Kategorie: Dagmar schreibt

  • Dagmar schreibt: Symptome einer Midlife-Crisis, Teil 3

    Dagmar schreibt: Symptome einer Midlife-Crisis, Teil 3

    So, mir reichts. Ich höre jetzt einfach auf mit dem Gejammere über das Älterwerden und darüber, was das alles in mir auslöst. Ich bin ja auch nicht der erste Mensch, der 50 wird? So schwer kann das schon nicht sein. Ausserdem ist mir in letzter Zeit aufgefallen, dass es tatsächlich auch seine Vorteile hat, emotional, geistig und entwicklungstechnisch – sagen wir mal – aus dem Gröbsten raus zu sein.

    Nicht nur kann man sich auf seine Lebenserfahrung schon ein bisschen etwas einbilden und in manchen Runden sogar mit wilden Geschichten aus der Jugend auftrumpfen. Es fühlt sich auch irgendwie gut an, auf Partys den «Jungen» dabei zuzusehen, wie sie sich über die Musik der 1980er und 1990er freuen, und zu behaupten, das sei die eigene Musik. Die meiner Generation. Die heute noch top ist, ganz anders als so vieles von dem neumodischen Kram, der gleich wieder vergessen geht.

    Neu gewonnene Gelassenheit

    Darüber hinaus gibt es aber noch eine ganz angenehme Errungenschaft des Alters: Ich profitiere nämlich von einer neugewonnenen Gelassenheit, die mir sonst eher fremd war. Denn ich bin, ich hatte es bereits erwähnt, eine grosse Meisterin darin, mich gedanklich selbst in den Wahnsinn zu treiben. Einerseits als Hypochonderin, andererseits als Schwarzmalerin und als Dramaqueen. Ich tendiere dazu, Dinge in ihrer Bedeutung völlig zu überhöhen und panisch auf Kleinigkeiten zu reagieren.

    Ein bevorstehender Besuch beim Zahnarzt kann mich da ebenso belasten wie die Gefahren, denen sich meine Kinder auf ihren Reisen in die Ferien aussetzen oder das Gefühl der Unzulänglichkeit, wenn ich irgendeinen dämlichen Fehler gemacht habe. Oder wenn mir etwas Peinliches widerfahren ist. Da konnte ich früher buchstäblich im Erdboden versinken.

    Und dieses Gefühl konnte ziemlich lange anhalten. Stets war ich selbst meine allergrösste Kritikerin und der innere Teufel in mir flüsterte mir in solchen Situationen unentwegt zu, wie dumm und unfähig ich bin. Voll nervig, so ein innerer Dialog mit sich selbst.

    Morgen ist ein neuer Tag

    Seit ich nun aber tief in den 40ern stecke, ist mir aufgefallen, dass der innere Teufel an Macht verliert. Ich kann mich zwar immer noch sehr schnell echauffieren und in eine üble Weltuntergangsstimmung hineinmanövrieren, aber insgeheim weiss ich ganz genau, dass dieser Pessimismus nicht lange anhalten wird. Die schlechten Gefühle flauen ziemlich schnell wieder ab.

    Denn hey, morgen ist wieder ein neuer Tag. Eigentlich ist es auch ziemlich wurscht, was die anderen von einem halten. Die sind nämlich alle auch nicht unfehlbar, das durfte ich in den vergangenen Jahren hinlänglich erfahren.

    Und schliesslich, und das ist vielleicht die grösste Erkenntnis: Es lohnt sich schlicht nicht, sich schlecht zu fühlen. Denn das Leben ist viel zu kurz für schlechte Gefühle. Es ist meine eigene Entscheidung, wie ich emotional auf eine Situation reagiere. Ändern wird sich dadurch ohnehin nix mehr. Wenn etwas Doofes passiert ist, ist das halt so. Aber deswegen muss ich noch lange nicht doof sein.

    Ist ziemlich befreiend, diese Einsicht. Älterwerden tut einfach gut.

  • Dagmar schreibt: Horror in Höngg

    Dagmar schreibt: Horror in Höngg

    Eigentlich wollte ich ja nicht schon wieder über meine Menagerie berichten. Ich hatte mir sogar schon ein nettes Thema ausgedacht, das gar nichts Tierisches beinhaltete. Aber dann ist letzte Woche etwas vorgefallen, das ich unbedingt loswerden muss. Denn ich hab in meiner kleinen Idylle etwas erlebt, das durchaus Potenzial für einen Horrorfilm gehabt hätte.

    Folgendes ist passiert: Ich war wie jeden Morgen bei meinen Hühnern: füttern, Eier einsammeln und so. Begleitet wurde ich von einer kleinen Hündin, so ein Dackelverschnitt. Diese war auf meinem Grundstück schon die Tage zuvor immer ganz aufgeregt gewesen, hatte gebellt und war unentwegt um mein kleines Holzhäuschen rumgerannt. Mehrfach war sie sogar schon in eine kleine Lücke unter das leicht erhöht stehende Häuschen gekrochen. Dort müssen Mäuse sein, dachte ich mir.

