Kategorie: praktikum@hoengger.ch

  • Goodbye Höngg!

    Meine Zeit beim «Höngger» endet mit dieser Ausgabe. Das Praktikum war definitiv nicht so, wie ich mir das zu Beginn vorgestellt hatte. Wer hätte schon gedacht, dass eine weltweite Pandemie ausbrechen und die ganze Welt lahmlegen würde.
    Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf den «Höngger» und mein Praktikum. Das Pensum musste gekürzt werden, die Zeitung erschien nur noch einmal im Monat, statt alle zwei Wochen, und nur kurz, nachdem ich mich in der Redaktion eingelebt hatte, wurde ich gezwungenermassen wieder ins Homeoffice verbannt.
    Meine Vorstellungen von spannenden Aussenreportagen und dem Einblick in die verschiedenen Facetten des Höngger Quartierlebens fand ein jähes Ende. Und so lernte ich die Welt des Journalismus vorerst von zu Hause an meinem Laptopbildschirm kennen. Und zum Kontakt mit Höngger*innen kam es vor allem via Telefongesprächen und Mailaustausch.
    Glücklicherweise hat sich die Situation im Verlaufe meines Praktikums etwas verbessert. Schritt für Schritt wurden die Corona-Massnahmen gelockert und ich kam so doch noch meiner Vorstellung von Journalismus näher: ein Beruf, der Einblick in tausend andere Berufe und Lebenswelten gewährt.
    Und mit dieser Kolumne konnte ich meine persönlichen Gedanken über diese Welten mit den Lesenden teilen und mir von der Seele schreiben.
    Ich habe vieles gelernt in meiner Zeit beim «Höngger». Besonders gefreut haben mich die vielen Rückmeldungen der Höngger*innen. Es gab Komplimente für Gelungenes, aber auch kritische Rückmeldungen. Über beides habe ich mich gefreut. Denn wichtig ist mir der Austausch generell. Nur so können wir alle voneinander lernen und uns weiterentwickeln.
    Und die vielen (teils handgeschriebenen) Leserbriefe haben mir gezeigt, dass sich viele Leute mit dem «Höngger» beschäftigen, die Artikel lesen und auch ihre Gedanken mit uns teilen wollen. Das zeigt mir auch, dass es den Lokaljournalismus braucht und dass er lebt.
    Dieses Praktikum war anders, als ich es erwartet habe. Und doch hat es mir alles gegeben. Ich möchte mich an dieser Stelle vor allem bei Patricia und Eva bedanken, die mit Herzblut und Engagement unsere Quartierzeitung durch diese schwierige Zeit geführt haben und mir mit dem Praktikum trotz widrigen Umständen einen unglaublich spannenden Einblick in den Journalismus bieten konnten. Ich hätte mir professionell, aber auch menschlich keine besseren Cheffinnen wünschen können.
    Ich werde das ganze «Höngger»-Team, das Quartier und die spezielle Zeit beim «Höngger» vermissen. Ich freue mich nun aber auch darauf, ein neue Herausforderungen anzupacken. Goodbye Höngg!

