war jetzt ………… nicht ganz korrekt. Ungefähr so, wie dieser krankhaft um sich greifende …………-Trend, gegen den ich bald kein Rezept mehr weiss. Und diese medial in alle Himmelsrichtungen ausgelatschte Empörung über …………, was zum Teufel soll das? Ich blättere die Zeitung durch, das Radio, alle Fernsehsender, ………… hier, ………… da. Und ein paar Seiten weiter hinten oder Minuten später gleich nochmals, als wäre ich schwer von Begriff. Himmel nochmal, ich kann es alles einfach nicht mehr hören-lesen-sehen, so was von satt hab’ ich das! Gibt es tatsächlich nichts Dringenderes? Nichts Bedrohlicheres? Oder verlangt das Gesocks tatsächlich, dass man es mit solchem Kram füttert? Und dann jammert die Branche über «News-Deprivierte». Ja, mit «v», nicht mit «m», wobei das eine mit dem anderen fröhlich Hand in Hand durch das Herbstlaub hüpft. Einerlei, jedenfalls verschmähen diese Deprivierten jegliche «relevanten» (wer auch immer bestimmt, was relevant ist und was nicht) News und Informationen wie ein oder eine ………*.. die Auslage im Laden für tote, zerstückelte Tiere. Ja, wen wundert’s, wenn man dauernd den gleichen Bockmist lesen, hören oder sehen muss? Täglich aus wechselnd einseitiger Perspektive abgekupfert und zusammengewurstelt? Vom Leitartikel über die Hintergrundseite zum Kommentar des Kommentars, eeeeeendlooooooos. Ja, das ist sogar für mich Frohnatur deprimierend. Ja, mit «m». Und deshalb starte ich demnächst einen Selbstversuch als privilegierter Deprivierter. Wahrscheinlich fühlt es sich so gut an wie ………… in einem dieser trendigen …………, in die nun alle gerade hinrennen, seit es in allen medialen Kanälen gepriesen wird.
    Und falls Sie nun keine Ahnung haben, wovon ich hier schreibe: Setzen Sie nach Belieben und ganz individuell Substantive ein – oder fressen Sie den Beipackzettel und tragen Sie Ihren Arzt zur Apotheke. (Ich hoffe, Sie haben den letzten Satz extrem schnell gelesen. Und sonst bitte gleich nochmal üben, es sollte unter zwei Sekunden zu schaffen sein.)

    Es grüsst, Ihr
    ………… aus …………

  • Ich habe mir DIE Strickjacke gekrallt!

