Kategorie: Baugeschichte Höngg

  • Fragen zur Kernzonenerweiterung

    Fragen zur Kernzonenerweiterung

    Die Bau- und Zonenordnung (BZO) der Stadt Zürich benennt heute 26 Kernzonen, doch es war Höngg, das 1984 die erste solche Kernzone erhielt. (siehe «Höngger» vom 18. Mai 2017). Und diese Kernzone wurde nun erweitert, namentlich um die Gebäude Limmattalstrasse 159 (Socar Tankstelle), 157, 155, 151, 149, 147 und 147a sowie Bäulistrasse 53, 51, 47, 45 und gleich gegenüber des Ortsmuseums die Gebäude Vogtsrain 5, 5a, 7, 7a. Gut möglich, dass die betroffenen Grundeigentümer hier zum erste Mal von ihrem «Glück» erfahren, denn sie wurden von den Amtsstellen nie persönlich darauf aufmerksam gemacht. Man verlässt sich da ganz und gar auf die Publikation im städtischen Amtsblatt, dem «Tagblatt der Stadt Zürich». Rechtlich korrekt, doch in Anbetracht der geringen Zahl Betroffener, die leicht hätten benachrichtigt werden können, doch zumindest fraglich. Fabian Korn, Projektleiter Kommunikation beim Amt für Städtebau, sieht dies anders: «Die Teilrevision der Bau- und Zonenordnung ist ein gesamtstädtisches Projekt, das bereits während der öffentlichen Auflage 2013 breit kommuniziert und diskutiert sowie von Veranstaltungen begleitet wurde».
    Architekt Urs Esposito hingegen, der sich mit Kernzonenregelungen auskennt, findet es trotzdem bedenklich, denn hier, so sagt er, finde ein Eingriff in die Nutzungsrechte der Eigentümer statt, den man persönlicher kommunizieren sollte. Anhand der Gebäude Bäulistrasse 53, 51 und 47 führt er aus: «Das Haus Nummer 47 wurde Mitte der 1950er-Jahre erstellt, die zusammenhängenden Nummern 51 und 53 sind sogar erst kürzlich erstellte Ersatzneubau. Bei diesen Liegenschaften, welche vorher in der W2 lagen, können in Zukunft weder die Dachgeschosse aufgestockt- noch Balkonvergrösserungen oder Anbauten erstellt werden». Überhaupt ist er überzeugt, dass es «sowohl architekturgeschichtlicher als auch städtebaulicher Humbug» sei, diese Gebäude in die Kernzone aufzunehmen. Doch genau diesen Anspruch der «architekturgeschichtlichen Bedeutung» hätte die Kernzone eigentlich, denn, wie es im Erläuterungsbericht der BZO heisst, soll die Erweiterung «Gebäude umfassen, die aufgrund ihrer Lage und Gestaltung die jeweilige Kernzone wesentlich prägen oder für die geschichtliche Entwicklung des Ortskerns wichtig sind».

    Historisch oder nicht?

    Für das Amt für Städtebau stellt konkret die Bäulistrasse die historische Erschliessung des ursprünglichen Dorfkerns von Höngg dar: «Das Gebäude Bäulistrasse 45, das den Auftakt des Dorfkerns bildet, sowie die bestehende Mauer, welche die Bäulistrasse auf deren Südseite begleitet, sind prägende Elemente der alten Dorfstruktur». «Historisch?», fragt Esposito. Für ihn ist die amtliche Einschätzung nicht nachvollziehbar: «Die historischen Karten von J. Wild (~1850) oder die Siegfriedkarte von 1880 zeigen, dass der Hauptzugang von Zürich nach Höngg über die Limmattalstrasse führte». Und ganz abgesehen davon fragt er sich, was die besagten Neubauten in der Kernzone verloren haben? Korn dazu: «Nicht jedes einzelne Gebäude in einer Kernzone muss für sich genommen wesentlich prägend oder für die geschichtliche Entwicklung eines Ortskerns wichtig sein». Der Perimeter einer Kernzone werde so angelegt, dass die «prägenden und geschichtlich wichtigen Gebäude eines Dorfkerns» darin erfasst seien. «So können auch Gebäude einbezogen werden, die als Einzelobjekte diese Kriterien nicht erfüllen», erläutert Korn. Das bedeute dann, dass bei solchen Bauten lediglich ein Baubereich zugeordnet werde, in dem folglich ein Neubau gleichen Volumens gebaut werden könne. Betrachtet man dies anhand der Socar Tankstelle wirft das eine «historische» Frage auf: Hier stand bis 1960 das Restaurant zur Rose – doch würde die Tankstelle eines Tages abgebrochen, so könnte gemäss BZO an dieser Stelle nur ein Gebäude mit der Baumasse der heutigen Tankstelle gebaut werden und die Gestaltung müsste dem BZO-Gebietscharakter «Bäuerliche Dorfkerne» entsprechen. «Historisch» betrachtet würde hingegen ein Gebäude wie die damalige «Rose», grösser als die Tankstelle und anders platziert, mehr Sinn machen. Korn dazu: «Ob der Nachbau eines historischen Restaurants möglich ist, müsste anhand eines konkreten Projekts besprochen werden». Fest steht einzig: wären für die genannten Gebäude in der Kernzone keine Baubereiche definiert, dürfte nach einem allfälligen Abbruch gar nichts mehr gebaut werden.

    Auch Übergänge sind wichtig – fragt sich bloss wo?

    Dass die Gebäude am Vogtsrain, gegenüber des Ortsmuseums, in die Kernzone aufgenommen wurden, begründet das Amt für Städtebau damit, dass sich Kernzonen harmonisch in das übrige Quartier einbetten sollen. Entsprechend wichtig seien die Übergänge in die Nicht-Kernzone: «Mit dem Einbezug in die Kernzone kann dies beispielsweise über die Bauhöhe gewährleistet werden», erläutert Korn. Was die Frage aufwirft, warum die Kernzone an der Gsteigstrasse nicht bis und mit der Hausnummer 23 erweitert wurde, dem alten Bauernhaus im Rank? Immerhin liesse sich dort noch der Begriff «bäuerlich» anwenden und sollte – es möge nicht eintreten – das Haus eines Tages einem Neubau weichen müssen, so wäre an dieser Stelle doch auch ein Auge auf den «Übergang zur Nicht-Kernzone» zu werfen. Nun, gemäss Raumplanungsgesetz müssen Nutzungspläne, und Kernzone sind solche, spätestens nach 15 Jahren überprüft und angepasst werden. Bis dann haben sich die Haltungen seitens der Behörden und der Grundeigentümer vielleicht geändert und im besten Fall angenähert.
    Vielleicht ist dann auch für den Laien die Kernzonenerweiterung so nachvollziehbar wie es diesmal für die Kommission und den Gemeinderat war, wo sie ausführlich diskutiert und mit grosser Zustimmung verabschiedet worden seien, wie das Amt für Städtebau betont. «Dies, sowie die Genehmigung durch den Kanton, setzt selbstredend die Nachvollziehbarkeit der Änderungen voraus» hält man dort fest, nachdem der «Höngger» gefragt hat, ob man verstehen könne, dass Laien den Sinn dieser Erweiterung nicht ganz verstehen würden.

    Die von der Kernzonenerweiterung betroffenen Grundeigentümer haben bis und mit 2. Oktober 2017 Gelegenheit, beim Baurekursgericht des Kantons Zürich schriftlich Rekurs zu erheben.

