Kategorie: Medienkompetenz

  • Die Gewalt aus dem Netz

    Die Gewalt aus dem Netz

    Im Einführungsartikel zum aktuellen Fokusthema «Medienkompetenz» (siehe Höngger vom 9. April) wurde aufgezeigt, wie und welche digitalen Medien von Jugendlichen genutzt werden. Eine kurze, nicht repräsentative Umfrage bei Schüler*innen der Oberstufe Lachenzelg ergab, dass die Jungen sich der Gefahren des Internets durchaus bewusst sind. Das Thema Mobbing, im virtuellen Raum Cybermobbing, Cyberbullying, Internet-, oder E-Mobbing genannt, ist allen bekannt. Was früher auf dem Pausenplatz passieren konnte, verlagert sich nun in die anonyme Welt des Internets: Eine Person wird über längere Zeit via WhatsApp, in Chatforen oder auf anderen Sozialen Medien wie Instagram oder Snapchat schikaniert. Die Beleidigungen, Bedrohungen und Blossstellungen können gravierende Folgen haben: In einer deutschen Studie gaben 21 Prozent der betroffenen Schüler*innen an, Suizidgedanken gehabt zu haben. Auch der Verlust von Selbstvertrauen, Angstzustände bis hin zu Depressionen können aus diesen bösartigen Attacken resultieren, auch lange Zeit später noch. Das Informationsportal zur Förderung von Medienkompetenzen Jugend und Medien hat es sich zur Aufgabe gemacht, über diese Art von Mobbing aufzuklären und Hilfestellungen für Opfer und Eltern zu geben. Gemäss Jugend und Medien wurde ein Fünftel der Schweizer Jugendlichen bereits einmal in Chats oder auf Facebook fertiggemacht. 30 Prozent der Jugendlichen gaben an, dass Fotos oder Videos von ihnen ohne Zustimmung ins Netz gestellt wurden.

    Schwer zu erreichen trotz ständiger Erreichbarkeit

    Von Mobbing wird erst gesprochen, wenn die Ereignisse wiederholt vorkommen. Anders als auf dem Pausenplatz hört das Schikanieren nicht auf, wenn das Opfer nach Hause geht: Via Smartphone und Computer treffen Beleidigungen und Bedrohungen potentiell 24 Stunden am Tag ein. Für Erwachsene kann es schwer sein, die Gedankengänge von Jugendlichen nachzuvollziehen. Während es älteren Menschen unverständlich ist, wieso ein*e Jugendliche*r beispielsweise nicht einfach die Person auf WhatsApp blockiert, wenn sie von ihr belästigt wird, oder sich nicht gleich aus Snapchat ausklinkt, wenn über sie hergezogen wird, sind solche Handlungen für viele Jugendlichen undenkbar. Das Phänomen, immer unterwegs sein zu müssen, um ja nichts zu verpassen, ist nicht neu. Es hat inzwischen einfach einen englischen Namen bekommen: «Fear Of Missing Out», oder kurz «FOMO». Und anstatt sich auf Partys und Bahnhofbänkli zu beschränken, hat sich diese Angst, nicht dazu zu gehören auf die digitalen Kanäle ausgeweitet. Dazu kommt der soziale Druck, keine Schwäche zeigen zu wollen und auf keinen Fall uncool zu wirken, auch das keine neuen «Probleme» der Jugend. Eine weitere Form von Gewaltverhalten ist das sogenannte «Happy Slapping». Auch dieses gab es schon vor der Digitalisierung der Welt: In einer Menschenmenge erhält man plötzlich einen Schlag ins Gesicht, der oder die Täterin verschwindet sofort wieder in der Masse. Heute machen sich gewisse Personen einen Spass daraus, mit dem Mobiltelefon Szenen aufzunehmen, in den andere verprügelt werden – real oder inszeniert – und diese Aufnahmen dann im Netz zu verbreiten. In der Schweizer JAMES-Studie aus dem Jahr 2018 gaben acht Prozent der Jugendlichen an, bereits eine gestellte Schlägerei gefilmt zu haben, sieben eine echte. Beide erwähnten Phänomene haben das Ziel, jemanden zu demütigen. Das Perfide daran ist, dass sich das Opfer meist noch schuldig fühlt oder sich schämt. Deshalb behalten viele solche Erfahrungen für sich. Die Eltern des 13-jährigen Mädchens, dass sich 2017 in Spreitenbach das Leben genommen hatte, nachdem sie massiv von zwei Jugendlichen bedroht und beleidigt worden war, sagten in einer Sendung der Rundschau des SRF, sie hätten immer über alles reden können, «aber das konnte sie mir nicht sagen, sie hat sich geschämt», sagt ihre Mutter. Obwohl die Jugendlichen permanent erreichbar sind – auf ihren elektronischen Geräten – sind sie nicht immer zugänglich.

