Kategorie: Dagmar schreibt

  • Dagmar schreibt: «Gefangen im Teufelskreis»

    Dagmar schreibt: «Gefangen im Teufelskreis»

    Manchmal, da befindet man sich in einer misslichen Lage. Und je mehr man versucht, sich daraus zu befreien, desto schlimmer wird die Situation. Wir alle kennen das: Es handelt sich um einen Teufelskreis. Eine sich selbst verstärkende Kette misslicher Ereignisse. Leider sind meine Kinder und ich vor Kurzem unversehens und natürlich gänzlich ohne eigenes Verschulden in so etwas hereingeraten, eine wirklich widerwärtige Spirale des Bösen. Und Besserung ist nicht in Sicht.

    Angefangen hat alles vor ein paar Tagen damit, dass die Spülmaschine, das Herzstück unseres Haushalts, schwächelte. Einfach so, ohne Vorwarnung. Nach einem Spülgang begann sie auf einmal hektisch zu blinken und signalisierte mir mit einem auf dem Display leuchtenden Buchstaben, dass ihr irgendetwas nicht passte. Und dass es ihr nicht gut ging, war offensichtlich. Das dreckige Geschirr, das ich ihr anvertraut hatte, befand sich immer noch in exakt demselben Zustand wie vor dem Spülen. Keinen Deut sauberer.

    Das aggressive «E»

    Natürlich war ich sogleich um ihre Pflege besorgt, räumte alles aus, füllte Salz und Klarspüler auf und reinigte ihre Siebe. Ich redete ihr gut zu und startete sie erneut. Es begann hoffnungsvoll, endete aber nur wenige Minuten später mit demselben aggressiven «E» auf dem Display. So ganz wollte ich ihre Krankheit noch immer nicht akzeptieren und startete abermals ein, zwei verzweifelte Spülversuche, aber es war aussichtslos. Der Fall war klar: Wir brauchten professionelle Hilfe.

    Der nächste Schritt wäre logischerweise ein Anruf beim Hausmeister, der die Profis aufbieten würde. Ein Anruf genügt dafür. Das Problem ist nur, dass es mir peinlich ist, das momentan herrschende Chaos in der Wohnung irgendjemandem zu präsentieren. Also dachte ich mir: «Ich räum besser kurz ein wenig auf, bevor ich anrufe.»

    Knappes Zeitbudget

    Ein verhängnisvoller Fehler, mit dem das Übel seinen Lauf nahm. Denn in dieser mit Terminen vollgepackten Vorweihnachtszeit ist das Zeitbudget für den Haushalt ohnehin schon knapp, bei den Kindern und bei mir. Und blöderweise verbringe ich, seit die Spülmaschine nicht mehr funktioniert, ebendiese knappe Zeit am Spülbecken. Denn wenn das Herz des Haushalts aufhört zu schlagen, ist die Not gross. Vor allem in einer kinderreichen Familie, in der sich jedes Familienmitglied gerne und häufig eigene Mahlzeiten zubereitet. Ständig sind alle Gabeln dreckig, die Töpfe und Pfannen unbrauchbar und die guten Messer liegen zuunterst unter all dem dreckigen Geschirr.

    Weil jetzt aber täglich zwei Stunden für den Abwasch draufgehen, leidet der Rest des Haushalts. Deshalb stapelt sich die gewaschene und noch nicht eingeräumte Wäsche im Wohnzimmer zu immer höheren Türmen, der Papierkram bleibt länger liegen und die Badezimmer würden sich auch über neuen Glanz freuen.

    Sie erkennen das Problem? Einen solchen Anblick, das ist klar, kann ich natürlich weder dem Hausmeister noch dem Sanitärinstallateur zumuten. Bevor also irgendjemand Hand an meine Spülmaschine legen kann, muss dringend aufgeräumt werden …

  • Stay Focused

    Stay Focused

    Nein, keine Angst, grundsätzlich habe ich kein Problem damit, mich zu konzentrieren. Im Gegenteil, ich kann mich wunderbar in eine Arbeit vertiefen – vorausgesetzt, ich entscheide mich für ein Thema. Denn mein Problem ist, dass ich so viele Dinge sehe, mit denen ich mich auseinandersetzen möchte, dass ich gar nicht mehr weiss, wo anfangen.