     

  • Höngg: Die erste städtische Kernzone

    Höngg: Die erste städtische Kernzone

    Sozusagen den Abschluss einer intensiven und vor allem langen Zeit der Pläne und Verwerfungen bildete die Kernzonenregelung, die im Sinne des Paragraphs 50 des kantonalen Planungs- und Baugesetzes 1984 festgesetzt wurde. Die seit 1956 bestehenden Baulinien hatten Abrisse und Neuüberbauungen im mittlerweile heruntergekommenen Höngger Dorfkern verunmöglicht, mit dem neuen Instrument der Kernzone sollte dieses Hindernis zumindest teilweise entfernt werden. Es handelte sich dabei um die erste städtische Kernzone im Kanton Zürich. Ziel war es, einerseits die drei Eckpunkte Kirche, Haus zum Kranz und Meierhof/Weingarten, die das Ortsbild von Höngg prägten, zu bewahren und die durch einzelne Bauten und Fassaden, sowie dazwischenliegende Freiräume gebildete Raumstruktur zu schützen. Das bedeutet, dass bei Neu- oder Umbauten die Ausmasse der Vorgängerbauten als Referenz zu beachten sind. Der Stadtrat betonte, dass «niemand die Absicht habe, das im Lauf von Jahrhunderten gewachsene Dorfbild in allen Einzelheiten zu erhalten», wie der Tagesanzeiger am 15. Oktober 1980 zitierte. Vielmehr solle der Raum innerhalb der drei Eckpfeiler so gestaltet werden, dass er für das Gewerbe und Passanten attraktiv werde, damit eine gute Durchmischung gewährleistet werden könne. Dadurch, dass, wie erwähnt, die Masse der Altbauten eingehalten werden mussten, die Baulinien aber aufgehoben werden konnten, sollte die Aufwertung des Höngger Dorfzentrums erleichtert werden.

    Hier finden Sie den ergänzten Kernzonenplan für Höngg.

    Das Zentrum wird erneuert

    Im Laufe der Achtziger Jahre wurden rund zwei Dutzend Häuser abgerissen und neu erstellt oder renoviert. Eines der ersten Objekte, das in den Geschmack der Erneuerungswelle kam, war die Häusergruppe «zum Central», zu denen auch das Haus an der Ecke Limmattalstrasse/Ackersteinstrasse gehört, in welchem sich heute die Raiffeisenbank befindet. Die Ortsgeschichtliche Kommission des Verschönerungsvereins Höngg hat der Geschichte dieser Häuser eine ganze Mitteilung gewidmet (siehe Infobox). Das Tiefbauamt der Stadt Zürich informierte die Höngger Bevölkerung ab 1987 regelmässig via «Höngger» unter der Rubrik «Gemeinsam für das Zentrum Höngg» über die laufenden und anstehenden intensiven Bauarbeiten. «Es wird eine neue Kernzone entstehen, die sich in einer wohnlichen Umgebung ausdrückt», schrieb das Amt am 25. September 1987.
    Das wohl grösste Bauvorhaben plante die Firma Frutiger Generalunternehmung AG im Spickel zwischen Limmattal- und Regensdorferstrasse. Die «Zentrumsüberbauung Höngger Markt» wurde von den Architekten Bryner und Partner ausgearbeitet und durchgeführt. Die auf dem Areal stehenden Häuser wurden abgerissen und in ähnlicher Kubatur und Grösse – wie vom Kernzonenplan vorgeschrieben – wiederhergestellt. In der neuen Überbauung fanden neben dem Bankverein (heute UBS) und dem Coop auch 24 Wohnungen und eine Tiefgarage für rund hundert Autos Platz. Kurz nach Eröffnung des neuen Zentrums am 1. Dezember 1989 monierte die Neue Zürcher Zeitung: «Die echte und sicher nicht in allen Teilen dringend erneuerungsbedürftige Substanz ist einer Theaterkulisse gewichen; in diesen Tagen lässt sich auch vermuten, man habe sich nach einem Adventskalender gerichtet». In «1934-2009. Vom Dorf Höngg zum Quartier Zürich-Höngg» ist nachzulesen, dass der ausführende Architekt Reinhold Bryner schon während der Ausführung Zweifel an der Qualität der Lösung bekommen haben soll. «Mittlerweile besteht ein grosser Konsens darüber, dass eine Chance verpasst wurde und Sanierungen in dieser Art nicht mehr stattfinden sollten», schreiben François G. und Yves Baer in ihrem Werk, ohne dies weiter auszuführen.

    Erweiterte Kernzone stösst teilweise auf Unverständnis

    In der Bau- und Zonenordnung (BZO) sind mittlerweile insgesamt 26 Kernzonen ausgewiesen. Gemäss Raumplanungsgesetz (RPG) müssen Nutzungspläne periodisch, spätestens jedoch nach fünfzehn Jahren überprüft und angepasst werden, wenn sich die Verhältnisse geändert haben. 2016 wurde die Teilrevision der Bau- und Zonenordnung der Stadt Zürich BZO 2014 vom Gemeinderat angenommen und dem Kantonsrat zur Genehmigung überwiesen. Dessen Entscheidung wird im Sommer dieses Jahres erwartet. Den Erläuterungen zur Teilrevision ist zu entnehmen, dass «die bäuerlichen Dorfkerne (…), Höngg, (…), in ihrem Perimeter den örtlichen Verhältnissen des jeweils schützenswerten Dorfkerns angepasst [wurden]. Die Erweiterungen umfassen Gebäude, die aufgrund ihrer Lage und Gestaltung die jeweilige Kernzone wesentlich prägen oder für die geschichtliche Entwicklung des Ortskerns wichtig sind. Überbauungen, die mit dem eigentlichen Dorfkern keine Gemeinsamkeiten mehr haben, wurden konsequenterweise aus der entsprechenden Kernzone entlassen». Im Detail wurde die Kernzone Höngg bis zur Bäulistrasse 45 erweitert. Ausserdem wurde ein Haus an der Gsteigstrasse aufgenommen und eine neue Kernzone für den Riedhof – einen Einzelhof aus dem 19. Jahrhundert abseits des Dorfkerns – definiert. «Bei diesem handelt es sich um einen von mehreren ehemaligen Weilern und Einzelhöfen auf Stadtgebiet, die so in ihren Grundzügen erhalten werden sollen», schreibt das Hochbaudepartement. Die Erweiterung um die Bäulistrasse begründet es damit, dass diese «die historische Erschliessung des ursprünglichen Dorfkerns Höngg darstellt (…). Das Gebäude an der Bäulistrasse 45, das den Auftakt des Dorfkerns bildet, sowie die bestehende Mauer, welche die Bäulistrasse auf deren Südseite begleitet, sind prägende Elemente der alten Dorfstruktur». Neu in der Kernzone stehen aber auch die Häuser an der Bäulistrasse 51 bis 55, die von der Limmatstrasse her nicht sichtbar sind. Die betroffenen Hauseigentümer müssen zwar nicht im gleichen Profil bauen, wie es im Dorfkern der Fall ist, aber im Falle eines Um- oder Neubaus muss das neue Gebäude das ursprüngliche Volumen ausweisen. Das stösst bei den Bewohnern auf Unverständnis, da nicht ersichtlich sei, inwiefern diese Häuser für das Ortsbild des Dorfkerns relevant seien. Auf Anfrage erläutert das zuständige Departement seine Entscheidung: «Die Bäulistrasse war die alte Landstrasse nach Zürich, bevor es die Limmattalstrasse gab, beziehungsweise ging sie beim <Schwert> an der Limmattalstrasse 111 in die heutige Limmattalstrasse über. Der noch bestehende Teil der alten Landstrasse wurde zusammen mit dem markanten Bau an der Bäulistrasse 46 in die Kernzone integriert. Was beidseits der Bäulistrasse an Gebäuden steht, hat bezüglich dieser Strasse Bedeutung, nicht bezüglich der Limmattalstrasse. Für die Häuser der Bäulistrasse 51 bis 55 wurde ein Baubereich definiert. Dadurch ist nur ein Neubau mit demselben Volumen möglich, das Profil muss hingegen nicht übernommen werden». Die öffentliche Auflage und damit die Möglichkeit, Rekurs einzulegen, liegt schon Jahre zurück, wie erwähnt steht nur noch die Genehmigung durch die kantonale Baudirektion aus. Die Lehre, die die Hauseigentümer daraus ziehen müssen, ist, sich stets selber auf dem Laufenden zu halten, um rechtzeitig intervenieren zu können. Diese bittere Pille müssen sie, wie es scheint, dieses Mal schlucken.