    Sicher haben Sie es mitbekommen: Am 26. Oktober wurde Curt Cobains Strickjacke für 334’000 US-Dollar versteigert. Kurt wer? Cobain. Frontmann von Nirvana? Grunge-Ikone? Nahm sich im April 1994 das Leben? Keine sechs Monate nach dem legendären Unplugged-Konzert, an dem er besagte Jacke getragen hatte? Ja, der. Seine Strickjacke. Wobei es eigentlich keine Jacke ist, sondern eher ein formloser Lappen mit Ärmeln und Knöpfen, gefertigt aus Schafwolle und danach von einem Hunnenkönig während 26 von Cobains total 27 Jahren unter dem Sattel seines Tatarenhengstes zu Filz geritten. Aber egal. Jedenfalls habe ich mir dieses Ding gekauft. Ungewaschen sei es, seit jenem Konzert, inklusive Flecken. Und einem Loch, das aber nichts mit Kurtlis Suizid zu tun hat, dafür liegt es viel zu tief. Nein, es ist ein Brandloch. Von einer Zigarette, wird gesagt. Vielleicht war es aber auch ein Joint. Oder eine in Whisky getunkte Havanna. Oder ein selbstentzündetes Amphetamin, so genau weiss man das bei Cobain nicht. Spielt aber auch keine Rolle. Jedenfalls habe ich mir den Spass geleistet und das Ding gekauft.
    Gleich am Montag darauf habe ich das Steueramt angefragt, als was ich meine Trophäe nächstes Jahr zu deklarieren hätte. Primär als Vermögenswert, kam die Antwort. Das fand ich verständlich. Weniger verständlich fand ich dann den Nachsatz: «Bitte denken Sie daran, für die Jacke einen Eigentragwert von Fr. 15’000 pro Jahr als Einkommen zu deklarieren». «Eigentragwert»? «Einkommen»? Ja, wurde mir beschieden, Eigentragwert, denn ich könnte die Jacke ja vermieten, solange ich das aber nicht tue, sei dieser fiktive Eigentragwert anzugeben. Das sei wie bei Wohneigentum, in dem man selber wohnt: Man könnte es theoretisch ja vermieten, also muss man auch einen Eigenmietwert versteuern, als Ein-kommen, auch wenn man das gar nicht be-kommt. Logisch, oder? Ich stutzte und wies dann gutgläubig auf den Schmutzgehalt der Fasern und das Brandloch hin, ob ich die wie bei Liegenschaften als Minderwert abziehen könne? Nein, nur allenfalls die chemische Reinigung und die Schneiderrechnung, würde ich meine Erwerbung entsprechend aufwerten. Können Sie sich den Shitstorm vorstellen, wenn das bekannt würde? Also argumentierte ich weiter, dass es sich hier um eine Strickjacke, so ein Omi-Ding, handle, und nicht um eine Liegenschaft. Egal, fand das Steueramt, denn ich hätte mir für das viele Geld theoretisch eine Liegenschaft – vielleicht im Jura oder Ostdeutschland – kaufen können und deshalb sei es im Rahmen der sozialen Umverteilung des Volksvermögens nur recht und billig, wenn ich nun den Eigentragwert bezahlen müsse (fast hätten sie «berappen» geschrieben, fanden das dann aber in Anbetracht der vielen Nullen doch etwas degoutant). Im Kleingedruckten wurde «soziale Umverteilung» dann mit «Instandsetzung Sozialhilfezentrum» definiert, was mich aber auch nicht beruhigte. Mein Einwand, dass nebst mir auch sonst niemand im Jura oder in Ostdeutschland wohnen wolle und ich meine theoretisch erworbene Wohnung dort nicht einmal theoretisch vermieten könne, wurde schnöde weggewischt.
    Gut, dass ich mir Kurtlis Gitarre, weitere 340’000 Dollar, nicht auch noch gekauft hatte, die ebenfalls versteigert wurde. Gespielt hatte er sie auf der «In Utero»-Tournee und bei dem Namen wage ich nicht, mir vorzustellen, wie sie im Tageslicht aussieht. Wahrscheinlich gleich versifft wie der Eigenspielwert, den das Steueramt als theoretisch mit ihrer Vermietung zu erzielendes Einkommen veranschlagen würde.