  • Eine traurige Debatte

    Der gewaltsame Mord des Afroamerikaners George Floyd hat eine weltweite Protestwelle ausgelöst. Die systematische Chancenungleichheit und die Gewalt an Schwarzen ist schon viel zu lange ein Problem. Und das nicht nur in der USA. Die «Black Lives Matter»-Bewegung bringt nun ans Tageslicht, wieviel Wut und Trauer sich angestaut hat. Die Forderung ist ganz klar. Rassismus hat keinen Platz auf der Welt. Die systematische Unterdrückung der Schwarzen muss beendet werden, und es muss sich grundlegend etwas ändern.
    Im Zuge dieser weltweiten Bewegung wurde auch in der Schweiz sehr viel über Rassismus diskutiert. Dabei ist unter anderem auch einmal mehr das Schokoladegebäck, das als «Mohrenkopf» bekannt ist, in die Kritik geraten.
    Der Begriff ist fragwürdig und historisch eng verbunden mit einer abwertenden Bezeichnung für dunkelhäutige Menschen.
    Die Debatte hat insbesondere durch die umstrittene Entscheidung der Migros, den «Dubler Mohrenkopf» aus dem Sortiment zu nehmen, viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Das Unternehmen Dubler weigert sich unter allen Umständen, sein beliebtes Verkaufsprodukt umzubenennen.
    Besonders in rechten Kreisen, aber auch darüber hinaus wird der «Mohrenkopf» mit allen Mitteln und roten Köpfen verteidigt. Das Produkt habe schon immer so geheissen. Das habe nichts mit Rassismus zu tun. Es gäbe viel wichtigere Probleme und das «Gejammere» der Gegner des «Mohrenkopfes» sei völlig ungerechtfertigt. Eine Änderung des Namens würde gar nichts ändern und es sei eine masslose Übertreibung. Die junge SVP Zürich hat sogar eine «Mohrenkopf-Verteilaktion» gestartet, um auf diese unerhörte Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen, dass dieses arme Schweizer Traditionsprodukt sabotiert wird. Der Eifer und der unermüdliche Einsatz und Kampf in der Verteidigung dieses rassistisch konnotierten Namens finde ich bedauerlich.
    Ich unterstelle nicht jeder Person, die den Schokokuss «Mohrenkopf» nennt, rassistisch veranlagt zu sein. Wenn man jedoch mit einem solchen Eifer proaktiv für die Aufrechterhaltung dieses historisch fragwürdigen Begriffes kämpft, wirft das bei mir Fragen auf.
    Wieso ist es wichtig, dass dieser Name behalten wird? Hat ein «Schokokuss» einen anderen Geschmack als ein «Mohrenkopf»? Wieso kann man nicht akzeptieren, dass der Begriff verletzend wirken kann und darauf verzichten? Ist etwas richtig und gut, nur weil es schon immer so war?
    Oft wird auch das Argument aufgeworfen, dass es doch viel wichtigere Probleme gibt und die Leute nicht so ein Drama wegen eines Begriffes machen sollten. Ich stimme zu hundert Prozent zu, dass die Probleme des Rassismus viel tiefer liegen als in der Bezeichnung einer Süssigkeit.
    Umso trauriger deshalb, dass man sogar für diese winzige Änderung und einen minimalen Schritt in die richtige Richtung, durch die Abschaffung dieses Namens kämpfen muss. Und genau durch diese Debatte wird das tieferliegende Problem des Rassismus sichtbar. Dinge die selbstverständlich sein sollten, sind es nicht.
    Viele dunkelhäutige Menschen sind täglich mit Rassismus konfrontiert. Vielleicht ist es auch nicht für alle dunkelhäutigen Menschen ein Problem, wie diese belanglose Süssware nun bezeichnet wird. Fakt ist jedoch, dass es Menschen gibt, die durch den Begriff verletzt werden. Als Person, die nicht betroffen ist von Rassismus im Alltag, hat man also absolut kein Recht zu sagen, dass der Begriff in Ordnung ist.
    Die Sprache und Begriffe, die wir verwenden sind auch Teil unserer Realität. Einst wurden die Schokoküsse auch «Negerköpfe» genannt. Würden die Leute, die heute den «Mohrenkopf» verteidigen, dieselben Argumente auch auf diesen Begriff anwenden, weil man das Gebäck lange Zeit so genannt hat? Ich hoffe nicht.
    Und das zeigt auch, dass sich Begriffe und Traditionen entwickeln können und nicht in Stein gemeisselt sind. Mir ist bewusst, dass der Rassismus durch die Abschaffung dieses einen Begriffes nicht verschwinden wird. Doch es würde ein Zeichen setzen, dass die Gesellschaft bereit für einen Wandel ist.
    Mit dieser traurigen Debatte wurde nun bereits ein Zeichen gesetzt. Es wurde nämlich gezeigt, dass viele Leute bereit dazu sind, ihre Traditionen zu verteidigen, koste es was es wolle. Ich denke, es ist an der Zeit, dass nun die richtigen Zeichen gesetzt werden.