    Ein Loch am Eingang

    Auch an diesem Morgen war sie ganz ausser sich und schnüffelte wild herum, während ich meine Hühner versorgte. Plötzlich aber ertönte ein lautes Fauchen und Knurren, gefolgt von einem qualvollen Quietschen der Hündin. Sofort liess ich die Hühner Hühner sein und rannte zu der Stelle, wo das Geräusch herkam. Die Hündin stand direkt beim Eingang zu besagtem Loch und sah zwar einigermassen verzweifelt aus, wirkte aber sonst intakt. Ich rief sie zu mir, doch sie kam nicht. Konnte sie auch nicht. Die Leine, die ich zu Sicherheitszwecken an ihr gelassen hatte, befand sich unter dem Häuschen und schien dort festzustecken. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte sich nicht befreien.

    Also begann ich, selber am Hund und an der Leine zu ziehen. Doch die bewegte sich keinen Millimeter. Stattdessen ertönte nun erneut dieses furchteinflössende Geräusch, dieses Fauchen und Grollen. Der Schreck fuhr mir in die Glieder. Die Leine steckte nicht fest – etwas hielt sie fest! Unter dem Häuschen! Dieses Etwas versuchte, den Hund zu sich in die Höhle zu ziehen. Mit enormer Kraft und offensichtlich steigendem Missbehagen, wie dem Grollen unschwer zu entnehmen war.

    Das Monster reagierte sofort

    Was zur Hölle war das? Ich zog fester, bekam es aber gleichzeitig mit der Angst zu tun. Was, wenn dieses Wesen plötzlich aus seiner Deckung hervorkommen und mich in die Finger beissen würde? Ich gabs auf. Hastig öffnete ich den Karabiner, der die Leine mit dem Geschirr des Hundes verband, befreite den Vierbeiner aus seiner misslichen Lage und schaute, dass ich mit ihm auf dem Arm Land gewinne. Das Monster unter dem Haus reagierte sofort und zog die Leine zu sich.

    Weg war sie. Für immer verloren. Denn darunter fassen und sie dort wieder rausholen, das war mir dann doch zu wild. Notfallmässig bastelte ich aus Schnur eine Ersatzleine, um die Hündin davon abzuhalten, ihr Leben erneut aufs Spiel zu setzen und wieder unter das Haus zu kriechen. Sie war nämlich nicht halb so schockiert wie ich. Ich hingegen musste das Erlebte erst mal verarbeiten – und mich schlau machen, was das für ein Wesen gewesen sein könnte, dass sich da bei mir breit gemacht hat.

    Einen Verdacht hatte ich bereits, der sich dann bei meiner Recherche erhärtete: Ein Dachs hatte sich hier häuslich eingerichtet! Verdenken kann ich es ihm nicht. Auch nicht, dass er sich gegen die aufdringliche Hündin zur Wehr setzen wollte. Doch was passiert wäre, wenn er sie zu sich unters Haus gezogen hätte, das will ich mir gar nicht ausmalen.

  • Dagmar schreibt: «Neo» für alle?

    Dagmar schreibt: «Neo» für alle?

    Haben Sie’s schon gehört? Ist die bahnbrechende Neuerung schon bis zu Ihnen durchgedrungen? Nein? Dann lassen Sie sich von mir aufklären. Neo ist da! 1,8 Meter gross, dünn und ohne Körperkonturen oder Mimik, dafür mit einem beigefarbenen Pullover. Seine Aufgabe: Haushalten.

    Ein Technologieunternehmen hat es also geschafft, einen humanoiden Roboter für den Hausgebrauch zu entwickeln. Für den Spottpreis von 20 000 US-Dollar (oder knapp 500 US-Dollar monatlich) kann man ihn sich ins Haus holen. Ein Traum für alle Haushaltsmuffel wie mich!

    Neo wäre der ideale Mitbewohner: Er würde anspruchslos auf seinem Ständer in der Ecke meines Wohnzimmers abhängen und nur darauf warten, dass ich ihm Aufträge gebe. Er bräuchte kein Frühstück, keine lobenden Worte und würde nie eine Tür zuknallen.

    Und er leistet Erstaunliches: Er kann die Spülmaschine ausräumen, Blumen giessen oder Spielzeug aufräumen. Ohne zu murren, trägt er die Einkäufe ins Haus und serviert den Gästen den Aperitif. Nur einen klitzekleinen Haken hat er momentan noch: Ganz selbstständig ist der Jungspund nicht. Er braucht ein wenig Unterstützung – durch einen menschlichen Teleoperator, der ihm aus der Distanz die Anweisungen geben kann.

    I Tried the First Humanoid Home Robot. It Got Weird. | WSJ

    Für diesen Zweck, das ist klar, benötigt der Operator Einblicke in die Wohnung, in der sich sein Schützling befindet. Er schaut also durch Neos Augen in meinen Haushalt, um zu sehen, wo sich genau das T-Shirt befindet, das er zusammenfalten soll. Aber gut, man hat ja nichts zu verbergen, da darf sich der herstellende Konzern natürlich gerne ein wenig bei mir umschauen, oder?