    Es grüsst in sozialer Umverteilungslaune
    Frank Frei

  • «Blick» und Google, Seite 3

    Dieser Gedanke ist irgendwie wie die Sache mit dem Huhn und dem Ei.
    Eigentlich wollte ich nur etwas über Suchergebnisse bei Google schreiben, doch dann landete ich bei den Seite-3-Girls, der damals grössten Schweizer Boulevard-Tageszeitung. Ok, ich kann ja gleich «Blick» schreiben, Google nenne ich ja auch. Was der «Blick» mit Google gemein hat, erkläre ich Ihnen gleich. Einleitend dazu die Frage, wer sich noch an die «blutten» Frauen auf Seite 3 des Blicks erinnern mag? Wie lange ist das her? Irgendwann in den sonst schon grauenhaften 1970er und 1980er-Jahren. Ich wollte herausfinden, bis wann, doch Google konnte mir nicht helfen, egal was ich als Suchbegriff eingab. Womit ich bei Google gelandet wäre, seinen Suchergebnissen und der Seite 3. Was ursprünglich – Huhn oder Ei – der Grundgedanke zu diesem Beitrag war: nämlich darüber abzulästern, dass Google-Suchen je länger je weniger effizient sind.
    Machen wir mal ein kleines Experiment und geben, damit auch Sie endlich verstehen, worauf ich hinaus will, bei Google «Frank Frei» als Suchbegriff ein. Auf Seite 1 kommt, wie bei jeder Google-Suche, zuerst eine Anzeige von Amazon. Der Rest der Seite ist voller Anzeigen dubiosen Ursprungs und nur dort, weil dafür Geld nach Amerika überwiesen wurde. Weiter ist sie praktisch voll mit Hinweisen auf den Videoblog eines Frank A. Meyer (who the hell?) unter dem Titel «Frank & Frei», und geht in Seite 2 über, mit einer Brillenkollektion, einem Restaurant in Hamburg, Beraterdiensten, Worterklärungen, einem Ferienhaus in Oberfranken und sonstigem Schwachsinn. Erst auf Seite 3 erscheint der Hinweis auf «Frank Frei, Archiv – Höngger.ch». Sollten Sie bei dem Experiment andere Ergebnisse aufgelistet bekommen, so ist das Googles volle Absicht.
    Was lässt dies an Rückschlüssen zu? Dass diese Zeitung offenbar nichts bezahlt, um ihre Artikel bei Google nach oben zu bekommen. Vor allem aber, dass Google doof ist und nicht findet, was man sucht. Das heisst, ich bin mir sicher, dass es nicht am Können, sondern am Wollen liegt. Zuerst soll man anschauen, wofür andere bezahlt haben und erst dann, vielleicht, finden, was man eigentlich suchte. Ist man sich dessen bewusst, klicken geübte Googler*innen automatisch gleich auf Seite 3 der Suchergebnisse wie frühere «Blick»-Leser auf die ominöse Seite drei («Nein, ich habe ihn nur wegen dem Sportteil gekauft!»). Auf Googles Seite 3 werden die Ergebnisse zielführend – doch nur kurz, um danach auf 327 weiteren Seiten ins Absurde abzudriften. Was Google und Blick, abgesehen von der Seitenzahl, zu Verwandten macht.
    Aber nun Schluss des Google-bashings, denn auch die beste Suchmaschine findet nur, was man richtig in ihr Suchfeld tippt. Gibt man dort nämlich «Frank Frei, Kolumne» ein, dann erscheine ich auf Seite 1 bereits an vierter Stelle. Vor mir nur noch Amazon, ein nicht funktionierender Link zu «Blick» und natürlich dieser Frank A. Meyer. Auch die überhole ich noch, und wenn ich dafür bezahlen muss.

    Es Grüsst, ab irgendeiner Seite dieser Zeitung
    Ihr Frank Frei

  • Auf nach Bern

    In der letzten NZZ am Sonntag las ich leider einen Bericht über die Arbeit der Lobbyisten in Bundesbern. Warum «leider»? Weil dieser sehr gut verfasste Artikel mit dem Titel «Nehmen und geben» mir mal wieder gründlich jeglichen Glauben an die Redlichkeit und die Unabhängigkeit der schweizerischen Demokratie verdorben hat. Nein, ich bin nicht naiv: Dass Parlamentarier*innen von rechts bis links den Lobbyist*innen überhaupt erst Zutritt ins Bundeshaus verschaffen, um dann mit ihnen in den Wandelhallen dieselben Bahnen zu drehen, ist allgemein bekannt. Auch dass sich beide Funktionen sehr, ja sehr-sehr oft in einer einzigen Person vereinen, ist Allgemeinwissen. Auch mit welcher Dreistigkeit regelmässig erklärt wird, dass man ohne die Vorarbeit und das Wissen von Lobbyisten gar keine Parlamentsarbeit machen könne, erstaunt kaum mehr. Selbst die Gelder, welche vom Volk als Vertretung gewählte Parlamentarier*innen für «Beraterdienste» oder den Einsitz in Vorständen irgendwelcher Organisationen erhalten, erschreckt leider längst keine Mastsau mehr.
    Was mich erschreckt, ist diese unverschämte Verlogenheit. Und dann auch noch zu behaupten, das hier sei ein Miliz- und kein Berufsparlament.
    Studien gehen bei einem Nationalratsmandat von einem 80-Prozent-Job aus. Dafür erhält man, mit Spesen, im Schnitt rund 10’300 Franken monatlich, im Ständerat sogar 11’500. Das reicht nicht? Aber nein doch, man nimmt «Nebenämter» bei Firmen, Verbänden, Gewerkschaften und anderen an, die Einfluss im Parlament haben möchten, und verdoppelt sich so locker das Jahresgehalt.
    Hierzulande weiss man, dass fast alle Politiker*innen, spätestens in Bundesbern, irgendwo die hohle Hand machen. Und natürlich wehren sich dieselben «Volksvertreter*innen» vehement und bislang erfolgreich gegen eine Offenlegungspflicht für Verwaltungsrats- oder andere Mandate. «Säuhäfeli, Säudeckeli», sagt man hier so niedlich – und zeigt gleichzeitig mit schmutzigen Fettfingerchen auf Korruption im Ausland. Aber wir, wir hier in der Schweiz, nein, wir sind doch nicht korrupt! Wir haben es nur viel besser organisiert, institutionalisiert und vor allem: stillschweigend legalisiert.
    So wird, egal wen ich bei den kommenden Wahlen nach Bern schicken würde, er oder sie auch die nächsten vier Jahre nur die Interessen der Partei, seine eigenen und ein paar andere, gut bezahlte vertreten. Nie und nimmer aber mich. Nie das Volk. Zum Glück erhalte ich, das Pseudonym, kein Abstimmungscouvert.

