Kategorie: Fokus

  • Wer pflegt uns im Alter?

    Wer pflegt uns im Alter?

    Das Problem ist bekannt: In Schweizer Krankenhäusern und Pflegeinstitutionen ist das Personal Mangelware. Und die Situation wird sich weiter verschärfen: Gemäss den Zahlen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums könnten es bis zu 20 000 Pflegende sein, die bis zum Jahr 2029 schweizweit fehlen. Die Gründe dafür sind vielfältig. So sorgt die demografische Entwicklung für einen steigenden Bedarf an qualifiziertem Personal.

    Gleichzeitig ist der Alltag der Pflegenden von hoher Belastung geprägt. Die Arbeitszeiten, schlechte Entlöhnung und nur bedingt mögliche Kombination von Familie und Beruf machen den Job auf Dauer unattraktiv, die Fluktuation ist hoch. Mit der Pflegeinitiative, die Ende 2021 angenommen wurde, wird auf Bundesebene versucht, die Pflegeausbildung zu stärken und die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

    Auch in der Stadt Zürich wird das Problem in Angriff genommen. Wie dies konkret geschieht, das erläuterte Stadtrat Andreas Hauri gemeinsam mit Vertreter*innen des Stadtspitals Zürich und der Gesundheitszentren der Stadt Zürich an einer Medienkonferenz im Juni. Sie informierten über das Programm «Stärkung Pflege», das im Jahr 2022 gestartet wurde.

    Das Massnahmenpaket

    Das Programm beinhaltet ein Massnahmenpaket, das aus den vier Punkten Flexibilität, Entlastung, Empowerment sowie Aus-, Weiter- und Fortbildung besteht. Der Punkt Flexibilität bezieht sich auf den Berufsalltag und soll die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern.

    So sollen Einsatzpläne durch die Pflegenden in Zukunft mitgestaltet werden können. Der Arbeitsbeginn soll flexibel gestaltet werden können, geteilte Dienste werden flächendeckend abgeschafft. Jobsharing wird vermehrt auf allen Ebenen ermöglicht, Löhne werden angepasst und die Ferien erweitert.

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    Entlastung und Empowerment sollen erstens in Form von fachlicher Unterstützung gewährleistet werden, aber auch in der Schaffung von neuen Berufsbildern und Ausbildungswegen. Dazu gehört etwa der Fachbeauftragte Geriatrie oder der CAS Intercare, die sich auf die Pflege älterer Menschen konzentrieren, aber auch der Ausbildungsweg Advanced Practice Nurses, der die Kompetenzen der Pflegenden gegenüber Ärzten stärkt. Generell soll bei den Beschäftigten das Potenzial besser erkannt werden, ein Talentpool die Förderung besonderer Talente ermöglichen.

    Das Zwischenfazit, das die Stadt nun zieht, ist positiv. In den vergangenen drei Jahren seien die Löhne erhöht und die Ausbildungsplätze erhöht worden. Rückläufig sei dagegen die Fluktuation in den Gesundheitsinstitutionen, die sich seit 2022 deutlich gesenkt habe. Und während die Massnahmen wie Lohnerhöhung und Ausbildungsförderung natürlich Kosten verursachten, habe der Abbau von Temporärstellen zu Einsparungen von rund 11,5 Millionen Franken geführt.

    Ein internationales Problem

    Doch das Problem ist bei Weitem nicht nur lokaler oder nationaler Natur. Das machte die Podiumsdiskussion «Wer pflegt uns morgen?» der Nichtregierungsorganisation Solidarmed Ende Mai deutlich. Denn der Mangel an verfügbaren Fachkräften im Inland hat einen Dominoeffekt zur Folge: Weil der Bedarf an Pflegenden hierzulande nicht gedeckt werden kann, rekrutiert die Schweiz Personal im Ausland – rund 30 Prozent der Beschäftigten haben, so Zahlen aus dem Jahr 2021, ihre Ausbildung im Ausland absolviert. Sie stammen fast alle aus den europäischen Nachbarländern.

    Und um deren eigene Personallücken zu decken, rekrutieren diese Länder selber im Ausland – etwa im europäischen Osten oder den Ländern des Südens.

    Mit gravierenden Konsequenzen: Sei die Migration für das einzelne Individuum verständlich und legitim, so Roswitha Koch vom Berufsverband der Pflegefachfrauen und -männer, stelle sie für die Gesundheitssysteme der Herkunftsländer eine wahre Katastrophe dar. Die Zahlen der WHO untermauern dies: So stehen in 83 Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika nur rund 22,8 Gesundheitsfachkräfte pro 100 000 Menschen zur Verfügung. Nicht einmal die elementarste Gesundheitsversorgung kann so gewährleistet werden.

    Hilft ein internationaler Kodex?

    Initiativen wie Solidarmed unterstützen die Länder des Südens darin, die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen im eigenen Land zu verbessern, um den Verbleib von Fachpersonal zu fördern. Doch es braucht auch Bemühungen innerhalb der Industrienationen.

    Auf internationaler Ebene existiert daher seit 2010 der Verhaltenskodex «zur internationalen Rekrutierung von Gesundheitspersonal» der WHO. Er hält die Mitgliedsstaaten an, dem Mangel an Gesundheitsfachkräften abzuhelfen und aus eigener Kraft die Versorgung mit Fachkräften sicherzustellen. Allerdings sind die Vorgaben wenig bindend und werden nicht konsequent umgesetzt.

    Im Gegenteil: Die Rekrutierung im Ausland hat seither auch hierzulande weiter zugenommen.
    Lösungen sind hier schwer zu finden. Die Pflegeinitiative sowie die städtischen Programme könnten kleine Schritte in die richtige Richtung bedeuten. Doch es bedarf mit Sicherheit noch grosser Anstrengungen, um die Situation lokal, national und international zu entschärfen.

    Im Fokus: Wertvolle Jahre

    Der «Höngger» veröffentlicht auch in diesem Jahr verschiedene Artikel, die sich der Lebensrealität von Betagten und Menschen mit Behinderung widmen. Diese Reihe entsteht mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung, die sich für solche Menschen stark macht.

  • Ein Tag im Alters- und Pflegeheim

    Ein Tag im Alters- und Pflegeheim

    Es ist halb sieben Uhr morgens: Im Alters- und Pflegeheim der Hauserstiftung Höngg beginnt ein neuer Tag. Sowohl für die Mitarbeitenden wie auch für die fast 40 Personen, die dort leben. «Wir haben viele Frühaufsteher bei uns», erzählt der Pflegefachmann Jörg Helminski. Kurz nach sieben Uhr wird im Speisesaal im Erdgeschoss und im Stübli auf dem 1. Stock das Frühstück serviert, das bis 9.30 Uhr eingenommen werden kann. Im Stübli finden sich jene Personen ein, die aus vielerlei Gründen Hilfe bei der Nahrungsaufnahme benötigen. Es ist auch möglich, das Frühstück im Zimmer zu sich zu nehmen oder einfach nur den Kaffee. Einen «Zwang» gibt es nicht.

    Geselliges Quartiermittagessen und Hausbesichtigung

    Jeweils an einem Sonntag im Monat wird der Quartierbevölkerung in der Hauserstiftung ein feines Drei-Gang-Mittagessen, inkl. Mineral und Kaffee, für CHF 30.– serviert. Eine gesellige Gelegenheit, die Hauserstiftung nicht nur kulinarisch ein bisschen kennenzulernen. 

    Sonntag, 20. Oktober, 11.50 Uhr
    mit Hausführung um 14.30 Uhr in der Cafeteria
    Anmeldung bitte jeweils bis spätestens Freitagmittag, 18. Oktober.

    Die Stimmung ist ruhig, ab und zu ertönt eine Klingel – Bewohnende rufen nach dem Personal. Jörg Helminski und seine Kolleginnen agieren «im Hintergrund»: Der Morgen ist die Zeit der Körperpflege, die in den Zimmern stattfindet. Der Aufwand ist individuell, auf Wünsche wird nach Möglichkeit eingegangen. Manche kommen gut allein zurecht, andere benötigen Unterstützung, vielleicht beim Duschen oder beim Anziehen der Stützstrümpfe. So ist der Morgen für das Pflegeteam, das von Elvira Hajdarpasic geleitet wird, die intensivste Zeit. Es ist ein kollegiales Team: «Wir alle helfen einander», sagt sie. Hinter ihr im Stationszimmer hängen die Einsatzpläne an der Wand – sie zeugen von einer organisatorischen Meisterleistung.

    Tür an Tür

    Es gibt klare Standards für Alters- und Pflegeheime, die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich gibt diese vor. In Höngg befinden sich mehrere angesehene Häuser, die alle über ihren eigenen Charakter verfügen: das städtische Gesundheitszentrum für das Alter Bombach, das Pflegezentrum Riedhof, das Tertianum Residenz Im Brühl und jenes der Hauserstiftung, dessen Leiter Romano Consoli ist. Sein Haus, das 1924 von Johann Heinrich Hauser gegründet und 1930 eröffnet wurde, ist relativ klein.

    Aktuell können dort 38 Zimmer auf drei Etagen bezogen werden, alle mit eigenem Badezimmer. Einzelzimmer sind begehrt, Doppelzimmer nicht. Die Grösse variiert, wenige verfügen über einen Balkon. Die Zahl der Angestellten in der Pflege, im Hausdienst, in der Küche und in der Administration beläuft sich auf rund 50 Personen, deren Stellenprozente unterschiedlich sind. Speziell in der Hauserstiftung ist, dass es keine getrennten Abteilungen gibt, beispielsweise für Demenzerkrankte. Alle Bedürfnisse, darunter auch die der palliativen Pflege, finden sich Tür an Tür.

    Gemeinsam singen

    Der Alltag wird kurzweilig gestaltet, in der Fachsprache nennt sich das Aktivierung. Das Ziel ist die Erhaltung der geistigen und körperlichen Fähigkeiten der Bewohnenden unter Berücksichtigung ihrer Interessen und Möglichkeiten. Immer freiwillig, denn Selbstbestimmung und Eigenverantwortung werden grossgeschrieben. In der Hauserstiftung finden täglich Veranstaltungen, Aktivitäten und Unterhaltungsangebote statt, viele sind auch öffentlich. Das können Lesungen, Konzerte oder Spielnachmittage sein, aber auch Angebote wie Gedächtnistraining oder gemeinsames Turnen stehen auf dem Programm. Dazu gesellen sich Dienstleistungsangebote wie der hauseigene Coiffeursalon, der Besuch des Arztes oder die Fusspflege. Selbst Andachten werden angeboten.