    Rebstockgebäude neu ausgewiesen

    Eine interessante Neuerung des Kernzonenplans, welche Änderungen des Rebstockgebäudes betreffen: Bislang stand es unter Profilerhaltung, neu ist es als «Baubereich» ausgewiesen. In der Signatur ausgelassen wurde eine Ecke des Gebäudes Richtung Taxistand. Dort kann gemäss Kernzonenregelung bei einem Abbruch nichts mehr erstellt werden, an dieser Stelle würde der Meierhofplatz in der Folge erweitert werden. Weiter wurde die Firstrichtung aller Gebäude aufgehoben. Da Höngg die erste städtische Kernzone war, war sie detaillierter ausgearbeitet, spätere Kernzonen wurden vereinfacht. Das Hochbaudepartement der Stadt Zürich schreibt auf Anfrage: «(…) oftmals ergibt sich die Firstrichtung bereits klar aus der Gebäudeform, sodass lediglich eine Richtung sinnvoll oder möglich ist. Zudem ist die Firstrichtung bereits in der Profilerhaltung mit aufgenommen. Für Gebäude, für welche lediglich ein Baubereich und keine Profilerhaltung definiert ist, kann die Firstrichtung theoretisch geändert werden. Die Änderung muss aber den regulären Baubewilligungsprozess durchlaufen». Als einzige Zusatzvorschrift für die Kernzone Höngg verbleibt damit die Bestimmung zu den einzuhaltenden Arkadenlinien.

    Quellen:
    Baer, François G. und Yves: 1934-2009. Vom Dorf Höngg zum Quartier Höngg. Quartierverein Höngg, Zürich-Höngg 2009.
    «Die Häusergruppe zum Central in Höngg». Mitteilung Nr. 32 der Ortsgeschichtliche Kommission des Verschönerungsvereins, Höngg 1987.
    Stadt Zürich. Hochbaudepartement. Amt für Städtebau (AfS): Teilrevision der Bau- und Zonenordnung der Stadt Zürich BZO 2014. Erläuterungsbericht nach Art. 47 RPV

  • «Die Stadt» äussert sich nicht

    Die Ideen zur Verkehrsproblemlösung in Höngg treffen nach wie vor auf der Redaktion ein. In Form von ausgefüllten Plänen oder Leserbriefen. Von Seiten der Stadt Zürich hingegen erfolgte bislang kein Kommentar. Was denkt die Exekutive, was die Departemente? Versteht man, dass die Verkehrssituation in Höngg als unbefriedigend oder gar belastend wahrgenommen wird? Die Stadt ist damals, 2010, mit ihrem Versuch eines neuen Verkehrskonzeptes am Widerstand aus Höngger-Kreisen gescheitert. Rückblickend ist die Frage erlaubt, ob die Stadt nicht auf diesem Versuch hätte beharren sollen, damit man danach über Fakten hätte reden können. Und wie stellt sich die Stadt zu der subjektiven, aber doch öfters gehörten Wahrnehmung, dass man die Situation belässt wie sie ist, weil es offenbar keine Lösung gibt, die allen Ansprüchen gerecht wird und bei der niemand Abstriche machen muss? Sitzt man das Problem tatsächlich aus, weil niemand den Mut hat, eine Lösungsvariante vorzuschlagen, welche Einzelnen zwar eine Verschlechterung, der Mehrheit aber Vorteile bringen würde? Zum einfach erscheinenden Beispiel an der Ecke Gsteig-/Regensdorferstrasse, wo wie von vielen vorgeschlagen zwei neue Lichtsignale mit Fussgängerstreifen erstellt und im Gegenzug der Übergang zwischen der UBS und dem Canto Verde aufgehoben werden könnte? Kurz gefragt: Wie ist die Exekutive und die Politik an einer aktiven Lösung des Problems interessiert und was unternimmt man dahingehend?

    Mit diesen Fragen des «Hönggers» konfrontiert, wollten sich die Vorstehenden der drei betroffenen städtischen Departemente – Sicherheitsdepartement, Tiefbau- und Entsorgungsdepartement, Departement der Industriellen Betriebe – mit den Stadträten Richard Wolff, Filippo Leutenegger und Andres Türler nicht im Detail zur Thematik äussern, weil die federführende Dienstabteilung Verkehr des Sicherheitsdepartements (DAV) dazu bereits grundsätzlich Stellung genommen hatte. Die DAV hält zudem fest, dass es schwierig sei, bei Verkehrsfragen alle Betroffenen zufrieden zu stellen. Selbstverständlich werde die Stadt die Verkehrssituation in Höngg – wie auch in anderen Stadtgebieten – aufmerksam beobachten und soweit notwendig und möglich Massnahmen ergreifen. Stadtrat Andres Türler ergänzt, dass er es als Höngger verstehe, dass die Verkehrssituation als unbefriedigend wahrgenommen werde. Das gehe ihm selber auch so und er bedaure diesen Zustand. Die damals ausgearbeitete Lösung habe aber auch aus seiner Sicht so viele Nachteile aufgewiesen, dass die Stadt auf deren Umsetzung verzichtet habe.

  • Mehr Wohnraum dank Neubau

    Mehr Wohnraum dank Neubau

    Im Frühjahr 2014 informierte die Genossenschaft bgnzwo ihre Anwohnerinnen und Anwohner über die Zukunftsplanung für ihre Siedlungen «Hönggerberg», gleich unterhalb des Friedhofs Hönggerberg am Engadinerweg, zwischen Ruggernweg und Segantinistrasse gelegen, sowie «Zwischenbächen» in Altstetten. Die betroffenen Bauten stammen aus den 50er Jahren, es handelt sich um kleinräumige Wohnungen, welche mehrheitlich nicht mehr den Ansprüchen heutiger Familien und Senioren entsprechen. Neben fehlenden Liften stehen auch andere Erneuerungen in energetischen und technischen Bereichen, aber auch beim Innenausbau an, zu dieser Diagnose kam die Firma Meier + Steinauer AG bei ihrer Gebäudezustandsanalyse 2013. Die bgnzwo prüfte während Monaten die verschiedenen Varianten und berücksichtigte dabei von der Instandsetzung über die Verdichtung durch Anbauten an die bestehenden Häuser bis hin zu Ersatzneubauten. Sie kam zum Schluss, dass ein Neubau in zwei Etappen die sinnvollste Lösung sei, eine Erweiterung wie in der Winzerhalde würde sogar teurer ausfallen. Nach dem Neubau gäbe es zirka 115 neue Wohnungen, sowie rund 75 Tiefgaragenplätze.

    Mitwirkung in Arbeitsgruppen

    Um seine Überlegungen und die dahinter stehenden Abklärungen verständlich zu machen, setzte der Vorstand der Baugenossenschaft für neuzeitliches Wohnen in den beiden Siedlungen je eine Arbeitsgruppe (AG) ein. Sie bestand aus je fünf Bewohnerinnen und Bewohnern und je drei Mitgliedern des Vorstands. Die Aufgabe der beiden Gruppen war es, die bestehenden Grundlagen vertieft zu studieren und die vom Vorstand empfohlene Strategie für ihre Siedlung zu diskutieren. Am 26. März 2015 schliesslich legte die AG «Hönggerberg» das Ergebnis ihrer Abklärungen der Siedlungsgemeinschaft zur Abstimmung vor. Sie empfahl die Strategie der Ersatzneubauten anzunehmen, knüpfte aber auch einige Bedingungen an diese Empfehlung. So soll unter anderem die erste Bauetappe nicht vor 2018 beginnen und nicht die gesamte Siedlung auf einmal ersetzt werden. Ausserdem soll ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden und der Charakter der Siedlung möglichst erhalten bleiben. Die Siedlungsversammlung folgte der Empfehlung mit 60 Ja- zu zehn Nein-Stimmen.