    Die Plattform Jugend und Medien hat Ratschläge für Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen zusammengestellt (siehe Infobox). Diese fangen beim sorgsamen Umgang mit eigenen Daten an, Bilder und Daten im Netz sind prinzipiell für jeden aufzufinden – und weiterzuverbreiten. Um zu zeigen, dass sie einigermassen informiert sind, sollten sich Eltern hin und wieder mit ihren Kindern an den Computer setzen, rät die schweizerische Kriminalprävention. Das setzt jedoch voraus, dass sie sich selber eine gewisse Medienkompetenz aneignen, sonst wirkten Verbote und Ratschläge schnell unglaubwürdig, erfahren die Eltern in der Broschüre «My little Safebook». Den Kindern soll klargemacht werden, welche Folgen Mobbing haben kann, aus psychologischer, aber auch rechtlicher Sicht. Wenn es zu Cybermobbing kommt, sollte das Beweismaterial mittels Screenshot gesichert werden und die belästigende Person gesperrt werden. Dies bedingt jedoch, dass die betroffene Person die Eltern darüber informiert, was wie erwähnt schwierig sein kann. Dann sollte der Kontakt zu den Lehrpersonen, der oder dem Täter*in oder deren Eltern gesucht werden. Erstberatung bieten die kantonalen Opferberatung oder die Schweizerische Kriminalprävention.

    Kein Straftatbestand

    Ein Beispiel, entnommen aus dem Leitfaden «Cybermobbing – alles was Recht ist» (siehe Infobox): Ein Junge namens Leo wird von seiner neuen Klasse nicht akzeptiert, die Klassenkamerad*innen hänseln ihn wegen seines Dialekts. Soweit, so harmlos. Doch dann eröffnet jemand aus der Klasse ohne Leos Wissen auf Facebook eine Hassgruppe mit dem Namen «Leo, das Arschloch». Darin posten sie Fotos von dem Jungen und erfinden Geschichten über ihn, die sie dann bösartig kommentieren. Als ein Lehrer die Seite zufällig entdeckt und die Schulleitung sowie die Eltern informiert, ist der angerichtete Schaden schon zu gross. Vermittlungsversuche mit der Klasse scheitern, eine Aussöhnung ist nicht mehr möglich. Leo wechselt erneut die Schule, eine Anzeige erstattet er hingegen nicht. Ganz offensichtlich handelt es sich hier um Mobbing, denn die Handlungen fanden über einen längeren Zeitraum statt. Nun ist Cybermobbing als solches im Gesetz nicht explizit als Straftatbestand aufgeführt. Die involvierten Handlungen, wie in diesem Fall Beschimpfung, Verleumdung und üble Nachrede, aber auch andere wie Erpressung und Drohung, die oft Bestandteil von Cyberbullying sind, hingegen schon. Diese können belangt werden.

    Ansprechstellen bei Cybermobbing
    • Jugenddienste der Polizei: www.skppsc.ch/de/download/jugenddienste
    • Kantonale Opferberatungsstellen: www.opferhilfe-schweiz.ch
    • Hilfetelefon der Pro Juventute mit Link auf kantonale Beratungsstellen:
    www.147.ch
    Erste Hilfe bei Cybermobbing für Betroffene
    https://www.klicksafe.de/service/aktuelles/klicksafe-apps/
    Informationsbroschüren
    Broschüre «Cybermobbing – Alles was Recht ist» der Schweizerischen Kriminalprävention
    Broschüre «My little Safebook» der Schweizerischen Kriminalprävention

     

  • Bildschirmmedien und die Schule

    Bildschirmmedien und die Schule

    Die schnelle Entwicklung der verschiedenen Medien, Plattformen und Apps sowie die Selbstverständlichkeit der Bildschirmmedien im Alltag, stellt die Schule vor einen schwierigen Balanceakt: Wie kann ein sorgfältiger Umgang mit Bildschirmmedien vermittelt werden, ohne allzu rigorose Verbote, aber dennoch mit einer gewissen gesunden Begrenzung der Nutzung?

    Im Alltag der Schülerinnen und Schüler sind vor allem Mobiltelefone omnipräsent, sie dienen sowohl als Kommunikations- wie auch als Unterhaltungsmittel, können aber auch als schnelles Nachschlagewerk für schulische Belangen, mit gewissen Apps als Lernhilfe oder als Agenda für wichtige Termine verwendet werden. Unter diesem Blickwinkel ist die Schule bemüht, Medien nicht gänzlich aus dem Schulalltag zu verbannen, sondern konstruktiv einzubauen. Das ist auch ganz klar Auftrag der Schule, im neuen Lehrplan 21 nimmt die Medienbildung einen wichtigen Teil ein.

