Kategorie: Armut

  • Wie Bildung ein neues Leben ermöglicht

    Wie Bildung ein neues Leben ermöglicht

    CO-OPERAID setzt sich in Zusammenarbeit mit lokalen Hilfswerken, die von Einheimischen geführt werden, in Ostafrika und Süd- und Südostasien für das Kinderrecht auf Bildung ein. In Bangladesch schafft CO-OPERAID mit dem Hilfsprojekt «Rowa Kyang» neue Perspektiven für Kinder aus ethnischen Minderheiten.

    Die Menschenrechte dieser indigenen Bevölkerung werden massiv missachtet und für ihre Kinder stehen kaum Bildungsmöglichkeiten zur Verfügung. Das Hilfsprojekt fördert die Primarschulbildung von rund 950 Kindern pro Jahr in 25 Dorfschulen. Projektregion ist der Distrikt Bandarban der Chittagong Hill Tracts im Südosten Bangladeschs.

    Ergänzend zur Primarschulbildung erlauben zwei Wohnheime von CO-OPERAID die Sekundarschulbildung für die talentiertesten Schüler*innen. Dazu unterstützt CO-OPERAID Stipendien, welche Ausbildungen an der Fachhochschule und an der Universität ermöglichen. Das Projekt hat auch die römisch-katholische Pfarrei Guthirt aus Wipkingen mitgetragen, die über mehrere Jahre dafür gesammelt hat.

    Der Weg zum Studium

    Die Unterstützung von CO-OPERAID bewirkt viel, wie das Beispiel von Hla May U zeigt. Die junge Frau stammt aus Yang Hre Say, einem sehr armen und abgelegenen Dorf in Bangladesch. Dank CO-OPERAID konnte sie als Kind die Dorfschule und anschliessend die Sekundarschule besuchen.

    Als begabte Schülerin wurde Hla May U schliesslich mit einem Stipendium gefördert. Dadurch konnte sie Ende 2019 erfolgreich ein Diplom als Krankenschwester und Hebamme erwerben. Sie ist damit die erste Person ihres Dorfes mit einem Hochschulabschluss. Ihre Familie und das ganze Dorf sind stolz auf sie.

    Heute gibt Hla May U die Unterstützung weiter, die sie erhalten hat: Bereits während den Semesterferien hat Hla May U die Menschen in ihrer Heimat beraten. Sie arbeitet zudem bei den Gesundheitskampagnen des CO-OPERAID-Partner-Hilfswerks mit und wird von der Regierung und der UNO für Gesundheitsdienste in ihrer Heimatregion angestellt.

    CO-OPERAID

    Informationen zur Unterstützung in Bangladesch

    Danke für Ihre Spende für das Kinderrecht auf Bildung.

    CO-OPERAID
    Kornhausstrasse 49
    Postfach
    8042 Zürich

    Postkonto 80-444-2
    IBAN: CH81 0900 0000 8000 0444 2

    Informationen zu den Spenden

  • «… und schon zweimal unehelich geboren…»

    Steuerdaten waren, wie heute auch noch, so schon früher mehr oder weniger verlässliche Quellen, um zu erfahren, wie gut es den Bürgerinnen und Bürgern einer Gemeinde geht. Oder früher ging. So zeigt auch die «Ortsgeschichte Höngg» (OGH) anhand von Steuerdaten des Jahres 1467 auf, dass sich «in Höngg eine Beobachtung einer Oberschicht und einer deutlich abgesetzten Unterschicht» nicht nachweisen lässt. Doch «sicher gab es Arme und Reiche», so die OGH, «diese lebten aber offenbar nicht in klar geschiedenen Klassen». Die eigentliche Armenfürsorge war in jener Zeit eine Aufgabe der Kirche. Im frühen Mittelalter galt die Regel, dass ein Viertel der Einnahmen des Zehnten, welche an die Kirchgemeinde flossen, den Armen zu Gute kommen sollte. Doch erst die Reformation brachte im Zürcher Gebiet mit der Almosen-Ordnung von 1525 eine dauerhafte Regelung.

    Bettlerjagden und Bettlerfuhren

    Eine seltsame Art der «Fürsorge» waren die sogenannten «Bettlerjagden» oder «Bettlerfuhren». Um die Bettler loszuwerden, wurden diese kurzerhand eingesammelt und zur Gemeindegrenze geführt. Kranke, gehunfähige Bettler wurden in die Stadt ins Spital gefahren – wenigstens hätte man dies tun sollen, doch die Höngger beliessen es oft dabei, diese «Kunden» einfach an der Grenze zu Wipkingen abzuladen. Sollten doch die Nachbarn schauen. Die Höngger wurden für dieses Tun regelmässig verurteilt. So klagten 1626 die Wipkinger über das Tun der Höngger, und der Zürcher Rat gab ihnen Recht: die Höngger sollen ihre Bettler bis zum Spital führen und nicht in Wipkingen abladen. Das Urteil wurde 1694 bestätigt, was zeigt, dass die Höngger dem Urteil von 1626 wohl keine nachhaltige Beachtung geschenkt hatten.

    Parallelen zu heute

    In die andere Richtung, von der Stadt auf das Land, wurden Arme mit Brotlieferungen unterstützt. Erste Hinweise darauf gibt es gegen Ende des 16. Jahrhunderts und bis 1839. Das Almosenamt in Zürich unterstützte Bedürftige auf dem Land, also auch in Höngg, zudem mit Geld oder Winterkleidern. Für das Jahr 1590 sind in Höngg fünf Erwachsene und 23 Kinder vermerkt, die zu Brot kamen und «wenig später» 15 Erwachsene und über 30 Kinder. Der Rat von Zürich liess ihnen wöchentlich elf Viertel Brot liefern.