    Zukunft verzögert

    Im Oktober 2016 wurden unter der Moderation der Planpartner AG die Wettbewerbsprogramme für die Siedlungen «Zwischenbächen» und «Hönggerberg» den Mitgliedern der Arbeitsgruppen und dem Vorstand vorgestellt und zur Vernehmlassung übergeben. Die Teilnehmenden erhielten anschliessend Zeit, untereinander das Programm zu diskutieren. Nach einem Workshop, den die Gruppen getrennt voneinander durchführten, um sich auf ein Wettbewerbsprogramm zu einigen, schlug die Projektgruppe vor, mit der Wettbewerbsausschreibung für ihre Siedlung noch zu warten, da ein bei der Stadt hängiger Entscheid betreffend den Schiessplatz grosse Auswirkungen auf die Gestaltung der Bauten haben könnte, je nachdem wie die Lärmemissionen zukünftig ausfallen werden. «Es macht Sinn, auf diesen Entscheid zu warten, damit für das Projekt Rechtssicherheit besteht», meint der Präsident der Baugenossenschaft Markus Steiner auf Anfrage. Anfang 2017 wird die Projektgruppe die gemeinsam abgestimmten Wettbewerbsprogramme dem Vorstand zur offiziellen Verabschiedung vorlegen. Parallel dazu kann das Beurteilungsgremium zusammengestellt werden. Dieses setzt sich aus Vorstandsmitgliedern, einem Arbeitsgruppenmitglied der Siedlung und externen Fachpersonen zusammen. Weiter werden Architekturbüros mit Erfahrung im genossenschaftlichen Wohnungsbau für die Teilnahme angefragt. «Da es sich bei der Siedlung Hönggerberg um eine komplexe Aufgabenstellung handelt, wird der ˂Wettbewerb˃ als zweistufiger Studienauftrag durchgeführt, mit dem Ziel, ein bewilligungsfähiges Projekt gemäss Wettbewerbsprogramm zu erhalten», erklärt der Präsident. Die erste Stufe des Wettbewerbs, die sogenannte Ideenstufe, wird anonym durchgeführt und ist für Oktober 2017 bis März 2018 vorgesehen, die Projektstufe, welche nicht mehr anonym sein wird, beginnt im Juni 2018 und dauert bis Dezember 2018 (Stand März 2017). «Wann die erste Neubau-Etappe in der Siedlung Hönggerberg anläuft, kann heute noch nicht festgelegt werden», sagt Steiner. «Verschiedene Faktoren können oder werden den Start beeinflussen». Ein Zeithorizont könne erst nach dem abgeschlossenen Projektwettbewerb definiert werden. Damit die Bewohnenden der Siedlung Hönggerberg während des Umbaus in eine Ersatzwohnung ziehen können, vermietet die Genossenschaft freie Wohnungen seit etwa zwei Jahren nur noch mit befristeten Verträgen, sodass zum Zeitpunkt der ersten Etappe genügend Wohnungen zur Verfügung stehen.

    Andere angefragte Siedlungen
    Bombachhalde 16 bis 28, Besitzerin: Zürich Versicherungsgesellschaft
    Aktuell weist die Liegenschaft an der Bombachhalde 16 bis 28 keinen akuten Sanierungsbedarf auf. Zurich Schweiz plant zurzeit im Raum Höngg keine Bautätigkeiten. Um entscheiden zu können, ob eine Liegenschaft saniert werden soll, prüft Zurich Schweiz die Baustruktur und die Bausubstanz einer Liegenschaft. Es kann durchaus sein, dass bei einer Liegenschaft die Substanz noch gut ist, jedoch die Raumgrössen und -höhen nicht mehr den heutigen Wohnansprüchen genügen und sodann anstelle einer Sanierung eine Gesamterneuerung bevorzugt wird, sofern sich dies auch ökonomisch umsetzen lässt.
    Die Migros Pensionskasse mit Häusern an der Segantinistrasse gibt auf Anfrage des «Hönggers» keine Auskunft.

  • Im Zeichen des steten Wandels

    Im Fokus der letzten beiden «Höngger» stand die Quartierentwicklung in baulicher Hinsicht. Höngg ist, wie jedes lebendige Siedlungsgebiet, nie fertig gebaut. Was lebt, verändert sich stetig und wo Menschen wohnen und leben, da prägen sie ihre Umgebung. Dies wollten wir anhand verschiedener Fakten aufzeigen: Wie sich Höngg derzeit erfreulicherweise verjüngt, wann und wo es mit Häusern bebaut wurde und sich seit 1850 mit gerade mal 1 500 Einwohnern zum Stadtquartier mit rund 23 000 Menschen entwickelt hat. Wir führten in den Dschungel der Bauvorgaben und zeigten im Fokus-Thema der letzten Ausgabe anhand des Gebietes im Frankental, wie zwei Genossenschaften dort ein Quartier im Quartier gebaut haben oder damit demnächst fertig sind. Mit dieser Ausgabe zeigen wir auf, dass dieser Prozess der Wandlung in ganz Höngg stattfindet. Zahlreiche Bauprofile, Baugruben und -kräne zeugen davon. Allenthalben wird saniert, abgerissen, überbaut und verdichtet. Weil energetische Sanierungen notwendig oder die Ansprüche an die Wohnqualität gestiegen sind, weil mit einer Neuüberbauung mehr Wohnraum und damit auch mehr gesellschaftlicher oder – oft genug ein Motivator – mehr wirtschaftlicher Nutzen erzielt werden kann. Einer oder mehr Faktoren kommen meistens zusammen. Zum Glück sind in Höngg relativ viele Genossenschaften aktiv. Sie sind der Garant, dass das Quartier weiterhin gesellschaftlich relativ gut durchmischt ist – wenn auch auf einem ebenso relativ hohen Niveau. Schauen Sie mit uns in dieser Ausgabe punktuell auf kommende und sich im Bau befindliche Veränderungen. Abschliessend – im Wissen eben, dass die Wandlung nie abgeschlossen sein wird.  Am 13. April steht dann der Verkehr im Fokus – denken Sie bereits mit und halten Sie die Buntstifte bereit, Sie dürfen einen gordischen Knoten neu zeichnen.

    Fredy Haffner
    Verlagsleiter «Höngger»

  • Bar jeglicher Nostalgie

    Bar jeglicher Nostalgie

    Dass Höngg, wie alle anderen Quartiere Zürichs oder einer x-beliebigen Stadt weltweit, nicht irgendwann fertig gebaut und der Anblick für alle Ewigkeit in Holz gesägt oder in Stein beziehungsweise Beton gemeisselt ist, ist selbstverständlich. Da mag sich mancher heimatschützerische Geist oder mancher architekturhistorische Kenner dagegen wehren, und selbst normale Quartierbewohnende mögen sich ärgern oder einfach nur traurig sein und in nostalgischen Gedanken verweilen, wenn altvertraute Gebäude verschwinden oder so umgebaut werden, dass man sie kaum wiedererkennt – doch ehrlich betrachtet will ja auch niemand mehr in Höhlen und Laubhütten leben. Mal ganz abgesehen von allen anderen realen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder anderen Gründen, welche dazu führen, dass Häuser und andere Bauten einer laufenden Veränderung unterworfen sind.

    Damals wie heute

    So hat und wird sich auch Höngg weiterhin stetig verändern. Was die Vergangenheit betrifft, so zeigte dies – selbst schon ein «Damals» – die Foto-Serie «Damals & Heute» im «Höngger» eindrücklich auf. Als virtueller Gang durch Hönggs Baugeschichte weckt sie unter www.hoengger.ch, im Archiv unter «Damals & Heute» weiterhin viele Erinnerungen – oder zeigt jenen, die das «Damals» nicht selbst miterlebten, wie, was früher aussah, was sie heute als gegeben betrachten. Bis es dann dereinst seinerseits zum «Damals» wird, dieses Heute. Die Serie liesse sich laufend aktuell fortführen, denn bereits wenige Jahre nach dem ein altes Haus durch ein neues ersetzt wurde, hat man den Ersatzbau selbst so fest ins eigene optische Gedächtnis einzementiert, dass man sich des alten Anblicks kaum erinnert.

