Kategorie: Dorfplatz

  • Ein Königreich für einen «Dorfplatz»?

    Ein Königreich für einen «Dorfplatz»?

    Es war eine überschaubare Runde, die sich an diesem lauen Sommerabend im Fasskeller des Zweifel Vinariums eingefunden hatte, um über die Vision «Höngger Dorfplatz» zu diskutieren. Eine reine Männergruppe hatte sich an dem Stehtisch-Podium versammelt: Andy Egli, Gemeinderat der FDP und Vorstandsmitglied des Quartiervereins Höngg, Daniel Fontolliet, Drogist und seinerzeit aktiv im «Netzwerk Höngg», Florian Berner, Architekt und Stadtplaner, sowie Beni Weder, Präsident des Quartiervereins Wipkingen. Radiomoderator Patrick Hässig war eingeladen worden, die Diskussion zu leiten. Begrüsst wurde das Publikum von Franziska Lang, Stiftungsrätin der Stiftung Höngger Quartierzeitung. In ihrer eindringlichen Eröffnungsrede machte sie klar, worum es an diesem Abend gehen sollte: Kann ein Dorf – oder ein Quartier – lebendig sein, ohne einen zentralen Ort der Begegnung? Oder braucht es überhaupt keinen «Dorfplatz»? Dies sei die Gelegenheit, die verschiedenen Bedürfnisse der Anwohner abzuholen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Aber sie erhoffe sich noch mehr, nämlich, dass dies nur der Auftakt einer Diskussion sei, die auch nach diesem Abend noch weitergeführt wird. Damit war das Gespräch eröffnet.

    Ein Dorfplatz ist ein Wohlfühlfaktor

    Eine kleine Bemerkung gleich zu Beginn zur Verwendung des Begriffs «Dorfplatz»: Im Laufe des Abends äusserten manche ihr Befremden darüber, Höngg als «Dorf» zu bezeichnen, es handle sich schliesslich um ein Stadtquartier. Alteingesessene Höngger sprechen jedoch immer noch – und nicht ohne einen gewissen Lokalstolz – von einem Dorf. Nichtsdestotrotz ist Höngg ein Teil der Stadt, was sich zum Beispiel darin äussert, dass es nicht unabhängig über die Finanzen verfügen kann, wie Andy Egli richtig anmerkte. Dennoch wird in diesem Artikel von einem «Dorfplatz» die Rede sein, denn auch in einem Quartier gibt es – im besten Fall – solche Begegnungsorte, egal wie man sie bezeichnet. Wie es denn um die Entwicklung des Quartiers stehe, wollte Patrick Hässig, der selber in Oerlikon lebt, als erstes von Andy Egli wissen. Es sei tatsächlich so, dass sich Höngg mehr und mehr zu einem Schlafquartier entwickle, meinte der FDP Gemeinderat. Es «verslume» zwar nicht, wie Presseartikel vor ein paar Jahren suggerierten, aber der Leerstand der Gewerberäume sei ein reales Problem. Andererseits sehe er auch gute Entwicklungen, zum Beispiel die Eröffnung der «Osteria Da Biagio». Auf einer Skala von eins bis zehn würde Egli dem Quartier eine Acht geben, allerdings mit Tendenz zu einer Sieben. Er sei sich dennoch nicht sicher, ob ein Dorfplatz alleine matchentscheidend sei für eine Verbesserung der Lage. Auch Daniel Fontolliet glaubt nicht, dass ein zentraler Platz dem Gewerbe grundsätzlich auf die Beine helfen würde, zu mannigfaltig seien die Gründe für die Leerstände. Bei einem Dorfplatz gehe es aber um etwas anderes: Er sei ein Wohlfühlfaktor. Fontolliet, der vor einigen Jahren die mittlerweile wieder aufgelöste Gruppe «Netzwerk Höngg» mitbegründete und sich als dezidierter Befürworter eines Dorfplatzes outete, verwies auf die grosse HGH-Umfrage, die im Jahr 2012 durchgeführt worden war. Diese hatte ergeben, dass sich die Menschen in Höngg sehr wohl fühlten, aber dass vor allem der Altersgruppe zwischen 15 und 44 ein Begegnungsort fehle.