  • Die ultimative Wahrheit

    Solche Aussagen werden in der Regel belächelt. Für eine kleine Minderheit sind sie jedoch bitterer Ernst. Verschwörungstheorien sind ein Phänomen für sich. Es gibt tausende davon. Und jede neue Theorie klingt noch haarsträubender als die letzte.
    Psychologen nennen verschiedene Gründe, weshalb gewisse Menschen an Verschwörungstheorien glauben. Oft sind es Personen, die ein verstärktes Bedürfnis danach haben, Kontrolle über ihr Leben zu erlangen. Oder solche, die danach streben, einzigartig zu sein.
    Im Grunde genommen verstehe ich die Faszination für diese Theorien. Es hat einen gewissen Reiz, der «ultimativen» Wahrheit auf die Spur gekommen zu sein. Einer Wahrheit, die der grossen Masse der Menschheit verborgen bleibt und die von einer kleinen, geheimen Weltelite kontrolliert wird. Auch ich habe schon mit Freunden*innen über solche oder ähnliche Dinge philosophiert. Der Unterschied zu Verschwörungstheoretikern ist jedoch, dass «normale» Personen die Fähigkeit besitzen, zwischen Fakten und potenziellen Alternativen zu unterscheiden und bescheiden genug sind, nicht sich selbst als die heilige Quelle der Wahrheit zu verstehen.
    Verschwörungstheoretiker massen sich an, als einzige die ganze Wahrheit zu kennen. Alle «normalen» Menschen werden hinters Licht geführt und haben keine Ahnung, was wirklich Sache ist. Oft werden auch die Wissenschaft und die Medien als böse Bestandteile dieser riesigen Manipulation der Menschheit abgetan. Ich finde diese Haltung aus verschiedenen Gründen untragbar, gefährlich und arrogant.
    Es ist eine Sache, wenn man daran glaubt, dass eine solche Theorie stimmen könnte. Es ist aber eine ganz andere Sache, wenn man die Theorie voller Überzeugung als die einzige Wahrheit herausposaunt. Verschwörungstheoretiker brauchen keine handfesten Beweise. Sie legen sich die Wahrheit immer so zurecht, dass sie sich der Theorie anpasst.
    Verschwörungstheoretiker sind sehr kritisch. Oft sehen sie in allem eine Verschwörung und sind nicht nur Anhänger einer Theorie. Sie hinterfragen alles. Nur ihre eigenen Theorien zweifeln sie zu keiner Sekunde an, auch wenn sie noch so skurril sind.
    Selbst wenn die Wissenschaft neue Erkenntnisse findet, die eine Verschwörungstheorie klar und deutlich widerlegen, ist das ebenfalls nur Teil dieser Verschwörung. Dasselbe gilt für fundierte, gut recherchierte Berichterstattung der Medien. Alles nur Fakenews. Dazu passt der berühmte Spruch mit der Taube. Mit einem Verschwörungstheoretiker zu diskutieren ist wie mit einer Taube Schach zu spielen. Egal wie gut du spielst, die Taube wird alle Figuren umwerfen, auf das Spielbrett kacken und herumstolzieren, als hätte sie gewonnen.
    Auch im Zuge von Corona sind viele Verschwörungstheoretiker auf den Plan gerufen worden. Die Corona-Demos und die damit verbundenen Verschwörungstheorien sind besorgniserregend. In unheiligen Allianzen von links bis rechtsextrem, protestieren Menschen gemeinsam gegen die Medien, den Staat und die Welt und finden immer mehr Anklang in der Bevölkerung.
    Die Stimmung ist oft aggressiv und aufgeheizt. Ich finde es irritierend und beschämend, dass «normale» Menschen Schulter an Schulter mit Rechtsextremen für die Freiheit demonstrieren. Sie verurteilen die Medien als Staatspropaganda, um Angst zu schüren und das Coronavirus als eine Erfindung von Bill Gates, der den Menschen Chips einimpfen will, um die totale Kontrolle über die Welt zu erlangen. Wer solche Ideen voller Überzeugung, mit so viel Hass und ohne den geringsten Beweis vertritt, gefährdet das friedliche Zusammenleben von uns allen.
    Während durch das Coronavirus viele Menschen akut bedroht sind, am Existenzminimum leben oder ihr Leben bereits verloren haben, weil sie nicht die Möglichkeiten hatten sich zu schützen, protestieren Leute ernsthaft, weil ihre sogenannte «Freiheit» vorübergehend eingeschränkt wurde. Dabei tischen sie uns noch irgendwelche haarsträubenden Theorien ohne Fakten auf und glauben, dass sie mit Weisheit und Erleuchtung gesegnet wurden. Ihre kostbare Freiheit ist ihnen so wichtig, dass sie nicht einmal davor zurückschrecken, sich für diesen Zweck mit offensichtlich rechtsextremen Bürger*innen zu verbünden. Was für eine Ironie. Das macht mich traurig und wütend und ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.
    Natürlich kann man schlussendlich nie alle Demonstrierenden in einen Topf werfen und die Beweggründe mögen vielseitig sein. Dennoch will ich hier dazu mahnen, dass man sich ab und zu einmal mehr überlegen sollte, mit wem man am Demonstrieren ist, für welches Ziel und zu welchem Preis und ob man wirklich dahinterstehen kann.