    Am heutigen Morgen ist in der Cafeteria, deren Blickfang ein grosses Aquarium ist, das gemeinsame Singen von Volksliedern vorgesehen. Die Leitung liegt bei der Bewohnerin Margrit Reithaar, einer «Ur-Hönggerin», die im Quartier viele kennen. Sie kann mit dem Pianisten Heinz Rutishauser rund ein Dutzend singfreudige Personen empfangen. Reithaar kümmert sich darum, dass alle ein Liederbuch erhalten, dann wird gesungen: Es erklingen «S’Guggerzytli» und das «Rütlilied».

    Vor dem Mittagsschläfchen

    Gegen Mittag sind die Tische im Esssaal und im Stübli gedeckt, die saisonale Auswahl, die der Küchenchef Roger Leone mit seinem Team zubereitet, beinhaltet zwei Menüs. Das Mittagessen verläuft friedlich, die ruhigen Gespräche sind vielseitig. Auch hier ist das Pflegepersonal dabei und nimmt sich Zeit für die Betreuung. Anschliessend bevorzugen viele ein kleines Mittagsschläfchen, darunter auch Margrit Reithaar. Zuvor lädt sie noch in ihr Zimmer ein. Wie sieht das traute Heim in einer Seniorenresidenz aus?

    Bei ihr ist es ein gemütlich eingerichtetes Zimmer mit vielen Büchern, Bildern und Gegenständen. Telefon und Fernseher sind vorhanden, ein kleiner Kühlschrank ebenso. «Einige der Möbel konnte ich mitnehmen, das Bett hingegen nicht», sagt sie. Denn dieses muss von Beginn weg ein Pflegebett sein, das verstellbar ist. Die Bewohnerin erzählt, dass es ihr freier Entschluss war, in ein Altersheim zu ziehen, also liess sie sich auf die obligate Warteliste setzen. Als sie das Zimmer schliesslich begutachten konnte, zögerte sie keine Sekunde: Ein kleiner Balkon, auf dem sie die Sonne und ihre Blumen geniessen kann, ist ihr Luxus. «Der Eintritt in das Heim war eine der besten Entscheidungen, die ich getroffen habe.»

    Ein Vorurteil über das Leben in einer Seniorenresidenz ist jenes des Unfreiheit. Es gibt Lebenssituationen, bei denen die Freiheit eingeschränkt wird, sei es wegen Demenz oder aus körperlichen Gründen. Doch das wäre an jedem anderen Wohnort auch so. «Unsere Bewohnenden sind völlig frei, sie alle haben einen Schlüssel und können gehen und kommen, wie sie möchten», sagt Romano Consoli. Allerdings wird Wert daraufgelegt, dass man benachrichtigt wird, sollte jemand länger abwesend sein.

    Die Dokumentation ist wichtig

    Auch an den Nachmittagen werden Aktivierungen angeboten, an diesem Tag ein Alphornkonzert im Garten des Hauses. Das Publikum ist zahlreich. Andere ziehen es vor, sich mit Gästen in der Cafeteria zu treffen. «Es gibt Angehörige, die schauen mehrmals die Woche vorbei, bei anderen Bewohnenden sind die Besuche selten», sagt Pflegefachmann Jörg Helminski. Was zur Sprache kommt, ist die Einsamkeit.

    Umso mehr wird man in einer Altersresidenz vor dieser «geschützt»: Da sind nicht nur die Mitbewohnerinnen, da ist auch das Pflegepersonal, das mit den Menschen einen Spaziergang unternimmt, sie zum Arzt begleitet oder einfach für sie da ist. Und manchmal erhalten die Menschen auch tierische Gesellschaft: Die zwei Katzen Diva und Minusch, die in der Hauserstiftung leben, sind die heimlichen Stars und überaus zutraulich.

    Auch wenn der Nachmittag gelassener erscheint als der geschäftige Morgen, so ist das Pflegepersonal stets auf Trab. Und was viele nicht wissen: Ein wichtiger Teil der Pflege ist die Dokumentation. «Wir müssen alle Handlungen festhalten, auch wenn sie für Aussenstehende unbedeutend wirken», sagt Jörg Helminski. Es wird täglich notiert, ob beispielsweise jemand zu wenig trinkt, welchen Puls er hat und wie der Zustand der Person ist. Diese Dokumentation hilft nicht nur der Pflege, um Massnahmen zu planen, sondern dient auch den Krankenkassen als Leistungsnachweis – die Kosten müssen stets begründet werden.

    Die Menschen werden älter

    Der Abend naht und es wird Zeit für das Znacht. Dieses ist auf Wunsch vieler Bewohnenden ein klassisches Café complet, aber der Küchenchef Roger Leon hat selbstverständlich auch ein Abendmenü auf der Karte. Noch einmal treffen sich die Senior*innen im Saal oder im Stübli und halten einen Schwatz, während andere sich in ihr Zimmer zurückziehen.

    So friedlich der Tag scheint – die Augen werden vor der Realität nicht verschlossen. Die Pflege steht vor gewaltigen Herausforderungen: «Die Menschen werden immer älter», erzählt Pflegefachmann Helminski, und der Pflegenotstand ist ein beunruhigender Fakt. In der Hauserstiftung herrsche aber kein Personalmangel, wie er betont. Nicht jeder Eintritt sei zudem völlig selbstbestimmt, fügt er an. Und die Demenz ist weiter verbreitet als noch vor 20 Jahren. Es wird auch über das Sterben gesprochen. Der Tod gehöre zur Arbeit in der Pflege dazu.

    Die Nachtruhe beginnt allmählich, während Minusch und Diva hellwach werden. Mit ihnen zwei Pflegepersonen, welche die Nachtschicht antreten. Sie kümmern sich bis in die Morgenstunden um die Bewohnenden, sollten diese nachts Hilfe benötigen. Und bald beginnt ein neuer Tag.

    Im Fokus: Wertvolle Jahre

    Der «Höngger» veröffentlicht in diesem Jahr verschiedene Artikel, die sich der Lebensrealität von Betagten und Menschen mit Behinderung widmen. Diese Reihe entsteht mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung, die sich für solche Menschen stark macht.

  • Leben in der digitalen Welt

    Leben in der digitalen Welt

    J. W., der Name ist der Redaktion bekannt, hält wenig von den digitalen Errungenschaften der letzten Jahre. Mit 75 Jahren befällt ihn im Hinblick auf Internet und Co. nicht selten Fassungs-, aber auch Hilflosigkeit. Zwar besitzt J. W. ein Smartphone, nutzt dieses aber nur für Telefonate. Dabei ist ihm der digitale Wandel nicht fremd. «Mit Computern kam ich bereits Ende der 1980er-Jahre beruflich in Kontakt», sagt er. Dem damals neuen Arbeitsinstrument schenkte er die nötige Beachtung, mehr nicht.

    Als rund zehn Jahre später die Handy-Telefonie aufkam, zu einer Zeit, in der Computer auch die Privathaushalte eroberten, besorgte sich auch J. W. den sogenannten Quasselknochen. «Keineswegs wollte ich immer erreichbar sein, aber das Handy schien mir nützlich», sagt er.

    Seither wurde die Welt noch digitaler und der Fortschritt ist rasant. Mit den sozialen Medien wie Facebook oder Instagram verlagerte sich ein erheblicher Teil der Kommunikation ins Internet. Das käme für J. W. nicht infrage. Er schreibt auch keine E-Mails, sondern bevorzugt Briefe und Postkarten.

    Das Internet selbst bereitet ihm Sorge. «Mit den neuen Möglichkeiten stieg auch die Informationsflut», so J. W. Es irritiert ihn zutiefst, wenn die Menschen nur noch in dieses kleine Ding schauen. «Vor einiger Zeit lief ich am Hauptbahnhof dem damaligen Bundesrat Alain Berset über den Weg, aber kaum ein anderer hat ihn bemerkt, alle schauten in ihr Telefon.» J. W. will seinen Prinzipien treu bleiben und er ist bei Weitem nicht der Einzige, der so denkt. Die Frage lautet, wie lange kann man sich der digitalen Welt entziehen?

    Ein Kanal zur Aussenwelt

    Anders als J. W. gibt es viele ältere Menschen, die den digitalen Wandel mitmachen wollen. Laut einer Studie von Pro Senectute aus dem Jahr 2020 seien 74 Prozent der Generation 65plus bereits online unterwegs. Ein «digitaler Graben» öffne sich dann bei Menschen über 80 Jahre. Die Seniorinnen wollen im Familien-Chat mitreden und auch Fotos versenden. Sie haben genug von Radiosendern und wählen einen Musik-Streamingdienst. Auch Bankgeschäfte gilt es heutzutage digital abzuwickeln.

    Aber einige stossen dabei auf Widerstand. Deswegen gibt es mittlerweile viele Angebote, die Hilfe und Unterstützung versprechen. Ein in Höngg bereits etabliertes Angebot sind die Supportnachmittage und Vorträge des Vereins Computeria Zürich, bei denen ältere Menschen im Umgang mit Computer, Tablet und Handy Unterstützung finden. Die Nachmittage finden regelmässig im reformierten Kirchgemeindehaus statt.

    Die Genossenschaft Zeitgut Zürich Höngg-Wipkingen setzt mittlerweile jeden Samstag auf die digitale Unterstützung: Kostenlos und ohne Anmeldung können sich dort Leute mit ihren Fragen hinwenden (siehe Box). «Es ist von grosser Bedeutung, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, Unterstützung im Umgang mit digitalen Geräten zu erhalten», sagt Regina Hinding, Geschäftsführerin von Zeitgut. Für viele würden diese Geräte einen Kanal zur Kommunikation mit der Aussenwelt darstellen. «In einer Zeit, in der Einsamkeit ein immer grösseres Thema wird, ist es umso notwendiger, dass alle die Fähigkeit haben, die digitalen Technologien zu nutzen», so Hinding.

    Ein Fachmann weiss Rat

    Einer, der sich dieser Situation stellt, ist Zaheer Uddin Qureshi, ein Fachmann in der Cyber-Security, der als Freiwilliger seit einem Jahr zum Zeitgut-Team gehört. «Das Angebot wird immer bekannter, aktuell kommen pro Samstag vier bis sechs Personen. Manchmal müssen wir auf den nächsten Samstag verweisen», sagt er.