    Ein Ort der Begegnung schafft Identität

    Das «Wohlfühlen» sei essentiell für ein funktionierendes Quartier, stimmte auch Architekt Florian Berner zu und gab einen kurzen Einblick in die Theorie des Städtebaus. Ein Platz habe das Potential, identitätsstiftend zu sein – oder in Fontolliets Worten: Ein «Wir-Gefühl» zu generieren – er müsse jedoch zum Quartier passen, seinen Charakter stärken. Ein Prozess namens «placemaking» untersucht, wieso Plätze funktionieren. Es sei offensichtlich so, dass öffentliche Orte, die von aussen aktiviert werden müssten, meist nicht nachhaltig Bestand hätten. Deshalb sei es auch nicht sinnvoll, eine Lösung für alle Quartiere der Stadt zu entwickeln und sie ihnen «überzustülpen», vielmehr müsse die Entwicklung von der ansässigen Bevölkerung den eigenen Bedürfnissen entsprechend angestossen werden. Früher seien Dorfplätze dort entstanden, wo man sich zufällig und informell getroffen habe, wie es in Höngg heute vor dem Coop und der Migros der Fall sei. Nur gibt es dort aufgrund der Strasse keine Möglichkeit für eine Erweiterung des Platzes. Ein Beispiel eines von unten her entwickelten «Dorfplatzes» ist der oft erwähnte Röschibachplatz in Wipkingen. Beni Weder, Präsident des dortigen Quartiervereins, erzählte, wie alles vor bald zehn Jahren mit einer provisorischen Petangue-Bahn begann. Die Initiative kam damals vom Quartierverein. Es waren kleine Dinge: ein paar Stühle auf dem Platz, ein Open-Air-Kino, ein Quartierplatzfest. «Den Leuten im Quartier gefiel das, darum war die Unterstützung auch da und es gab automatisch weniger Reklamationen», sagt Weder. Ausserdem habe es in diesem Fall einen Einfluss auf das Gewerbe, denn Leerstände gäbe es rund um den Röschibachplatz keine. Keine zehn Minuten waren vergangen, als bereits die ersten Wortmeldungen aus dem Publikum kamen. Eine Anwohnerin machte die Podiumsgäste darauf aufmerksam, dass die Schärrerwiese bereits heute einen solchen «Ort der Begegnung» darstelle, eine natürliche Erholungsoase, die von Jugendlichen, Familien und älteren Personen genutzt werde. Gemeinderätin Claudia Simon, ebenfalls Anwohnerin, wies ausserdem darauf hin, dass sich die Zürcher Stadtbevölkerung diesen Frühling für den Schutz von Grünflächen ausgesprochen habe und es bestimmt nicht in deren Sinn sei, eine Wiese zuzupflastern. Es sei an dieser Stelle – nachträglich – noch einmal betont, dass es sich bei der im letzten «Höngger» gedruckten Visualisierung lediglich um ein Beispiel, einen Denkanstoss gehandelt hat. Nachdem man sich eine Weile über das Für und Wider eines Dorfplatzes auf der besagten Wiese unterhalten hatte, war die Stimmung so weit aufgewärmt, dass man den Blick öffnen konnte und auch über andere Möglichkeiten zu sprechen begann. Gemeinderätin Simon brachte den Kirchenplatz ins Gespräch, der an den meisten Orten traditionellerweise auch als Dorfplatz funktioniert und in Höngg ja als historischer Dorfkern gilt. Dieser verfüge über eine wunderbare Kulisse und eigne sich zum Beispiel ideal für einen Weihnachtsmarkt.

    Wer ist zuständig?