    Der Kundschaft in den entsprechenden Werbevideos scheint das auf jeden Fall nichts auszumachen. Die sitzen alle ganz glücklich und entspannt auf ihren Sofas, prosten sich zu und lassen ihn im Hintergrund wirken. Sogar ihre Hunde sind jetzt besser ausgelastet, weil Neo ihnen ab und zu mal einen Ball zuwerfen kann, wenn sie selber keine Zeit für ihr Haustier haben.

    Gut, meine Wohnung sieht vielleicht nicht ganz so aus wie die mondänen Häuser aus der Werbung. Ich glaube, Neo würde nie herausfinden, wo mein Sohn seine dreckigen Socken versteckt. Und ob er meine Katze, die gerne mal ein Nickerchen in der Wäsche macht, beim Aufräumen nicht mit einem dreckigen Handtuch verwechselt, dafür würde ich meine Hand nicht unbedingt ins Feuer legen.

    Es ist auch gewöhnungsbedürftig, diesem «Robo-Neo» bei der Arbeit zuzuschauen: Minutenlang versucht er in einem der Videos ein Messer von der Ablage zu greifen, um es danach im Besteckfach der Spülmaschine zu verstauen. Das erledige ich doch lieber selbst. Allein schon beim Betrachten des Videos verspüre ich immense Lust, ihn zu schubsen.

    Was würde er dann wohl machen? Von mir erwarten, dass ich ihm wieder auf die Beine helfe? Und überhaupt: Diese Mörderpuppe mit den weichen Pantoffeln macht mir irgendwie Angst. Ich glaube, wenn der in meinem Wohnzimmer abhängen würde, würde ich nachts kein Auge mehr zutun. Man weiss ja nie, auf welche Ideen er oder sein Teleoperator kommen könnten.

    Nein, ich glaube, ich bleibe bei meinem Chaos.

  • Dagmar schreibt: «Sharing is caring»

    Dagmar schreibt: «Sharing is caring»

    Bald ist Ostern. Was liegt da näher, als einen Frühlingstext zu verfassen? Etwas, das Hoffnung macht und das Herz erwärmt – irgendwas mit Natur, Blümchen und vor allem: Eiern? Wie es der Zufall so will, habe ich da doch glatt ein kleines Anekdötchen auf Lager. Denn meine Hennen, neben dem Hasen die Hauptprotagonistinnen in punkto Frühlingsfest, sind im Moment ausserordentlich fleissig. Das schöne Wetter und die angenehmen Temperaturen scheinen die Ladies zu motivieren, ihre Produktion so richtig anzukurbeln.

    Für mich ist deshalb jetzt schon ein wenig Ostern: Tagtäglich spaziere ich über meinen Hühnerhof und entdecke in immer wieder neuen Verstecken liebevoll drapierte Eier. Und weil ich meistens etwas im Stress bin, packe ich diese in der Regel in einen Karton und deponiere sie in meinem kleinen Häuschen, bis ich sie in aller Ruhe nach Hause transportieren kann. In jüngster Zeit aber geschehen merkwürdige Dinge auf dem Hof: Mehrmals bereits kam ich abends auf den Hof, um die Eier abzuholen, doch diese waren weit und breit nicht aufzufinden.

    Zu Beginn hielt ich mich für bescheuert und sah es als ein weiteres Symptom meines Alterungsprozesses. Doch dann kam der Abend, an dem ich einen frischen Tatort vorfand: Der Eierkarton lag auf dem Boden, zwei, drei angeknackste Eier waren noch vorhanden, daneben ein Haufen Schalen und Eiermatsche. Ein Dieb war hier am Werk gewesen! Mein erster Verdacht fiel auf die beiden Katzen, die dort ihr Domizil haben. Doch deren Interesse an vegetarischer Ernährung tendiert gegen Null. Vielleicht war einer der mich begleitenden Hunde in einem unbeobachteten Moment mit seiner dicken Nase ja rein «zufällig» an den Eierkarton geraten?

    Diese Variante erschien mir bedeutend wahrscheinlich, vor allem aufgrund der Tatsache, dass sich die Hunde mit Begeisterung auf die Eierpampe stürzten, sobald sie diese erblickten. Ich sah sie tadelnd an, sparte mir aber vorerst meine Moralpredigt. Im Zweifel für die Angeklagten. Das war eine gute Entscheidung. Denn am nächsten Abend wiederholte sich der Vorfall. Dieses Mal aber hatten die Hunde ein lupenreines Alibi, weil sie den Stall genauso nichtsahnend wie ich betraten. Da mussten also andere Mächte am Werk sein.