    Qureshi erlebt die Klientel als direkt. «Die Menschen kommen mit einer klaren Frage auf uns zu.» Meistens gehe es um das Smartphone, seltener um den Computer, wobei aber auch der Laptop vorbeigebracht werde. Er hört Fragen wie: Warum ist das System plötzlich langsam? Warum funktioniert das Login nicht mehr? Und was passiert bei einem Update? Dazu gesellen sich Fragen über das Versenden von Fotos, den Speicherplatz, die Verwendung einer App usw. Es sind Anliegen, die nicht nur ältere Menschen haben.

    Alle zwei, drei Wochen gebe es aber auch eine komplexere Frage, wie der Cyber-Fachmann erzählt: «Eine Dame besass eines der ersten iPhones und sie wollte ihre Dokumente und Fotos auf ein neues Gerät übertragen. Niemand konnte ihr dabei helfen.» Qureshi musste zunächst recherchieren, aber es hat geklappt. «Viele, die unsere Unterstützung besuchen, gehen davon aus, dass wir ihre Frage innert Sekunden lösen, das ist aber nicht immer der Fall», sagt Qureshi. Es lohne sich daher, etwas Zeit einzuplanen. Die Dankbarkeit, die er beim Lösen eines digitalen Problems erlebt, sei enorm.

    Hilfsmittel im Alter

    Digitale Hilfsmittel spielen zunehmend eine wichtige Rolle für das Leben im Alter. Sie erfordern aber auch das Aufbauen einer digitalen Kompetenz, wie die Stadt Zürich auf ihrer Website der Fachstelle Zürich im Alter schreibt. Es sind Hilfsmittel, die für die Selbstständigkeit von Vorteil ein können.

    Etwa Gesundheits-Apps: Programme, die beispielsweise medizinische Daten sammeln und verwalten. Apps, die das Trinken in Erinnerung rufen oder generell als Gedächtnisstütze fungieren. Viele Krankenkassen wissen über diese Apps Bescheid und bieten oftmals eine eigene Coach-App an, welche die Aktivitäten aufzeichnet, aber auch mit wertvollen Tipps aufwartet.

    Weiter gibt es laut der Stadt Zürich auch Programme, welche die Absprache und Organisation von mehreren Angehörigen und Betreuungspersonen vereinfachen (erwähnt wird die App «we+care»). Auch Armbänder mit Notfallknopf sind gefragt: Das Seniorenportal Schweiz spricht von «digitalen Schutzengeln», Anbieter gibt es mehrere. Bei einem Sturz oder in einer gefährlichen Situation können die Trägerinnen den Notfallknopf betätigen und die gespeicherten Adressen (Familie, Notrufzentrale usw.) werden umgehend informiert.

    Manchmal sind es vermeintlich einfache Dinge, die ins Gewicht fallen. Bedeutend sind sie trotzdem: Einer der Hauptgründe, warum der eingangs erwähnte J. W. heutzutage Mühe mit den Smartphones hat, ist die fehlende Tastatur. Das «Wischen» auf einem Display bleibt ihm suspekt, das Eingeben von Texten bereitet ihm auf diese Weise Mühe.

    Er, wie auch andere Menschen, bevorzugen noch immer Tasten und eine einfache Bedienung. Das blieb der Industrie nicht verborgen: Sogenannte Senioren-Handys sind im Handel erhältlich und neue Anwendungen funktionieren dort auch.

    Wer nicht auf das Smartphone verzichten möchte, für den gibt es – man ahnt es – Apps: Die Stadt erwähnt als Beispiel «easier phone». Dank diesem Programm wird die Handhabung erleichtert.

    Achtsamkeit ist wichtig

    Der digitale Wandel öffnete auch Tür und Tor für eine neue Art der Kriminalität. Zeitgut-Mitarbeiter Qureshi, der hauptberuflich als Cyber-Security-Spezialist tätig ist, kennt die Abgründe im professionellen Bereich, hält aber Tipps für den privaten Gebrauch bereit. Damit meint er das sogenannte Phishing: «Achten Sie bei E-Mails immer auf den Absender. Fragen Sie sich, ob Sie diese Person oder diese Firma kennen», sagt er.

    Kriminelle imitieren Banken, Krankenkassen und weitere Institutionen und fordern zum Eingeben sensibler Daten auf. «Aktivieren Sie daher keinen Link, öffnen Sie kein angehängtes Dokument und geben Sie niemals Kontoinformationen oder Passwörter preis», so Qureshi. Habe man ein ungutes Gefühl, sei die telefonische Nachfrage eine gute Lösung, um ganz sicher zu gehen.

    Angebote in der Stadt Zürich – eine Auswahl

    Computeria Zürich
    Vorträge und Supportnachmittage
    im reformierten Kirchgemeindehaus Höngg
    Ackersteinstrasse 186 und 190
    www.computeria-zuerich.ch

    Digitale Unterstützung
    Genossenschaft Zeitgut
    Jeden ersten und dritten Samstag im Monat, von 10 bis 11 Uhr, im «Höngger», Meierhofplatz 2 (kostenlos, ohne Anmeldung).
    Jeden zweiten und vierten Samstag, von 10 bis 11 Uhr, in der Pfarrei Guthirt, Guthirtstrasse 3–7 (kostenlos, ohne Anmeldung).
    www.zeitgut-zuerich.ch

    Pro Senectute Zürich
    Digitaler Coach und
    Schutz vor Finanzmissbrauch:
    www.pszh.ch

    Stadt Zürich:
    Fachstelle Zürich im Alter
    Informationen zu digitalen Hilfsmitteln: www.stadt-zuerich.ch /zuerich-im-alter

    Gesundheitszentren für das Alter: Computercorner
    Regelmässige Unterstützung in den Zentren Bürgerasyl-Pfrundhaus, Dorflinde, Eichrain, Langgrüt, Laubegg, Limmat und Wildbach.
    www.stadt-zuerich.ch/gesundheitszentren

    Im Fokus: Wertvolle Jahre

    Der «Höngger» veröffentlicht auch in diesem Jahr verschiedene Artikel, die sich der Lebensrealität von Betagten und Menschen mit Behinderung widmen. Diese Reihe entsteht mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung, die sich für solche Menschen stark macht.

  • Zu Hause wohnen im Alter

    Zu Hause wohnen im Alter

    Mitten im Quartier und in einem grossen Haus, mit einem noch grösseren Garten, lebt eine 88-jährige Hönggerin. Ihren Namen möchte sie aus persönlichen Gründen nicht öffentlich nennen, doch das Thema des altersgerechten Wohnens ist ihr sehr wichtig. Die Dame strotzt vor Lebensfreude und Energie und die braucht sie, um in dem Anwesen leben zu können. Den ganzen Haushalt meistert sie nach wie vor mit links. Ihr Tipp? Fit bleiben!

    «Man muss weitermachen»

    Zwei Mal in der Woche macht die Rentnerin Sport – am Dienstag geht sie ins Aquafit und am Freitag ins Turnen. Aber auch mental hält sie sich fit, nämlich mit Memory und Kreuzworträtseln. «Im Alter muss man weitermachen, sich nicht zurückziehen und die Kontakte pflegen», sagt sie. «Es läuft zwar alles ein wenig langsamer und man braucht mehr Pausen dazwischen, aber aufhören sollte man nicht.»

    Die Selbstständigkeit ist der Hausherrin dabei sehr wichtig. «Ich hätte Mühe, in ein Altersheim zu wechseln, da dort vieles vorgegeben ist», sagt sie. Lieber würde sie in Zukunft Hilfe zu Hause beanspruchen, beispielsweise durch die Spitex. Sie will den Alltag selber gestalten und entscheiden, wann sie was macht.

    «In einem Haus gibt es immer etwas zu tun, da wird mir nie langweilig», sagt sie. Das Haushalten teilt sie sich selbst ein, zwischendurch legt sie sich gerne auch mal hin. Beim Jäten nimmt sie den Hocker zu Hilfe. Ein bisschen Unterstützung im Haushalt und Garten schadet allerdings nicht. So schaut jede zweite Woche eine Putzfrau bei ihr vorbei, und auch ein Gärtner hilft ihr im Grünen. Angehörige unterstützen sie ebenso.

    Sicherheit rund um die Uhr

    Sehr wichtig sei das Armband mit dem roten Knopf, das die 88-Jährige am rechten Handgelenk trägt – nämlich ein Rotkreuz-Notruf. Sollte etwas passieren, etwa ein Sturz, drückt man auf den Knopf und eine Sprecherin des Roten Kreuzes nimmt Kontakt auf. Sie mobilisiert dann Freiwillige, meistens sind das die Nachbarn, Angehörige oder Freunde, die in der Nähe wohnen, und die der betroffenen Person zu Hilfe eilen können. In einem medizinischen Notfall rücken Mitglieder von einem professionellen Rettungsdienst aus. Die Zentrale des Roten Kreuzes ist rund um die Uhr erreichbar.

    Die Umgebung muss sich dem Menschen anpassen

    Altersgerecht wohnen – damit kennt sich auch Othmar Immoos, Leiter Betreuung und Pflege des Gesundheitszentrums für das Alter Sydefädeli, bestens aus. Das Zentrum hat sich auf Wohneinheiten spezialisiert, in denen die älteren Leute grösstenteils selbstständig leben.

    Dem Gesundheitszentrum liegt es am Herzen, dass die betagten Personen ihr Leben so selbstbestimmt wie möglich gestalten können. Es gilt: «Die Umgebung muss sich der Person anpassen, und nicht umgekehrt.» Das Zentrum versuche daher, den Bewohnenden einen möglichst individuellen Alltag zu ermöglichen. Was der Körper im Alter nicht mehr zu stemmen vermag – beispielsweise Waschen oder Kochen –, übernimmt das Gesundheitszentrum.

    «Wir Jungen können uns gar nicht vorstellen, was es heisst, eine Wohnung zu putzen. Für uns ist das innerhalb einer Stunde erledigt, für eine ältere Person kann das aber ein ganzes Wochenprogramm bedeuten», sagt Immoos. Die Wohnungen können die Betagten nach eigenem Geschmack einrichten. Gewisse Stolpersteine sollten in den eigenen vier Wänden aber vermieden werden – dazu gehören laut Immoos vor allem Teppichecken. Gutes Schuhwerk, sprich geschlossene Finken, sei ebenfalls unabdingbar.