    An Ideen mangelte es an diesem Abend kaum. Man war sich einig darüber, dass es in Höngg einige Orte wie den erwähnten Kirchenplatz, aber auch den kleinen Platz vor dem «Höngger», den Weingarten und die Pergola des Zweifel Vinariums gibt, die man mit kleinen Massnahmen aufwerten und so schöne Begegnungsorte bilden könnte. Vielleicht, so bemerkte Walter Zweifel, der ebenfalls im Publikum sass, braucht es nicht einen zentralen Dorfplatz, sondern verschiedene kleinere Plätze für unterschiedliche Bedürfnisse und unterschiedliche Tageszeiten. Auch das Generationenhaus Sonnegg sei grundsätzlich offen, der Umbau geschah schliesslich auch mit der Idee, den Platz zu beleben. Die Schwierigkeit sei – wie an den meisten Orten – die Anwohner ins Boot zu holen, die sich am Lärm störten. Fontolliet thematisierte schliesslich den Elefanten im Raum: Niemand ist zuständig. Es brauche jemanden, der die Koordination der verschiedenen Akteure an die Hand nehme. Quartiermarketing fehle hier gänzlich. «Wir haben in Höngg ein gutes Image, die Menschen leben gerne hier. Aber wir dürfen uns nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen», mahnte er eindringlich, «jemand muss den Samen pflanzen». Auf Patrick Hässigs Frage, ob dies nicht die Aufgabe des Quartiervereins sei, blieb Andreas Egli als Vertreter des QV eine Antwort schuldig. Bezogen auf die Schärrerwiese sagte er, dass man sicherlich nicht gegen den Willen der Anwohnerschaft einen Dorfplatz durchsetzen würde. Zur nötigen Koordination meinte er, man wisse aus Erfahrung, dass zwar alle am selben Strang ziehen würden, aber nicht in dieselbe Richtung. Allein die Meinungen darüber, wo ein solcher Begegnungsort angelegt sein sollte, gingen weit auseinander. Ausserdem gäbe es dafür kein Budget in Höngg. Der eigentliche Dorfplatz sei hier die Höngger Zeitung, in diese investiere das Gewerbe viel Geld. Dessen müsse man sich bewusst sein und den Wert auch anerkennen. Deshalb sei ein Dorfplatz auch nicht das prioritäre Anliegen des Quartiervereins. Ausserdem, so Egli entschieden, müsse nicht jedes Quartier gleich sein wie das andere, und Höngg sich auch nicht zwingend zu einem Ausgangsviertel entwickeln.

    Taten statt Worte

    Es ist klar: Jedes Quartier ist anders und selbst wenn es, wie Wipkingen und Höngg, im selben Kreis liegt, können die Bedürfnisse der Anwohner komplett verschieden sein. Patrick Bolle, Leiter des GZ Höngg/Rütihof, gab auch zu bedenken, dass die Entwicklung in Wipkingen schon viel früher angefangen hat und viel schneller vorangeschritten sei, und die Beizen einen wesentlichen Einfluss darauf hatten. Die demografische Struktur sei (noch) eine andere und die Orte in Höngg bereits von verschiedenen Nutzern «besetzt» und deshalb eben nicht offen für alle. Dies mache es schwierig, die beiden Quartiere miteinander zu vergleichen. Beni Weder appellierte dennoch an die Anwesenden, eine Politik der kleinen Schritte zu wagen: Ein paar Stühle auf einen Platz stellen, das Sonnegg vielleicht einmal abends länger offen zu lassen und dann zu sehen, ob sich daraus etwas entwickle. Wenn es nicht funktioniere, könne man wenigstens sagen, man habe es versucht. Nichts tun sei einfach keine Lösung. Auch Franziska Lang plädierte für mehr Mut, Dinge auszuprobieren. Patrick Hässig rundete die Diskussion nach fast zwei Stunden mit einem Vier-Punkte-Programm ab: Den Kirchenplatz nicht vergessen, Samen streuen, kleine Schritte tun, und die Schärrerwiese muss kein Dorfplatz sein, aber man könnte sie noch besser machen. Vielleicht könnte man noch einen fünften Punkt hinzufügen: Dranbleiben, am Gespräch und vor allem mit konkreten Taten. Denn Daniel Fontolliet hatte recht, das Appenzeller Sprichwort zu bemühen: Von nichts kommt nichts.
    Um dieses «Nicht Nichts aus dem Nichts» ging es gesprächlich im anschliessenden Apéro, zu dem der «Höngger» geladen hatte. Dort wurde noch lange über das eine oder andere Thema von eben und über Lösungsansätze diskutiert. An mehr als einem Tisch war man sich einig, dass wo ein Wille ist, auch ein Weg zu finden wäre – und ähnlich wie zu der Verkehrsthematik in Höngg gelte vielleicht auch hier: Wenn jede Seite bereit ist, sich zu bewegen, da auf etwas zu verzichten, um dafür andernorts etwas zu erhalten, würde die grosse Mehrheit im Endeffekt nur profitieren.