    Béla Brenn, Praktikant Höngger

  • Rosengarten Flashback

    Das Thema meiner damals nicht veröffentlichten Rosengartenkolumne ist immer noch aktuell. Man muss und darf sich zwischendurch auch mit anderen Gedanken als dem Virus befassen. Deshalb will ich nun darauf zurückkommen. Die folgenden Abschnitte habe ich vor zwei Monaten geschrieben und bis auf ein paar kleine Anpassungen an die aktuellen Umstände unverändert gelassen.

    Die Würfel sind gefallen. Der Rosengartentunnel wird nicht gebaut. Grosser Jubel bei den Gegnern des Projekts, Frustration bei den Befürwortern. Doch die grosse, noch immer aktuelle Frage bleibt im Raum. Was jetzt?
    Bereits bei der Eröffnung der Westtangente 1973 war die Strasse vielen ein Dorn im Auge. Ursprünglich als Provisorium geplant, hat sich der Strassenmoloch als fester Bestandteil des Kreis 10 etabliert. Eine endlose Blechschneise im Herzen von Wipkingen. Mir persönlich war nach der Abstimmung nicht nach Jubeln zumute. Was wurde gefeiert, frage ich mich. Feiern sollte man, wenn man eine von allen Seiten tragbare Lösung für ein Problem gefunden hat. Hier aber wurde die Erhaltung eines Status quo gefeiert, der weder für Gegner*innen noch Befürworter*innen wünschenswert ist.
    Und die Blechlawine rollt weiter – wenn auch gemässigt zurzeit durch die vielen Menschen, welche im Homeoffice bleiben.

    Die Suche nach Alternativlösungen hat unmittelbar anschliessend an das Nein zum Tunnel begonnen. Fakt ist: Das Projekt war definitiv keine tragbare Lösung. Zu gross, zu stark auf die Bedürfnisse der Autofahrer angepasst und zu teuer. Neue Lösungsansätze zielen stärker auf Schadensbegrenzung ab. Es wird über Tempo 30 gesprochen, über Schallschutzmauern, mehr Lichtsignale und zusätzliche Velospuren. Eigentlich scheint mir das sehr vernünftig. Doch wenn ich die Rosengartenstrasse heute betrachte, kann ich mir kaum eine Velospur darauf vorstellen. Ich kann mir mittlerweile auch kaum noch vorstellen, dass es überhaupt irgendwann zu einer Einigung kommen wird. Die Kompromissbereitschaft ist in beiden Lagern zu klein und der Blechstrom auf der Rosengartenstrasse zu gross.
    Für eine Lösung, die alle zufrieden stellen wird, sind die Aussichten düster. Und jetzt sorgt auch noch das Coronavirus dafür, dass alle politischen Debatten eingefroren sind. So stehen nun nach dem heftigen Abstimmungskampf wieder alle am gleichen Punkt. Und auch die wenigen Autos, die zurzeit auf der Rosengartenstrasse rauf- und runterfahren, scheinen wenig beeindruckt von der ganzen Debatte. Es bleibt zu hoffen, dass eines Tages eine Lösung gefunden wird. Zurzeit scheint jedoch sogar eine Lösung für das Coronaproblem weit wahrscheinlicher und greifbarer als eine Lösung für den ewigen Streit um die Rosengartenstrasse.