    Und siehe da, ein paar Tage später konnte ich den Übeltäter auf frischer Tat ertappen: Es war der Fuchs. Voll dreist schlich der sich da, noch bei Tageslicht, in mein Häuschen und bediente sich. Als ich mit den Hunden ankam, schaute er zwar ertappt, hatte es aber nicht besonders eilig, den Tatort zu verlassen. Gemütlich trottete er davon, eine Eierschale hing ihm noch aus dem Mundwinkel. Ganz schön unverschämt. Ich war verärgert, schliesslich wurde hier mein Besitz geschröpft.

    Dann aber revidierte ich meine Meinung: Eigentlich war es dem Fuchs hoch anzurechnen, dass er nicht mal den Versuch unternahm, sich an den Hennen zu vergreifen und sich stattdessen mit ihren Erzeugnissen begnügte. Wer weiss, vielleicht fühlt er sich bei mir ein wenig wie zuhause und akzeptiert die Hennen als Teil seines Reviers? Etwas menschlich gedacht, ich weiss. Aber das wäre doch eine wunderschön-versöhnliche Pointe: Osterfrieden über die Artgrenzen hinweg. Dafür bin ich gerne bereit, mit Reineke zu teilen.

  • Dagmar schreibt: Ein Abgesang

    Dagmar schreibt: Ein Abgesang

    Ich hatte Sie ja bereits gewarnt. Sie werden, wenn Sie diese Zeilen regelmässig lesen, nicht umhinkommen, an meiner sich anbahnenden Midlife-Crisis teilzuhaben. Aber keine Sorge, heute wird es nicht allzu ernst. Ich musste nur kürzlich darüber nachdenken, mit welchen Alltagsgegenständen ich aufgewachsen bin. Dinge, die selbstverständlich zu meinem Leben gehörten oder, noch viel aufregender, als neue Errungenschaften in mein Leben traten.

    Und dann schaute ich mich in meiner Wohnung um und stellte fest – die gibt’s alle gar nicht mehr! Was in meiner Jugend noch brandneu und aktuell war, fristet heute bestenfalls noch in den verstaubten Regalen der Brockenhäuser ein trauriges Dasein.

    «Beverly Hills 90210»

    Zum Beispiel die Videorecorder. Ich weiss noch genau, wie lange ich meine Eltern bearbeiten musste, bis sie sich einen anschafften. Und wie gross die Freude über dieses Gerät war. Was für neue Möglichkeiten sich damit boten! Endlich konnte man Lieblingssendungen konservieren und musste nicht mehr jeden Samstagnachmittag genau dann zu Hause sein, wenn «Beverly Hills 90210» ausgestrahlt wurde.

    Gut, ein bisschen anstrengend war die Tatsache, dass man das Gerät gar nicht timen konnte, sondern am Anfang und Ende der Sendung noch den «Rekord»- und «Stop»-Knopf drücken musste. Da musste man entweder die Eltern anstellen (die dann natürlich regelmässig den Anfang der Serie verpassten und die Aufnahme erst ab Minute drei starteten), oder doch selbst zu Hause sein. Aber egal: Man konnte die besten Szenen der Lieblingsserie endlich immer und immer wieder anschauen, so lange, bis das Band der Videokassette riss. Fühlte sich für mich wie ein Quantensprung der Technologie an.

    Doch urplötzlich waren die Videorecorder out, weil es DVDs gab. Da sahen die Filme tausendmal besser aus. Also lieh und kaufte ich mir halt die Silberlinge. Für gefühlt zwei Jahre, bis diese wieder abgelöst wurden durch Blu-Ray. Und die … naja, die waren so schnell wieder weg, dass sie komplett an mir vorbeigingen. Von den Audiokassetten müssen wir gar nicht reden: Schallplatten, CDs, Walkman, Discman, alles Schnee von gestern. Obwohl Vinyl ja wieder angesagt ist.

    Ein dicker Schinken

    Auch vom Wählscheibentelefon und meiner Aufregung über den ersten Anrufbeantworter fang ich gar nicht erst an, das Thema Handy hatten wir ja schon zur Genüge. Aber das Telefonbuch. Dieser dicke Schinken gehörte doch in jeden Haushalt. Wann wurde das eigentlich abgeschafft? Nicht, dass ich noch Verwendung dafür gehabt hätte. Früher aber, da war es wichtig. Vor allem dann, wenn man jemanden kennengelernt hatte und nur den Nachnamen, aber nicht die Telefonnummer kannte.

    Bis man da im Telefonbuch die richtige Nummer ermittelt hatte, musste man oft einiges an Detektivarbeit leisten, weil es oft mehrere Personen des gleichen Namens gab. Wenn man dann die Nummer endlich hatte, hiess es, mit klopfendem Herzen und trockenem Mund anzurufen – natürlich nur, um sofort aufzuhängen, sobald jemand dranging. Immer wieder. Was das brachte? Keine Ahnung, aber es war hoch spannend. Könnte man heute nicht mehr machen.

    Ach, ich könnte noch ewig so weiter schwelgen. Welche Geschichten diese alten Geräte alle so erzählen! Langweile ich Sie damit etwa? Ich sage doch, ich werde alt…

  • Dagmar schreibt: Schönes Wetter heute!