  • Lust und Frust mit dem «mer»

    Der «Höngger» brachte das Thema «Dorfplatz» auf und visualisierte einen solchen provokativ auf der Schärrerwiese. Mit Lust. Zum Podiumsabend zum Thema erschien nur eine kleine Gruppe an Interessierten. Diesen jedoch gebührt Dank, denn sie zeigten, dass ihnen nicht egal ist, was in Höngg geschieht oder eben nicht. Sie kamen, je nach dem, aus Lust und Frust zur Sache.
    Alle Abwesenden aber bestätigten leider etwas, das mir länger schon zu denken gibt: In Gesprächen über Höngg, auf der Strasse oder im Bekanntenkreis, werde ich immer wieder auf dieses oder jenes hingewiesen, das «mer» in Höngg vermisst. Oder dass es anders laufen sollte. Leicht einigt man sich auf die schöne Wohnlage, sobald es aber um Begegnungsmöglichkeiten in fehlenden Bars und auf öffentlichen Plätzen geht, ist die latente Unzufriedenheit mit Händen greifbar, wie wenn man über den Verkehr redet. Doch ebendiese Hände bleiben immer in den sprichwörtlichen Hosentaschen, wenn es darum ginge, etwas zu unternehmen. Und sei es nur, sie sich an einer Informationsveranstaltung an die Ohrmuscheln zu halten oder sie zu erheben, um seine Meinung kund zu tun. Der «mer» tut sowas nicht. Das eigentliche Problem aber manifestiert sich darin, dass sich in Höngg generell niemand «zuständig» fühlt für alles, was über das Organisieren eines Vereinsanlasses hinausgeht. Wo sind die Hönggerinnen und Höngger, die sich zusammenschliessen, im Quartierverein, einer anderen oder gar einer neuen Gruppierung, um lustvoll nach Lösungen zu suchen? «Jemand muss den Samen pflanzen», wurde am Podiumsabend gesagt. «Dä ˂mer˃» soll es richten. Frage an alle: Kennt jemand den «mer»?
    Auch wenn Lust und Frust enge Verwandte sind, der «Höngger» wird weiterhin thematisieren, was Höngg bewegt und publizistisch den «mer» so gut wie möglich unterstützen, wenn, wann und wo auch immer er sich bewegt.

    Fredy Haffner, Verlagsleiter «Höngger»

  • Ein Dorf ohne Dorfplatz

    Ein Dorf ohne Dorfplatz

    Die 2013 vom Verein Handel und Gewerbe Höngg (HGH) durchgeführte Umfrage brachte, nebst vielen anderen Erkenntnissen, auch an den Tag, dass in Höngg ein Dorfplatz vermisst wird. Als eine lose Gruppe engagierter Hönggerinnen und Höngger versuchte, im nicht offiziellen «Netzwerk Höngg» aus den Ergebnissen etwas entstehen zu lassen, tauchte die Idee auf, der Schärrerwiese die Funktion eines Dorfplatzes zuzuweisen und sie entsprechend umzugestalten. Dieser einzige zentral gelegene, grössere und verkehrsfreie öffentliche Ort ist heute in der Bau- und Zonenordnung (BZO) der Zone «C», «Bade- und Sportanlagen», zugeteilt. Obwohl dort weder gebadet noch institutionell Sport betrieben wird, doch die noch gültige BZO kennt keine spezielle Zone für Plätze. Mit der anstehenden BZO-Revision soll dies jedoch geändert werden. Auf provisorischen Plänen ist die Schärrerwiese deshalb bereits der neuen Zone «FP», «Parkanlagen und Plätze» zugeteilt. In dieser Zone sollen, wird die BZO angenommen, auch kleinere, allenfalls nur temporäre Verpflegungsmöglichkeiten zugelassen werden. So viel, oberflächlich betrachtet, zur Ausgangs- und Rechtslage. Vor drei Jahren dabei in der losen Arbeitsgruppe «Netzwerk Höngg» waren auch Andreas Egli (Gemeinderat FDP) und Guido Trevisan (Alt-Gemeinderat GLP). Sie wollten damals konkreter wissen, ob für die Idee «Dorfplatz Schärrerwiese» überhaupt ein Realisierungspotential bestünde. Unter anderem trafen sie sich mit Vertretern der Stadt Zürich und klärten, was zum Beispiel rein technisch möglich wäre. Dies insbesondere im Hinblick darauf, dass ein Grossteil der Schärrerwiese ja auf dem Dach der Parkgarage des Hönggermarktes realisiert wurde. Die Belastungsmöglichkeiten haben dort also ihre Grenzen. Das musste übrigens auch bei der Neugestaltung des Spielplatzes beachtet werden: Die Stützen des alten Klettergerüstes waren direkt mit der Decke der Tiefgarage verbunden, das neue musste an derselben Stelle zu stehen kommen.