    Im Hungerjahr 1692 hatten die Pfarrer der Landschaft ihre «Sozialfälle» dem Zürcher Almosenamt zu melden. Der Höngger Pfarrer meldete 23 «Almosengenössige», sieben weitere, die nur Winterkleider bezogen und 14 Personen, «die sich nicht mehr durchbringen mögen». Zürich lieferte daraufhin wöchentlich 43 Brote für 21 Empfänger und zur Verteilung an sieben Empfänger monatlich 11 Pfund 5 Schilling Bargeld. An 21 Personen wurden 48 Paar Schuhe, 13 Paar Strümpfe und ein Unterrock verteilt.

    «gutmütig, leichtsinnig, ab 1875 Wittwer, gebrechlich, sank er mehr und mehr ins Trinken, und ward arbeitsunfähig»

    Interessant und mit deutlichen Parallelen zu heute noch armutsgefährdete Personengruppen ist, was über die Bezüger dieser Gaben vermerkt wurde: Elf Frauen, deren Männer «entlaufen» waren, zwei davon in ausländische Militärdienste. Ferner vier Ehepaare, neun Witwen, zwei Wittwer und je zwei alleinstehende Frauen und Männer. Und auch die Scham, Hilfe entgegen zu nehmen, war damals schon gegeben. Zumal zum Beispiel die Brote in der Kirche, öffentlich, abzuholen waren: 1804 wurde auch für einen Jakob Grossmann wöchentlich ein Brot zugeteilt, dann aber wieder abgeschrieben, weil er zu stolz gewesen sei, es abzuholen.

    Ab 1871 führte Pfarrer Weber einen «Armenrodel», ein Verzeichnis, das 16 und später bis zu 74 Personen auflistete. Dabei fügte er jedem Namen eine kurze Charakterisierung an. So über einen Kaminfeger, dass dieser «gutmütig, leichtsinnig, 1875 Wittwer, gebrechlich, sank er mehr und mehr ins Trinken, und ward arbeitsunfähig». Die OGH nennt auch ein Beispiel dafür, wie hart es bei der Armenpflege zugehen konnte: 1902 hatte «Jungfer» Elise Notz vor der Armenpflege zu erscheinen, wo man ihr vorwarf, einen leichtsinnigen Lebenswandel zu führen und schon zweimal unehelich geboren zu haben. So könne es nicht weitergehen, wurde befunden, und man steckte sie für drei Jahre in das «Asyl für gefallene Mädchen Refuge». Wie die OGH lakonisch vermerkt «mit durchschlagendem Erfolg», habe sie doch erst anderthalb Jahre nach ihrer Entlassung aus dem Asyl ihr drittes Kind zur Welt gebracht.

    Ein Brauch hielt sich bis heute

    Doch drehen wir das Rad der Geschichte zurück ins Jahr 1667. Damals wurde auf dem Land eingeführt, was in der Stadt schon seit 1525 Brauch war: Nach dem Gottesdienst wurden beim sogenannten «Säcklein-Aufheben» beim Kirchenausgang an einer Stange befestigte Beutel jedem hingehalten. Daraus entwickelte sich die heute noch übliche Kollekte. Für 1795 wurde festgehalten, dass zwei Drittel des «Säckli-Gutes» für «Tischgelder, Kleider-, Arzt und Leichenkosten», also Armenunterstützung, dienen solle. Der letzte Drittel ging mutmasslich ins Kirchengut.
    Seit mindestens 1769 führte der Pfarrer in Höngg eine Rechnung über das «Almosengut». Um 1799, mit Anfang der Revolution, setzte man einen Armenpfleger ein, doch bereits vier Jahre später übernahm der Pfarrer wieder dieses Amt.

    Von der Kirche zum Staat

    Nur langsam und über einen Zeitraum von fast 80 Jahren wurde die Armenfürsorge von der Kirche gelöst. 1831 übernahm wieder ein «Armenpfleger» der Gemeinde die Rechnungsführung, zuständig blieb aber der «Stillstand», eine Vorläuferbehörde der heutigen Kirchenpflege: Schon seit 1525 wurden in jeder Kirchgemeinde zwei bis vier Männer bestimmt, die nach der Predigt nicht gleich weggingen, sondern «stillstanden», daher der Name, um Verhandlungen zu führen, wobei es allerdings meistens um Sittenvergehen ging.
    Erst 1840, als sich die drei Gemeinden Höngg, Oberengstringen und Rütihof einen Dotationsvertrag aufsetzten und so das mit 16’932 Gulden dotierte Armengut äufneten, bekam der «Stillstand» einen festen Betrag, den er auch verwalten konnte. 1841 zählten 18 von etwas über 300 Höngger Haushaltungen als armengenössig. Doch Zinsen aus dem Armengut und «Säckli-Geld» reichten nicht aus und so erhob Höngg 1855 erstmals eine Steuer für das Armengut. So auch 1874, 1880 und dann, ab 1882, regelmässig.