    Das Badezimmer hat viele Festhaltmöglichkeiten und der Duschbereich kann stufenlos betreten werden. Um Stürze zu vermeiden, spiele die Ernährung eine ganz wichtige Rolle. Insbesondere im Sommer sei es sehr wichtig, viel zu trinken. Das Risiko für Stürze und andere Zwischenfälle, die auf zu wenig Flüssigkeit zurückzuführen sind, steige stark.

    «Wir wollen ein Zuhause sein»

    Personen, die sich für ein Heim interessieren, wird zuerst eine Beratung von der Stadt Zürich angeboten. Je nach individuellen Bedürfnissen wird dann das passende Zentrum ausgewählt. Die verschiedenen Gesundheitszentren der Stadt Zürich haben unterschiedliche Schwerpunkte. So bietet das benachbarte Gesundheitszentrum für das Alter Trotte auch einen Wohnbereich für Menschen mit Demenz. «Die Gebrechlichkeit im Alter ist ein ernst zu nehmendes Thema. Und auch die Konzentration lässt nach – man vergisst häufiger Sachen, wie etwa die Medikamenteneinnahme», sagt Immoos.

    Wie kann man die Selbstständigkeit im Alter denn trotzdem bewahren? «Training, Training, Training», betont Immoos. «Wir haben ganz viele Leute, die beispielsweise absichtlich die Treppen anstelle des Lifts benutzen.» Und auch die hausinterne Aktivierungstherapie fördert das Gedächtnis mit Spielen oder mit dem Diskutieren von Zeitungsbeiträgen. Heute kämen die Menschen in einem höheren Alter als früher ins Altersheim, zum Teil erst mit über 90 Jahren.

    Ein Faktor hierfür könne auch die Einsamkeit sein. «Wir versuchen, für die Leute ein Zuhause zu sein. Und somit dürfen die Leute auch bei uns sterben, dafür müssen sie nicht den Ort wechseln», sagt Immoos. In erster Linie zähle für Immoos die Zufriedenheit der Person. Besonders auch bei Bewohnenden, die bereits eine beginnende geistige Einschränkung haben, sei diese «emotionelle» Zufriedenheit sehr wichtig. «Ich erlebe die alten Leute im Sydefädeli als eine kunterbunte Gemeinschaft.
    Hier gibt es die unterschiedlichsten Charaktere. Aber bei uns darf man so sein, wie man ist», sagt Immoos.

    Von Rollatoren, Duschbrettern und Nachtstühlen

    Um sich das Leben einfacher zu gestalten, kann man sich auch Hilfsmittel besorgen, sogenannte Krankenmobilien. In Höngg gibt es ein Krankenmobilienmagazin, das ein wenig versteckt neben der Pestalozzi-Bibliothek an der Ackersteinstrasse 190 liegt. Es ist für jedes Bedürfnis gut ausgestattet. Verwalterin Monika Schmidiger ist seit rund zehn Jahren dabei und bietet Beratungsgespräche.

    «Vielfach erreichen mich die Kunden zuerst per Telefon und schildern mir ihr Problem. Die meisten kommen dann persönlich vorbei, um etwas genauer unter die Lupe zu nehmen», sagt Schmidiger. Die Objekte kann man unbeschränkt lange ausleihen, man kann sie bei hoher Nutzung auch abkaufen. Ein Teil der Miete wird dabei angerechnet. Ein Depot existiert nur bei Rollstühlen. «Wir vermieten unsere Objekte wesentlich günstiger als ein Fachgeschäft», sagt Schmidiger.

    «Durch den Service und die Reparaturen heben wir uns jedoch von den Online-Shops ab.» Die Mindestmietdauer liegt bei zwei Wochen. Am meisten nachgefragt werden Duschbretter, WC-Aufsätze, Rollstühle, Rollatoren und Nachtstühle. Der Grossteil der Kundschaft ist über siebzig Jahre alt. Aber auch Leute mit Behinderungen durch Unfälle schauen gerne vorbei.

    «Viele alte Personen haben Mühe mit Treppensteigen. Und auch eine neue Wohnung zu finden, die den Bedürfnissen des Alters entspricht, ist nicht einfach», sagt Schmidiger. Besonders, wenn ein Gerät wie ein Rollator ins Spiel kommt, wird es in den eigenen vier Wänden raumplanerisch schwierig. Da wird beispielsweise auch ein Lift plötzlich wichtig. «Es gibt aber auch Menschen, die nicht flexibel sind und Mühe haben, die Wohnung hindernisfrei umzugestalten», sagt Schmidiger. In vielen Fällen seien die Wohnungseinheiten mit zu vielen Sachen und Gegenständen überladen.

    Alte Menschen hätten tendenziell Mühe damit, diese Objekte umzustellen und beispielsweise freien Weg für einen Rollator zu schaffen. Sich an die neuen Lebensumstellungen anpassen zu können, sei enorm wichtig. «Ich selber habe durch meine Arbeit beim Krankenmobilienmagazin gelernt, dass es essenziell ist, in die Zukunft zu schauen. Vorsorgen ist das A und O», sagt Schmidiger.

    Anlaufstellen

    Krankenmobilienmagazin Kreis 10
    Ackersteinstrasse 190
    8049 Zürich
    044 341 51 20

    Gesundheitszentrum für das Alter Sydefädeli
    Hönggerstrasse 119, 8037 Zürich
    044 414 07 07

    Schweizerisches Rotes Kreuz
    SRK Kanton Zürich
    Drahtzugstrasse 18, 8008 Zürich
    044 388 25 35

    Im Fokus: Wertvolle Jahre

    Der «Höngger» veröffentlicht auch in diesem Jahr verschiedene Artikel, die sich der Lebensrealität von Betagten und Menschen mit Behinderung widmen. Diese Reihe entsteht mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung, die sich für solche Menschen stark macht.

  • Der Donnerstag gehört nur ihnen

    Der Donnerstag gehört nur ihnen

    An diesem Donnerstagmittag trifft sich die Gruppe im Kirchgemeindehaus Oberstrass. Bereits kurz nach elf Uhr treffen die ersten Gäste ein. Karin Sommer, Demenzfachperson und Leiterin des «Dunnschtigs-Clubs» sowie Monika Hänggi, Sozialdiakonin und Co-Projektleiterin, empfangen die Besucherinnen herzlich. Man kennt sich, begrüsst sich, tauscht Neuigkeiten aus.

    Nach und nach tröpfeln auch die anderen Teilnehmenden herein. Sie kommen nicht nur aus der näheren Umgebung, sondern reisen aus der ganzen Stadt an. Manche werden von ihren Angehörigen hierher begleitet, andere kommen mit dem Taxi, einige bewältigen die Anreise alleine mit dem öV.

    Tagesstruktur bieten

    Die Runde ist nun komplett, acht Personen zählt der «Dunnschtigs-Club» heute. Seit August 2021 existiert das Angebot, entstanden ist er aus dem Sing-Café, das im Rahmen des «Drehscheibe Demenz»- Angebots ebenfalls im Kirchenkreis durchgeführt wird. Seither treffen sich von Demenz Betroffene und Angehörige jeden Donnerstag im Kirchenkreis sechs, von 11.30 bis 17 Uhr.

    Das Angebot dient einerseits als Entlastung für pflegende Angehörige, andererseits aber auch als Möglichkeit, ungezwungen Zeit miteinander zu verbringen – in einem sicheren und betreuten Rahmen. Zunächst wird gemeinsam gegessen, anschliessend wird ein Programm geboten – Spiele, Spaziergänge, auch Ausflüge werden zusammen unternommen.

    Dabei wechselt die Lokalität zwischen den Kirchgemeindehäusern Ober- und Unterstrass. Teilnehmen können alle, das Angebot ist kostenlos, zu bezahlen ist jeweils nur das Mittagessen. Begleitet wird es von Karin Sommer sowie Pfarrer Daniel J. Frei.

    Entlastung und Gemeinschaft

    Heute fällt das Essen ein wenig einfacher aus als gewohnt, weil die Köchin im Kirchgemeindehaus Unterstrass krank ist. Deshalb bleibt die Gruppe hier. Im Foyer ist ein langer Tisch gedeckt, Salat und Wähen werden serviert. Beim Essen wird geplaudert: Die Organisatorinnen erkundigen sich bei E., wie es ihm und seiner Frau geht.

    Er ist einer der Teilnehmenden, die den «Dunnschtigs-Club» schon seit Beginn regelmässig besuchen. Seit Kurzem wohnt er gemeinsam mit seiner Frau in einer Pflegeeinrichtung. Nun reist er donnerstags jeweils alleine an, seine Frau ist nicht mehr so mobil und kann mittlerweile an den Angeboten nicht mehr teilnehmen.

    Er aber ist sehr gerne dabei: «Ich finde es super, dass die Kirche dieses Angebot bietet und Karin und Daniel uns hier jeden Donnerstag empfangen und betreuen», erläutert er seine Motivation. Es mangelt ihm aber auch nicht an Ideen, wie das Programm noch erweitert werden könnte: Noch mehr Bewegung, Turnen, oder besser noch Tanzen, das würde er sich wünschen.

    Auch R. und ihr Partner H. sind praktisch jeden Donnerstag dabei. Sie sind beide bereits über 90, wohnen noch zusammen in der gemeinsamen Wohnung. Er ist Demenzbetroffener, sie pflegt ihn zu Hause. «Manchmal komme ich da schon ein wenig ans Limit», gesteht sie. Deshalb schätze sie auch das Angebot des «Dunnschtigs-Clubs» so sehr, erklärt sie. Als Entlastung, aber auch als gemeinsames Freizeitangebot.

    Manchmal bleibt sie nur zum Mittagessen und holt ihn dann am Ende der Veranstaltung wieder ab, manchmal geniesst sie es aber auch, den ganzen Nachmittag mit ihm hier zu verbringen. Gerne hilft sie auch den beiden Organisatorinnen, wenn Unterstützung notwendig ist.

    Lachen tut gut

    Die Mägen sind nun angenehm gefüllt, die anwesenden Raucherinnen haben draussen gemeinsam ihre Rauchpause eingelegt, es wird Zeit für den zweiten Teil des Programms. Die Gruppe begibt sich ins Untergeschoss, in die Pellikan-stube. Zwei junge Lernende der Spitex, die hier im Haus ihre Ausbildungslokalität haben, kommen hinzu, sie begleiten das Nachmittagsprogramm.