    Am ganzen Hang wird fleissig gebaut

    Einige wahllos ausgesuchte Beispiele zeigen diese Seiten des Fokus-Themas. Ein eindrückliches bezüglich baulicher Verdichtung ist die Siedlung «Winzermatte» an der Winzerhalde 99 bis 109, die ihrer Lage wegen wahrscheinlich im restlichen Höngg nicht überall wahrgenommen wurde. Die beiden Aufnahmen auf dieser Seite. Wo unlängst noch direkt am Kanal der Werdinsel einfache, parallel angeordnete Bauten standen, stehen heute moderne, ineinander verschachtelte, rhomboide Häuser der Anlagestiftung der Zurich Invest AG. Die bereits im Mai 2016 bezogenen Bauten umfassen 67 Mietwohnungen zwischen 1,5 und 4,5-Zimmer auf einer im Vergleich zur früheren Überbauung grösseren Mietfläche. «Die Mietzinse entsprechen der aktuellen Marktsituation», gab die Verwaltung zur Auskunft, aktuell seien bis auf drei Wohnungen alle vermietet. Während ganz unten an Hönggs Grenze Ersatzneubauten entstanden, wird derzeit ganz oben, am Ende der Kürbergstrasse, eine «letzte» Grünfläche mit Eigentumswohnungen überbaut. Die Aussicht wird einmalig sein. Entlang der Ottenbergstrasse hat, wer regelmässig im Bus sitzt oder hinter einem solchen an der Bushaltestelle im Auto wartet, genug Zeit, um vor allem hangseitig zu beobachten, wie sich die Gebäudesilhouette laufend verändert. Derzeit am auffälligsten gleich zu Beginn der Strasse stadteinwärts: Dort sind zwei Häuser entstanden, die nun so gut sichtbar dort stehen, dass man beinahe fragt, ob dort zuvor überhaupt schon Häuser standen. Überhaupt braucht man nur entlang der Hauptverkehrswege zu fahren, und schon sieht man allenthalben Baugerüste oder bereits Baukräne stehen. So auch an der Regensdorferstrasse, der Winzerstrasse, der Limmattalstrasse. Höngg, die bevorzugte Wohnlage, passt sich der Nachfrage an und erneuert sich weiterhin. Nostalgie ist – entgegen dem Titel dieses Beitrags – erlaubt. Ebenso, sich über die neuen Häuser zu freuen und sich mit der gesellschaftlichen Veränderung, die sie mit sich bringt, auseinanderzusetzen.

  • Das Frankental: Kein Nebenschauplatz

    Das Frankental: Kein Nebenschauplatz

    Im letzten Jahr hatte das Gemeinschaftszentrum Höngg/Rütihof das Projekt «Dein Frankental» ins Leben gerufen. «Ziel der GZ-Aktionen war und ist es noch, die Vernetzung in der Quartierbevölkerung zu fördern und die Identifikation mit dem Frankental zu stärken», erläutert Patrick Bolle, Betriebsleiter des GZ Höngg/Rütihof, im Gespräch mit dem «Höngger». «Die demografische Struktur im Frankental hat sich in den letzten Jahren stark verändert und ist noch immer im Wandel». Um den Bewohnerinnen und Bewohnern das Quartier näher zu bringen und ihnen gleichzeitig den Puls zu fühlen, organisierte das GZ unter anderem eine «Quartierspionage», bei der die Kinder durch das Frankental gingen und auf grossen Kartonsprechblasen festhielten, welche Orte ihnen besonders gefielen, und welche sie als eher «gefährlich» oder «gfürchig» einstuften. Während die attraktiven Spielplätze in der Siedlung positiv bewertet wurden, schnitt der starke Verkehr erwartungsgemäss weniger gut ab. Auf einem Quartierrundgang informierten die jeweiligen Verantwortlichen an verschiedenen Standorten über ihre Institutionen und Projekte, darunter die beiden Genossenschaften, die Stiftung für Alterswohnungen der Stadt Zürich und das Wohnzentrum Frankental. Eine kleine Lektion in Geschichte erhielt man von Beat Frey, der eine Zeit aufleben liess, in der es hier wenig mehr gab als Wiesen, Wald und Sumpf und die Innerschweizer versuchten, via Grafschaft Baden den Staat Zürich zu betreten – ohne Erfolg.

    Verkehr dominiert die Diskussion

    Das Team des Gemeinschaftszentrums Höngg/Rütihof konnte sich in Gesprächen mit der hiesigen Bevölkerung ein gutes Bild von den bestehenden Bedürfnissen und dem Status Quo der Strukturen erarbeiten. «Wir haben festgestellt, dass das Quartier durch die Verkehrsachsen Limmattal- und Frankentalerstrasse dreigeteilt ist: Die Strassen bilden eine Hürde, die zu überqueren die meisten vermeiden, wenn sie keinen Grund dazu haben. Die durch die Bäckerei der GEWOBAG und die geplante Coop Filiale, sowie den Kindergarten und Hort der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Höngg neu gegebene Infrastruktur könnte einen Anreiz schaffen und dabei helfen, die verschiedenen Gebiete zu verbinden», hofft Bolle. Ausserdem wären die Bewohner der Alterssiedlung der Stadt Zürich durch die Einkaufsmöglichkeiten in Gehdistanz nicht so isoliert. Ursprünglich war die Umfahrung Frankentalerstrasse geplant gewesen, um den Raum Rütihof zu erschliessen. «Man hat aber festgestellt, dass die Menschen im Rütihof diese Route gar nicht benutzen, sondern andere Strassen wählen», so Bolle. Er hofft, dass bei der voraussichtlich für 2022 geplanten Sanierung der Limmattalstrasse, für welche 2018 ein Mitwirkungsverfahren ausgeschrieben werden soll, auch die Fehlüberlegungen korrigiert werden, die damals beim Bau der kantonalen Strasse gemacht wurden. «Heute leben viel mehr Menschen hier als in den 70er Jahren, man kann sich durchaus Gedanken dazu machen, ob die bestehende Fussgängerführung und Verkehrsampeltaktik die passenden sind. Ein weiteres Problem, das sich in Zukunft abzeichnen wird, ist das der Schulen: «Die Schulhausplanung hinkt dem Wohnungsbau hinterher», meint Bolle.

    Weitere Aktionen geplant

    Es ist also einiges in Bewegung im Frankental. Mit der nächsten Aktion des GZ Höngg/Rütihof soll auch die urbane Bevölkerung angesprochen werden. Geplant ist eine «Künstlerische Intervention» in Zusammenarbeit mit der Kunstschule F+F, die voraussichtlich im kommenden Herbst während einiger Tage das Frankental mit Installationen oder Performances bespielen soll. «Vielleicht kann die Endhaltestelle des 13er Trams zu einem temporären Kultur-Zentrum werden», überlegt der GZ Leiter. Noch ist nichts spruchreif. Geplant ist auch ein weiterer Spielaktionstag am 20. Mai. «Wir wollen ein eigenes zivilgesellschaftliches Engagement wecken, das zum Selbstläufer wird, dann haben wir unser Ziel erreicht».