    Beiträge reicher Bürger

    Es kam auch immer wieder vor, dass einzelne Bürger sich für die Armenpflege finanziell engagierten. Zum Beispiel Kaspar Appenzeller, der es vom armen Fischerknaben, aufgewachsen im Haus Am Wasser 87, in Seidenhandel und -fabrikation zum Millionär gebracht hatte. 1859 gingen die Geschäfte so gut, dass er beschloss, künftig zwei Drittel seines jährlichen Ertrags wohltätigen Zwecken zu widmen. Anlässlich der Hochzeit seiner ältesten Tochter begründete Appenzeller 1870 das «Spendgut», das vom Pfarrer verwaltet und nach eigenem Gutdünken eingesetzt werden konnte. 1874, allerdings in Brüttisellen, gründete er eine Erziehungsanstalt für Knaben, die sich mit der Fabrikation von Schuhen beschäftigte – daraus hervorgegangen ist später die Schuhfabrik Walder.

    «1841 galten 18 von etwas über 300 Haushaltungen als armengenössig, 1955 erhob Höngg erstmals eine Steuer für das <Armengut>»

Auch das Pestalozzi-Denkmal an der Bahnhofstrasse wurde von Appenzeller gespendet – dies zwar kein direkter Beitrag an die Armen, doch eine Ehrung jenes Pädagogen und «Waisenvaters», der viel Zeit bei seinem Grossvater, Pfarrer zu Höngg, verbracht hatte. 1893 gründete der Höngger Posthalter Jakob Winkler den Armenverein, der um die 200 Mitglieder zählte und ähnlich wirkte wie das Spendgut. 1918 vermachte der in Höngg aufgewachsene und als Kaufmann in Alexandrien reich gewordene Jakob Albert Schmid-Wörner der Gemeinde Höngg 150’000 Franken, deren Ertrag für Alters- und Jugendfürsorge verwendet werden sollte – was bis heute in der Schmid-Wörner-Stiftung Höngg geschieht. Ein Artikel zu dieser Stiftung erscheint anlässlich deren 100-Jahr-Jubiläum im «Höngger» vom 14. Juni)

Von der Selbsthilfe zum Schrebergartenverein

1910 teilte sich in Höngg die Armenpflege auf: in die Kirchenpflege, die sich nicht mehr mit der Armenfragen beschäftigen musste, und in die Armenpflege der Gemeinde. Der erste Weltkrieg brachte der Armenpflege dann viele neue Aufgaben, da der «Lohnausgleich», die Hilfeleistung für Wehrmänner und ihre Familien, erst im zweiten Weltkrieg eingeführt wurde. So gab es von 1914 bis 1916 eine «Mietnotkommission», die bei Schwierigkeiten mit Vermietern verhandelte und sich um Zuschüsse von den Heimatgemeinden Bedürftiger bemühte. Diese Kommission ging später in die «Hilfsstelle» über, die aus eigenen Quellen Hilfe leistete und allgemein Unterstützung der Heimatgemeinden vermittelte.
Ferner wurden in den Kriegsjahren eine Suppenküche betrieben und die Gemeinde Höngg gab ab 1915, als Hilfe zur Selbsthilfe, Pflanzland für Gemüse in Pacht ab – 1919 ging daraus der «Verein für Familiengärten Höngg» hervor.

1927 wurde das neue Armengesetz eingeführt, das die Zuständigkeit vom Heimatort weg zum Wohnort der Bedürftigen verlegte. Höngg gab so 31 «Fälle» ab, also Höngger Bürgerinnen oder Bürger, die in anderen Gemeinden wohnten, die Armenunterstützung aber bislang von ihrer Heimatgemeinde bezogen hatten. Gleichzeitig musste Höngg aber auch 28 Personen übernehmen, die aus anderen Heimatgemeinden kommend hier wohnten und nun neu von Höngg versorgt werden mussten. Bereits sieben Jahre später, 1934, wurde Höngg von der Stadt Zürich eingemeindet – die Fürsorge ist seither Sache der städtischen Instanzen, wenn auch verschiedene Höngger Institutionen weiterhin engagiert sind.

Quelle
Ortsgeschichte Höngg, Georg Sibler, sowie in verschiedenen «Mitteilungen der Ortsgeschichtlichen Kommission des Verschönerungsvereins Höngg, erhältlich im Infozentrum des «Hönggers» am Meierhofplatz 2 oder im Ortsmuseum Höngg, Vogtsrain 2.

  • «Es darf nicht peinlich sein, um Hilfe zu fragen»

    «Es darf nicht peinlich sein, um Hilfe zu fragen»

    Wie im Artikel zur Geschichte der Armut in Höngg zu lesen war, ist die Fürsorge seit der Eingemeindung 1934 Sache der Stadt. Dennoch sind die Kirchgemeinden auch heute noch Anlaufstellen für Menschen in verschiedenen Notlagen. Das können sogenannte «Passanten» sein, die bereits beim Sozialamt gemeldet sind, Suchtkranke oder Obdachlose, die mit einer gewissen Regelmässigkeit beim Pfarrhaus anklopfen und um eine Spende bitten. «In diesen Fällen vergeben wir beispielweise Gutscheine von der Migros oder Coop», sagt Patricia Lieber, Sozialdiakonin und Integrationsbeauftrage der Katholischen Pfarrei Heilig Geist. Matthias Reuter, Pfarrer der Reformierten Kirche in Höngg, ergänzt: «Wenn es körperlich und psychisch möglich ist, kann jemand bei uns gewisse Arbeiten übernehmen und erhält dafür eine Entschädigung». Bei Anfragen von Personen aus anderen Quartieren, verweise man auf deren eigene Kirchgemeinde. Dies mag für die Betroffenen ärgerlich sein, bietet aber auch einen gewissen Schutz davor, ausgenutzt zu werden, sind sich die beiden Kirchenleute einig. Manchmal suchen die Menschen aber nicht nur Geld, sondern auch das Gespräch. Sich die Sorgen von der Seele zu reden, kann die Verzweiflung bereits etwas lindern.