  • Das menschliche Virus

    In einem Zitat der legendären Science-Fiction-Trilogie Matrix heisst es über die Natur des Menschen: «Ihr seid im eigentlichen Sinne keine richtigen Säugetiere. Jedwede Art von Säuger auf diesem Planeten entwickelt instinktiv ein natürliches Gleichgewicht mit ihrer Umgebung. Ihr Menschen aber tut dies nicht. Ihr zieht in ein bestimmtes Gebiet und vermehrt euch und vermehrt euch, bis alle natürlichen Ressourcen erschöpft sind und der einzige Weg zu überleben ist die Ausbreitung auf ein anderes Gebiet. Es gibt noch einen Organismus auf diesem Planeten, der genauso verfährt. Wissen sie welcher? Das Virus.»
    Das Zitat und der Film sind aus dem Jahre 1999. Heute passt es aber leider mehr denn je. Der Schock über das Coronavirus ist vor allem deshalb so gross, weil sämtliche Aspekte unserer Zivilisation davon betroffen sind und uns auf schmerzliche Weise unsere gnadenlose Verwundbarkeit aufgezeigt wird.
    Die grösste und beinahe einzige menschliche Überlegenheit gegenüber allen anderen Spezies ist unser Gehirn. Evolutionstechnisch haben sich alle unseren anderen körperlichen Fähigkeiten stetig zurückentwickelt, da diese durch die «Macht» unseres Gehirns trivial wurden. Körperlich sind wir Menschen aber schwach, und in der Nahrungskette würde man uns ziemlich weit unten auffinden. Wir haben keine Klauen, scharfen Zähne, Fell oder sonst irgendetwas, was uns in der Wildnis beschützen würde. Und ohne unsere Medizin würden wir auch an fast jedem Virus zu Grunde gehen. Wir wären verloren ohne unser Gehirn und die dadurch entwickelten «Werkzeuge», mit denen wir sämtliche anderen Spezies dominieren und verdrängen. Die grösste Gefahr für Menschen sind prinzipiell andere Menschen. Und nun kommt aus dem Nichts ein Organismus, der nicht mal als Lebewesen klassifiziert ist, tausendmal kleiner als ein Staubkorn, und erobert die Welt im Sturm.
    Der Verlust dieses unverwundbaren, gottesähnlichen Gefühls löst in vielen Menschen Panik aus. Besonders deutlich ist diese Panik hier in der privilegierten westlichen Welt zu spüren. Und am stärksten war die Panik in unseren Breitengraden in den Supermärkten zu spüren, wo die Angstbürger sich ein Gemüse-, Dosen- und Toilettenpapierlager für die nächsten fünf Jahre angelegt haben. Wie ein Virus ergreifen viele Menschen alles, was sie in die Finger bekommen. Die Corona-Situation ist sehr kritisch, aber genau in einer solchen Zeit könnte unsere westliche Gesellschaft dies als Chance sehen, daran zu wachsen und etwas mehr Würde und Anstand zu beweisen.
    Vielleicht ist es langsam auch an der Zeit, dass wir uns daran gewöhnen, dass Luxus und Wohlstand nicht selbstverständlich sind und man sich längerfristig darauf vorbereiten sollte, dass es so nicht immer weitergehen wird. Das würde vieles einfacher machen.