    Es grüsst, 2023 auch auf einer Nationalratswahlliste stehend
    Ihr Frank Frei

  • Der Pseudonymphe entwachsen

    Neulich wollte eine neugierige Leserin dieser Zeitung wissen, warum ich nur ein Pseudonym sei. Die Redaktion wusste es (wie immer) auch nicht und fragte mich direkt an. Also via Mail natürlich, denn Pseudonyme treten ja nirgends leibhaftig auf. «Nur» ein Pseudonym? Werte Dame, das «nur» verbitte ich mir, denn als Pseudonym kommt man nicht zur Welt, das muss man sich erarbeiten. Hart. Es ist ein Werdegang.
    Wie jedes anständige Pseudonym wollte auch ich zuerst unter meiner wahren Identität weltberühmt werden. Wie Madonna, gepaart mit Hemingway und einem bildenden Künstler, dessen Namen ich vergessen habe. Aber dann schaute ich mir deren Leben an. Die eine kann unerkannt keinen Schritt mehr machen, der andere ist tot und der dritte? Wer war das gleich? Also entschied ich mich, noch bevor ich überhaupt über meine potenziellen Fähigkeiten nachdachte, für ein Leben in totaler, immerwährender, zeitloser Freiheit. Eben als Pseudonym.
    Das Larvenstadium des Pseudonyms ist die Pseudonymphe. Ein Ferkel, wer da eine falsche Assoziation macht, denn Nymphen sind grundsätzlich einfach Naturgeister, die sich durch die griechische Mythologie tummeln. In der Zoologie – nun kommen wir mir näher – werden Jungtiere verschiedener Gliederfüssler als Nymphen bezeichnet. Also Tausendfüssler, Spinnentiere und Entenmuscheln zum Beispiel. Sie ähneln ihren Erwachsenen Artgenoss*innen schon in jüngsten Tagen. Da musste ich also durch und übte mich im stillen Kämmerlein. Zuerst singend und bildhauernd, doch nach zwei Wohnungskündigungen verlegte ich mich auf das stille Gewerbe des Schreibens und durfte sesshaft bleiben. Meine ersten Pseudonymphen-Texte waren Leserbriefe unter falschem Namen, was mich daran erinnert, dass die deutsche Grammatik das «Pseudo» wie die Nymphe den Griechen geklaut hat, bei denen «pseudos» für «falsch» oder «lügenhaft» steht (wobei ich mir Letzteres verbitte). Um von der «-nymphe» zum «-nym» (übrigens eine Abkürzung von «onyma», für «Name», und klar, wem wir das geklaut haben). zu werden, musste ich dann den Sprung aus den Leserbriefspalten schaffen. Der Rand dieser Spalten ist relativ hoch. Gletscherspaltenmässig hoch, hätte ich beinahe gesagt, doch das ist heute ja auch kein imposanter Wert mehr. Nicht egal, doch nach mehreren Versuchen schaffte ich es, hob erstaunt den noch vom Anstieg in die dünne Luft wirren Kopf und fand mich wo wieder? Direkt im «Höngger». Ok, jedes Pseudonym fängt mal klein an. Und ich darf mich hier austoben. Was nach der Pseudonymphe und dem Pseudonym kommt? Keine Ahnung, wie das Altersstadium eines Pseudonyms heisst. Pseudonyke? Pseudonylonstrumpf? Alles, bloss kein Pseudonout.