    Der Blog «Dein Frankental» ist noch immer online zugänglich unter www.deinfrankental.blogspot.ch

  • Es pulsiert im Frankental

    Das Frankental mag für viele einfach nur eine VBZ-Endhaltestelle sein. Ein Wendepunkt, falls man den Ausstieg verpasst hat. Ein durch die Frankentaler- und die hier aus Zürich hinausführende Limmattalstrasse dreigeteiltes Randgebiet von Höngg. Man steigt aus oder fährt durch. Doch für immer mehr Menschen ist es ein wahres Zuhause, auch wenn nur mitbekommt wer dort lebt – oder regelmässig durchfährt – dass im Frankental ein Quartier im Quartier vor seiner Vollendung steht. Ja, es pulsiert richtiggehend, wenn auch zum Teil noch hinter Bauabschrankungen. Die Umstrukturierungen im Frankental sind beachtlich. Wo unlängst noch beschauliche Häuser aus dem letzten Jahrhundert standen, riegeln nun mehrstöckige Gebäude ihre rückwärtigen Bauten gegen den Durchgangsverkehr ab. Noch diesen Herbst zieht eine grosse Coop-Filiale ein und vieles mehr. Nicht nur das Antlitz und das Angebot des Gebietes hat sich durch die Neubauten in den letzten wenigen Jahren verändert, sondern damit auch die Bewohnerschaft. Es fand und findet auch hier eine Verjüngung statt. Und mit dem Wandel kamen neue Bedürfnisse, neue Fragen, vielleicht sogar Ansprüche – gewachsen und aufgeworfen mitten aus alten, aber nun durch einen Generationenschub neu befeuerten Vorstellungen und Werten. Welche Folgen haben diese Veränderungen, die laufenden Umwälzungsprozesse? Waren sie absehbar und behält sie jemand im Auge? Lässt sich daraus gar ableiten, was vielleicht auch andernorts in Höngg zu erwarten ist? Der «Höngger» widmet das Fokusthema dieser Ausgabe dem Frankental und wird in der nächsten Ausgabe von dort aus weiter nach Höngg blicken. Kommen Sie mit uns auf eine «Tour de Frankental» – und gehen Sie gelegentlich auch selbst wiedermal hin, sofern Sie nicht schon dort wohnen. Bleiben Sie stehen – und fühlen Sie dem Ort und Höngg den Puls.

    Fredy Haffner, Verlagsleiter «Höngger»

  • «Die Zukunft soll man möglich machen»

    «Die Zukunft soll man möglich machen»

    Ab 1998, als Fredy Schär zum Präsidenten der GEWOBAG gewählt wurde, begann der grosse Umbruch in der Baugenossenschaft. Die Wohneinheiten wurden von 1685 auf 2001 (Stand 2013) ausgebaut, und die Gesamtwohnfläche verdoppelte sich beinahe von 82 000 auf 160 000 Quadratmeter. Selbst bei den Nebenräumen wie Garagen, Bastelräumen, Kindergärten und Gewerberäumen legte die GEWOBAG in diesem Zeitraum von 1406 auf 2155 zu. Das sind beachtliche Zahlen. Speziell auch deshalb, weil abgesehen von kleineren Arrondierungen alles auf bestehenden Flächen realisiert wurde.
    Alte Substanzen wurden durch neue ersetzt – oder es wurden zwischen die bestehenden, wie im Frankental, neue Blöcke hinzugefügt. Die klassische Verdichtung. Schär dazu: «Wir haben eine Wohnungsnot und es war uns wichtig, dieser zu begegnen. Aber ich bin strickte dagegen, dass man weiter grüne Wiesen verbaut. Da wehrt man sich hierzulande noch viel zu wenig dagegen: Das Land, das wir haben, sollten wir besser nutzen und das taten wir». Schär setzt sich auch für naturnahe Aussenräume ein. In Albisrieden wurde ein Bach geöffnet, im Frankental ein Rebberg reaktiviert und der Dachs, der neuerdings darin haust, geniesst höchstpräsidialen Schutz.

    Nicht unbestrittener Aufbruch

    Dass es zu diesem Erneuerungsprozess überhaupt kam, hat viele Gründe und er war nicht unbestritten innerhalb der Genossenschaft. Tatsache war, dass viele der in der Gründungszeit gebauten Siedlungen sanierungsbedürftig waren – zumal während Jahren selbst der normale Unterhalt vernachlässigt worden war. Daran waren die Genossenschafter und Mieter nicht ganz unschuldig: Man wollte so lange wie möglich günstig wohnen, nichts wurde renoviert und die Häuser schleichend entwertet. Doch Schär, selbst nicht mehr der Jüngste, denkt wie ein Junger. Er, der früher grosse Firmen leitete, sagt, dass jedes Produkt und auch jede Idee irgendwann ihren Anfang nehme. Dann folgen Aufstieg, Sättigung und – wenn man an diesem Punkt nicht handelt – unweigerlich der Niedergang: «Und das gilt auch für Liegenschaften. Wenn wir nichts unternehmen, haben wir irgendwann ein Getto und nur noch eine bestimmte Bevölkerungsschicht, die bei uns wohnt. Gesellschaftspolitisch müssen wir aber eine breite Durchmischung garantieren: Junge, Alte, Familien, Behinderte, alle sollen Platz finden».
    Doch warum entschied man sich in den meisten Fällen für einen Totalabriss und bevorzugte nicht eine dauernde Sanierung? Das habe viele Gründe, sagt Schär. Einer ist, dass man in renovierten Häusern keine Generationen zusammenbringt: «Junge wollen andere Grundrisse, Alte gerne einen Lift, andere Strukturen – also bauen wir lieber neu und so, dass es für alle stimmt». Ein zentraler Faktor jedoch sind die geänderten Bauvorschriften: So dürfen Neubauten oft höher sein als ihre Vorgänger und die Ausnutzungsziffern sind grosszügiger als früher. Das führt zu einer wirtschaftlich interessanten Situation, die sich auch auf die Mietzinse auswirkt. Natürlich wohnt es sich in den Neubauten teurer, doch nicht pro Quadratmeter gemessen. In den renovierten Altbauten im Frankental kostet eine Vier- bis Viereinhalbzimmerwohnung brutto zwischen 1100 und 1400, im Neubau zwischen 2200 und 3300 Franken. Die letzte Zahl mag viel sein für eine Genossenschaft, für Höngg und die entsprechende Aussicht ist es aber wenig. Zudem, so habe er mehrfach durchgerechnet, seien Renovationen im Detail und längerfristig betrachtet meistens teurer als Ersatzneubauten. «Und dann ist da noch der Umweltfaktor», betont Schär: «In den bestehenden Häusern liessen sich unsere Umweltziele gar nicht umsetzen». Wie in der Siedlung in Schlieren: Dort hatte früher jeder Block eine eigene Ölheizung – die Neubauten hingegen, mit mehr Wohnungen als früher, werden alle von der Abwärme der Kläranlage Werdhölzli warmgehalten, ohne einen Liter Heizöl zu verbrauchen. «Das wäre mit reinen Renovationen nicht möglich gewesen», sagt Schär. Solche Energienutzungen ging die GEWOBAG auch bei anderen Siedlungen ein und plant weitere.

    Aufbruch mit Nebengeräuschen

    Als er aber als frischgewählter Präsident als erstes verkündete, die Siedlung am Maloyaweg in Altstetten müsse zurückgebaut und durch moderne Häuser ersetzt werden, schlug das hohe Wellen. Zweimal wurde der Neue fast abgewählt. Doch das Vertrauen in ihn und seine Crew stieg bald, als die Genossenschafter sahen, dass alle abgegebenen Versprechungen über den Ablauf, Umsiedlungen und Mietzinspolitik geflissentlich eingehalten wurden. Nur als Schär von der Überbauung in Uster erzählt, benutzt er das Wort «Schlacht»: «Das war eine Einfamilienhaussiedlung, und für die Mieter war jedes Haus ˂gefühltes Eigentum˃, in dem man ewig bleibt». Als er auch diese Häuser ersetzen wollte, wurden die Medien eingeschaltet und Schär als «Hüslimörder» tituliert. Als dann aber alles doch wie geplant umgesetzt war, zogen sogar einige der ehemaligen alten Bewohner zurück und fanden ihr neues Glück in modernen Wohnungen: «Die alten Rückkehrer hüteten plötzlich die Kinder der Jungen, das gab eine ganz neue Energie in diese Siedlung».