  • Die Corona-Lehre

    Corona hier, Corona dort. Man könnte meinen, die einzige Sorge der Menschheit bestehe darin, dass dieser neue Feind uns alle zugrunde richtet. Natürlich ist die schnelle Ausbreitung des Virus unheimlich. Und ja, es kann vor allem für ältere Menschen gefährlich, sogar tödlich sein. Noch gefährlicher ist aber, wenn man sich durch dieses Virus dazu verleiten lässt, den ganzen Rest des Weltgeschehens ausser Acht zu lassen.
    Das kurze Gedicht zum Coronavirus von Thomas Gsella, einem deutschen Schriftsteller und Satiriker, ist kürzlich in den Sozialen Medien kursiert und hat mich sehr beeindruckt. In nur zwölf Zeilen bringt das Gedicht auf den Punkt, was mich bereits eine Weile beschäftigt. Gsella zeigt darin zwei fundamentale «Lehren» zum Corona auf. Einerseits geht er darauf ein, dass die Welt bewiesen hat, dass sie bei einem wichtigen Problem wie diesem Virus alles daran setzen kann, dieses lösen zu wollen. Im zweiten Teil kritisiert er dann aber die Welt für ihre Untätigkeit und Unfähigkeit, dieselben Ressourcen und dieselbe Energie auch in die Beilegung von Kriegen und die Lösung der Flüchtlingskrise zu investieren.
    Tausende Menschen harren tagelang an der türkisch-griechischen Grenze aus. Weiter nach Europa kommen sie nicht, zurück können sie nicht. Der türkisch-syrische Krieg hat dafür gesorgt, dass diese Flüchtlinge unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt sind und kaum Hoffnung haben auf eine Lösung ihrer prekären Situation. Und trotzdem: Neben dem Coronavirus ist dies nur ein Nebenschauplatz in der medialen Landschaft. Angesichts der Dimensionen dieses Flüchtlingsdramas, das auch Europa selbst schon bald zu spüren bekommen wird, wirkt das unangebracht und unverhältnismässig.
    Es ist die Aufgabe von uns allen, uns mit den Problemen, aber auch mit den schönen Dingen dieser Welt auseinanderzusetzen. Zurzeit interessieren sich viele Menschen aber weder für die Probleme noch für das Gute im Leben und haben nur noch diesen Virus im Kopf. Ich glaube, die Panik vor diesem Virus ist ansteckender als der Virus selbst. Ich hoffe, dass wir alle bald unsere Coronabrille absetzen und den Fokus auch auf andere Dinge richten können. Denn es gibt so viel mehr als Corona auf dieser Welt.

  • Die Kunst der Verdrängung

    Unser Leben geht Tag für Tag den gewohnten Gang. Und alle sind damit beschäftigt, etwas Sinnvolles aus ihrem Dasein zu machen. Umwelt- und Klimaschutz gehört in der Regel nicht dazu. Doch ist das verwerflich? Auch ich fliege hin und wieder in die Ferien, versuche aber, wenn möglich den Zug zu benutzen. Kann man von jedem erwarten, nie mehr in ein Auto oder Flugzeug einzusteigen, die komplette Ernährung umzustellen und vollkommen CO2-neutral und «unschuldig» zu leben? Wohl kaum. Oder härter ausgedrückt: Es ist eine Utopie. Solange nicht Verbote und gesetzliche Massnahmen das «richtige» Verhalten erzwingen und unseren Lebensstandard einschränken, wird alles so bleiben wie es ist. Bis der Tag kommt, an dem es nicht mehr weitergeht.
    Die Widersprüchlichkeit und Irrationalität unseres Handelns sind allgegenwärtig. Jede*r weiss, wie kritisch die Lage ist. Die Klimajugend ist engagiert und geht auf die Strasse. Das Bewusstsein für die Probleme scheint zumindest hier geschärft. Das mag ein gutes Zeichen sein. Und doch braucht es mehr.
    Doch was braucht es mehr? Wie nicht in Resignation verfallen, bei all den Warnungen und Hiobsbotschaften, die jeden Tag in den Medien und übers Netz verbreitet werden? Wo soll man beginnen? Was kann ich als einzelne Person überhaupt machen?
    Die beruhigende Antwort liegt vielleicht darin, dass kein einzelner Mensch die globalen Probleme lösen kann und muss. Ein bisschen weniger verdrängen reicht vielleicht schon. Ein bisschen bewusster leben. Im Rahmen unserer winzigen, begrenzten Möglichkeiten unseren Teil dazu beitragen und so vorbildlich wie möglich zu leben. Unsere «winzigen, begrenzten Möglichkeiten» schreibe ich, weil es nicht der einzelne Bürger ist, der den Unterschied herbeiführen kann. Meiner Meinung nach liegt die Verantwortung ganz klar in den Händen von grossen Konzernen, welche das Konsumverhalten kontrollieren, und der Politik, die dieses Verhalten regulieren und beschränken könnte. Schlussendlich bleibt zu hoffen, dass meine eigene Generation und alle kommenden Generationen nicht mehr verdrängen, sondern nach und nach zu handeln beginnen, bevor es definitiv zu spät ist.