    Dagmar schreibt: Schönes Wetter heute!

    Ja, ich weiss, langweiliger als mit diesem Spruch kann man eine Konversation nicht beginnen. Es gibt nichts Öderes, als über das Wetter zu sprechen. Weil man es ja sowieso nicht ändern kann. Doch genau das ist der Grund, weswegen ich jetzt, man möge es mir verzeihen, trotzdem mal wieder darüber schreibe.

    Dieses Mal aber geht’s mir gar nicht um Schneemangel und Klimawandel, sondern ganz unpolitisch einfach um das aktuelle Wetter. Um den Regen. Denn dieses bescheuerte, ewige Geniesel, Getropfe, Geprassel und Gestürme beförderte mich die vergangenen zwei Wochen regelmässig an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.

    Nicht nur, weil ich jedes Mal, wenn ich rausging, nachher völlig durchnässt nach Hause kam. Auch nicht nur, weil ich in den letzten Wochen so oft wie noch nie meinen Fussboden feucht aufnehmen musste, nachdem die Hundepfoten ihn nach jedem Spaziergang mit ihren erdigen Abdrücken verziert hatten.

    Nicht einmal deswegen, weil es das Ferienprogramm mit meinem jüngsten Sohn deutlich erschwerte, wenn man ihn nur gegen Bestechung vor die Türe jagen konnte.

    Sondern vor allem wegen diesem elenden Schlamm, der sich auf meinem Hühnerhof gebildet hatte. Nach 15 Tagen Regen und rund 60 (dreissig mal zwei) Hühnerfüssen, 10 Enten – und vier Gänsefüssen, die täglich das Gebiet durchstreiften, war der Boden hier kaum noch zu betreten. Woodstock muss dagegen die reinste Wüste gewesen sein.

    Selbst mit den dicksten Schuhen blieb ich regelmässig im schmatzenden Schlamm stecken und musste auf einem Bein balancierend versuchen, den zweiten Schuh wieder aus der Pampe zu befreien. Auch meine sonst blütenweissen Hennen waren nicht mehr als solche zu identifizieren und die Salatblätter, die ich ihnen zum Schnabulieren zuwarf, versanken innerhalb von Minuten unwiederbringlich im braunen Sumpf.

    Mein Mitleid mit den bedauernswerten Tieren wuchs täglich. Jeden Abend versprach ich ihnen für den nächsten Morgen besseres Wetter. Aber stets musste ich sie enttäuschen. Das sorgte dafür, dass ich von Mal zu Mal grantiger wurde. Sobald ich das Grundstück betrat, sackte meine Laune in den Keller. Gerne und oft klagte ich allen, die es hören wollten oder auch nicht, mein Leid – ziemlich lauthals sogar.

    Bis ich mich eines Besseren besann. Denn erstens, wie gesagt, ändert sich ja eh nichts. Zweitens fiel mir auf, dass es bestimmt vielen Menschen auf dieser Welt so geht, dass sie das Wetter verfluchen. Aber nicht aus so Luxusgründen wie ich, die nach jedem Hühnerbesuch ein Vollbad in der gemütlich geheizten Wohnung nehmen kann. Sondern weil ihre Existenz davon abhängt, dass das Getreide genug Regen erhält, ihre Früchte nicht erfrieren oder die Parasiten nicht die ganze Ernte wegfressen.

    In solchen Situationen fühlt man sich wahrscheinlich wirklich hilflos ausgeliefert. Was habe ich überhaupt für einen Grund zum Jammern? Ein bisschen mehr Demut vor dem Leben und der Natur, das stünde mir gut.

    Also schluckte ich den Ärger die letzten paar Tage hinunter und versuchte, die Situation ebenso stoisch auszusitzen wie meine gefiederten Freunde. Und siehe da, es klappte erstaunlich gut. Allerdings, ich gebe es zu, unter anderem deswegen, weil nun doch so etwas wie Frühling über mich und meine Hühner hereingebrochen ist.

    Da herrscht urplötzlich wieder eitel Sonnenschein auf meinem kleinen Hof – und in meinem Herzen.

  • Dagmar schreibt: Wenn sich die Türen schliessen

    Dagmar schreibt: Wenn sich die Türen schliessen

    Zugegeben, der Titel klingt etwas gar dramatisch. So endgültig – und bitter. Ist es aber gar nicht. Denn eigentlich ist er ziemlich wörtlich zu verstehen. Ich wohne nämlich seit einigen Monaten in einem Haushalt, in dem drei Viertel der Zimmertüren durchgehend geschlossen sind. Und das Öffnen derselbigen ist mir nur in Ausnahmesituationen erlaubt.

    Bei den besagten drei Vierteln der Türen handelt es sich um diejenigen zu den Schlafgemächern meiner Kinder. Neu ist das Phänomen eigentlich nicht, es ist schon seit einigen Jahren in zunehmendem Ausmass zu beobachten. Etwas unerwartet für mich hat sich nun aber auch noch die letzte Tür, die zum Zimmer meines 12-jährigen Sohnes, geschlossen. Und das, obwohl er noch vor wenigen Wochen zumindest ab und an noch kindliche Verhaltensmuster an den Tag legte und zu erkennen gab, dass er die Gegenwart seiner Mutter schätzte.