    Ist der erste Schritt getan, kann die Hilfe beginnen

    Sowohl die katholische als auch die reformierte Kirchgemeinde unterstützt ihre Mitglieder, wenn sich diese beispielsweise eine Gemeindereise nicht leisten können oder das Geld nicht reicht, um die Kinder auf eine Konfirmations- oder Firmenreise zu schicken. Auf den jeweiligen Flyern wird jeweils auf diese Möglichkeit hingewiesen. «Die betroffenen Personen müssen allerdings die eigene Scham überwinden und von sich aus auf uns zu kommen. Von aussen ist für uns nicht immer sichtbar, wer von Existenznöten betroffen ist. Und proaktiv zu fragen, ob jemand Unterstützung braucht, ist auch heikel», meint Reuter. «Wir versuchen, den Menschen zu vermitteln, dass es ihnen nicht peinlich sein muss, wenn sie um Hilfe bitten müssen», sagt Lieber. «Ist der erste Schritt einmal getan, können wir sie weiter beraten, gemeinsam ein Budget erstellen oder andere Massnahmen treffen, um das Problem längerfristig zu entschärfen – wenn es geht».

    Bargeld gibt es eigentlich nie. Eher wird in Notfällen einmal eine Rechnung übernommen oder punktuell mit Sachspenden ausgeholfen, beispielsweise wenn das Geld für Wanderschuhe fehlt, die ein Kind für ein Lager benötigt. «Wir treffen zusammen mit den Hilfesuchenden vertragsartige Abmachungen, um eine nachhaltigere Verbesserung der Lage zu ermöglichen», erklärt die Sozialdiakonin. Manchmal sei eine punktuelle Hilfe aber nicht genug, bei langanhaltender Armut komme auch die Kirche an ihre Grenzen, «da bemühen wir uns aber, die betroffenen Personen an die richtigen Stellen in der Stadt zu vermitteln». Der Vorteil der Stadt im Gegensatz zu ländlichen Gebieten ist, dass es viele Anlaufstellen gibt, die Menschen in Notlagen unterstützen können, wie der reformierte kirchliche Sozialdienst oder das Café Yucca der Zürcher Stadtmission im Kreis 1.

    Anlässe ohne Konsumationszwang sind wichtig

    Eine Möglichkeit, um Menschen mit wenig Geld den Zugang zur Gesellschaft zu ermöglichen, ist bei der reformierten Kirche zum Beispiel das Kafi & Zyt. Es gibt keine Konsumationspflicht und der Kaffee kostet zwei Franken. In Oberengstringen veranstaltet die Reformierte Kirche einmal im Monat einen Spaghetti-Plausch, wo sich Erwachsene für fünf Franken und Kinder sogar gratis sattessen können, und auch in Wipkingen gibt es ähnliche Angebote.

    Die Katholische Kirche bietet kostenfreie Veranstaltungen an, unter anderem einen regelmässigen Spielnachmittag und den Suppenzmittag während der Fastenzeit. «Diese Angebote richten sich aber nicht explizit an Arme, sondern an alle», betont Patricia Lieber. «Es wäre kontraproduktiv, wenn man Einschränkungen machen, und so die ärmeren Menschen weiter isolieren würde». Ähnlich sieht es auch Matthias Reuter: Das «Mittagessen für Alle» sei, wie der Name schon sagt, für alle gedacht, wobei die Preise bewusst so gesetzt seien, dass sie auch für tiefere Einkommensschichten erschwinglich bleiben. «So muss sich niemand eine Blösse geben». Mit ihren niederschwelligen Angeboten haben die Kirchengemeinden in Höngg einen guten Weg gefunden, mit einem sensiblen Thema auch sensibel umzugehen.

     

    Weitere Artikel zum Thema «Armut»

  • Wenn 2247 Franken im Monat reichen müssen

    Wenn 2247 Franken im Monat reichen müssen

    Im April hat das Bundesamt für Statistik (BfS) die Armutsquoten in der Schweiz veröffentlicht. Laut seinen Erhebungen waren im Jahr 2016 7,5 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung in Privathaushalten von Einkommensarmut betroffen. Das sind rund 615‘000 Personen, die laut den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) unter dem Existenzminimum leben. Das BfS ermittelte für das Jahr 2016 eine Armutsgrenze von 2247 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 3981 Franken für zwei Erwachsene und zwei Kinder unter 14 Jahren. Die durchschnittliche Armutsgrenze liegt gemäss SKOS bei 2600 Franken für eine Einzelperson. Abzüglich Miete und Krankenkassenprämie bleiben noch 986 Franken, für eine Familie mit zwei Kindern 2110 Franken. Davon müssen Essen, Kleider, Kommunikation, Mobilität, Gesundheitspflege, Bildung, Vereinsmitgliedschaften und Hobbies bezahlt werden.