    «Annähernd vernichtende» Reaktionen

    Daraufhin holten sie beim Grundbuchamt die Adressen der Immobilienbesitzer ein und luden sie zu einem informativen Gespräch Ende Januar 2016. «Ungefähr zehn Personen erschienen. Auch jemand von der Liegenschaftenverwaltung der Stadt Zürich, welcher nebst der Schärrerwiese selbst viele der umliegenden Grundstücke gehört», erinnert sich Trevisan. Ziel des Abends war es, die direktbetroffenen Anwohner wenigstens ansatzweise für die Idee «Dorfplatz Schärrerwiese» zu gewinnen, denn gegen Widerstand aus der Anwohnerschaft, so war und ist die Meinung, lässt sich gar nichts machen. «Wenn man im Gemeinderat einfach einen Vorstoss macht, dann bringt das nichts, wenn aus dem Quartier danach Protest kommt», ist Trevisan überzeugt. Andreas Egli fügt als Beispiel den 2014 erfolgten Versuch der SP an, mittels Postulat im Erdgeschoss des Hauses «Weingarten» eine kleine Verpflegungsmöglichkeit zu initiieren und den angrenzenden Garten zu nutzen: «Sofort kamen erboste Reaktionen aus der betroffenen städtischen Liegenschaft: Man solle doch bitte auch gleich sagen, wer von den Mietern ausziehen müsste. Das wollten wir vermeiden». Die Resonanz der Anwesenden an besagtem Abend sei «mässig positiv« bis «klar ablehnend» gewesen, so Egli. Trevisan bewertet sie rückblickend sogar als «annähernd vernichtend» und beide halten unmissverständlich fest, dass nicht sie hinter der Idee stecken, das Thema «Dorfplatz Schärrerwiese» in dieser Form nun an die Öffentlichkeit zu tragen. Nur der Vertreter des Hönggermarktes habe damals der Idee etwas Positives abgewinnen können, weil alles, was Frequenz bringe, auch Umsatz generiere. Von den Anwohnenden aber hörte man mehrheitlich, dass bereits genug, mitunter lauter Betrieb herrsche: Abends von Jugendlichen und tagsüber von all den spielenden Kindern, denn der Spielplatz wird gerne auch von allen umliegenden Kindertagesstätten genutzt.

    Gibt es andere örtliche Optionen?

    «Nach diesem klaren Feedback war für uns beide klar, dass wir die Idee nicht weiter verfolgen würden», sagt Trevisan und fügt an, dass für diesen Ort das Thema Dorfplatz beerdigt war. Mit Betonung auf «diesen». Denn eigentlich «brauche» es ja einen Platz und es gäbe noch andere Optionen – wo, darauf wollte er nicht eingehen. Tatsächlich, so äussert sich eine gut informierte Quelle gegenüber dem «Höngger», wäre auch an anderen Orten in Höngg ein «Dorfplatz» denkbar. Und es gebe dazu auch schon Anregungen. So könnten andere, kleinere Plätze als die Schärrerwiese «aufgewertet» werden und Dorfplatzcharakter erhalten. Konkrete Orte benennen wollte besagte Quelle nicht. Doch denkbar wären da in erster Linie der bereits öffentliche kleine Park beim «Weingarten» (gegenüber der Soccar-Tankstelle), der Kirchplatz zwischen «Desperado» und Kirche oder der Parkplatz direkt vor dem Infozentrum des «Hönggers» am Meierhofplatz. Dass der Meierhofplatz selbst je wieder ein Dorfplatz werden wird, davon ging auch diese Informationsperson nicht aus.

    Platz-, Beizen- oder gar kein Problem?