    Hohes Ablenkungspotenzial

    Einen verantwortungsbewussten Umgang, um zu lernen, ist aber eine grosse Herausforderung, da Bildschirmmedien eine grosse Anziehungskraft auf die Jugendlichen ausüben und neben den möglichen Hilfestellungen im Schulalltag auch eine grosse Ablenkung darstellen können. Es ist schwer, die Disziplin und Selbstregulation zu erbringen, um das Mobiltelefon nur dann zur Hand zu nehmen, wenn dafür Zeit zur Verfügung steht, und nicht dann, wenn die neueste Nachricht aufpoppt. Und neue Nachrichten kommen bei vielen Jugendlichen im Minuten-, wenn nicht sogar im Sekundentakt in die In-Box. Häufig sind die Nachrichten nur ein Wort oder eine Emoji, dennoch leuchtet der Bildschirm auf und sorgt für Ablenkung. In einer Gruppe von Jugendlichen, wie zum Beispiel in einer Schulklasse, potenziert sich so die Ablenkung natürlich, weshalb gewisse Regeln zum Handy-Gebrauch in der Schule unumgänglich sind. Eine externe Regulation wie klare Handyzeiten oder Verbote im Unterricht kann im optimalen Fall helfen, dass Jugendliche vermehrt Prozesse kennenlernen, um sich selbst zu regulieren. Viel wichtiger erscheint jedoch, den Gebrauch von Bildschirmmedien zu thematisieren, Vor- und Nachteile zu besprechen, Ablenkungspotenzial und mögliche Massnahmen zu diskutieren und Regeln auszuhandeln.

    Nulltoleranz bei Cybermobbing

    Natürlich spielt neben der Ablenkung auch noch die Thematik von Cybermobbing oder unangebrachten Fotos oder Videos in der Schule eine Rolle. Hier braucht die Schule eine klare Nulltoleranz-Haltung, jegliche Vorfälle müssen angegangen und intensiv bearbeitet werden. Bei klaren Gesetzesverstössen empfiehlt sich, eine Anzeige bei der Polizei zu machen. Gleichzeitig können Vorfälle im Bereich Cybermobbing auch als Lernanlässe gesehen werden und müssen mit den betroffenen Jugendlichen intensiv aufgearbeitet werden.

    Das Spannungsfeld zum «richtigen» Umgang mit Mobiltelefonen und anderen Bildschirmmedien zeigt sich in der Schule immer wieder – gerade auch in der aktuellen Situation des Fernunterrichts aufgrund der Corona-Pandemie. Einerseits sind hier Bildschirmmedien unumgänglich und wichtige Arbeits- und Kommunikationsmittel, anderseits kann die Benutzung weder von Seiten der Eltern noch von Seiten der Schule wirklich kontrolliert werden. Es gilt deshalb umso mehr, dass der Mediengebrauch immer wieder zum Thema gemacht wird und daneben auch «echte», direkte Kontakte und bewusst medienfreie Zeiten gepflegt werden sollen.

    Eingesandt von Thomas Flückiger, Co-Schulleiter Schule Lachenzelg

  • Die Jugend und das Internet, der Umgang mit der digitalen Realität

    Die Jugend und das Internet, der Umgang mit der digitalen Realität

    97 Prozent aller 12- bis 13-jährigen Jugendlichen in der Schweiz besitzen gemäss einer schweizweiten Erhebung zu Jugend, Aktivitäten und Medien (JAMES-Studie, 2018) ein Smartphone. Ab 14 Jahren sind es gar 99 Prozent. Smartphones haben in aller Regel Zugang zum Internet. Diese flächendeckende Verbreitung von Smartphones unter Jugendlichen stellt unsere Gesellschaft vor viele Herausforderungen in verschiedensten Bereichen. Die Jugend muss früh lernen, mit dieser Technologie und den daraus resultierenden Möglichkeiten verantwortungsbewusst und konstruktiv umzugehen. Der kompetente Umgang mit den digitalen Medien ist nun bereits in den Lehrplänen für Primarschulen in Fächern wie Informatik, Medienerziehung und Medienkompetenz integriert.

    Wie werden digitale Medien genutzt?