    Für die Lernenden ist es Teil ihrer Ausbildung, für die Organisator*innen eine zusätzliche Unterstützung: «Die Hilfe durch die Spitex-Lernenden ist für uns sehr wichtig, insbesondere an den Tagen, an denen wir draussen mit der Gruppe unterwegs sind», erklärt Pfarrer Frei. Und an Tagen wie diesem, wo die Gruppe im Haus bleibt, stelle der Besuch der Lernenden eine wertvolle Ergänzung dar, so Frei weiter.

    Er erzählt den Teilnehmenden jetzt eine Geschichte, ein Kinderbuch, mit vielen Bildern illustriert. Es ist kurz vor Ostern, deswegen handelt die Geschichte sinnigerweise vom Küken, das unbedingt an Ostern ausschlüpfen wollte. Und deshalb drei Dinge beachten muss, um den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Das gibt der Gruppe die Gelegenheit, ihr Wissen aufzufrischen. Wann findet Ostern statt? Wovon ist der Zeitpunkt abhängig? Ein angeregtes Gespräch entsteht, der Pfarrer ist mit seinem Fachwissen gefragt.

    Danach übernimmt Karin Sommer. Sie hat ein Spiel vorbereitet. Sie hat Kärtchen gedruckt, auf denen jeweils vier Begriffe stehen. Nun gilt es, herauszufinden, welcher der vier Begriffe nicht so recht zu den anderen passt. Klingt einfach, ist aber gar nicht so banal, die Begriffe sind komplex. Zum Beispiel «Krokus – Dahlie – Hyazinthe – Tulpe». Was passt nicht hinein? Die Teilnehmenden bilden Dreiergruppen und beginnen zu diskutieren.

    Ohne Berührungsängste mischen sich die Gruppen, auch die beiden jungen Frauen von der Spitex und Pfarrer Frei spielen mit. Es wird eifrig diskutiert und herzlich gelacht. Und es gibt auch nicht nur eine richtige Lösung, alle Antworten werden angehört und akzeptiert.

    Wohltuend anders

    Das Angebot des «Dunnschtigs-Clubs» sei anders als die meisten anderen, findet D. Vielleicht ein wenig Normalität in einem Alltag, der tagtäglich schwieriger wird. Auch sie ist an Demenz erkrankt. Bis vor Kurzem lebte sie noch alleine, jüngst ist aber eine Freundin bei ihr eingezogen, die sie nun etwas unterstützt.

    D. schätzt das Angebot aus verschiedenen Gründen: «Ich finde es sehr schön, wie wir hier gemeinsam Zeit verbringen, den Nachmittag geniessen können. Es treffen hier sehr unterschiedliche Personen aufeinander, die sich aber auf einem ähnlichen Niveau begegnen und die Möglichkeit erhalten, unterhaltsame Dinge miteinander zu erleben – so, wie es die Gesundheit erlaubt. Wir werden betreut, aber nicht überbehütet, es herrscht keine Spital- oder Heimatmosphäre, sondern ein lockeres und ungezwungenes Beisammensein.»

    Das Angebot beinhalte eine schöne Mischung an unterschiedlichen Aktivitäten, sie fühle sich richtiggehend verwöhnt, ergänzt sie. Und sie ist sich ihrer Situation durchaus bewusst: «Ich weiss, dass ich immer mehr Unterstützung brauchen werde. Deswegen geniesse ich es hier im «Dunnschtigs-Club», solange es noch geht. Das ist viel besser als zu Hause rumzuhocken.»

    Ein selbstverständlicher Platz

    Das Angebot der «Drehscheibe Demenz» umfasst jedoch noch weit mehr als nur den «Dunnschtigs-Club». Die reformierte Kirchgemeinde Zürich hat es sich zum Ziel gesetzt, zur «demenzsensiblen» Kirchgemeinde zu werden. Das beinhaltet Veranstaltungen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen wie Hirntraining, Bewegungsangebote, Tanz- und Sing-Cafés, aber auch Infoveranstaltungen, Beratungen, Filmnachmittage und sogar gemeinsame Ferien.

    Zudem stehen den Betroffenen niederschwellige Beratungen und Seelsorge sowie ein Vernetzungsangebot mit Personen und Institutionen, die in denselben Bereichen tätig sind, zur Verfügung. Mit ihrer Arbeit, so das Credo der Projektverantwortlichen, wollen sie sich dafür einsetzen, das Thema Demenz zu enttabuisieren und Betroffenen ihren «selbstverständlichen Platz in der Kirche und der Gesellschaft» zuzugestehen.

    Denn, so lautet der erste Leitsatz der «Drehscheibe Demenz»: «Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar und ist nicht abhängig von dessen Fähigkeiten und Leistungen. Deshalb darf der Lebenswert demenzerkrankter Menschen und ihrer Angehörigen nicht infrage gestellt werden.»

    Der «Dunnschtigs-Club», das wird an diesem Nachmittag deutlich spürbar, wird diesem Leitspruch bestens gerecht.

    Drehscheibe Demenz

    Neben dem «Dunnschtigs-Club» bietet die «Drehscheibe Demenz» im Kirchenkreis sechs ein umfassendes Angebot für Demenzbetroffene und Angehörige, darunter das Sing-Café, Bewegung im Sitzen, Tanz-Café, aber auch Informationsanlässe und Angehörigentreffpunkte.

    Quelle und Kontakt:
    Kirchenkreis sechs, www.reformiert-zuerich.ch/sechs

    Weitere Angebote für Menschen mit Demenz

    Auf der städtischen Website werden 20 Anlaufstellen gelistet. Hier eine Auswahl:

    Alzheimer Zürich
    Das Angebot von Alzheimer Zürich (ALZ), eine Sektion von Alzheimer Schweiz, umfasst laut der Website Beratung, Unterstützung, Begleitung und Schulung von Menschen mit Demenz, deren Angehörigen und deren Umfeld. Unter den Angeboten ist das «ALZ-Gipfeltreffen», das im Pfarreizentrum Guthirt in Wipkingen stattfindet. Die inhaltliche Gestaltung richtet sich nach den Interessen und Ressourcen der Teilnehmenden.
    Quelle und Kontakt:
    www.alzheimer-schweiz.ch/de/zuerich

    Städtische Tageszentren
    Im Tageszentrum vom Gesundheitszentrum für das Alter Bombach in Höngg, aber auch in den Zentren Entlisberg, Mattenhof und Riesbach, können gemäss der Website pflegebedürftige Menschen den Tag verbringen, regelmässig übernachten oder Ferien geniessen.
    Quelle und Kontakt:
    www.stadt-zuerich.ch/gesundheitszentren

    Verein Treffpunkt Demenz und Kultur
    Mit diesem Angebot werden Menschen mit einer Demenz angesprochen, die zu Hause leben und am öffentlichen Leben teilnehmen wollen, wie es auf der Website der Stadt Zürich heisst. Dazu gehören das «Atelier Mobile», das mit Malmaterialien unterwegs ist, und «Uf is Grüene» mit Ausflügen.
    Quelle und Kontakt:
    www.demenz-kultur.ch

    Pro Senectute
    Die private und gemeinnützige Stiftung setzt sich seit über 100 Jahren für das Wohl älterer Menschen ein, wie sie auf ihrer Website schreibt. Sie bietet Beratung, Dienstleistungen, Kurse und Veranstaltungen an. Ein wichtiger Pfeiler ist etwa Beratung zur Vorsorgeregelung, die sich an Personen richtet, die selbstbestimmt vorsorgen möchten – auch im Falle einer Urteilsunfähigkeit.
    Quelle und Kontakt: www.pszh.ch

    Selbsthilfe Zürich
    Selbsthilfe Zürich ist die Informations- und Beratungsstelle rund um das Thema gemeinschaftliche Selbsthilfe und Selbsthilfegruppen in der Stadt Zürich und umliegenden Regionen, wie auf der Website nachzulesen ist. Es sind auch Gruppen zum Thema Demenz zu finden, etwa Treffen für Angehörige oder Treffen für Betroffene und Angehörige.
    Quelle und Kontakt:
    www.selbsthilfezuerich.ch

    Im Fokus: Wertvolle Jahre

    Der «Höngger» veröffentlicht verschiedene Artikel, die sich der Lebensrealität von Betagten und Menschen mit Behinderung widmen. Diese Reihe entsteht mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung, die sich für solche Menschen stark macht.

  • «Tiere öffnen das Herz»

    «Tiere öffnen das Herz»

    Die Beziehung zwischen Tieren und Menschen ist bereits Jahrtausende alt. Wurden Tiere zu früheren Zeiten insbesondere zur Unterstützung bei körperlichen Arbeiten sowie als Lieferanten für Nahrungsmittel verwendet, sind sie heute schon lange nicht mehr nur in dieser Rolle im Einsatz.

    Eine grosse Bedeutung kommt ihnen auch als Heimtiere zu, als Freunde und Begleiter, moralische Stützen und Familienmitglieder. Und im therapeutischen Kontext werden sie mittlerweile auf vielfältige Art und Weise eingesetzt: mit Kindern, psychisch erkrankten Menschen, bei körperlichen Gebrechen, sogar als Trostspender im Krankenhaus. In den Alters- und Pflegeinstitutionen hat sich der Einsatz von Tieren in den letzten Jahren ebenfalls etabliert.

    Während manche Institutionen eigene Tiere halten und im Zusammenhang mit der Aktivierung einsetzen, nutzen andere die Angebote privater Initiativen, die Tierbesuche für Heime anbieten.

    Zu Besuch in den Altersinstitutionen

    Zu den ersten Anbietern tiergestützter Interventionen im Raum Zürich gehört Barbara Schaerer. Seit rund 25 Jahren engagiert sie sich auf dem Gebiet und ist die Gründerin der Fachstelle «Leben mit Tieren im Heim». Begonnen hat sie ursprünglich damit, Altersheime bei der Anschaffung eigener Tiere zu beraten.

    Doch mit der Zeit erkannte sie, dass dieses Vorgehen nur unbefriedigend ablief: «Vieles von dem, was mit Enthusiasmus gestartet wurde, verlief schnell wieder im Sand», erklärt die Fachfrau für tiergestützte Intervention. «Der Aufwand für die Betreuung ist gross und erfordert viel Fachwissen, wenn das Tierwohl angemessen berücksichtigt werden soll», so Schaerer.

    Deswegen verlagerte sie im Jahr 2013 den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Organisation von Tierbesuchen. Mit ihren eigenen Tieren absolvierte sie mehrere Hundert Besuche in Altersheimen. Mittlerweile hat sie sich altershalber zurückgezogen, bietet aber nach wie vor Aus- und Weiterbildungen an.