    Der «Höngger» hatte sich zum Informationsaustausch mit den beiden Politikern zum Lunch getroffen. Beim Kaffee wurde weiter diskutiert. Guido Trevisan war damals als Gemeinderat in jener Kommission aktiv, die zum heutigen Sechseläutenplatz führte. Natürlich will er keinen Vergleich ziehen, erinnert aber daran, dass sich niemand hätte vorstellen können, dass dieser offene, leere Platz dereinst so beliebt sein würde wie er es innert Kürze geworden ist. Die Frage aber, ob es legitim wäre, die möglichen Bedürfnisse einer Allgemeinheit höher zu gewichten als den Wunsch der Anwohnerschaft nach Ruhe, wagt niemand zu beantworten. Das gilt für jeden «Dorfplatz», wo immer er auch wäre: Nutzungskonflikte sind vorprogrammiert. Wo Platz und Häuser gleichzeitig realisiert werden, wie es in Neu-Oerlikon geschah, ist das anders – die neuen Mieter wussten, dass sie an einen Platz ziehen, an dem es auch mal laut werden könnte. Und in Wipkingen? Den angestellten Vergleich mit dem Röschibachplatz will Gemeinderat Egli nicht gelten lassen: «Der Röschibachplatz wurde vorher ˂disfunktional˃ genutzt», wie er das vorsichtig ausdrückt, «Dass er heute auch im Alltag als Platz funktioniert, ist das Verdienst des Restaurants ˂Nordbrüggli˃ mit seiner Aussenbestuhlung». Trevisan wirft rhetorisch die Frage auf, ob man heute tatsächlich noch so einen Platz brauche, ob so ein Platz, der dann nur für wenige Anlässe pro Jahr wirklich genutzt werde, noch zeitgemäss sei. «Vielleicht», sinniert er, «ist es mit einem Dorfplatz ähnlich wie mit den Geschäften: Alle wollen möglichst alle Angebote gleich vor der Haustüre – in Tat und Wahrheit geht dann ein erheblicher Teil der Bevölkerung ins Shoppingcenter, fährt ins nahe Ausland oder kauft im Internet ein, während die lokalen Detaillisten sich neu erfinden müssen». Und obwohl es Anzeichen für eine Bewegung wieder hin zum Lokalen gibt, fragt er sich offen, ob «man» zwar einen Höngger Dorfplatz wolle, dann aber doch zum Schluss in die Stadt fährt, um vom vielfältigeren kulturellen und kommerziellen Angebot zu profitieren. Für Andreas Egli hat Höngg so oder so kein Platz-, sondern eher ein «Beizenproblem». Trendigere, hippere Treffpunkte, auch für ein jüngeres oder jung gebliebenes Publikum fehlen, auch wenn es das Da Biagio als traditionelle Quartierbeiz schon sehr gut macht, sagt er. Persönlich würde er Höngg einen Dorfplatz gönnen, auch auf einem Teil der Schärrerwiese, doch «nicht auf Kosten der Anwohner», betont er, und fügt an, dass auch die Baukosten und die Folgekosten für Sicherheit und Unterhalt zu bedenken wären. Ob diese im Verhältnis zum Nutzen stehen würden, wagt er indes zu bezweifeln. Sicher ist, dass an einem solch empfindlichen Ort nichts ginge ohne ein verbindliches Nutzungskonzept. Guido Trevisan schliesst das Gespräch mit dem Gedanken, dass es sowieso ein Wagnis wäre: «Man wüsste nicht, in welchem Mass es für die einen besser und für die anderen schlechter würde». Er selber sieht jedoch nach wie vor das Potential der Schärrerwiese als Dorfplatz. Aber das sei ein Gefühl, und dies allein reichte ihm nicht, um einfach mal einen politischen Vorstoss einzureichen: «Da müsste man Visionär sein, und ich bin zu sehr Realist». Fährt man mit dem Bus an einem Sommerabend vom Hauptbahnhof nach Höngg, beobachtet man bis zur Nordstrasse Leben – danach, und speziell in Höngg, scheint es, als wären die Gehsteige längst hochgeklappt worden. Ausser ansatzweise am Zwielplatz, wo Kiosk und Kebabstand bis spät nachts Menschen nach draussen locken. Man mag das schätzen oder bedauern – nachdenklich macht es in beiderlei Hinsicht. Genau mit diesem Ziel war der «Höngger» in die Arbeiten zu diesem Fokus-Thema gestartet: Nachzudenken.