    Mittlerweile aber läuft es typischerweise folgendermassen ab: Er kommt von der Schule nach Hause, streift eilig die Schuhe im Gang ab, schmeisst sein Schulzeug in die Ecke, adressiert ein kurzes, unbestimmtes «Hallo» in den Raum (immerhin!) und verkrümelt sich schnellstmöglich in sein Zimmer.

    Die empathische Mutter

    Ich, als empathische Mutter, kann das natürlich verstehen. Und gleichzeitig auch nicht. Denn ich bin da ganz anders. Mein Zimmer steht immer offen. Das brauche ich eh nur für die Nachtruhe, den Rest des Tages verbringe ich lieber in den gemeinschaftlich genutzten Räumen. Wie der Küche und dem Wohnzimmer. Dort sitze ich jetzt also und warte auf Gesellschaft. Ab und zu guckt ein Hund vorbei, vorzugsweise zu Fütterungszeiten. Aber sonst ist es hier echt leer geworden. Manchmal, da wird es mir zu arg. Da vermisse ich den Zuspruch durch meinen Nachwuchs. Oder sogar die Auseinandersetzung mit ihnen.

    Dann schreite ich zur Tat und reisse eine der Zimmertüren nach der anderen auf, nur um kurz «Hallo?!» zu brüllen. Und dafür meist vorwurfsvolle Blicke und ein genervtes «Was ist?» zu ernten. Nach dem dritten «Was ist?» bin ich dann jeweils reif für eine Portion Selbstmitleid auf der leeren Couch.

    Das Wohnzimmer gehört nun mir alleine

    Aber glücklicherweise ist der Mensch als solcher enorm anpassungsfähig. So flexibel, dass ich festgestellt habe, dass diese Türen gar nicht nur Nachteile haben. Zum Beispiel gehört das Wohnzimmer jetzt mir, ich kann alleine über Musik, Podcast und Fernseh- oder Netflix-Programme verfügen. Auch der Druck, regelmässig ausgewogene Mahlzeiten für alle auf den Tisch zu stellen, hat enorm nachgelassen. Denn ganz oft, wenn die Türen zu sind, sind die Bewohnenden gar nicht zu Hause. Dann muss ich plötzlich nur für mich selber sorgen.

    Und schliesslich öffnen sich plötzlich wieder ganz neue Türen für mich. Sprichwörtlich. So werde ich langsam, aber sicher dieses ewige schlechte Gewissen los, das mich immer begleitet hat, wenn ich viele Termine hatte und für meinen Geschmack zu Hause zu wenig anwesend war. Denn meine Kinder merken eigentlich gar nicht mehr, ob ich überhaupt zu Hause bin. Und selbst wenn sie es merken – es kümmert sie nicht gross. Das bedeutet: Ich kann eigentlich tun und lassen, was ich will. Ganz wie früher. Was selbstverständlich nicht heisst, dass ich nicht gerne zur Stelle bin, wenn diese Zimmertüren doch einmal wieder aufgehen.

  • Dagmar schreibt: Danke, Greg

    Dagmar schreibt: Danke, Greg

    Ich glaube, es ist mal wieder Zeit für eine kleine Geflügelgeschichte. Schliesslich habe ich schon länger nicht mehr von meinem Hühnerhof berichtet – obwohl es für mich immer eine Wohltat ist, sich mit dem lieben Federvieh zu beschäftigen. Heute also geht es um meinen Erpel Greg. Greg hatte einen schweren Start ins Leben. Denn wie schon einige Monate zuvor bei einem der Hühner lief auch bei seinem Schlupf etwas nicht ganz richtig. Seine Mutter verliess das Gelege verfrüht, Greg musste seine ersten Lebenswochen bei mir zu Hause verbringen. Das lief super, er badete in unserer Badewanne, wurde täglich mit Mehlwürmern und Salat versorgt und wuchs in Windeseile heran.

    Bald war der Zeitpunkt gekommen, ihn zurück zu seiner Familie zu bringen. Die Eingewöhnung verlief etwas harzig, denn Greg fühlte sich nicht wirklich als Ente. Eine Zeitlang orientierte er sich an einem einsamen Hahn und lief diesem schnatternd hinterher, mittlerweile hat er sich am Rande der Entengruppe arrangiert, aber so richtig gehört er noch nicht dazu. Macht ja eigentlich nix. Wenn da nur nicht das allabendliche Einstallen wäre, denn über Nacht muss das Geflügel in den Stall. Machen auch alle anstandslos. Alle bis auf Greg. Der kapiert nicht, wo er hin soll. Suchend kurvt er um alle verfügbaren Ställe herum, immer knapp vor dem Eingang, aber Reingehen ist nicht sein Ding.