    Es grüsst, wahrhaftig
    Frank Frei

  • 285 Meter um komplett kirre zu werden

    Hi Frank, hier spricht der Bordcomputer deines selbstfahrenden Autos. Übernimm doch mal eben Steuer, Gas und Bremse, denn ich muss mich voll auf diese 285 Meter Regensdorferstrasse konzentrieren, hier, zwischen Wieslergasse und Meierhofplatz. Ich werde laut vor mich hindenken, aber lass dich nicht davon ablenken.
    Also los: 8 Meter, ein Fussgängerstreifen über den gemäss blauem Signal nur Männer mit Hut dürfen. Rechts warnt mich zudem ein Plakat, dass jederzeit Kinder aus dem Gelb des Fussgängerstreifens spicken können. Ich habe da meine Zweifel und prompt weist mich 25 Meter weiter ein Pfeil nach links zu diesen, was mich aber nur rätseln lässt, Mi gross doch meine Rechenleistung sein müsste, um das zu verstehen.
    Oh Gott, jetzt bricht rechts das totale Chaos aus. Halteverbot in beide Richtungen, höchstens Tempo 30 und 16 Meter weiter zwickts mich am Avia: Die Tempozone 30 wird aufgehoben, darunter aber gleich Tempo 30 vorgeschrieben, wobei das egal ist, ich müsste sowieso anhalten, weil ich keinen Vortritt habe – oder würde der nur gelten, käme ich aus der Riedhofstrasse? Jedenfalls sollte ich hier gleichzeitig zur Veloprüfung rechts abbiegen, was ich aber ignoriere, weil ich trotz allem noch immer überzeugt bin, ein Auto zu sein. Also weiter mit 30, allerdings total verunsichert. Ich stottere mir besser schon Ausreden zusammen, sollte dieser Höngg-bekannte Polizist hinter dem nächsten Signal hervorspringen. Wenigstens sagt mir die Gesichtserkennung meiner Rückspiegelkamera, dass er nicht auf seinem Roller hinter mir fährt. 24 Meter links ein Parkhausschild, «Im Brühl», darunter grün «Frei». Google meldet mir ungefragt 28 deiner Kolumnen online. Dass mir gleichzeitig rechts ein rot-weisser Kasten signalisiert, dass ich mich endlich selecta soll, verwirrt mich kaum mehr. 17 Meter weiter und es würde rechts das Bord runter in ein Parkverbot gehen, in dem lauter Autos vor Parkuhren stehen. Bestimmt sind deren Bordcomputer durchgeschmörzelt. Kein Wunder, mir wird es ja auch total fugu ohne überhaupt nach links zu schauen. Wie dem Manndli mit Hut auf dem nächsten Signal, das hier wieder auf die andere Strassenseite soll. Ausser es wäre denn auf ein Fahrrad umgestiegen wie auf diesem kleinen Signal, das mir unter dem blauen Signal dunkelrot und mit einem «przg» anzeigt ich soll leicht rechts halten, um dort den Weg mit Männern zu teilen, die ein kleines Kind an der Hand halten (Nein, hier wird nichts gegoogelt!). Was die übereinanderstehenden Buchstaben «F», «C» und «Z» auf diesem Schild sollen? Keine Ahnung! Von der anderen Seite (mit dem Hinweis auf eine «Zürcher Südkurve» aufgepeppt) muss das Manndli übrigens gleich wieder zurück, bis in alle Ewigkeit. Damit der arme Sisyphos das tun kann, hat man beidseits ein Halteverbot signalisiert, was mich aber verwirrt, weil ich wegen des Vortrittsrechts des Manndlis ja doch halten müsste. Kaum wieder angefahren würde ich rechts an einer Verkehrsinsel vorbei und, wenn ich nicht aufpasse, in ein Parkhaus «Hönggermarkt» hineindirigiert, wo ich gemäss grüner Anzeige unter 91 Plätzen wählen soll, obwohl Höngg seit Jahrzehnten keinen echten Markt mehr hat. Doch mein Frank steuert mich und mein Auto weiter.
    In 30 Metern endet das Halteverbot, sagt mir dort ein Schild, dann muss ich mein Velo mit einem roten Balken zweiteilen und zur Veloprüfung links abbiegen, um nach Wipkingen auf den Hönggerberg zu kommen. Logisch, oder? 25 Meter und ein Halteverbotsschild sagt mir, das gelte dann also im Fall in beide Richtungen. Wie nun, das wurde doch vorher eben aufgehoben? Wenigstens sagt mir an diesem Pfosten ein Schild deutlich, dass ich höchstens 30 fahren soll. Ja, himmela….undzwirn, ich hab’s ja kapiert! Links wirbt eine Schrift für «Froid am Velo», die ich nicht habe, weil meines ja seit 53 Metern zweigeteilt ist. Gleich rechts von mir zeigt ein Pfeil unter einem blauen «P» mit Zürcher Südkurve nach rechts. Folge ich ihm, lande ich in einem Fahrstuhl, ja coopferdamminomal! Dabei ist doch noch immer totales Halteverbot, das total haltlos ist, weil ich vor dem Meierhofplatz im Stau stehe. Ups, jetzt rechts abbiegen und dann, endlich eine klare Ansage: ein Rotlicht! Danke, das verstehe ich, stehe und frage mich, warum hier Velofahrer zur City geradeaus und doch in eine Zürcher Südkurve sollen. Nach so vielen Südkurven ist das doch längst ein Kreisverkehr und die haben keine Himmelsrichtungen!
    Frank? Hallo? Bist du noch am Steuer oder während der Fahrt rausgehechtet? Geht ja, wir waren ja nur mit 30 unterwegs. Oder so. Und sorry, dass ich sicher die maximale Zeichenzahl überschritten habe, aber da konnte ich nicht auch noch mitrechnen.