    Bei den Besuchen konzentriert sich Schaerer auf Meerschweinchen und Hühner: Meerschweinchen lassen sich als aktive Gruppentiere besonders gut beobachten, Hühner sind äusserst robust und können sehr zutraulich werden. Bei den Besuchen werden die Tiere in einem speziellen Gehege platziert und können beobachtet und gefüttert, zuweilen auch gestreichelt werden.

    Die Tiere fungierten in diesem Kontext nicht als Therapeuten, es gehe bei den Besuchen nicht darum, Krankheiten zu heilen, so Schaerer. Das Anliegen sei vielmehr, mit sinnlichen Erlebnissen Freude und Abwechslung in den Alltag zu bringen. Insbesondere für an Demenz erkrankte Menschen seien die Begegnungen von grosser Bedeutung. Sie berührten die Menschen nicht nur emotional, sondern weckten auch Erinnerungen.

    Zudem förderten sie das Gespräch: «Tiere haben einen hohen Aufforderungscharakter zur Kommunikation», so Schaerer. Einerseits würden die Bewohnenden mit den Tieren zu reden beginnen, andererseits rege der Kontakt aber auch dazu an, sich mit anderen auszutauschen. «Selbst Menschen mit fortgeschrittener Demenz nehmen sehr intensiv war, was die Tiere tun und teilen sich darüber mit», ist ihre Beobachtung. Oft ermöglichten die Tiere so Zugang zu Menschen, die sonst kaum zu erreichen seien.

    Liebesbedürftige Tiere

    Auch die Höngger Altersinstitutionen sind sich der positiven Wirkung von Tieren bewusst und tragen diesem Umstand Rechnung. In der Hauserstiftung etwa befindet sich im Foyer ein Aquarium, welches grosse Anziehungskraft besitzt, wie Heimleiter Romano Consoli erklärt. Auch zwei Katzen leben im Heim und geniessen die Streicheleinheiten. «Bei manchen Bewohnenden schlafen sie sogar im Zimmer, sie spüren genau, wer sie besonders mag», so Consoli. Zuweilen nehme auch eine Mitarbeiterin ihren Hund mit zur Arbeit, welcher sehr beliebt sei.

    Ähnlich ist die Situation in der Tertianum Residenz Im Brühl. Auch hier befindet sich auf der Pflegestation ein Aquarium. Tiergestützte Aktivierung werde bis anhin noch nicht praktiziert, man könne sich aber durchaus vorstellen, davon Gebrauch zu machen, wie Heimleiter Beat Schmid erklärt. Dabei müsse man allerdings vorher abklären, wie die Bewohnenden dazu stehen. «Es gibt natürlich auch Menschen, die zum Beispiel vor Hunden Angst haben, darauf würden wir natürlich Rücksicht nehmen», erklärt er.

    Bewohnende werden kommunikativer

    Im Alters- und Pflegeheim Riedhof lebt bereits seit vielen Jahren eine Gruppe von Meerschweinchen. Regelmässig ermöglichen Freiwillige den Bewohnenden direkten Kontakt zu den Nagetieren.  «Das löst Ruhe und eine grosse Zufriedenheit aus. Berührung ist dabei ein wichtiger Faktor», erklärt Eva Rempfler, Teamleitung Aktivierung.

    Zu den Mitbewohnern des Riedhofs gehören darüber hinaus neben den Fischen im Aquarium eine Gruppe von Ziegen im Park und der heimeigene Kater. Zudem gehen mehrere Hunde von Mitarbeitenden hier regelmässig ein und aus. Deren Anwesenheit habe einen deutlichen Effekt, so Rempfler: «Wenn unsere Pflegedienstleitende mit ihrem Rüden im Haus ist, merkt sie, wie hoch die Beachtung ist. Die Bewohnenden sind sofort kommunikativer, sie und ihr Hund werden angesprochen. Die Begegnungen öffnen das Herz, das Gemüt und wecken Erinnerungen», so Rempfler.

    Schliesslich macht der Riedhof auch von externen Tierbesuchen Gebrauch – seien es Events zur Unterhaltung wie ein Theaterzirkus oder eine Dackelshow oder Angebote tiergestützter Aktivierung wie der Besuch von Alpakas, der demnächst ansteht.

    Lichtblicke im Alltag schaffen

    Elena Hänzi ist die Verantwortliche für interne Veranstaltungen im Gesundheitszentrum für das Alter Bombach. Auch sie ist vom positiven Effekt des Tierkontakts überzeugt. Eigene Tiere hat das Heim zwar nicht, dafür bemüht sich Hänzi darum, so oft wie möglich den Kontakt zu Tieren zu ermöglichen. So sind regelmässig Alpakas zu Gast, welche gestreichelt und gefüttert werden können. Hühner und Meerschweinchen sind ebenfalls öfter vor Ort, in einem ganz ähnlichen Setting, wie es Schaerer anbietet. Zudem sorgt zweimal jährlich eine Dackelshow für Unterhaltung.

    Insgesamt organisiert Hänzi rund sieben bis neun Besuche pro Jahr. Und das wird geschätzt: Im Bewohnerrat, der zweimal jährlich stattfindet und bei dem die Bewohnenden ihre Bedürfnisse und Wünsche äussern können, würden die Tierbesuche immer wieder thematisiert, freut sich Hänzi. «Wir versuchen, kleine Glücksmomente zu schaffen, die Krankheiten und Schmerzen für einen Moment vergessen lassen. Und wenn die Bewohnenden auch noch Wochen später von dem Besuch der Alpakas schwärmen, dann haben wir unser Ziel erreicht.»

    Im Fokus: Wertvolle Jahre

    Der «Höngger» veröffentlicht in diesem Jahr verschiedene Artikel, die sich der Lebensrealität von Betagten und Menschen mit Behinderung widmen. Diese Reihe entsteht mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung, die sich für solche Menschen stark macht.

  • Leben im Heim: Die finanzielle Frage

    Leben im Heim: Die finanzielle Frage

    Der Entschluss, den Lebensabend im Alters- oder Pflegeheim zu verbringen, ist auch eine Frage der Kosten. Diese betreffen die ärztlich verordnete Pflege, die Hotellerie und die Betreuung sowie die persönlichen Ausgaben.

    Zunächst die ärztlich verordnete Pflege: Hier wird zwischen zwölf Pflegestufen unterschieden, die sich am zeitlichen Aufwand orientieren: Je höher die Pflegestufe, desto höher der Aufwand und somit die Kosten. Die Krankenkasse zahlt bei Pflegestufe 1 mit bis zu 20 Minuten 9.60 Franken pro Tag, bei der Stufe 12 ab 221 Minuten sind es 115.20 Franken pro Tag. Die pflegebedürftige Person muss aber maximal 23 Franken pro Tag selbst bezahlen.

    Wird wenig Pflege benötigt, ist der Betrag womöglich geringer. Sollten die Kosten höher sein, übernimmt die Krankenkasse. Bleiben nach Abzug des Beitrags der Krankenkasse und des eigenen Beitrags noch ungedeckte Kosten übrig, werden diese von der Gemeinde im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen übernommen.

    Der zweite Faktor ist die Hotellerie und die Betreuung (Pensions- und Betreuungstaxe): Das sind beispielsweise die Kosten für das Zimmer, die Verpflegung, das Waschen der Kleidung, für Abonnements (je nach Residenz) und die Betreuung, die nicht in den Pflegebereich fällt (z.B. allgemeine und individuelle Unterstützungsleistungen im Alltag, Förderung sozialer Kontakte, Begleitung und Betreuung).

    Diese Kosten müssen selbst übernommen werden und können je nach Alters- und Pflegeheim variieren: Bei Pflegeheimen mit einem Leistungsauftrag der Gemeinde sind die Tarife so festgesetzt, dass sie höchstens die tatsächlichen Kosten der Institution decken. Private Pflegeheime können ihre Preise grundsätzlich frei gestalten. Den «klassischen» Durchschnittspreis gibt es nicht; Recherchen zeigen eine Preisspanne von beispielsweise 130 Franken pro Tag in einem Zweierzimmer bis zu über 300 Franken für ein grösseres Einzelzimmer.

    Schliesslich sind es die persönlichen Auslagen: etwa Restaurantbesuche, der Kauf von Büchern und Zeitungen, neue Kleidung oder Theaterbesuche. Diese Kosten muss jede Person selbst tragen.

    Die Ergänzungsleistungen

    Wer nun mit dem Rechnen beginnt, wird feststellen, dass das Wohnen im Alters- und Pflegeheim eine beachtliche Summe ausmacht, selbst in einer günstigen «Variante». Was, wenn die AHV, die Pensionskasse und das Ersparte nicht ausreichen? Hier kommen die Hilflosenentschädigung des Kantons Zürich und die sogenannten Zusatzleistungen der Gemeinden zum Einsatz; in der Stadt Zürich sind das Leistungen, die das Amt für Zusatzleistungen ausrichtet. Neben den Ergänzungsleistungen sind das die kantonale Beihilfe und die Gemeindezuschüsse. Es sind Unterstützungen, die auch unabhängig vom Heimaufenthalt gelten.

    Die Hilflosenentschädigung richtet sich an Personen, die bei alltäglichen Lebensverrichtungen wie Ankleiden, Essen oder der Körperpflege die Hilfe anderer Menschen benötigen. Diese Entschädigung wird nach dem Grad der Hilflosigkeit eingeteilt («leicht» mit 245 Franken, «mittel» mit 613 Franken und «schwer» mit 980 Franken) und von der SVA ausbezahlt.
    Schliesslich gibt es Ergänzungsleistungen für Menschen, die AHV- und IV-Gelder beziehen. In diesem Fall wird eine individuelle Bedarfsrechnung vorgenommen: die Gegenüberstellung von Einkünften und Ausgaben.

    Die Regeln und Lebenssituationen sind stets individuell und komplex, sodass die persönliche Abklärung unumgänglich ist, sei es bei der Hilflosenentschädigung, bei den Ergänzungsleistungen sowie generell bei der Frage nach den Kosten für das Leben in einem Alters- und Pflegeheim.

    Quelle:
    Broschüre Pflegefinanzierung
    der Gesundheitsdirektion Kanton Zürich.

    Ein Tag im Alters- und Pflegeheim

    Wie lebt es sich in einer Altersresidenz? Viele haben Bedenken vor dem Eintritt. Der Besuch bei der Hauserstiftung in Höngg zeigt, dass der Lebensabend im Heim auch schöne Seiten haben kann.