  • Ein Wipkinger beim «Höngger»

    Das Jahr 2020 hat sehr holprig begonnen und ist geprägt von weltweiten Krisen, Unsicherheit und negativen Schlagzeilen. Verheerende Buschbrände in Australien, eine gefährliche Konflikteskalation im Nahen Osten, ein neues Virus, das sich unheimlich schnell verbreitet und ganze Städte lahmlegt. Hinzu kommen Überbevölkerung, Hungersnöte, der Klimawandel und diverse andere Probleme, die bekämpft werden müssen. Man kann sagen, dass die aktuelle, globale Sorgenliste leider sehr lange und vielseitig ist.
    Bei all diesen globalen Themen und Schlagzeilen kommt ein sehr wichtiger Aspekt unseres täglichen Lebens manchmal etwas zu kurz: das Geschehen in unserer lokalen Umgebung.
    Denn auch wenn es wichtig ist, sich über die Dinge, die auf der Welt passieren auf dem Laufenden zu halten, sollte man nicht vergessen, den Fokus auch darauf zu richten, was vor der eigenen Haustüre im Quartier passiert. Auch Höngg ist in einem ständigen Wandel und es ist hier mehr los als man glaubt. Und das ist auch der Grund, warum ich ein Praktikum beim «Höngger» mache.
    Ich bin im Nachbarsquartier Wipkingen geboren und aufgewachsen. Zum «Höngger» bin ich gekommen, weil ich bereits seit einiger Zeit für den «Wipkinger» als Freelancer Artikel geschrieben habe und nun, nach dem Abschluss meines Bachelorstudiums in Politikwissenschaft und Geschichte, die Möglichkeit erhielt, hier ein Praktikum zu absolvieren. Es ist ein grosser Unterschied, ob man in Wipkingen oder Höngg aufgewachsen ist. Die «Quartier-Rivalität» hier im Kreis 10, die ich einerseits durch Freunde aus Höngg und andererseits vor allem durch den Fussball und die Rivalität zwischen dem SV Höngg und meinem SC Wipkingen kennengelernt habe, ist immer wieder spannend zu beobachten. Ich kenne keine Person in Höngg oder Wipkingen, die offen zugeben würde, dass das jeweilige Nachbarsquartier besser wäre. Und das ist auch gut so. Jedes Quartier hat seinen eigenen Charakter, Traditionen und Quartiersstolz.
    Ich freue mich nun, mein Nachbarsquartier von einer neuen Perspektive kennenzulernen und so mein Blickfeld auf den gesamten Kreis 10 zu erweitern. Die Schlagzeilen hier im «Höngger» werden vermutlich weniger Drama, Tod und Verheerung beinhalten als die der nationalen und internationalen Medien. Aber in der heutigen Zeit schadet es nicht, sich auch mit dem lokalen und vielseitigen Quartiersleben auseinanderzusetzen und ich bin sehr gespannt und voller Erwartung auf das kommende halbe Jahr.

    Béla Brenn, Praktikant beim «Höngger»

  • Tschüss, Höngger!

    Viereinhalb Monate sind wie im Turbo an mir vorbeigezogen, und schon ist es wieder vorbei mit meiner Zeit beim «Höngger». Zuerst einmal vorweg: Den Sinn des Lebens habe ich leider noch nicht gefunden. Trotzdem kann gesagt werden, dass ich einiges mitnehmen kann aus diesem Praktikum. Ich lernte nicht nur, Texte zu schreiben und zu redigieren, nein, auch befasste ich mich intensiv mit Photoshop: Wie können Autos aus einem Bild entfernt werden, sodass Parkplätze entstehen? Aber Spass beiseite!
    Ich durfte verschiedenste Leute kennenlernen und interviewen, von einer Schneckenbuchautorin über einen Stadtrat bis hin zu einem Spieleerfinder waren die unterschiedlichsten Menschen darunter. Auch bei den Besucher*innen der Redaktion konnte man nie wissen, was einen erwartete: Manche wollten die Ausstellung in den Redaktionsräumen bewundern, andere wollten ein Globi-Buch kaufen oder eigene Themenvorschläge einbringen. Sogar eine Touristengruppe kam einmal vorbei, um nach Reisetipps in Zürich zu fragen; sie hatten anscheinend nicht bemerkt, dass wir nur für Höngg und nicht für ganz Zürich ein Infozentrum sind.
    Nicht nur die Höngger*innen, auch Höngg selber lernte ich erst richtig kennen. Da ich unten Am Wasser wohne, habe ich in meinem bisherigen Leben nicht so viel davon mitbekommen, was «da oben» alles passiert. Auch Wipkingen durfte ich entdecken, auf Streifzügen durch das Quartier mit umgehängter Kamera kam ich an Orte, die ich zuvor noch nie gesehen hatte.
    Und für ebendiese Spalte, die Sie gerade lesen (falls Sie überhaupt so weit gelesen haben), bin ich wirklich dankbar. Ich durfte mich, ohne mir gross Gedanken dabei zu machen, über Gott und die Welt lustig machen, aufregen, erfreuen. Ich konnte Themen ansprechen, die mir persönlich wichtig waren, und hatte dabei alle Freiheit der Welt.
    Als ich früher am Meierhofplatz 2 vorbeiging, musste ich an die Bäckerei denken, die sich dort einst befunden hatte. Ich und meine Kolleginnen gingen jeden Donnerstag nach der Klavierstunde hinein, und bettelten um ein vertrocknetes Gipfeli. Seit diesem Praktikum werde ich wohl nicht mehr an irgendwelche Backwaren denken, wenn ich am alten Haus beim Meierhofplatz 2 vorbeilaufe, sondern an meine spannende Zeit beim «Höngger».