    Arm trotz Arbeit

    Als armutsgefährdet gelten Personen, die weniger als 60 Prozent des medianen Einkommens verdienen. Neben der prekären finanziellen Situation, die dazu führt, dass eine unerwartete Zahnarztrechnung die betroffenen Personen bereits in eine Notlage bringt, sind sie auch dem Risiko des sozialen Ausschlusses ausgesetzt, weil sie an vielen Aktivitäten nicht teilnehmen können. Rechnet man diese Gruppe mit, so informiert Caritas Schweiz, sind rund 1,2 Millionen Menschen in der Schweiz armutsbetroffen oder -gefährdet. Zur Erinnerung: Zurzeit leben insgesamt 8,32 Millionen Menschen im Land. Darunter sind rund 140’000 sogenannte «Working Poors», die trotz Anstellung von mindestens 36 Stunden das Existenzminimum nicht erreichen. Es handelt sich dabei meist um Personen, die Teilzeit, saisonal oder befristet angestellt, selbstständigerwerbend oder in kleinen Betrieben tätig sind.
    Das Bundesamt für Statistik hat erstmals auch untersucht, wie lange einzelne Personen von Armut betroffen sind und erhob dafür während vier Jahren Daten. Zwischen 2013 und 2016 wurde jede achte Person mindestens in einem Jahr als arm bewertet, dies entspricht 12,3 Prozent. Die meisten Betroffenen gelangten aber rasch wieder über die Armutsgrenze. Während des gesamten Erhebungszeitraums von Armut betroffen waren gemäss BfS lediglich 0,9 Prozent der Stichprobe von 17’000 Menschen.

    Dunkelziffer beträgt 30 bis 50 Prozent

    Für den Kanton Zürich gibt es keine offizielle Armutsstatistik. 2016 bezogen aber 115’000 Personen (7,9 Prozent) Unterstützung in Form von Sozialhilfe, Ergänzungsleistungen, Alimentenbevorschussung und Kleinkinderbetreuungsbeiträge. Die letzten Erhebungen für die Stadt Zürich sind aus dem Jahre 2015. Damals waren rund 20’000 Menschen bei der Sozialhilfe gemeldet, dies entspricht etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Die grosse Mehrheit davon war alleinstehend oder alleinerziehend mit Kindern. Dazu kommen rund 15’500 Personen, die AHV-Zusatzleistungen beziehen mussten, um die minimalen Lebenserhaltungskosten decken zu können. Caritas schätzt die Dunkelziffer von Personen, die aus Scham, Stolz oder auch aus Angst, ihre Aufenthaltsgenehmigung zu gefährden, keine Sozialhilfe beanspruchen, auf 30 bis 50 Prozent. Manchmal wohl auch aus Unwissenheit: Das illustriert eine Geschichte, die sich unlängst im Infozentrum des «Höngger» zutrug: Im Gespräch erwähnte eine ältere Dame nebenbei, dass sie sehr auf ihre Ausgaben achten müsse, weil AHV und Pensionskasse sonst nicht reichen würden. Angesprochen, ob sie denn keine Ergänzungsleistungen beziehe, blickte sie nur fragend. Es zeigte sich, dass ihr nicht bewusst war, dass sie Hilfe beanspruchen konnte. Der «Höngger» gab ihr entsprechende Adressen und ein paar Wochen später bedankte sich die Dame: Hätte sie doch nur früher von diesen Leistungen gewusst und sie auch beansprucht, wie viel leichter wäre es ihr doch ergangen.

    Repräsentative Zahlen sind schwierig zu finden

    Der Tages-Anzeiger hat basierend auf die Zahlen der bei der Sozialhilfe gemeldeten Personen eine Infografik erstellt, aus der hervorgeht, dass 2015 in Höngg 461 Menschen oder 2,2 Prozent der Bevölkerung Sozialhilfe bezogen. Um die «relative Armut» zu ermitteln, die Menschen betrifft, die weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens erhalten, wurden deshalb die Steuerdaten konsultiert. Daraus ergab sich, dass 2014 in Höngg 1863 Ledige und 366 Ehepaare in relativer Armut lebten. Diese Berechnungen sind nicht makellos, weil einerseits Konkubinate nicht als solche erfasst werden und freiwillig gewähltes geringes Einkommen, wie es Studierende oft haben, nicht als solches deklariert wird. Ausserdem sind die Zahlen der quellenbesteuerten Ausländer ohne Niederlassungsbewilligung nicht in die Statistik eingeflossen. So zeigt sich in der Recherche zum Thema Armut Ähnliches, wie in der Realität: Man weiss, dass es sie gibt, doch sichtbar ist sie bei allen Zahlen irgendwie doch nicht. Als würden die Armutsbetroffenen Menschen, die oft aus Scham nie oder erst spät Hilfe beanspruchen, auch durch die Maschen der Statistiken und Erhebungen fallen. Hinzu kommen all jene, die zwar den Berechnungen der Ämter entsprechend als arm gelten, dies aber selbst nicht zwingend so wahrnehmen. Armut in der reichen Schweiz, in Höngg? Ein Thema mit vielen, oft gut maskierten Gesichtern.

  • Wer wird arm und warum?

    Wer wird arm und warum?