    Es grüsst die nun total schizophrene Navigation Ihres
    Frank Frei

  • Recycling als Amüsement

    Neulich sandte mir die Redaktion ein Leserfoto, das von mir stammen könnte. Ein Bild, wie es die Redaktion offenbar regelmässig bekommt, sagt sie. Ein Abfallbild. Nein, nicht eines, das nicht verwertet werden kann, sondern eines, das Abfall zeigt: Diverse PET- und andere Flaschen, fein säuberlich gesammelt, ordentlich zerdrückt, in eine Einkaufstüte gesteckt, zur Recyclingstelle getragen und dort – an den Wegrand gestellt. Was für eine unglaubliche Sauerei. Und sowas in der Schweiz, dem Land, in dem Altpapier zuerst gebügelt wird, bevor man es zu perfekten Kuben gebündelt an den Strassenrand stellt. Ja, man mag sich darüber aufregen. Ist mir auch schon passiert. Hab’ ich mir aber abgewöhnt und den Ärger zu Amüsement recycliert. Das Verfahren sollte ich patentieren lassen. Mach ich aber nicht, denn das widerspricht irgendwie dem Recyclinggedanken. Also rezitiere und recycliere ich es Ihnen gratis:
    Ärgern Sie sich nicht über so neben der Recyclingstelle entsorgtes Sammelgut, amüsieren Sie sich lieber über die grenzenlose Dummheit jener Flasche, welche diese Flaschen so entsorgt hat. Echt jetzt. Stellen Sie sich mal vor, was für ein immenser Aufwand diese Person betrieben hat: Zuerst Mineralwasserflaschen eingekauft und nach Hause geschleppt, dahin, wo das Leitungswasser bereits fast gratis fliessen würde. Dann die leeren Flaschen zerdrückt, über Tage hinweg gesammelt und in der Küche immer wieder über die halbvolle Tüte gestolpert. «Bärchen, wenn du schon rausgehst, nimm doch gleich noch die anderen Flaschen mit». Den Stich überhörend tut Bärchen wie geheissen – doch dann hat es da einfach keinen Einwurfschlitz für Plastikgebinde an dieser dämlichen Recyclingstelle des ERZ! («Bärchen, die wäre bei der Migros.» «Die hat aber zu. Und zudem steht hier ‹kein Einwurf nach 20 Uhr›. Was nun, Hasilein?» «Weiss auch nicht.») Also stellt Bärchen die Tüte mit dem Sammelgut einfach dort hin und zieht seines Weges, via ein Bier mit den Kumpels zurück zu Hasilein. Am nächsten Tag kommt dann der kleine Lastwagen des ERZ, ein fleissiger Mensch wirft die Tüte auf die Ladefläche und fährt am Ende des Tages damit – nein, nicht zur PET-Sammelstelle, sondern in die ganz normale Kehrichtverbrennungsanlage. Dort werden alle Flaschen, welche von einer anderen Flasche so brav gesammelt, zerdrückt und abtransportiert wurden, «thermisch verwertet». Also verbrannt.
    Sorry, ich kann nicht anders, mich amüsiert so viel Dummheit. Und ganz selten lasse ich mich dazu hinreissen, Bärchens am Wegrand deponierte Taschen auf dem Weg zum Einkaufen grossherzig mitzunehmen und korrekt zu entsorgen. Das ist das kleine Pfadi in mir. Gäbe es einen Recyclingschlitz für Dummheit, die Welt wäre besser dran. Leider hat noch niemand eine patente Idee, wie man Dummheit wiederverwerten könnte. Ausser durch Fortpflanzung.