    Zum Beispiel macht mir die weltpolitische Lage Sorgen. Und ich möchte sehr gerne meinen Teil dazu beitragen, dass sich gewisse Dinge nicht ganz so dramatisch entwickeln. Etwa die Zunahme rechtsradikaler Tendenzen. Es ist mir enorm wichtig, da dagegen zu halten. Aber wie? Und mit welchen Mitteln?

    Oder diese ganzen Kriege. Können wir die nicht endlich stoppen? Daneben verliert ein weiteres Anliegen von mir schon fast an Gewicht, obwohl es für die Zukunft der Menschheit von enormer Bedeutung ist: der Klimaschutz. Was kann ich dafür tun? Und während ich so über diese übermächtigen Fragen nachdenke, gibt es in meinem direkten Umfeld auch Handlungsbedarf.

    Ich will mich für die Nachbarschaft engagieren, gegen Food Waste vorgehen, ältere Menschen unterstützen, die niemanden mehr haben. Und schliesslich habe ich noch meine Jobs. Und ein paar Kinder. Wie soll das alles nur zusammengehen? Ist es wichtig, im Kleinen aktiv zu sein oder sich um das grosse Ganze zu kümmern?

    Ich finde darauf für mich keine richtige Antwort. Breitet sich das Gute vom kleinen Kontext auf den grossen aus? Und wenn ja, haben wir genug Zeit, uns auf das Kleine zu beschränken? Ist das nicht egoistisch angesichts der riesigen Probleme?

    Andererseits: Ist es nicht vermessen, das Gefühl zu haben, im Grossen überhaupt etwas verändern zu können? Ach, es ist ein Dilemma. Ich bewundere die Leute, die ihre Mission gefunden haben. Die erreichen wahrscheinlich mehr als ich, die tausend Baustellen gleichzeitig bearbeiten will.

  • Modern Times

    Modern Times

    Ich staune ja immer wieder, wozu unsere modernen Geräte in der Lage sind. Ohne mein Mobiltelefon wäre ich komplett aufgeschmissen. Ich könnte keine Rechnungen mehr bezahlen, würde am Morgen verschlafen, Tickets für meine Reisen könnte ich nicht mehr bequem in der App kaufen und wüsste nicht, welches die schnellste ÖV-Verbindung ist. Beim Kochen müsste ich wieder ein Kochbuch benutzen und schliesslich hätte ich auch nicht mehr die Gelegenheit, zu überprüfen, ob meine Kinder nachts sicher nach Hause kommen. Alles altbekannt und Fluch und Segen zugleich.

    Aber das soll heute nicht das Thema sein. Mich beschäftigt vielmehr, was mein Handy alles so hinter meinem Rücken anstellt. Dass es öfter mal aus meiner Hosentasche Bekannte und vor allem meine Kinder anruft, ohne dass ich das merke, habe ich schon akzeptiert. Liegt vielleicht auch ein bisschen an meiner Nachlässigkeit, die es versäumt, die Tastensperre einzuschalten. Das ist quasi eine Einladung zu heimlichen Telefongesprächen, auch wenn das Handy meistens ausser blödem Rascheln erstaunlich wenig zu sagen hat.

    Manchmal verschickt es aber stattdessen auch per WhatsApp Emojis, da wird’s schon ein bisschen peinlicher. Einmal hat es zum Beispiel meiner Tochter ungefähr 20 «I love you»-Sticker geschickt, nachdem wir kurz gechattet hatten. Meine Tochter hat sich gewundert. Und ich war erleichtert, dass die Empfängerin «nur» sie war und nicht der Zahnarzt, der mich kurz zuvor wegen eines Termins kontaktiert hatte.

    Letzte Woche aber, da hat das Handy komplett übertrieben. Ich war gemütlich zu Hause und hab mir ein paar Instagram-Reels angesehen. Nur so zum Zeitvertreib. Plötzlich war der Ton weg. Ich drehte die Lautstärke auf, wechselte zu anderen Videos – nix geschah. Ich probierte es bei Netflix, doch auch hier nur stumme Konversationen. Auch meine Sprachnachrichten konnte ich nicht mehr abhören. Stattdessen fiel mir aber ein dumpfes Gemurmel aus irgendeinem anderen Raum auf. War eines der Kinder am Telefon? Nein, ich war alleine zu Hause. Seltsam. Ich wechselte nochmals zu Instagram und hörte nun tatsächlich den Ton zum Video aus der Ferne erklingen. Aber von wo? Vermutlich war noch einer der Lautsprecher in der Wohnung mit meinem Handy verbunden. Sei’s drum, ich legte das Handy zur Seite und vergass den Vorfall.