    Die «wer will, der kann»-Mentalität ist verbreitet, greift jedoch meist nur in sozialen Schichten, die ohnehin schon alles haben. Armut ist nämlich auch vererbbar: Kinder aus armen Verhältnissen haben schlechtere Startbedingungen und ein erhöhtes Risiko, auch im Erwachsenenalter arm zu bleiben. Zu diesem Schluss kam zuletzt eine Bertelsmann-Studie 2017.
    Doch wie wird man als Erwachsener plötzlich arm? Oft ist es eine Krankheit oder ein Unfall, der einen aus der Bahn wirft. Ein Jobwechsel oder -verlust kann der Beginn einer Armutsbetroffenheit sein, aber auch die Trennung von einem Ehepartner oder die Geburt eines Kindes. Letzteres liege auch daran, dass Kinder zu haben in der Schweiz immer noch weitgehend Privatsache sei, erklärt Anne-Käthi Thürer, Fachbereich Grundlagenforschung zum Thema Armut bei der Caritas Zürich. Die auswärtige Kinderbetreuung funktioniere je nach Wohnort besser oder weniger gut, dasselbe gelte für subventionierte Plätze. Eltern mit Anstellungen im Tieflohnsektor arbeiten oft in Schicht, das heisst sehr früh morgens, abends oder sogar nachts, nicht selten auch zwei Schichten pro Tag. Diese Zeiten würden von Kinderkrippen und Horten nicht abgedeckt. «Dort spielt das soziale Netzwerk eine wichtige Rolle, das heisst, ob es Verwandte oder Freunde gibt, die bei der Betreuung der Kinder mithelfen können», meint Thürer. Zu den besonders armutsgefährdeten Gruppen gehören Alleinerziehende, Unterhaltspflichtige, Familien mit mehr als drei Kindern, wenig qualifizierte Arbeitnehmende, Migrantinnen und Migranten sowie alleinstehende Personen.

    «Es geht um die Existenz»

    In der Abteilung Beratung der Caritas Zürich an der Beckenhofstrasse arbeitet Dejan Mikic. An vier halben Tagen in der Woche können die Leute telefonisch, schriftlich oder persönlich eine kostenlose Kurzberatung in Anspruch nehmen. Für das weiterführende Beratungsangebot kennt die Caritas klare Richtlinien. Es richtet sich grundsätzlich an Personen, die keine Sozialhilfe beziehen. Dennoch lässt man andere Hilfesuchende nicht im Regen stehen, sondern vermittelt sie an die entsprechenden Behörden, Organisationen oder eigene Fachbereiche weiter. «In den Gesprächen der Kurzberatung, die meist 15 bis 20 Minuten dauern, klären wir ab, aus welchem Grund sich die Person bei uns meldet und wie wir konkret behilflich sein können», erklärt Mikic. Rund ein Drittel (36% im 2017) der Kontaktaufnahmen in der Kurzberatung betreffen Schuldenfragen, bei einem Viertel (24% im 2017) der Anfragen geht es um ein zu geringes Einkommen. Weitere Themen sind Migration, Erwerbslosigkeit, Gesundheit, Bildung und Wohnen. Die meisten Menschen, die zu Caritas Zürich in die Beratung kommen, leben knapp über dem Existenzminimum. «Bei einem grossen Teil unserer Klienten geht es um existenzielle Ängste, die oft auch mit ihrer Migrationsgeschichte verbunden sind», erzählt Mikic. Im Alltag dieser Menschen drehe sich alles darum, sicher und unabhängig ihr Leben führen zu können, andere Themen wie Bildung und Gesundheit rückten in den Hintergrund. «In diesen Fällen prüfen wir, wie wir ihre gesamtfamiliäre Lage verbessern können».

    Situation nachhaltig verbessern

    Ein wichtiger Punkt ist die Verbesserung der beruflichen Qualifikationen», meint Mikic. «Wir unterstützen beispielsweise Frauen, die eine SRK Pflegeausbildung machen möchten, um in Pflege- und Altersheimen arbeiten zu können». Manchmal sei es auch ein Teufelskreis: Denn gerade Menschen mit Migrationshintergrund, die noch nicht lange in der Schweiz leben, bemühen sich um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, damit sie nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig sind. Doch mit den Jobs, die sie dann effektiv erhalten, generieren sie ein Einkommen, das zum Überleben nicht reicht. Am Ende landen viele dann trotz aller Bemühungen dennoch wieder bei der Sozialhilfe. Finanzielle Existenzsicherung in Notlagen ist Aufgabe des Staates. Solche Lücken zu füllen, das kann und will die Caritas Zürich nicht leisten. Stattdessen bietet sie Menschen, die knapp am Existenzminimum leben, Entlastung, indem sie beispielsweise im Rahmen von Themenpatenschaften die Kosten für Freizeit- und Förderangebote für Kinder übernimmt. Oder sie ermöglicht Erwachsenen Bildungsangebote wie Sprachkurse. Hierfür arbeitet sie auch eng mit verschiedenen Stiftungen und Fonds zusammen. «Bei unerwarteten extremen Engpässen leisten wir nach umfassender Abklärung natürlich punktuell finanzielle Hilfe», meint Mikic. «Aber längerfristig ist es in unserem Interesse, die Situation nachhaltig zu verbessern. Es geht ja auch um eine Befähigung der betroffenen Personen».

    Die Schere geht weiter auf

    Die Caritas engagiert sich auch politisch und organisiert einmal im Jahr ein Forum zum Thema Armut. Dazu erheben sie die Grundlagen zu den aktuellen sozialpolitischen Fragen im Kanton. «Die Themen Wohnen und Wohnkosten sind zum Beispiel sehr zentral, wenn es hierzulande um Armut geht», erzählt Thürer. «Ein Beispiel: Im Sommer wird die Stadt Zürich die Mietzinsrichtlinien für Sozialhilfebeziehende dem aktuellen Markt anpassen und die Obergrenze für die Wohnkosten erhöhen. Für die betroffenen Sozialhilfebeziehenden sind das gute Neuigkeiten, für unsere Klienten macht das insofern keinen Unterschied, da sie nicht bei der Sozialhilfe sind. Aber: Voraussichtlich werden viele Vermieter von sehr günstigem Wohnraum auf die Erhöhung reagieren und ihre Mieten entsprechend nach oben korrigieren. Dadurch wird es für Menschen, die ohne Sozialhilfe am Existenzminimum leben, noch schwieriger, eine bezahlbare Wohnung zu finden». Obwohl die Schweizer Armutszahlen in den letzten Jahren ungefähr gleichgeblieben sind, befürchtet die Fachfrau, dass die Schere in Zukunft noch weiter aufgehen wird. «Mit der Digitalisierung wird es immer schwieriger für Personen mit geringer oder fehlender Berufsausbildung, eine Anstellung zu finden. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt wird sich für sie deshalb vermutlich noch verschärfen».