    Lesen Sie hier die Reportage.

    Im Fokus: Wertvolle Jahre

    Der «Höngger» veröffentlicht in diesem Jahr verschiedene Artikel, die sich der Lebensrealität von Betagten und Menschen mit Behinderung widmen. Diese Reihe entsteht mit freundlicher Unterstützung der Luise Beerli Stiftung, die sich für solche Menschen stark macht.

  • Wer baut was wo wie und warum?

    Wer baut was wo wie und warum?

    Der Architektur kann sich niemand entziehen. Ob draussen auf der Strasse oder in den eigenen Wohnräumen: Sie umgibt jeden Menschen permanent. Es ist so gut wie unmöglich, ihr völlig indifferent zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um ästhetische Beurteilungen, also darum, ob etwas als schön oder hässlich empfunden wird. Sondern auch darum, ob es praktisch und so konzipiert ist, dass es die Aufgabe, die es hat, auch erfüllen kann. Denn wenn an den Bedürfnissen der Nutzer*innen «vorbeigebaut» wurde, macht sich das sofort bemerkbar. Wie ärgerlich, wenn die Abteilungen in der Ausziehschublade der Küche gerade knapp zu wenig hoch sind, um eine normalgrosse Flasche darin aufrecht zu lagern. Oder wenn das «Brünneli» im Badezimmer zwar sehr elegant aussieht, die raue Oberfläche sich aber nur schlecht reinigen lässt. Solche Beispiele lassen sich auch im öffentlichen Raum finden.

    Nutzen und Geschichte
    Jedes Gebäude erzählt ausserdem eine Geschichte über die Zeit, in der es entstand und über die Menschen, die sich darin aufhalten sollten. Gerade in Höngg finden sich zahlreiche Zeugen ganz verschiedener Baustile. Der «Höngger» wird in den kommenden Monaten verschiedene Gebäude im Quartier vorstellen, sich dem Sinn und der Aufgabe der Architektur philosophisch nähern, mit Architekt*innen über ihre Lieblingsstücke sprechen, hoffentlich Einblick in das eine oder andere Gebäude erhalten und mit etwas Glück im kommenden Frühjahr einige Führungen organisieren. Um es gleich vorwegzunehmen: Als Quartierzeitung wäre es anmassend, für sich in Anspruch zu nehmen, architektonische Fachartikel zu verfassen. Dafür gibt es renommierte und spezialisierte Zeitschriften wie das Hochparterre. Der «Höngger» nähert sich dem Thema, das omnipräsent ist, aus Laiensicht und aus purer Neugierde. Denn die Architektur in Höngg ist reich: Max Bill baute hier mit 24 Jahren sein erstes Haus. Es gibt zahlreiche Exemplare des Brutalismus, die nach Art von Le Corbusier gebaut wurden. Dann sind da aber auch weniger auffällige Gebäude, über deren Geschichte und Nutzung sich jedoch viel sagen lässt und andere, die für ihre innovative Bauweise ausgezeichnet wurden.

    Gerne nimmt die Redaktion unter redaktion@hoengger.ch Wünsche oder Anregungen aus der Leserschaft entgegen, und macht sich, sofern möglich, auf die Suche nach der Geschichte bestimmter Häuser.

  • Zehn Jahre Kunsterlebnis Art-Forum

    Zehn Jahre Kunsterlebnis Art-Forum

    Wenn man bei der Haltestelle Wartau aussteigt, sieht man an einem der Wohnhäuser gegenüber des ehemaligen Tramdepots immer noch das Schild des Art-Forums. Von Aussen wirkt das Gebäude eher unscheinbar. Wenn man das Art-Forum und dessen Geschichte nicht kennt, lässt nur wenig darauf schliessen, in was für verschiedene Welten man in den letzten Jahren in den Kellerräumen dieses Gebäudes eintauchen konnte. Denn genau darum ging es den Frauen, die dieses Projekt auf die Beine gestellt und über all diese Jahre weiterentwickelt hatten – in neue Welten eintauchen und die Kunst mit allen Sinnen erleben.
    Manuela Uebelhart, Rosmarie Lendenmann und Nora Dubach sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Im Gespräch wird jedoch sehr schnell klar, was die drei Künstlerinnen schon immer verbunden hat. Die Liebe zur Kunst. Und diese Liebe und Leidenschaft für die Kunst war auch der stetige Motor und Antrieb für die Weiterentwicklung dieses speziellen Galerie-Kellers in Höngg.
    Gegründet wurde das Art-Forum 2009. Es gab zwar schon das Ortsmuseum. Dieses organisierte jedoch nur alle drei Jahre Ausstellungen. Gemäss Uebelhart herrschte damals ein grosses Bedürfnis nach mehr Ausstellungen und Kunst in Höngg.
    Gemeinsam mit einem mittlerweile ausgetretenen ersten Gremium-Mitglied und Rosmarie Lendenmann eröffnete Manuela Uebelhart deshalb das Art-Forum. Nora Dubach, die dritte in der Gesprächsrunde, stiess etwas später zu den Gründungsmitgliedern des Art-Forums hinzu.

    Eine profitfreie Kunstoase

    Um Profit ging es den drei Frauen nie. Die Künstler*innen bezahlten eine sehr geringe Summe, um ihre Werke bei einer Ausstellung zu präsentieren und zu verkaufen. Vom Erlös der verkauften Werke ging dann ein kleiner Prozentsatz an das Art-Forum. «Alles Geld, das wir eingenommen haben, haben wir wieder in das Forum investiert», erklärt Uebelhart. Im Laufe der Zeit wurden die Kellerräume so zu einer immer professionelleren Galerie. Mit den Einnahmen wurden neue Böden eingebaut, Glasvitrinen für Skulpturen gekauft, die Beleuchtung verbessert und die Wände neu gestrichen. Ausserdem wurde davon auch die musikalische Begleitung der Vernissagen und reichhaltige Apéros finanziert. Für das Art-Forum scheuten die drei Frauen weder Kosten noch Mühen. «Wir wollten ein unvergessliches Erlebnis kreiieren. Und das taten wir mit voller Hingabe und Leidenschaft. Der Profit spielte für uns nie eine Rolle. Es ging wirklich nur um die Freude an der Kunst», sagt die mittlerweile 85-jährige Lendenmann.

    Ambitionierte Ziele und grosse Erfolge

    Neben dem einmaligen Kunsterlebnis für die Besuchenden hatten die Künstlerinnen auch andere Ziele mit dem Art-Forum. «Als wir 2009 das Art-Forum gründeten, war unser Hauptinteresse, die Künstler*innen von Höngg zu unterstützen und zu fördern. Ausserdem wollten wir das Art-Forum zu einer Art Treffpunkt für die Höngger Kunstszene machen», erklärt Uebelhart.
    Natürlich hatten Sie auch gewisse Ansprüche an die Ausstellungen. Ein gewisser qualitativer Standard musste erfüllt sein. Ihr Slogan war «Gute Kunst zu Atelierpreisen».
    Schon bald nach der Eröffnung wurden die Erwartungen erfüllt. Die Ausstellungen im Art-Forum erfreuten sich grosser Beliebtheit und hatten Erfolg. «Teilweise waren bei den Vernissagen über 100 Personen im Art-Forum», schwärmt Uebelhart.
    Eines der Highlights war die Ausstellung «Männerwelten» der drei renommierten Künstler Christian Mathis, Werner Muntwiler und Pietro Martini. Die vierwöchige Ausstellung generierte über 12000 Franken Umsatz. Gewisse Ausstellungen präsentierten Kunstwerke von bis zu acht verschiedenen Künstler*innen. Das Interesse war meistens sehr gross.

    Die Diversität der Kunst

    Das Art-Forum hat sich stetig weiterentwickelt. «Am Anfang hatten wir nicht wirklich ein Konzept. Wir haben einfach mal Ausstellungen organisiert. Mit der Zeit haben wir dann immer mehr auch thematische Ausstellungen entwickelt», erinnert sich Uebelhart.
    Die Kreativität kannte keine Grenzen. Es wurden verschiedenste Formen der Kunst zelebriert. Von Skulpturen über verschiedenste Formen der Malerei und Fotographie – im Art-Forum gab es nichts, das es nicht gab. Begleitet wurden alle Vernissagen von musikalischen Auftritten.
    Die drei Art-Forum-Damen berichten von einem Opernsänger, Panflöten, einem Klarinetten- und Geigen-Duo, Harfen, Popsongs auf der Gitarre, Tanzauftritten und vielem mehr. Beim Zuhören merkt man, wie die engagierten Frauen wieder ins Schwärmen kommen. Man spürt aber auch, was die Kunst, das Art-Forum und das hier Erlebte den drei bedeutet.
    Nora Dubach, die dritte im Bunde, ist eine mehrfach ausgezeichnete Buchautorin. Ihre Kunst ist neben ihren Skulpturkreationen vor allem die Literatur. So gab es im Art-Forum nebst Vernissagen auch immer wieder Buchlesungen.
    Für einzelne Ausstellungen wurden teilweise über 300 Einladungen von Hand verschickt. Dieses enorme Engagement war aber trotz der grossen Freude auch sehr zeitintensiv und hat die drei viel Energie gekostet.

    Das Ende einer Ära
    Im Dezember letzten Jahres, zehn Jahre nach der Eröffnung, fand im Art-Forum nun die letzte offizielle Ausstellung statt. Das Ende hatte sich schon in den letzten drei Jahren abgezeichnet. Verschiedene Probleme führten zum Entscheid, das Projekt Art-Forum in dieser Form nicht mehr fortzusetzen.
    Einerseits ging das Interesse für das Art-Forum gegen Ende stetig zurück. Es wurde weniger Kunst gekauft und auch der Andrang für die Ausstellungen liess zunehmend nach. «Kunst ist immer auch ein Luxus. In schwierigeren Zeiten wird weniger Kunst gekauft», meint Lendenmann.
    Entscheidender waren aber andere Probleme, wie das fehlende Engagement der Künstler*innen. «Mit dem Art-Forum fühlten wir uns gegen Ende manchmal etwas im Stich gelassen», sagt Uebelhart.
    «Die Organisation und Durchführung der Ausstellungen war ein enormer Aufwand, auch wenn wir es gerne gemacht haben. Für viele Künstler*innen haben wir mit dem Art-Forum eine perfekte Plattform geliefert. Leider ist teilweise nur sehr wenig Rückmeldung für diese freiwillige Arbeit und Unterstützung gekommen. So fühlte man sich manchmal auch ein bisschen ausgenutzt», erklärt Uebelhart stellvertretend für die drei Künstlerinnen.
    Hinzu kamen auch noch gesundheitliche Probleme. Lendenmann musste sich deshalb eine Weile zurückziehen, womit der Aufwand für Dubach als Assistentin und Uebelhart als Hauptverantwortliche noch grösser und anstrengender wurde. «Wir sind nicht mehr die jüngsten», sagt Lendenmann dazu schmunzelnd.
    Es sind also in den letzten Jahren gleich verschiedene Probleme gleichzeitig aufgetaucht. Dies führte zum Entschluss, das Forum in dieser Form nicht mehr zu betreiben.