    Die JAMES-Studie beschäftigt sich intensiv mit dem Verhalten von Jugendlichen und ihren medialen und nonmedialen Freizeitbeschäftigungen. Die beliebteste Freizeitaktivität von Jugendlichen, wenn sie alleine sind, ist die Konsumation von audiovisuellen Medien wie Filmen, Serien, Fernsehen oder Streamingportalen wie zum Beispiel Netflix. Insbesondere die Nutzung von Streamingdiensten hat im Vergleich zu der letzten Studie von 2016 massiv zugelegt. Bei Freizeitaktivitäten gemeinsam mit Freund*innen werden sportliche Aktivitäten noch häufiger angegeben als digitale Medien.
    In Bezug auf die Internetnutzung wird unterschieden zwischen der Nutzung zur Informationsbeschaffung und der Nutzung zur Unterhaltung. Generell verbringen Jugendliche an Wochentagen satte zweieinhalb Stunden pro Tag im Internet. Am Wochenende sind es sogar vier Stunden. Dies sind jedoch nur die Medianwerte mit grosser Streuung, was bedeutet, dass viele Jugendliche entweder weniger oder sogar noch mehr Zeit im Internet verbringen. Zu Unterhaltungszwecken sind soziale Medien der klare Spitzenreiter. Während jedoch die Nutzung von Facebook unter Jugendlichen drastisch abgenommen hat, sind es vor allem Instagram und Snapchat, welche sich grosser Beliebtheit erfreuen.

    Was ist Medienkompetenz?

    Der Überbegriff dieses Fokusthemas ist Medienkompetenz, also der kompetente Umgang von Kindern und Jugendlichen mit digitalen Medien. Das Schulamt der Stadt Zürich hat im Zuge der Anpassung der Lehrpläne an die digitale Herausforderung ein über 50-seitiges Dossier zum Thema Medienkompetenz herausgegeben. Darin wird genau beschrieben, in welcher Form der Umgang mit Medien in das Schulsystem integriert werden sollte. Gemäss dem Dossier setzt sich Medienkompetenz aus drei Teilgebieten zusammen, welche eng miteinander verbunden sind: Medienwissen, Mediennutzung und Medienreflexion.
    Die Grundlage für den Umgang mit Medien bildet das Medienwissen. Hier geht es primär darum, Kindern und Jugendlichen erste Grundkenntnisse zur Medienwelt zu liefern sowie die richtige Handhabung von Geräten.
    Bei der Mediennutzung und Medienreflexion geht es einen Schritt weiter. Bei der Flut an Informationen, die uns täglich überströmt, kann man schnell den Überblick verlieren. Kinder lernen durch die Mediennutzung, dieses riesige Angebot angemessen zu verarbeiten und einzuordnen. Inhalte sollen auf ihren Wahrheitsgehalt oder Nutzen geprüft, verglichen und beurteilt werden. Es geht bei der Nutzung aber auch darum, den individuellen Umgang mit Medien zu erlernen. Genau wie Lesen, Schreiben und Rechnen, sollen Kinder in der Schule auch lernen, mit verschiedensten Medien umgehen zu können.
    Der letzte Bereich der Medienkompetenz ist die Reflexion. Hier geht es vor allem darum, dass reflektiert wird, welche Bedeutung und Auswirkung das Erstellen und Konsumieren von Medien auf das Individuum und die Gesellschaft haben kann. Kinder und Jugendliche sollen also beispielsweise lernen, was ein negativer Kommentar oder eine Beleidigung im Internet auslösen kann. Die Reflexion ist sehr wichtig für den kompetenten Umgang mit Medien, da man sich immer auch bewusst sein muss, was Medien auslösen können.

    Ausblick

    In diesem Fokusthema untersucht der «Höngger» Fragestellungen rund um den Umgang, den Herausforderungen und Problemen, aber auch Chancen für Kinder und Jugendliche im Umgang mit der digitalen Welt. Ein spezielles Augenmerk wird auf das Schulhaus Lachenzelg gelegt. Auch dort ist der digitale Wandel in verschiedenen Formen präsent. Besonders in Schulen wird der Kontrast zwischen den Gefahren digitaler Medien und deren Chancen für das Bildungssystem sehr deutlich. Der Schulleiter des Schulhaus Lachenzelg liefert uns Einblicke in dieses interessante Spannungsfeld.
    Ein weiterer Fokus wird auf das Thema Cybermobbing gelegt. Cybermobbing ist eine der Schattenseiten der digitalen Medien und ist besonders bei Jugendlichen weit verbreitet. Gemäss der JAMES-Studie geben rund 23 Prozent aller Jugendlichen der Schweiz an, bereits erlebt zu haben, dass jemand sie im Internet «fertigmachen» wollte. Der «Höngger» hat sich mit Fachpersonen und Betroffenen gesprochen und das Thema unter die Lupe genommen.