    Podiums- und Diskussionsabend
    Montag, 3. Juli, 19.30 Uhr, Fasskeller Zweifel Weine, Regensdorferstrasse 20.
    Gäste:
    Andreas Egli, Gemeinderat FDP und Vorstand Quartierverein Höngg
    Beni Weder, Präsident Quartierverein Wipkingen
    Florian Berner, Architekt und Stadtplaner, Weyell Berner Architekten, Zürich
    Moderation: Patrick Hässig, Zürcher Radiomoderator
    Anschliessend Apéro.

    Leserbriefbox:
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  • Warum eigentlich nicht?

    Wipkingen hat einen. Höngg könnte einen haben. Einen Dorfplatz, wenn nicht…. – doch genau um dieses «wenn nicht» soll es in dieser Ausgabe nicht gehen, sondern um ein «warum eigentlich nicht?». Bei dieser Vision geht es weder um eine übernatürliche Erscheinung noch um eine optische Halluzination, was gemäss Duden ja denkbar wäre. Gut, man kann beides nicht ausschliessen, doch hauptsächlich geht es hier um die dritte Bedeutung: um «eine Vorstellung in Bezug auf Zukünftiges». Eben, einen zukünftigen Höngger Dorfplatz, wo auch immer dieser sein könnte. Erstmals aufgekommen ist die Idee 2014 im Rahmen einer Sitzung des nichtoffiziellen «Netzwerk Höngg». Man erinnert sich: diese lose Gruppe engagierter Hönggerinnen und Höngger versuchte, aus den Ergebnissen der 2013 vom Verein Handel und Gewerbe Höngg (HGH) durchgeführten Umfrage etwas umzusetzen – und scheiterte nach verschiedenen Sitzungen und einer weiteren Umfrage aus mannigfaltigen Gründen mit wehenden Fahnen. Doch in eben einer dieser Sitzungen war es, dass man gemeinsam Höngg in Gedanken aus der Vogelperspektive betrachtete und sich fragte, wo denn wenigstens theoretisch Raum für einen Dorfplatz sein könnte, der in allen Umfragen immer als fehlend erkannt wurde. Der Blick fiel auf die Schärrerwiese – und die Idee liess da und dort «Hinterbliebene» des Netzwerkes nie mehr ganz los. Seither wagte niemand, weder der Quartierverein noch die Politik, aus der Idee eine öffentliche Vision zu formen. Nun wagt der «Höngger» zu fragen: «Dorfplatz Höngg, warum eigentlich nicht im Raum Schärrerwiese?» Das wollen wir mit dieser Ausgabe zur Diskussion stellen. Im Wissen darum, dass diese Vision ebenso begeisterte Freundinnen und Freunde wie erbitterte Gegnerinnen und Gegner auf den Plan rufen wird. Die einen werden diesem «Luftballon» einer Vision kleine Zettelchen mit guten Wünschen anhängen und die anderen werden versuchen, ihn mit allen Mitteln abzuschiessen. Ganz egal, ob es mit einer zerplatzten Vision oder einem Dorfplatz – vielleicht ja auch an einem ganz anderen Ort – endet, es zählt, dass gefragt wurde. Und dass nach Antworten gesucht wurde. Wie auch immer die lauten mögen. Doch ich kann mir gut vorstellen, dass sich eine Mehrheit mit einer Dorfplatz-Vision anfreunden könnte. In Wipkingen zeigte sich, dass nur Minderheiten den Röschibachplatz ins Pfefferland wünscht. Doch gewiss ist einzig, dass kein Dorfplatz, und schon gar nicht in Höngg, von heute auf morgen entsteht. Und das Letzte, was dieser «Höngger» mit seinem brisanten Fokus-Thema beabsichtigt, ist es, die Erwartungen in falsche Höhen zu schrauben. Denn, so zeigt bereits diese Ausgabe: Selbst wenn man an dieser Stelle einen Dorfplatz realisieren wollte, die Hürden sind vielseitig und nicht niedrig. Also lieber die Erwartungen flach halten. Flach wie einen Platz – persönlich kann ich auch weiterhin ohne Dorfplatz leben, sollte man aber tatsächlich darüber nachdenken, plädiere ich hinsichtlich der Realisation vorsorglich für eine rollatortaugliche Ausführung…

    Fredy Haffner (51), Verlagsleiter «Höngger»