    Gesellschaftliche Verpflichtung

    So war es auch im Frankental. Es zogen jüngere Generationen zu: «Hier im Frankental war es ziemlich überaltert. Die jungen Familien wollten modernere, grössere Wohnungen und zogen weg. Nun kamen sie zurück, die Modernisierung verlieh der Siedlung einen positiven Generationenschub». Das liege in der gesellschaftlichen Verantwortung der GEWOBAG, sagt deren Präsident, zieht aber auch Grenzen. «Früher boten wir auch subventionierte Wohnungen an. Persönlich fragte ich mich aber oft, warum Wohnungen, die zwischen 1000 und 1300 Franken kosten, noch subventioniert werden müssen. Wer braucht das? Überdies hat unsere Genossenschaft selbst einen Wohlfahrtsfonds, um zu helfen, wenn jemand in Not gerät». Doch die Subventionierung war an Vorschriften zum Einkommen und der Belegung – Anzahl Bewohner plus eins gleich maximale Zimmerzahl – geknüpft: Starb ein Ehepartner, musste der andere in eine kleinere Wohnung ziehen. Das habe ihn immer gestört, sagt Schär: «Da habe ich ein anderes soziales Verständnis. Ebenso störend fand ich, dass Menschen sich ˂hocharbeiten˃ und dann, wenn sie mehr verdienen, quasi als ˂Dank˃ ihre Wohnung verlassen müssen». Also löste man sich aus dem Vertrag mit der Stadt. Schär geht aber noch weiter mit der angezielten Durchmischung. «Gesellschaftspolitisch ist es mir wichtig, auch eine einkommensmässige, vertikale Durchmischung zu erreichen. Warum soll nicht auch ein Reicher bei uns wohnen? Und vielleicht sehen, dass es anderen weniger gut geht? Und der, der weniger verdient, sieht vielleicht, dass der andere für sein Geld ziemlich viel arbeiten geht und auch kein ˂dumme Siech˃ ist». Sowas wirke Wunder, ist der Präsident überzeugt. Neid oder Missgunst sei im Frankental jedenfalls nirgends entstanden durch den neuen Mietermix: «Es ist für uns eine Vorzeigesiedlung geworden, eine unserer besten». Unterdessen sind fast alle Siedlungen ganz oder teilweise zurückgebaut. Jene im Riedhof steht dieses Jahr an. Doch mit Baujahr 1984 ist diese noch zu jung, um total ersetzt zu werden, und von den Grundrissen her auch akzeptabel. Also ersetzt man alle Leitungen, Küchen und Bäder. «Renoviert sind die Häuser für weitere 30 Jahre fit für den Wohnungsmarkt, ein Abbruch wäre reine Wertvernichtung», so Schär.

    Das Frankental weiterdenken

    Vor der Bäckerei im Frankental sitzend – auch das so eine Idee von Schär, die er gegen erste Vorbehalte realisierte und die heute als der Anonymität vorbeugendes Konzept zum Ziel für jede GEWOBAG-Siedlung wurde – blickt Schär über die Frankentalerstrasse zum Neubau der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Höngg (BSH, siehe Artikel auf Seite XY). Die Frage drängt sich auf: Gibt es jetzt, da gegenüber eine neue Infrastruktur entsteht, ein neues Zusammenleben im Frankental, über die eigene Siedlung hinaus? «Wir sind zumindest daran, nach einer besseren Lösung für die Querung der Strasse zu suchen» sagt Schär, mit der Stadt sei man im Kontakt, denn die Strasse sei eine «brutale» Trennung des Quartiers. Doch sonst habe man leider mit der BSH nur wenig Kontakt. Das sei früher mal anders gewesen, sogar eine Fusion sei einst diskutiert worden, doch dann sei man am Widerstand der Vorgänger des heutigen Vorstandes gescheitert. «Das war schade, vielleicht hätten wir dann auch die Bauten besser aufeinander abstimmen können», so Schär. «Nun hoffen wir auf eine konstruktivere Nachbarschaft. Sicher haben wir gemeinsame Anliegen und können uns unterstützen». Eine institutionalisierte Zusammenarbeit gibt es bislang jedoch nicht. Nach einer langen Pause verleiht er der Hoffnung Ausdruck, dass sich aus den «Einzelteilen» des Frankentals ein gemeinsames Zentrum entwickle. Warum aber baute die GEWOBAG nicht selbst noch mehr Ladenflächen für dieses neue Zentrum? Da hätte man zu viel an der Bausubstanz ändern müssen, sagt Schär, für einmal ungewöhnlich zögernd, als ob er sich fragen würde, warum er damals nicht selbst auf die Idee gekommen ist. «Schade, dass man nicht vorher zusammensass und ein gemeinsames Konzept ausarbeitete», sagt er dann wieder mit Blick auf den ganzen Raum Frankental. So könnte man sich auch die Tramendhaltestelle Frankental neu denken. Braucht es den Kiosk an dieser Stelle noch? Warum zieht der nicht in den Neubau der BSH und man nutzt den freien Raum anders, vielleicht einfach als Platz? «Und überhaupt», fragt sich Schär, «warum wendet das Tram hier? Warum fährt es nicht weiter bis nach Engstringen?» Nun, das steht so im kantonalen Richtplan – doch eine Umsetzung ist noch weit weg von jeder Planung. «Die Zukunft soll man nicht voraussehen, sondern möglich machen», zitiert Schär abschliessend Antoine de Saint-Exupéry. Und für ihn gälte eben so oder so: Nicht lange reden: machen. «Und im Notfall sagen: Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück».

  • Ein Leben in Genossenschaft

    Ein Leben in Genossenschaft

    Der «Höngger» trifft sich mit Yvonne Brand vor der Bäckerei Frankental – bis man ihre Wohnung im hinteren Teil der Siedlung erreicht hat, hat man unweigerlich kennengelernt, wer gerade unterwegs ist: Da ein «Hoi Yvonne», dort ein «wie gaht’s?», es werden Kontakte aufgefrischt und Neuigkeiten ausgetauscht – man kennt sie und sie kennt alle beim Vornamen. Nach wenigen Metern ist das Genossenschaftsgefühl bereits greifbar. «Ja», bestätigt sie, «wenn man will, kann man hier alleine sein, und wenn man Gesellschaft sucht, findet man sie ganz leicht, zum Beispiel im Café <Quartier Beck> vorne» und nimmt damit einen zentralen Punkt des folgenden Gesprächs vorneweg. Yvonne Brand (1955) ist in der GEWOBAG-Siedlung Frankental aufgewachsen. Als junge Frau zog sie mit Mann und zwei Kindern nach Rümlang in eine Einfamilienhaussiedlung. 1989, nach der Scheidung, zog sie zurück ins Frankental, dessen «Genossenschafts-Groove» sie in Rümlang vermisst habe, wie sie sagt. Nun mussten sich ihre Kinder zuerst an die Regeln der Genossenschaft gewöhnen – genau jene, mit welchen ihre Mutter aufgewachsen war und die sie schätzen gelernt hatte: Abends die Spielsachen draussen zusammenräumen und die Fahrräder versorgen? Wer machte das schon rund ums Einfamilienhaus? Diese Strukturen und Werte, welche ihr wichtig waren, kannten ihre Kinder nicht. «Die Regeln taten mir als Person immer schon gut. Sie wirken auch verbindend, weil sie für alle gleich sind – etwas, das man heute oft vergisst». Und aus dieser Verbundenheit heraus habe sich auch viel Gutes ergeben. Zum Beispiel, dass sie, damals als eine der ersten Alleinerziehenden, nach der Arbeit auch mal habe mit Verspätung nach Hause kommen können: Vor der Türe seien die Schulsachen ihrer Kinder gelegen und sie wusste beruhigt, dass sie irgendwo in der Siedlung am Spielen waren. Und man übernahm selbstverständlich gegenseitig Hütedienste. Auch Brands Eltern wohnten noch in der Siedlung, wie auch heute oft mehrere Generationen einer Familie im Frankental wohnen. «Und viele, die als junge Erwachsene wegziehen, kommen mit Familien zurück», weiss Brand. Sie selbst wohnt heute fast wieder in der gleichen Wohnung wie als Kind und blickt auf die haushohe Tanne, die einst kaum grösser als sie selbst war und auf die man natürlich nicht habe klettern dürfen. «Als wir damals im Jahr 1961 einzogen, waren die Wohnungen noch nicht ganz fertig. Die Balkone waren noch nicht unterteilt und wir durften mit unseren kleinen Velos die ganzen Längen abfahren», erinnert sie sich. Es sei einfach alles die totale, uneingeschränkte Freiheit gewesen und voller Kinder. Draussen auf den Garagenvorplätzen habe man dauernd Spiele gespielt und in der Umgebung «Versteckis» und «Räuber und Poli». «Es war das Paradies, und heute sehe ich hier draussen wieder das gleiche Paradies».