    Bis mir der Nachbar von oben schrieb: «Hallo Dagmar», las ich, «ich kann deine Sprachnachrichten aus der Deckenlampe meiner Tochter hören.» Daher kamen also die dumpfen Geräusche – von der Wohnung über mir!

    Mein Handy hatte sich erdreistet, sich via Bluetooth mit der Lautsprecherlampe der Nachbarn zu verbinden! Unaufgefordert. Und schlimmer noch, ich hatte nicht mal die Chance, die Verbindung zu trennen, denn in der Liste der verbundenen Geräte war keine Lautsprecherlampe zu erkennen.

    Es blieb mir nichts anderes übrig, als mein Handy zu packen, fluchtartig die Wohnung zu verlassen und so die Verbindung zwischen den Geräten zu trennen. Zum Glück haben die beiden seither keinen Versuch mehr unternommen, sich zusammenzuschliessen. Aber ein gewisses Misstrauen ist geblieben. Wer weiss, was das Gerät sonst noch so ausheckt!

  • Symptome einer Midlife-Crisis, Teil 1

    Symptome einer Midlife-Crisis, Teil 1

    Ich glaube, jetzt hat sie auch mich erwischt. Plötzlich und hinterrücks hat sie mich gepackt und ich muss nun gucken, wie ich mit ihr klarkomme. Sie hat ihre Chance gewittert, als sie erkannte, dass dieser doofe runde Geburtstag mit der Fünf vorne dran nicht nur in meinem Bekanntenkreis langsam überhandnimmt, sondern auch bei mir unweigerlich immer näher rückt. Da hat sie eiskalt zugeschlagen, die Midlife-Crisis.

    Ich muss sagen, sie ist vielleicht noch nicht ganz so dramatisch ausgeprägt wie bei anderen Leidensgenossen. Immerhin habe ich mir noch kein Segelboot gekauft oder mit dem Motorradführerschein begonnen. Allerdings habe ich tatsächlich schon mal über einen Camperbus nachgedacht – für die Zeit, wenn keines der Kinder mehr mit mir Ferien machen möchte. Und ich fahre E-Bike seit diesem Jahr, übrigens mit grosser Begeisterung.

    Doch das sind nur Randerscheinungen. Deutlicher äussert sich die Krise darin, dass ich angefangen habe zu zählen. Nicht Geld, sondern Jahre. Auf einmal ist mir mein Alter ständig bewusst, das hat mich früher nie gekümmert. Und stets stelle ich bei Gesprächen mit Anderen Altersvergleiche an und denke darüber nach, was sie bis jetzt mit ihrem Leben angefangen haben, wie alt ihre Kinder sind und solchen Kram. Und ich bin immer ganz erleichtert zu erkennen, dass andere auch älter werden. Oder wenn ich feststelle, dass die Stars meiner Jugend – wer hätte das gedacht – auch gar nicht mehr so taufrisch sind. George Clooney ist schon 64!

    Aber jetzt ganz im Ernst: Das ist doch gar nicht möglich, dass ich schon soo alt bin? Ich fühl mich doch unheimlich jung und sehe knapp aus wie dreissig – oder etwa nicht? Meine Kinder würden mich auslachen, wenn ich ihnen diese Frage stellen würde. Jemand, der schon zu Zeiten der analogen Wählscheiben-Telefonie gelebt hat, ist in Tat und Wahrheit steinalt. Und ausserdem sind die Kinder selber schon fast in dem Alter, in dem ich mich gefühlt gerade befinde. Es muss also wahr sein.

    Und wieder muss ich zählen: Wie alt war ich schon wieder, als mein ältester Sohn geboren wurde? Und wie weit entfernt fühlt sich die Zeit an? Kommt mir vor, als sei es gestern gewesen, dabei ist es schon mehr als zwanzig Jahre her. Wenn ich jetzt in Gedanken gleich weit in die Zukunft gehe, wie alt werde ich dann sein? Werden sich die nächsten zwanzig Jahre ähnlich lang oder kurz anfühlen wie die letzten und sind also tatsächlich mit einem Wimpernschlag vorbei?