    Zukunftspläne

    Eines ist aber sicher. Auch wenn vor allem gegen Ende aus verschiedenen Gründen nicht mehr alles so rund lief war es eine Zeit voller unvergesslicher Erinnerungen. Im Gespräch mit den drei Frauen spürt man noch immer, dass sie ihre Leidenschaft für die Kunst nicht verloren haben. Der Kreativitätsfunken und der Wille, Neues zu gestalten, scheint trotz dem Ende des Art-Forums noch lange nicht erloschen zu sein. So meint Uebelhart auch: «Ein Ende ist immer auch eine Chance. Und aus einem Ende kann auch wieder etwas Neues entstehen. »
    Ähnlich sehen es auch Dubach und Lendenmann. Alle drei sind überzeugt, dass noch viel passieren wird. Auch die Galerie soll weiterhin geöffnet bleiben und im kleineren Rahmen wollen die drei auch weiterhin Veranstaltungen planen. All das aber natürlich erst, wenn sich die Situation rund um das Coronavirus wieder normalisiert.
    So haben die drei Künstlerinnen nun Zeit, in sich zu kehren, das Erlebte dieser Ära zu verarbeiten und ihre Energie und Gedanken voll und ganz dem zu widmen, was die drei ihr ganzes Leben begleitet hat. Die Kunst.

    Die Werke von Uebelhart, Lendenmann und Dubach können aktuell im Galeriekeller jeweils freitags, samstags oder sonntags besichtigt werden.

    Telefonische Vereinbarung: 044 341 25 60

     

     

  • Die Gewalt aus dem Netz

    Die Gewalt aus dem Netz

    Im Einführungsartikel zum aktuellen Fokusthema «Medienkompetenz» (siehe Höngger vom 9. April) wurde aufgezeigt, wie und welche digitalen Medien von Jugendlichen genutzt werden. Eine kurze, nicht repräsentative Umfrage bei Schüler*innen der Oberstufe Lachenzelg ergab, dass die Jungen sich der Gefahren des Internets durchaus bewusst sind. Das Thema Mobbing, im virtuellen Raum Cybermobbing, Cyberbullying, Internet-, oder E-Mobbing genannt, ist allen bekannt. Was früher auf dem Pausenplatz passieren konnte, verlagert sich nun in die anonyme Welt des Internets: Eine Person wird über längere Zeit via WhatsApp, in Chatforen oder auf anderen Sozialen Medien wie Instagram oder Snapchat schikaniert. Die Beleidigungen, Bedrohungen und Blossstellungen können gravierende Folgen haben: In einer deutschen Studie gaben 21 Prozent der betroffenen Schüler*innen an, Suizidgedanken gehabt zu haben. Auch der Verlust von Selbstvertrauen, Angstzustände bis hin zu Depressionen können aus diesen bösartigen Attacken resultieren, auch lange Zeit später noch. Das Informationsportal zur Förderung von Medienkompetenzen Jugend und Medien hat es sich zur Aufgabe gemacht, über diese Art von Mobbing aufzuklären und Hilfestellungen für Opfer und Eltern zu geben. Gemäss Jugend und Medien wurde ein Fünftel der Schweizer Jugendlichen bereits einmal in Chats oder auf Facebook fertiggemacht. 30 Prozent der Jugendlichen gaben an, dass Fotos oder Videos von ihnen ohne Zustimmung ins Netz gestellt wurden.

    Schwer zu erreichen trotz ständiger Erreichbarkeit

    Von Mobbing wird erst gesprochen, wenn die Ereignisse wiederholt vorkommen. Anders als auf dem Pausenplatz hört das Schikanieren nicht auf, wenn das Opfer nach Hause geht: Via Smartphone und Computer treffen Beleidigungen und Bedrohungen potentiell 24 Stunden am Tag ein. Für Erwachsene kann es schwer sein, die Gedankengänge von Jugendlichen nachzuvollziehen. Während es älteren Menschen unverständlich ist, wieso ein*e Jugendliche*r beispielsweise nicht einfach die Person auf WhatsApp blockiert, wenn sie von ihr belästigt wird, oder sich nicht gleich aus Snapchat ausklinkt, wenn über sie hergezogen wird, sind solche Handlungen für viele Jugendlichen undenkbar. Das Phänomen, immer unterwegs sein zu müssen, um ja nichts zu verpassen, ist nicht neu. Es hat inzwischen einfach einen englischen Namen bekommen: «Fear Of Missing Out», oder kurz «FOMO». Und anstatt sich auf Partys und Bahnhofbänkli zu beschränken, hat sich diese Angst, nicht dazu zu gehören auf die digitalen Kanäle ausgeweitet. Dazu kommt der soziale Druck, keine Schwäche zeigen zu wollen und auf keinen Fall uncool zu wirken, auch das keine neuen «Probleme» der Jugend. Eine weitere Form von Gewaltverhalten ist das sogenannte «Happy Slapping». Auch dieses gab es schon vor der Digitalisierung der Welt: In einer Menschenmenge erhält man plötzlich einen Schlag ins Gesicht, der oder die Täterin verschwindet sofort wieder in der Masse. Heute machen sich gewisse Personen einen Spass daraus, mit dem Mobiltelefon Szenen aufzunehmen, in den andere verprügelt werden – real oder inszeniert – und diese Aufnahmen dann im Netz zu verbreiten. In der Schweizer JAMES-Studie aus dem Jahr 2018 gaben acht Prozent der Jugendlichen an, bereits eine gestellte Schlägerei gefilmt zu haben, sieben eine echte. Beide erwähnten Phänomene haben das Ziel, jemanden zu demütigen. Das Perfide daran ist, dass sich das Opfer meist noch schuldig fühlt oder sich schämt. Deshalb behalten viele solche Erfahrungen für sich. Die Eltern des 13-jährigen Mädchens, dass sich 2017 in Spreitenbach das Leben genommen hatte, nachdem sie massiv von zwei Jugendlichen bedroht und beleidigt worden war, sagten in einer Sendung der Rundschau des SRF, sie hätten immer über alles reden können, «aber das konnte sie mir nicht sagen, sie hat sich geschämt», sagt ihre Mutter. Obwohl die Jugendlichen permanent erreichbar sind – auf ihren elektronischen Geräten – sind sie nicht immer zugänglich.

    Die Plattform Jugend und Medien hat Ratschläge für Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen zusammengestellt (siehe Infobox). Diese fangen beim sorgsamen Umgang mit eigenen Daten an, Bilder und Daten im Netz sind prinzipiell für jeden aufzufinden – und weiterzuverbreiten. Um zu zeigen, dass sie einigermassen informiert sind, sollten sich Eltern hin und wieder mit ihren Kindern an den Computer setzen, rät die schweizerische Kriminalprävention. Das setzt jedoch voraus, dass sie sich selber eine gewisse Medienkompetenz aneignen, sonst wirkten Verbote und Ratschläge schnell unglaubwürdig, erfahren die Eltern in der Broschüre «My little Safebook». Den Kindern soll klargemacht werden, welche Folgen Mobbing haben kann, aus psychologischer, aber auch rechtlicher Sicht. Wenn es zu Cybermobbing kommt, sollte das Beweismaterial mittels Screenshot gesichert werden und die belästigende Person gesperrt werden. Dies bedingt jedoch, dass die betroffene Person die Eltern darüber informiert, was wie erwähnt schwierig sein kann. Dann sollte der Kontakt zu den Lehrpersonen, der oder dem Täter*in oder deren Eltern gesucht werden. Erstberatung bieten die kantonalen Opferberatung oder die Schweizerische Kriminalprävention.

    Kein Straftatbestand

    Ein Beispiel, entnommen aus dem Leitfaden «Cybermobbing – alles was Recht ist» (siehe Infobox): Ein Junge namens Leo wird von seiner neuen Klasse nicht akzeptiert, die Klassenkamerad*innen hänseln ihn wegen seines Dialekts. Soweit, so harmlos. Doch dann eröffnet jemand aus der Klasse ohne Leos Wissen auf Facebook eine Hassgruppe mit dem Namen «Leo, das Arschloch». Darin posten sie Fotos von dem Jungen und erfinden Geschichten über ihn, die sie dann bösartig kommentieren. Als ein Lehrer die Seite zufällig entdeckt und die Schulleitung sowie die Eltern informiert, ist der angerichtete Schaden schon zu gross. Vermittlungsversuche mit der Klasse scheitern, eine Aussöhnung ist nicht mehr möglich. Leo wechselt erneut die Schule, eine Anzeige erstattet er hingegen nicht. Ganz offensichtlich handelt es sich hier um Mobbing, denn die Handlungen fanden über einen längeren Zeitraum statt. Nun ist Cybermobbing als solches im Gesetz nicht explizit als Straftatbestand aufgeführt. Die involvierten Handlungen, wie in diesem Fall Beschimpfung, Verleumdung und üble Nachrede, aber auch andere wie Erpressung und Drohung, die oft Bestandteil von Cyberbullying sind, hingegen schon. Diese können belangt werden.

    Ansprechstellen bei Cybermobbing
    • Jugenddienste der Polizei: www.skppsc.ch/de/download/jugenddienste
    • Kantonale Opferberatungsstellen: www.opferhilfe-schweiz.ch
    • Hilfetelefon der Pro Juventute mit Link auf kantonale Beratungsstellen:
    www.147.ch
    Erste Hilfe bei Cybermobbing für Betroffene
    https://www.klicksafe.de/service/aktuelles/klicksafe-apps/
    Informationsbroschüren
    Broschüre «Cybermobbing – Alles was Recht ist» der Schweizerischen Kriminalprävention
    Broschüre «My little Safebook» der Schweizerischen Kriminalprävention