  • Hotel Mama

    Ach, dieses Ausziehen, ein Thema, das wohl viele in meinem Alter beschäftigt. Und ich meine nicht Kleider ausziehen, sondern: Von zu Hause ausziehen. Hotel Mama und Papa verlassen, in die weite Welt hinausgehen, endlich unabhängig sein.
    Viele Aspekte locken einen dazu, auf ausreisserische Gedanken zu kommen. Rund um die Uhr sturmfrei! Einen ganzen Tag im Pijama auf dem Sofa faulenzen und Netflixen? Kein Problem! Das Zimmer ist nicht perfekt aufgeräumt? Niemand interessiert’s! Wann ich nach Hause komme und wo genau ich bin? Niemand muss es wissen!
    Leider ist das ganze Prozedere gar nicht einfach. Knackpunkt: Geld. Klar, ich habe nun auch ein wenig Gespartes, aber nach einer Monatsmiete wäre das schon fast wieder weg. Und dann auch noch diese Challenge, etwas zu finden, das nicht völlig abgelegen ist und auch nicht an einer extrem lauten Strasse, etwas, das nicht jedes Budget sprengt… Und die Wohnung ist noch lange nicht alles. Mir war nie bewusst, wie teuer Möbel wirklich sind! Ein Kissen alleine kostet sogar bei Ikea mindestens zwanzig Franken!
    Und überhaupt, eigentlich ist es schon verdammt gemütlich, zu Hause zu wohnen. Es heisst ja nicht ohne Grund «Hotel Mama»! Wenn ich nach Hause komme nach dem Sport und einen Bärenhunger habe, dann steht schon eine warme Mahlzeit auf dem Tisch (zumindest manchmal). Verstehen Sie mich nicht falsch, auch ich koche gerne mal etwas, aber manchmal habe ich einfach keine Zeit… oder keine Lust. Und gratis an einer so guten Lage zu wohnen, direkt an der Limmat und trotzdem nahe an der Stadt zu sein, das ist ein echter Luxus. Ein Bonus: Meine Mutter ist eine Suchmaschine im echten Leben: Wenn ich etwas nicht finde, frage ich sie, und innerhalb von wenigen Sekunden hat sie das Ladekabel, die Sporthose oder den Schlüssel in ihrer Hand.
    Und trotzdem werde ich wohl ausziehen. Wohin und wann ist zurzeit noch offen, etwas jedoch ist mir jetzt schon klar: Ich will definitiv nicht allein wohnen. Der Gedanke, jeden Abend nach Hause zu kommen und eine dunkle, leere Wohnung zu betreten, macht mir Angst. Es wird sicherlich Zeiten geben, in denen ich mir Hotel Mama sehnlichst zurückwünsche. Dann muss ich wohl einfach meine Mutter zu uns einladen, die meine Unordnung verurteilt, und schon bin ich wieder daran erinnert, wieso ein Leben in Unabhängigkeit das Richtige ist.

    Lina Gisler,
    Praktikantin