    Mit Secondhand- Grüssen
    Frank Frei

  • Witzewelle

    Die Schweiz litt vergangene Woche unter einer Hitzewelle – jeder Text, der so beginnt, würde ich im Moment sicher nicht lesen. Er würde mir Hitzepickel, juckende Rötungen in den Armbeugen und klebrige Schweissbäder im Schritt verursachen. Hitzewelle? Wenn ich das Wort nur schon höre! Bereits nach dem ersten Tag über 30 Grad überkam eine viel schlimmere Welle die Schweiz: Die mediale Hitzejammerwelle. Am Montag war es heiss und am Dienstag wurde auf allen Kanälen und in jeder Zeitung gejammert, als befände man sich gerade am Ende des Sommers vom vorigen Jahr. Liebe Medienmenschen, habt ihr so ein kurzes Gedächtnis? Erinnert sich noch jemand an den Hitzesommer 2018? Richtig, «Sommer» nicht «Tag» oder «Woche»! Nach einem bereits zu warmen Frühling schlugen die Monate Juni bis August fast alle langjährigen Rekorde, jene der Sonnenstunden wurden nach oben und jene der Regenmengen nach unten geknüttelt. Es war einfach nur heiss und eklig und man litt rund um die Uhr wie im Angesicht des Leibhaftigen im Vorhof der Hölle. Wir lebten 2018 in der Schwitz, nicht in der Schweiz. Und jetzt macht ihr so ein unsägliches Gejammer wegen einer einzigen Woche? Eine heisse Woche ist noch keinen Hitzewelle, auch wenn ab und zu eine einzelne Schwalbe gedünstet vom Himmel fallen sollte. Was ihr aus den paar Tagen gemacht habt, war eine Witzewelle (ja-ja, «lustig», ich weiss). Gut, der meteorologische Sommer dauert noch ein paar weitere Wochen und ihr habt gute Chancen, dass ihr euch als Propheten feiern lassen dürft. Nur werden euch bis dahin die Superlative ausgegangen sein, wenn ihr sie alle schon in der ersten Woche auf euren medialen Einweggrills verbrutzelt habt. Geht doch etwas sparsamer damit um: Legt ein paar ins Tiefkühlfach und setzt euch gleich dazu, das verlangsamt den Blutfluss im Gehirn und dann leidet ihr auch weniger unter dem Sommerloch – zur Not könnt ihr ja kurz ins Kühlfach nach den sauren Gurken greifen, der Blondtollenmann aus den verleidigten Staaten von Amerika füllt euch das Glas twitternd sicher regelmässig auf. Quasi ein Twittergewitter. Genau, Gewitter: Auch davon gab es diese Woche welche, ganz im Gegensatz zu letztem Jahr.

    Mit kühlenden Grüssen, sich in die Ferien verabschiedend
    Frank Frei