    Zuerst dachte ich, man müsste ihm den Zugang erleichtern. Denn einer der Ställe, in denen er jeweils nächtigt, hat eine Treppe. Und diese zwei Stufen schienen ein Problem zu sein. Also baute ich eine Rampe. Von zwei Seiten kann man nun hindernisfrei in den Stall schlendern. Die Hühner haben das Prinzip auch sofort verstanden. Nicht so Greg. Er hat das Ding zwar mehrmals intensiv betrachtet, aber nix ist. In letzter Sekunde dreht er immer wieder ab.

    Dass ich ihm dabei behilflich bin, findet er auch doof. Sobald ich mich nähere, wackelt er davon. Viele Runden bin ich deshalb schon hinter ihm hergewatschelt, mit Vorliebe natürlich dann, wenn es in Strömen regnet. Dieses schöne Ritual dauert mindestens 15 bis 20 Minuten. Während wir beide unseren Tanz um die Ställe vollziehen, wird es meist komplett dunkel. Und Greg, der eine schwarze Ente ist, entschwindet zunehmend meinem Gesichtsfeld. Das wiederum hat Auswirkungen auf meine Geduld. Was bedeutet, dass ich zu fluchen beginne. Alle möglichen Schimpfwörter habe ich der Ente schon an den Kopf geworfen. Das nützt natürlich wenig.

    Mehrmals schon war ich auch kurz davor, ihn einfach draussen zu lassen. Doch das geht nicht. Er ist schliesslich mein Baby. Also rutsche ich so lange hinter ihm her, bis er sich endlich unter dem Entenstall niederlässt. Der steht auf Füssen, rund 40 Zentimeter über dem Erdboden. Und dorthin, in die hinterste Ecke, verkriecht sich Greg. Mein Glück, denn ich kann den Ausweg blockieren. Allerdings komme ich nur an ihn dran, wenn ich auch darunter krieche. Das tue ich, jeden einzelnen Abend – das gesamte Universum verfluchend.

    Doch wenn ich ihn dann gepackt habe und er sich mit seinen kalten Entenfüssen an meine schlammverschmierte Jacke schmiegt und mich treudoof aus seinen wunderschönen Augen anblickt, dann bin ich wieder mit der Welt versöhnt. Der Greg, der erdet mich einfach. Im allerwahrsten Sinne des Wortes.

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  • Emojis und Co.: Der böse Daumen

    Emojis und Co.: Der böse Daumen

    Sprache und die Macht der Worte waren schon in meiner letzten Kolumne mein Thema. Auch heute soll es über Kommunikation gehen, allerdings in einem ganz anderen Rahmen. Und zwar im Zusammenhang mit WhatsApp-Chats. Denn da, so muss ich feststellen, kommt es öfters zu Missverständnissen. Das liegt wohl daran, dass die Gespräche im Chat in einem arg verkürzten und sprachlich, nun ja, etwas verarmten Stil geführt werden. Und was den Chats an Worten fehlt, das wird durch Emojis oder grafische Darstellungen ersetzt.

    Vor Kurzem ist mir dabei ein schwerer Fehler passiert. Unabsichtlich, natürlich. Wie so oft hatte nämlich mein Natel für mich mitgedacht und beim Schreiben einer Nachricht die Feststelltaste aktiviert, sodass meine inhaltlich harmlose Nachricht an meine Tochter: «Wann kommst du nach Hause?» in Grossbuchstaben erschien. Mir war das zwar aufgefallen, ich hatte dem aber keine Bedeutung beigemessen.

    Bis die Antwort von ihr kam. Die war alles andere als freundlich: «Was schreist du mich so an?», schrieb sie. «Ich bin bald zu Hause, mach mal keinen Stress!», gings erbost weiter. Ich war perplex. Meinte sie mich? Wann hatten wir uns denn gestritten? Mit meiner unschuldigen Nachfrage machte ich die Sache nicht viel besser. Wie konnte man so etwas nicht wissen? Grossbuchstaben schreien! Es folgte ein augenverdrehender Emoji.

    Die Sache mit dem Punkt

    Mindestens genau so schlimm war mein Vergehen, als ich in einem anderen Gespräch einen Satz mit einem Punkt beendete. Natürlich wieder vollkommen blauäugig. Ein Punkt ist ein Satzzeichen, ein ziemlich essenzielles. Dachte ich zumindest. Aber nicht im Chat. Nein, das war erneut eine äusserst aggressive Form der Kommunikation. Fast so schlimm, wie wenn ich ein Ausrufezeichen verwendet hätte. Ein absolutes No-Go.

    Auf der anderen Seite merke ich, wie mir bestimmte Emojis ganz schräg reinkommen. Ich kann es beispielsweise nicht ausstehen, wenn mir jemand diesen «Daumen hoch» schickt. Da krieg ich die Krise! Wenn ich zum Beispiel in einer netten Nachricht frage: «Treffen wir uns morgen um 8 zum Kaffee?», und der oder die sendet mir einen kommentarlosen Daumen, würde ich am liebsten wieder absagen. Das ist für mich ein Beweis von totaler Arroganz: Das Gegenüber hat es offensichtlich nicht nötig, auf meinen Vorschlag mit einem ganzen Satz zu antworten.