  • Wer schaut, der findet

    Wer schaut, der findet

    Wie stellt man eine Vision, also etwas, das es nicht oder zumindest so noch nicht gibt, dar? Klar, man visualisiert es. Also stand der «Höngger» eines Tages als das Laub noch nicht die Sicht versperrte zusammen mit dem Höngger Zeichner und Illustrator Stefan Haller alias «Schlorian» auf einem der Parkhaus-Abluftschächte auf der Schärrerwiese. Man fotografierte, diskutierte und so entstand diese visualisierte Vision. Sie zeigt – mit aller zeichnerischer Freiheit – was die einen erträumen und andere verdammen werden. Die oben rechts stehende Grafik zeigt – die gestrichelte Linie markiert den Blickwinkel – wo man als Betrachtende steht, markiert mit dem Augen-Symbol: Auf der Wiese unterhalb des Weges durch die Schärrerwiese. Sie zeigt den bestehenden und unangetastet bleibenden Spielplatz ebenso wie rein visionäre Elemente, ein zweites «Kafi» etwa oder breitere Zugangsmöglichkeiten von der Regensdorferstrasse oder der Wieslergasse her. Also aufgepasst: Abgesehen von den bestehenden Gebäuden und dem Spielplatz soll kein Element dieser Illustration für bare Münze genommen werden, sondern bloss Ausgangspunkt zu einer Diskussion um das auch örtlich allgemein gehaltene Thema «Höngger Dorfplatz» sein.

  • Historische Dorfplätze

    Historische Dorfplätze

    Bis vielleicht Mitte des 20. Jahrhunderts darf der Meierhofplatz für sich beanspruchen, Dorfplatz gewesen zu sein. An der zentralen Höngger Kreuzung, die erst mit dem Bau der Ackersteinstrasse 1933 zu einer solchen wurde, spielte sich das Leben ab. Gesäumt von Läden mit Artikeln für den täglichen Gebrauch, einer Schmiede, der Brückenwaage, auf der Fuhrwerke und Vieh gewogen wurde, einem Brunnen, dem Gesellenhaus (seit 1615), in dem auch die Gemeindeversammlungen stattfanden, einem Schlachthaus (abgetragen 1960) und verschiedenen Restaurants war der Meierhofplatz ein veritabler Begegnungsort. Dann nahmen der private und öffentliche Verkehr den Platz immer mehr in Anspruch und gaben ihn bis heute nicht mehr frei. Mit der Gemütlichkeit vor Ort war es endgültig vorbei, als 1960 das alte Rebstockgebäude abgerissen und durch den heute noch stehenden Bau ersetzt wurde, in dem für wenige Jahre auch ein Kino betrieben wurde. In den Folgejahren, insbesondere, aber ab den 1990er Jahren, veränderte sich die Ladenstruktur rund um den Meierhofplatz und auch entlang der Limmattalstrasse bis zum Zwielplatz, dem zweiten Ort mit Dorfplatzcharakter: Altehrwürdige Betriebe gaben auf oder zogen weg, nur wenige bestehen bis heute. Nach und nach entwickelte sich an der Regensdorferstrasse mit den Grossverteilern als «Zugpferde» das neue Höngger Geschäftszentrum. Doch an die gesellschaftliche Bedeutung, welche dem verlorengegangenen Dorfplatz beigemessen werden darf, kam die Regensdorferstrasse nie heran. Zweiter Ort der Begegnung war der Raum um den ursprünglichen Dorfkern bei der reformierten Kirche. Dort traf man sich nicht nur für alle kirchlichen Ereignisse zwischen Taufe und Beerdigung, sondern auch in den umliegenden Restaurants, dem «Sonnegg» und der «Mülihalde». Oder natürlich nebenan beim Zwielplatz in der «Alten Post» (abgerissen 1961). Diese hatte rückwärtig gelegen einen wunderschönen Gartenbereich. Eine besondere Rolle spielte der Schulhausplatz Bläsi. Auf diesem sehr grossen Platz fand bis 1989 jeweils auch eine «Chilbi» statt. Seine Grösse verlor der Platz 1978 mit dem Bau des Hallenbades. Das Wümmetfäscht, das lange Jahre auf dem kümmerlichen Restplatz stattfand, musste sich entsprechend zusammendrängen.