    «Nun wollte ich etwas zurückgeben»

    Elf Jahre nach ihrer Rückkehr trat ihr Sohn eine Lehrstelle als Bäcker in Dielsdorf an – Familie Brand entschied sich, nochmals vom Frankental wegzugehen, um «dem Stift» einen kürzeren Arbeitsweg zu ermöglichen. «Drei Jahre später rief ich im Juli wieder der GEWOBAG an – am 1. September konnte ich einziehen». Da sei es für sie klar gewesen, dass sie sie sich in der Siedlungskommission engagieren würde: «Es war Zeit, dieser Genossenschaft etwas von all dem zurückzugeben, was sie mir gegeben hatte». Zum Präsidium kam sie dann wie die Jungfrau zum Kind: Es war vakant und als sie zum ersten Mal als Mitglied der Siedlungskommission an einer Mieterversammlung teilnahm, fasste sie den Auftrag, die Leute zu begrüssen. «Offenbar gefiel das so gut, dass der Genossenschaftspräsident Fredy Schär zu mir kam und mir das Amt der Kommissionspräsidentin anbot. Und ohne meine Antwort wirklich abzuwarten griff er zum Mikrofon, schlug mich den Anwesenden vor und schon war ich gewählt».

    «Wir schauen für den Zusammenhalt in der Siedlung»

    Fünf bis zehn Leute sind in der Kommission, ergänzt durch projektbezogene Helferinnen und Helfern. Selbst in der Genossenschaft ist es nicht einfach, immer genügend Leute für dieses Ehrenamt zu finden. Brand hat dafür Verständnis: «Ich engagierte mich ja auch erst, als meine Kinder grösser waren. Und der Druck, dem man heute in der Arbeitswelt ausgesetzt ist, ist viel höher als früher». Als Leiterin der Geschäftsstelle FRAGILE Zürich, Verein für hirnverletzte Menschen und ihre Angehörigen, weiss sie nicht zuletzt aus dem Umfeld ihrer Klienten, wovon sie spricht. «Dann sich in der Freizeit noch in einer Siedlungskommission zu engagieren, ist viel verlangt». Doch die Kommission ist wichtig, ist es doch an ihr, Impulse zu setzen, damit das genossenschaftliche Zusammenleben funktioniert. Rund
    18’000 Franken stehen ihr jährlich für Mieterversammlungen oder -feste, Jassnachmittage, Ostern und Adventssanlässe, Kinderspiel-Nachmittage, Seniorenausflüge, Mittagessen und einiges mehr zur Verfügung. An die Anlässe kämen meistens zwischen 80 und 120 Personen. Je nach dem, an welcher sie sich wohlfühlen. «Die alten Leute kamen eher nicht ans Kinderfest, also organisierten wir gleich einen Seniorentag.» Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen.

    Aber funktioniert das generationenübergreifende Zusammenleben?

    Yvonne Brand ist kritisch: «Die Wunschvorstellung der Generationendurchmischung in so einer Siedlung existiert auf dem Papier – aber ich glaube nicht unbedingt, dass Jung und Alt ständig zusammen sein wollen. Die Jungen wollen Lärmen und die Alten Ruhe – doch wenn man will, dann kann man zusammen sein. Man muss allen einfach etwas Zeit geben, aber es kann sich etwas entwickeln». Kann, und muss nicht, das sei ihr enorm wichtig: «Es braucht Zeit, bis man den tieferen Sinn einer Genossenschaft erkennt», ist Brand überzeugt, «aber irgendwann lernen alle den Zusammenhalt zu schätzen, dass man sich gegenseitig hilft und beisteht – weil man sich eben kennt».
    Es sei doch einfach schön, wenn eine Mutter arbeiten geht und die andere einfach sagt, «schick doch deine Kinder zu mir, ich bin ja hier». Generell staune sie immer wieder, wie sich die Menschen hier organisieren: «Wer für wen einkaufen geht, oder da ist zum Beispiel bekannt, dass eine alte Dame ihre Zeitung immer vor neun Uhr aus dem Briefkasten holt – liegt sie später noch dort, ist klar, dass jemand nachschaut, ob es der Frau gut geht». Was hier gewachsen ist, muss andernorts von Sozialarbeitern initiiert werden. Einen Unterschied zwischen alten und neuen Bewohnern stelle sie jedenfalls nicht wirklich fest, schon gar nicht ein denkbares Gefälle zwischen den Einkommen und einem möglichen anderen Verhalten oder Bedürfnissen.

    Blick in die Zukunft

    Lange habe sie im Vorfeld dieses Treffens überlegt, ob sie nicht auch einen negativen Punkt zu der Siedlung finde. «Aber abgesehen vom fehlenden S-Bahnanschluss, der ja ganz Höngg fehlt, habe ich keinen einzigen gefunden», sagt sie überzeugt. Sonst sei es das absolute Paradies, auch bezüglich Naherholungsgebieten. Bloss bei den Einkaufsmöglichkeiten stutzt sie etwas, doch das sei ja bald auch kein Thema mehr. Doch auch Yvonne Brand nimmt das Frankental als von Frankentaler- und Limmattalstrasse dreigeteilten Ort war. Relativiert aber: «Die Frankentalerstrasse hatte man noch nie gerne. Von oben kommen die Autos im Vollschuss hinunter und von unten her geben sie den Berg hoch Vollgas». Und so hätten sich die Kinder vom Schwarzenbachweg oder der Siedlungen an der Bombachhalde schon früher kaum gekannt – erst mit dem Schuleintritt habe sich das jeweils durchmischt. «Und dann kamen die anderen meistens zu uns, weil wir hier die besseren Spielplätze hatten und sogar ein Fussballfeld hinter dem letzten Hochhaus». «Natürlich freuen sich heute alle sehr auf die neue Einkaufsgelegenheit gleich auf der anderen Strassenseite», sagt Brand mit Blick auf die neue Nachbarschaft der BSG. Sie wünscht es sich, glaubt aber noch nicht so recht daran, dass die Bewohnenden der Siedlungen sich deswegen viel näherkommen werden oder sogar gemeinsam etwas organisieren: «Niemand hat den Raum, um für alle Kinder der Umgebung zum Beispiel einen gemeinsamen Samichlaus zu organisieren». Das werde sich vermutlich wie früher auch erst mit dem Schuleintritt durchmischen.  Hinzukomme, sinniert Brand, dass die heutige Zeit die Leute schnell voneinander entfremdet: «Es braucht Zeit zu erkennen, dass die Mitmenschen das eigentlich Wertvolle sind und nicht der Job, das Ansehen oder das Geld». Vielleicht, fügt sie an, hat das aber auch einfach mit dem Alter zu tun. «Je älter man wird, desto mehr schätzt man die verbindenden Werte wieder». Und bis dahin lebt Yvonne Brand im Frankental durch und durch vor, was das bedeutet. Ja, es sei ihr Traum hier, sagt sie zum Abschied. Dann lacht sie: «auch wenn ich mich manchmal schon frage, ob das sein könne, dass ich, die so gerne reist, fast mein ganzes Leben lang dieselbe Wohnadresse habe». Beim Reisen gelte ihr, je weiter je schöner – aber sie freue sich auch immer mehr auf das Heimkommen. Unterdessen war man wieder bei der Bäckerei angelangt – wie lange ihr Heimweg wohl gedauert hat?