    Die Rache ist mein

    Und weil ich diese Frechheit natürlich nicht einfach auf mir sitzen lassen kann, übe ich jeweils Rache und beantworte mindestens eine der folgenden Nachrichten ebenfalls mit einem behämmerten Daumen. Fühlt sich immens befreiend an, meinen Emotionen mal so richtig freien Lauf zu lassen.

    Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass die anderen gar nicht bemerkt haben, wie sehr sie mich gerade mit ihrem Daumen beleidigt haben. Und wie krass ich mich mit demselben Daumen dagegen gewehrt habe. Reagiert hat auf jeden Fall noch nie jemand. Vielleicht muss ich nächstes Mal tatsächlich zu noch radikaleren Massnahmen greifen und mit Grossbuchstaben und Punkten operieren.

    DAS WIRKT GARANTIERT.

  • Dagmar schreibt: Hinterm Horizont

    Dagmar schreibt: Hinterm Horizont

    Ich lese gerade ein Buch. «Geflochtenes Süssgras», heisst es. Ich bin noch gar nicht weit: Von den 400 Seiten habe ich gerade 100 geschafft, und dennoch bin ich schon sehr beeindruckt. Die Autorin ist Robin Wall Kimmerer, eine amerikanische Biologin. Sie berichtet darin über die «Weisheit der Pflanzen». Klingt gar nicht so unbedingt nach einem Thema, das mich packen würde.

    Klar, ich liebe die Natur, aber esoterisch angehaucht bin ich eher weniger. Aber es geht Wall Kimmerer nicht um Esoterik. Sondern um eine andere Sicht auf die Welt. Denn die Autorin ist nicht nur Wissenschaftlerin und Professorin, sondern auch Mitglied der Citizen Potawatomi Nation und Direktorin des «Center for Native Peoples and the Environment». Sie erzählt, wie sie irgendwann begonnen hat, die ihr fremde Sprache Potawatomi, die ihren Grosseltern einst zu sprechen verboten wurde, zu lernen.

    Und vor welch grosse Probleme sie dieses Projekt gestellt hat. Weil das System der Sprache so ganz anders ist als das der englischen – und das der Wissenschaft. Das Englische, so erklärt sie, besteht zu einem Grossteil aus Nomen. Dinge und Gegenstände sind unheimlich wichtig in dieser sprachlichen Realität. Verben dagegen machen nur 30 Prozent der Wörter aus. In Potawatomi ist es umgekehrt: Es besteht zu 70 Prozent aus Verben. Die Welt wird unterschieden in das Belebte und das Unbelebte.

    Die Kategorisierung und Definition der Welt

    In dieser Sprache ist «eine Bucht sein» ein Verb, genauso wie «ein Wasserfall sein». Das Wasser ist nicht einfach tote Materie, es lebt. Natürlich sind auch Tiere und Pflanzen nicht einfach Dinge, sondern tragen die gleichen Pronomen wie Menschen. Sie gehören schliesslich alle zur gleichen Familie. Es gibt sogar ein Wort für die Kraft, die bewirkt, dass über Nacht Pilze aus dem Boden schiessen.

    So weit, so gut. Mit meiner westlich-europäisch geprägten Sicht auf die Welt finde ich das vielleicht rührend und schön und würde mir wünschen, die Welt auch so sehen zu können. Gleichzeitig muss ich aber erkennen, dass mir das unglaublich schwerfällt. Weil die Sprache, die Kategorisierung und Definition der Welt, die ich mit meiner Sozialisierung übernommen habe, auch mein Denken geformt haben. Das war mir bisher auch schon klar, zumindest in Ansätzen. Schliesslich diskutieren wir hier momentan viel über Sprache und einen respektvollen Umgang mit ihr.

    Aber wie weit meine Beschränktheit reicht, das ist mir tatsächlich erst jetzt aufgefallen. Beim Lesen muss ich deshalb immer wieder innehalten und mir Gedanken machen – und bedauern, dass ich ausgerechnet in diesem sprachlichen Konstrukt gefangen bin. Ist es nicht ein dummer und folgenschwerer Zufall, dass sich dieses hier so durchgesetzt hat? Wie würde die Welt aussehen, wenn sich eine ganz andere Sprache durchgesetzt hätte? Würden wir uns dann vielleicht selbstverständlich als Teil einer magischen, belebten Welt aus Tieren und Pflanzen verstehen? Und nicht als ihr Gegenspieler?

    Ja klar, ich weiss, das klingt vielleicht naiv. Ich will auch nicht sagen, dass unsere Sicht falsch ist oder die Wissenschaft irrt. Aber unser Verhältnis zu der uns umgebenden Umwelt, die ist äusserst problematisch. Und es ist unheimlich schön, sich vorzustellen, dass es auch ganz anders sein könnte.