    Und als wäre die Rechnerei nicht schon ärgerlich genug, hat auch der Algorithmus der sozialen Netzwerke meine Schwäche erkannt. Immer öfter erhalte ich diskret Werbevideos für Fitness ab 50 eingespielt. Oder für Verjüngungskuren. Das allein ist noch nicht besorgniserregend. Aber ich habe mich tatsächlich dabei ertappt, wie ich verdächtig lange einem gutaussehenden und leicht angegrauten Typen dabei zugesehen habe, wie er asiatisches Pilates angepriesen hat. Damit erhält frau in den 50ern den Körper einer Zwanzigjährigen zurück. Garantiert. Bis jetzt habe ich das Angebot noch nicht angeklickt. Aber wer weiss, wozu mich diese Krise noch treibt.

  • Apropos Gen Z

    Apropos Gen Z

    Neulich, da war ich einmal wieder spazieren. Nicht ganz alleine, sondern, wie so oft, mit ein paar Hunden. Das gehört zu meinen Hobbys. Und tut Körper und Geist gut. An diesem Nachmittag hatte ich zwei Hunde dabei, einen grossen und einen ziemlich kleinen, und war mit ihnen auf einem Feldweg unterwegs. Die beiden Vierbeiner trotteten ohne Leine neben mir her, weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, wir genossen die Dreisamkeit. Ich hing meinen Gedanken nach, die Vierbeiner verfolgten im Feld eine Erfolg versprechende Mäusefährte.

    Da überholte mich von hinten unverhofft ein «Elektrotöff». Der Fahrer war ein Jugendlicher, vielleicht 17 Jahre alt. Er fuhr laut- und grusslos an uns vorbei, rollte gut hundert Meter den Weg weiter und hielt plötzlich unvermittelt an. Der Teenie stieg von seinem Roller, steckte sich eine Zigarette an und blickte in unsere Richtung. Oh Mann, was soll denn das? Was will der Typ wohl, fragte ich mich. Muss der ausgerechnet hier anhalten? Fühlt sich wohl besonders cool, führte ich, die Augen innerlich verdrehend, meinen gedanklichen Monolog.

    Ich erwog kurz, meine Route kurzfristig abzuändern und einfach umzukehren, verwarf diese Idee jedoch schnell wieder. Das hätte albern ausgesehen. Ausserdem war ich mir ehrlich gesagt auch nicht ganz sicher, ob die Hunde mein Kommando so schnell befolgt hätten, dass ich mich nicht durch wiederholtes Rufen vor dem Jüngling blamiert hätte. Und diese Blösse wollte ich mir auf keinen Fall geben.

    Wir liefen also weiter auf ihn zu, in der Hoffnung, unbehelligt passieren zu können. Doch kaum waren wir auf seiner Höhe, räusperte er sich und sprach mich an. Oh nein, jetzt kommts, dachte ich mir. Entweder macht der Typ jetzt einen doofen Witz oder er sucht die Konfrontation. Ich gab mir also alle Mühe, möglichst viel Coolness und Selbstvertrauen auszustrahlen.

    Aber meine Sorge war völlig unbegründet: «Was ist denn der Grosse für eine Rasse?», fragte der Junge. «Ein grosser Schweizer Sennenhund», antwortete ich ihm, leicht verwundert, dass er sich für so etwas überhaupt interessierte. Noch mehr erstaunte mich seine nächste Aussage: «Oh, wie schön. Hunde heilen einfach die Seele.» Ich traute meinen Ohren kaum. So ein poetischer Satz aus dem Mund eines Teenagers. «Hunde lassen einen nie allein», fuhr er fort. «Sie sind einfach immer für einen da. Mein Bruder hat auch einen. Und der hat mir schon in ganz vielen Situationen geholfen.»

    Sprachs, lächelte mich an, grüsste höflich und rollte geräuschlos davon. Ich war zugegebenermassen etwas perplex. Der sonderbare Halbwüchsige hatte vollkommen recht: Hunde heilen tatsächlich die Seele. Manchmal nur schon durch die unerwarteten und wertvollen Begegnungen, die sie einem ermöglichen.