  • «Das schlechte Gewissen ist ein ständiger Begleiter»

    «Das schlechte Gewissen ist ein ständiger Begleiter»

    So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Das Kind war geplant, der Vater sollte die erste Zeit zu Hause bleiben, sie weiterhin 100 Prozent arbeiten. So hatten sie das abgemacht. Und sich darauf gefreut. Waren in eine grosse Wohnung in die Agglomeration gezogen. Schön sollte das werden. Ein gesunder Junge kam zur Welt. Doch dann wurde es dem Mann plötzlich zu viel. Nach wenigen Monaten packte er unvermittelt seine Sachen und verliess die junge Familie überfordert. Da stand sie nun. Alleine mit einem Kind und einer viel zu teuren Wohnung. Ihr Arbeitgeber sagte, 100 Prozent oder nichts. Sie fiel in ein Loch, wurde krank, musste auf ein Baby aufpassen, gleichzeitig die Arbeitslosigkeit aushalten und eine Trennung verarbeiten. «Die ersten drei Jahre waren wirklich schwierig». Alleinerziehend zu sein verlangte ihr alles ab. «Da bleibt nicht viel von den romantischen Vorstellungen übrig, die man davon hat, wie es ist, ein eigenes Kind zu haben», erzählt die gepflegte Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie sitzt in ihrer kleinen Küche – erst vor kurzem konnten sie endlich in eine Genossenschaftswohnung im Kreis 10 umziehen, eine riesige Entlastung, nicht nur finanziell – mit ihrer weissen Bluse und den schwarzen Hosen sieht sie aus, als würde sie gleich zur Arbeit aufbrechen. Irgendwie schaffte sie es, eine 80 Prozent-Anstellung zu finden. Als sie vom Patenschaftsprojekt «mit mir» der Caritas Zürich hörte, war das ein Rettungsanker, nach dem sie ohne zu zögern griff. Die Organisation vermittelt Freiwillige an von Armut betroffene Familien. Ein- bis zweimal im Monat verbringen die sogenannten Patinnen und Paten einen halben oder ganzen Tag mit ihrem Patenkind. Sie unternehmen kleine Ausflüge, besuchen ein Museum, gehen spazieren, lesen Geschichten vor, solche Sachen. Anfangs waren es nur ein, zwei Stunden wöchentlich, in der eine Patin Zeit mit ihrem Sohn verbrachte, «doch das war bereits eine grosse Entlastung, eine kleine Pause, um Luft zu holen». Mittlerweile ist die Patin zu einer Bezugsperson ihres Jungen geworden.

    Filterkaffee und Brockenstube

    Inzwischen hat die Mutter auf 70 Prozent reduziert, dadurch hat sie weniger Geld zur Verfügung, als wenn sie Sozialhilfe beziehen würde. Zum Sozialamt will sie trotzdem nicht, denn: «meine Mutter hat ein Sparkonto für meinen Sohn eingerichtet. Dieses müsste ich bis auf einen Freibetrag aufbrauchen, wenn ich Sozialhilfe beantragen wollte». Ausserdem gefalle ihr der Gedanke nicht, von anderen abhängig zu sein. Lieber verzichtet sie auf neue Möbel und Kleider, «da ich ohnehin eine Brockenstuben-Liebhaberin bin, fällt mir das nicht besonders schwer», meint sie und lächelt. Ihr Sohn sei in einem Alter, in dem coole Schuhe und Kleider noch nicht so wichtig seien, daher störe ihn das auch nicht. Auch beim Kaffee macht sie Abstriche: «Ich trinke nur noch Filterkaffee. Das machen die Hipster heute ja auch», lacht sie. Manchmal aber fällt ihr der ständige Verzicht schwer. Dann besucht sie dennoch ein hübsches Bistro und trinkt eine Tasse «richtigen Kaffee», die dann eben fünf Franken kostet. «In solchen Momenten denke ich, ich arbeite doch, habe ich das nicht auch verdient? Aber das schlechte Gewissen bleibt halt immer». Trotzdem: Es gehe ihr gut, viel besser als früher. «Dank der KulturLegi der Caritas Zürich können wir auch am sozialen Leben teilnehmen», erzählt sie. «Am Dienstag haben mein Sohn und ich frei, dann gehen wir ins Museum oder ins Hallenbad. Der Junge liebt die Pestalozzi Bibliothek, dort dürfen wir für ihn gratis Bücher ausleihen». Manchmal fragt sie Freunde an, ob sie babysitten könnten, damit sie am Abend einen Gelegenheitsjob wahrnehmen kann. «Aber das geht natürlich nicht oft». Glücklicherweise kann sie ab und zu Nahrungsmittel von ihrem Arbeitgeber mit nach Hause nehmen. «Das hilft uns enorm», sagt die Mutter, «gesundes Essen ist mir sehr wichtig, dort möchte ich nicht sparen müssen. Lieber verzichte ich auf andere Dinge». Gerne würde sie wieder aufstocken bei der Arbeit, aber das sei bei ihrem Arbeitgeber nicht möglich. Manchmal beschleicht sie die Angst, dass sie zu denen gehören könnte, die mit 55 Jahren keinen Job mehr bekommen. «Ich habe die Matur, einen Lehrabschluss und eine weitere Schule abgeschlossen. Meine Ausbildung ist gut. Dennoch muss ich im Geschäft darum kämpfen, dass auch ich Weiterbildungen besuchen darf. Aber ich habe sie jetzt gekriegt, die Weiterbildung», fügt sie stolz an.

    Die anderen sind die Armen

    Ja, ihr Umfeld wisse schon, wie es ihr finanziell gehe, sagt sie. «Manche Leute wenden sich ab, weil ich halt nicht alles mitmachen kann. Aber das kommt sehr selten vor». Am schwierigsten sei eigentlich der Verzicht auf Ferien. Das letzte Mal waren sie vor anderthalb Jahren weg, ein unglaubliches Schnäppchen sei das gewesen: billiger Flug, Hotel für 20 Franken am Tag. Bezahlt mit dem 13. Monatslohn. «Eigentlich mag ich einfache Ferien, zelten in der Schweiz zum Beispiel. Aber das ist nicht unbedingt billiger als solche Pauschalangebote», sagt die Frau. Klar fragt sie sich manchmal, ob sie früher mehr hätte sparen sollen. Aber dieses Hadern bringt nichts. «Es könnte schlimmer sein», meint sie, «wir sind gesund. Mein Sohn ist intelligent und lustig. Ich bin spät Mutter geworden und habe das Leben davor in vollen Zügen genossen, viel erlebt, viel gesehen. Eigentlich vermisse ich nichts». Nein, sie fühle sich nicht am Rande der Gesellschaft. Obdachlose, Bettler oder Suchtkranke, das seien die wirklichen Armen.

    Und für die Zukunft?

    Für ihren Sohn hofft sie, dass er jede Ausbildung machen kann, die er möchte. Vor Kurzem seien sie an der ETH vorbeigefahren und sie habe, nur halb im Scherz, zu ihm gesagt: «hier gehst du mal zur Schule». Dass Bildung sehr wichtig ist, hat sie am eigenen Leib erfahren. Das könne aber auch eine Lehre sein. Sie selber wünscht sich, zehn Prozent mehr arbeiten zu können, das alleine wäre eine grosse Entlastung, so müsste sie nicht jeden Monat das Konto überziehen. «Das Schlimmste haben wir überstanden, das waren die ersten drei Jahre. Heute haben wir Spass zusammen. Zürich hat viel zu bieten, wir wollen hierbleiben so lange es geht. Und wenn der Sommer kommt, ist es in der Stadt ja auch ein wenig wie in den Ferien».

  • Immer Monat übrig am Ende des Geldes

    Das Fokusthema dieser und der nächsten Ausgabe widmet sich dem Thema Armut. Armut? In der reichen Schweiz? In Höngg? Ja, auch wenn Armut in Höngg kaum sichtbar und statistisch eher eine Ausnahme ist, doch sie existiert.
    Monat am Ende des Geldes übrig zu haben ist etwas, das die grosse Mehrheit von uns nicht kennt. Oder nicht regelmässig. Was aber, wenn das ein Dauerzustand ist? Wann mussten Sie sich zum letzten Mal überlegen, ob sie eine bestimmte Ausgabe tätigen können oder nicht? Nein, ich meine nicht die Ferien auf den Malediven, das wäre ein Luxusproblem. Die Rede ist auch nicht von selbstgewählter Geldknappheit, weil man zum Beispiel auf eine grössere Investition hin spart oder sich aus ideologischen Gründen dem Konsum entzieht. Reale Armut hat andere Gesichter. Oder soll man Fratze sagen? Wie sie sich zeigt, wenn man abwägen muss, ob man nun eher mit ihrem Kind mal wieder in den Zoo will oder ob es diese Woche doch mal noch ein Stück Fleisch auf den Tisch geben soll? Oder ob man sich diesen einen Cafébesuch nun gönnen soll, auch wenn das Budget eigentlich laut «nein!» schreit? Was bedeutet es, in einem reichen Land arm zu sein? Wie fühlt sich das an, wenn ringsum der Luxus Urstände feiert und man selbst von den hintersten Rängen nur zuschauen kann, während man versucht, sich unsichtbar zu machen, weil die Scham zu gross ist? Ich weiss es nicht. Und mit mir die anderen rund 85 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung auch nicht. Aber 615’000 wissen es dauerhaft und weitere 600’000 sind auf dem traurigen Weg dazu. Auch Menschen in Höngg. Sie wollen wir mit diesem Fokusthema ins Bewusstsein rücken. Auch weil mögliche Ursachen der Armut, so zeigt der Blick in die Höngger Vergangenheit, sich erschreckend wenig geändert haben: Wie früher, so sind auch heute oft Alleinerziehende, Alleinstehende und Kinder betroffen. Und auch wenn man heute nicht mehr in der Kirche anstehen muss, um ein Brot zu erhalten, sondern vom Sozialamt Unterstützung erhält, so überwiegt doch oft die Scham und man bezieht keine Hilfe. Bis es einfach nicht mehr anders geht.
    Ja, auch in Höngg gibt es Armutsbetroffene, mitten unter uns sind sie eine meist unsichtbare Realität. Ihnen gehören ein paar Seiten im «Höngger».

    Fredy Haffner
    Verlagsleiter «Höngger»